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Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. / Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen. cover

Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. / Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen.

Chapter 11: 4.
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About This Book

Die Erzählung spielt in einer Grenzstadt, in der politische Umwälzungen das öffentliche Leben und private Verhältnisse erschüttern. Im Mittelpunkt stehen ein Apotheker mit seiner Tochter, deren Verlobung mit einem jungen Advokaten und die Spannungen zwischen loyalistischen und freiheitsfreundlichen Gesinnungen. Die Proskription und Flucht einer jungen Gräfin, auf die ein hohes Kopfgeld ausgesetzt ist, verbreiten Gerüchte und beunruhigen die Bürgerschaft. Hausinterne Veränderungen — die Erkrankung der bisherigen Haushälterin, die Ankunft einer neuen Magd und die Zurückhaltung des Verlobten in politischen Fragen — verbinden persönliche Sorgen mit der politischen Lage. Die Novelle verknüpft politische Verfolgung, private Bindungen und die Auswirkungen auf Alltag, Liebe und Sicherheit.

– Komm, rief Graff und zog den Förster mit sich fort, die Sache wird so schlimm nicht werden, als Du denkst! Schlagen wir diesen Weg nach dem Wirthshause ein, wir wollen einen Schoppen zusammen trinken, vielleicht giebt uns der Wein einen gesunden Rathschlag, der uns wieder flott macht! Komm, Freund Eberhard, und verliere den Kopf nicht!

– Du hast Recht, rief Eberhard mit glühenden Augen, denn in diesem erbärmlichen Leben sind ja doch nur die Augenblicke glücklich, wo der Verstand zum Teufel geht. Komm, ich folge Dir!

– Recht so, Freund, wir wollen die Grillen verplaudern und vertrinken!

Singend, daß der Wald wiederhallte, zogen sie Arm in Arm den Fußweg fort, der nach zehn Minuten auf einen Platz mündete, auf welchem ein einsames Häuschen stand. Es ward von einem alten Jäger bewohnt, der Getränke und Speisen im Sommer feil bot, weil es an der Straße lag, welche von den Reisenden am häufigsten gewählt wurde, um den Brocken zu besuchen.

Jauchzend, als ob ihnen das größte Glück begegnet, traten die beiden Männer ein und forderten lärmend von dem besten Weine. In einem Zimmer, dessen niederes Fenster nach dem Waldplatze hinausging, setzten sie sich an einen Tisch und begannen wacker zu zechen, wobei Graff Anecdoten und Schnurren erzählte, über welche Eberhard, dem nach und nach der Wein zu Kopfe stieg, aus vollem Herzen lachte und Heirath und Schulden vergaß.

Der Abend war während dieser Zeit völlig hereingebrochen, im Westen zogen sich die Gewitterwolken immer drohender zusammen, im Osten aber stieg der Mond herauf und beleuchtete mit seinem melancholischen Lichte den schweigenden, duftenden Wald.

In der Unterhaltung der beiden Jäger war eine Stockung eingetreten, denn Eberhard's schwerer Kopf hatte sich auf den Tisch gesenkt und schien dem Weine und der drückenden Schwüle völlig zu unterliegen. Graff betrachtete durch das geöffnete Fenster die prachtvolle Abendlandschaft. Das Zimmer war dunkel und in den übrigen Räumen des einsamen Hauses regte sich kein Laut, da diesen Abend die beiden Jäger die einzigen Gäste waren.

Plötzlich hörte Graff ein Gespräch in dem Walde. Er lauschte. Es schien unter Leuten stattzufinden, die den Weg von dem kaum eine halbe Stunde entfernten Dorfe herkamen. Die Worte tönten laut durch den stillen Abend, aber Graff konnte sie dennoch nicht verstehen, da das gleich darauf folgende Echo sich mit ihnen mischte. Soviel vermochte er aber zu unterscheiden, daß eine der Stimmen einer Frau oder einem Mädchen angehörte.

Nach einigen Minuten sah der Jäger zwei Personen aus dem Gebüsche auf den hell erleuchteten Waldplatz treten; sie gingen langsam Arm in Arm und führten ein fröhliches Gespräch, dessen Worte Graff schon seit einiger Zeit gehört hatte. Leise zog er sich in das dunkele Zimmer zurück und begann zu lauschen.

– Weiter gehe ich nicht, Konrad, sagte die Mädchenstimme – hier ist das Wirthshaus des alten Vaters Kaspar, wir sind eine halbe Stunde von unserm Dorfe entfernt, und das Gewitter zieht immer drohender herauf.

– Wie Du willst, meine Marie, antwortete die Stimme eines Mannes. Wir wollen uns auf die Bank unter dem Fenster setzen und so lange warten, bis meine Schwester Röschen kommt. Ich hoffe, sie wird sich beeilen, wenn sie den schwarzen Himmel sieht.

– Ich an Röschens Stelle hätte den Weg zu der Tante auch an einem andern Tage abgemacht, sagte Marie wieder – es wäre besser gewesen, wenn wir heute zusammengeblieben wären und Deine Ankunft durch eine Parthie nach dem Ilsensteine gefeiert hätten.

– Du hast Recht, liebe Marie; aber die Tante ist eine alte Frau, die meinetwegen in Sorgen ist und es gewiß nicht gut aufgenommen hätte, wenn wir mit der Nachricht von meiner Rückkehr noch einige Tage gezögert. Außerdem hat sie noch ein wichtiges Geschäft mit ihr abzumachen.

– Ein Geschäft?

– Das Dich und mich betrifft.

– Ich verstehe, flüsterte das Mädchen – ihre Einwilligung?

– Ja, Marie; und morgen gehe ich selbst hinüber, um sie persönlich darum zu bitten.

– Ach, Konrad, wenn aber der Krieg mit den Dänen wieder ausbricht?

– Mag er ausbrechen, sagte heftig der junge Mann, ich rühre keine Hand, ich bleibe bei meiner Marie und besorge die Wirthschaft.

– Wenn man Dich aber mit Gewalt zwingt?

– Man wird mich nicht zwingen, mein Mädchen, denn, noch ehe das Laub von den Bäumen fällt, bin ich Dein Mann, und wenn ich nachweise, daß die Verwaltung der Meierei auf mir allein lastet, kann mich kein Teufel zwingen, diesen erbärmlichen Krieg mitzumachen.

– Du sahest auch viel besser aus, als Du den Soldatenrock abgelegt und Deine gewöhnlichen Kleider wieder angezogen hattest, und vorzüglich stand Dir die alte Feldmütze schlecht. Da lobe ich mir den schwarzen Hut, rief lächelnd das junge Mädchen – Du siehst noch einmal so hübsch darin aus.

– Und wie werde ich erst aussehen, antwortete Konrad, wenn das rothe Bräutigamsband daran flattert!

– Das wollen wir gleich einmal probiren! rief Marie, indem sie dem jungen Manne den Hut vom Kopfe nahm.

– Nun, was willst Du mit dem Hute?

– Gieb Acht, Konrad!

Mit einer leichten Handbewegung hatte Marie ein rothes Band von ihrem schwarzen Mieder abgelös't, das auf der Brust eine große Schleife bildete, und schlang es um den Hut, den sie auf ihren Knien hielt.

– So, sagte sie fröhlich und setzte dem Geliebten den Hut wieder auf das Haupt – so sieht ungefähr der Hut eines Bräutigams aus – schade, daß das Band keine längern Schleifen hat!

– Marie, rief der entzückte Konrad, dieses Band gebe ich Dir nicht zurück!

– Nun, so behalte es, bester Freund, seine rothe Farbe mag Dir ein Sinnbild meiner Liebe sein!

– Und dieser Kuß mag Dir sagen, daß meine Liebe noch größer ist, als die Deinige!

– Das ist nicht wahr!

– O ja!

– O nein!

Konrad schloß das Mädchen in seine Arme und machte durch einen feurigen Kuß dem kleinen Streite ein Ende. In inniger Umarmung blieb das glückliche Paar wohl zehn Minuten lang, ohne den Lauscher am Fenster zu gewahren. Der Mond war indeß hinter den Zweigen einer Eiche hervorgetreten und beleuchtete sanft die Gesichter der beiden Liebenden, die sich schweigend ansahen und nur durch Küsse die Gefühle ihrer Herzen äußerten.

Plötzlich erklangen Schritte in dem Walde.

– Hörst Du? rief Marie; jetzt kommt Röschen. Ich werde ein wenig mit ihr zanken, daß sie so lange auf sich warten läßt.

Und wie eine Gemse flog sie über den Rasenplatz dem Waldwege zu, von woher die Schritte sich vernehmen ließen. Doch kaum hatte sie das dunkele Gebüsch betreten, als die schwarze Gestalt eines Mannes vor ihr stand. Mit einem lauten Schrei fuhr Marie erschreckt zurück und flog auf Konrad zu, der ihr nachgeeilt war.

– Was giebt es? rief der junge Mann mit kräftiger Stimme.

– Sieh' jene Gestalt – sie kommt näher! Laß uns fliehen, vielleicht ist es ein Räuber!

