Die jenen rechten Herren verlassen
und diesem falschen sich zugesellen,
denen wird der Tod statt des Lebens
von ihm zum Lohne gegeben.
Sein Lohn ist nichts als Herzeleid,
wie ich zum Theil dir schon gesagt.
Die dieser Welt Anhänger sind
und ihre dienstfertigen Kinder,
die vergleiche ich mit einem Mann,
der durch ein Thier in Noth gerieth;
das war ein gewaltiges Einhorn.
Sein Brüllen erscholl so laut,
dass es den Mann in Noth brachte.
er fürchtete sich und floh den Tod. 10
Doch verfolgte es ihn rücksichtslos.
Als er in sorgenvoller Flucht
vor dem Einhorn davonlief,
da fiel er in einen tiefen Abgrund
über eine Wand hinab.
Im Fallen ergriff seine Hand
ein Bäumlein; da blieb er dran hängen:
das rettete unseren Mann.
Er hielt sich gar fest
an des Bäumleins Äste. 20
Die Füsse hatte er auf ein
furchtbar enges Plätzchen gesetzt;
das war ein kleines Stück Rasenerde,
ohne kräftige Wurzeln mit Gras bewachsen:
darauf hielt er sich im Fallen.
Dieser Platz war so schmal,
dass er nicht darauf stehn konnte,
wenn er das Bäumlein etwa hätte fahren lassen müssen.
Stand er auch da in grosser Noth,
so meinte er doch, es wäre der Tod
in Frieden von ihm genommen.
Da kamen sofort zwei Mäuse;
die eine war schwarz, die andere weiss:
die machten sich mit eifrigem Bemühen
an die Wurzel der Staude. 10
Die benagten sie so emsig,
bis die Wurzel beinahe nachgab,
welche die Staude fest hielt.
Das war eine ängstliche Geschichte.
Er vermochte es nicht abzuwenden,
sie waren daran, die Wurzel zu bewältigen.
Da sah er einen Drachen liegen
tief unter sich in dem Thal;
der hoffte auf des Mannes Fall.
Es war eine ängstliche Umschliessung. 20
Er war gar leidig anzusehen:
seine Augen und sein Athem
waren feurig;
er sperrte den Rachen weit auf:
da drang das Feuer sofort heraus
mit gewaltiger Flamme, sobald er sich regte,
wie aus einem heissen Ofen
aus seinem weiten Rachen.
Er harrte der Stunde
mit wüthendem Verlangen,
in der er verschlänge diesen Mann.
Für den Fall dass er fiele, hatte er bereits
das Maul aufgesperrt, wie ich gesagt,
als wollte er ihn verschlingen.
Da begann dem Mann 10
die Freude zu vergehn in dieser Noth,
dazu brachte ihn die Furcht.
Als der Mann dies Ungemach
unter sich in dem Drachen erblickte,
und wie das wüthende Einhorn
über ihm tobte,
indem es laut nach ihm schrie,
und dass die Wurzel der Staude
von den Mäusen nahezu entzwei
gerieben war, da dachte er, ob ihn 20
wohl die kleine Stelle tragen könnte,
wo er die Füsse hingesetzt hatte,
um sich vor dem Falle zu retten.
Als er auf diese kleine List
in seinen grossen Nöthen kam,
da sah er sofort das Ende ab.
Dort konnte er sich nicht befreien:
aus der Wand sah er ragen
vier grosser Würmer (Drachen) Häupter.
Da ward er freudeleer,
denn nun war er des Todes gewiss.
Von Schlangen, sie heissen Aspis
und besitzen grosse Unerschrockenheit
im Kampfe mit lebenden Wesen,
von denen wurde er vier gewahr
zu seinen Füssen an der Wand,
die untergruben den Rasen 10
und stiessen ihn heftig,
der unter seinen Füssen lag
und ihn nur unsicher trug;
schon begann er allen Ernstes
diesem Mann seine Hilfe zu versagen.
Als diese vierfältige Noth
dem Mann so grosse Furcht erweckte,
da sah er aus einem Aste
sanft und nicht schnell
ein wenig Honigseim herausfliessen. 20
All seine Noth vergass er da:
er beugte sich sofort dahin
und liess ihn sich in den Mund träufeln.
Wohin er sah, da war Noth;
er sah sich dem Tod nahe:
Wie fürchterlich auch war, was er sah,
er liess nicht von den Honigtropfen!
Ist deinen Sinnen dies flüchtige Beispiel,
zu schwer zu erfassen,
so will ich dir’s deuten,
die richtige Erklärung nicht verschweigen.
Die Grube, darein der Mann fiel,
darunter sollst du die Welt verstehn,
die mit mancherlei Pein
uns ihre Stricke gelegt hat.
Das Einhorn, das ist der Tod,
der mit ängstlicher Sorge 10
das ganze Menschengeschlecht jagt,
bis dass sein Name an ihm zu Tage tritt.
Das Bäumlein, das ist das Leben,
das uns allen gegeben ist,
einem jeden nach seiner Macht.
Der lichte Tag, die trübe Nacht
bezeichnen diese zwei Mäuse,
die jene Wurzeln so zernagten,
dass die Staude ihren Halt verlor,
an der der Mann mit Furcht hieng. 20
Also zernagen um die Wette
unser Leben Tag- und Nachtzeit.
Ihr Nagen nimmt kein Ende,
eh man sie abnagen sieht
unseres Lebens Wurzelkraft,
daran unser Leben hängt.
Merke auch in deinem Verstand,
dass der feurige Drache,
der den Rachen nach dem Manne aufsperrte,
den Höllengrund bezeichnet
und des Teufels Anblick,
der furchtbaren Kummer bedeutet.
Die vier Schlangenhäupter sind
vier Kräfte, durch die alle Kinder,
welche Menschen entstammen,
Leib und Leben empfangen haben,
der vier Elemente Kraft,
aus denen Gottes Meisterschaft 10
das Leben aller Menschheit
zusammengefügt hat.
Das ist die ungewisse Stelle,
auf die der Mann um sich zu retten
seine Füsse gesetzt hatte.
Der Welt unstäte Süssigkeit
erkenne in dem Honig,
der jenem in dem Mund troff,
und um des kleinen Tröpfleins willen
vergass er all seiner Ängste. 20
Damit sei Dir ein Bild gegeben,
dass du daran dieser Welt Leben
genau erkennest, wie es darum steht.’