Mit dem Brief wurde ein junger Bursch in das Missionshaus geschickt, einen der Ehrwürdigen Herren dort, der gerade nach Atiu hinüberging, zu bitten ihn richtig zu besorgen, und womöglich die junge Frau selber, jedenfalls aber eine Antwort zurück zu bringen.
Mr. Rowe, der sein früheres Amt wieder aufgenommen, und eben im Begriff stand sich nach Atiu einzuschiffen, erhielt Brief und Botschaft.
»An Madame Sadie Delavigne« sagte er, mit zusammengezogenen Brauen die Adresse des Schreibens lesend – »und der Brief wurde Dir für mich von Herrn Delavigne gegeben?«
»Für den Mitonare der nach Atiu ging« sagte der Bursch etwas bestürzt; »wenn es nicht recht ist nehm ich ihn wieder mit.«
»Es ist recht« sagte der Geistliche ruhig nach kleiner Pause, »der Brief ist in guten Händen – und ist der Verwundete bald wieder hergestellt?«
»Ai ta vau i ite, mi to na re« antwortete der Insulaner achselzuckend – »er liegt noch im Bett – böse Wunde.«
Der Geistliche nickte nur mit dem Kopf und der Eingeborene, der schon deshalb eine gewaltige Furcht vor dem Protestantischen Missionair hatte, weil er selber in einem katholischen Hause lebte, und sich seinen Landsleuten in den Bergen nicht angeschlossen, ließ sich den Abschied nicht zweimal gesagt sein, und schoß wie der Blitz zur Thür wieder hinaus und in's Freie.
Zwei Wochen waren solcher Art vergangen; René's Wunde hatte sich so weit gebessert, ihm das Aufsein wieder zu gestatten, aber die stattgehabte Entzündung seinen Arm so gelähmt, daß er noch nicht im Stande war ihn wieder zu gebrauchen. Die Kugel war ihm durch den, gerade zum Hieb ausholenden rechten Oberarm in die Schulter gedrungen, und dabei, wenn auch das Schultergelenk nicht verletzend, doch, ehe sie um den Oberarm herum ging, diesen so stark berührt, daß sie neben der gefährlichen Wunde noch eine Gehirnerschütterung hervorrief, die ihn so lange bewußtlos auf's Lager warf, und seine Heilung dann so sehr erschwerte. Er trug deshalb auch den Arm noch in der Binde und der Arzt, dem der Verlauf der Wunde gar nicht recht zu gefallen schien, hatte ihn schon einige Male versichert er bedauere Nichts mehr, als daß der junge Mann nicht jetzt die vaterländischen Bäder besuchen könne, die ihm gewiß von großem Nutzen sein würden. Er hoffe allerdings auf eine vollständige Herstellung, aber er könne allerdings nicht dafür einstehn, und müsse ihm von vornherein und ganz aufrichtig erklären, daß sich die Sache, im allergünstigsten Fall, als sehr langwierig herausstellen würde.
Zu gleicher Zeit war der Missionscutter von Atiu zurückgekehrt, hatte aber nur einen der Eingeborenen Mitonares von einer anderen Insel der Cooksgruppe und sonst nicht einmal einen Brief von Sadie mitgebracht, deren Schweigen sich René nicht zu erklären vermochte, und das ihn beunruhigt haben würde, wenn er nicht selber beabsichtigt hätte jetzt bald selber dorthin zurück zu kehren. Ihm blieb keine andere Wahl und er fing schon an, die Zeit herbei zu sehnen, die ihn endlich der jetzigen Qual entheben und Ruhe – o so heiß ersehnte Ruhe bringen solle.
In diesen Tagen wurde ein Dampfer, von Osten kommend, signalisirt – noch an dem nämlichen Abend lief er in dem Hafen ein und brachte die Post von Frankreich – Briefe aus der Heimath.
Briefe aus der Heimath – oh wie der Klang dem Herzen des fremden, wegemüden Wanderers so wohl thut; Briefe aus der Heimath. – Die lieben, so lang entbehrten, und doch so oft herbeigewünschten Züge theuerer Hand – die herzlichen Worte derer, von denen wir so lange geschieden, und die noch mit so inniger Liebe unserer gedenken – die wieder und wieder ausgesprochene Bitte heimzukehren – heim in offene Arme, an treue Herzen. Und dann die heimischen bekannten Namen, die wie der Klang von Kirchenglocken uns ernst und feierlich die Brust durchziehn – ach es ist ein frohes, ein seliges Gefühl, und selbst die fremde Welt die uns gerade umgiebt, nimmt in dem Augenblick der Heimath Farben an, und glüht und lacht, als ob daheim die Sonne, ein Frühlingsgruß dem Heimgekehrten, auf vaterländische Matten ihre milden Strahlen werfe.
Wie freudig blitzten an dem Tage die Augen aller der Glücklichen denen ein Brief geworden; wieder und wieder wurde er gelesen, geküßt und wieder gelesen, und der Inhalt dann ausgetauscht mit Anderer Reichthum.
Nur Einer, von alle diesen saß still und in sich gekehrt, unzufrieden und schwermüthig auf seiner Stube, den Kopf sorgenvoll in die Hand gestützt, das Auge starr und bewußtlos auf die wehende Palme geheftet, die vor dem Fenster stand, und unbeachtet ihr silbern melodisches Rauschen in das stille Gemach flüsterte.
Es war René – einen offenen Brief vor sich auf dem Schooß, und mit ernsten, finsteren Gedanken das Herz erfüllt, Gedanken denen selbst der Heimath Gruß das Bittere nicht rauben konnte.
»Daß die verdammte Kugel nicht einen Zollbreit tiefer traf, wie Adolphe sagt« murmelte er dabei leise vor sich hin – »jetzt wär's vorbei – drunten im kühlen Grund läg ich still und friedlich, einer anderen Welt entgegen zu träumen und Sadie – beweinte mich, wie man den Hingeschiedenen beweint und lebte glücklich unter ihren Palmen fort. Arme Sadie – der alte wackre Osborne hatte recht, nur daß die Warnung damals zu spät für uns Beide kam. Da steh ich denn jetzt am Ziel von Allem, was ich in früherer Zeit erstrebt, und bin ich glücklich? – elend bin ich, elend. Wie das edle Rennpferd an haferstrotzender Krippe mit zerschnittenen Flechsen liegt, das fröhliche Wiehern der vorbeistürmenden Kameraden hört, und kein Ziel mehr hat dem es entgegenstreben darf, so lieg ich hier. Vorbei die Zeit, wo es die breite starke Brust dem Strom entgegenwarf, vorbei die frohe Zeit, wo's mit dem Wind wetteifernd, donnernden Hufs entlang die Steppe flog – vorbei, ein warmer Stall, eine weiche Streu, das süße Futter im Trog und – die Flechsen zerschnitten – nicht einmal sterben kanns.«
»Hallo René, so trüb und traurig hier allein?« rief eine fröhliche Stimme und Adolphe stand vor ihm – »böse Nachrichten im Brief? Du machst ja bei Gott gerade wieder ein solch Gesicht, als wir zusammen vorn auf der Back des Delavare standen; willst wieder desertiren?«
René wandte den Kopf halb ab von dem Freund und reichte ihm die linke Hand – die Erinnerung an jene Zeit gab ihm, er wußte selbst nicht recht warum, einen Stich durch's Herz. Der Brief selber aber bot ihm Gelegenheit das Gespräch nach anderer Richtung hin zu wenden.
»Unangenehme Geldangelegenheiten, Adolphe« sagte er endlich, ihm den offenen Brief hinüber reichend, »da lies selbst.«
Adolphe nahm den Brief, durchflog ihn und sagte achselzuckend:
»Das läßt sich denken; die treiben jetzt daheim mit Deinem Geld was ihnen gutdünkt. Wär ich wie Du, ich ging auf's nächste Schiff und regulirte dann zu Haus die Sache selbst. Selbst ist der Mann, Du magst hier schreiben und schreiben so viel Du willst, eine einzige Woche an Ort und Stelle richtet mehr aus, als eine Jahre lange Correspondenz. Ueberdies ist die Sache gar nicht unbeträchtlich und schon eine solche Reise werth; und das nicht allein, Du schlägst zwei Fliegen gleich mit einem Schlag, denn, René, verhehle Dir nicht selber wie es mit Deiner Wunde steht; ohne die größte Vorsicht und Pflege kannst Du möglicher Weise einen steifen Arm Dein ganzes Leben hindurch behalten, und jetzt noch ist es vielleicht Zeit, durch die Dir empfohlenen warmen Bäder dem vorzubeugen. Du hättest dabei jetzt gerade die beste Gelegenheit, mit demselben Fahrzeug zu gehn, auf dem Brouards sich einschiffen.«
René sprang, von dem Gedanken getroffen, von seinem Sitze auf, und ging ein paar Mal mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Zurück nach Frankreich? – er selber? – mit –«
»Nein, nein« rief er plötzlich in ängstlicher Hast, als ob er selber fürchte der Versuchung nicht widerstehen zu können, die ihm so entsetzlich lockend vor die Seele trat; »zurück nach Frankreich? nein, nein, das ging nicht an – und wenn nur zum Besuch? Sadie – Sadie« murmelte er leise und wie beschwörend vor sich hin.