– Fliehen, ich? rief Konrad und vertrat dem Manne, der jetzt den Rasenplatz erreicht hatte, den Weg.

– Konrad, sagte der Fremde, bist Du es?

– Konrad ist mein Name; wer aber ist der, der danach fragt?

– Kennst Du mich nicht? flüsterte der Fremde.

– Mein Gott, ist es möglich – Sie, Herr Graf – allein hier im Walde?

– Still, mein Freund, ich habe mit Dir zu reden.

– Mit mir? fragte Konrad verwundert.

– Ich bin nur deshalb gekommen. Ich wollte Dich in Deiner Wohnung aufsuchen. – Wer ist jenes Mädchen, das bei meinem Anblicke floh?

– Es ist ja Marie, meine Braut, Herr Graf. Ach, wie wird sie sich freuen, wenn sie Sie wiedersieht – ich will sie holen!

– Konrad, wenn Du mich liebst, so sorge, daß mich niemand erkennt, auch Marie nicht.

– Um des Himmelswillen, Herr Graf, was ist Ihnen? Sie sind so bewegt – ihr Gesicht ist bleich – was ist vorgegangen?

– Du sollst alles erfahren, doch zuvor sende Marien in das Dorf zurück, ich bedarf Deiner.

– Marie soll allein zurückkehren?

– Sende einen Mann aus dem Wirthshause als ihren Begleiter mit.

– Was soll sie davon denken? wandte Konrad ein.

– Mir fällt ein, daß Du sie begleiten kannst. Laß sie einen Augenblick in das Haus treten, dann kehre zurück, ich erwarte Dich hier, um Dir ein Geheimniß anzuvertrauen.

Ohne ein Wort zu entgegnen eilte Konrad zu seiner Braut, die zitternd an der Thür des Wirthshauses stand.

– Marie, sagte er leise, gehe auf einige Augenblicke zu dem alten Kaspar hinein, dann hole ich Dich ab, und wir kehren zusammen nach Hause zurück.

– Wer ist der Fremde? fragte ängstlich das bebende Mädchen.

– Ich kann ihn Dir jetzt nicht nennen; doch fürchte nichts, die Unterredung, die er von mir wünscht, kann nur zu unserm Vortheile sein – komm in das Haus!

Konrad ergriff Marien's Arm und zog sie sanft mit sich fort, wobei er ihre Befürchtungen durch freundliches Zureden zu verscheuchen suchte. Nachdem er sie der Obhut des alten Kaspar übergeben, der sie mit herzlicher Freude aufnahm, kehrte er auf den Platz zurück.

Der Graf hatte sich auf der Bank unter dem Fenster niedergelassen und hielt sinnend seinen Kopf in beiden Händen.

Graff hatte während des Gesprächs der beiden Männer Konrads Hut mit dem Bande von der leicht zu erreichenden Bank genommen und den Schläfer am Tische geweckt.

– Eberhard, rief er leise, wache auf!

– Was giebt es, rief dieser schlaftrunken.

– Sieh diesen Hut!

– Was soll der Hut?

– Das Band, das ihn schmückt, ist von Marien, welche die einträgliche Meierei besitzt!

– Wem gehört er?

– Konrad, Deinem Nebenbuhler. Doch sei still, man nähert sich der Bank vor dem Hause.

In diesem Augenblicke, und während Eberhard den Hut zornig mit Füßen trat, näherte sich der Graf und ließ sich auf der Bank nieder. Einen Augenblick später erschien auch Konrad. Beide ahnten die Nähe der lauschenden Jäger nicht.

– Herr Graf, begann Konrad, warum geben Sie sich die Mühe zu mir zu kommen, anstatt mich auf das Schloß rufen zu lassen?

– Konrad, sagte bewegt der Graf, indem er dessen Hände ergriff, Du bist glücklich, sehr glücklich, denn Du kannst das Mädchen Deiner Liebe zu Deiner Gattin machen.

– Ja, Herr Graf, flüsterte freudig der junge Mann, ehe der Herbst das Laub auf diesen Bäumen gelb färbt, soll Marie meine Frau sein – noch im Laufe dieser Woche hätte ich um Ihre Erlaubniß nachgesucht, und nicht wahr, Sie hätten sie mir nicht verweigert.

– Habe ich Dir nicht gesagt, Freund Konrad, als wir vor zwei Monaten am Wachtfeuer lagen und von unserer Heimath plauderten, daß wir an einem Tage vor den Altar treten würden?

– O, ich weiß es noch, am andern Tage standen wir auf Vorposten – –

– Wo ich von den hinterlistigen Dänen niedergehauen worden wäre, fiel rasch der Graf ein, wenn Du nicht mit muthiger Todesverachtung mich gerettet hättest.

– Das wollte ich nicht sagen, Herr Graf, – was ich gethan, hätte jeder andere für seinen Major auch gethan.

– Konrad, rief der Graf im Tone der Verzweiflung, Konrad, ich wolle, die dänischen Bayonette hätten mich durchbohrt, daß ich nie diese Berge wiedergesehen!

– Mein Gott, was ist geschehen? Sie wollten mir ja erzählen – –

– Höre mich an, sagte seufzend der Graf, und urtheile selbst, ob mein Wunsch ein gerechter ist: man hat mich meiner Emma beraubt!

– Wie, rief Konrad, der jungen Gräfin, von der Sie stets mit so großer Liebe sprachen, so oft wir uns sahen?

– Und die ich bei meiner Rückkehr zum Altare zu führen gedachte. Während meiner Abwesenheit hat man über ihre Hand verfügt, die Familie hat bestimmt, daß sie den alten Baron von H. heirathen soll.

– Unglaublich! rief Konrad.

– Und dennoch wahr! seufzte der Graf.

– Der Baron ist ja mindestens noch einmal so alt, als Sie, Herr Graf. Die junge Gräfin Emma kann den Greis nicht lieben!

– Sie liebt nur mich, ich weiß es; ihre Familie aber will es, und das arme Mädchen muß gehorchen. Wie man mir gesagt, soll in einigen Tagen die Verlobung stattfinden.

– In einigen Tagen schon?

– Wahrscheinlich, um die Sache vor meiner Heimkehr abzumachen, die man so bald nicht vermuthet hat. Das Ganze ist das Werk des Barons, darum habe ich ihm geschrieben und ihn auf Degen gefordert.

– Herr Graf, was haben Sie gethan! rief Konrad zurückfahrend.

– Was meine Ehre erfordert! Diesen Abend neun Uhr findet das Duell in den Ruinen der nahen Abtei statt.

Graff, der am Fenster aufmerksam gelauscht, flüsterte seinem Genossen zu:

– Der Ort ist gut gewählt, denn er eignet sich vortrefflich, jemandem ungestört den Hals zu brechen!

– Aber haben Sie auch alles reiflich bedacht? wandte Konrad ein, dem das Geschick des Grafen tief zu Herzen ging – erwägen Sie, daß schon Ihr Brief genügt, Sie anzuklagen und zu verurtheilen!

– Ich trotze allem, antwortete finster der junge Graf, da ich an der Zukunft verzweifele.

– Und wenn sich der Baron nun nicht stellt und Sie anklagt, einen Anschlag auf sein Leben ausgeübt zu haben?

– Er wird sich stellen, denn er besitzt Muth.

– Und wahrscheinlich auch Kaltblütigkeit, während Sie in der größten Aufregung sind. O mein Gott, wenn er Sie tödtete! rief Konrad.

– Nein nein, fürchte nichts, ich kann mich auf meinen Arm verlassen!

– Und wenn Sie den Baron tödten oder verwunden?

– In diesem Falle, den ich fast voraussetze, zähle ich auf Dich. Höre mich an, fuhr rascher der Graf fort: Du kennst die Wohnung meines Freundes, des Oberförsters von G.?

– Ich kenne sie – eine halbe Stunde jenseits des Dorfes, am Walde –

– Dorthin gehst Du, nachdem Du Deine Marie zu Hause geleitet. Du erzählst dem Oberförster mein Duell und bittest ihn um seine Pferde und seinen Wagen. Dann fährst Du nach dem Kreuzwege unterhalb dieses Gehölzes und erwartest mich.

– Wie, Herr Graf, ich soll nicht an Ihrer Seite stehen, wenn Sie sich schlagen?

– Nein, mein Brief kündet an, daß ich allein komme, und außerdem habe ich keinen, dem ich meine Flucht anvertrauen könnte. Bin ich einmal jenseits der Grenze, schiffe ich mich nach Amerika ein.

– Aber haben Sie denn auch Geld zur Reise?

– Ich habe alles vorbereitet, in meinem Gürtel befindet sich eine bedeutende Summe in Golde.

– Und Ihr herrliches Gut, Herr Graf, mit den einträglichen Waldungen –?

– Gehört schon lange nicht mehr mir, es ist verpfändet. Doch nun beeile Dich, sagte der Graf und stand auf, denn es ist acht Uhr und ich darf nicht auf mich warten lassen. Sei pünktlich und verschwiegen!

– O mein Gott, rief Konrad, vermag denn nichts Ihren Entschluß zu ändern –?

