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Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. / Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen. cover

Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. / Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen.

Chapter 8: 1.
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About This Book

Die Erzählung spielt in einer Grenzstadt, in der politische Umwälzungen das öffentliche Leben und private Verhältnisse erschüttern. Im Mittelpunkt stehen ein Apotheker mit seiner Tochter, deren Verlobung mit einem jungen Advokaten und die Spannungen zwischen loyalistischen und freiheitsfreundlichen Gesinnungen. Die Proskription und Flucht einer jungen Gräfin, auf die ein hohes Kopfgeld ausgesetzt ist, verbreiten Gerüchte und beunruhigen die Bürgerschaft. Hausinterne Veränderungen — die Erkrankung der bisherigen Haushälterin, die Ankunft einer neuen Magd und die Zurückhaltung des Verlobten in politischen Fragen — verbinden persönliche Sorgen mit der politischen Lage. Die Novelle verknüpft politische Verfolgung, private Bindungen und die Auswirkungen auf Alltag, Liebe und Sicherheit.

Da stand urplötzlich eine hohe Frau,
Wie einst Johanna d'Arc, im Volksgewühl –
Die Menge ward begeistert, denn so schön
War selbst die gottgesandte Jungfrau nicht!

– Ein Dichter! dachte Kathi und hielt sich ganz still, denn es war das erste Mal seit langer Zeit, daß sie wieder Verse hörte, sie, die selbst als Dichterin bekannt war.

Der Advokat fuhr mit erhöhter Stimme fort, da er sich allein wähnte:

Du bist die Gottgesandte, hohe Tochter
Des würdigen Andrasy, denn dich schmückt
Das Attribut der höchsten Majestät.
Im Kampfe groß und nach dem Siege mild
Bist du es, die die Thränen Armer stillt –
Du trägst mit Würde der Verbannung Schmerz,
Vertrauend blickt dein Auge himmelwärts –
Vom Glorienlicht der Hoffnung mild umzogen,
Stehst eine Heldin du in Sturmeswogen.

Das arme Mädchen zitterte, als sie vernommen, daß die Verse an sie gerichtet waren, ein heller Thränenstrom entstürzte ihren schönen Augen.

Und herrlich hat die Gottheit dich geweiht,
Mit Stolz verbindest du Bescheidenheit –
Der Frauen höchste Schöne strahlt darin,
Mein Ideal, du, meine Königin!

Mit großer Selbstzufriedenheit legte der Advokat sein Taschenbuch auf den Tisch. Da hörte er das laute Schluchzen der Jungfrau, die das überströmende Gefühl in ihrer wogenden Brust nicht mehr verschließen konnte.

Ferenz wandte sich erschreckt nach der Thür.

– Kathi, Kathi! rief er, was ist geschehen?

– Ach, Herr Advokat, diese Verse – o wie schön, wie groß, eine verbannte, verfolgte Frau zu besingen!

Ferenz starrte die Köchin an – diese Worte waren nicht in dem gewöhnlichen Dialecte der Landleute gesprochen. – Und welche Empfindung verriethen sie! –

Die Gräfin Thekla Andrasy hatte ihre Maske vergessen. Doch schon im nächsten Augenblicke erinnerte sie sich wieder daran. Rasch trat sie zum Tische und setzte das Kaffee-Serviçe nieder, dann wollte sie sich entfernen. Doch ehe sie noch die Thür erreicht hatte, ließ sich ein Trommelwirbel in der Straße vernehmen. Thekla mußte sich an dem nahestehenden Stuhle halten, um nicht zu Boden zu sinken.

– Diese Angst, diese Verwirrung! rief Ferenz. Wer bist Du – Wer sind Sie? fügte er rasch hinzu.

– Lassen Sie mich! lassen Sie mich! Ein augenblicklicher Schwindel – er ist vorüber.

– Allmächtiger Gott, Sie zittern vor diesem Geräusch – Und diese Züge, die ich schon im Bilde gesehen – Nein, nein, Sie sind nicht, was Sie scheinen – Sie sind die Gräfin Thekla Andrasy!

Die Gräfin erhob sich wieder. Angst und Besorgniß schienen plötzlich verschwunden zu sein, denn aus ihren Augen strahlte das Feuer des Muthes, der große Geist, der Gefahren trotzt – die Schwäche der Frau war besiegt.

– Ja, ich bin es, sagte sie stolz. Ihre Hand, mein Herr, dem Dichter darf ich mich vertrauen – ich bin die flüchtige Thekla, auf deren Kopf man dreitausend Ducaten gesetzt hat.

– O mein Gott, rief Ferenz, dies ist der schönste Lohn, der je einen Dichter krönen konnte! Bauen Sie fest darauf, daß ich mit meinem Leben bereit bin, Sie den Verfolgungen Ihrer rachsüchtigen Feinde zu entziehen!

– Wissen Sie, was der Trommelwirbel bedeutet?

– Er ruft die Schutzmannschaft zum Appell, deren Kommandant Herr Czabo ist. Sie haben für diesen Augenblick nichts zu fürchten.

– Und was habe ich von dem Dichter zu hoffen? fragte sie mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke.

– Daß er mehr thun als Verse schreiben – daß er Sie retten wird!

Auf der Hausflur des Erdgeschosses ließ sich Herrn Czabo's Stimme vernehmen, der nach seiner Köchin rief.

– Mein Schwiegervater! flüsterte Ferenz. Tragen Sie Sorge, daß er Ihren wahren Stand nicht entdeckt, er ist zwar gut, aber schwach – leicht könnte er eine Unbesonnenheit begehen, um sich als Kommandant zu zeigen, die Sie in's Unglück stürzt.

– Kathi, Kathi! rief der Apotheker mit stets lauterer Stimme – Kathi!

– Mein Herr, sagte Thekla, daß Sie an meinem Schicksale Theil nehmen, ist ein schöner Trost, der mich an meiner Rettung nicht verzweifeln läßt. So darf ich im Augenblicke der Gefahr fest auf Ihre Hülfe zählen?

– So wahr ich hoffe, daß der Sieg der Tyranney kein ewiger ist! Noch diesen Abend werden Sie von mir hören! Beugen Sie sich nur heute noch in das Joch der Köchin.

– Ich eile, um keinen Verdacht zu erwecken.

Als Thekla die Hausflur betrat, war sie ganz wieder Köchin.

Herr Czabo, ein Licht in der Hand tragend – denn es begann zu dunkeln – kam ihr aus der Küche entgegen. Er war mit einer blauen Uniform bekleidet und mit einem mächtigen Säbel bewaffnet. Auf den Schultern erglänzten große Epauletts mit silbernen Candillen.

– Kathi, sagte der Kommandant sich in die Brust werfend, ich verlasse auf eine Stunde das Haus, weil meine Mannschaft auf dem Sammelplatze zusammentritt – es ist etwas Wichtiges im Werke. Wahre die Küche und besorge unserm Gaste das Abendessen. Sobald es völlig dunkel geworden, schließe die Fensterladen und bleibe ruhig in deinem Zimmer neben der Küche. Adieu, Kathi, sagte freundlich der Apotheker und gab der Köchin das Licht, wobei er die Finger ihrer niedlichen Hand drückte, als ob es absichtslos geschehen sei.

– Ich werde alles pünktlich besorgen, Herr, sagte Kathi und verschwand durch die halbgeöffnete Küchenthür, um ihre Bewegung zu verbergen.

– Ein reizendes, liebes Mädchen! flüsterte der Apotheker vor sich hin. Den Lohn hat sie auf ein halbes Jahr voraus erhalten – so lange ist sie gebunden – wer weiß, was dann geschieht!

Still lächelnd verließ er das Haus und eilte durch die halbdunkeln Straßen dem Marktplatze zu, wo sich die Schutzmänner bereits versammelt hatten.

5.

Thekla war so erschüttert von den Begebnissen dieses verhängnißvollen Tages, daß sie sich einige Augenblicke der Ruhe überlassen mußte. Sie setzte sich auf das Bett in ihrer Kammer neben der Küche und ließ das glühende Köpfchen in das weiße Kissen herabsinken.

– Janos, Graf Esthi als Korporal in einem kaiserlichen Regimente! flüsterte sie leise. Hätten ihn meine Augen nicht gesehen, ich würde es für ein Spiel meiner aufgeregten Phantasie halten – welch' ein Schicksal! der gräfliche Bräutigam Korporal und die gräfliche Braut die Köchin eines Apothekers in Semlin! Wahrhaftig, man könnte darüber lachen, wenn die Sache nicht zu ernst wäre, denn es handelt sich um Leben und Tod. Janos, rief sie aus, rette deine Braut, deine Thekla, nach deren Kopfe die Tyrannen trachten – man will sie morden, wie man das Vaterland gemordet hat!

Thekla hielt beide Hände vor das Gesicht, sie wollte den Thränenstrom ersticken, der aus ihren Augen stürzte.

Ein Knistern, als ob jemand durch die Küche schliche, ließ sich vernehmen.

Thekla fuhr empor, rasch ihre Thränen trocknend. Dann ergriff sie das Licht und trat unter lautem Herzklopfen in die Küche hinaus.

