Es nahte nun zum Streite: ‖ der Held von Sturmland
Begann ein Horn zu blasen, ‖ dass man es von dem Strand
Durch seine starken Kräfte ‖ wohl hörte dreissig Meilen.
Die von Hegelingen ‖ sah man zu Frau Hildens Banner eilen.
Er blies zum andern Male: ‖ das that er deswegen,
Dass sich in die Sättel ‖ schwängen all die Degen,
Und die Scharen richteten, ‖ wohin sie sollten reiten;
Solchen greisen Recken ‖ sah man nie so herrlich in den Streiten.
Er blies zum dritten Male ‖ mit einer Kraft so voll,
Dass ihm die Flut erbebte ‖ und rings der Strand erscholl; 30
Die Ecksteine wollten ‖ aus der Mauer fallen.
Er gebot Horanden, ‖ dass er Hildens Banner liesse wallen.
Sie bangten all vor Waten: ‖ da wurde Niemand laut;
Man hört’ ein Ross wohl wiehern. ‖ König Herwigs Braut
Stand oben in den Zinnen. ‖ Stolz von dannen reiten
Sah man die Kühnen, ‖ die mit König Hartmuth wollten streiten. 20
Nun zog auch König Hartmuth ‖ und Die in seinem Bann
Mit allem Fleiss gewappnet ‖ aus dem Thor heran.
Man sah die Helme glänzen ‖ durch die Fenstersteine
Den Heimischen und Fremden; ‖ wohl war auch König Hartmuth nicht alleine.
Da sah man Hartmuthen ‖ reiten vor dem Heer;
Wenn er ein Kaiser wäre, ‖ er könnte nimmermehr
Sich stattlicher gehaben; ‖ ihm glänzten in der Sonnen
Die lichten Eisenkleider; ‖ hoher Muth war ihm noch unzerronnen.
Da hatte sich Ortweinen ‖ Hartmuth auserkorn;
Obwohl er ihn nicht kannte, ‖ doch trieb er mit den Sporen 30
Sein Ross in weiten Sprüngen ‖ heran zu Ortweinen.
Die Speere neigten Beide: ‖ da sah man bald die lichten Panzer scheinen.
Aufsprangen ihre Rosse: ‖ da hub sich lauter Klang
Von der Könge Schwertern; ‖ sie verdienten beide Dank,
Dass sie den Kampf erhuben ‖ mit so scharfen Streichen.
Es waren kühne Helden: ‖ Keiner wollte vor dem andern weichen. 20
Da sah Horand der Däne ‖ Ortweinen wund;
Da hub er an zu fragen: ‖ ‘Wer mir ungesund
Den lieben Herren machte ‖ im Streit, das wüsst ich gerne.’
Hartmuth der lachte; sie waren ‖ sich einander nicht zu ferne.
Da sagt ihm Ortwein selber: ‖ ‘Das that Herr Hartmuth.’
Da gab Frau Hildens Zeichen ‖ hinweg der Degen gut,
Das er wohl tragen konnte ‖ sich selbst zu grosser Ehre
Und dem Feind zum Schaden: ‖ Hartmuthen eilte hinterdrein der hehre.
Hartmuth in seiner Nähe ‖ vernahm gar lauten Schall;
Dabei sah er stürzen ‖ des rothen Blutes Schwall 30
Manchem aus den Wunden ‖ nieder zu den Füssen.
Da sprach der kühne Degen: ‖ ‘Meiner Helden Schaden sollt ihr büssen.’
Da wandt er sich hinwieder ‖ wo er Horand sah.
Durch der Helden Stärke ‖ bald geschah es da,
Dass Funken aus den Ringen ‖ vor ihre Augen flogen,
Und auf den Helmspangen ‖ sich die geschwungnen Schwerterspitzen bogen. 20
Wie erst dem kühnen Ortwein, ‖ so schlug er darnach
Nun Horand eine Wunde, ‖ dass ihm ein rother Bach
Von Hartmuthens Händen ‖ entsprang den Panzerringen.
Der Degen war so tapfer: ‖ wer wollt ihm da sein Land noch aberzwingen?
Laut rief da Herwig: ‖ ‘Ist das hier wem bekannt:
Wer ist jener Alte? ‖ der hat mit seiner Hand
So viel der tiefen Wunden ‖ schon allhie gehauen
Mit seinen starken Kräften, ‖ dass es beweinen müssen schöne Frauen.’
Das erhörte Ludwig, ‖ der Vogt der Normandie.
‘Wer ist es, der im Kampfe ‖ nach mir fragte hie? 30
Ich bin geheissen Ludwig ‖ von Normandie dem Reiche:
Wüsst ich mit den Feinden ‖ noch zu streiten, säh man mich nicht weichen.’
‘Herwig bin ich geheissen: ‖ du nahmest mir mein Weib:
Die musst du wieder geben, ‖ sonst büsst es der Leib
Eines von uns beiden ‖ und Manches der Getreuen.’
Da sprach der König Ludwig: ‖ ‘Willst du mir so in meinem Lande dräuen?’ 20
‘Du hast mir deine Beichte ‖ hier ohne Noth gethan.
