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Tirol

Chapter 8: V. Bevölkerung.
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About This Book

This work provides a detailed regional study of the Tyrol, combining physical geography, climate, vegetation and animal life with an overview of historical development and population patterns. It surveys mountain forms, valley landscapes, glaciers, rivers and passes, and explains how geology and hydrology influence settlement and land use. It summarizes historical processes and local customs, and describes economic activities, village life and demographic distribution across distinct subregions from high Alpine basins to southern foothills. Illustrated, map-supported chapters and travel-style descriptions lead the reader through individual valleys and towns while bibliographic and reference material round out the regional portrait.

Tirol im XIII. und XIV. Jahrhundert.

Die Grafen von Andechs, vordem von Dießen und Wolfratshausen benannt, ein mächtiges bayerisches Rittergeschlecht, erhielten 1165 vom Bischofe von Brixen ausgedehnte Grafschaften im Pusterthal und Unterinnthal zum Lehen. Die Besitzungen der Andechser reichten bald aus Franken und von Passau bis nach Istrien und Krain, sieben reiche Grafschaften. So waren bis zum XIII. Jahrhundert die meisten Tiroler Grafschaften in den Händen der Grafen von Tirol und der Grafen von Andechs vereint. Und als der Mannesstamm der Andechser im Jahre 1248 ausstarb, gelang es dem thatkräftigen Grafen Albert von Tirol, teils mit geharnischter Faust, teils durch diplomatische Schachzüge, so ziemlich den größten Teil des heutigen Landes Tirol seiner Herrschaft zu unterwerfen. Alberts Schwiegersöhne, die Grafen von Hirschberg und von Görz, teilten nach seinem Tode das Land; aber dem Sohne des letzteren, Meinhard II. von Görz, gelang es, das Ganze wieder in seiner Hand zu vereinen. Dieser einsichtsvolle und thatkräftige Herrscher, der auch im Jahre 1286 mit dem Herzogtum Kärnten belehnt ward, wurde der erste Landesfürst in Tirol. Seine Enkelin, Margareta, die Maultasche zubenannt, wurde für die Geschichte Tirols entscheidend, indem sie nach mannigfachen Schicksalen, kinderlos, Land und Herrschaft an ihren österreichischen Vetter, Herzog Rudolph IV., abtrat (im Jahre 1363).

Abb. 48. Holzknechte.
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Abb. 49. Bauer aus Leutasch.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

So war Tirol an das Haus Habsburg gekommen. Rudolfs IV. Erbe ward sein Bruder Leopold und, als derselbe in der Schlacht bei Sempach 1386 gefallen war, dessen jüngster Sohn, Herzog Friedrich mit der leeren Tasche: eine der lichtesten und edelsten Erscheinungen seiner Zeit. Schon am Anfange seiner Herrschaft ein entschiedener Freund von Bürger und Bauer gegenüber dem Adel, ward er von schweren Schicksalen heimgesucht, als er wegen seines Verhaltens auf dem Konzil zu Konstanz in die Reichsacht fiel und eingekerkert ward, aus dem Kerker entfloh, auf den Rofner Höfen im Ötzthal Zuflucht fand, bis er, der Treue seines Volkes sicher, in Landeck seine Verkleidung von sich werfen und unter seine Tiroler treten konnte, die ihn jauchzend empfingen. Als endlich Reichsacht und Kirchenbann von ihm genommen waren, schuf er durch den Erlaß der landständischen Verfassung Tirols, den Fürsten des Mittelalters um Jahrhunderte voraus, seinem Volk einen freien Bauern- und Bürgerstand. Die ganze heldenhafte Treue, die das Volk der Tiroler späterhin seinen Herrschern erwies, ist wohl zum größten Teile herausgewachsen aus dem Verhältnis, das unter Herzog Friedrich zwischen Fürst und Volk entstand.

Tirol vom XVI. bis XVIII. Jahrhundert.