– Nichts in der Welt! antwortete fest der Graf. – Du zögerst und überlegst – sollte ich mich in Dir getäuscht haben? Willst Du mir den letzten Dienst nicht erweisen?

– Sie wollen es, Herr Graf – so sei es denn! Ich werde mich mit dem Gespanne an dem Kreuzwege einfinden. Gebe nur der Himmel, daß ich nicht lange auf Sie zu warten brauche!

– Konrad, kann ich auf Deine Verschwiegenheit zählen?

– Wie auf mein Bayonett in der Dänenschlacht!

– Selbst Marie wird nichts erfahren, da sie mir herzlich zugethan ist?

– Mein Wort darauf!

– Auf Wiedersehen!

Der Graf schlug seinen Mantel um die Schultern, um ein Paar Degen zu verbergen, dann verschwand er im Walde. Konrad eilte so bestürzt in das Wirthshaus, daß er nicht an den Hut dachte, den er auf der Bank unter dem Fenster hatte liegen lassen.

Nach einigen Minuten trat der junge Mann wieder aus dem Hause; er führte Marien am Arme, die ihn mit Fragen über den fremden Mann bestürmte. Aber Konrad hielt sein Wort, er gab ausweichende Antworten und verschwieg, obwohl mit schwerem Herzen, seiner Braut den Namen des Grafen und dessen Absicht. Bald hatten sie das Dorf erreicht. An der Meierei schieden sie. Marie, obgleich sie den braven Character ihres Geliebten kannte, mit sorglichem Herzen, und Konrad, den das Schicksal seines Gutsherrn kümmerte, mit klopfender Brust, denn er glaubte, zu seiner Rettung nicht früh genug auf dem Kreuzwege einzutreffen.

Als die beiden jungen Leute den Waldplatz verlassen, traten Graff und Eberhard aus dem Wirthshause. Sie wünschten dem alten Kaspar laut eine gute Nacht und verschwanden im Walde. Der Greis schloß die Thür seines Häuschens.

4.

Neun Uhr war vorüber, als die Nachtstille, welche über dem Dorfe ausgebreitet lag, durch Musik und Vivatgeschrei unterbrochen wurde. Die jungen Burschen und Mädchen zogen von der Schenke aus nach der Wohnung Valentins, um dem neuen Ortsrichter ihre Huldigungen darzubringen. In bunter Gruppe machten sie unter den Fenstern Halt, während die Musikbande mit Hörnern, Trompeten und Klarinetten einen schmetternden Marsch ausführte. Was sich dem Zuge nicht angeschlossen hatte, erschien jetzt auf dem Platze, um theils die Musik, theils die Rede des Richters zu hören, der sich in der Kirche schon als ein guter Redner bewährt hatte.

Auch Marie, die ihren Konrad noch einmal zu sehen hoffte, trat in demselben Augenblicke zu einer Gruppe junger Mädchen, als Valentin mit stolzer Miene aus dem Hause kam, einen großen Stein bestieg, der an der weißen Mauer lag, und laut und vernehmlich zu reden begann, daß der ganze Platz wiederhallte.

Die unruhige Braut hörte wenig von den begeisterten Worten des zum Ortsrichter verwandelten Schulmeisters, ihre Gedanken beschäftigten sich nur mit Konrad und dem geheimnißvollen Fremden im Walde. Ueberall, wo nur Männer standen, spähte sie mit den Blicken; sie traf wohl in dem hellen Mondenscheine manches Gesicht, das ihr freundlich zulächelte, doch nicht das Gesicht dessen, den sie liebte.

Die Rede war zu Ende und die Dorfmusiker begannen einen neuen Marsch. Marie, deren Angst mit jeder Minute sich vergrößerte, obgleich sie sich keinen Grund dafür angeben konnte, entfernte sich unbemerkt von den jungen Mädchen und wollte eben in die Thür ihres Hauses treten, als die Musik plötzlich schwieg und die Menge sich neugierig nach dem Orte drängte, wo der Richter seine Rede gehalten hatte. Bestürzt blieb sie stehen und lauschte, ihr war, als ob sie eine Unglücksbotschaft von Konrad hören müßte. Diese Ahnung schien in Erfüllung gehen zu sollen, denn sie erkannte aus dem Gemurmel deutlich Röschens Stimme, die sie noch bei der Tante in dem benachbarten Dorfe wähnte. Mit ungeheurer Anstrengung faßte sie allen ihren Muth zusammen und drängte sich durch den dichten Haufen, bis sie an die Hausthür des Richters gelangte.

Hier stand Röschen bleich und athemlos vor Valentin und versuchte zu reden, Angst und Erschöpfung aber erstickten das Wort im Munde.

– Was giebt's? Was ist geschehen? hörte man Männer und Frauen rufen, indem sich alle immer näher herandrängten.

– Röschen, Röschen, stammelte Marie, indem sie die bis zum Tode erschöpfte Freundin unterstützte – um Gotteswillen, was treibt Dich hieher? Ist ein Unglück geschehen?

– Ruhe! gebot der Richter. Was führt Dich zu mir, mein Kind?

Nach einigen Minuten hatte sich Konrad's Schwester soweit erholt, daß sie zu Worte kommen konnte.

– Länger als ich dachte, sprach sie in abgebrochenen Sätzen, hielt mich ein Geschäft bei meiner Tante auf – es war Nacht, als ich bei den Ruinen der Abtei vorüberging – da höre ich plötzlich Schritte – die Angst befällt mich – aber ich setze meinen Weg fort – ich trete um die Biegung der verfallenen Mauer – da sehe ich im Mondenscheine, wie sich ein Mann gegen zwei Räuber vertheidigt – vor Angst und Schrecken verberge ich mich hinter einem Felsen, der am Wege steht – ich lausche zitternd – das Geräusch der Kämpfenden entfernt sich – aber der Wind, der sich aufmacht, treibt mir den Hut eines der Mörder zu – ich raffe ihn auf – und stürze dem Dorfe zu – hier ist der Hut!

Mit zitternder Hand reichte sie Marien, die ihr zunächst stand, den Hut, den sie bisher unter der Schürze verborgen gehalten hatte. Doch kaum hat diese einen Blick darauf geworfen, als sie vor Schrecken zur Bildsäule erstarrt – sie erkennt an der Schleife das rothe Band, das sie diesen Abend als einen Beweis ihrer Liebe um Konrads Hut gewunden – es war der seinige.

Starr sah sie auf das verhängnißvolle Zeichen, bis der Richter sich seiner bemächtigte. Konrad's ausweichende, unbestimmte Antworten, sein verschlossenes Wesen, das er nach der Unterredung mit dem Fremden im Walde beobachtete, – alles stand plötzlich vor ihrer Seele, sie zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß der Mann, den sie liebte, Theil an dem begangenen Verbrechen genommen habe – und Röschen, seine eigene Schwester mußte ihn verrathen.

– Also in den Ruinen der Abtei hast Du gesehen, daß ein Mensch von Raubmördern angefallen wurde? fragte der Richter.

– Ja, antwortete Röschen, die sich wieder erholt hatte, ich habe es deutlich gesehen, und jener Hut muß einem der Mörder gehören.

– Freunde, rief Valentin, der den Hut betrachtet, es unterliegt keinem Zweifel, daß in der Nähe unsers Dorfes ein Raubmord stattgefunden, denn dieser Hut ist feucht von Blut. Geht in Eure Häuser und holt was Ihr an Waffen besitzt – dann seid in fünf Minuten wieder hier, wir wollen ausziehen und den ganzen Wald durchsuchen – ich als Richter stelle mich an Eure Spitze!

Die Bauern zerstoben nach allen Seiten, um der Aufforderung Valentins nachzukommen; die Frauen und Mädchen gingen erschreckt ihren Häusern zu. Auf allen Plätzen und Gassen des Dorfes hörte man ein dumpfes Murmeln und selbst Vermuthungen über die Thäter wurden ausgesprochen, die freilich nur auf berüchtigte Personen fielen.

Marie war die einzige, die Konrad in Verdacht hatte, denn sie nur allein hatte seinen Hut wiedererkannt. Aber mit männlichem Muthe verschloß sie diesen Verdacht in ihrer Brust, obgleich der Schmerz um die Verirrung des geliebten Mannes sie zu zersprengen drohete.

– Marie, fragte Röschen, indem sie den Arm der Freundin ergriff – wo ist mein Bruder Konrad?

– Ich weiß es nicht! stammelte die Arme.

– War er nicht mit hier?

– Ich habe ihn in der Menge nicht gesehen.

– Du zitterst, Marie; bist noch mehr erschreckt, als ich –? Fürchtest Du vielleicht –?

– O nein, antwortete rasch Marie, ich fürchte nichts – Deine Erzählung hat mich so mit Angst und Schrecken erfüllt, daß ich kaum zu reden vermag – das ist alles.

– Gieb Dich nur zufrieden, sagte unbefangen das muntere Röschen, man wird den Missethätern schon auf die Spur kommen, daß sie weiter keinen Schaden anrichten können. Ich freue mich, daß ich das ganze Dorf versammelt fand, und daß der Richter gleich aufbrechen kann. Sieh, dort kommt schon ein Trupp junger Leute, und dort wieder einer – o, daß sie die Bösewichter doch fingen!