Der Schein des Lichtes fiel auf die weiße Uniform des Korporals.

– Thekla! rief mit unterdrückter Stimme der junge Mann.

– Janos! schluchzte das junge Mädchen.

Beide stürzten sich in die Arme und feierten durch einen innigen Kuß, den das Salz der Thränen würzte, das schmerzliche, verhängnißvolle Wiedersehen.

Der Graf gewann seine Fassung zuerst wieder, er wußte ja, welche Gefahr seiner geliebten Thekla bevorstand.

– Kein Wort mehr, – flüsterte er; – nimm dieses Papier, es wird Dir alles sagen.

Er drückte dem zitternden Mädchen ein Briefchen in die Hand, dann verließ er eben so leise und vorsichtig das Haus, als er es betreten hatte.

Die junge Gräfin zog sich in die Kammer zurück. Nachdem sie noch einmal sich überzeugt, daß der Laden des Fensters geschlossen sei, öffnete sie das Papier und las:

»Jede Stunde mehrt die Gefahr. Man weiß, daß Du Dich in der Stadt verborgen hältst. Ein Zufall führte mich mit Deinem treuen Lajos zusammen, wir haben gemeinschaftlich den Plan zur Flucht berathen, die diesen Abend noch ausgeführt werden muß. Am Ufer der Save, dort, wo die kleine Baumgruppe im Garten des Apothekers steht, liegt ein Kahn zu unserer Aufnahme bereit. Wir fahren in der Finsterniß die Save hinab, um die Donau und das jenseitige Ufer derselben zu gewinnen. Es ist ein kühnes Wagniß, da Lajos nur einen kleinen Kahn zu unserer Verfügung stellen kann. Ich ziehe es aber vor, in den Wellen zu sterben, als von der Hand blutdürstiger Tyrannen. Empfängt uns das rettende Ufer nicht, so wird der Schooß der Donau unser Brautbett. Sei vorsichtig und meines Winkes gewärtig.«

Noch einmal durchflog sie die Zeilen von geliebter Hand, dann drückte sie das Blatt an ihre Lippen und flüsterte, den Blick gen Himmel gewandt:

– Ja, mein Janos, mein geliebter Mann, entweder das rettende Ufer, oder an Deiner Seite den Tod in den Wellen der Donau!

Als ob mit diesem heroischen Entschlusse das Gemüth der jungen, unglücklichen Gräfin völlig beruhigt sei, unterzog sie sich, ohne längeres Zögern, der Hausarbeit, welche die Zeit des Tages mit sich brachte. Sie ging zunächst auf die Straße und schloß die Laden an den Fenstern des Erdgeschosses, die von außen angebracht waren.

Ein ungewöhnlich reges Treiben herrschte in der sonst, um diese Zeit, so stillen Gasse, Soldaten und Bürger gingen hin und wieder. Vor den Thüren standen Gruppen von Männern und Frauen und unterhielten sich lebhaft, ungeachtet des kühlen Herbstabends. Thekla kümmerte es nicht, die Nähe des Geliebten hatte ihr Herz mit Muth und Vertrauen erfüllt, sie ging ruhig in das Haus zurück.

Im Wohnzimmer traf sie Netti.

– Kathi, – sagte das junge Mädchen, – hast Du für unsern Gast das Abendessen besorgt?

– Nein, – antwortete die Magd; – ich dachte, es sei noch zu früh.

– So besorge es. Der Vater sagte mir, es sei möglich, daß das Regiment sich versammeln müsse, da diesen Abend oder diese Nacht eine allgemeine Haussuchung in der Stadt vorgenommen werden solle, man vermuthe die Anwesenheit wichtiger, politischer Flüchtlinge.

– Soll geschehen, – antwortete Kathi und verließ das Zimmer.

Thekla's Herz begann wieder zu pochen, so nahe hatte sie die Gefahr nicht geglaubt. Unschlüssig, ob sie in das Gartenhaus gehen und diese Nachricht dem Grafen mittheilen sollte, oder nicht, stand sie einen Augenblick auf der Hausflur, als der Advokat Ferenz eilig von der Straße hereintrat. Vorsichtig sah er sich um, dann trat er zu Thekla heran.

– Man scheint Sie verrathen zu haben, – flüsterte er eifrig, – ich komme vom Marktplatze, wo sich das Gerücht verbreitet hat, die Gräfin Andrasy halte sich in diesem Stadttheile verborgen. Wechseln Sie schnell die Kleidung, da man auf die Frauen ein besonderes Augenmerk richten wird – meine Garderobe steht zu Ihrer Verfügung. Eilen Sie auf mein Zimmer, ich werde Netti unterhalten und ihr sagen, ich habe Sie ausgeschickt. Verlieren Sie keine Zeit, man theilt schon die Patrouillen ab.

Der Advokat gab der bestürzten Gräfin den Schlüssel zu seinem Zimmer.

– Und dann? – fragte sie kaum hörbar.

– Bleiben Sie, bis ich zu Ihnen komme. Fort, fort!

Ferenz ging in das Zimmer zu Netti.

Mit dem Vorsatze, sobald die Umkleidung geschehen, in das Gartenhaus zu eilen, flog Thekla, deren Muth wieder erwacht war, die Treppe hinan und betrat das Zimmer des jungen Advokaten. Da ihr die Einrichtung desselben bekannt war, zündete sie ein Licht an, das auf einem Seitentischchen stand. Nach einer Minute hatte sie auch den Schrank, der die Kleider aufbewahrte, gefunden. Dann verschloß sie die Thür.

Während dieser Zeit erschien der Korporal auf der Hausflur. Vorsichtig schlich er zur Küche. Ein Lämpchen brannte auf dem Heerde, die Köchin war nicht zu erblicken. Der junge Mann sah in die Kammer – auch diese war leer.

– Mein Gott, – flüsterte er, – was bedeutet das? Wir dürfen nicht länger zögern – wo mag sie sein? Kathi, – rief er leise, – Kathi!

Alles blieb still.

Janos trat auf die Hausflur zurück und lauschte, – nichts regte sich. Plötzlich hörte er in dem Wohnzimmer sprechen. Ohne sich länger zu besinnen, klopfte er an die Thür, öffnete und trat ein.

Der Advokat und seine Braut waren die einzigen Personen im Zimmer.

– Auch hier nicht! – dachte er, und seine Besorgniß vermehrte sich.

Ferenz erschrack, als er den mit einem Säbel bewaffneten Korporal erblickte.

– Was wollen Sie? – fragte er, seine Fassung zusammennehmend.

Janos hatte bald einen Vorwand gefunden.

– Verzeihung, – antwortete er im Tone des Soldaten, – wenn ich störe. Ich suche überall die Köchin und kann sie nirgends finden. – –

– Was wollen Sie von unserer Köchin? – fragte rasch der Advokat und sein Gesicht verrieth den Eindruck, den die Worte des Korporals hervorgebracht.

Dem Soldaten entging die Bewegung des Fragenden nicht; er sah ihn einen Augenblick prüfend an. Er unterdrückte jedoch seine Befürchtung und sagte mit einem erzwungenen Lächeln:

– An wen soll sich anders ein Soldat, der bei einem Bürger im Quartier liegt, wenden, wenn er Hunger hat?

– Ah, Sie liegen hier im Quartier – das wußte ich nicht!

– Schon vor einiger Zeit, – sagte Netti, – habe ich ihr Auftrag ertheilt, unserm Gaste das Abendessen zu bereiten, ich begreife nicht, warum es nicht schon geschehen.

– Verzeihung, Netti, ich hatte vergessen, Ihnen zu sagen, daß ich Kathi zu einem meiner Kollegen geschickt habe, um mir ein Aktenstück holen zu lassen.

– In diesem Falle werde ich selbst die Vorbereitung treffen, – sagte das junge Mädchen und verließ das Zimmer.

– Sie sind Korporal in kaiserlichen Diensten? – fragte Ferenz, der durch ein gleichgültiges Gespräch den Soldaten auszuforschen suchen wollte.

– Wie Sie sehen, – antwortete der Graf, der wie auf Kohlen stand.

– Ein schöner, aber ein gefährlicher Stand.

– Ich läugne es nicht; aber die Gefahr, mein Herr, macht ihn zu dem, was er ist. Nur im Kriege lebt der Soldat, im Frieden ist er nur eine todte Puppe. Jetzt habe ich Ihnen gesagt, was ich bin, darf ich nun auch wissen – –?

– Wer ich bin? Ich bin Advokat und heiße Ferenz.

Der Soldat schien von dieser Antwort überrascht zu sein, er sah mit großen Augen den Advokaten an.

– Ferenz ist Ihr Name? – fragte er endlich.

– Ja. Wundert Sie das?

– Stehen Sie mit Pesth in Correspondenz?

– Ja.

– Und wer ist Ihr Correspondent, wenn ich fragen darf?

– Der Graf Janos Esthi, dessen Gut, das eine Stunde von Semlin entfernt liegt, ich verwaltet habe.