Friedrichs kinderloser Sohn Sigismund trat die Herrschaft über Tirol an seinen Vetter, den nachmaligen Kaiser Maximilian I., ab. Dieser liebte das Land, verbesserte dessen Verwaltung und Wehrverfassung und vergrößerte es durch Hinzufügung des Pusterthales aus der Erbschaft der Grafen von Görz; ferner durch die Herrschaften von Kufstein, Rattenberg und Kitzbühel, die ihm von den bayerischen Herzogen abgetreten wurden; ein siegreich gegen die Venetianer 1508–1513 geführter Krieg vermehrte das Land um südtirolischen Besitz: insbesondere Riva, Rovereto, Peutelstein und Ampezzo.

Maximilians Enkel, Kaiser Karl V., brachte dem Lande weniger Segen. Er überließ die Regierung von Tirol und den österreichischen Erbländern seinem Bruder Ferdinand I. Als während des Schmalkaldischen Krieges Karl in Innsbruck weilte und seine Gegner über die Ehrenberger Klause in Tirol eingefallen waren, war der Kaiser genötigt, durchs Pusterthal nach Kärnten zu entfliehen. Unter Ferdinands Herrschaft hatte auch die Reformationsbewegung angefangen, in Tirol ihre Wellen zu schlagen; Kirchen- und socialpolitische Bewegungen wurden aber im Keim erstickt. Ferdinands Nachfolger ward dessen Sohn, Ferdinand II., seit 1563. Er unterdrückte die Reste der reformatorischen Bewegung, ließ die Jesuiten in Tirol ein und gestaltete die Verfassung des Landes um. Mit seiner durch ihre Schönheit berühmten Gemahlin, Philippine Welser (Abb. 19), einer Augsburger Patricierstochter, die er zuerst in heimlicher Ehe geheiratet hatte, residierte er zumeist auf Schloß Ambras bei Innsbruck.

Unter den späteren Herrschern Tirols aus dem Hause Österreich gerät die Geschichte des Landes in ruhigen Fluß; Zwistigkeiten der Landesherren mit den Bischöfen, mit den unruhigen Italienern im Süden und den Graubündnern im Westen hören auf. Seit 1665 hat Tirol keine eigenen Landesherren mehr, sondern ist Bestandteil der österreichischen Länder.

Abb. 50. Gemsjäger.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Erst im Jahre 1703, während des spanischen Erbfolgekrieges, tritt Tirol wieder in den Rahmen der Weltereignisse. Der zum Kampfe gegen Österreich mit den Franzosen verbündete bayerische Kurfürst Max Emanuel war über Kufstein und über Ehrenberg in Tirol eingefallen und hatte sich Innsbrucks bemächtigt, während Marschall Vendome aus Südtirol vordringen sollte. Da erhob sich wie ein Löwe der Tiroler Landsturm, warf die Bayern auf dem Brenner und im Innthal aus ihren Stellungen, vernichtete an der Pontlatzer Brücke eine bayerische Abteilung in mörderischem Kampfe und zwang den Kurfürsten zum Rückzug. Auch Vendome, der vergeblich Trient belagerte, mußte sich zurückziehen.

Tiefe Ruhe kehrte wieder in Tirol ein, das sich in der Folgezeit den Reformversuchen Kaiser Josephs II. völlig abgeneigt erwies.

Abb. 51. Vor dem Tanz.
(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München.)

Den ganzen Heldenmut und die unvergleichliche Treue der Tiroler aber sehen wir wieder während der Napoleonischen Kriege erwachen. Das geschah schon im Jahre 1797, als in der Schlacht von Spinges der Tiroler Landsturm ein französisches Heer unter General Joubert in die Flucht geschlagen hatte. Aber das Größere sollte erst zwölf Jahre später kommen.

Abb. 52. Der Vogelweidhof.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Tiroler Unabhängigkeitskampf.

