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The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) cover

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Chapter 51: KÖNIG ROTHER.
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About This Book

A companion anthology assembles representative extracts of German prose and poetry from the fourth to the nineteenth century, chosen to illustrate the literary periods treated in a contemporary scholarly history. It presents original medieval and early‑modern texts alongside modern German renderings, and includes biographical notices, editorial notes, and guidance on transcription, orthography, and layout. Selection principles and chapter headings follow the historian’s framework while certain major figures receive extended treatment, and the volume intermixes poems, prose excerpts, and critical commentary to serve as a practical reading‑book and reference for students and general readers.

[Scherer D. 93, E. 85.]

Von einem Spielmann um die Mitte des zwölften Jahrhunderts in Baiern verfasst. Das Gedicht beruht auf sagenhafter Grundlage und ist die Umgestaltung eines älteren Gedichts. Herausgegeben von Rückert (Leipzig 1872), v. Bahder (Halle 1884).

BEFREIUNG DER SÖHNE BERCHTERS.

Der zît iz nâhôte
vil harde genôte,
daz Constantîn zô tiske gie.
Dieterich des nicht nelie, 10
her quême mit sînin mannen
vor den kuninc gegangen.
dô man daz wazzer nam,
die juncvrouwe lossam
ginc vor deme tiske umbe
heize weinunde,
ab sie iemanne sô lêve hête getân,
der die botin lossam
ûffe den lîf torste nemen.
ir nechein torste sie des geweren:
herzogin die rîchen 20
virzigin ir gelîche,
biz sie zô den recken quam
mit deme die rât was getân.
dô sprach die magit êrlich
‘nu gedenke, helit Dieterich,
aller dînir gôte
unde hilf mir ûz der nôte.
nim die botin ûffe daz leven,
die heizit dir die kuninc geven.
irzagit sîn mînis vater man:
sie ne turrin sie nicht bestân.
doch sal die edelecheit dîn
mit samt mir geteilit sîn, 10
daz ich der genieze.
swê gerne du daz liezes,
dich ne lâze dîn tuginthafter môt.
du salt mich geweren, helit gôt.’
‘Gerne’ sprach Dieterich,
‘sint irs gerôchit ane mich.
iz ne gât mî nicht wene an den lîf.
doch werdich dîn burge, schône wîf.’
Die botin gab dô Constantîn 20
Dieterîche ûffe den lîf sîn.
der hêrre sie dô ober nam:
dô volgetin ime des kuningis man
zô deme kerkâre,
dâr sie mit nôtin wâren.
die ellenden haftin
lâgin in unkreftin
unde leveden bermelîche.
Berchter der rîche
stunt unde weinôte,
dô her den schal gehôrte.
den kerkêre man ûf brach,
dar în schein dô der tach.
schîre quam in daz liecht,
des newârin sie gewone niecht. 10
Erwîn was der êrste man
der ûz deme kerkêre quam.
alsen der vater an gesach,
wie grôz sîn herzerûwe was!
her kârte sich hin umbe
unde wranc sîne hende,
her ne torste nicht weinen,
unde ne stunt ime nie sô leide,
sint in sîn môter getrôc.
Erwîn der helit gôt 20
was von deme lîf getân
alsô von rechte ein arm man.
Sie nâmin die zwelf grâven
ûz deme kerkâre
und iegelich sînen man.
die rîtâr alsô lossam
sie wârin swarz unde sale,
von grôzen nôtin missevare.
Lûpolt der meister
ne mochte nicht geleisten 30
wan ein bôse schurzelîn,
daz want her umbe den lîf sîn.
dô was der weinige man
harte barlîche getân,