Unter diesem Gespräche hatten sie Mariens Thür erreicht.

– Gute Nacht, Röschen, sagte die unglückliche Braut.

– Gute Nacht, Marie! Und was sage ich meinem Bruder?

– Ich wünschte, daß er ruhiger schlafen möge, als ich! Gute Nacht.

Marie trat in ihr Haus und schloß die Thür. In ihrem Stübchen, wo sie allein war, brachen die lange zurückgehaltenen Thränen hervor, sie sank auf einen Stuhl und begann bitterlich zu weinen.

Die ersten Donnerschläge des heranziehenden Gewitters ließen sich vernehmen und starke Blitze erhellten auf Augenblicke das ganze Zimmer. Auf dem Platze vor des Richters Hause war es wieder lebendig geworden, denn mehr als fünfzig Männer, mit Gewehren, Aexten und Stangen bewaffnet, hatten sich zur Durchsuchung des Waldes eingefunden.

In dem Augenblicke, als der mit einem langen Säbel bewaffnete Ortsrichter aus seinem Hause trat, vermehrte sich der kriegerische Trupp noch um zwei Köpfe – Graff, der Eberhard am Arme führte, fragte nach dem Zwecke der Versammlung, obgleich er ihn im Dorfe schon vernommen hatte. Valentin, der sich über die Ankunft der beiden waffenkundigen Männer freute, da er nichts weniger als muthig war, berichtete kurz den Vorfall.

– Wir begleiten Euch, Freunde, rief Graff. Die Gegend muß gelichtet werden von diesem Gesindel! Fort zu der Abtei!

Als Valentin von dem Hute sprach, den einer der Räuber verloren haben sollte, mußte sich Eberhard auf seinen Freund Graff stützen, er vermochte sich kaum noch aufrecht zu erhalten.

– Memme, flüsterte der Jäger ihm zu, willst Du uns verrathen? Nimm Dich zusammen, der Hut mit dem rothen Bande wälzt allen Verdacht auf Konrad, und Du kannst die Meierei noch erhalten, denn einen überführten Räuber wird die züchtige Marie nicht heirathen!

– Du hast Recht! antwortete Eberhard, dessen Hoffnung auf Mariens Besitz die Wendung der Dinge neu belebt hatte. Ich folge Ihnen, Vetter, rief er den abziehenden Bauern nach, ich will nur mein Gewehr holen, das in Ihrem Hause steht!

Nach einigen Minuten schritten die beiden Jäger an Mariens Fenster vorüber.

Bei dem Leuchten eines Blitzes sahen sie das bleiche Gesicht des armen Mädchens, das weinend über den leer gewordenen Dorfplatz blickte.

– Hast Du sie gesehen? flüsterte Graff.

– Wie es scheint, wartet sie auf Konrad, antwortete der Förster.

– Ich zweifle, daß er kommen wird.

– Und wenn er kommt? fragte zitternd Eberhard.

– Wird sie ihn diesen Abend zum letzten Male empfangen haben.

Als der Zug den Wald erreichte, brach das schwere Gewitter mit einer Gewalt los, daß die Bäume in lichten Flammen zu stehen schienen und die Berge von den kurz aufeinander folgenden Donnerschlägen wiederhallten.

Marie saß die ganze Nacht am Fenster und weinte.

5.

Ein heiterer Morgen stieg aus dem Nebelschooße der Nacht, Flur und Wald, erquickt durch den Gewitterregen, sandten einen balsamischen Duft in das Lichtmeer, das in glänzenden Strahlen über der Landschaft wogte. Die bekümmerte Marie, bleich und mit rothgeweinten Augen, verließ ihr Haus und ging durch den duftenden Garten einer dichten Laube zu, die am äußersten Ende desselben lag. Langsam ließ sie sich auf der Holzbank nieder und stützte ihr brennendes Köpfchen in die hohle Hand, während die Augen sich starr auf den freundlichen Kirchthurm richteten, der jenseits des Gartenzaunes hinter einer Gruppe Linden emporragte.

Marie hing mit warmer, treuer Liebe an dem Manne, von dessen Verbrechen sie die deutlichsten, unläugbarsten Beweise gehabt. Was kann ihn dazu bewogen haben? hatte sie sich tausendmal während der schlaflos verbrachten Nacht gefragt. Sie gab sich seine Armuth als einen Grund an, seinen Ehrgeiz, ein kleines Vermögen ihr zuzubringen – aber stets verwarf sie ihn wieder, wenn sie daran dachte, daß sie selbst eine gut gehaltene Meierei besäße, von deren Ertrage ihr künftiger Gatte leben könne. Nein, rief sie aus, die Liebe zu mir hat ihn nicht zum Verbrecher gemacht, er muß eine andere Veranlassung gehabt haben. Hätte er mich wahrhaft geliebt, so mußte er seine Ehre rein und makellos erhalten, da sie jetzt schon die meinige ist. Konrad, Du hast Deine Marie verrathen!

Seufzend senkte sie das bleiche Gesicht auf die wogende Brust herab und das trübe Auge richtete sich auf den mit gelben Kiessand bestreuten Boden, wo Konrad ihr gestern Nachmittag mit einem Stocke den Plan der Schlacht gezeichnet hatte, in der er dem jungen Grafen Rudolph das Leben gerettet.

Unwillkührlich einen Schrei ausstoßend, legte sie beide Hände vor die Augen, als der Gedanke in ihr aufstieg: wäre er doch eines ehrenvollen Todes gestorben! – das arme Mädchen liebte Konrad noch, selbst als einen Verbrecher.

Ein Geräusch von Schritten weckte die Sinnende. Sie schlug die Augen auf und sah Röschen, die heiter und froh durch die Wege des Gartens der Laube zueilte.

– Sie kennt das Verbrechen des Bruders nicht, flüsterte sie vor sich hin – wenn es von mir allein abhängt, soll sie es nie erfahren – ja, ja, weder sie noch sonst ein Mensch in der Welt!

– Guten Morgen, Marie! rief Konrad's Schwester schon aus, noch ehe sie die schattige Laube erreicht hatte. Man sagte mir, Du wärst in den Garten gegangen, um nachzusehen, ob der Sturm dieser Nacht keinen Schaden angerichtet und nun finde ich Dich träumend in der Laube – was hast Du denn? Ist ein kleiner Streit zwischen Dir und Konrad vorgefallen? Schon gestern Abend kamst Du mir niedergeschlagen vor – heute sehe ich, daß Du wirklich traurig bist, und meinen Bruder vermisse ich auch – –

– Röschen, fragte Marie mit ängstlicher Neugierde – glaubtest Du Deinen Bruder hier zu finden?

– Ei freilich! Wo denn sonst?

– Hast Du ihn diesen Morgen noch nicht gesehen?

– Nein, er ist diese Nacht nicht zu Hause gewesen!

Erbleichend wandte sich Marie ab, Röschen brachte ihr einen neuen Beweis von Konrad's Verbrechen.

– Laß Dich das nicht erschrecken, fuhr Röschen unbefangen und theilnehmend fort – er hat gestern Abend uns sagen lassen, daß wir nicht auf ihn warten sollten, da ihn ein wichtiges Geschäft von Hause fern halte. Diesen Morgen nun, dachte ich, würde sein erster Weg zu Dir sein, und das ist auch ganz in der Ordnung, denn die Braut geht der Schwester vor.

Mit den letzten Worten hatte sich Röschen an Marien's Seite gesetzt und begann ihr in das trübe Auge zu sehen.

– Ich weiß nicht, wo Dein Bruder ist, antwortete Marie, ihre Bewegung verbergend – vielleicht drängt es ihn nicht so sehr mich zu sehen, als Du glaubst. Er ist im Kriege gewesen, unter rohen Soldaten – er hat schlechte Beispiele vor Augen gehabt – dies alles kann das Herz eines braven Menschen schon verderben.

– Wie, rief Röschen entrüstet, Du hältst meinen Bruder für ungetreu? Nein, Marie, so tief ist mein Bruder nicht gesunken, selbst wenn er im Kriege unter lauter schlechten Menschen gewesen wäre! Doch sei nur ruhig, er wird und muß kommen, ich kenne ihn besser und setze durchaus kein Mißtrauen in ihn. Auch unser neuer Ortsrichter wundert sich, daß er diese Nacht nicht mit ausgezogen ist, die Räuber zu verfolgen.

– Nun, was hat man entdeckt? fragte eifrig Marie.

– Nichts! An dem Orte, den ich bezeichnet, hat man eine Menge Laub und abgebrochener Zweige gefunden – das ist alles. Daß übrigens eine Rauferei dort stattgefunden, ist klar – aber von Blutspuren war nichts zu sehen, es ist wahrscheinlich nur eine einfache Plünderung gewesen.

– Röschen, ist das nicht genug? Einen Straßenraub bestraft das Gesetz mit dem Tode – und wenn auch nicht, so ist die Schande mindestens dasselbe.