Im Jahre 1805 war Tirol durch den für Oesterreich so unglücklichen Preßburger Frieden an Bayern abgetreten worden; bayerische Behörden hatten die Verwaltung übernommen. Mancherlei Maßregeln der bayerischen Regierung standen im Widerspruch mit den alten Gewohnheiten des Volkes, dessen religiöser Eifer auch durch seine Geistlichen gegen die aufgedrungene Herrschaft entflammt ward. So konnten, als im Jahre 1809 der Krieg zwischen Österreich und Napoleon wieder ausbrach, in Tirol sofort die Flammen des Aufstandes hoch emporschlagen. Andreas Hofer, der Sandwirt von Passeier (Abb. 17 u. 18), ward zum begeisterten Führer der Tiroler Landesverteidiger, Joseph Speckbacher, ein Bauer aus Rinn im Unterinnthal, zum geistigen Leiter der kriegerischen Thaten, dessen Adlerblick und verwegener Mut die schwersten Situationen beherrschte. Der Kapuziner Haspinger half mit entflammender Rede. Im Pusterthal entbrannte der Aufstand zuerst; dort ward schon im April eine kleine bayerische Abteilung zurückgedrängt nach Sterzing, wo sie von Hofer gefangen ward. Am 12. April ward die Besatzung von Innsbruck durch Speckbacher überwältigt; die Hauptmacht der Bayern und Franzosen, die sich, 4600 Mann stark, über den Brenner gegen Innsbruck zurückgezogen hatte, mußte bei Wilten kapitulieren.

Abb. 53. M. Schmid: Abgestürzt.
(Nach einer Photographie von Fr. Hanfstaengl in München: Buchdruckrecht der Illustrierten Zeitung in Leipzig.)
Tirols Befreiung.

So war Tirol wiederum frei. Aber nur für kurze Zeit. Schon im Mai brach der bayerische General Wrede wiederum in Tirol ein, erkämpfte sich den tapfer verteidigten Paß Strub an der Salzburg-Tiroler Grenze, schlug die Tiroler bei Wörgl und bemächtigte sich Innsbrucks. Indessen hatte sich am Berge Isel der Tiroler Landsturm versammelt; wiederum kam es hier zur Schlacht, und abermals wurden die Bayern geschlagen und zum Rückzug aus Tirol gezwungen. Nur Kufstein, aufs tapferste verteidigt, blieb in ihren Händen. In Südtirol hatte eine österreichische Heeresabteilung die Franzosen vertrieben.

Abb. 54. St. Johann in Tirol.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Aber nur kurze Zeit währte dies. Österreich hatte nach der unglücklichen Schlacht bei Wagram seine Truppen aus Tirol zurückgezogen und die Tiroler zur Ruhe aufgefordert, Napoleon den Marschall Lefebvre mit einem 50000 Mann starken bayerisch-sächsisch-französischen Heer nach Tirol geschickt. Nordtirol war entwaffnet. Aber in Südtirol rief Andreas Hofer zum drittenmal den Landsturm auf, der die Truppen des Marschalls in wiederholten Gefechten, insbesondere in einer blutigen Schlacht an der Pontlatzer Brücke, wiederum zurückdrängte nach Innsbruck. Das war in den ersten Tagen des August. Am 13. August ward die dritte und größte Schlacht am Berge Isel geschlagen; die Tiroler blieben siegreich; der Marschall verließ mit seinem Heere das Land. Der Sandwirt von Passeier aber saß in der Hofburg zu Innsbruck und regierte das Land als Oberkommandant.

Abb. 55. Kitzbühel, gegen das Kaisergebirge.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Andreas Hofers Tod.

Erst im Oktober rückte wieder eine bayerische Armee in Tirol ein und erfocht einen Sieg gegen Speckbacher bei Melleck. Aller Heldenmut des Landsturms war umsonst. Am 14. Oktober schloß Kaiser Franz mit Napoleon den Wiener Frieden; Tirol ward abermals an Bayern abgetreten. Nun verließ auch den Sandwirt die Widerstandskraft; er ließ am Berge Isel den Landsturm auseinander gehen, da die Franzosen mittlerweile auch durchs Pusterthal eingerückt waren, und nahm die von Eugen Beauharnais den Tirolern gebotene Amnestie an, während Speckbacher nach Österreich entfloh. Falsche Nachrichten von österreichischen Siegen und vom Einmarsch eines österreichischen Heeres aber täuschten den tapferen Hofer, der vom Passeierthale zum letztenmal seinen treuen Landsturm aufbot. Ein paar Häuflein fanden sich noch zusammen und errangen einige Erfolge gegen kleine französische Abteilungen im Süden. Aber die Kraft des Tiroler Volkes war doch zu sehr erschöpft; neue französische Truppen rückten ins Land; Hofer mußte die Waffen niederlegen und ins Gebirge fliehen. Verrat lieferte ihn in die Hände der Franzosen; und am 20. Februar 1810 ward er zu Mantua erschossen. Tirol blieb bayerisch.

