Ich will, dass Einer den Andern ehre,
wenn sie der Zucht Lehre folgen wollen.
Keiner von ihnen soll an einer Thür
den andren allen sich vordrängen. 10
Sowohl Frauen als Männer
sollen fremde Leute ehren:
ist ein fremder Mann dessen nicht werth,
so haben sie sich selbst geehrt;
ist er aber dessen werth,
so haben sie beide Ehre davon.
Man weiss nicht, wer der Fremde ist,
deshalb ehre man ihn zu aller Zeit.
Wenn ein fremder Gast zu Hof kommt,
so sollen die (adelichen) Jünglinge ihm eifrig dienen,
als ob er ihrer aller Herr wäre:
das ist die Lehre und der Wille der Zucht;
sie sollen bescheidne Worte sprechen:
denn dies ist der Schatz der Zucht.
Eine Frau soll sich sehen lassen,
wenn ein fremder Mann zu ihr kommt:
die welche sich nicht sehn lässt,
die wird ausser ihrem Gemach
allenthalben unbekannt sein; 10
sie büsse es also, und sei ungenannt.
Eine (adeliche) Frau soll nicht keck
scherzen: das steht ihr weiblich.
Ich will auch das sagen:
eine Frau soll nicht viel ansehn
einen fremden Mann: das steht ihr wohl.
Ein edler Junker soll
sowohl Ritter als Frauen
züchtig gern anschauen.
Eine Jungfrau soll sanft 20
und nicht laut sprechen sicherlich.
Ein Junker soll so flink sein,
dass er verstehe, was man ihm sagt,
so dass es nicht Noth sei,
dass man ihm wieder sage, wie.
Zucht wehrt den Frauen allen gemeinsam
mit dem Bein über dem Bein zu sitzen.
Ein Junker soll auf eine Bank,
sei sie kurz oder lang,
in keiner Weise treten,
wenn er einen Ritter da sitzen sieht.
Eine Frau soll zu keiner Zeit
weder schnell noch weit ausschreiten.
Wisset, dass es auch übel steht,
reitet ein Ritter, wo eine Frau geht. 10
Eine Frau soll sich, das glaubet,
kehren gegen des Pferdes Haupt,
wenn sie reitet: man soll wissen,
sie soll nicht gar quer sitzen.
Ein Ritter soll nicht keck
auf Frauen losreiten sicherlich:
eine Frau erschreckt hat oft gethan
einen Sprung der besser unterlassen worden wäre.
Wer seinem Rosse das erlaubt,
dass es eine Frau bespritzt, 20
ich wähne wohl, dass dessen Frau
auch keinen guten Meister habe.
Zucht wehrt den Rittern allen gemeinsam,
dass sie nicht viel ihr Bein besehen,
wenn sie reiten: ich wähne wohl,
dass man in die Höhe sehn soll.
Eine Frau soll nicht ihre Hand,
wenn sie reitet, aus ihrem Gewand hervorstrecken;
sie soll ihre Augen und ihr Haupt
still halten, das glaubt.
Ein Junker und ein Ritter soll
auch das wohl in Acht haben,
dass er die Hand still halte,
wenn er etwas sprechen will:
er soll seine Hände nicht schwingen
gegen die Zähne eines braven Mannes.
Wer der Zucht wohl huldigt, 10
der soll auf Niemandes Haupt
seine Hand legen, der vornehmer ist als er,
noch auf seine Achsel: das ist Ehre.
Will sich eine Frau mit Zucht bewahren,
so soll sie nicht ohne Mantel gehn;
sie soll ihren Mantel zusammenhalten,
wenn sie kein langes Oberkleid hat:
lässt sie am Körper etwas bloss sehn,
das ist gar wider die Zucht.
Ein Ritter soll nicht vor Frauen gehn 20
mit nackten Schenkeln, wie ich es verstehn kann.
Eine Frau soll nicht viel
hinter sich sehn, däucht mir:
sie gehe vor sich hin gerade
und sehe sich nicht viel um,
gedenke an ihre Zucht überall,
wenn sie irgend einen Lärm hört.
Eine Jungfrau soll selten etwas
sprechen, wenn man sie nicht fragt.
Eine Frau soll auch nicht viel sprechen,
wenn sie mir glauben will;
und besonders, wenn sie isst,
so soll sie nicht sprechen, das wisst.
Man soll sich bei Tische sehr in Acht nehmen, 10
wenn man sich geziemend betragen will
(da gehöret grosse Zucht zu).
Ein jeder brave Wirth der habe
Acht, ob sie alle genug haben;
der Gast der sei so höflich,
dass er dem gleich thue,
als ob er da nichts bemerke.
Wenn ein Mann sich recht darauf versteht:
wenn er zu essen beginnt,
so rühre er nur sein Essen an 20
mit der Hand: das ist wohl gethan.
Man soll nicht das Brod essen,
ehe man die ersten Gerichte bringt.
Ein Mann soll sich wohl hüten,
dass er nicht nehmen soll
auf beiden Seiten in den Mund.
Er soll sich zur Stund hüten,
dass er nicht trinke und spreche,
während er etwas im Munde hat.
Wer mit dem Becher zu dem Nachbarn
sich kehrt, als ob er ihm geben wollte,
ehe er ihn von dem Mund thut,
den hat der Wein daran gebunden.
Wer trinkend aus dem Becher sieht,
das ist höfischer Sitte nicht gemäss.
Ein Mann soll nicht zu schnell sein,
dass er von seinem Genossen nimmt,
was ihm da wohl gefällt;
denn man soll nur seinen Theil essen. 10
Man soll essen zu aller Zeit
mit der Hand, die entgegen ist.
Sitzt der Freund zur rechten Hand,
so iss sofort mit der andern Hand.
Man soll auch das gern vermeiden,
dass man nie mit beiden Händen esse.
Man soll auch nicht zu schnell sein,
dass man mit dem Tischgenossen
in die Schüssel seine Hand thue,
wenn er sie eben herausnimmt. 20
Der Wirth soll auch der Speise entbehren,
deren seine Gäste nicht begehren,
und die ihnen nicht genehm ist.
Der Wolf isst gern allein,
das Kameel isst nicht allein
wenn es irgend ein Thier bei sich sieht.
Diesem folgt der Wirth mit Ehren besser
als dem Wolfe, wisset das.
Der Wirth soll nach dem Essen
das Wasser geben, das steht ihm wohl.
Da soll sich kein Knecht 10
dann (die Hände) waschen, das ist recht;
will sich ein Junker (die Hände) waschen,
der gehe weit seitwärts
von den Rittern und wasche sich heimlich:
das ist höfisch und gesund für die Augen.