»Und was würde Dich hindern Deine Frau mitzunehmen?« sagte Adolphe, dem das leise geflüsterte Wort nicht entgangen, nach kurzer Pause – »es wäre zugleich eine Art Probierstein für Dich für spätere Zeiten.«
»Nein Adolphe, nein« sagte aber René nach kurzem Sinnen, seinen Platz am Fenster wieder einnehmend, denn der Arm fing ihn an zu schmerzen vom vielen hin- und hergehn – »nie im Leben würde sich Sadie dort glücklich fühlen – noch ich mit ihr. Wie eine Treibhauspflanze, ihrem heimischen Boden entrissen, müßte sie verkümmern und – so lebensfrisch sie hier im Schatten ihrer Palmen blüht, untergehn. Und dann zugleich mit – Brouards.«
»Es wäre eine so schöne Gelegenheit, wie Du sie Dir nur wünschen könntest.«
»Ja – Du hast recht und doch – es geht nicht; auch gäbe Sadie nie ihre Einwilligung dazu – und die Reise mit dem Kind.«
»Bah, bah, das sind Kleinigkeiten wenn man sonst nur will« lachte Adolphe, »doch das mache mit Dir selber aus; wichtig genug ist es aber jedenfalls es Dir genau zu überlegen, und Dir bleibt dabei nicht einmal viel Zeit, denn heute Morgen schon wurde ein Schiff signalisirt das, wie man allgemein glaubt, die Reine blanche ist.«
»Die Reine blanche? – schon jetzt?« rief René rasch und Adolphe sagte lachend:
»Nun, das ist nicht übel – seit drei oder vier Wochen wird sie stündlich fast erwartet und dumpfe Gerüchte gingen schon, daß sie irgendwo vielleicht gar in einem Typhoon zu Schaden gekommen, und Du sagst »schon jetzt?« Dir muß die Zeit ungeheuer rasch verflogen sein. Doch ich muß fort, René« brach er, nach der Uhr sehend ab, »der Gouverneur hat mich rufen lassen; gegen Abend seh ich Dich wieder und – überleg Dir's.«
René schüttelte langsam und ernst den Kopf, während Adolphe mit freundlichem Gruß das Zimmer verließ, und gleich unten an der Thür Lieutnant Bertrand traf, der langsam mit ihm die Straße hinabschlenderte.
Das signalisirte Schiff war in der That die Reine blanche, die zwei Stunden später etwa, unter dem grüßenden Donner der Kanonen, in den Hafen einlief. Der Admiral kam aber an diesem Tag gar nicht an Land, sondern empfing nur die von Frankreich für ihn eingegangenen Depeschen und schrieb bis spät in die Nacht hinein. Am anderen Morgen hatte er eine lange Konferenz mit dem Gouverneur, und die Jeanne d'Arc bekam Ordre sich auf den nächsten Tag segelfertig zu halten. Zu seinem Erstaunen aber bekam René eine Einladung an Bord des Admiralschiffs zu kommen, wo Du Petit Thouars ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte. Er ging um die bestimmte Zeit und fand dort, außer dem Gouverneur Bruat, Monsieur Belard und Brouard, und mehre französische Officiere; unter ihnen Adolphe und Bertrand.
»Lieber Capitain Delavigne« redete ihn der Admiral gleich nach seinem Eintreten freundlich an – »ich habe einen Auftrag für Sie – einen wichtigen Auftrag, an dessen geschickter und ehrlicher Ausführung mir viel liegt, und zu dem ich mir hier in Tahiti einen passenden Mann suchen wollte. Diese Herren hier haben mir Alle einstimmig Sie vorgeschlagen, und auf so gute und ehrenvolle Empfehlung hin glaub' ich in Sie denn auch mein volles Vertrauen setzen zu können. Was sagen Sie dazu?«
»Ich erwarte Ihre Befehle zu hören« sagte René, wirklich jetzt neugierig, auf was das Alles hinauslaufen sollte.
»Ich habe Sie zu meinem Gesandten nach Paris ausersehn« sagte der Admiral lächelnd – »wollen Sie gehn?«
»Herr Admiral!« rief René überrascht, fast erschreckt.
»Ich will ganz aufrichtig mit Ihnen sein« fuhr aber Du Petit Thouars, ohne ihn weiter zu Wort kommen zu lassen, fort, »denn ich habe mich schon selber gegen die Herren hier ausgesprochen. Nach den hier auf Tahiti stattgehabten Vorfällen läßt es sich denken, daß nicht allein die Protestanten in Europa, sondern auch manche Leute, die mir gerade nicht freundlich gesinnt sind, die Sache so weit zu unserem Nachtheil ausbeuten werden, wie nur irgend möglich. Wir werden den friedlichen Naturkindern gegenüber als Barbaren und Gott weiß was sonst noch hingestellt werden, und besonders zweifle ich nicht daran, daß die uns feindlich gesinnten Missionaire das ihrige nach besten Kräften thun werden, unsere Thaten recht schwarz und entsetzlich anzustreichen. Dem zu begegnen brauche ich einen Mann, der Zeuge des Ganzen gewesen und die Verhältnisse hier kennt, der aber auch, wie Sie, unabhängig und unbetheiligt, bis Ihnen die Notwendigkeit und Selbsterhaltung die Waffen in die Hand zwang, dem Kampfe zugesehn, und ich verlange nichts weiter von Ihnen, als daß Sie der französischen Regierung meine Depeschen überbringen, und dort Alles so, der Wahrheit treu, schildern, wie Sie es hier gefunden.«
»Dieser so ehrenvolle Auftrag –« stammelte René und der Admiral fiel ihm in's Wort.
»Bietet Ihnen zugleich die Gelegenheit sich von ihrer Wunde, die, wie ich gehört habe, keineswegs so ganz harmloser Natur ist, wieder vollständig zu erholen; Sie bleiben unter der Behandlung Ihres bisherigen Arztes, der natürlich mit seinem Schiffe geht und haben, glaub' ich, wenn ich recht unterrichtet bin, ganz angenehme Gesellschaft unterwegs, eine Seereise von vier Monat etwa, schon erträglich zu machen.«
»Lieber Delavigne« nahm jetzt Monsieur Belard das Wort – »es wird Ihnen hier eine Auszeichnung geboten, die sogar mit den vorteilhaftesten Umständen für Ihre eigene Gesundheit zusammentrifft, und manchen Anderen unendlich glücklich machen würde – ich glaube Ihnen gratuliren zu dürfen.«
»Aber meine Frau« rief René, »so ehrenvoll Ihr Vertrauen für mich ist, Herr Admiral, und mit so großem innigen Dank ich versuchen würde ihm zu entsprechen, so hab' ich doch Pflichten hier zu erfüllen, die ich nicht vernachlässigen darf, wenn ich nicht in Ihrer eigenen Achtung sinken wollte.«
»Ich weiß, Sie haben ein Indianisches Mädchen zur Frau genommen« lächelte der Admiral – »sie ist auf einer der Nachbarinseln? machen Sie sich keine Sorge deshalb, die zehn oder zwölf Monate die Sie abwesend zu sein brauchen, wenn Sie wirklich so rasch wieder zurück kommen wollen, soll sie unter unserem Schutze stehn.«
»Aber sie weiß kaum daß ich verwundet bin – erwartet mich wahrscheinlich mit jedem Tag, und ich dürfte nicht eine solche Reise unternehmen, ohne sie vorher nicht wenigstens noch einmal gesehn, gesprochen zu haben.«
»Auch das ließe sich vereinigen« erwiederte der Admiral, dem daran gelegen schien, gerade den jungen Mann für seine Mission zu gewinnen – »sagten Sie nicht Atiu hieß die Insel, Monsieur Belard?«
»Atiu ist der Name.«
»Gut; bei einer Reise von so viel Monaten kommt es nicht auf einen einzelnen Tag und ein paar Seemeilen an; die Jeanne d'Arc mag Atiu anlaufen und kann dort vielleicht gleich noch eine Parthie süße Kartoffeln und Brodfrucht mit an Bord nehmen, die doch hier jetzt nicht so leicht zu bekommen sind. Ist der Wind nur einigermaßen günstig, so behalten Sie da jedenfalls ein paar Stunden Zeit Ihrer Frau Adieu zu sagen. Hat das Ihre letzten Zweifel beseitigt?«
»Ihre Güte Herr Admiral.«
»Schön, schön – ich will Sie auch nicht drängen; die Sache ist allerdings wichtig für Sie, und ich gebe Ihnen, ohne jetzt irgend ein Versprechen von Ihnen zu verlangen, zwei Stunden Frist; bis dann muß ich aber eine entscheidende Antwort haben. In zwei Stunden also –« er nahm seine Uhr heraus und sah nach der Zeit, »etwa drei Viertel auf zwei Uhr – wir wollen zwei Uhr sagen, erwarte ich Sie wieder hier und dann können Sie gleich mein Gast zu Tisch sein; also auf Wiedersehn bis dahin;« und dem jungen Mann wie den Uebrigen freundlich mit der Hand winkend, nahm er Capitain Sinclairs Arm und zog sich mit ihm in seine Privatcajüte zurück.
»Triumph!« rief Adolphe, als er mit René und Bertrand wieder im Boote saß, und rasch dem Lande zuruderte, »Triumph René – Mensch, wenn Du Dir Alles beim lieben Gott bestellt hättest, konnte es nicht besser ausgefallen sein – die zwei Stunden Bedenkzeit sind eine wahre Ironie.«
»Was soll ich thun?« sagte, tief aufseufzend, René.
»Was Du thun sollst?« wiederholte Bertrand erstaunt – »zugreifen mit Lust und Wonne, und Gott auf den Knieen dafür danken. Mir füllt es die Brust mit unbeschreiblicher Seligkeit, daß wir die Fahrt jetzt wieder heimwärts lenken, und Du stehst noch da und sinnst und überlegst. René, René, wenn Du Dir diese Gelegenheit entschlüpfen läßt, bereust Du's sicherlich – die kehrt nicht wieder.«
»Ich weiß auch gar nicht, ob ich's mit meinem Arm wagen darf eine so lange Reise zu unternehmen« sagte René jetzt sinnend. »Ich muß doch jedenfalls erst den Arzt darüber fragen?«
»Gehst Du jetzt zu Hause?« frug Adolphe.