Abb. 56. Hinterbärenbad (Kaiserthal).
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

In schweigendem Grimm erduldeten die Tiroler ihr Schicksal, bis im Jahre 1814 ihr Land nach dem Sturze Napoleons von Bayern an Österreich zurückgegeben ward. Das Volk von Tirol hatte während seines Befreiungskampfes viel Kraft verausgabt, vielleicht mehr, als es ohne Schaden für seine Zukunft ausgeben konnte. So war’s nicht zu verwundern, daß die mächtigen Fortschritte des XIX. Jahrhunderts in den einsamen Bergthälern nur langsam eindrangen, daß nach dem großen Kriege mancherlei schwer begreifliches Sektenwesen in den Köpfen der Unterinnthaler und Zillerthaler seinen Spuk zu treiben begann, daß die schlichten Bauern sich oft zu widerstandslos der Führung durch die Bureaukratie und die Geistlichkeit, und den eigenen althergebrachten Vorurteilen überließen. Und was am meisten in der jüngsten Geschichte Tirols zu beklagen ist: daß das deutsch-tirolische Volk nicht die Kraft besitzt, der fortwährenden Italianisierung Südtirols genügenden Widerstand entgegenzusetzen.

Abb. 57. Vorderthiersee.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

V.
Bevölkerung.

Bestandteile der Bevölkerung.

Die Bevölkerung Tirols besteht zum größten Teile aus den deutsch redenden Nachkommen des bayerischen Volksstammes, der sich während der Völkerwanderung Tirols bemächtigt hatte. Im Oberinnthal aber und in Vorarlberg ist die dortige durchaus deutsche Bevölkerung aus dem Stamme der Schwaben und Alemannen.

Unter dieser heutigen Schicht des Tiroler Volkstums erkennt man teils aus einzelnen Dialektformen und Ausdrücken, teils aus Orts- und Bergnamen Reste der früheren Volksunterlage: der Rhätier und der römischen Kolonisation, in einem kleinen östlichen Landstrich auch der vordem eingedrungenen Südslaven. So ist die Tiroler deutsche Mundart keine einheitliche. Sie fließt an der Nordgrenze vollständig mit der bayerischen, an der Ostgrenze mit der Salzburger und Kärntner Mundart zusammen, während sie in Vorarlberg an die der Ostschweiz anklingt. Vom nächstverwandten bayerischen Dialekt unterscheidet sich der Tiroler durch die tiefen, ihm eigenen Kehllaute. Von den Vokalen klingt das A häufig wie O, das E und I wie Ö und Ü; die Konsonanten rollen dem Tiroler wie aus tiefen Bergschlünden hervor.

Sprache und Ortsnamen.

Neben der deutsch redenden Bevölkerung gibt es in Tirol auch eine romanische und italienische. Die romanische (altromanische, ladinische) ist wohl auf römische Niederlassungen mit beigemischten rhätischen Elementen zurückzuführen; sie wohnt in den Thälern Gröden und Enneberg, im Thal des Avisio und des Cordevole. Ihre Sprache ist ein fast zur Unkenntlichkeit verwildertes Latein. Von der Gesamtbevölkerung haben 60 Prozent die deutsche, 40 Prozent die italienische oder ladinische Umgangssprache. Übrigens verstehen und sprechen in den ladinischen Thälern die Männer alle auch deutsch.

Abb. 58. Unterinnthalerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Im allgemeinen kann man den Satz gelten lassen, daß in Tirol die Sprachgrenze auch eine Grenze verschiedener Lebensformen und socialer Zustände bedeutet. Aber im einzelnen erleidet dieser Satz viele Ausnahmen. Insbesondere bilden die Ladiner in mancher Hinsicht Übergänge. Sprachlich sind sie den Deutschtirolern ebenso fremd, wie die Italiener; an Bauart, Ansiedelungs- und Wirtschaftsweise, äußerer Erscheinung, Nahrung und Kleidung haben sie mehr Ähnlichkeit mit den Deutschtirolern. Die Bau- und Ansiedelungsweise der Deutschtiroler reicht weiter nach Süden, als ihre Sprache.