– Und Sie verwalten es aus dem Grunde nicht mehr, – fuhr sardonisch lächelnd der Korporal fort, weil es die Krone Oesterreichs an sich genommen hat, um den jungen Grafen für die Dienste zu belohnen, die er in der Armee des treuen, braven Görgey seinem Vaterlande geleistet?

– Ganz recht.

– Ihr letzter Brief, den Sie ihm nach Komorn sandten, enthielt eine Beileidsbezeigung für den Grafen und die Aufforderung, sich nach Semlin zu wenden, im Fall er gezwungen wäre, flüchtig zu werden – den Brief brachte ein Expresser.

– Mein Gott, – rief der Advokat erstaunt, – woher wissen Sie das Alles?

– Weil der Graf mein Freund war.

– So können Sie mir auch wohl sagen, warum der Graf meiner Aufforderung nicht nachkam, da er doch meinen Eifer, ihm zu dienen, kannte?

– Er kannte auch aus Ihren Briefen, zwar nicht Ihre Person, mein Herr, aber Ihren Patriotismus, Ihren ehrenwerthen Charakter – und wenn er sich nicht zu Ihnen wendete, als der Freiheitskampf zu Ende war, so geschah es deshalb, weil man ihn zwang, die Uniform eines Korporals vom zwanzigsten kaiserlichen Infanterie-Regimente zu tragen.

– O Himmel, diese Sprache, dieser Anstand – –

– Gehört dem Korporal Janos Grafen Esthi!

– Welch' ein fürchterliches Geschick führt Sie in unsere Stadt! Herr Graf, die Uebertragung der Verwaltung Ihres bedeutenden Gutes gab meiner Subsistenz den ersten Stützpunkt. –

– Sie wurden mir durch den jetzt verstorbenen Dr. S. als einen zuverlässigen, tüchtigen Sachwalter empfohlen. –

– Ich mußte mich dankbar bezeigen – erinnern Sie sich des Schlußsatzes meines Briefes?

Der Soldat zog ein Taschenbuch aus der Brusttasche seiner Uniform und holte einen erbrochenen Brief daraus hervor, den er entfaltete.

– Ja, das ist mein Brief! rief freudig der Advokat.

– Sie sprechen darin von einer Eröffnung, die sie nur mündlich mir zu machen vermöchten, sagte der Graf, die Augen auf das Papier geheftet – ich bin bereit, sie zu hören, doch fassen Sie sich kurz, meine Zeit ist abgemessen.

– Ich habe Ihnen ein Kapital von hunderttausend Gulden gerettet, das zur Empfangnahme bereit liegt.

– Herr Ferenz, rief Janos, was sagen Sie?

– Die Wahrheit. Ich ahnte nach der unglücklichen Schlacht den Verlauf der Dinge, und da sich mir gerade eine günstige Gelegenheit bot, veräußerte ich vor der Confiscation des Gutes die Aecker und Wiesen jenseits der Save, sowie alles Mobile, was zu demselben gehörte. Der gerichtlich bestätigte Kauf gestattete keinen Widerruf – Herr Graf, nehmen Sie Ihr gerettetes Vermögen in Empfang!

Schweigend umarmten sich die beiden Männer.

– Freund, rief bewegt der Graf, Sie haben mir einen Dienst erwiesen, der mich so glücklich macht, daß ich ihn Ihnen nie vergelten kann! Als ersten Dank zolle ich Ihnen mein unbedingtes Vertrauen. Man verfolgt die Gräfin Andrasy, meine Braut.

– Thekla, Ihre Braut? Herr Graf, noch ist sie geborgen!

– Wie, Sie kennen Ihren Aufenthalt?

– Noch mehr: in diesem Augenblicke trifft sie die erste Vorbereitung zu ihrer Rettung, darum ist sie abwesend.

– Ich suchte sie in der Küche.

– Sie ist auf meinem Zimmer, um meine Kleider anzulegen.

– Sie unterstützen meinen Plan – am Ufer der Save im Garten liegt ein Kahn –

Die Schritte einer Patrouille ließen sich in der Straße vernehmen.

– Großer Gott! rief Ferenz. Gehen Sie an das Ufer, ich folge im Augenblicke mit der Gräfin.

– Edler Mann, der Himmel lohne Ihnen!

Der Soldat verließ eilig das Zimmer und stürzte in den Garten hinaus. Als Ferenz auf die Hausflur trat, hörte er, daß die Patrouille im Nachbarhause Nachsuchung hielt. Wie ein Pfeil flog er die Treppe hinan und klopfte leise an die Thür seines Zimmers.

– Ich bin es, Ferenz, flüsterte er dabei.

Die Thür ward von innen geöffnet und die Gräfin, als Mann gekleidet, erschien an der Schwelle. Das schöne Haar hatte sie unter einer Mütze verborgen, welche Ferenz auf seinen Reisen zu tragen pflegte.

Vorsichtig schloß er die Thür wieder. Thekla stand zitternd in der Mitte des Zimmers.

– Nehmen Sie meinen Mantel, flüsterte er, er hängt im Nebenzimmer dort, Sie werden seiner bedürfen.

Die Gräfin schwankte in das bezeichnete Zimmer, die Hast des jungen Advokaten ließ sie die höchste Gefahr ahnen. Ferenz erschloß rasch einen Secretair und holte einen großen, schweren Lederbeutel daraus hervor.

– Wo ist der Korporal, der das Gartenhaus bewohnt? fragte die zurückkehrende Gräfin.

– Er erwartet Sie am Ufer der Save.

– Sie haben mit ihm gesprochen und wissen, wer er ist?

– Er ist der Besitzer dieser Summe, die ich ihm gerettet habe. Fort, fort, man sucht schon in dem Nachbarhause!

Der Advokat löschte das Licht aus, dann ergriff er den Arm der Gräfin und zog sie mit sich fort. Vorsichtig verschloß er das Zimmer wieder, da er die Kleider der Köchin darin wußte. Auf der Hausflur trat ihnen Netti entgegen. Erschreckt blickte sie den jungen Mann im Mantel an.

– Netti, flüsterte Ferenz flüchtig, in zehn Minuten bin ich bei Ihnen, um Ihnen alles zu erklären – gehen Sie in das Wohnzimmer, es ist möglich, daß Sie Besuch erhalten.

Das junge Mädchen starrte den beiden Personen nach, die hastig aus dem Hause in den Garten stürzten. Am Ufer trafen sie den Soldaten und den Fischer.

– Herr Graf, sagte leise der Advokat, hier ist Ihre Braut und hier der Rest Ihres Vermögens, soviel ich davon in Golde vorräthig hatte. Die Hälfte davon besitze ich in Papieren, die in der Türkei ohne Werth sind; ich werde sie jedoch in klingende Münze umzusetzen suchen, daß sie stets zu Ihrer Verfügung stehen.

– Ich leiste Verzicht auf die Papiere, sie mögen der Lohn meines großmüthigen Advokaten sein.

– Herr Graf!

– Leben Sie wohl, vielleicht sehen wir uns wieder!

Hastig umarmte der Graf den jungen Mann, dann half er der Gräfin in das Boot, in welchem Lajos schon wartete, zuletzt sprang er selbst hinein.

Das Wasser rauschte und der Kahn verschwand in dem Nebel, der wie ein graues, undurchsichtiges Tuch auf dem Wasser ruhete.

Als ob er die Flucht des unglücklichen Paares segnen wollte, streckte Ferenz seine Arme ihm nach. Leichten Herzens kehrte er in die Wohnung des Apothekers zurück.

Die Patrouille hatte das Haus des Kommandanten der Schutzwehr übergangen, da man bei ihm einen Schlupfwinkel für Flüchtlinge unmöglich hielt. Der Advokat saß in dem freundlichen Zimmer und erzählte der staunenden Netti die Flucht der Gräfin Thekla Andrasy.

Es war zehn Uhr, als Herr Czabo an die Thür seines Hauses klopfte. Niklas öffnete ihm.

– Warum öffnet Kathi nicht? fragte der erhitzte Kommandant, dem das hübsche Gesicht und der schöne Arm der Köchin nicht mehr aus dem Sinne wollte.

– Sie ist nicht da, antwortete Niklas.

Nachdem der Apotheker in die finstere Küche gesehen, trat er in das Wohnzimmer.

– Wo ist Kathi? fragte er unmuthig, warum öffnet sie mir die Thür nicht?

– Vater, sagte Netti, wir haben eine fürchterliche Entdeckung gemacht. Die Gräfin Andrasy hatte sich in unserm Hause versteckt.

– Himmel, welche Frechheit, rief erstaunt der Apotheker.

– Doch, beruhigen Sie sich, lieber Vater, fügte der Advokat hinzu, sie ist schon seit einer Stunde nicht mehr unter Ihrem Dache. Niemand wird glauben, daß eine Gräfin als Köchin in Ihren Diensten gestanden hat.

– Wie, Kathi wäre –?

– Die Gräfin Andrasy! sagten lächelnd Ferenz und Netti.

Herr Czabo sank vernichtet auf einen Stuhl.