– Ei, das will ich meinen, Marie! Der Ortsrichter will auch durchaus einen hängen lassen. Diesen Morgen ganz früh war er schon bei mir und plagte mich mit verschiednen Fragen. Unter andern: ob ich nicht in der Angst einen Busch für Räuber angesehen hätte? O nein, Herr Valentin, meine Augen sind nur zu gut, ich habe ganz deutlich gesehen, was ich berichtet. Aber denke Dir, noch deutlicher habe ich die ganze Geschichte im Traume gesehen. Mir hat die ganze Nacht hindurch nur von Räubern geträumt – Marie, Marie, rief sie plötzlich, indem sie mit dem Finger nach einem Hügel deutete, der sich dicht am Gartenzaune erhob – sieh' dorthin – habe ich nicht Recht gehabt?

Beide Mädchen blickten schweigend nach dem bezeichneten Orte: Röschen mit Verwunderung, Marie mit Entsetzen, denn sie sahen Konrad mit verschränkten Armen und gesenktem Haupte den Fußpfad herabkommen, der von dem Hügel zu einer kleinen Thür in dem Gartenzaune führte, die in der Regel geöffnet war, da sie den Knechten und Mägden einen nähern Weg in das Feld bot.

Nach einer Minute war der junge Mann so nahe gekommen, daß Marie deutlich seine Kopfbedeckung wahrnehmen konnte – er trug statt des Hutes eine Tuchmütze mit einem Lederschirme.

– Es ist Konrad, sagte sie zitternd.

– Was ihm nur begegnet sein mag? fragte Röschen. Er ist sonst stets so fröhlich, und diesen Morgen – –

– Röschen, willst Du mir gefällig sein?

– Gern!

– Ich vermuthe, Dein Bruder kommt zu dieser Laube – wir wollen uns ein wenig zurückziehen, um ihn in seinem Nachsinnen nicht zu stören.

– Ich wette, antwortete lächelnd Röschen, Ihr habt einen kleinen Streit gehabt – –

– Komm, liebe Freundin, komm!

Röschen ward in ihrer ersten Meinung bestärkt, deshalb ließ sie sich unter leisem Gelächter von Marien aus der Laube hinter einen nahen Fliederbusch ziehen, der sie dem Ankommenden völlig verbarg.

Kaum hatten die beiden Mädchen ihr Versteck erreicht, als Konrad die Gartenthür öffnete, langsam durch den Weg ging und sich in der halb dunkeln Laube niederließ.

– Weiter kann ich nicht, murmelte er leise vor sich hin. O mein Gott, welch' eine schreckliche Nacht! und immer noch keine Nachricht – ich habe mit meinem Wagen vergebens auf dem Kreuzwege gewartet. Diesen Morgen schon durchsuchte ich die Ruinen und den Wald – nirgends eine Spur von meinem armen Grafen. Was wohl aus ihm geworden ist? Ob sie sich geschlagen haben? – Fürchterliche Ungewißheit – und niemandem darf ich mich mittheilen!

– Verstehst Du, was er mit sich selbst redet? fragte bebend die arme Marie ihre Freundin.

– Nein.

– Er seufzt.

– Vielleicht quält ihn sein Gewissen, sagte Konrad's Schwester mit einem leichten Lächeln.

– Sein Gewissen? fuhr Marie erschreckt empor.

– Still, er redet wieder!

– Und Marie – fuhr Konrad in seinem Selbstgespräche so laut fort, daß es die Mädchen deutlich verstehen konnten – was wird die arme Marie über meine Abwesenheit denken? Schon gestern Abend ward sie traurig, als ich ihr keine genügende Antwort auf ihre Fragen geben konnte –!

Länger vermochte sich Röschen nicht zu halten; sie entwand sich der zurückhaltenden Hand der Freundin und stand mit zwei Sprüngen vor dem überraschten Konrad.

– Du willst wissen, was Marie über Deine Abwesenheit denkt? rief sie laut.

– Röschen!

– Sie denkt, wie ich: daß es von einem Bräutigam, der nächstens Hochzeit zu machen gedenkt, durchaus nicht liebenswürdig ist, sich eine ganze Nacht zu entfernen, und niemand weiß, wohin!

In diesem Augenblicke trat auch die bleiche Braut heran und richtete schweigend ihre vorwurfsvollen Blicke auf den jungen Mann.

– Marie, rief er aus, ich ward wider meinen Willen die ganze Nacht abgehalten – kannst Du mir verzeihen?

– Ich soll Dir verzeihen, Konrad? antwortete sie schmerzlich. Frage Dein Gewissen!

– Röschen, Marie, fragte der junge Mann mit verstörten Blicken – hat man ihn diesen Morgen im Dorfe gesehen?

– Wen?

– Unsern jungen Grafen Rudolph!

– Nein. Doch was willst Du von dem Grafen? fragte Röschen erstaunt.

– Ich muß ihn sehen, ihn sprechen, damit ich endlich aus dieser fürchterlichen Ungewißheit komme!

Marie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, denn sie glaubte, er wolle dem Grafen sein Verbrechen gestehen, daß ihm mit Centnerlast auf dem Herzen zu liegen schien. Auch Röschens Verdacht ward erweckt, je länger sie den Bruder ansah, es mußte doch wohl etwas mehr sein, das ihn quälte, als ein kleiner Liebeszwist.

– Konrad, rief sie ängstlich, was ist denn geschehen – Du bist ja ganz bestürzt?

– Man hat mir ein Geheimniß anvertraut, das mir Sorgen macht –!

– Ein Geheimniß? darf Deine Braut und Deine Schwester dieses Geheimniß nicht wissen?

– Fragt mich nicht, ich bitte Euch – denn ich kann es keinem in der Welt mittheilen!

– O ich unglückliches Mädchen! schluchzte Marie und sank laut weinend auf die Bank in der Laube.

– Marie, Marie! rief Konrad, eilte bestürzt zu dem weinenden Mädchen und wollte es durch freundliches Zureden beruhigen; dieses aber hielt ihn mit der Hand zurück und fuhr fort laut zu weinen.

– O mein Gott, sagte Röschen mitleidig, die Angst wird sie noch krank machen!

– Angst? O sage schnell, was macht ihr Angst?

– Nun der Raubanfall in den Ruinen der Abtei.

– Nicht möglich! rief Konrad und starrte die Schwester an. Röschen, weiß man schon darum?

Der junge Mann hatte diese Worte mit einer Angst gesprochen, daß Marien das Herz erbebte, denn sie waren das letzte vollgültige Zeugniß seiner Schuld.

– Konrad, Konrad, fragte sie mit bebender Stimme, weißt Du um den Vorgang in den Ruinen?

Doch ohne sich um diese an ihn gerichteten Worte zu kümmern, ergriff er beide Hände seiner Schwester und rief in einem dringenden, bittenden Tone:

Röschen, wenn Dir mein Glück, meine Ruhe lieb ist, o so sage mir alles, was Du weißt – sprich, sprich!

– Nun ja; aber laß meine Hände los, Du drückst sie ja so fest zusammen, daß sie schmerzen.

– Was weißt Du denn von den Ruinen?

– Was ich mit meinen eigenen Augen gesehen, daß ein fürchterlicher Kampf dort stattgefunden, wobei ein Mann am Boden lag – dann lief ich in das Dorf und rief um Hülfe – man eilte in die Abtei, aber man hat nichts gefunden.

– Und das alles hast Du selbst gesehen?

– Mein Gott, ja! Der Mann am Boden war in Uniform, denn seine Epaulettes blitzten im Mondenscheine.

– Schweig, Mädchen, rief Konrad erschreckt – um Gotteswillen, kein Wort mehr!

– Warum denn?

– Weil das Leben eines Menschen davon abhängt!

Marie war wieder auf die Bank gesunken und verfolgte mit starren Blicken jede Bewegung Konrad's, ihr Ohr verschlang jedes seiner Worte.

– O mein Gott, murmelte der junge Mann vor sich hin – wer mag der Ueberwundene sein? Ist er todt, oder noch am Leben? Und wo ist er? – Wenn ich mich an seinen Gegner wende?

– Mensch, rief Röschen erschreckt über das Wesen des Bruders – was sinnst Du? Hast Du denn Deinen Verstand verloren?

– Laß mich, ich muß Gewißheit haben, es koste was es wolle!

– Wohin willst Du?

– Ich kehre bald zurück – jetzt laßt mich – mir brennt der Boden unter meinen Füßen!

Wie ein Sinnverwirrter, der von seiner Umgebung nichts mehr weiß, stürzte der arme Konrad aus der Laube der Gartenthür zu, durch welche er eingetreten war. Doch ehe er sie erreicht hatte, trat keuchend der Ortsrichter Valentin ein.

– Halt! rief er dem Flüchtigen zu und versperrte ihm den Weg einen Augenblick.

– Ich kann nicht! rief Konrad.

– Sie müssen warten, entgegnete der erhitzte Ortsrichter, ich habe mit Ihnen zu reden!

– Was wollen Sie? reden Sie schnell!