Gemeinsam haben die deutschen und welschen Thäler, daß im allgemeinen Wohlstand und Annehmlichkeit des Daseins am bedeutendsten in den untersten Gegenden der Thäler sind und von da nach aufwärts stufenweise abnehmen, so daß die höchstgelegenen Ansiedelungen die ärmsten und rückständigsten sind. Von dieser Thatsache, die zu naturgemäß ist, gibt es nur wenig Ausnahmen, wie etwa die Rofner Höfe im Ötzthal. Aber die Armut und Einfachheit der höchsten Ansiedelungen ist sehr ungleichartig; in manchen Thälern wirkt sie edel und würdig, in anderen abschreckend und bettelhaft.

Von den ehemaligen Rhätiern sind fast nur noch Ortsnamen übriggeblieben; diese aber reichen vom Zillerthal bis nach Trient und nach Vorarlberg. Im Unterinnthal grüßen uns als rhätisch schon Ortsnamen wie Schwaz, Terfens, Volders; sie finden sich sehr zahlreich im Oberinnthal, im Vintschgau, am Eisack. In den höher gelegenen Seitenthälern werden sie seltener; von den Bergnamen sind wohl nur die wenigsten rhätischen Ursprungs. Daraus schließt man mit Recht, daß die rhätische Ansiedelung sich so ziemlich auf die Hauptthäler beschränkt haben muß.

Abb. 59. Alpbacher.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Auf die Rhätier folgte die Romanisierung des Landes. Und die Rhätoromanen scheinen viel weiter in die entlegeneren Thäler und nach den Höhen zu vorgedrungen zu sein. Die romanischen Ortsnamen sind sehr zahlreich; sie zählen nach Tausenden, sind ohne Schwierigkeit zu deuten und hängen mit dem landschaftlichen Charakter der Gegend zusammen. So wird jeder Lateiner Campiglio mit campus, Vals mit vallis, Vill mit villa, Pontigl mit ponticulum in Zusammenhang bringen.

Abb. 60. Kufstein.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Germanisierung Tirols.

Der rhäto-romanischen Zeit folgte endlich die bajuwarische Einwanderung, im Oberinnthal die der Alemannen. Die Germanisierung des Landes begann; aber nur langsam. Unter die romanischen Ortsnamen mischten sich immer mehr deutsche, wie Hall, Innsbruck, Landeck, Steinach u. a. Im Vintschgau hielt sich das Romanische zäher, als im Innthal; am zähesten in Enneberg und Gröden. Der slavische Zuzug von Osten her ward durch die Bajuwarier zurückgedrängt; an ihn erinnern nur einzelne Ortsnamen im Iselthale: vor allem Windisch-Matrei; auch das Frosnitz- und Teischnitzthal, der Mulwitz- und Laberwitz-Gletscher; wohl auch der Name des Pusterthales (früher pustrizza, bystrica). So liegen die Schichten der Bevölkerung übereinander, Verdrängtes, Verschollenes und Neugewordenes; mancherlei Mischung. Das Ladinische wird wohl immer weniger gesprochen werden; an seiner Stelle muß entweder italienisch oder deutsch gelernt werden; aber die ladinischen Namen werden sich erhalten.

Abb. 61. Achenthalerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 62. Hochzeitslader.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

