Owê owê der jæmerlîchen klage,
Die ich muoter eine trage
Al von des tôdes wâne.
Weinen was mir unbekant,
Sint ich muoter wart genant, 10
Und bin doch mannes âne.
Nû ist ze weinen mir geschehen,
Sint ich sînen tôt muoz sehen
Den ich âne swære gar
Muoter unde meit gebar.
Owê tôt! Dise nôt
Mahtû wol volenden,
Daz du von dir Her zuo mir
Dîne boten wellest senden.
Owê der leide! 20
Der tôt der wil uns scheiden.
Tôt nû nim uns beide,
Daz er niht aleine
Sô jæmerlîche von mir scheide.
Owê! waz hât er iu getân?
Muget ir ime niht sîn leben lân
Und nemt mir mînen lîp?
Owê! waz sol ich armez wîp!
Grôzer klage ist mir nôt.
Owê, læge ich vür in tôt!
Vater schepfer bistû mîn,
Und ich dîn gebererîn:
Dîne wunden tuont mir wê.
Miner klage ist worden mê,
Sint dû herzeliebez kint trût 10
Wider mich niht maht werden lût.
Herzekint, Dîne ougen sint
Dir sô gar verblichen.
Dîne maht Und dîne kraft
Ist dir sô gar entwichen.
Owê owê, vil lieber sun mîn!
Owê der grôzen marteln dîn!
Owê, wie jæmerlîchen dû hengest!
Owê, wie dû mit dem tôde ringest!
Ach wie jæmerlîchen bibet dir dîn lîp! 20
Eiâ, waz sol ich armez wîp,
Sint ich dich, liebez kint mîn,
Sihe lîden alsô grôze pîn!
Des sticht mich ze dirre stunt
Ein swert durch mînes herzen grunt.
Simeonis grimmec swert
Daz hât mich wol bevunden.
Pînen bin ich wol gewert
Ze disen selben stunden.
Weh weh, welch jammervolle Klage,
die ich, die Mutter, alleine trage
von des Todes Gedanken.
Weinen war mir unbekannt,
seitdem ich Mutter ward genannt, 10
obwohl ich des Mannes ledig bin.
Nun ist mir das Weinen angekommen,
seitdem ich seinen Tod vernommen,
den ich ohne jeden Schmerz
trug unter jungfräulichem Herz.
Oweh Tod! Dieser Noth
machst du leicht ein Ende,
wenn du von dir her zu mir
deine Boten willst senden.
Weh und Leid! 20
Der Tod der will uns scheiden.
Tod, nun nimm uns beide,
dass er nicht alleine
so jämmerlich von mir scheide.
Oweh! was hat er euch gethan?
Könnt ihr ihm nicht seine Leben lassen
und nehmt mir meinen Leib?
Oweh! was soll ich armes Weib!
Grosse Klage thut mir Noth.
Oweh, läg ich statt seiner tod!
Vater Schöpfer bist du mir,
und ich, die dich geboren hat:
deine Wunden thun mir weh.
Meine Klage hat sich vermehrt,
seit du herzliebes trautes Kind 10
zu mir keinen Laut mehr sprechen kannst.
Herzenskind, deine Augen sind
dir so ganz verblichen.
Deine Macht und deine Kraft
ist dir so ganz entwichen.
Oweh, oweh mein viel lieber Sohn!
Weh über deine grosse Marter!
Weh, wie jämmerlich du hängest!
Weh, wie du mit dem Tode ringest!
Ach, wie jämmerlich bebt dir der Leib! 20
Weh, was soll ich armes Weib,
da ich dich, liebes Kind mein,
Sehe leiden solch grosse Pein!
Damit sticht mich zu dieser Stund
ein Schwert durch meines Herzens Grund.
Simeons grimmes Schwert
das hat mich wohl getroffen.
Qualen sind mir reich beschert
zu dieser selben Stunde.