– Nur ein Wort! Kennen Sie diesen Hut? fragte Valentin, indem er den Hut mit dem rothen Bande unter seinem Rocke hervorholte und ihn Konrad zeigte.

– Gewiß, er ist ja der meinige! war die rasche, unbefangene Antwort.

– Wie, was? stotterte der Richter, Ihr, Dein Hut?

– Nun ja! Das rothe Band, das ihn schmückt, hat mir Marie geschenkt – warum fragen Sie? Was soll der Hut?

– Und Du bekennst, daß er Dir gehört?

– O mein Gott, ich vergaß meinen Weg! rief Konrad und wollte fort.

– Halt! rief der Richter, indem er den Arm des Eilenden ergriff.

– Hinweg! Hinweg! wiederholte der junge Mann und stürzte durch die Gartenthür in das Feld.

Das laute Weinen und Schluchzen der beiden Mädchen erfüllte jetzt die Laube und brachte den verblüfften Valentin wieder zur Besinnung.

– Haltet ihn! Haltet ihn! schrie er mit seiner sonoren Stimme, daß der Garten wiederhallte. Haltet ihn, er ist verdächtig!

– Wo ist mein Bruder? fragte Röschen.

– Fort, über alle Berge! Ihr müßt zeugen, Kinder, was er selbst gestanden hat. Ha, meine Ahnung! Also ihm gehört der verhängnißvolle Hut. Jetzt will ich dem Herrn Landrath beweisen, daß ich ein geborener Ortsrichter bin. Die Landgensd'armen sollen satteln und den Flüchtling einholen!

– Gerechter Gott! rief Röschen und stürzte dem Bruder nach, ohne sich weiter um die Zurückbleibenden zu kümmern.

– Auf Wiedersehen, Jungfer Marie! sagte höhnisch der Richter. Sie haben einen braven Bräutigam!

Marie konnte nicht mehr weinen; aber die Blässe des Todes bedeckte ihr liebliches Gesicht und aus dem Auge strahlte ein unheimlicher Glanz.

– Herr Valentin, sagte sie mit fester Stimme, ich muß mit Ihnen reden – bleiben Sie!

– Wenn ich den Missethäter gefänglich eingebracht! antwortete der Richter und wollte den Garten verlassen.

– Nein, jetzt auf der Stelle!

– Ah, sie ist klug, Jungfer, sie will mich hier noch halten, daß ihr wackerer Konrad erst entwischen kann – o nein, so leicht läßt sich Valentin nicht fangen.

– Sie müssen bleiben! sagte fest Marie und zog den Widerstrebenden mit Gewalt zur Laube.

– Mädchen, soll ich auch gegen Dich das Gesetz in Anwendung bringen? Du vergreifst Dich an Deiner Obrigkeit? Wie mir scheint, weißt Du um das Bubenstück Deines Liebhabers?

Diese Worte des hartherzigen Alten, in dessen Brust sich eine teuflische Schadenfreude regte, öffneten die erstarrten Thränenschleusen des armen Mädchens wieder, laut weinend sank es auf die Knie und streckte beide Hände bittend empor.

– Gnade! Gnade! rief sie aus – rauben Sie mir die letzte Hoffnung nicht, welche dieser fürchterliche Augenblick in mir angefacht – ich weiß nichts von dem Vorfalle in den Ruinen!

– Nun, mein Kind, was gedenkst Du denn zu thun?

– Ich will ihn vom Tode retten!

– Doch nicht mit meiner Hülfe? Ich bin der Ortsrichter!

– Hören Sie mich erst an!

– Nein, nein, mein Amt verbietet es mir! Ein Verbrecher ist der Gegenstand meines glühendsten Hasses!

– So haben Sie Mitleid mit Ihrer armen Mündel, der Sie Vater zu sein gelobt haben!

– Ich lege die Stelle eines Vormunds nieder. Mit einem Mädchen, das einen Verbrecher liebt, mag ich nichts zu schaffen haben!

– O mein Gott, sprechen Sie doch in einem so fürchterlichem Augenblicke nicht von Liebe!

– Meinen Neffen, der ein braver Bursche ist, und Dich von Herzen liebt, hast Du verschmäht – ja, ja, fügte der Richter grinsend hinzu, das glaube ich wohl, der ehrliche Konrad verdient in jeder Beziehung den Vorzug. Mädchen, die Schmach, die Du mir und ihm angethan, wird nie aus meinem Gedächtnisse verschwinden!

Als ob ihr plötzlich ein rettender Gedanke gekommen, erhob sich Marie und sah unter Thränen lächelnd den Ortsrichter einen Augenblick an, der mit höhnenden Mienen das rothe Band an Konrad's Hute betrachtete. Das größte Opfer, das je die Liebe gebracht, wollte Marie bringen.

– Herr Valentin, sagte sie in einem schmerzlich freudigen Tone – Sie sagen, Ihr Neffe Eberhard liebt mich –

– So sagte er mir gestern – –

– Hören Sie mich an, bis jetzt sind Sie der Einzige, der außer mir und Röschen das fürchterliche Geheimniß dieser Nacht kennt – beobachten Sie ein ewiges Stillschweigen darüber und stellen jede Verfolgung gegen den unglücklichen Konrad ein, so daß er mit seinem schuldbeladenen Gewissen aus dem Lande fliehen kann und sein Andenken der Schande nicht anheim fällt – so werde ich öffentlich bekennen, daß ich Ihren Neffen liebe und werde ihm meine Hand reichen. – Nehmen Sie mein Leben – ist Konrad gerettet, will ich gern sterben!

Valentin's Gerechtigkeitsliebe erhielt durch diesen Vorschlag der verzweifelnden Marie einen gewaltigen Stoß; nicht aus Mitleid mit dem blassen, schönen Mädchen, nicht um die Neigung seines Neffen zu befriedigen, sondern weil sein Geiz auf ein einträgliches Geschäft hoffte, ergriff er ihre Hand und führte sie zu der Bank.

– Marie, sagte er in einem ruhigen Tone, es freut mich Ihretwegen, daß Sie endlich zur Erkenntniß gelangen und sich von diesem schlechten Menschen lossagen, der schon als Knabe kein gutes Gemüth verrieth. Damit Sie Ihre Ehre retten können und weil ich Ihr Vormund bin, will ich die Obrigkeit hintenansetzen und auf Ihren Vorschlag eingehen.

– Sie wollen es? rief Marie.

– Hier ist meine Hand. Da am Orte des Verbrechens sich nichts ergeben, glaube ich für die Bewahrung des Geheimnisses einstehen zu können.

– Der Himmel lohne es Ihnen! sagte weinend das arme Mädchen.

– Doch noch eine Bedingung habe ich zu stellen, fuhr der Richter nach einer Pause fort, in der er den wohlgepflegten, ausgedehnten Garten und das freundliche Wohnhaus betrachtet hatte.

– Was wollen Sie noch? flüsterte Marie.

– Nach dem neuen Gesetze ist die Civilehe in unserm Lande eingeführt und seit acht Tagen rechtsgültig – ich verlange, daß Sie heute noch den Ehecontract mit meinem Neffen unterzeichnen, wie ich ihn Ihnen vorlege.

– Mein Leben ist in Ihrer Hand, war die resignirte Antwort, ich füge mich allem, wenn Konrad vor Entehrung gesichert bleibt.

– Daß er es bleibt, liegt eben so gut in meinem als in Ihrem Interesse – jetzt folgen Sie mir in das Haus und fassen Sie sich, liebe Mündel, vergessen Sie die verflossene Nacht und den unwürdigen Konrad, der wahrscheinlich in Amerika sein Glück weiter versuchen wird – wenigstens werde ich ihm den Rath ertheilen, wenn er es wagen sollte, sich wieder sehen zu lassen.

Am Arme des entzückten Ortsrichters betrat Marie, bis zum Tode erschöpft, ihr kleines Stübchen, wo sie in dumpfer Verzweiflung den Vormittag verbrachte.

Valentin, der kaum die Zeit erwarten konnte, seine Habsucht zu befriedigen, nahm sogleich mit seinem Neffen Eberhard Rücksprache, der ihm entgegenkam, als er sein Haus betreten wollte. Der junge Wüstling setzte den Vetter von seiner Wechselschuld in Kenntniß, und dieser versprach, sobald der Ehecontract unterzeichnet sei, die Summe nach der Stadt zu senden.

Um drei Uhr Nachmittags ward der Contract unterzeichnet, Marie ließ sich leiten wie ein willenloses Kind.

6.

Um dieselbe Zeit, als in Mariens Wohnung der Ehecontract unterzeichnet ward, erreichte Konrad, der um das Leben seines Gutsherrn in der größten Sorge war, den prächtigen Edelhof des Barons von H. Von diesem, als dem Gegner des Grafen, hoffte er Gewißheit über das Schicksal desselben zu erhalten, da man ihm auf dem Schlosse berichtet hatte, der junge Herr sei seit gestern Abend nicht sichtbar gewesen.

Durch einen Diener ließ er sich dem Baron melden.

– Sie können eintreten, war die Antwort.