– Himmel, rief er plötzlich aus, wenn das bekannt wird, bin ich verloren, entehrt, man wird mich meines Postens als Kommandant entsetzen! O, diese Schlange! Nicht genug, daß sie im Lande Zwist und Hader veranlaßt, sie geht auch noch in die Häuser friedlicher Bürger, um Unglück anzurichten!

– Vater, sagte Ferenz tröstend, wenn Sie selbst über diesen sonderbaren Vorfall schweigen können, wird Niemand etwas davon erfahren, denn außer mir und Netti weiß keine Seele darum.

– Wohin hat sie sich gewendet?

– Wenn ihr kein Unglück begegnet, schwebt sie jetzt auf den Wellen der Donau, um das türkische Ufer zu erreichen.

– Kinder, rief Herr Czabo nach einer Pause, versprecht Ihr mir, zu schweigen, wie das Grab?

– Wir versprechen es! sagten feierlich die jungen Leute.

– Gut, dann mag die Gräfin mit den zwölf Gulden, die ich ihr im voraus bezahlt, in der Türkei ihr Glück versuchen – meine Reputation ist mir mehr werth, als diese elende Summe.

– Vater, sagte Netti, ich habe Ihre Börse in der Küche am Boden gefunden – wenn Sie sie vermissen – hier ist sie.

Herr Czabo steckte die Börse zu sich. Seine Hand zitterte, als er sie ergriff, denn er erinnerte sich des Augenblicks, wo er sie in die niedliche Hand legte, die ein Heirathsproject in dem Kopfe des Wittwers erzeugt hatte.

Eine Stunde später hatte sich alles in die Schlafzimmer zurückgezogen. Netti träumte von ihrer nahen Hochzeit – Ferenz sandte noch ein Gebet für die Rettung der Flüchtlinge zum Himmel empor, dann entschlief er – und der Apotheker lag wachend in seinem Bette, er hatte mit einer schwermüthigen Freude den Schluß aus der ganzen Sache gezogen, daß es für die Ruhe seines Wittwerherzens gut sei, daß es so und nicht anders gekommen wäre. Ein Mann, dachte er, der jeden Tag Bürgermeister von Semlin zu werden hofft, kann doch seine Köchin nicht heirathen, und ich hätte sie geheirathet, wenn sie Kathi Lajos geblieben wäre. Der Wille des Himmels sei gepriesen!

Mit einem tiefen Seufzer hüllte sich der Kommandant in seine Decke und entschlief.

Als nach Mitternacht der Mond hinter einer schwarzen Wolke hervortrat und die romantischen Gestade der Donau beleuchtete, knieten drei Gestalten an dem Ufer des rauschenden Flusses und verrichteten ein kurzes Gebet.

Es waren Janos, Thekla und der treue Fischer – sie hatten glücklich nach einer dreistündigen gefahrvollen Fahrt das rettende Ufer erreicht.

Das rothe Band
oder
die Civilehe.


Novelle
von
August Schrader.

1.

Ein heißer Augusttag neigte sich seinem Ende zu. Die höchsten Spitzen des Harzgebirges umfing schon die Glorie des ersten Abendrothes, während auf den kleinern Bergen und in den Thälern Bäume und Gesträuche lange Schatten warfen. In geheimnißvollem Schweigen lag die Natur, Waldblumen und Kräuter dufteten Weihrauch empor, der Gesang der Vögel verstummte nach und nach und alles bereitete sich vor, den Abend, den stillen Vorboten der Nacht, festlich zu empfangen.

Da schritten auf einem Fußpfade, der sich zwischen den riesigen Stämmen eines dunkeln Eichenwaldes wie ein Bach zwischen Felsen dahin schlängelte, drei junge Männer, deren Aeußeres auf den ersten Blick verabschiedete Krieger bekundete. Sie trugen graue Beinkleider, kurze blaue Röcke mit gelben Knöpfen und rothen Kragen, runde Mützen mit Streifen von derselben Farbe und Reisebündel in Form eines Kranzes, der auf der rechten Schulter lag und auf die linke Hüfte herabhing.

Ohne sich um den Reiz des duftenden Waldes zu kümmern, dessen Moosboden sich rechts und links wie ein grüner Teppich ausbreitete, schritt einer dicht hinter dem andern auf dem schmalen Wege und das Echo des Haines gab das Geräusch der kräftigen Fußtritte zurück.

Plötzlich lichtete sich der Wald, die Baumstämme verschwanden zu beiden Seiten und die Wanderer standen auf der Platte eines Bergrückens, an dessen Fuße sich ein kleines, romantisches Thal ausbreitete. Der Abendnebel hatte einen feinen, durchsichtigen Schleier über die Niederung gezogen, so daß die Häuser eines Dorfes, die wie Schwalbennester an den Bergen hingen, wie Schemen durch den Reflex der Lichtstrahlen gebildet, erschienen. Der Kopf des weißen Kirchthurms, weit über die Nebelfläche emporragend, glühete im Abendstrahle wie ein Meteor, und die langen, schmalen Fenster des Kirchleins flimmerten wie glänzende Stahlplatten. Ein dunkles Gebirge bildete den nächsten Hintergrund der zauberhaften Landschaft und die flammende Kuppel des gigantischen Brockens, die weiteste Fernsicht, umsäumte das ganze Bild mit einem milden Heiligenscheine.

Als ob ein Gedanke die Männer beseelte, blieben sie zugleich stehen und sahen in das heimathliche Thal hinab. Ihre braunen Gesichter röthete eine stille Freude, denn keiner wollte dem andern seine Bewegung verrathen, und in den Augen des einen, dessen Gesichtsbildung sich vor den übrigen durch Regelmäßigkeit auszeichnete, erglänzten selbst ein paar Thränen, die sich bei dem längern Anschauen des Dörfchens in die langen, braunen Wimpern hingen, bis sie die Hand verwischte.

– Da liegt die Heimath! rief ein munterer Bursche, indem er sich auf seinen kräftigen Haselstock stützte und die lachenden Blicke über das Thal schweifen ließ.

– Gott sei Dank, rief der Zweite, hier hat kein Krieg gewüthet, sie zeigt uns noch die alte wohlbekannte Phisiognomie – es lebe die Heimath!

– Sie lebe! riefen seine beiden Gefährten mit bewegter Stimme.

– Nicht wahr, Konrad, sagte der Erste wieder, unsere Harzberge bieten doch einen andern Anblick dar, als die ewige Fläche Holsteins, die wir so halb und halb dem deutschen Lande erhalten haben. Wenn wir hier einmal die tückischen Dänen auf das Rohr nehmen könnten, wo sie ihre Schiffe nicht im Rücken haben, ich glaube die Lust zu der deutschen Erde sollte ihnen auf ewig vergehen.

– Laß den Krieg, sagte Konrad und fuhr mit der Hand über die Augen, als ob er klarer sehen wollte – wenigstens den Krieg, aus dem wir zurückkehren. Da liegt die Heimath, das Bild des Friedens – trübe den freundlichen Anblick durch solche Erinnerungen nicht, sie sind mir in der Seele verhaßt!

– Kamerad! rief lachend der dritte – und doch hast Du wie ein Löwe mit dem Kolben auf die strupphaarigen Rothröcke eingehauen, als ob Du sie alle mit einem Schlage von der deutschen Erde vertreiben wolltest – macht Dir die Medaille, die Du in Deiner Rocktasche trägst, kein Vergnügen?

– Ich bitte Dich, schweig! antwortete Konrad in einem unmuthigen Tone – hätte ich sie nicht für die Lebensrettung meines Majors, des Grafen Rudolph erhalten, der zu gleicher Zeit unser Gutsherr ist, ich glaube, ich hätte sie nicht genommen. Der Graf denkt wie ich, darum hat er mit dem Abschlusse des Waffenstillstandes den Kriegsdienst verlassen und sich auf sein Schloß zurückgezogen, das dort so freundlich über den Wald emporragt.

– Glaubst Du denn wirklich, daß ihn der Haß gegen den Krieg zum Ausscheiden aus dem Heere angetrieben hat? fragte der Erste wieder. Konrad, Du stehst in einem fast vertraulichen, freundschaftlichen Verhältnisse zu dem Grafen, und solltest den wahren Grund nicht kennen? Ich will ihn Dir nennen!

– Nun? fragten zwei Stimmen zugleich.

– Nicht der Haß, sondern die Liebe hat ihn auf seine Güter zurückgeführt.

– Ja, die Liebe zu seiner Cousine Emma von Linden, die seit einigen Jahren, da sie Waise ist, auf dem Edelhofe des alten Baron von H. lebt – fügte der Dritte hinzu – das konnte ich mir wohl denken, man sprach schon davon, ehe wir zu unserm Regimente gingen.

– Fräulein Emma soll ein bedeutendes Vermögen besitzen – das wird unserm Grafen zu statten kommen, denn seine Güter befinden sich nicht im besten Zustande.

– Nun, sagte Konrad, indem er sich zum Weitergehen anschickte, ich wüßte keinen Edelmann in der ganzen Gegend, der die Hand der schönen Emma und ihr großes Vermögen mehr verdiente, als unser Graf, ich wünsche ihm Glück zu dieser Heirath.