»Bald wenigstens.«
»Gut, dann schick ich ihn Dir in einer halben Stunde etwa; ich weiß wo er sich in diesem Augenblick aufhält, und komme selber später vielleicht Dich wieder abzuholen, höre jedenfalls Deinen Entschluß und kann Dir dann vielleicht noch mit dem oder jenem helfen. So ade und erleuchte Dich Gott, Du kannst's brauchen« lachte der Freund, und seinen Arm in den Bertrands schiebend, gingen die beiden jungen Officiere, lebhaft das eben Geschehene besprechend, die Straße nieder.
Monsieur Belard war indessen mit seinem eigenen Canoe an Land gerudert und schon zu Haus als René, der noch eine Zeit lang in peinlicher Unentschlossenheit die Straße auf und ab gelaufen war, langsam die Treppe hinaufstieg. Er hörte dabei daß sich die beiden Eheleute eifrig und laut mitsammen unterhielten und wollte sich, ohne sie zu stören, auf sein Zimmer schleichen, denn der Kopf schwindelte ihm von all den wild auf ihn einstürmenden Gedanken und Plänen, aber Monsieur Belard hatte ihn kommen sehn, und ließ ihm keine Zeit zu ruhigem Ueberlegen.
»Und Sie wollen uns jetzt wirklich desertiren, Delavigne?« rief ihm die kleine Frau schon auf der Schwelle, traurig mit dem Kopf schüttelnd, entgegen, »und Susanna auch zu gleicher Zeit, und Brouards – Himmel, das wird eine förmliche Einöde werden hier in Papetee. Aber bis wann denken Sie zurück zu sein?«
»Ich weiß noch wahrlich nicht einmal ob ich überhaupt gehe – ob ich gehen darf« sagte tief aufseufzend der junge Mann – »noch habe ich zwei Stunden Zeit zur Entscheidung.«
»Die arme Sadie wäre freilich übel d'ran« sagte traurig die junge Frau – »das würde ihr einen rechten Schnitt durch's Leben geben – o Ihr Männer seid doch grausame rücksichtslose Menschen.«
»Aber lieber Gott« entschuldigte ihn hier Belard – »er bleibt ja doch keine Ewigkeit fort, und Geschäftsreisen gehen nun einmal dem häuslichen Leben vor, weil dieses nur eben wieder durch das Geschäft bestehen kann. Wenn René nicht selber nach Frankreich geht, so bin ich fest überzeugt daß er nach dem Brief, von dem mir Lieutnant Adolphe gesagt, das dort stehende Geld entweder ganz verliert, oder doch wenigstens bedeutend in Gefahr bringt, bis er am Ende doch noch hinüber muß. Dann aber kann er schweres Geld für die Reise bezahlen, während er sie jetzt im Gegentheil honorirt bekommt, und die angenehmste Gesellschaft von der Welt dabei hat. Susanna war schon ganz glücklich wie sie es hörte. Außerdem aber ist es auch nicht ganz einerlei, denk' ich, ob der junge Herr, wenn er hier bleibt, lebenslänglich mit einem steifen Arm herumläuft, oder sich jetzt in einem Bad zu Hause ordentlich auscuriren kann.«
»Ist wirklich die Gefahr vorhanden?« frug Madame Belard besorgt. René zuckte mit den Achseln.
»Gott nur weiß es« sagte er, tief Athem holend, als ob er sich ein Gewicht von der Brust wälzen wolle – »mir aber schnürt es das Herz zusammen in Angst und Sorge – ich kann nicht gehn. Mag mir der Arm gelähmt bleiben für Lebenszeit – mag ich das Geld verlieren daheim – Beelzebub gesegn' es ihnen; sie haben mich genug schon geärgert und gequält damit, aber ich darf Sadie, darf mein Kind so nicht verlassen. Wenn ihnen nun etwas geschähe während ich fort bin, könnte ich je wieder des Lebens froh werden, je wieder dem Himmel da droben klar ins Auge schauen?«
»Sie haben recht« seufzte Madame Belard, Monsieur Belard aber sagte:
»Unsinn – jagen Sie sich die Grillen aus dem Kopf; erstlich legt Ihr Schiff da an, und dann werde ich selber im nächsten Monat nach den Gesellschaftsinseln und der Cooksgruppe hinüber gehn, meine Einkäufe zu machen – dann verspreche ich Ihnen daß ich dort vorfahren will, und hat Sadie Lust, ei so bring ich sie mit zu uns herüber, und sie mag bei uns bleiben bis Sie zurückkehren. Meine Frau wird sich doch für jetzt einsam genug fühlen, wenn Sie Alle fort sind.«
»Sie kommt nicht her zu uns« sagte die kleine Frau, mit dem Kopf schüttelnd – »ihr ist nicht wohl bei fremden Leuten und ich wäre die Letzte, die Delavigne zureden würde einen solchen Schritt zu thun; er muß es selbst am besten wissen – und so ganz ohne Abschied.«
»Papperlapapp – mach Du ihm nun auch noch das Herz schwer« rief aber Mr. Belard dazwischen – »ich will ihm auch nicht zureden, aber er soll sich die Sache selber und ruhig überlegen.«
»Ruhig überlegen« sagte René tief aufseufzend – »ruhig überlegen, wo mir das Herz zerrissen ist – ich kann, ich darf nicht fort – doch ich störe Sie hier« setzte er rasch, seinen Hut wieder aufgreifend, hinzu – »ich will hinüber in mein Zimmer gehn – wenn der Arzt kommen sollte, bitte – schicken Sie ihn wieder fort – ich werde ihn heute Abend selber aufsuchen.«
Und rasch sich abdrehend, seine Bewegung zu verbergen, suchte er sein eignes kleines freundliches Gemach, und warf sich hier den Kopf gesenkt in einen Stuhl, indeß die Augen trüb und sorgenschwer den Boden suchten.
Wohl eine Stunde hatte er so gesessen, die ihm gegebene Frist war bald abgelaufen und noch kämpfte sein Herz unentschlossen an gegen alles das, was ihm verführerisch lockend vorgehalten wurde, als ein leichter Schritt selbst in seinem Zimmer ihn rasch aufschauen machte, und er mit freudigem Schreck jenes wunderherrliche Mädchenbild erkannte, das seine Träume gefüllt und Tage lang ihm das Herz mit nagender Reue gefoltert hatte.
»Susanna!« rief er, halb flehend, halb abwehrend, und er mußte gewaltsam an sich halten, das Gefühl jetzt zu bergen, das in ihm tobte.
Er hatte sie noch nie so schön gesehn; das volle, kastanienbraune Haar konnte kaum in seinen reichen üppigen Massen von einem lichtblauen seidenen Netz gehalten werden, und quoll und drängte aus jeder Masche hinaus in's Freie; den schlanken Körper umschloß ein einfach dunkles Seidenkleid, das dem makellosen Teint nur noch höhern Reiz verlieh, und in den dunklen Augen lag heute ein so eigener, wunderbarer Schmelz, ihn schwindelte hinein zu sehn in dieser Sterne Tiefe.
»Ich hatte mich so gefreut« sagte sie endlich mit leiser, aber sonderbar bewegter Stimme, einer Mischung von Unmuth und Schmerz, von getäuschter Hoffnung sowohl, wie gekränkter Eitelkeit, dem sogar das Bittere im Ton nicht fehlte – »daß wir Reisegefährten auf so langer, sonst so langweiliger Fahrt werden sollten – aber wie mir Marie jetzt sagt haben Sie sich anders besonnen, und können sich nicht auf die paar Monat trennen von Atiu.«
»Oh Susanna« rief René bittend – »sein Sie nicht grausam – haben Sie Mitleid, wenn nicht mit mir, doch mit Sadie.«
»Mitleid?« sagte das junge schöne Mädchen kalt – »Sie scherzen wohl, Herr Delavigne, in welcher Art sollte ich Mitleid mit der – Indianerin haben? Mitleid« wiederholte sie mit sonderbar bewegter Stimme – »das ist das falsche Wort – wer hat Mitleid mit – doch was steh' ich da und schwatze;« brach sie rasch, fast ängstlich ab, während ein leichtes flüchtiges, wie krankhaftes Roth ihre Wangen für einen Moment färbte, und dann eben so rasch verschwand – »ich habe noch so viel zu thun – will aber auch nicht böse auf Sie sein« setzte sie freundlicher hinzu – »ich habe Ihnen schon früher versprochen Ihre Briefe für Sie nach Frankreich zu schreiben – Sie sollen mir dieselben heute Abend, wenn Marie zu Hause kommt, die jetzt Madame Brouard packen hilft, diktiren. Wie geht es heute Ihrem Arm?«
»Gut – sehr gut« hauchte René.
»Sie werden mich doch wohl in den ersten Tagen manchmal vermissen« sagte das schöne Mädchen, halb von ihm abgewandt – »und das ist einigermaßen eine Genugthuung mir das zu denken – ich bin nicht im Stande Sie anders zu strafen.«
»Susanna.«
»Schon gut – es ist Alles vorbei – heute Abend erwarte ich Sie drüben zu unserer Correspondenz – ich muß jetzt fort.«
»Susanna.«
»A revoir, monsieur Delavigne« sie winkte ihm leicht mit der Hand und verließ, sich rasch abwendend, das Gemach.
René blieb, die Augen fest und krampfhaft mit der Hand bedeckt, viele Minuten lang im Zimmer stehn; seine Pulse schlugen – seine Stirn glühte, seine Glieder zitterten in Fieberfrost, und wie bewußtlos endlich griff er seinen Hut auf und stürmte in's Freie – an den Strand hinunter – dort lag ein Boot.
»Gerade zur rechten Zeit, Monsieur!« rief der Bootsmann der Jeanne d'Arc, dessen rasch aufgeworfene Hand die eben eingetauchten Riemen seiner Leute zurückhielt.
»Mr. Bertrand befahl mir, Sie hier bis zwei Uhr zu erwarten – es ist zwei vorbei und ich wollte eben hinüber fahren an Bord des Admiralschiffs, weitere Befehle einzuholen.«
René erwiederte kein Wort – er sprang in das Boot und wurde an Bord gerudert.
