Was ich von Trinken gesehen habe,
das war alles Kinderspiel;
einen Säufer jedoch hab ich kennen gelernt: 10
dem will ich die Meisterschaft zuerkennen.
Dem galten Becher für nichts,
er wollte von Näpfen noch Schalen etwas wissen:
er trank aus grossen Kannen.
Er ist vor allen Menschen
ein Vorläufer aller Zecher.
Von Auerochsen und Elenthieren
wurden solche Schlucke nie gemacht.
Jeder Zeit musste vor ihm stehn
eine grosse Kanne voll Wein.
Er sprach: ‘Wein, ich kenne dich wohl;
ich weiss wohl, dass du gut bist.
So lange von dir noch etwas im Fasse ist,
weich’ ich nicht von dieser Bank.’
Da setzte er an und trank
einen Trunk von zwanzig Schlucken.
Er sprach: ‘Nun will ich künden,
was du alles vermagst, viel lieber Wein. 10
Wie könnt es etwas volkommneres geben?
du besitzest Schönheit und grosse Güte,
du verleihst uns frohen Muth,
du machst den Zaghaften kühn.
Wer Deine Rüstung tragen will,
der wird weise und sparsam,
der wird schnell und stark,
er fürchtet Niemandes Dreun.
Du machst die Traurigen froh,
du giebst den Alten Jugendmuth, 20
du bereicherst den Armen ohne Gut,
du machst die Leute wohl aussehn.
Du bist auch selber gar schön:
du bist lauter und blinkend.’
Da setzte er an und trank
einen Trunk, der die andern übertraf,
er sprach: ‘Warum oder wie
sollt’ ich von dem Weine lassen?
Ich mag ihn recht wohl leiden,
da er allen meinen Willen thut.
Er dünkt mich besser als gut;
ich bekomme ihn nimmer satt.
Ich will ihn immerdar mehr loben
als Buhurdieren und als Tanz.
Nicht Krone, Kopfschmuck noch Kranz, 10
Seide, Sammet und Scharlachzeug,
nicht allem Putz, den diese Welt hat,
Gäb ich je den Vorzug vor dem Wein.
Ihn hat in meinem Herzen
die Liebe also einquartiert,
versiegelt und eingeschlossen,
dass wir uns nicht trennen können.
Wer mir ihn verleiden will,
den verfolge stäts mein Hass.
Er kürzt mir die Zeit besser 20
als Sagen, Singen und Saitenklang.’
Da hub er die Kanne empor und trank
einen noch viel grösseren Trunk als vorher.
Er sprach: ‘Gras, Blumen und Klee
und aller Kräuter Heilgewalt,
die Gewürze und aller Steine Kräfte,
der Wald und alle Vöglein,
die vermöchten dich nicht, mein lieber Wein,
bei den Leuten in Vergessenheit zu bringen;
sie könnten dich nicht ersetzen
mit alle dem, was sie vermögen.
Ich will dir gerne gönnen,
dass du mir kürzest die Zeit.
Die Freude, die mir die Welt verleiht, 10
die kommt durchaus von deiner Tugend.
Dein Lob hat ewige Jugend;
dein Werth wird nimmermehr krank.’
Da hub er die Kanne und trank
einen so gewaltigen Trunk:
ja hätte er eine halbe Mark
Belohnung damit verdient,
er hätt es nicht besser machen können.
‘Wir beiden, ich und der Wein,
Wir müssen immer beisammen sein! 20
Ich bin mit ihm ganz einig.
Er hat mich dazu gezwungen,
dass ich das stäts that, was er geboten.
Der Wein ist gut in mancher Noth.
Und vermöchte er auch nicht nur Freude zu geben,
die Welt sollte doch immer zu ihm streben.
Seine Freude steht über allen Dingen.
Ich will nach Freuden ringen,
da mir der Wein Freude giebt.
Jetzt ringe ich bis auf die Zeit,
dass er mir so viel Freuden giebt,
dass ich immerdar in Freude lebe.
Wie kann ich dann verderben?
Um Freude will ich werben.
Mein Leib empfange dafür Dank.’ 10
Da hub er die Kanne auf und trank
so gewaltig, dass man solches nie mehr erlebte.