Hier ist noch mancher Andre, ‖ dem ich abgewann
Sein Gut und seine Freunde: ‖ du darfst mir zugetrauen,
Ich will es also schaffen, ‖ dass du nimmer küssest deine Fraue.’
Nach dieser Rede liefen ‖ sich einander an
Die beiden reichen Könige. ‖ Wer Glück bis jetzt gewann
Dem ergiengs nun übel ‖ durch seines Herrn Misslingen.
Von ihren Bannern sah man ‖ manchen Helden hin zu ihnen springen.
Herwig war tapfer ‖ und war auch kühn genug;
Der Vater Hartmuthens ‖ den jungen König schlug, 30
Dass er von Ludwigs Händen ‖ nieder musste fallen;
Er hätt ihn gern geschieden ‖ von seinem Leib und seinen Landen allen.
Waren nicht so nahe ‖ Die in Herwigs Heer,
Die ihm zu Hülfe sprangen, ‖ so konnt er nimmermehr
Bis zu seinem Ende ‖ von Ludwigen scheiden:
So wusste der Alte ‖ den Jungen seine Nähe zu verleiden. 20
Sie halfen Herwigen, ‖ dass er am Leben blieb.
Als er sich nun erholte ‖ von des Alten Hieb,
Empor sah man ihn blicken ‖ zu des Schlosses Zinnen,
Ob auch seine Traute ‖ von dort herab gesehn auf sein Beginnen.
Er gedacht in seinem Muthe: ‖ ‘Ach, wie ist mir geschehn!
Wenn Gudrun meine Herrin ‖ Solches hat ersehn,
Erleb ich je die Stunde, ‖ dass ich sie soll umfahen,
So wird sie mirs verweisen, ‖ wenn ich sie zu küssen will ihr nahen.
Dass mich der greise Alte ‖ hier nieder hat geschlagen,
Des muss ich sehr mich schämen.’ ‖ Sein Banner liess er tragen 30
Gegen König Ludwig ‖ vor allen seinen Mannen.
Sie folgten ihrem Feinde: ‖ der sollte nun mit Nichten mehr von dannen.
Ludwig erhörte ‖ hinter sich den Schall,
Da wandt er sich zurücke ‖ wider ihn zumal;
Da hört’ er auf den Helmen ‖ Schwerter viel erschallen
Die da bei ihm waren, ‖ denen mochte wohl der Könge Grimm missfallen. 20
Gudrunens Trauter ‖ unter Helm und Schildesrand
Erreichte Ludwigen ‖ mit kraftreicher Hand:
Er schlug ihm solche Wunde, ‖ er konnte sich nicht rühren:
Da musste König Ludwig ‖ hier den grimmen Tod von ihm erküren.
Er schlug ihm gleich zur Stunde ‖ so festen Schwertesschwang,
Dass das Haupt dem König ‖ von der Achsel sprang.
Er hatt ihm wohl vergolten, ‖ dass er war gefallen.
Der König war erstorben: ‖ da mussten schöne Augen überwallen.
Da sprach zu seinen Mannen ‖ Hartmuth der Degen:
‘Nun kehrt mit mir von dannen: ‖ so Mancher ist erlegen, 30
Die uns erschlagen wollten ‖ in diesem harten Streiten:
Wir wollen heim zum Schlosse: ‖ da mögen wir wohl harren bessrer Zeiten.’
Sie hatten viel der Degen ‖ gelassen hinter sich;
Wär das Land ihr eigen, ‖ sie hätten sicherlich
Nicht besser sich gehalten; ‖ nun zogen sie vom Felde.
Da sammelte sich Wate ‖ wohl mit tausend seiner kühnen Helden. 20
Er zog bis an die Pforte ‖ heran mit grosser Kraft,
Wo Hartmuth einziehn wollte ‖ mit seiner Ritterschaft—
Doch könnt ers nicht vollbringen. ‖ Er liess sichs nicht verdriessen,
Dass sie von der Mauer ‖ manchen Laststein sahen niederschiessen.
Da sah ihn Herr Hartmuth ‖ vor der Veste Thor.
Er sprach: ‘Was wir verdienet ‖ haben hiebevor,
Das will sich heute wahrlich ‖ mit Zorn an uns bekunden:
Die Gesunden haben Sorge ‖ und ringsum liegen viel der Fährlichwunden.
Ich kann jedoch nicht fliegen; ‖ Federn hab ich nicht.
Noch durch die Erde kriechen, ‖ wär es gleich hier Pflicht. 30
Uns wehren auch die Feinde, ‖ dass wir ans Wasser kämen:
Meinen Rath den besten ‖ lass ich euch bescheidentlich vernehmen.
Es kann nicht anders werden, ‖ ihr edeln Ritter gut,
Steigt nieder zu der Erden ‖ und hauet heisses Blut
Aus den lichten Ringen! ‖ das lasst euch nicht verdriessen.’
Sie sprangen aus den Sätteln, ‖ indem sie rasch zurück die Rosse stiessen. 20
‘Nun zu, ihr Ehrenfesten,’ ‖ sprach da Hartmuth:
‘Geht näher zu der Veste! ‖ seis übel oder gut,
Ich muss zum alten Wate: ‖ wie mir da gelinge,
Ich will doch versuchen, ‖ ob ich den nicht von der Pforte bringe.’