»Nun Delavigne!« rief ihm Bertrand, der mit dem Lieutnant der Reine Blanche auf dem Quarterdeck auf und ab ging – »das ist brav, daß Du kommst – der Admiral hat Dich schon mit Schmerzen erwartet. Und Du bist der unsere?«
»Ich bin's« sagte René leise und des Freundes Jubelruf nicht beantwortend und ihm nur die gebotene Hand fest und leidenschaftlich drückend – verschwand er die Cajütstreppe hinab in den inneren Raum.
Ueber die See heulte der Sturm; vor dicht gereeften Segeln peitschte die Jeanne d'Arc gegen die bäumenden zürnenden Wogen an, bis in den Kiel erzitternd vor den gewaltigen Stößen, mit denen sich die See seinem Bug entgegenwarf. Alle Luken waren fest verschlossen, und die von Papetee mitgenommenen Passagiere lagen, mit Ausnahme eines einzigen, halbtodt an Seekrankheit in ihren Coyen.
Den linken gesunden Arm um eine der Besahnwanten geschlagen, stand an der Luvseite des Quarterdecks, den stieren glanzlosen Blick fest auf die zackigen Kuppen einer aus der Ferne eben sichtbar vorschimmernden Insel geheftet, René Delavigne – neben ihm, das Telescop in der Hand, und den linken Arm, sich zu sichern, um eine der Pardunen gelegt, Capitain Sinclair.
»Sie sehn, Delavigne« sagte er endlich, nachdem er lange und aufmerksam durch das Glas geschaut, und dieses wieder von den Augen nahm, »der Sturm will nicht nachlassen, und ich bin nicht im Stande, so leid es mir selber thut, die Insel anzulaufen. Ja thät ich es selbst, in dieser See, was ich Ihnen gar nicht zu sagen brauche, könnte nicht einmal ein Boot leben. Außerdem bin ich hier in einem, mir vollkommen fremden und von verborgenen Klippen bedrohten Fahrwasser. Sie wissen wie wir gestern fast nur durch ein Wunder dem Korallenriff entgingen, und wir wären Alle verloren gewesen wenn wir das trafen.«
»Sie haben schon weit mehr gethan, Capitain Sinclair« sagte René mit ruhiger, aber fast tonloser Stimme, »als ich je gewagt hätte von Ihnen zu erbitten – mehr fast als sie verantworten können. Ich sehe ein daß es unmöglich ist Atiu zu erreichen, ja daß wir selber hier mit einbrechender Nacht vielleicht gefährdet würden länger zu kreuzen. Ich bitte Sie, thun Sie Ihre Pflicht.«
»Lieber Delavigne« sagte der Capitain gerührt, »ich fühle ganz das Bittere Ihrer Lage, aber trösten Sie sich auch wieder mit einer baldigen Rückkehr. Was sind die paar tausend Seemeilen herüber und hinüber, wie bald trägt uns das gute Schiff an die heimische Küste. – Gingen Sie aber jetzt nicht lieber hinunter? – wenn ich das Schiff vor dem Wind abfallen lasse, können wir wohl ein paar Seeen hinten über bekommen, ehe die Segel ordentlich gefaßt haben; die See geht gerade nicht so ungeheuer hoch eine Gefahr zu befürchten, aber es ist doch unangenehm.«
»Ich danke Ihnen« sagte der junge Mann leise – »wenn ich Ihnen hier nicht im Wege bin, möchte ich oben bleiben, bis wir – den anderen Cours liegen – es ist so bald Abend.«
»Wie Sie wollen, Delavigne – bleiben Sie nur da stehn wo Sie sind. – Monsieur Roland« wandte er sich dann zu dem zweiten Lieutnant, der auf der Leeseite des Quarterdecks indessen auf und ab gegangen war – »wir wollen die Marssegel lösen – lassen Sie dann Süd Süd Ost anliegen.«
»Zu Befehl, Monsieur.«
Der schrille Pfiff des Bootsmann gellte über Deck; wie die Katzen liefen die Leute an den Wanten hinauf auf die Marsraaen, die Reefknoten zu lösen und die Segel auszuschütteln, und gleich darauf stiegen die Raaen unter dem Chor der singenden Matrosen, die sich nach dem Tackt mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers in das Tau legten, empor. Der Bug des Schiffes fiel vor dem Winde ab, die Raaen wurden fast vierkant gebraßt und der stolze Bau, der bis jetzt mühsam gegen die schweren Wogenmassen angekämpft, flog, von den nachpressenden noch gedrängt und geschoben, pfeilgeschwind über die rauschenden, zischenden, schäumenden, stürzenden Wogen hin, die Insel, der er den ganzen Tag vergebens zugestrebt, gerade hinter sich lassend.
Düsterer wurde es jetzt auf dem Wasser, die Sonne neigte sich dem Horizont und dichte Wolkenschatten sammelten sich mit der einbrechenden Nacht. René stand noch immer, jetzt an dem Heck des stattlichen Schiffes, hinter dem die spritzenden schäumenden Wogen dreinstürmten, die Augen fest und unverwandt auf das mehr und mehr in düsterer Ferne verschwimmende Land geheftet, das Alles barg, was ihm einst diese Erde zum Paradies geschaffen – Alles – Alles, und das, ein Punkt, am Horizont verschwand.
»Arme Sadie« hauchte er leise, und mit der Gewißheit des Verlustes empfand er erst – zum ersten Mal vielleicht seit langer Zeit, nicht was er verlor, nein, was er muthwillig fort von sich geworfen, und wie er das Bild sich ausmalte, seines armen verlassenen Weibes, wie sie geduldig seiner harrend mit dem Kind – dem süßen, lieben herzigen Kind auf jener, oh so wohlbekannten Stelle stand, da Tag nach Tag, und Woche nach Woche verstreichen sah in stets vergebenem Harren und nur der stille Seufzer, keine Klage, kein Vorwurf über ihre Lippen kam, da brach ihm fast das Herz, und da zum ersten Mal auch füllten Thränen, heiße brennende Thränen der Reue seine Augen.
Und drüben am Horizonte verschwand indeß das Land – noch ein dünner Streifen jetzt, wie ein blauer schmaler, kaum erkennbarer Wolkensaum, wie der dunkle Schattenrand des dämmernden Meeres selber – und jetzt – das Auge fand ihn nicht mehr – Joranna – Joranna hauchten die Lippen und der starke trotzige Mann barg weinend das kummerschwere Haupt in seiner Hand.
Capitel 8.
Schluß.
Auf Tahiti vertheidigten sich indessen die Insulaner mit unerschütterter, ungebrochener Tapferkeit gegen den täglich wachsenden, ihre Insel mit einer Kette von Bollwerken umziehenden Feind. Nicht Monate mehr, Jahre lang hielten sie sich in den, in den Bergen errichteten und befestigten Lagern und wiesen jeden Sturm und Angriff kaltblütig und unerschrocken zurück. Neue Schiffe kamen aber, mehr und mehr Truppen wurden auf den Kampfplatz geworfen, der den Indianern selber keinen Entsatz zu bringen vermochte, und das Resultat konnte zuletzt nicht zweifelhaft bleiben. Dennoch wäre es vielleicht noch so viel Jahre länger unentschieden geblieben, hätte ihnen nicht Verrath die Schluchten der Berge geöffnet.
Durch die Missionaire fortwährend in der thörichten Hoffnung gehalten, daß ihnen England doch noch, und zwar in kürzester Frist Hülfe schicken würde, zerstörte diesen Wahn zuerst der wackere Capitain des Englischen Dampfers Salamander, Capitain Hammond, der ihnen unumwunden und aufrichtig erklärte, so viel er wisse beabsichtige die Englische Regierung nicht sich in ihren Streit zu mischen, er selber habe wenigstens nicht den geringsten, dahin lautenden Auftrag bekommen, und sie möchten sich deshalb nicht falschen, betrügerischen Hoffnungen hingeben, die sie nur über ihre eigenen Vertheidigungsmittel irre führen, und zu unüberlegten, ihre Stellung verschlimmernden Schritten treiben müßten.
Pomare blieb an Bord der Basilisk, bis eine Englische Fregatte, der Carysford, von Lord William Paulet befehligt, am 17. Juli 1844 in Papetee eintraf, und nach vorhergegangener Besprechung mit Gouverneur Bruat, die Königin nach Barbara auf Imeo, wo Tabara, ihr erster Gemahl wohnte, hinüberbrachte, dort die Entscheidung der Mächte ruhig abzuwarten.
England hatte indeß die Behandlung seines Consuls nicht so ganz ungeahndet können hingehn lassen, während die Französischen Klagen gegen ihn auch wohl durch zu viel Beweise bekräftigt wurden, sie ganz zu verwerfen. Die Französische und Englische Regierung deshalb, nicht einer so trostlosen Sache wegen einen Europäischen Krieg zu beginnen, vereinigte sich dahin, daß die erstere den Admiral Du Petit Thouars, der bei seiner Rückkehr in Toulon von dem jungen Volk enthusiastisch empfangen und mit einem Ehrensäbel beschenkt wurde, trotz seiner Vertheidigung das Kommando entzog; die Englische Regierung dagegen versprach Mr. Pritchard, der sich den Französischen Interessen zu feindlich gezeigt, nie wieder nach Tahiti oder einer von den Franzosen in Besitz genommenen Inseln zu senden.
Am 19. Juni 1847 erließen die beiden Großmächte England und Frankreich ebenfalls eine Deklaration, in welcher sie die Unabhängigkeit der Inseln von Huaheine, Raiatea, Bola Bola etc. – erklärten, wie zugleich unter §. 3 bestimmten, daß »kein Häuptling von Tahiti zu ein und derselben Zeit über jene Inseln regieren könne.«
Nicht allein daß die Macht der Pomaren auf Tahiti und Imeo gebrochen war, sondern die ihnen bis jetzt wenigstens tributpflichtigen Stämme wurden, um die Franzosen fern zu halten, ihrer Oberherrschaft jetzt ebenfalls entzogen, und der Königsstamm der Pomaren sah seinen Stern untergehn auf ewig.