– O auch wir, riefen die Andern, er ist ein braver junger Herr!

– Doch nun kommt, Freunde, daß wir noch mit der Dämmerung das Dorf erreichen, die Kuppel des Brockens wird schon dunkelroth und aus den Thälern weicht das letzte Licht – kommt!

Bei diesen Worten warf Konrad sein Bündel auf der Schulter zurecht und begann rüstig auszuschreiten. Auch seine Gefährten setzten ihre müden Beine wieder in Bewegung.

– Sieh, flüsterte einer dem andern zu, wie Konrad läuft! Man sollte glauben, er habe heute erst eine Stunde Wegs zurückgelegt, statt acht Meilen.

– Blicke dorthin und du kennst den Magnet der ihn zieht – jetzt wird er sichtbar.

– Wo?

– Dort, wo der Rauch aus dem weißen Schornsteine wirbelt!

– Ist das nicht die Meierei der hübschen Marie?

– Ganz recht, des hübschesten Mädchens im ganzen Dorfe. Konrad ist in sie verliebt bis über die Ohren, darum läuft er so.

– Es ist wahr, ich hörte davon reden. Nun, wenn er die bekommt, kann er von Glück sagen.

– Ich möchte nur wissen, warum er die Sache so geheim hält, auf dem ganzen Marsche hat er nicht ein Wort darüber gesprochen. –

– Kameraden, rief Konrad, der einen Vorsprung von hundert Schritten gewonnen hatte und an einer Biegung des Weges stand – wo bleibt Ihr denn? Soll ich allein die ersten Häuser unseres Dörfchens begrüßen? Vorwärts. In zehn Minuten sind wir an der Mühle – ich höre schon das Rauschen des Wassers und das Geklapper der Räder.

Die Angerufenen brachen ihr Gespräch ab und verdoppelten die Schritte. Dann setzten sie mit Konrad gemeinschaftlich den Weg fort, der durch eine Gruppe weißstämmiger Birken führte. Nach einigen Minuten traten sie unter dem Blätterdache hervor auf eine duftende Wiese. Am Himmel zogen die flimmernden Sterne auf und über die Erde hatte sich ein weißer Schleier ausgebreitet, den der Abendnebel gewebt. Die Füße der heimkehrenden Krieger, durch den Anblick des dicht vor ihnen liegenden Dörfchens gestärkt, näßte kühlend der Nachtthau, der an den Grashalmen hing.

Kein Wort störte die Stille des prachtvollen Abends, schweigend blickten die jungen Leute nach dem Dorfe, in dessen Häusern ein Fenster nach dem andern sich erleuchtete. Die Wiese war überschritten und die Wanderer standen unter einer großen Linde, deren Riesenzweige ein Schilfdach bedeckten, unter dem das monotone Geklapper einer Mühle sich vernehmen ließ.

– Gute Nacht, Freunde, sagte einer der Burschen, ich bin am Ziele – hier wohnt mein altes Mütterchen, das ihren Sohn noch an den Küsten des Meeres wähnt, oder vielleicht auch unter der Erde – ich werde mich sacht hineinschleichen und ihr eine Ueberraschung bereiten, an die sie gewiß nicht gedacht hat. Gute Nacht!

– Gute Nacht, Philipp, flüsterten die Andern und reichten dem scheidenden Kameraden die Hand. Dieser öffnete leise die mit Mehlstaub bedeckte Thür und verschwand.

Als Konrad mit seinem Begleiter an dem Giebel der Mühle vorbeiging, hörten sie durch das kleine geöffnete Fenster in demselben das laute Schluchzen einer Frau – Philipp hielt sein altes Mütterchen in seinen Armen.

An der Kirche trennte sich auch Konrad von seinem Begleiter, und der junge Mann ging allein dem entgegengesetzten Ende des Dorfes zu, wo die freundlichen Häuser wie Vogelnester an den Bergen lagen.

Plötzlich blieb er vor einem weißen Häuschen stehen, dessen Fenster sich in dem Augenblicke erhellten als er ankam.

– Hier wohnt Marie! flüsterte er vor sich hin. Ob ich ihr eine ähnliche Ueberraschung bereite, wie Philipp seinem Mütterchen? Nein, fügte er nach einer Pause der Ueberlegung hinzu, sie bewohnt ganz allein ihren kleinen Meierhof, da ihr Vater vor fünf Jahren gestorben ist, ich will den neidischen Leuten keine Nahrung für ihre Lästerzungen geben, meine Schwester Röschen soll sie in unser Haus rufen, als ob sie ihr etwas mitzutheilen hätte, wenn sie mich dann sieht, wird ihre Ueberraschung nicht minder groß sein. Guten Abend Marie! flüsterte er dem Fenster zu und setzte seinen Weg fort. Nach zehn Minuten empfing ihn das Jubelgeschrei der fröhlichen Schwester, die mit den Knechten und Mägden das Abendessen verzehrte, als er in das reinliche Zimmer trat.

2.

Um dieselbe Zeit, als die drei jungen Leute auf dem Bergrücken standen und den ersten Blick auf ihre Heimath warfen, trat ein junger Mann in die Wohnung des Dorfrichters Valentin, die unmittelbar an Mariens Meierei grenzt. Er trug einen grünen Rock, einen Hirschfänger an der Seite und einen grauen Hut mit breiter Krämpe. Er mochte nur erst fünf bis sechsundzwanzig Jahre alt sein, aber schon war sein Gesicht, das ein voller dunkler Bart umgab, von einigen Furchen durchzogen, die ihn um zehn Jahre älter erscheinen ließen. Seine Gestalt war schlank, es fehlte ihr aber das Gepräge der Jugend, der Ausdruck der Kraft und des Feuers.

– Guten Abend, Vetter, sagte der Jäger, indem er mißmuthig seinen Hut auf den runden Tisch warf, der in der Mitte des Zimmers stand.

Der Vetter, der an einem kleinen Schreibepulte saß und Papiere in ein aufgezogenes Schubfach zurücklegte, schien an dem Besuche kein sonderliches Vergnügen zu finden, denn er sah sich mit ärgerlicher Miene um, ohne auf den Gruß zu danken und vollendete schweigend das angefangene Geschäft. Der Jäger warf sich indeß, als ob er an einen solchen Empfang schon gewöhnt sei oder ihn unter Umständen vorausgesetzt hatte, in einen großen Lederstuhl und schlug behaglich die langen Beine übereinander. Ein großer Jagdhund trat langsam hinter dem Ofen hervor, leckte einen Augenblick die Hand des Angekommenen und zog sich dann ruhig wieder auf seinen Platz zurück. Nach einiger Zeit schloß der Dorfrichter das Pult und steckte den Schlüssel in die Tasche. Der Augenblick schien gekommen, wo er einem längst gehegten Aerger freien Lauf geben konnte, denn er schob seine pelzverbrämte Sammtmütze auf ein Ohr, stemmte dann beide Fäuste in die Seiten, trat vor den schweigenden Neffen und rief mit wuthblitzenden Augen:

– Weißt Du auch, Neffe, daß Du ein Taugenichts bist, dem ich eigentlich meine Thür verschließen müßte?

– Lieber Vetter, sagte ruhig der Jäger, ohne sich zu rühren, das ist ein Fehler der Erziehung, die Sie mir gegeben.

– Wie, ich trage die Schuld? rief entrüstet der Alte. Ich habe Dir nichts gegeben, was Dich auf den betretenen Weg führen könnte; ich habe vielmehr geglaubt, daß mein ökonomisches System Dir heilsam sein würde – jetzt sehe ich aber, daß mir dieses System theuer zu stehen kommt.

– Hat Sie vielleicht meine Anstellung als Revierförster, die mir der Graf Rudolph gab, ehe er in den Krieg zog, ruinirt? Ich glaube nicht.

– Du glaubst es nicht, aber ich glaube es! Wer hat die Kuh erschossen, die sich einmal an unsern Gartenzaun verirrt hatte? Wer hat dem Müller die Fenster eingeworfen, als er Dir wehrte, einen Hasen bis in seinen Garten zu verfolgen? Wer hat am letzten Sonntag in der Schenke den Musikanten die Instrumente zertrümmert, als sie nach Mitternacht nicht mehr spielen wollten, weil sie sonst in Strafe genommen werden? Du, lüderlicher Neffe. Und wer muß das Alles bezahlen? Ich, Dein unglücklicher Vetter! Aber jetzt werde ich einmal selbst Gerechtigkeit üben, denn Du weißt doch, daß ich nicht mehr Schulmeister, sondern Dorfrichter bin? Ich werde Dich hängen lassen!