In ihrer äußeren Erscheinung sind die Tiroler ein prächtiger Menschenschlag, an körperlicher Schönheit von keinem deutschen Volksstamm übertroffen, ja kaum erreicht. Selten wird man bei einer Bevölkerung so viele athletisch gewachsene Männer mit klassisch-ernsten Zügen, so viele Mädchen von überraschender Eleganz des Gesichtsschnittes finden, als in den Tiroler Thälern. Hervorragende Männererscheinungen finden sich im Pusterthale und dessen nördlichen Seitenthälern, im Zillerthale und in Passeier wohl am häufigsten; da kann man im Bauerkittel Männer mit lockigen Häuptern und wehenden Bärten sehen, germanischen Helden gleich; und mancher Schafhirte auf einsamer Hochalm erinnert an ein hellenisches Götterbild. Die Tiroler Mädchen sind teils, wie im Zillerthal, wahre Walkürengestalten; man findet aber auch viele feingliederige und zart gebaute; durchweg aber haben sie sehr lebhafte Augen, deren Glanz selbst im Alter nicht verlischt, und in der Jugend eine entschieden vornehme und graziöse Haltung. Und die Körperschönheit scheint um so hervorragender zu werden, je höher man in die einsamsten Thäler hinauskommt. Am wenigsten bevorzugt in körperlicher Hinsicht zeigen sich die alemannischen Volksbestandteile im Nordwesten. Im Süden findet man sehr häufig schon ausgeprägt italienische Typen.

Volkscharakter.

Den äußeren Zügen entsprechen die des inneren Volkscharakters. Genügsamkeit, Einfachheit der Sitten, Frömmigkeit, Heimatliebe, Unterthanentreue, heldenmütige Tapferkeit: das sind des Tirolervolkes Haupttugenden. Die Fehler, die diesen Vorzügen gegenüber stehen, werden erklärlich durch die Natur des Landes. Die Abgeschlossenheit vieler Landschaften bedingt auch einen Abschluß der Geister gegen außen. Daher die unschwer zum Fanatismus zu steigernde Leidenschaftlichkeit in religiösen Fragen, Einseitigkeit des Urteils und Argwohn gegen das, was von außen kommt.

Abb. 63. Rattenberg.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Übrigens findet man nicht leicht bei einem Volksstamme so große Verschiedenheiten und Gegensätze, wie bei dem Volk von Tirol. Diese Verschiedenheiten und Gegensätze sind bedingt durch die großen Unterschiede in der Wohnlichkeit, Wohlhabenheit und Verkehrsfähigkeit der Landschaften. Liegen doch da bei einander Thalgründe, in denen eine freigebige, sonnige Natur eine geradezu üppige Lebensart beinahe herausfordert, und wiederum Landschaften, wo die Natur ihre wildesten, rauhesten Seiten herauskehrt und beständigen todesmutigen Kampf gegen ihre Schneestürme und Lawinen, Steinströme und verheerende Wildwasser verlangt. So findet man denn oft hart nebeneinander aufgeklärten Freisinn und harten Fanatismus, weit blickenden Spekulationsgeist und beschränktes Festhalten am Althergebrachten, leutseliges Entgegenkommen gegen den Fremden und mißtrauische Abgeschlossenheit.

Abb. 64. Brixlegg.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Religion und Gemüt.

Tirol ist ein streng katholisches Land. Die Glaubenseinheit ward bis in die jüngste Zeit als ein kostbares nationales Kleinod hochgehalten, und es bedurfte langer Kämpfe, bis die erste protestantische Kirche auf dem Boden Tirols erstehen konnte. Nur langsam, und keineswegs überall, konnten die Tiroler überzeugt werden, daß unter den Protestanten ebenso gute, fromme und gerechte Menschen sein können, als unter Katholiken. Der wilde Heldenmut, mit dem das Tiroler Volk im Jahre 1809 sich gegen die bayerische Herrschaft aufbäumte, war zu einem guten Teile darin begründet, daß das Volk wähnte, sein Glaube sei in Gefahr; und der große Freiheitskampf war nicht bloß ein politischer, sondern zugleich ein religiöser Krieg. Hatte doch gerade damals die bayerische Regierung Klöster aufgehoben und eine Reihe von Maßregeln gewaltsamer Aufklärung angebahnt.