Ueber den Schluß des Krieges, den die Eingeborenen mit so wackerem Muth und fabelhafter Ausdauer gegen die, ihnen an Waffen und Kriegskunst so weit überlegenen Fremden führten, sagt ein Missionsbericht vom Januar 1847 das folgende:
»Etwa Anfang December des vorigen Jahres entdeckte ein Eingeborener von Atiu über dem Hautaualager (dessen Thal unmittelbar hinter Papetee liegt und eine Passage durch das Innere zu den beiden anderen Lagern eröffnete) einen gangbaren Pfad eine Klippe hinauf, wo die Feinde eine Position nehmen konnten, das unter ihnen liegende Lager zu beherrschen. Er war von den Eingeborenen desertirt, und erbot sich in Papetee die Feinde für eine besonders bestimmte Belohnung – ich glaube 200 Dollar – dort hinauf zu führen. Nicht lange nachher marschirten fast sämmtliche Truppen das Thal hinauf, die Hauptmasse formirte sich in Schlachtordnung auf der gewöhnlichen Passage, wie im Begriff einen neuen, schon so oft abgeschlagenen Sturm zu versuchen, und der Zweck wurde auch dadurch vollkommen erreicht, denn die Eingeborenen, von denen eine starke Abtheilung sogar fouragiren geschickt war, richteten ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Vertheidigung des einen Passes. Unter der Zeit schlich der Atiuer mit etwa dreißig den Franzosen ergebenen Eingeborenen und vierzig Soldaten, zu dem ihm wohlbekannten Pfad, und ließ von dort ein mitgenommenes Seil nieder, an diesem eine feste und schon zu dem Zweck bereit gehaltene Strickleiter aufzuziehn. Auf dieser folgten nun nach und nach die übrigen Soldaten, bis sie Alle die Klippe, und später den etwa 1000 Fuß hohen Abhang erreicht hatten, wo sie die Eingeborenen unmittelbar über ihrem Lager bedrohten, und furchtbare Verwüstung hätten unter ihnen anrichten können. Die Insulaner sahen auch bald daß weiterer Widerstand vergeblich war, streckten die Waffen und wurden als Kriegsgefangene in die Stadt gebracht.«
»Die Einnahme dieses Lagers öffnete den Franzosen jetzt den Weg zu den beiden anderen befestigten Plätzen; ihnen lag aber keineswegs daran die Insulaner zu bekämpfen, sie wollten sie sich nur unterwerfen, und entließen ihre Gefangenen augenblicklich wieder, sobald sie das Französische Protektorat anerkannt. Einer der entlassenen Häuptlinge wurde dann nach Buaania, der schwächsten Befestigung, als Parlamentair abgesandt sie zur Uebergabe aufzufordern, oder mit einem Angriff zu drohn. Diese ebenfalls, als sie hörten wie die Sachen doch nun einmal standen, unterwarfen sich, und streckten dort allein 250 Gewehre.«
»Das Lager von Papeeneo ergab sich zuletzt; die Vertheidiger zögerten mehrere Tage, endlich aber fügten auch sie sich der Uebermacht und marschirten, gerade am Neujahrstag, in die Stadt, wo sie ihre Waffen nieder legten. Sie kamen in langer Procession – die Häuptlinge voran, dann die Krieger, und die Frauen und Kinder zuletzt. Noch etwa hundert Schritt von den Französischen Truppen entfernt machten sie Halt, knieten nieder und beteten, dann erhoben sie sich zusammen und marschirten in die Stadt. Indessen waren von den Franzosen schon ihre eingeborenen Richter ernannt worden, diese empfingen sie mit freundlichem Gruß, bewillkommten sie als Brüder und führten sie nach dem Gouvernementshaus, wo sie ihre Waffen förmlich niederlegten und das Protektorat anerkannten. Eine allgemeine Amnestie (ohne Ausnahme) wurde dann verkündigt, alle Fehltritte wurden als vergessen betrachtet, und den Leuten angedeutet sich ruhig und unbesorgt wieder in ihre Heimath zu verfügen.«
Die geflüchtete Königin kehrte erst im Februar nach Tahiti zurück, wo sie von Gouverneur Bruat empfangen und von ihm, als dem Repräsentanten Frankreichs, in alle ihre Rechte und Privilegien als Königin von Tahiti und Morea, unter Französischem Protektorat anerkannt wurde. Ein aufgestelltes Musikchor spielte ein Französisches Nationallied und ein Salut von ein und zwanzig Schüssen donnerte seinen Segen dazu.
Ihre Majestät bekam von da an einen förmlichen Gehalt von der Französischen Regierung; etwa in derselben Art wie die abgesetzten Indischen Fürsten auf Java von den Holländern erhalten und bezahlt werden, als Mittelspersonen gewissermaßen zwischen den Eingeborenen, für die sie zu haften haben, und der fremden Regierung. Pomare erhält jährlich 5000 Dollar, und außerdem noch eine nicht unbeträchtliche Summe als Landzins, für Beamtenstellen etc. – so daß die ganze Summe fast 8000 Dollar betragen mag. Jeden Verkehr Ihrer Majestät aber mit Fremden, die auf Tahiti wohnten oder es besuchten, behielt sich das Protektorat vor, und eine gewünschte Audienz mußte vier und zwanzig Stunden vorher angezeigt und der Grund der gewünschten Zusammenkunft gegeben werden – wahrscheinlich um weiteren Aufreizungen zuvor zu kommen und sie von vorn herein unmöglich zu machen.
So war der Titel den Pomaren erhalten, aber sie hatten aufgehört zu regieren.
Die katholische Religion breitete sich dabei ebenfalls mehr und mehr aus; ein Bischof war von Frankreich herüber gekommen, und ein großer Theil der Indianer wandte sich der neuen Religion zu. Andere verharrten in ihrem Glauben, und sehr Viele »überlegten sich« die Sache; sie waren stutzig geworden auf dem eingeschlagenen Weg – ihr einfacher Verstand begriff die Spitzfindigkeiten der verschiedenen Sekten nicht, und bald dieser bald jener sich neigend, leben sie gleichgültig in den Tag hinein; ein geringer gebotener Vortheil kann sie der einen oder anderen Religion leicht gewinnen.
Es war Frieden in Tahiti; die Partheien hatten sich vereinigt, Paofai und Utami, Tati, Hitoti und Paraita waren Richter des Volks geworden, und die Sonne lachte so freundlich auf die blitzenden Uniformen der Französischen Soldaten nieder, die beim Parademarsch alle jungen Leute der Umgegend um sich sammelten zu heiterer Lust, als sie auf die Tapatücher von deren Voreltern nieder geschienen. Die zerschossenen Brodfruchtbäume und Palmen waren entfernt, und andere schon wieder an ihrer Stelle gewachsen, große steinerne Gebäude aufgeführt, breite Straßen angelegt, Brücken gebaut und – Straßenlaternen standen auf behauenen Corallblöcken am Strand des Hafens von Papetee.
Im November des letzten Jahres kam ein Schiff durch die Straße von Tahiti und Imeo eingesegelt und wurde da von Windstille befallen. Während es noch mit schwerfällig gegen den Mast schlagenden Segeln, mit der Gegenströmung eher wieder seinen Cours zurückgehend, dort lag, lief ein kleines, von zwei Eingeborenen gerudertes Boot von Morea herüber an ihnen vorbei, und wurde von Deck aus angerufen.
Ein Passagier wünschte mit an Land zu fahren, und da er ihre Sprache vollkommen gut verstand, einigten sie sich bald darüber. Das Boot legte sich an die Seite des Schiffs, die Fallreepstreppe wurde über Bord gehangen, und der Fremde stieg rasch hinab, wo er ohne Weiteres seinen Sitz im Heck des Bootes und der Steuerruder nahm.
»Gerad' da hinüber wohin Ihr den Bug jetzt gedreht habt liegt die Einfahrt der Bai« sagte der eine Indianer, als sie das Schiff verließen und rasch über das vollkommen ruhige Wasser dahin glitten.
»Ich weiß es« erwiederte der Europäer, ohne die Augen jetzt von dem, vor ihnen ausbreitenden Ufer fort zu nehmen, und die Indianer ruderten schweigend weiter. Durch die Einfahrt glitten sie, von der Fluth begünstigt, rasch hinein und am Ufer hinauf, vermieden die hie und da verborgenen Corallenriffe, deren Lage der fremde Mann zu dem unbegrenzten Erstaunen der beiden Insulaner vollkommen gut kannte, und landeten endlich in Matavaibai an dem Fuß eines ziemlich gut gehaltenen Gartens, in dem oben eine der gewöhnlichen großen Bambushütten, wie sie die wohlhabenderen Eingeborenen bewohnen, stand.
Woher kannte der Fremde den Platz so genau? und doch erinnerte sich keiner der Beiden, die hier seit ihrer Kindheit wohnten, ihn je gesehn zu haben. Es war ein schlanker kräftig gebauter Mann, und seine Bewegungen hätten fast jugendlich genannt werden können, nur daß dem das schon stark ergraute Haar und die tiefen Furchen seines Angesichts widersprachen.
Neun Jahre hatten René Delavigne zum Greis gemacht, so daß selbst zwei seiner alten Nachbarn ihn nicht wieder erkannten.
Er sprang an Land, und als er den festen Grund betrat, denselben Platz wo einst seine eigene Heimath gestanden und er vor neun Jahren Abschied von – Er durfte den Gedanken nicht ausdenken, denn er wollte den Insulanern die Aufregung nicht verrathen in der er sich befand; aber er brauchte in der That mehre Minuten, ehe er sich so weit gesammelt hatte sie wieder anzureden, und frug endlich ruhig, wem das Haus hier gehöre und wer es bewohne.
