Das war zu der Zeit,
da der Sommer nahte:
die Vögel in dem Walde
laut und keck
sangen mit mancherlei Stimmen.
Rosen und Ginster
blühten alle um die Wette.
Es war gerade zu der Zeit,
wo man Freudlosigkeit hasst.
Es hatte sich geschmückt 10
der Wald und schönes Gewand
für den Sommer angelegt,
grünes Laub und drunter Gras,
dass es ein schöner Teppich war
von mancherlei Blüthen.
Dies schafft ein gut, zufriednes Gemüth,
wenn man auf Freude sinnen darf,
und dazu der Vögel süsser Sang.
Früh, an einem Morgen
da konnte sie vor Sorgen 20
nicht schlafen noch länger liegen dort.
Da erhob sich die Herrin sofort
und gieng, ihrer Trauer nachzuhängen
dorthin, wo über der Burgmauer
eine Laube hieng.
Dahin kam sie alleine gegangen:
in ein Fenster sie trat,
wie sehnsüchtige Frauen oftmals thun,
denen die Liebe Leid gebracht;
die muss man in Trauer sehen.
So war es ihr ergangen.
Ihre weisse schön geformte Hand 10
lehnte sie an die Wange
und lauschte dem Vogelsange.
Da sang gar süss die Nachtigall.
Sie sprach ‘Wohl ihm, der leben darf
in Freuden, wie ich es thun könnte,
wenn ich mirs gegönnt hätte.
Nun muss ich aber immerdar
zu meinem grossen Schaden und ohne Ehre
meine Jugend verderben.
Und wem soll ich daraus einen Vorwurf machen, 20
dass ich hinfür vergebens
einem todähnlichen Leben
verfallen und unterthan sein muss?
Ich gönnt’ es mir: drum muss ich’s haben.
Das muss Gott geklagt sein.’
Nun war die Jungfrau, ihre Dienerin,
auch leise dahin gegangen, um zu spazieren,
und hörte ihrer Herrin Klage ganz an.
Wenn sie auch schuldig war,
so dauerte sie doch ihr Kummer so sehr,
dass sie da nicht stehn bleiben mochte
und wieder in’s Haus gehn wollte:
so jämmerlich war jener Klage.
Da sah sich die Dame um
und sprach sofort zu ihr
‘Bist du schon einige Zeit hier?’ 10
‘Ja, ich habe alles vernommen
was euch in’s Herz gedrungen ist.
das schmerzt mich und thut mir leid.
Ich hab euch vordem die Wahrheit gesagt,
da aber wolltet ihrs nicht glauben.
ihr wisst doch noch, dass ich euch meinen Rath gegeben habe.’
‘Ja, ich weiss recht wohl,
der mich zu erfreuen vermöchte,
der würde sein Vergehen so stille
zu Nichte gemacht haben wie des Meeres Wogen. 20
Ich kann aber nimmermehr froh werden,
es sei denn, dass mir das Glück noch werde,
dass er mich fröhlich macht
und mit Güte entschädigt,
von dem ich bei Tag und bei Nacht
diesen Kummer trage.
Mich reut, dass ihm je von mir
ein Ungemach geschehen.
Die Reue kommt zu spät.
Hätte ich deinem Rathe
gefolgt, das wäre mir gut gewesen.
Wer häufig ohne Rath handelt 10
nach seinem Willen für sich,
den reut es so wie mich.
Doch kommt mir die Reue zur Unzeit.
Glaubt’ ich doch, dass Weiberlaune
mit Recht den Vorrang hätte.
davon hab’ ich diesen Schaden.
Nun ist das Recht an mir gebrochen.
Er hat sich damit an mir gerächt,
dass er mir aus dem Wege geht.
In meinem Herzen leid’ ich Kummer 20
und Noth bis an mein Ende.
In diese ausgespannte Fessel
bin ich durch meine Schuld gefallen.
Deshalb rathe ich allen,
die sich mit stäter Liebe
fürder befassen,
dass sie auf mein Leid blicken
und sich hüten, dass ihnen so geschehe.
Lasst diese Sache nun gehn
Deutsche Sprache die ist arm:
wenn einer darin dichten wolle,
so muss er, soll seine Rede glatt werden,
die Worte spalten
und zwei zusammen falten.
Das hätte ich gerne, wenn ich es vermöchte,
meisterlicher und besser gemacht.