Er sprach: ‘Der Herzog Itam
der war von Weisheit ganz verlassen,
dass er einem Wisent nachritt,
er und sein Jäger Nordian.
Hätten sie auf den Wein Jagd gemacht:
dann wären sie so weise, wie ich bin.
Mir geht’s viel leichter von der Hand als ihnen:
ich kann ihn jagen und fangen; 20
mich ermüdet nicht mein Hasten.
Ich jage den viel lieben Wein;
des Jäger will ich immer sein:
er hat mir stäts so wohl gethan.
Was ich seither getrunken habe,
und was ich dessen mein Lebtag auch
noch schlingen kann in meinen Bauch,
das ist ja nur ein Anfang.’
Erst recht nun hub er auf und trank
gar manchen ungefügen Schluck.
‘Wein, mir ist dein Wesen kund.
Ich kenne wohl deine Kraft,
deine Kunst und deine Meisterschaft.
Du bemeisterst die Sinne;
du reizest zur Minne; 10
du bestätigst manchen Kauf,
du machst manchen Wettlauf,
du treibst mancherlei Spiel,
mit Freuden unterhältst du viel.
Die Welt wird durch dich ganz erhaben,
du kannst die Durstigen laben,
du lässt die Siechen gesunden.
Seit deine Freundschaft ich gefunden,
so war ich bei dir immerdar,
wie gross auch deiner Diener Schar, 20
dass mich doch keiner bracht zu Wank.’
Da hub er die Kanne empor und trank,
dass die Schlucke laut erklangen
und stossend durcheinander drangen.
Da ward von der Schlucke Schwall
ein Sturm, dass dem Wogenprall
der Schlund ward zu enge,
dass in der Wellen Gedränge
die Fluth sich durch einander schlang,
ein wildes Rauschen erklang,
als führ die Windsbraut übers Meer.
Da hub er auf und trank
einen schweren Trunk.
Wie gross die Kanne auch war,
sie war für den Trunk nicht gross genug, 10
mit Mühe brachte man etwas hinein.
Da hiess er tüchtig hinein giessen
und liess das in sich fliessen,
dass so etwas noch nie geschehen.
Darauf setzte er sich nieder und sprach:
‘Der Wein ist ein wahrer Edelstein.
Ich höre eine süsse Stimme
in meinem Haupte singen;
die höre ich gerne klingen.
Es gehört sich, dass ich ihn kröne. 20
Er singt mehr süsse Töne
als aller Art Wohlklang
und aller Vögel Gesang.
Nie ward mir so etwas bekannt.
Er singt so schön, dass Horant
nicht den dritten Theil so schön gesungen hat.’
Da hub er auf und trank,
dass die Bank zu krachen begann.
Er sprach: ‘Darüber muss ich lachen.
Darüber ist gut lachen.
Das Krachen macht mir Vergnügen.
Das thut des Weines Güte.
Ich habe meine Seele
ganz in Freuden getränkt.
Da hinein hob ich mich versenkt.
Ich sank stäts von der Stunde an, 10
wo ich zuerst trinken konnte,
und mir der Wein so wohl gefiel.
Ich weiss wohl, dass kein Schiff
je in das Meer so tief gesunken.’
Da hub er die Kanne auf und trank
einen vierschrötigen Trunk.
Er sprach: ‘Ich bin jung geworden
an Leib und an Seele.
Wohl mir,’ so sprach der Gute,
‘dass ich solch ein Meister bin 20
im Trinken. Seht, das nenn ich mir Verstand.
Ich weiss wohl dort in Paris,
in Padua und Treviso,
in Rom und in Toscana
findet man keinen Menschen,
dessen Meister ich nicht wäre,
der sich auch nur ein Linschen
mit mir vergleichen könnte.
In allen deutschen Landen
ist mir nie einer begegnet, 30
der früh und spät
sich in Trinken so auszeichnete.
Mit dem Weine will ich heute und immerdar
gute Nachbarschaft halten.
Meine Seele muss mit ihm gesunden,
ihm ist sie immerdar hold.
Wenn er schön wie Gold
von dem Zapfen schiesst,
hei wie wenig mich das ärgert,
mag man noch so viel in mich giessen. 10
Meinem Leibe bekommt das sehr wohl.
