Um die Zeit
War es gerade so weit,
Dass Constantin zu Tische gieng.
Dietrich kam auch
Mit seinen Mannen 10
Vor den König gegangen.
Als man das Wasser reichte,
Gieng die liebliche Jungfrau
Um den Tisch herum
Unter heissen Thränen fragend,
Ob sie sich einem so freundlich erwiesen hätte,
Dass er für die wackeren Boten
Mit seinem Leben einzustehn wagte.
Ihr wagte keiner das zuzugestehn:
Die mächtigen Herzoge 20
Wiesen ihre Bitte alle zurück,
Bis sie an den Recken kam,
Mit dem die Verabredung getroffen war.
Da sprach die herrliche Maid:
‘Nun gedenke, Held Dietrich,
An alle deine Güte
Und hilf mir aus der Noth.
Steh ein für die Boten mit deinem Leben,
Die befiehlt der König dir auszuliefern.
Verzagt sind meines Vaters Mannen;
Sie wagen es nicht, sie auf sich zu nehmen.
Doch will ich von deiner edeln That,
Einen Theil auf mich nehmen, 10
Damit deren Ruhm auch auf mich falle.
Wie gerne du das auch unterliessest,
Es sei denn, dass dich dein tugendhafter Sinn verliess,
Du musst es mir gewähren, wackerer Held.’
‘Gerne,’ sprach Dietrich,
‘Weil ihr mich darum bittet.
Mehr als das Leben kann es nicht kosten.
Ich werde also dein Bürge, schöne Frau.’
Da gab Constantin die Boten 20
Dietrich gegen Einsatz seines Lebens.
Der Held aber übernahm sie.
Da folgten ihm des Königs Mannen
Zu dem Kerker,
Wo sie in Noth waren.
Die armen Gefangenen
Lagen da entkräftet
Und lebten erbarmungswürdig.
Berchter der mächtige
Stand und weinte,
Als er den Lärm hörte.
Den Kerker brach man auf,
Da schien der Tag hinein.
Plötzlich drang das Licht zu ihnen,
Dessen waren sie ungewohnt. 10
Erwin, war der erste Mann,
Der aus dem Kerker trat.
Als ihn der Vater erblickte,
Wie gross war da sein Herzeleid!
Er wandte sich um
Und rang seine Hände,
Und wagte nicht zu weinen,
Und doch war ihm nie so weh,
Seit ihn seine Mutter geboren.
Erwin, der treffliche Held, 20
War von Kräften gekommen
Wie es für einen Armen natürlich wäre.
Sie nahmen die zwölf Grafen
Aus dem Kerker,
Und ein jeder seinen Getreuen.
Die sonst so glänzenden Ritter
Sie waren schwarz und schmutzig,
Von grossen Nöthen blass.
Lupolt der Meister
Hatte nichts aufzuweisen 30
Als ein armselig Schürzlein,
Das wand er sich um den Leib.
Da war der elende Mann
Gar sehr entblösst,
Zerschunden und vor Hunger aufgedunsen.
Dietrich, der wackere Held,
War traurig von Wehe
Und wollte doch nicht weinen
Um die lieben Boten.
Berchter, der alte Mann,
Gieng um und um,
Die Gefangenen beschauend.
Um keinen empfand er bittereres Leid 10
Als um seine schönen Kinder.
Dietrich der Herr
Hiess die ansehnlichen Boten
Zu seiner Herberge führen,
Ausser Lupolt und Erwin;
Die liess man allein gehn,
Ihrer nahm sich niemand an.
Da sprach Erwin der ruhmreiche
‘Lupolt, trauter Herr,
Sieh dort einen grauen Mann 20
Mit einem schönen Barte stehn,
Der mich angeblickt
Mit ängstlichem Eifer.
Er wandte sich um
Und rang die Hände.
Er wagte nicht zu weinen,
Und war ihm doch nie so weh zu Muthe.
Vielleicht will der gütige Gott
In seiner Gnade
Ein grosses Wunder thun, 30
dass wir von hinnen kommen.
Wahrlich, lieber Bruder,
Es könnte unser Vater sein.’
Da lachten sie beide
Vor Freude und vor Leide.
Die unglücklichen Fremdlinge
Waren gegen Bürgschaft freigelassen
Bis zum andern Tag.
Die Jungfrau bat ihren Vater,
Dass er sie dahin gehn liess,
Sie wollte ihnen selber aufwarten.
Der König erlaubte es ihr.
Wie rasch sie über den Hof eilte 10
Zu dem Herren Dietrich!
Da liess man alle
Die fremden Ritter hinausgehn.
Da blieb niemand zurück
Ausser den Blutsverwandten
Die übers Meer gefahren waren.
Den stattlichen Boten
Legte man gutes Gewand an
Und kleidete sie sorgfältig,
Das gieng von Dietrich aus. 20
Der Tisch wurde gerichtet.
Berchter, der edle Held,
War Truchsess,
Dieweil seine Kinder assen.
Als die Herren sich gesetzt hatten,
Vergassen sie ihres Leides ein wenig.
Da nahm der Recke Dietrich
Eine Harfe, die war herrlich,
Und schlich hinter den Vorhang.
Wie rasch ein Leich daraus hervorklang! 30
Wer im Begriff war zu trinken,
Dem begann der Trank (nieder) zu sinken,
Dass er ihn auf den Tisch vergoss.
Wer das Brot schnitt,
Dem entfiel das Messer vor innerer Bewegung.
Diese Tröstung brachte sie fast von Sinnen.
Wie mancher liess da ab von seiner Trauer!
Sie sassen alle und hörten
Worauf das Spiel hinaus gienge.
Laut erklang der eine Leich: 10
Luppolt sprang über den Tisch
Und mit ihm Graf Erwin.
Sie hiessen ihn willkommen
Den mächtigen Harfner
Und küssten ihn fürwahr.
Wie deutlich die Frau da erkannte,
Dass er der König Rother war!