Dieser Glaubenseifer der Tiroler offenbart sich in ihrem Haus und in ihren Kirchen. Jede Wohnstube hat ihr kleines Heiligtum: eine Ecke, wo ein Kruzifix und einige Heiligenbildchen hängen. Vor und nach jeder Mahlzeit wird gebetet. Die Dorfkirche steht überall auf dem schönsten Platze und leuchtet weit ins Thal, umgeben von der Mauer des kleinen Friedhofes, in dem die Toten des Thales ihre ewige Ruhe gefunden haben. Jeden Sonntag wird die Messe gehört, zu der sich die Thalbewohner aus stundenweiter Ferne einfinden. Selbst die Bergführer versagen an Sonn- und Feiertagen ihre Dienste, ehe sie die Messe gehört haben. Auch das Fastengebot wird streng gehalten, ja oft auch der fremde Reisende zu seiner Einhaltung genötigt. Neben den Dorfkirchen gibt es zahlreiche einzeln stehende Kapellen und Wallfahrtskirchen; Wallfahrerzügen und Bittgängern kann man an Sonntagen häufig begegnen. Die Wallfahrt ist übrigens für den Tiroler nicht bloß eine religiöse Übung, sondern zugleich die einzige Veranlassung, aus dem engen Gesichtskreise seines Thales heraus unter fremde Menschen zu kommen und zu sehen, daß hinter den Bergen auch noch Leute leben.

Der fromme Sinn der Bevölkerung spricht auch aus unzähligen Wegkapellen, Wegkreuzen und Gedenktäfelchen, hier Bildstöckeln oder Marterln genannt. Die Wegkapellen aber haben nicht bloß den Sinn, zu einem kurzen Gebet einzuladen; sie sind zugleich, da immerhin ein paar Menschen in ihnen Platz haben, Zufluchtstätten bei wilden Unwettern, wie etwa die Kapelle auf dem Velber Tauern, auf dem Kitzbühler Horn und andere. Bildstöckel finden sich zahllos, an den Straßen wie an den schmalen Bergpfaden, selbst auf vergletscherten Jochen. Dem einsamen Wanderer in wilder Höhe erscheinen sie als ein Gruß menschlicher Teilnahme; meist aber sind sie Erinnerungszeichen für Menschen, die vom jähen Tod an der Straße ereilt wurden, von Lawinen erdrückt, von Gletscherbächen fortgerissen, von stürzenden Bäumen und Felsen zerschmettert, im Schneesturm verweht. Die meisten dieser Täfelchen zeigen auf einem, etwa mit drei Händen zu bedeckenden Raum eine bildliche Darstellung des Unglücks, einen frommen, oft gereimten Spruch und die Bitte an den Wanderer um ein kurzes Gebet.

Bei seinem starken Glauben hat das Tiroler Volk auch recht viel Abergläubisches. Daß man eine kranke Kuh lieber von einem Kapuziner segnen läßt, als daß man den gelernten Tierarzt befragt, schadet heute noch der Tiroler Viehzucht; auch der kranke Mensch wallfahrtet lieber zur Muttergottes von Absam, als zum berühmtesten Kliniker. Wetterbeschwörungen und Wetterläuten sind noch an der Tagesordnung und ungebrochen die Wunderkraft von Amuletten und Reliquien.

Die Gemütsart des Tirolers ist im ganzen eine vortreffliche. Ehrlichkeit und Treuherzigkeit ist ein Grundzug derselben. Nur ist der Tiroler doch so schlau, daß er, wenn er den Fremden damit beeinflussen kann, sich noch treuherziger und ehrlicher stellt, als er wirklich ist. Der durch seine rauhe Natur dem Volke anerzogene Mut steigerte sich früher, namentlich im Unterinnthal und Zillerthal nicht selten zur Rauflust, wobei es auf einige ausgedrückte Augen und abgerissene Ohren nicht ankam. Jetzt ist man in diesem Punkte gesitteter geworden. Grausamkeit und Wildheit mochten wohl während des Freiheitskampfes gegenüber dem Feinde vorkommen, erklären sich aber aus der Rauheit der Zeit. Der Familiensinn ist unter den Erwachsenen nicht besonders stark, hingebend und aufopferungsfähig aber gegenüber den Kindern.

Abb. 65. Fügen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Sagen. Volkstrachten.