Mit klopfendem Herzen öffnete Konrad die hohe Flügelthür eines Pavillons, der von hohen Kastanien beschattet ward, und trat in einen geräumigen, kühlen Saal. Doch kaum hatte er einen Blick in denselben geworfen, als er einen lauten Freudenschrei ausstieß: der junge Graf Rudolph saß mit dem alten Baron in einem Sopha, seine Ankunft schien ein vertrauliches Gespräch der beiden Männer unterbrochen zu haben.

– Konrad! Konrad! rief der Graf und stellte den Angekommenen dem Baron als seinen Lebensretter vor.

– Herr Baron, sagte Konrad, ich habe nicht mehr nöthig, Sie mit einer Unterredung zu belästigen – sie betraf den Herrn Grafen, meinen Major, über dessen Schicksal ich in Ungewißheit schwebte.

– Bleibt, Kinder, und besprecht, was nöthig ist – mich rufen Geschäfte zu meinem Haushofmeister, der schon den ganzen Tag vergebens nach mir verlangt hat – bleibt und erleichtert Eure Herzen.

Mit diesen Worten verließ der Greis den Saal, nachdem er dem jungen Grafen freundlich die Hand gereicht.

– Ach, Herr Graf, rief Konrad, ich vermag meine Freude nicht in Worten auszudrücken – darf ich denn meinen Augen trauen? Sie – an der Seite Ihres Gegners? Und keiner von Ihnen verwundet –!

– Wer weiß, ob ich noch am Leben wäre, antwortete lächelnd der Graf, wenn der Baron um einige Minuten später auf dem Kampfplatze erschienen wäre!

– Der Baron? rief Konrad erstaunt.

– Kein anderer! Die beiden Banditen, welche ich unglücklicherweise nicht erkennen konnte, sind lebensgefährliche Bösewichter. Nachdem sie mich bestohlen hatten, wollten Sie mich auch noch ermorden. Ich vertheidigte mich aus allen Kräften, die Räuber aber warfen mich zu Boden und hätten sicher ihre Absicht erreicht, wenn der Baron, den blanken Degen in der Hand, nicht als Retter dazwischen getreten wäre.

– Es lebe der brave Baron! rief Konrad, den die letzten Worte wie begeistert hatten.

– Und nun denke Dir mein Erstaunen, fuhr der Graf fort, als er mir lächelnd die Hand reicht und in einem freundlichen Tone zu mir spricht: »Junger Brausekopf! Warum haben Sie mir Ihre Liebe verborgen gehalten? Emma, die Sie aus voller Seele liebt, hatte mehr Zutrauen zu mir; anstatt uns hier zu schlagen, begleiten Sie mich auf mein Schloß und beruhigen Sie die Braut, die wegen Ihrer in Sorgen ist.«

– Gott sei Dank! Es lebe der brave Baron!

– Ich wollte dem Verkünder dieses unerwarteten Glückes zu Füßen fallen, er aber breitete seine Arme aus und schloß mich an seine Brust. Jetzt, lieber Konrad, bin ich der glücklichste aller Menschen!

– Das glaube ich wohl, antwortete lächelnd der junge Mann. Aber ich – während Sie in dem Schlosse Ihrer Schönen waren, brachte ich unter Regen, Donner und Blitz auf dem Kreuzwege zu, wie wir verabredet hatten. Ich wartete die ganze Nacht und sandte alle Gebete, die mich einst meine alte Mutter gelehrt, zu dem zürnenden Himmel empor. Als der Morgen kam, durchirrte ich wie ein Verzweifelnder die Ruinen und den Wald – ich fragte auf Ihrem Gute nach; doch nirgends fand ich eine Spur.

– Armer, guter Konrad!

– Endlich entschloß ich mich, Ihren Gegner um den Ausgang des Duells zu befragen, und, Gott sei Dank, er hat sich besser gestaltet, als wir beide hoffen konnten. Nun will ich aber eilen, um meine arme Marie zu beruhigen, die gestern Abend schon mit mir böse that, weil ich ihr wegen meiner Unterredung mit dem geheimnißvollen Fremden im Walde keine genügende Antwort geben konnte. Nicht wahr, Herr Graf, fügte Konrad lächelnd hinzu, jetzt kann ich meiner Braut unter dem Siegel der Verschwiegenheit das Geheimniß anvertrauen, um mich von allem etwaigen Verdachte zu reinigen?

– O nein, lieber Konrad, rief fröhlich der Graf, nicht Dir, sondern mir ziemt es, Deine Schöne zu beruhigen und sie der verursachten Sorgen wegen um Verzeihung zu bitten.

– Herr Graf, wo denken Sie hin!

– Ich denke, daß Marie, meine hübsche Milchschwester, einen Besuch von mir wohl erwarten kann, und daß ich ihr offen den Bräutigam zurückbringe, den ich ihr so geheimnißvoll auf einige Zeit entführen mußte.

– Dann habe ich nichts dagegen, Herr Graf, denn Sie bereiten meiner Marie eine Freude, die ihren Zorn wegen meines seltsamen Betragens schon besänftigen wird. Wann kann ich Sie in der Wohnung meiner Braut erwarten?

– Erwarten? Wir betreten sie zusammen. Ich erwarte jeden Augenblick meinen Wagen, nach dem ich einen Boten gesendet habe – Du fährst an meiner Seite vor die Thür Deiner Braut.

– Nein, Herr Graf –!

– Ich leide keinen Widerspruch, mein Vorsatz bleibt unabänderlich!

Konrad wollte noch weiter Einwendungen machen, der Graf aber schloß ihn in die Arme und erstickte ihm im wahren Sinne jedes Wort im Munde.

Die Mittagstafel des Barons war längst vorüber, deshalb mußte Konrad auf den Wunsch seines Gutsherrn in einem Seitenzimmer allein zu Tische gehen. Der junge Mann hatte seit dem vergangenen Abend nichts genossen, es läßt sich wohl denken, daß ihm die Einladung nicht unwillkommen war.

Gestärkt an Herz und Körper trat er in den Hof, als der erwartete Wagen endlich ankam. Der Graf befand sich noch im Schlosse, um Abschied von seiner Braut und dem Baron zu nehmen.

– Konrad, rief der Kutscher, der ein Jugendfreund des jungen Mannes war und den Feldzug als Reitknecht des Grafen mitgemacht hatte – es ist gut, daß ich Dich hier treffe.

– Warum?

– Deine Schwester war auf unserm Schlosse, gerade als ich abfahren wollte. Sie suchte Dich, weil Du gesagt hättest, Du wolltest zu dem Herrn Grafen. Ich sagte ihr, daß ich im Begriff stehe, ihn abzuholen, er sei auf dem Edelgute des Barons – da antwortete sie: so wird mein Bruder auch dort sein – dann gab sie mir diesen Brief für Dich und meinte, er würde Dich zur Rückkehr antreiben, wenn Du noch keine Lust dazu haben solltest – hier ist er!

Konrad erkannte auf den ersten Blick Marien's Handschrift. Eine dunkele Ahnung durchbebte seine Brust, daß er nur mit zitternder Hand den Brief erbrechen konnte. Noch einmal schöpfte er Athem, dann las er: »Es gab nur ein Mittel, Dich zu retten, und Gott hat mir Kraft verliehen, es anzuwenden; es ist das größte, das letzte Opfer meiner Liebe zu Dir! Dafür verlange auch ich ein Opfer – fliehe, wenn Du meine Zeilen gelesen, diese Gegend und kehre nie – nie zurück!«

Der arme junge Mann wollte seinen Sinnen nicht trauen, der Inhalt des Briefes war ihm eben so räthselhaft als fürchterlich. Mit geisterbleichem Gesicht las er ihn noch einmal, aber es blieb derselbe Inhalt, dieselben Züge von Mariens Hand geschrieben. Als ob ihn ein Blitz gelähmt, stand er da und starrte auf das verhängnißvolle Papier.

In dieser Verfassung traf ihn der Graf, der fröhlich die Schloßtreppe herabkam und dem Wagen zueilte. – Nun Konrad, rief er, nachdem er eingestiegen – setze Dich mir zur Seite!

Der Angeredete vermochte nicht zu antworten. Mechanisch folgte er der Einladung.

– Was hast Du da für ein Papier in der Hand? fragte der Graf, verwundert über den Zustand des jungen Mannes, indem der Wagen durch das Gitterthor des Schlosses in das Freie rollte.

Konrad überreichte den Brief ohne ein Wort zu sprechen.

– Seltsam! sagte der Graf, nachdem er gelesen, und sah theilnehmend seinem Lebensretter in das trübe, starre Auge. – Bist Du auch fest überzeugt, daß Mariens Hand diese Zeilen geschrieben?

– Ja! war die leise, bebende Antwort.

– Sie hat sich einen Scherz erlaubt, um Dich für Dein Ausbleiben ein wenig zu strafen.

– Das Geheimnißvolle und der Ernst des Briefes, den meine Schwester dem Kutscher übergeben, lassen mich kaum auf einen Scherz schließen – auch erinnere ich mich jetzt des sonderbaren Wesens meiner Braut, als ich diesen Morgen zu ihr in die Laube trat und bei der Nachricht von dem Raubanfalle auf Ihre Person mich schnell wieder entfernte.

