Da kam Rüstefeil gerannt:
Als er den Bären gefangen fand, 20
Da gab er hastig sich ans Laufen:
Er wusste einen Bauernhaufen
Im Wirthshaus sitzen überm Bier.
Er sprach: ‘Kommt eilends all mit mir!
Es hat sich in meinem Hofe dort
Ein Bär gefangen, auf mein Wort!’
Sie folgten ihm all und liefen sehr;
Ein Jeder nahm mit sich seine Wehr,
Was er zuerst zu fassen bekam,
Der die Gabel, jener die Harke nahm,
Der dritte den Spiess, der vierte den Rechen, 10
Der fünfte gieng einen Stab aus dem Zaune brechen.
Der Kirchherr und der Küster beide
Kamen auch hin mit ihrem Gereide.
Die Pfaffenköchin, Frau Jutte genannt,
Die die beste Grütze im ganzen Land
Bereiten konnte, auf den Socken
Kam sie gelaufen mit ihrem Wocken,
An dem sie den ganzen Tag gesessen,
Den armen Braun damit zu messen.
Als Braun hörte den Lärm mit Angst und Noth,
Gefangen lag er auf den Tod,
Da zog er das Haupt heraus mit Gewalt;
Doch sitzen blieb ihm in dem Spalt
Von Gesicht und Ohren Haar und Haut:
Ein kläglicher Thier ward nie geschaut.
Das Blut ihm über die Ohren lief.
Zwar bracht er das Haupt heraus, doch tief
Hielt ihm der Spalt die Füsse gefasst.
Nun ruckt’ er sie auch heraus in Hast, 10
Als wär’ er rasend und ganz von Sinnen.
Da blieben ihm die Klauen drinnen
Und das Fell dazu von beiden Füssen.
Der Honig war nicht von dem süssen,
Zu dem ihm Reineke Hoffnung gemacht.
Eine üble Reise hatte Braun vollbracht,
Ja, es war ihm eine sorgliche Fahrt:
Das Blut lief hell über seinen Bart;
Die Füsse schmerzten ihn so sehr,
Er konnte nicht gehen noch stehen mehr.
Da kam Rüstefeil, der zu schlagen begann;
Sie fielen ihn all zumalen an:
Alle, die mit ihm kamen daher,
Braunen zu schlagen war ihr Begehr.
Der Pfaffe trug einen langen Stab.
Wie manchen Schlag er damit ihm gab!
Er konnte sich nirgend nur verschnaufen,
Sie bedrängten ihn in dichtem Haufen,
Ein Theil mit Spiessen, ein Theil mit Beilen, 10
Der Schmied mit dem Hammer und mit der Feilen;
Etliche hatten Schaufeln, etliche Spaten:
Damit zermürbten sie ihm den Braten.
Sie gaben ihm so manchen Schlag,
Dass er im eigenen Unrath lag.
Ihn schlugen Alle, die Grossen und Kleinen,
Schloppe mit den krummen Beinen,
Und Ludolf mit der breiten Nase,
Die schlugen ihn, als wär’s ein Hase.
Auf seine krummen Finger stolz, 20
Schlug ihn Gerold mit dem Riegelholz,
Und sein Schwager Kukelrei;
Am schlimmsten schlugen ihn die Zwei,
Abel Quak und dazu Frau Jutte,
Und Talke Lorden Quacks, die schlug mit der Butte.
Nicht die allein, nein all’ die Frau’n,
Nach dem Leben stunden sie dem Braun.
Er musste nehmen, was man ihm brachte;
Kuckelrei des Lärms am meisten machte.
Denn er war der edelste von Geburt. 10
Frau Willigtraut von der Schweinefurt
War seine Mutter, das war bekannt,
Sein Vater aber blieb ungenannt;
Doch raunten die Bauern unter einander,
Der Stoppelmesser wär’s, der schwarze Sander,
Ein stolzer Mann für sich allein.
Auch musste Braun von manchem Stein
Den Wurf empfangen auf seinem Leib
Sie warfen nach ihm, Mann und Weib.
Zuletzt kam Rüstefeils Bruder gesprungen
Und hat einen mächtigen Knüttel geschwungen
Und gab ihm einen Schlag auf’s Haupt,
Dass er aller Sinne lag beraubt.
Dem Schlag entsprang lebendig Braun,
Wie rasend fuhr er zwischen die Frau’n,
Und hatte sich so als Weiberhasser,
Dass ihrer etliche fielen in’s Wasser,
Das da vorbeifloss, ziemlich tief.
Da begann alsbald der Pfaff’ und rief 10
Und war beinah’ schon halb verzagt:
Da treibt Frau Jutte, meine Magd;
Die in dem Pelz und grauen Socken;
Seht, hier liegt auch noch ihr Wocken.
Nun helft ihr allzumal davon!
Zwei Tonnen Bieres geb’ ich zum Lohn,
Auch sollt ihr grossen Ablass kriegen!’—
Da liessen sie Braun für todt da liegen,
Und liefen hastig zu den Weibern,
Sie herauszuzieh’n mit nassen Leibern.
Da sie dies betrieben, dieweil
Kroch Braun ins Wasser in zorniger Eil’,
Und brummte dabei vor Schmerz und Grimmen.
Er dachte sich nicht, er könne schwimmen,
Er wusste nicht andern Rath zu erdenken,
Als sich hier selber zu ertränken,
Dass ihn die Bauern nicht mehr schlügen.
Da wollt’ es sich ihm so glücklich fügen,
Er konnte noch schwimmen, und schwamm fürwahr. 10
Ja, als dies die Bauern wurden gewahr,
Mit grossem Lärmen und mit Grämen
Riefen sie: ‘Wetter, wir müssen uns schämen!’
Sie sahn’s mit grosser Ungeduld
Und sprachen: ‘Das ist der Weiber Schuld;
Zur Unzeit sind sie hieher gekommen:
Nun ist er seiner Wege geschwommen.’
Sie besah’n den Block und wurden gewahr,
Dass noch darin sass Haut und Haar
von Ohren und Füssen: das war ihnen lieb.
Sie riefen: ‘Komm wieder, ehrloser Dieb,
Hier sind deine Ohren und Handschuh’ zu Pfande!’
So folgt’ ihm auf den Schaden die Schande!
Doch war er froh, dass er entgieng.
Er fluchte dem Baum, der ihn fieng,
Ihm die Haut von Füssen und Ohren schied;
Er fluchte Reineken, der ihn verrieth.
Dies war das Gebet, das er da sprach, 10
Dieweil er in dem Wasser lag.
Der Strom lief schnell und sonder Rast;
Er trieb herab mit gleicher Hast.
Und ward in einer kurzen Weile
Herabgeführt wohl eine Meile.
Da kroch er aus der Flut an’s Land:
Betrübter Thier hat die Welt nicht gekannt.
Den Geist schon meint’ er aufzugeben,
Er getraute länger nicht zu leben.
Er sprach: ‘O Reineke, falsches Geschöpfe!’
Auch dacht’ er an die Bauerntröpfe,
Wie die ihn geschlagen und ausgestaupt,
Weil er so tief hinein gesteckt das Haupt.