Als sie fröhlich assen,
da konnte der Wirth sich nicht länger zurückhalten,
er fragte ihn darnach,
wie man bei Hofe gelebt,
da wo er gewesen wäre.
‘Sage mir, Sohn, wie es damit steht,
so sag ich dir nachher,
wie ich einstmals
in meiner Jugend
die Leute sich benehmen sah.’
‘Vater, das sage mir,
so will ich sofort dir sagen,
was du mich fragen willst:
denn die neuen Sitten kenn ich sehr wohl.’
‘Früher als ich Knecht war, 10
und mich dein Grossvater Helmbrecht,
also mein Vater,
mit Käse und Eiern
nach Hof geschickt hatte,
wie die Meier noch thun,
da hab ich mir die Ritter angesehen
und ihr Treiben genau beobachtet.
Sie waren höfisch und fröhlich
und wussten nichts von niedriger Gesinnung,
die in unseren Tagen 20
manche Frau und mancher Mann besitzt.
Die Ritter hatten eine Gewohnheit,
womit sie sich bei den Damen beliebt machten:
das hiess ‘buhurdieren’;
so erklärte mir ein Diener bei Hofe,
als ich ihn darnach fragte,
wie das Ding genannt würde.
Sie jagten wie die Verrückten
(und dafür hört ich sie noch loben),
eine Schaar hin, die andere her;
der eine fuhr auf den andern los,
als wollte er ihn stossen.
Unter meines Gleichen
ist das nie geschehen,
was ich da bei Hof gesehen habe.
Als sie damit zu Ende waren, 10
da traten sie einen Tanz
unter heiterem Gesange:
das vertrieb die lange Weile.
Nun kam gleich ein Spielmann;
Sobald der zu geigen anfieng,
da erhoben sich die Damen;
es war eine Lust sie zu sehen;
die Ritter giengen ihnen entgegen
und fassten sie bei den Händen.
Da war an Wonne Überfluss 20
von Frauen und Ritterschaft
zu süsser Augenweide.
Junker und Mägdlein
tanzten fröhlich,
Arm und Reich durcheinander.
Als das nun vorüber war,
da kam einer und las vor
von einem Namens Ernst.
Jeder konnte thun,
wozu er am meisten Lust verspürte. 30
dort schoss wieder einer
mit dem Bogen nach dem Ziel.
Da gab es vielerlei Lustbarkeiten:
der eine jagte, der andere pirschte.
Und wer damals nicht viel bedeutete,
der wäre für uns heute noch der beste.
Wie wohl ich mich damals darauf verstand,
was Treue und Ehre zu mehren in Stande ist,
ehe Falschheit es in’s Gegentheil verwandelte!
Die Falschen und die Schlimmen,
die ihre Künste darauf gerichtet,
das Recht zu stürzen, 10
ihnen gönnten die (adelichen) Herren
damals bei Hof nicht einen Bissen.
Heute ist der weise,
der lügen und trügen kann;
der ist bei Hof ein angesehener Mann
und besitzt leider
weit mehr Gut und Ehre,
als ein Mann, der schlecht und recht lebt
und nach Gottes Huld strebt.
So viel weiss ich vom alten Brauch. 20
Mein Sohn, nun erweise mir die Ehre
und berichte mir von dem neuen.’
‘Das will ich thun meiner Treu.
Jetzt heisst das höfisches Benehmen:
“Trink zu, Herr, trink nur, trink!
trink den aus; ich trinke nach.”
Wie möcht’ es uns jemals besser ergehn?
Höre nur, was ich erzähle:
ehedem fand man anständige Männer
bei schönen Frauen:
jetzt muss man sie
bei feilem Weine suchen. 10
Das sind ihre grössten Schmerzen
am Abend und am Morgen,
wie sie es fertig bringen,
dass, wenn ihnen der Wein zu Ende geht,
der Wirth einen anschafft,
der ebenso gut ist,
daran sie sich ergötzen können.
Das ist heute ihre Liebe:
“Viel süsses Kellnermädchen,
füllt uns die Kanne! 20
Ein Affe und ein Thor war der,
der je in Sehnsucht seinen Leib verzehrt
nach einem Weibe statt nach gutem Wein.”
Wer lügen kann, der ist flott;
trügen, darin besteht die rechte höfische Lebenskunst;
es ist ziemlich, dass man den Leuten
mit geschickter Rede die Ehre abschneidet;
wer boshaft klatscht,
der ist heut tugendreich.
Der Alten Weise, glaubt mir nur,
die so leben wie ihr,
die ist heut verpönt,
und Frauen und Männer
wünschen sie
zum Henker.
Über Acht und Bann macht man sich lustig.’ 10
Der Vater sprach ‘Das erbarme Gott,
ihm sei’s ewig geklagt,
dass das Unrecht sich so breit macht.
Die alten Turniere sind dahin,
an ihre Stelle sind neue gesetzt.
Ehedem hörte man solch Feldgeschrei:
“Heisa, Ritter, sei wohlgemuth!”
Nun rufen sie den lieben langen Tag:
“Jage zu, Ritter, jage doch, jage!
Stich doch, stich! schlag zu, schlag! 20
verstümmle den, der vordem sehen konnte;
hau mir dem den Fuss ab,
hilf mir dem von den Händen:
diesen sollst du mir aufhenken,
den Reichen dort fangen,
der giebt uns wol hundert Pfund (als Lösegeld).”
‘Mir sind die Bräuche alle wohlbekannt.
Wollte ich, lieber Vater,
so konnte ich dir noch viel erzählen
nur von den neuen Bräuchen;
doch ich muss schlafen: ich bin weit geritten;
mir thut heut abend Ruhe noth.’
Da thaten sie, wie ers haben wollte.