zoschundin unde zeswellôt.
Dieterich der helit gôt
stunt trûrich von leide
unde ne wolde doch nicht weinen
umbe die botin lossam.
Berchter der alde man
ginc al umbe
die haften schouwunde.
done rûwen in nichein dinc 10
harter dan sîne schônen kint.
Dieterich der hêre
heiz die botin hêren
vôren zô den herbergen sîn,
wan Lûpolt unde Erwîn
die liez man eine gân,
daz er ne plach nehein man.
dô sprach Erwîn der mêre
‘Lûpolt, trût hêre,
sie du einin grâwin man 20
mit deme schônin barte stân,
der mich schouwôte
wunderen nôte.
her kârte sich umbe
und wranc sîne hande.
her ne torste nicht weinen,
unde ne stunt ime doch nie sô leide.
waz ob got der gôte
durch sîne ôtmôte
ein grôz zeichin wil begân, 30
daz wir kumin hinnân?
daz is wâr, brôdir mîn,
her mach wole unse vatir sîn.’
dô lachetin sie beide
von vroweden unde leide.
Die ellenden geste
wârin hantfeste
biz an den anderen dac.
die juncvrouwe ern vater bat,
daz her sie lieze dare gân,
sie wolden selve dienan.
orlof er der kuninc gaf.
wê schîre sie over hof getraf 10
zô deme hêrren Dieterîche!
dô hiez man al gelîche
die vremedin rîtâr ûz gân.
dâr nebeleib nichein man
wan der verchmâge
die uber mere wârin gevaren.
den botin alsô lossam
den legete man gôt gewant an
unde vazzede sie vlîziclîche,
daz quam von Dieterîche. 20
der tisc wart gerichtôt.
Berchter der helt gôt
was trochtsâze
die wîle sîne kint âzen.
Alse die hêrren gesâzen,
ir leides ein teil virgâzen.
dô nam die recke Dieterich
eine harfin, die was êrlich,
unde scleich hinder den umbehanc.
wie schîre ein leich dar ûz klanc! 30
swilich ir begunde trinkin,
deme begundiz nidir sinkin
Daz er iz ûffe den tisc gôt.
swilich ir abir sneit daz brôt,
deme intfiel daz mezses durch nôt.
sie wurdin von trôste witzelôs.
wie manich sîn trûren virlôs!
sie sâzin alle und hôrtin
war daz spil hinnen kârte.
lûde der eine leich klanch: 10
Luppolt ober den tisch spranch
unde der grâve Erwîn.
sie heizin en willekume sîn,
den rîchen harfâre
unde kustin in zewâre.
wie rechte die vrouwe dô sach
daz her der kuninc Rôther was!
Um die Zeit
War es gerade so weit,
Dass Constantin zu Tische gieng.
Dietrich kam auch
Mit seinen Mannen 10
Vor den König gegangen.
Als man das Wasser reichte,
Gieng die liebliche Jungfrau
Um den Tisch herum
Unter heissen Thränen fragend,
Ob sie sich einem so freundlich erwiesen hätte,
Dass er für die wackeren Boten
Mit seinem Leben einzustehn wagte.
Ihr wagte keiner das zuzugestehn:
Die mächtigen Herzoge 20
Wiesen ihre Bitte alle zurück,
Bis sie an den Recken kam,
Mit dem die Verabredung getroffen war.
Da sprach die herrliche Maid:
‘Nun gedenke, Held Dietrich,
An alle deine Güte
Und hilf mir aus der Noth.
Steh ein für die Boten mit deinem Leben,
Die befiehlt der König dir auszuliefern.
Verzagt sind meines Vaters Mannen;
Sie wagen es nicht, sie auf sich zu nehmen.
Doch will ich von deiner edeln That,
Einen Theil auf mich nehmen, 10
Damit deren Ruhm auch auf mich falle.
Wie gerne du das auch unterliessest,
Es sei denn, dass dich dein tugendhafter Sinn verliess,
Du musst es mir gewähren, wackerer Held.’
‘Gerne,’ sprach Dietrich,
‘Weil ihr mich darum bittet.
Mehr als das Leben kann es nicht kosten.
Ich werde also dein Bürge, schöne Frau.’
Da gab Constantin die Boten 20
Dietrich gegen Einsatz seines Lebens.