Des Jägers Züge verzogen sich zu einem mitleidigen Lächeln, ruhig gab er zur Antwort:

– Lieber Vetter, wenn Sie Sich nicht selbst in der ganzen Gegend blamiren wollen, so beobachten Sie ein tiefes Schweigen über die Jugendthorheiten Ihres Neffen, und zahlen ganz ruhig, was zu zahlen ist. Damit Sie aber sehen, daß ich es gut mit Ihnen meine – –

– Herr Gott im hohen Himmel, rief zornbebend Valentin und strich sich seine langen Haare hinter die Ohren – dieser Mensch meint es noch gut mit mir! Nein, da möchte man doch den Verstand verlieren! Ich habe mindestens einen Schadenersatz von zweihundert Thalern zu zahlen, woran er Schuld ist, und nun will er es noch gut mit mir meinen.

– Lassen Sie mich nur ausreden, lieber Vetter, und Sie werden mir Recht geben. Also zweihundert Thaler haben Sie für mich zu zahlen?

– Ich muß sie zahlen, wenn ich mich bei dem Antritte meines neuen Amtes nicht gleich blamiren will – Mensch, woher soll ich das Geld nehmen.

– Nun sehen Sie einmal ihren Geiz, lächelte ruhig der Jäger. Diese Summe bringt einen Mann wie Sie nicht in Verlegenheit!

– Mensch, mache mich nicht rasend! rief der Dorfrichter und sprang mit beiden Füßen zugleich empor, daß er mit dem Kopfe fast an die Decke stieß. Ich bin arm, arm wie eine Kirchenmaus!

– Aber das Geld muß dennoch bezahlt werden, denn der Ortsrichter muß seinen Bauern mit einem guten Beispiele vorangehen.

– Leider, leider, stammelte Valentin, muß es bezahlt werden!

– Sehen Sie, lieber Vetter, ich will Ihnen helfen, Ihre Reputation retten, sagte schmeichelnd der Jäger.

– Du mir helfen? fragte der Alte mit einem verachtenden Seitenblicke.

– Ja ich! antwortete bestimmt der junge Mann, indem er aufstand und dem Zürnenden näher trat.

– Da wäre ich doch neugierig.

– Wollen Sie, daß morgen die zweihundert Thaler bezahlt sind?

– Aus meiner Tasche?

– Nein!

Das Gesicht des Ortsrichters nahm einen andern Ausdruck an.

– Und woher denn, wenn ich fragen darf?

– Das ist eben das Geheimniß, lieber Vetter, daß Ihnen beweisen soll, wie gut ich es mit Ihnen meine.

– Nun so rede, vielleicht ist Dein Vorschlag nicht zu verwerfen, sagte Valentin, indem er seine Hände auf den Rücken legte.

Der Jäger legte seine rechte Hand auf die breite Schulter des Vetters, sah ihm einen Augenblick in das graue Auge und flüsterte geheimnißvoll:

– Lieber Vetter, ich bin verliebt!

– Na, das fehlte auch noch! rief ärgerlich der Richter, der sich in seiner Hoffnung getäuscht sah. Deine Liebe, fügte er höhnend hinzu, trägt keinen Heller ein.

– Aber meine Heirath!

– Mit wem?

– Mit unserer Nachbarin, der hübschen Marie, deren Vormund Sie sind.

Das Gesicht des Ortsrichters nahm denselben Ausdruck wieder an, als einige Augenblicke zuvor. Des Jägers Bekenntniß schien eine neue Hoffnung in ihm erweckt zu haben.

– Eberhard, sagte er erstaunt, das Mädchen ist schön und gut –

– Eben deshalb will ich sie heirathen, und Sie werden meine Absicht unterstützen, weil Marie reich ist.

– O ja, meinte Valentin in einem völlig veränderten Tone, sie besitzt ein recht artiges Vermögen. Der junge Graf Rudolph hat ihr vor einigen Jahren die einträgliche Meierei geschenkt, die sie jetzt bewirthschaftet, und außerdem noch dreitausend Thaler versprochen, wenn sie sich einmal verheirathet. Der Graf hält Wort, denn Marie ist seine Milchschwester, die er herzlich liebt, weil er keine rechten Geschwister besitzt. Der Plan ist nicht übel!

– Und außerdem ist sie eine Waise, die allein in der Welt steht – sie hat weder Eltern noch Geschwister, mit denen sie zu theilen hat – nicht einmal einen Vetter, fügte Eberhard lächelnd hinzu.

– Einen Vetter! rief rasch der Richter. Ich will nicht mit Dir theilen, ich will nur das Darlehen zurück haben, wozu mich mein lüderlicher Neffe gezwungen hat!

– Sie sehen also, mein bester Vetter, daß ich mehr in Ihrem Interesse handle, als in dem meinigen, wenn ich das Mädchen heirathe, darum unterstützen Sie mich.

Vetter Valentin legte einen Augenblick die Hand an sein Kinn und blickte sinnend zur Erde, wobei sich seine Augen so eng zusammenzogen, daß sie nur noch zwei schwarzen Strichen glichen.

– Höre, Eberhard, Dein Heirathsproject ist nicht übel, es hat meinen Beifall. Ich bin Dein Vetter und Mariens Vormund – das trägt schon etwas zum Gelingen desselben bei – ich hoffe, Du wirst dies nicht vergessen.

– Nie, rief der Jäger und sein bleiches Gesicht belebte eine widerwärtige Freundlichkeit – nie! Gebrauchen Sie also Ihr Ansehen als Ortsrichter und Vormund!

– Du hast Recht, man muß das Mädchen verblüffen, antwortete Valentin und ging in großen Schritten, die Hand in die Oeffnung der schwarzen Weste gesteckt, durch das Zimmer.

– Sagen Sie ihr, fuhr Eberhard fort, indem er neben seinem Vetter auf und abging, daß ich einst Ihr Nachfolger im Amte werden würde.

– Mensch, rief der Alte, soll ich lügen?

– Es kommt ja nur auf Sie an, Vetter, ob diese Lockspeise eine Lüge sei, oder nicht. Warum soll ich nicht eben so gut Ortsrichter werden können, als Sie, vorzüglich, wenn Sie mir Ihren Platz einräumen? Nun vorwärts, Marie wohnt nicht weit!

– Was soll das heißen?

– Daß wir auf der Stelle zu ihr gehen und um ihre Hand werben.

– Wie, diesen Abend noch?

– In diesem Augenblicke!

– Die Werbung geht Dich an, Du bist der Bräutigam – bedarfst Du der Hülfe, so bin ich immer noch da!

– O nein, rief lebhaft der Jäger, die Angelegenheit ist eine Familiensache, und Sie sind der Vetter! Ich gehe nicht ohne Sie!

– Nun gut, sagte Valentin nach einigem Zaudern, so gehen wir zusammen – heute ist Sonnabend, morgen ein Sonntag – ich erzähle die Neuigkeit in der Kirche einigen Nachbarn – morgen Abend weiß sie das ganze Dorf.

– Auch wenn Marie meine Hand ausschlägt? fragte Eberhard.

– Sie wird sich wohl hüten, wenn ich dabei bin, mein lieber Neffe, denn ich bin ihr Vormund und Ortsrichter!

Mit den letzten Worten hatte Valentin seinen Rock von einem Nagel der Wand genommen, ihn angezogen und seine Mütze mit einem runden, schwarzen Hute vertauscht. Dann ergriff er einen gelben Rohrstock und schritt gravitätisch zur Thür hinaus. Der Jäger folgte und lächelte dabei, als ob er sagen wollte: ich wußte es wohl, daß der geizige Filz auf meinen Vorschlag eingeht.

– Des Burschen Heirathsproject kommt mir gelegen, flüsterte der Richter vor sich hin, indem er über den Hof schritt – es ist sogar ein Lieblingsgedanke von mir, denn ist Eberhard Mariens Mann und im Besitze ihres Vermögens, so wird man mir die Bewirthschaftung der Wiese nicht streitig machen, die ich seit fünf Jahren benutze, ich verlange sie von meinem Neffen als Kuppelpelz – das Grundstück ist seine achthundert Thaler werth!

Nach einigen Minuten standen die beiden Männer an der Pforte, die in Mariens Hof führte. Valentin schritt voran. Die Hausflur war schon dunkel, da der letzte Schein des Tages nur durch ein einziges Fenster hereindringen konnte. Auf ein Klopfen an die Stubenthüre rief Mariens sanfte Stimme »herein!«

– Sie ist zu Hause, flüsterte der Vetter dem Neffen zu, indem sie beide in das freundliche Zimmer traten, das nur noch schwach von Dämmerung erfüllt war.

Ueberrascht von dem Abendgruße der Männer fuhr Marie aus einem kleinen Lehnstuhle empor, in welchem sie träumend gesessen hatte. Der Besuch des Vetters schien keinen befremdenden Eindruck auf sie auszuüben, wohl aber der des Neffen, der ihr als ein leichtsinniger Mensch bekannt war.

– Mein Gott, rief sie mit zitternder Stimme aus, was verschafft mir die Ehre dieses seltenen Besuches – und diesen Abend, noch so spät?

– Ob Jungfer Marie das wohl rathen kann, antwortete lachend der Ortsrichter, indem er wie ein alter Bekannter des Hauses seinen Hut auf den Stock hing und beides an ein Uhrgehäuse lehnte, in welchem ein schwerfälliger Pendel seine langsamen Schwingungen machte.

