Ein Wolf, ein Fuchs und auch ein Esel
wollten nach Rom: ihre Reue war gross.
Und da sie der Stadt nahe kamen, 10
da sprach der Wolf: ‘Da Gott uns hat
mit seiner Gnade hergebracht,
hab’ ich mich eines Dings bedacht:
also dass wir auch sollen
vorher beichten, das gefällt mir,
ehe wir den Pabst ansehn.’
Da sprach der Fuchs: ‘Das soll geschehn:
denn der Pabst hat viel zu schaffen
sowohl mit Laien als Pfaffen:
deshalb hat er selten Musse.
Beichten wir und bestimmen die Busse,
und bitten ihn, dass er sie bestätige
um Gott und unsres Gebets willen.’
Da sprach der Wolf: ‘Nun seid einig
und beichte je einer den andern zwein 10
das Grösste, was er gethan hat.
So heb’ ich zuerst an.
Ich that eine Sünde, vor der ich habe
grosse Furcht. Es hatte ein Mann
am Rhein eine Zuchtsau.
Die hatte zwölf kleine Ferkel
in einem Stalle liegen.
Die hört ich sehr schreien
des Morgens nach ihrer Amme,
während sie mit vollem Bauche 20
im Felde umhergieng, und ihre Jungen
mit grossem Hunger rangen.
Das jammerte mich, als ichs sah.
An der Amme rächte ich mich
eines Tags, da sie sie nicht pflegte:
ich biss sie, dass sie todt dalag,
und füllte meinen Magen mit ihr.
Nun lasst euch grössere Sünde sagen.
Danach, da ich mich besann,
dass ich sehr übel gethan hätte,
erbarmten mich die Ferkel,
die elenden, und ihres Hungers Pein,
und half ich ihnen ganz aus aller Noth:
sie lagen alle von mir todt;
aus rechtem Herzeleid 10
schloss ich sie in mein Eingeweide:
weinend künd’ ich euch das.
Bestimmt die Busse für meine Sünde.’
‘So wie ich euch vernommen habe,
so habt ihr nicht gesündigt,’
sprach der Fuchs, ‘ihr thatet es aus Güte,
wie mancher andre Mann noch thut,
den oft erbarmen muss
der Elenden und Hausarmen.
Ihr sollt vor unsrem Kloster knien 20
und ein Paternoster sprechen:
das ist für die Sünde zu viel.
Ich will auch eine Sünde beichten,’
sprach der Fuchs, ‘die mich recht sehr drückt
und mir manch Seufzen bringt.
Bei einem Dorfe wohnte ein Bauer,
der hatte einen Hahn; der war so böse,
dass er all’ die Hähne biss,
die zu ihm in den Kreis kamen,
und machte dabei sehr grosses Geschrei
mit zwölf Hennen Tag und Nacht,
dass oft von ihm betäubt ward
der Kopf kranker Leute.
Das that mir von Herzen weh.
Eines Tags sah ich ihn spielen 10
mit seinen Gemahlinnen im Garten.
Ich nahm ihn bei der Schwarte
und trug ihn durch den Zaun
fürbass in eine andre Pfarre,
wo ich ihm das Leben nahm:
in seiner Pfarre fürchtete ich den Bann.
Darum schrien seine Weiber
alle Tage über mich:
das betäubte mir den Sinn,
und rächte ich mich auch an ihnen, 20
dass ich eine nach der andern ass:
wie konnte ich mich besser rächen?
Denn sie trugen mir Hass.
Herr, nun sagt mir Ablass
für die grosse Missethat.’
Da sprach der Wolf: ‘Dessen wird guter Rath,
dass das Schreien und das Krähen
zu einem guten Ende gebracht ist.
Du hast nicht sehr gesündigt,
wie ich mich nun besinnen kann.
Jedoch faste an drei Freitagen,
wenn du kein Fleisch erjagen kannst.
Ich erlaube es dir, wie du mir es thust.
Wohl, Herr Esel, nun beichtet ihr.’
‘Ich weiss nicht, was ich beichten soll:
ihr wisst beide selber wohl,
dass ich ein Märtyrer-Genosse bin: 10
denn meine Arbeit ist so gross,
dass ich immer von Leid zu sagen habe.
Ihr seht mich auf und nieder tragen
Wasser, Holz, Korn und Mist,
und was täglich zu thun ist
auf einer hohen Burg,
dass ich ohne Dank mich plage
mit mancher harten Arbeit.
Ich that eine Sünde: die ist mir leid,
und hat mich seither viel gereuet. 20
Ein Knecht, der meiner zu aller Zeit pflegte,
gieng einmal vor mir durch den Schnee.
Da thaten mir Frost und Hunger weh,
und ich ward gewahr, dass ihm Stroh
aus beiden Schuhen da heraus ragte.
Da riss ich ihm etwas heraus,
das war sein Schade und mein Unheil:
an der Seele bin ichs schuldig.
Nun seid gegen mich geduldig
und bestimmt mir Busse gnädiglich.’
Sie sprachen: ‘Weh dir, ewiglich!
Mörder, was hast du gethan?
Du hast einen Mann zu Grunde gerichtet, 10
dem seine Füsse erfroren sind:
der Mord hat deine Seele vernichtet.
So soll der (Leib) auch nicht gerettet werden,
der Dieb und Mörder gewesen ist.’
So nahmen sie beide ihm sein Leben.
Solche Busse können noch austheilen
in den Klöstern die bösen Plattköpfe:
wem sie nicht günstig sind,
wird hin und her gezaust,
bis er Seele und Leib verliert, 20
wie der Esel wegen einer kleinen Schuld:
der Fuchs behielt des Wolfes Huld.