– So weiß man darum?

– Röschen, die von ihrer Tante zurückkehrte, will den Kampf gesehen haben.

– Hier liegt ein Mißverständniß zum Grunde, das wir bald aufklären wollen. Peter, rief der Graf dem Kutscher zu, fahre Galopp, in einer halben Stunde müssen wir im Dorfe sein. Du hältst vor Marien's Meierei an, nicht im Schlosse!

Peter befolgte augenblicklich den Befehl, er hieb mit seiner Peitsche auf die feurigen Rosse, daß sie einen Lauf begannen, als ob sie bei einem Wettrennen den Preis erringen wollten. Die beiden jungen Leute sprachen kein Wort mehr, ein jeder überließ sich seinen Gedanken.

Kaum war eine halbe Stunde verflossen, die dem armen Konrad wie eine Ewigkeit vorkam, als der Wagen die ersten Häuser des Dorfes erreichte, das von dem Edelhofe des Barons eine Meile entfernt lag. Noch einige Minuten, und die dampfenden Rosse standen vor Mariens Hause still. Der Graf richtete noch einige ermuthigende Worte an Konrad, dann traten sie in das reinliche Stübchen.

– Himmel! rief Marie, die weinend und bleich in ihrem Stuhle saß und die Ankunft des Wagens nicht gehört zu haben schien – Unglücklicher, was willst Du hier? Hast Du meinen Brief nicht erhalten?

– Herr Graf, stammelte Konrad, Sie sehen, daß es traurige Wahrheit ist –!

– Marie, sagte ernsthaft der Graf, was soll das bedeuten?

– Meide diese Gegend! rief das Mädchen mit fliegender Brust – fort, fort, ehe das Verderben hereinbricht!

– Mädchen, redest Du im Wahnsinn? Gieb uns Aufklärung über Dein seltsames Benehmen.

Jetzt erst erkannte Marie den Grafen. Sie sah ihn einen Augenblick mit starren, ausdruckslosen Mienen an, dann sank sie laut weinend in den Stuhl und verhüllte das Gesicht mit ihrer Schürze.

Als ob Konrad wirklich ein Verbrechen begangen, stand er in der Mitte des Zimmers und hielt seine bebende Hand vor die Augen, aus denen ein Thränenstrom über die braunen Wangen herabrieselte. Der Graf war zu Marien getreten und suchte sie zum Reden zu bewegen.

– Konrad, sagte sie endlich und deutete nach der Thür – fliehe, fliehe, ehe der Richter zurückkehrt!

– Mein Gott, fragte der Graf, weshalb hat Konrad den Richter zu fürchten?

– Weshalb? soll ich das Furchtbare wiederholen?

Plötzlich erhob der junge Mann sein Haupt, der Stolz gab ihm Fassung und verscheuchte auf einen Augenblick den Schmerz der Liebe.

– Marie, sagte er fest, Du willst, daß ich Dein Haus verlasse, damit mich der Richter hier nicht finde – meine Ehre als Soldat erfordert es, daß ich nicht einen Schritt weiche, bevor ich Aufklärung erlangt habe, daß ich mich rechtfertigen kann. Was hast Du gegen mich?

– Konrad, Du willst mich noch täuschen?! rief Marie erschüttert, welche des jungen Mannes Stolz für Verstocktheit hielt.

– Marie, ich verlange bei Deiner und meiner Ehre, daß Du in Gegenwart des Herrn Grafen, meines Majors und Gutsherrn, offen und frei erklärst, was Du mir zur Last legst!

– Wo warst Du diese Nacht? fragte sie mit abgewandten Blicken und indem sie mit ängstlich klopfendem Herzen auf die Antwort lauschte.

– Ich war bei dem Freunde des Herrn Grafen, dem Oberförster von G.

– Und zwar in einer Angelegenheit für mich, fuhr der Graf fort, die ich nur meinem Freunde und Lebensretter anvertrauen konnte.

Marie erhob ihr Haupt und sah die beiden Männer an, als ob die Worte des Grafen sie ihres Verstandes beraubt hätten – das trübe Auge schien aus seinen Höhlen hervortreten zu wollen und die Brust der Lebenskraft beraubt zu sein.

– Schwester, sagte freundlich der Graf, verbanne Schmerz und Eifersucht, denn Konrad liebt Dich mit der ganzen Kraft seines guten Herzens. Wenn er fehlte, so trage ich die Schuld, denn ich war jener Mann, der ihn gestern Abend suchte, um einen Dienst von ihm zu fordern, der ihn die ganze Nacht aus dem Dorfe entfernte. Ich nahm ihm das Versprechen ab, ein tiefes Schweigen, auch gegen Dich, zu beobachten, und Konrad, mein treuer Soldat, hat Wort gehalten – ich verbürge mit meinem gräflichen Ehrenworte, daß Dein Bräutigam bis zum Morgen in meinem Dienste gewesen ist!

Mit einem durchdringenden Schrei der Verzweiflung sank die arme Marie ohnmächtig zu Boden. Konrad stürzte herbei und umschloß die bleiche Braut mit beiden Armen, als ob er ihr neue Lebenskraft einhauchen wollte.

– Mein Gott, rief der Graf, was ist hier geschehen? Hat die Eifersucht dem armen Mädchen den Verstand geraubt?

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und der Ortsrichter Valentin, von seinem Neffen Eberhard gefolgt, trat ein. Eine tiefe Stille des Staunens und Schreckens herrschte einen Augenblick in dem Gemache. Marie lag immer noch leblos in Konrad's Armen.

– Was seh' ich? rief endlich Valentin – dieser Mensch ist immer noch hier? Und Sie, Herr Graf, fügte er mit einer Verbeugung hinzu, sollten Sie noch nicht wissen – –

– Unverschämter, rief Eberhard, Du wagst es noch, dieses Haus zu betreten? Entferne Dich, ehe die Gerechtigkeit die Hand nach Dir ausstreckt!

Jetzt war Konrad seiner Sinne kaum noch mächtig.

– Ha, Elender, rief er mit zornblitzenden Augen, also Du hast den Fuß während meiner kurzen Abwesenheit in dieses Haus gesetzt? Jetzt erkläre ich mir alles –!

– Hinweg, befahl Eberhard, Marie ist meine Frau!

– Deine Frau?

– Der Ehecontract ist unterzeichnet und gerichtlich vollzogen – hinweg, ich bin hier Herr im Hause.

Leise ließ Konrad, als ob ihn die Kraft verließe, die ohnmächtige Marie neben dem Stuhle nieder, er selbst mußte sich an dem Tische halten, um nicht zu Boden zu sinken.

– Herr Graf, wisperte der Ortsrichter und zog ein Papier aus der Tasche – hier ist der gerichtlich bestätigte Ehecontract – Sie wissen, die Civilehe – –

Der Graf schob das Papier abwehrend mit der Hand zurück, dann trat er zu Marien, die in diesem Augenblicke sich wieder zu regen begann. Es war ihr deutlich anzusehen, daß die feste Kraft des Geistes die Schwäche des Körpers zu besiegen strebte.

– Marie, sagte er ernst, wie mir scheint, bist Du das Opfer eines nichtswürdigen Verrathes geworden – bei dem Gotte, der die Schurken bestraft, fordere ich Dich auf, mir Licht zu geben in dieser fürchterlichen Verwirrung.

Mariens Blicke suchten den armen Konrad, der wie die Bildsäule des Schmerzes und der Verzweiflung an dem Tische stand. Als sie ihn gefunden, erhob sich das junge Mädchen mit der größten Anstrengung und trat mit schwankenden Schritten zu ihm.

– Konrad, flüsterte sie, was ich that, geschah aus Liebe zu Dir – Du weißt ja, wie ich Dich liebe! Und nimmer, nimmer werde ich Dich vergessen – doch meide diesen Ort – Du hast mich glücklich in der Liebe zu Dir gesehen – mein Elend und meine Verzweiflung sollst Du nicht sehen – denn ich bin die Frau des Försters Eberhard.

– Konrad, rief entschlossen der Graf – die Braut hast Du verloren, doch einen Freund gewonnen, der mit allem, was ihm zu Gebote steht, für Dein Glück sorgen wird. Und liebst Du diesen Freund, so folge ihm jetzt, an seinem Arme sollst Du den Ort Deines Unglücks verlassen und sein Schloß betreten, das Du so lange als Deine Heimath betrachten kannst, bis es mir gelungen ist, einen nichtswürdigen Verrath zu entlarven! Folge mir!

Bei den letzten Worten trat er zu Konrad und drückte den Willen- und Gedankenlosen mit großer Bewegung an seine Brust. Dann ergriff er seinen Arm und wollte ihn aus dem Zimmer führen.

– Konrad! Konrad! schrie verzweiflungsvoll Marie, indem sie ihre Hände nach ihm ausstreckte.

Der junge Mann warf noch einen Blick zurück, dann ließ er sich schweigend von dem Grafen fortziehen.