– Nehmen Sie Platz, flüsterte das junge Mädchen und schob zwei Stühle heran.

Die Männer folgten der Einladung. Marie setzte sich wieder in ihren Stuhl; doch schon in der nächsten Secunde erhob sie sich rasch wieder.

– Es ist schon dunkel, rief sie aus, ich werde Licht holen!

Der Jäger ergriff ihre Hand und zog sie leise auf den Stuhl zurück.

– Bleiben Sie, schöne Marie, sagte er so sanft, als es seine tiefe Stimme erlaubte, es ist noch Zeit genug, Licht zu holen – berauben Sie uns jetzt Ihrer Gegenwart nicht.

– Womit kann ich den Herren dienen? fragte sie in einem Tone, der deutlich den peinlichen Zustand verrieth, in den sie die Berührung des Jägers gesetzt hatte.

– Marie, sagte der Richter, Sie wissen, daß große Umwege meine Sache nicht sind, ich steuere stets direct auf mein Ziel los. Und dies muß nach meiner Ansicht auch ein Mann, der die höchst wichtige und einflußreiche Würde eines Ortsrichters bekleidet. Ich habe keine leiblichen Kinder, meine ganze Familie besteht aus meiner kleinen Mündel und meinem Neffen, dem gräflichen Revierförster Eberhard. Um nun nach Pflicht und Gewissen für die Zukunft meiner Pflegebefohlenen zu sorgen, habe ich mich mit Gott zu dem gegenwärtigen Besuche entschlossen.

– Und der Zweck dieses Besuches? fragte Marie kaum hörbar, da ihr die Angst die Brust zusammenschnürte.

– Marie, sagte der Richter mit feierlicher Stimme, ich bin gekommen, um für meinen Neffen Eberhard um Ihre Hand zu werben.

– Und ich, fügte der Jäger hinzu, um meine Bitte, die sich auf Achtung und Liebe gründet, mit der Werbung meines Vetters zu vereinigen.

Marie antwortete nicht, eine ängstliche Pause trat ein, und beide Theile segneten im Stillen den Umstand, daß das Zimmer dunkel war.

– Nun, liebe Mündel, begann betonend der Ortsrichter wieder, was haben Sie auf unsern Antrag zu antworten? Nicht wahr, das hätten Sie wohl nicht erwartet?

– Nein! antwortete Marie, und ihre Angst schien plötzlich verschwunden zu sein, denn sie sprach dieses Wort mit einer Unbefangenheit, die Valentin und Eberhard für eine freudige Zustimmung hielten.

– Das habe ich mir gedacht! rief lachend der Richter, indem er seine großen Hände rieb, daß es laut rauschte. Nicht wahr, mein Eberhard ist ein schmucker Bursche?

– Marie! rief Eberhard und wollte ihre Hand ergreifen.

– Herr Vormund, sagte das junge Mädchen, indem es aufstand, Ihr Antrag schmeichelt meinem Herzen und meiner Eitelkeit, denn Sie denken mir eine Ehre zu, an die ich nimmer geglaubt hätte – trotzdem aber kann ich Ihren Antrag nicht annehmen!

– Warum? fragten beide Männer zugleich.

– Weil mein Herz meine Hand schon versprochen hat! antwortete Marie in einem festen Tone.

– So, rief der Richter erstaunt – und ohne mein Wissen? Wer ist denn dieser heimliche Liebhaber?

– Der Mann, den ich liebe, und dem ich meine Hand versprochen, ist Konrad, mein junger Nachbar.

Vetter und Neffe konnten ihrem neuen Erstaunen keine Worte verleihen, da ihnen eine Magd, die in diesem Augenblicke Licht in das Zimmer brachte, Schweigen auferlegte. Marie, deren liebliches Gesicht wie eine Rose im Frühlinge glühete, trat der Magd entgegen, nahm ihr das Licht ab und verabschiedete sie wieder durch ein Zeichen mit der Hand. Dasselbe Licht, das jetzt dem Jäger das reizende Mädchen zeigte, hatte Konrad durch das Fenster schimmern sehen, der leise seinen Gruß flüsternd vorüberging.

Als ob der Gruß des Geliebten, den Marie noch in weiter Ferne wähnte, eine wunderbare Kraft geäußert, stand sie mit freundlichen, aber entschlossenen Mienen vor den beiden Männern, die Blicke der Verlegenheit und des Aergers wechselten. Der Jäger nahm zuerst das Wort wieder.

– Demnach hätte ich einen Korb erhalten? fragte er mit einem stechendem Blicke.

– Es thut mir leid, antwortete das junge Mädchen mit einer kurzen Verbeugung – Sie sehen aber, ich kann nicht anders.

– Konrad? rief der Richter, indem er aufstand – ist er nicht mit unserm jungen Grafen in den Krieg gezogen?

– Derselbe, Herr Ortsrichter, und ich muß bekennen, daß ich ihm deshalb noch einmal so gut bin, denn es zeigt, daß er Muth und Vaterlandsliebe im Herzen trägt.

– Konrad, sagte der Jäger verächtlich, ein sonderbarer Geschmack!

– Mag sein, Herr Eberhard, aber ich liebe ihn!

– Außerdem hat der Mensch nicht hundert Thaler im Vermögen! fügte der Richter hinzu.

– Mag sein, Herr Valentin; aber ich liebe ihn und besitze eine Meierei, die uns beide ernährt.

– Hören Sie, Marie, ich bin Ihr Vormund und freue mich über Ihren braven Charakter – aber während Sie so fest an Ihrem Versprechen hangen, ist es ein leicht möglicher Fall, daß der arme Junge – vielleicht ohne es zu wollen – –

– Mein Gott, rief Marie erschreckt – was wollen Sie sagen? Wissen Sie vielleicht – –?

– Als Ortsrichter weiß ich Alles, mein Kind, und weiß auch, daß in dem Kriege gegen die furchtbaren Dänen viel Menschen gefallen sind, die eigentlich hätten zu Hause bleiben können.

Marie schwankte und sank in den Stuhl zurück.

– Konrad, Konrad ist todt! rief sie schluchzend und bedeckte ihr Gesicht mit der weißen Schürze, die ihren schlanken Leib umschloß.

– Das habe ich nicht gesagt! rief der Richter erschreckt.

– Er ist nicht todt? fuhr Marie empor. Ist er verwundet?

– Auch das habe ich nicht gesagt!

– Nun, sagte sie mit fester Stimme und sah mit ihren thränenden Augen den verwirrten Valentin an, während Eberhard seinen Nebenbuhler um diese Thränen beneidete – nun, Herr Richter, was wollen Sie denn sagen?

– Ich will sagen, mein liebes Kind, daß alles geschehen kann, was man fürchtet, und daß es in Ihrem Alter sehr unklug gehandelt ist, wenn man daran denkt, sein Leben an das eines Soldaten im Kriege ketten zu wollen. Sehen Sie, unser junger Graf Rudolph ist diesen Morgen schon zurückgekehrt, folglich muß der Krieg aus sein, und wer zurückkehren kann, wird gewiß nicht säumen, zumal wenn er ein Bräutchen in der Heimath hat. Entweder hat ein solcher Soldat sein Liebchen vergessen und ein anderes gefunden, oder er hat sonst einen Grund, der ihn hindert – –

Des Richters Rede ward durch das hastige Oeffnen der Thür unterbrochen. Aller Blicke wandten sich dahin.

Ein junges Mädchen stürzte in fröhlicher Hast herein, denn seine Blicke leuchteten vor Freude und Lust, wie die eines Boten, der gute Nachricht verkünden will.

– Röschen, Röschen! rief Marie und stürzte der Freundin entgegen, die in diesem Augenblicke erstaunt den Besuch betrachtete. Röschen, wo ist Konrad?

– Mein Bruder? fragte die Eingetretene verwundert. Weißt Du es schon?

– Also hast Du Nachricht – o erzähle, wo ist er, wie geht es ihm?

– Du weißt noch nichts, meine Marie, sagte Röschen lächelnd, folge mir in meine Wohnung und Du sollst alles erfahren!

– Nein, nein, berichte hier gleich, die Unruhe tödtet mich! Röschen, wenn Du mich liebst, fügte sie mit einem Seitenblicke auf die Männer hinzu, so theilst Du mir gleich Deine Nachrichten mit.

Röschen hatte den Blick verstanden, denn sie sagte betonend:

– Nun denn, mein Bruder Konrad ist so eben angekommen!

– Gott sei Dank! rief Marie und bedeckte den Mund, der diese Botschaft gesprochen, mit glühenden Freudenküssen. Herr Ortsrichter, wandte sie sich zu Valentin, was sagten Sie doch vorhin?

– Ich sagte, stammelte der Alte, ich sagte, daß sich alles ereignen könne – und hatte ich nicht Recht? Er ist angekommen, den wir noch im Kriege wähnten! Nun, Jungfer Mündel, wir wollen Ihre Freude des Wiedersehens nicht stören, gute Nacht! Doch vergessen Sie nicht, daß ich Ihr Vormund bin! Gute Nacht!