»Dies hier? Mitonare« – sagte der Eine von ihnen.
»Was für ein Mitonare? – ein Ferani oder Kanaka?«
»Kanaka – gewiß« erwiederte der Eingeborene lachend, »Kanaka Raiteo – da sitzt er« fügte er dann mit leiserer Stimme hinzu, als er mit dem Fremden den schmalen Weg hinauf und am Haus vorbei der Straße zu ging, und René erkannte die Gestalt seines alten Feindes oder Freundes, wie es sein Nutzen eben nur erheischte, der, sein bewegtes Leben mit einem gottseligen vertauscht, ausruhend vor seiner Thür unter einem schattigen Orangenbusch saß und, die aufgeschlagene Bibel neben sich auf einem Tisch, die Hände über einem ansehnlichen Bauch gefaltet, mit unbeschreiblicher Behaglichkeit die Last seiner Existenz zu tragen schien. Er war in Frack, Weste und Halstuch, so unbequem als möglich gekleidet, aber darunter nur in den Pareu, denn seine Landeskrankheit, die unter den älteren Eingeborenen ungemein häufige Elephantiasis, erlaubte ihm nicht, der ansehnlich geschwollenen Beine wegen, in Hosen zu fahren. Die Unbequemlichkeit abgerechnet hat diese wunderbare Krankheit aber weiter gar keine üblen Folgen, sondern verleiht im Gegentheil dem Träger eher noch ein würdiges achtbares Ansehn, wenigstens in den Augen seiner Landsleute, und die damit Behafteten werden alt und grau.
Als Raiteo den Fremden erblickte rief er ihm sein gastliches Haremai, haremai entgegen, und lud ihn durch Winken mit der Hand ein näher zu treten.
»Wollen wir nicht hin gehn? – Mitonare winkt« sagte der eine Insulaner, der ihn noch bis zu da, wo oben seine Hütte stand, begleitete – René zögerte auch fast unwillkürlich, aber er wandte sich wieder ab, grüßte mit der Hand nach dem würdigen Mann hinüber, und schritt rasch vorbei.
Langsam und allein verfolgte er, als ihn der Eingeborene verlassen hatte, seinen Weg, die jetzt breite und bequem ausgegrabene Straße entlang nach Papetee. Sein Blick flog dabei unwillkürlich von einer der gemachten Verbesserungen und Neuerungen zur anderen, ohne aber lange darauf zu haften; er schritt theilnahmlos an den Kasernen und Kapellen, an den Gouvernementsgebäuden und Befestigungen vorüber, bis er die kleine, wohlbekannte Gartenpforte erreichte, die zu Monsieur Belards Hause führte. Seine zitternde Hand legte sich auf den Drücker, als sein Blick auf eine kleine Porcellaintafel fiel, die einen fremden Namen trug.
Durch den Garten kam, die Hände in den Taschen seiner weiten Nankinghosen, und ein fröhliches Lied pfeifend, ein behäbig aussehend alter Herr von unverkennbar Englischem Ausdruck.
»Verzeihen Sie mein Herr« redete ihn René in dieser Sprache an – »bewohnte nicht dieses Haus in früherer Zeit ein – Monsieur Belard?«
»In früherer Zeit allerdings« erwiederte jener – »ich habe es von ihm gekauft.«
»Und Monsieur Belard?« frug René rasch.
»Ist vor zwei Jahren etwa zurück nach Frankreich gegangen.«
»Zurück nach Frankreich? – allein?«
»Mit seiner Frau.«
»Und er nahm – er nahm sonst keine Dienerschaft – keine Begleitung mit?«
»Niemand, so viel ich weiß; wir waren bis zur letzten Stunde noch zusammen.«
»Ich muß Ihre Zeit noch einen Augenblick in Anspruch nehmen« fuhr René nach kurzer Pause fort – »können Sie mir vielleicht Auskunft geben, ob Schiffe oder Fahrzeuge manchmal von hier nach den leewärts gelegenen Inseln gehn?«
»Selten, die Missionsfahrzeuge ausgenommen; aber wenn Sie Fracht dorthin haben sollten, so liegt gleich da unten ein kleiner Cutter, kaum größer wie eine Schiffsbarkasse, dessen Eigentümer ihn mir erst heute Morgen zu irgend einer Fahrt offerirte; den könnten Sie jeden Augenblick miethen. Sie sind wohl erst ganz kürzlich von Frankreich herübergekommen?«
»Nein Sir; ich habe Frankreich schon mehre Jahre verlassen.«
»Aber Sie sind Franzose?«
»Allerdings.«
»Das dacht ich mir – doch wir stehn hier so in der Thüre, wollen Sie nicht näher treten?«
»Ich danke Ihnen herzlich« sagte René, dem es ein unheimliches Gefühl war die Schwelle gerade bei fremden Menschen wieder zu überschreiten – »ich habe dann keine Zeit zu verlieren und erkundige mich lieber gleich nach den Bedingungen. Wissen Sie vielleicht zufällig wo ich den Eigenthümer finden kann?«
»Er ist ein Landsmann von ihnen und wenn Sie ihn nicht an Bord finden, können Sie ihn jedenfalls bei Viktor erfragen – er fährt aber nicht selber, sondern schickt seine Indianer. Sie gehn dazu die erste Querstraße hier hinauf in die sogenannte Broomroad, und dann rechts hinunter bis Sie –«
»Ich danke Ihnen, ich kenne den Platz.«
»Ah, desto besser« und mit freundlicher Verbeugung trennten sich die Männer.
Der frische Ostpassat blähte die Segel, das wackere kleine Schiff warf schäumend die schimmernden Wellen zurück, die hinter ihnen her tanzten und sprangen, und in wilder Lust ihre Häupter schüttelten, daß die klaren blitzenden Perlen davon absprühten, und der Himmel spannte sich klar und rein über das tiefblaue, wie mit einem durchsichtig goldenen Netz überzogene Meer.
Gerade vor dem Bug des Cutters, dem er mit schwellender Leinwand entgegen strebte, zeigte sich Land – über den Horizont auf stiegen die wunderlich gezackten blauen Kuppen einer kleinen Insel, und hoben sich höher und höher, jetzt die einzelnen Conturen der Schluchten und Berghänge klarer abzeichnend, jetzt den zackigen Baumwuchs selbst, auf dem oberen Kamm der Hügel deutlich unterscheidend, während rechts und links schon ein schmaler, dünner, blauer Streifen – das niedere Palmenland, das die Hügel umgab, ablief, und der Fluth gleichsam entquoll, als sich das scharfgebaute flüchtige Boot mehr und mehr dem Ufer näherte.
»Mein Atiu!« flüsterte René, als er vorn auf der Back des kleinen Fahrzeugs stand, wo die am Bug aufspritzenden Wogen unter seinen Füßen schäumten, »mein liebes Atiu – und dort der Hügelhang, der unvergessene mit seinen rauschenden flüsternden Palmen, den stillen Zeugen meines schönsten Glücks – da drüben das schmale schattige Thal mit den duftenden Blumen, dort oben die runde Kuppe, die das Ihiamoea trägt – dorthin das Joch, das sich hinüber spannt nach jenem Berg, über den mich Sadie führte in jener Nacht; und da unten – ha, dort kommt schon das helle friedliche Dach des Mitonares mit seinem Orangenhain und Bananengarten, seinem lauschigen Platz unter dem breitästigen Hibiscus und dem murmelnden Quell am Haus, über dem die Palme liegt. Es ist noch Alles so wie ich es verließ« setzte er tief aufseufzend hinzu, als das kleine schmale Fahrzeug der Einfahrt in die Riffe zu strebte, und wieder nach langen Jahren die stille so wohl bekannte Bai die waldigen Arme ausstreckte ihn zu begrüßen – »Alles, nur in der eigenen Brust ist es todt, und am Herzen nagt es und wühlt in Schmerz und Reue.«
Das Segel fiel – der kleine Cutter hatte den seichten Corallengrund erreicht, und drei von den vier Eingeborenen, die seine Besatzung bildeten, kamen nach vorn, den leichten Anker über Bord zu werfen. Wie er sank und den Grund faßte, schwang das leichte Fahrzeug vor der Fluth herum, und die kleinen Fluthwellen kräußten in dem sonst hier vollkommen stillen Wasser an seinem Ankertau und Bug.
Sie lagen kaum dreißig Schritt vom Land entfernt, konnten aber, der hier überall auszweigenden Corallen wegen, nicht näher hinan kommen und mußten von dort ein Canoe oder Boot herbei rufen. Am Ufer hatten sich indessen eine Menge Mädchen und Frauen und Männer gesammelt, den ungewohnten Besuch zu empfangen und zu besprechen, und René harrte mit ängstlich klopfendem Herzen des Augenblicks, der ihn an Land – der ihn unter jene Gruppen wieder bringen sollte, dort zu erfahren was er nicht den Muth gehabt, in eines Menschen Auge hinein auf Tahiti zu erkunden. Wer hätte auch dort ihm Nachricht geben sollen von der fernen Insel.
Jetzt stieß ein Canoe vom Strand – zwei alte Insulaner saßen darin, und das leichte schlanke Fahrzeug glitt pfeilschnell zwischen den hier überall aufragenden Corallenblöcken hin auf sie zu und legte sich langseits.