Der Held aber übernahm sie.
Da folgten ihm des Königs Mannen
Zu dem Kerker,
Wo sie in Noth waren.
Die armen Gefangenen
Lagen da entkräftet
Und lebten erbarmungswürdig.
Berchter der mächtige
Stand und weinte,
Als er den Lärm hörte.
Den Kerker brach man auf,
Da schien der Tag hinein.
Plötzlich drang das Licht zu ihnen,
Dessen waren sie ungewohnt. 10
Erwin, war der erste Mann,
Der aus dem Kerker trat.
Als ihn der Vater erblickte,
Wie gross war da sein Herzeleid!
Er wandte sich um
Und rang seine Hände,
Und wagte nicht zu weinen,
Und doch war ihm nie so weh,
Seit ihn seine Mutter geboren.
Erwin, der treffliche Held, 20
War von Kräften gekommen
Wie es für einen Armen natürlich wäre.
Sie nahmen die zwölf Grafen
Aus dem Kerker,
Und ein jeder seinen Getreuen.
Die sonst so glänzenden Ritter
Sie waren schwarz und schmutzig,
Von grossen Nöthen blass.
Lupolt der Meister
Hatte nichts aufzuweisen 30
Als ein armselig Schürzlein,
Das wand er sich um den Leib.
Da war der elende Mann
Gar sehr entblösst,
Zerschunden und vor Hunger aufgedunsen.
Dietrich, der wackere Held,
War traurig von Wehe
Und wollte doch nicht weinen
Um die lieben Boten.
Berchter, der alte Mann,
Gieng um und um,
Die Gefangenen beschauend.
Um keinen empfand er bittereres Leid 10
Als um seine schönen Kinder.
Dietrich der Herr
Hiess die ansehnlichen Boten
Zu seiner Herberge führen,
Ausser Lupolt und Erwin;
Die liess man allein gehn,
Ihrer nahm sich niemand an.
Da sprach Erwin der ruhmreiche
‘Lupolt, trauter Herr,
Sieh dort einen grauen Mann 20
Mit einem schönen Barte stehn,
Der mich angeblickt
Mit ängstlichem Eifer.
Er wandte sich um
Und rang die Hände.
Er wagte nicht zu weinen,
Und war ihm doch nie so weh zu Muthe.
Vielleicht will der gütige Gott
In seiner Gnade
Ein grosses Wunder thun, 30
dass wir von hinnen kommen.
Wahrlich, lieber Bruder,
Es könnte unser Vater sein.’
Da lachten sie beide
Vor Freude und vor Leide.
Die unglücklichen Fremdlinge
Waren gegen Bürgschaft freigelassen
Bis zum andern Tag.
Die Jungfrau bat ihren Vater,
Dass er sie dahin gehn liess,
Sie wollte ihnen selber aufwarten.
Der König erlaubte es ihr.
Wie rasch sie über den Hof eilte 10
Zu dem Herren Dietrich!
Da liess man alle
Die fremden Ritter hinausgehn.
Da blieb niemand zurück
Ausser den Blutsverwandten
Die übers Meer gefahren waren.
Den stattlichen Boten
Legte man gutes Gewand an
Und kleidete sie sorgfältig,
Das gieng von Dietrich aus. 20
Der Tisch wurde gerichtet.
Berchter, der edle Held,
War Truchsess,
Dieweil seine Kinder assen.
Als die Herren sich gesetzt hatten,
Vergassen sie ihres Leides ein wenig.
Da nahm der Recke Dietrich
Eine Harfe, die war herrlich,
Und schlich hinter den Vorhang.
Wie rasch ein Leich daraus hervorklang! 30
Wer im Begriff war zu trinken,
Dem begann der Trank (nieder) zu sinken,
Dass er ihn auf den Tisch vergoss.
Wer das Brot schnitt,
Dem entfiel das Messer vor innerer Bewegung.
Diese Tröstung brachte sie fast von Sinnen.
Wie mancher liess da ab von seiner Trauer!
Sie sassen alle und hörten
Worauf das Spiel hinaus gienge.
Laut erklang der eine Leich: 10
Luppolt sprang über den Tisch
Und mit ihm Graf Erwin.
Sie hiessen ihn willkommen
Den mächtigen Harfner
Und küssten ihn fürwahr.
Wie deutlich die Frau da erkannte,
Dass er der König Rother war!