Da erhob er eine Stimme,
da lehrte er uns die Feinde lieben.
Er sprach: Nun vergieb ihnen, Herr Vater Gott;
sie wissen nicht, was sie thun. 10
Es geschah zu Mittag,
dass man ihn an den Baum hieng.
Da kämpfte er in Todesschmerzen
den Kampf bis drei Uhr Nachmittags.
Da ward der Streit geschieden,
der Leib besiegte uns.
Er sprach: es ist ganz vollbracht.
Da gieng es an den Tod,
da schied seine heilige Seele
von den leiblichen Leiden. 20
Unsertwegen litt er die Noth,
nun sehet, wie ihr ihm dafür lohnet.
Wehe, Maria Magdalena,
Wie standest du je da,
da du deinen guten Herren
hängen und bluten sahest
und sahest an seinem Leibe
die gestochenen Wunden.
Wie konntest du ertragen
die traurige Klage
seiner lieben Mutter,
der guten Sancta Maria!
wie manche Zähre sie gaben 10
zu demselben Male,
deine keuschen Augen,
meine viel liebe Frau,
da du deinen unschuldigen Sohn
so behandeln sahest,
da man so sehr marterte
das Fleisch, das er von dir genommen hatte.
Ach, Joseph du guter,
da du meinen Herrn vom Kreuze hubest,
hätte ich damals gelebt, 20
ich hätte dir fest angehangen
bei dem hehren Begräbniss
meines viel lieben Herren.
Ach, Nikodemus,
warum konnte ich dir nicht etwas
Liebes erzeigen
zum Lohne und zum Preise dafür,
dass du ihn abhubest
und ihn so schön begrubest!
Als Gott alles das gewonnen hatte, 30
weshalb er herab in die Welt kam,
da liess er seinen Körper
zur Erde begraben.
Dass ihn die empfiengen,
die zu Erde geworden waren,
das war so verordnet.
Die Erde war geheiligt,
wo er da zwei Tage
in dem Grabe geruht.
In derselben Frist
zerstörte er die Höllenburg;
er fuhr hin mit Löwenkraft, 10
die Riegel mussten bersten,
die Geister, ungeheuer,
die sprachen in dem Feuer,
wer der wäre,
der so gewaltiglich käme?
Er bringt uns ein grosses Licht,
er wohnet hier nicht mit uns;
er hat keine Sünde gethan,
er wird hier nicht bleiben.
Zu der Stunde 20
siegte er ob dem Höllenhunde;
er brach ihm seine Kiefer;
viel Leid geschah ihm da.
Ich weiss, er band ihn
mit seiner rechten Hand,
er warf ihn in den Höllengrund,
er legte ihm einen Ring in seinen Mund,
dass demselben Scheusal
immerdar das Maul offen stünde:
wer durch seine Sünde 30
in seinen Schlund komme,
dass der schreckliche Hund
nicht das Maul schliessen könne,
dass er ihn durch Beichte und Busse
wider Willen los lassen müsse.
Da wollte er nicht unterlassen,
er kehrte sich zu den Seinen,
die in der Dunkelheit waren.
Sie sahen ein neues Licht,
sie freuten sich des sehr.
Sie sprachen: Advenisti, desiderabilis!
Er sprach: meine Barmherzigkeit liess mich nicht,
ich thäte denn, wie ich euch verhiess; 10
ich habe wegen eurer Noth
einen grimmigen Tod erlitten;
die mich geliebt haben,
die will ich von hinnen führen.
Wer heute hier bleibt,
für den giebt es nimmer Hülfe
in diesem Höllenschmerz,
nach dem sehe ich nie mehr.
Da führte er sie alle
in Schaaren aus der Hölle,
er gab ihnen allen gleich 20
sein Reich wieder,
das sie durch ihre Schuld verloren hatten;
da war sein Zorn gestillt.