»Joranna, Joranna!« riefen die fröhlichen Menschen, »Joranna bo-y – komm an Land Fremder, komm an Land – wir haben Cocosnüsse für Dich und Brodfrucht – komm an Land!«
Wie das Joranna dem fremdgewordenen Mann durch die Seele schnitt – er kannte die beiden Männer, die manche Nacht in seiner Hütte geschlafen und von seiner Brodfrucht gegessen – und ihn kannte keiner. Und hatte er sich denn gar so sehr verändert, und Zeit und Gram sein Antlitz so entstellt, daß ihn selbst alte Freunde und Nachbarn nicht mehr kannten? es war das ein wehes, schmerzliches Gefühl. Aber männlich kämpfte er jetzt gegen jede solche Regung an; er wollte sich nicht verrathen, ehe er nicht gewisse Kunde von dem erhalten, was wie die Ahnung nahenden Verderbens auf seiner Seele lastete.
Das freundliche Joranna leise erwiedernd, stieg er in's Boot hinüber, die Ruder fielen ein und wenige Minuten später raschelten die Korallen unter seinen Füßen.
»Und Sadie?« – der Name lag auf seinen Lippen, aber der Mund wagte nicht ihn auszusprechen, und unwillkürlich suchte der scheue Blick unter den lachenden munteren Gruppen die theuren bekannten, und jetzt doch fast gefürchteten Züge der Geliebten. »Sadie«, oh wie das Wort ihm durch die Seele klang, und die Erinnerung in tausend und tausend lieben nie vergessenen Bildern alle die seligen Stunden wieder auf beschwor, deren Schauplatz der Boden hier gewesen.
»Er versteht unsere Sprache nicht« sagten die Insulaner dabei unter einander – »er weiß nicht wohin er gehen soll, wir wollen den Mitonare rufen.« Und ein paar sprangen dem Hause zu, während Andere seine Hände ergriffen, und ihm durch Zeichen jetzt, und mit einzelnen abgebrochenen Worten, begreiflich zu machen suchten, daß in dem Haus da drüben ein Europäer wohne, der sich freuen würde ihn zu sehn.
Mitonare – was für freundliche Scenen das eine Wort in seine Seele rief, und unwillkürlich fast suchte sein Auge die Gestalt des kleinen würdigen Mannes in der offenen Thür. Dort aber trat ihm in der That ein weißer Mann entgegen, und René erkannte mit freudigem Staunen den alten trefflichen Mr. Nelson, der, den Fremden erblickend, freundlich auf ihn zu kam und ihn frug, womit er ihm dienen könne. Auch dieser ahnte in dem ergrauten Fremden mit tiefgefurchten Zügen den jungen lebenskräftigen Mann nicht mehr, der damals in strotzender Jugendkraft wild und trotzig hinein in's Leben stürmte.
»Nur einer Frage wegen komm ich her, ehrwürdiger Herr« sagte René mit leiser Stimme, als ob er schon fürchte sich nur im Klang der Worte zu verrathen – »lebt hier noch – wohnt noch auf Atiu –?« – Wieder stockte er – er brachte den Namen nicht über seine Lippen.
»Wen meinen Sie?« sagte der Geistliche, ihm still und freundlich in's Auge sehend.
»Sonst wohnte Bruder Ezra hier im Haus« stammelte René endlich, der fühlte, daß er wenigstens eine Antwort geben müßte.
»Bruder Ezra« wiederholte der Geistliche, leise und nachdenkend dabei mit dem Kopfe nickend – »Bruder Ezra, ja ja, das war in früherer Zeit – jetzt existirt der freilich nicht mehr.«
»Ist er todt?« rief René schnell und erschreckt.
»Nein, nein« lächelte Mr. Nelson, »das gerade nicht; im Gegentheil erfreut er sich eines ganz besonders gesegneten Wohlseins; aber er hat nur den »Bruder Ezra« und den »Mi-to-na-re« abgeworfen und ist, wenn auch nicht gerade anerkannt zum alten Heidenthum, doch von unserer christlichen Gemeinschaft zurückgetreten. Der arme kleine Mann konnte die vielen, in ihm von so verschiedenen Seiten wachgerufenen Zweifel, nicht länger bekämpfen, und übersprang sein Ziel. Anstatt zu prüfen und das Beste zu behalten verwarf er Alles, und lebt nun ziemlich gleichgültig, aber anscheinend ganz zufrieden in den Tag hinein.«
»Und wo ist seine Wohnung?«
»Nicht sehr weit von hier; gleich über jenem niedern Hügelhang. Wenn Sie den Pfad wüßten –«
»Ich will Dich führen, Wi Wi« sagte da eine leise Stimme an seiner Seite und als sich René rasch dorthin wandte, sah er sich einer schlanken, ziemlich abgemagerten Frau gegenüber, die ihre Augen fest und forschend auf ihn gerichtet hielt.
»Aia!« rief er überrascht aus, aber die Frau ergriff seine Hand und ihn mit sich fortführend sagte sie:
»Komm – ich weiß wohin Du willst, und kenne den Weg fast so gut wie Du.«
»Herr Delavigne!« rief aber auch jetzt der Geistliche, der ihn ebenfalls erstaunt erkannte – »mein Gott, wie haben Sie sich verändert.«
»Nicht wahr?« sagte René mit dumpfer düsterer Stimme, »ich bin nicht jünger geworden in den neun Jahren.«
»Komm, komm!« rief aber die Frau, ungeduldig ihn mit sich fortziehend – »wir Alle nicht – unser Fleisch ist weich geworden, unser Haar grau – nur die Erinnerung ist noch frisch und jung;« und den, ihr jetzt willenlos folgenden durch den Garten, den lieben bekannten Pfad hinführend, schritt sie mit ihm durch einen Wald von Guiaven, der hier erst später entstanden zu jenem Hügelkamm hinauf, auf dem Sadiens Lieblingsplätzchen lag.
»Du hast Wort gehalten« sagte sie dabei, still und unheimlich in sich hinein lachend – »Du bist uns gefolgt – Du bist gekommen – Sadie hat es immer behauptet.«
»Bst – bst – jetzt noch nicht« flüsterte die Frau – »Du hast wirklich Atiu nicht ganz vergessen, und bist wiedergekommen – nur ein wenig spät – ein wenig zu spät; und Dein Haar ist so dünn und grau geworden, Wi Wi, in der kurzen Zeit« fuhr sie, plötzlich stehn bleibend und einen Schritt von ihm zurücktretend fort, »und was für Furchen Dir das böse Gewissen in Stirn und Wangen gegraben. – Hm, hm, hm« setzte sie kopfschüttelnd hinzu – »das war doch eine trübe Zeit für Alle – und hab ich es Euch nicht vorher gesagt?«
»Zu spät, Aia?« rief René mit zitternder Stimme – »sagtest Du zu spät?«
»Bst, bst« wiederholte aber die Frau, und schritt auf's Neue rasch voran – »kannst es jetzt auf einmal nicht erwarten, und hast Dich die langen Jahre nicht um sie bekümmert? Du kommst zeitig genug dorthin, Wi Wi.«
Sie sprach von jetzt an kein Wort mehr, und den Hügelhang hinan sprang sie mit flüchtigen Sätzen, daß ihr René kaum zu folgen vermochte, bis sie plötzlich oben sich wandte, und den Ferani erwartend zur Seite trat. Aber René folgte ihr nur langsam nach; – jeder Schritt, jeder Fußbreit hier, traf ihn wie scharfer Messerstich in's Herz, denn so gepflegt, als ob sie nie den Platz verlassen und sorgsam die kleinste Pflanze gewahrt, lag der Pfad hier, wo der Hügelhang selbst begann und die sorgende Hand verrieth, die ihn gehalten. Und war das seinet willen etwa geschehn? – Jetzt sah er schon die Wipfel seiner Palmen, die freilich höher geworden waren in der langen Zeit, jetzt erreichte er das kleine Orangendickicht, das den lauschigen Platz so treulich abschloß gegen der Menschen Blick von unten her, und jetzt – heiliger Gott – Sadie – ein jäher Schlag traf ihn durch Herz und Mark und wie vor einer Erscheinung, zusammengeschmettert von dem furchtbaren Augenblick, sank er in die Knie und blickte zweifelnd, staunend, seinen eigenen Sinnen nicht trauend, auf das was sich ihm bot. Dort stand sein Weib – dort stand Sadie so schön und wunderhold, so wild, so jugendfrisch als je; die dunklen flatternden Blumen durchflochtenen Locken, die freie offene Stirn, das dünne Schultertuch den nackten Leib umfliegend, den Arm ausgestreckt gegen ihn und die zarten Lippen halb und eben weit genug geöffnet, die Perlenzähne dahinter zu verrathen. –
»Sadie!« rief er und barg die Augen in der Hand, um sich dort auf kurze Zeit wenigstens das holde Bild zu wahren, das, wie er nicht anders zu glauben wagte, vor seinem äußeren Blick doch gleich zusammenschwinden mußte – »Sadie, Du arme – verrathene Sadie!« – und was der Schmerz jetzt in jahrelanger nagender Qual fast nicht vermocht, gegen was er angekämpft mit all seinem hartnäckig männlichen Trotz, das brach der eine Augenblick – das schmolz ihm die Rinde von dem starren Herz. Wie der wild erregte Strom an seinem Damme wühlt und leckt und wäscht, und unermüdlich arbeitet Tag und Nacht, bis er sich endlich die freie Bahn gerissen und nun unaufhaltsam hindurch drängt, und in seinem Sturz die Schranken alle vor sich niederwirft, die ihn bis dahin immer noch gehalten, den furchtbaren, so drängte sich jetzt seiner Thränen so lang und krampfhaft gedämmter, nun aber entfesselter Quell hinaus in's Freie, hinaus aus den brennenden Augenhöhlen – »Sadie« und die Stirn in den kühlen duftenden Fern pressend, der den Boden deckte, schluchzte er laut.
»Was fehlt dem fremden Mann? – ist er krank? und woher kennt er meinen Namen?« frug eine sanfte oh so wohl bekannte Stimme, und seinen Sinnen selbst mistrauend zuckte der Unglückliche empor und schaute, in krampfhafter Hast sich die wirren Haare aus der Stirn streichend, auf das liebliche holde Kind, das immer noch ruhig und freundlich vor ihm stand.