Valentin ergriff Stock und Hut und verließ das Zimmer. Der Jäger grüßte kalt die beiden Mädchen und folgte seinem Vetter, der mit großen Schritten seinem Hause zueilte.

– Was bedeutet das? fragte Röschen verwundert – der Jäger Eberhard in Deiner Wohnung –?

– Morgen, beste Freundin, sollst Du alles erfahren – jetzt komm zu Konrad, daß ich ihn in der Heimath als sein treues Mädchen begrüßen kann. Komm, Röschen, komm!

Wie Rehe, die den Jäger ahnen, hüpften die beiden Mädchen über den mondbeleuchteten Dorfplatz dem gegenüberliegenden Hause zu, dessen weiße Mauer das milde Licht des Himmels wiederstrahlte.

In der dunkeln Thür öffneten sich zwei Arme und empfingen die bebende Marie, die Röschen mit Absicht vorangehen ließ.

– Konrad!

– Marie!

3.

Es war Sonntagabend. Ruhig und schwül lag er auf dem Dorfe, und der Horizont im Westen, wo gestern das heiterste Abendroth prangte, kündigte heute ein heranziehendes Gewitter an. Vor den Häusern saßen in ihrem Sonntagstaate Männer, Weiber und Kinder und unter den breiten Linden vor den Thüren hatten sich Gruppen junger Burschen und Mädchen versammelt, um zu plaudern und zu scherzen.

Wie die Menschen, schien auch die Natur den Tag des Herrn zu feiern, denn es lag eine ernste Stille über der ganzen Gegend ausgebreitet, die durch das Drückende der Luft noch vermehrt wurde.

Von dem Kirchthurme herab verkündete die Glocke die siebente Stunde, als zwei Jäger aus dem Dorfe traten und einen Fußpfad einschlugen, der über eine Wiese dem nahen Walde zuführte. Den einen von ihnen kennt der Leser bereits, es war Eberhard, des Ortsrichters Neffe. Der andere war ein kurzer, stämmiger Mann von ungefähr zwei und dreißig Jahren, mit breiten Schultern, kurzem Halse und einem dicken, runden Kopfe, den ein krauses, schwarzes Haar bedeckte. Sein Gesicht war voll und breit, mit Blatternarben besäet und von schmutzig rother Farbe. Seine Augen hatten mit denen eines Schweines große Aehnlichkeit, sie waren geschlitzt, grünlich grau und von starken buschigen Brauen bedeckt. Die Kleidung dieses Mannes war dieselbe Jägeruniform, die Eberhard trug.

Schweigend gingen sie über den Wiesenplan, der mit halb trockenen Heuhaufen bedeckt war und einen angenehmen Kräutergeruch verbreitete. Als sie die erste Eiche des beginnenden Waldes erreicht hatten, blieb Eberhard plötzlich stehen und sah nach dem Dorfe zurück, das nach und nach durch Bäume und Hecken den Blicken entschwunden war. Sein Gefährte sah ihn mit einem grinsenden Lächeln an.

– Du wunderst Dich wohl über die Hochzeit, Eberhard, sagte er mit heiserer Stimme – von der heute den ganzen Tag in unserm lieben Dörflein die Rede war? Ich muß Dir bekennen, daß ich mich auch ein wenig darüber gewundert habe.

– Graff, antwortete der junge Jäger, wenn Du mich nicht ärgern willst, so sprich nicht davon – ich denke an ganz andere Dinge!

– Ah, ich verstehe, rief Graff, Du denkst an das Spiel!

– An das Spiel! Womit soll ich spielen?

– Nun, Du hattest doch vorgestern noch Geld?

– Vorgestern und heute! sagte Eberhard mit gerunzelter Stirn – dazwischen liegt ein ganzer Tag!

– Was ist geschehen? fragte Graff, indem er den Arm seines Freundes ergriff, und ihn veranlaßte, langsam den Weg fortzusetzen.

– Alles Geld, was Du vorgestern bei mir sahest, habe ich verspielt. Ich setzte hoch, weil ich viel gewinnen wollte.

– Verspielt? lachte der dicke Jäger.

– Ich habe diesen Monat ein besonderes Unglück!

– Sage nicht Unglück, Eberhard, der Ausdruck ist falsch.

– Was trägt denn die Schuld an meinem Verluste?

– Deine Ungeschicklichkeit, mein bester Freund! Wie kann ein gescheuter Mensch sich mit Spielern von Profession einlassen – o wie dumm!

– Wie, rief Eberhard, so bin ich wohl gar der Geprellte gewesen?

– Das ist leicht möglich! gab Graff kalt zur Antwort.

– Und Du hast mich nicht gewarnt?

– Was Du da verlangst, Freund Eberhard! Jene sind so gut meine Freunde, als Du!

– Also solche Freunde hast Du! rief der junge Jäger im Tone des Vorwurfs.

– Auch solche, antwortete trocken der Freund, denn es ist mein Grundsatz, mit Leuten von allen Gesinnungen Bekanntschaft zu pflegen. Und außerdem hast Du ja häufiger Gelegenheit, Deine Revanche zu nehmen, als jene armen Teufel.

Die beiden Freunde hatten während dieses Gesprächs ein dichtes Haselgesträuch erreicht, das wie ein Bosquet rechts und links zur Seite stand. Einzelne Eichen ragten daraus empor und verhüllten die Aussicht auf das Firmament, so daß auf dem Waldwege schon starke Dämmerung herrschte. Nirgends regte sich ein Blatt in den Zweigen, nur dann und wann flatterte ein Vogel aus dem Dickicht auf, den die Schritte der Männer in seinem Verstecke erschreckt hatten.

– Du sprichst von Revanche, Graff – begann nach einer Pause der Revierförster wieder – was nützt mir die Gelegenheit dazu, wenn mich auf Tritt und Schritt das Unglück verfolgt?

– Es giebt verschiedene Branchen, sein Glück zu machen, muß es denn immer nur das Spiel sein? Eberhard, ich dürfte nicht in Deiner Haut stecken, oder es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht in kurzer Zeit ein reicher Mann wäre. Sieh' Dich nach einem reichen Mädchen um, Freund, es giebt ja so viel Bauerdirnen, die nur deshalb noch ledig sind, weil sie keinen Bauerjungen heirathen, sondern etwas höher hinauswollen.

– Die Absicht hatte ich gestern, antwortete Eberhard, und glaubte schon, daß mir ein hübsches Mädchen mit einer einträglichen Meierei nicht entgehen könne –

– Mit einer Meierei –? Nun –?

– Der Teufel trieb wieder sein Spiel, denn die Rückkehr jenes Konrad, der so dumm war, mit unserm Grafen in den Krieg gegen die Dänen zu ziehen, vereitelte alle meine Aussichten.

– Und dies macht Dich so untröstlich? rief Graff, indem er in ein so lautes Gelächter ausbrach, daß das Echo des Waldes es zurückgab.

– Wenn man keine andere Aussicht hat, allerdings! gab Eberhard düster zur Antwort.

– Bist Du ein engherziger Mensch! Giebt es nicht noch tausend andere Quellen auf der Welt, aus welcher der Kluge leicht und ohne Mühe seinen Vortheil schöpfen kann?

– Nenne mir eine solche Quelle, rief Eberhard, nenne sie mir und beweise, daß Du ein kluger Mensch bist!

Graff blieb stehen und sah seinen düstern Freund einen Augenblick an, dann sagte er halb laut, als ob er fürchtete gehört zu werden:

– Geh hinaus auf die Landstraße – prüfe die glücklichen Leute – beschäftige Dich mit den Reichen – es giebt ja so viel Gewerbe – die Erde ist groß – das Feld ist weit – eine einzige goldne Erndte, und Du bist ein gemachter Mann!

– Ja, antwortete Eberhard in einem dumpfen Tone, ich bin ein gemachter Mann, weil ich auf dem Punkte stehe, mich entweder in den Teich zu stürzen, oder eine Kugel durch den Kopf zu jagen!

– Mein Gott, sagte Graff lächelnd, wie kann man auf solche abgeschmackte Gedanken gerathen! Bist Du denn so entsetzlich in das Mädchen verliebt, das Dir jener Konrad vor der Nase wegschnappt?

– Nein!

– Nun, was ist es denn, was Dich so mächtig erschüttert?

– Ich schulde in der Stadt eine bedeutende Summe, deren Zahlungsfrist bereits abgelaufen ist.

– So laß sie laufen, was kümmert es Dich!

– Sehr viel, Graff, denn es ist eine Wechselschuld.

– O Du dummer Teufel! Wie kann ein vernünftiger Mensch einen Wechsel unterschreiben?

– Man gab mir Zeit, fuhr Eberhard fort, weil ich die sicherste Hoffnung auf die Heirath hegte; diesen Morgen aber schrieb mir ein Freund, daß ich jeden Tag gewärtigen könne, bei Wasser und Brod in das Schuldgefängniß gesperrt zu werden, denn mein Gläubiger habe bereits bei den Gerichten darum nachgesucht.