Man redet viel von Turnieren:
tüchtig schlucken unter Vieren
kann ich wohl; das ist mein Fall.’
Da hub er die Kanne empor und trank
einen Schluck, der sehr gross war.
Er sprach: ‘Was man erzählt
von denen, die der Liebe pflagen
und von der Liebe todt gelegen,
die waren nicht so weise wie ich. 20
Wie starb der König Paris,
der um Helenas willen erschlagen ward?
Dessen Thorheit sollte man ewig beklagen.
Hätte er lieber den Wein geminnet,
so hätt’ ihm niemand etwas gethan.
Frau Dido fand durch die Liebe ihren Tod.
Graland wurde erschlagen und gesotten
und drauf seiner Herrin zu essen gegeben,
weil sie ihn nicht vergessen wollte.
Piramus und Thisbe,
denen geschah von der Liebe so viel Weh,
dass sie sich in ein Schwert stürzten.
Meine Liebe ist besseren Lohn werth,
als ihrer aller Liebe:
Meine Liebe ist freudebringend. 10
Ich wohne an der Liebe Strasse,
doch ist mir wohler als Curas,
der vor Liebe in der See ertrank.’
Da hub er die Kanne empor und trank
einen Trunk in grosser Eile,
den dehnte er so lange aus,
bis ihm der Gürtel zersprang.
Er sagte: ‘Das Band ist nicht von Bast,
womit ich jeder Zeit
mit dem Weine verbunden bin. 20
Das ist mein Glück und mein Heil;
und zwar sind es drei starke Seile.
Das eine ist des Weines Güte,
das andere mein starker Geist,
das dritte die Gewohnheit.
Niemals wird er mir leid,
ich muss ihn immer lieben.
Ich kann ihm nicht entrinnen.
Wie vermöcht ich einen so starken Strang zu zerreissen?’
Da hub er die Kanne auf und trank
so gewaltig, dass alle sagten,
die sein Trinken richtig sahen,
was er bis dahin getrunken hätte,
das sollte man ganz vergessen:
dieser Trunk verdiente den Preis vor allen. 10
Er sagte: ‘Die Welt ist unklug,
dass sie nicht zu Weine geht,
wenn sie irgend ein Gebresten hat,
und dass sie nicht gegen alles Leid trinkt,
gegen Angst und Mühsal,
gegen Alter und gegen den Tod,
gegen Siechthum und alle Noth,
gegen Schaden und der Schande Schlag,
und gegen alle Widerwärtigkeiten der Welt
gegen Nebel und schlimmen Gestank.’ 20
Da hub er empor und trank
so kräftig, dass sich die Kanne bog.
‘Was da fliesset und flieget,
soll mich billig anerkennen.
Die Leute sollten sich alle
meinem Gebote neigen.
Die Welt ist ganz mein Eigen.
Ich habe so viel Gewalt,
dass ich thue, was ich will.
Was ich will, das ist gethan,
so dass ich allen meinen Willen habe.
Davon heisse ich Ungenoss.
Meine Kräfte sind so gross,
wär der Welt so viel mehr,
dass das Meer und jeglicher See
so gut wäre wie das beste Land, 10
das müsste unter meiner Botmässigkeit stehn
und müsste mir ohne Wanken dienen.’
Da hub er die Kanne empor und trank
so lange und so gewaltig,
so viel und immer noch mehr,
so tüchtig und so heftig,
dass sein Hemd zerplatzte.
Er sprach: ‘Dem wird schon abgeholfen:
ich weiss wohl, was Allem widersteht;
ich kann mich wohl waffnen.’ 20
Er zog ein Koller von Hirschleder an,
da liess er sich fest hinein schnüren;
dazu von trefflichem Eisen
einen engen festen Panzer.
Drauf sagte er: ‘Des Weines Drängen
lässt mich nun ungezerrt.
Ich habe mich so versperrt:
er kann mich nicht mehr aufschliessen.
Das soll mir gut bekommen,
dass ich meinen Leib zum Vergnügen
mir eingezwängt habe, dass Mann
noch Weib sich nie so fest verschnürt haben.’
Und immer noch hub er die Kanne empor und trank.