Aber auch Aia's Zorn war gewichen, als sie den Reuigen zerknirscht, vernichtet am Boden liegen sah, und während auch über ihre abgehärmten Züge die klaren schweren Thränen nieder tropften, sagte sie leise und mit unendlicher Weiche im Ton:
»Die Du rufst, falscher, treuloser Wi Wi – die liegt unter Dir in dem kühlen Grab, das wir, ihrer Bitte nach, ihr hier gegraben auf ihrer Lieblingsstelle. Der kleine flache blumengeschmückte Hügel vor Dir deckt das arme Herz, das hier zuletzt den Frieden fand den Du geraubt, und kalt und rücksichtslos unter die Füße getreten. Es hat Dich mehr geliebt als Du verdienst, mehr als Du je geahnt, und noch im Tode Dir vergeben und Gottes Segen auf Dein Haupt herabgefleht. – Kennst Du Dein Kind nicht mehr?«
»Mein Kind? – Sadie?« rief René, vom Boden aufspringend und die Arme nach der scheu zu ihm aufblickenden Jungfrau ausstreckend – »Sadie – mein armes, armes Kind.«
»Ist das mein Vater, Aia?« frug da mit schüchterner Stimme das holde Kind – »der Vater, um den die Mutter hier so oft geweint, und für den ich jeden Abend beten mußte, wenn dort die Sonne hinter der Hügelspitze sank?«
Aia konnte nicht sprechen, das Herz war ihr selber zu voll, aber sie nickte langsam mit dem Haupt und Sadie, auf den Vater zutretend und ihr Köpfchen vertrauungsvoll an seine Brust schmiegend, während er sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit umschlang und an sich preßte und ihre Stirn mit heißen Küssen bedeckte, sagte leise:
»Wir haben Dich so lang erwartet, Vater. Du bist recht lang geblieben, und Mutter hatte Dich so lieb.«
»Mein Kind, Du brichst mir ja das Herz« flehte der sonst so starke Mann, den der Schmerz jetzt zu bewältigen drohte – »mein liebes – liebes Kind.«
»Komm – fort von hier!« rief aber jetzt Aia, die es nicht länger ertragen konnte, seinen Arm ergreifend – »komm, Ihr quält Euch und mich und die Schlafende da unten unter den Blumen. Komm mit hinunter, Wi Wi, zu Ahiahi, den Du sonst Bruder Ezra nanntest, daß wir uns Alle fassen und vernünftig werden – mir hat's die Adern bald aus der Stirn gebrannt.«
Und seine Hand nicht lassend, während das junge Mädchen, von dem Arm des Vaters umschlungen ihr Haupt an seine Brust gelehnt hielt, schritten sie langsam den Hügelhang an der anderen Seite hinab, wo hin ein neuer bequemer Pfad gebahnt war. Er führte zu der jetzigen Wohnung des Mitonares – wie ihn die Insulaner doch noch immer, trotz seinem dagegen ankämpfen nannten – nieder.
Mitonare saß vor seiner Thür, noch behäbiger und runder aussehend vielleicht wie vor neun Jahren; ganz auch wieder in seiner zwar heidnischen, aber jedenfalls bequemen und natürlichen Tracht, hatte er nur den weiten luftigen Pareu um die breiten Hüften geschlagen, und mit einem breitrundigen Strohhut auf dem Kopf – dem einzigen, das er von der fremden Mode beibehalten – trug er den Oberkörper nackt, auf dem die blauen zierlichen Linien der früheren Tattowirungen scharf und deutlich hervortraten. Ziemlich gleichgültig hatte er auch wohl bis jetzt die Schritte der Nahenden gehört, als sein Blick auf die ihm verhaßte Europäische Tracht des Fremden fiel, und er schon staunend und überrascht aufschaute über solch ungewohnten und auch wohl unwillkommenen Besuch. Wie er aber die Gruppe erkannte, sein Pflegekind im Arm des fremden Mannes, da durchblitzte ihn auch im Nu die Wahrheit des Ganzen.
»Der Wi Wi!« rief er, von seinem Stuhle aufspringend und dem Fremden fast wie unwillkürlich die Arme entgegenstreckend, dann aber, als ob er sich plötzlich besann, ließ er sie wieder sinken, fiel auf seinen Stuhl zurück und starrte, die Hände auf seinen Knieen gefaltet, mit erstaunten Blicken auf den einstigen Freund, der jetzt so ganz verändert, ein alter Mann geworden, vor ihm stand.
»Mitonare – Joranna – Joranna!« rief aber René, dicht vor ihm stehn bleibend und ihm die linke Hand zum Gruß entgegenstreckend – »hab ich mich so verändert, daß selbst Du, mein alter Freund, mich nicht mehr erkennst? dann muß es freilich arg sein, und ich darf es den Anderen nicht verdenken.«
Mitonare veränderte aber seine Stellung nicht, noch nahm er die gebotene Hand; nur in die schmerzdurchzuckten gefurchten Züge des Zurückgekehrten aufschauend sagte er leise, und fast mehr mit sich selber als zu dem Fremden redend.
»Das war die Strafe für begangene Sünde von dem da oben, wie er auch eben heißt – das war das einzige Gute was noch in dem falschen und leichtsinnigen Wi Wi stak, das Gewissen. Das bohrte und stach und mahnte und ließ nicht nach, ließ nicht Ruhe und trieb den Wi Wi wieder herüber über das große Wasser, die Stelle noch einmal zu sehn, wo er seinen ersten Meineid geschworen gegen den Allmächtigen.«
»Mitonare« flehte René, dem die Worte das Herz zerrissen.
Der kleine Mann schüttelte mit dem Kopf.
»Bah, bah« sagte er, »Mitonare steckt da drinn in den Kalebassen – da Frack, da Halstuch und Weste – da dicke Buch, und da Schuh und Hemd – Ahiahi ist ausgezogen, hat Bruder Ezra und Mitonare in den engen Nähten gelassen und der heißen schwarzen Tapa, und ist jetzt wieder ein Mann geworden, der sich nicht mehr fürchtet, und die Sache abwarten will wie es einmal wird. Ahiahi hat Zeit, und kommt dann mit Vater und Großvater zusammen – einerlei wo.«
»Ahiahi ist böse auf Dich weil Du die Mutter verlassen hast« sagte da Sadie, traurig zu dem Vater aufschauend, »er hat sie so lieb gehabt.«
Mitonare hatte wahrscheinlich recht ernst und böse bleiben wollen, die Töne aber schnitten ihm in's Herz, und des Mädchens Hand ergreifend, winkte er ihr und Aia fortzugehn. Aia sah daß er mit dem Wi Wi allein bleiben wollte, schlang deshalb ihren Arm um deren Schulter und zog sie leise von dem Vater fort in den Wald hinein, der die Hütte rings umgab.
»Da bist Du nun wieder auf Atiu, René« sagte der Mitonare endlich mit leiser, schmerzbewegter Stimme, das peinlich werdende Schweigen brechend – »da bist Du nun wieder, und wie ist Dir jetzt zu Muthe? – bös, bös – recht bös und weh – und wie weh erst hast Du allen denen gethan die Dich so lieb gehabt.«
René barg sein Antlitz in den Händen aber erwiederte kein Wort, und der Mitonare fuhr leise fort:
»Die erste Zeit war die Schlimmste – wie wir so Monat nach Monat saßen und Deiner harrten, und Fahrzeug nach Fahrzeug ankam von Tahiti, ohne auch nur einen Gruß zu bringen an die arme Frau, da hat Sadie viel geweint, und Tage und Nächte lang da oben gesessen, wo sie jetzt ausruht von ihrem Schmerz, um hinauszuschauen nach nahendem Segel – immer, immer wieder vergebens.«
René hatte rasch und erschreckt aufgesehen, und sagte jetzt mit vor innerer Angst und Aufregung fast erstickter Stimme:
»Und hat sie meinen Brief von Tahiti nicht bekommen, wie ich so schwer dort verwundet lag? – den Brief den der Missionscutter selber mit herüber gebracht und den der Missionair – ich weiß nicht welcher – versprochen hatte in ihre Hand zu geben und sie selber, und wenn nicht das, doch wenigstens Antwort mit zurück zu bringen?«
»Einen Brief? – der Mitonare?« sagte der kleine Mann kopfschüttelnd – »und wann war das?«
»Nur wenige Wochen nachdem sie mich verlassen« erwiederte René schnell.
»Da war Bruder Rowe selber hier« sagte der Kleine kopfschüttelnd, »und wußte von Nichts – hat kein Wort gesagt, keinen Brief – keine Nachricht gehabt für uns –«
»Und auch von Frankreich kam kein Brief hier an?« frug René in immer wachsender Angst.
Der Mitonare schüttelt aber traurig mit dem Kopf und sagte:
»Keiner – kein Brief, keine Nachricht – bis – bis der Mitonare zum letzten Mal zu Sadie kam – da hat er viel gesagt, und dann –« setzte er mit tief bewegter, kaum hörbarer Stimme hinzu – »dann war's vorbei.«
»Allmächtiger Gott, so sind meine Briefe verloren oder unterschlagen« rief René zerknirscht, »und Sadie hat glauben müssen ich hätte nie wieder ihrer gedacht.«
»Nie wieder ihrer gedacht?« sagte der Mitonare finster, »bah, bah, was hätte der Brief geholfen, wenn der Wi Wi selber fortblieb, und den hat doch Niemand vergessen können als er selber.«
»Arme, arme Sadie« stöhnte René.
»Ja wohl arme Sadie« sagte der Mitonare traurig – »und wie der finstere Mann erst einmal eine lange lange Zeit weggeblieben, und drüben gewesen war über dem großen Wasser, und wie er zurück kam und von dem Wi Wi erzählen konnte, daß er ihn drüben gesehn –«