Mit aufgehobnen Schwertern ‖ schritten sie heran,
Hartmuth der kühne ‖ und Die in seinem Bann.
Er bestand den grimmen Wate: ‖ des freute sich der Degen.
Man hörte Schwerter klingen: ‖ da sind der Helden desto mehr erlegen.
Eilends kam da Ortrun, ‖ die bang die Hände wand,
Die junge Königstochter ‖ von der Normannen Land, 30
Zu Gudrun der schönen: ‖ die junge Maid, die hehre,
Fiel ihr zu Füssen klagend, ‖ dass ihr Vater Ludwig erschlagen wäre.
Sie sprach: ‘Lass dich erbarmen, ‖ edles Fürstenkind,
So vieler von den Meinen, ‖ die hier erstorben sind;
Gedenke, wie zu Muthe ‖ dir war, als man dir deinen
Vater hat erschlagen: ‖ nun hab ich hier verloren heut den meinen. 20
Nun sieh, edle Königin, ‖ wie gross ist diese Noth:
Mein Vater, meine Freunde, ‖ schier Alle sind sie todt;
Nun seh ich auch den Bruder ‖ Waten mir gefährden!
Wird Hartmuth auch erschlagen, ‖ so muss ich ganz zu einer Waise werden.
Vergilt nun meine Liebe’ ‖ sprach das edle Kind,
‘Als Niemand dich beklagte ‖ von Allen, die hier sind,
Und du zum Freunde hattest ‖ niemand als mich alleine;
Man that dir viel zu Leide; ‖ zu allen Zeiten musst ich um dich weinen.’
Da sprach die Tochter Hildens: ‖ ‘Das hast du oft gethan;
Doch weiss ich nicht, wie diesem ‖ Streit ich wehren kann: 30
Wär ich nur ein Recke, ‖ dass ich Waffen trüge,
Ich wollt ihn gerne scheiden, ‖ dass den Bruder Niemand dir erschlüge.’
Mit ängstlichen Klagen ‖ flehte sie und bat,
Bis da endlich Gudrun ‖ in das Fenster trat:
Sie winkte mit der weissen Hand ‖ und fragte laut um Märe,
Ob aus ihrer Heimat ‖ nicht hier jemand in der Nähe wäre? 20
Da gab ihr Herwig Antwort, ‖ ein edler Ritter gut:
‘Wer seid ihr, edle Jungfrau, ‖ die solche Frage thut?’
Sie sprach: ‘Ich heisse Gudrun, ‖ die Enkelin des Hagen:
Wie reich ich war vor Zeiten, ‖ hier seh ich anders nichts als leide Tage.’
Er sprach: ‘Seid ihr es, Gudrun, ‖ die liebe Herrin mein?
Euch zu dienen will ich ‖ stets beflissen sein;
Ich aber heisse Herwig, ‖ den eure Huld soll trösten:
Ich lass euch das wohl schauen, ‖ dass ich euch gern aus allem Leid erlöste.’
Sie sprach: ‘Wollt ihr mir dienen, ‖ Ritter auserwählt,
So hoff ich, dass ihr solches ‖ mir nicht zum Unrecht zählt: 30
Mich bitten hier so dringend ‖ diese schönen Maide,
Dass man Hartmuthen ‖ von dem Grimm des alten Wate scheide.’
‘Das will ich gerne leisten, ‖ liebe Herrin du.’
Laut rief da Herwig ‖ seinen Recken zu:
‘Nun bringt zu Watens Feinden ‖ mein Banner hin geschwinde.’
Da drängte durch die Scharen ‖ sich Herwig und all sein Ingesinde. 20
Da ward von Herwig Grosses ‖ im Frauendienst gethan;
Mit lauter Stimme rief er ‖ den alten Wate an:
‘Wate,’ sprach er, ‘lieber Freund, ‖ vergönnet uns zu scheiden
Dieses grimme Streiten: ‖ das bitten euch die minniglichen Maide.’
Wate sprach im Zorne: ‖ ‘Herr Herwig geht doch hin!
Soll ich nun Frauen folgen? ‖ wo hätt ich meinen Sinn,
Wenn ich die Feinde sparte? ‖ da wär ich wohl zu schelten;
Darin folg ich euch nimmer: ‖ Hartmuth muss seiner Frevel hier entgelten.’
Gudrun zu Liebe ‖ zu den Kämpfern sprang
Herwig der kühne; ‖ da vernahm man Schwerterklang. 30
Wate war erzürnet, ‖ er mocht es niemals leiden,
Wenn es Jemand wagte, ‖ ihn im Kampf von seinem Feind zu scheiden.
Da schlug er Herwigen ‖ einen grimmen Schlag,
Dass Der sie scheiden wollte ‖ vor ihm am Boden lag.
Da sprangen seine Recken ‖ und halfen ihm von dannen.
Gefangen ward da Hartmuth ‖ Herwig zum Trotz und allen seinen Mannen.