Reich und großartig ist der Sagenschatz des Volkes. Das erklärt sich schon aus der ganzen Natur des Landes. Die vielen gewaltigen Berggipfel, die, entweder von ewigem Eis umpanzert oder aus fast lotrechten Felsschroffen bestehend, in die Thäler herabschauen, und von denen eine große Zahl im Laufe unseres Jahrhunderts zum erstenmal von kühnen Wanderfüßen betreten wurden, mußten ja wie von selber zu Hochburgen der Geisterwelt werden. So findet man durch ganz Tirol die Sage von den Wildfrauen oder Saligen Dirnen, die hoch droben in unzugänglichen Felswänden hausen, aber dann und wann herabsteigen in die Thäler, den Menschen jahrelang friedlich und willig als Mägde dienen und Segen in die Häuser bringen, auf einmal aber durch geheimnisvolle Erscheinungen und Botschaften abgerufen werden und mit leidvollem Gruß für immer verschwinden. Die Lawinen, Bergstürze und Schlammströme, die in vorgeschichtlicher und geschichtlicher Zeit so viele Häuser und Ortschaften verwüsteten und so manche Stätte langen Menschenglückes spurlos verschwinden ließen, mußten Veranlassung werden zu den Sagen von verschütteten Thälern, von versunkenen Städten und eisübergossenen Weideländereien. Die ausgedehnten Räume, die der Mensch nicht selber bewohnte, weil sie unbewohnbar waren, bevölkerte er wenigstens mit den Gestalten der Phantasie; er ließ diese Gestalten in Wetterwolken die Gipfeltürme umreiten und gab ihnen eine Heimat in den zahllosen öden Thalwinkeln, die nur mit Felstrümmern und alten Lawinenresten erfüllt sind. Wo eine einzelne Felsbildung von besonders auffallender Gestalt erscheint, wird sie von der schöpferischen Einbildungskraft mit Ereignissen und geheimnisvollen Lebewesen bedacht, die sie umgeistern. Dazu liefern weiteren Stoff die zahllosen Burgen, die, teils völlig zertrümmert, teils noch halb erhalten, ihre freundlichen oder wilden Schatten beherbergen müssen. Es ist eben dem Volksgemüt unfaßbar, daß gar nichts mehr in jenen Mauerresten wohnen soll, die so düster und rätselhaft von ihren Felsen herunterschauen. Dazu kommen dann noch spurlos sich verlierende Wege, zerfallene Brücken, verlassene Häuser, unkenntlich gewordene Denkmäler, an die sich Sagen heften. Vieles auch, was einst Geschichte war und aus dem Gedächtnis der Menschen wich, ist Sage geworden; Sage die eine oder andere Erinnerung an die Zeit der alten Rhätier und der Römerherrschaft; Sage die Erinnerung an die Kämpfe zwischen Germanen und Römern, zwischen Franken und Longobarden, zwischen Bajuwaren und Slaven. Groß und herrlich hebt sich aus all’ diesen Gestalten eine hervor: die des unerreichten Dietrich von Bern, des großen Ostgotenkönigs, den die Tiroler Heldensage sieghaft einreiten läßt in den Zaubergarten des Zwergkönigs Laurin. Und dieser Zaubergarten leuchtet ja heute noch im Abendsonnenfeuer mit seinen Dolomittürmen so märchenhaft über die Thäler hin!

Volkstrachten. Volksnahrung.

Eigenartige Volkstrachten haben sich nur im deutschen Teile Tirols, in einzelnen ladinischen Thälern noch bei den Frauen erhalten. In Deutschtirol hat jedes Thal gewisse Besonderheiten seiner Tracht. Diese Besonderheiten verschwinden allmählich in den vom Verkehr am meisten berührten Landschaften. Charakteristisch für den Deutschtiroler ist die kurze Lodenjoppe. Die Beinkleider sind, wo man noch an alter Tracht festhält, kurz; sie reichen nur bis unter das Knie, sind bei den Wohlhabenderen von Leder, bei Ärmeren von braunem Loden. Unter dem Knie beginnen Strümpfe, weiß oder grau; die Füße stecken in starken Schuhen, die den Knöchel frei lassen. Barfüßig oder in Holzschuhen sieht man den Tiroler kaum; das leidet sein Boden nicht. Die örtlichen Unterschiede machen sich zumeist an den Hüten geltend. Der Tuxer trägt einen anderen Hut als der Zillerthaler, und der Pusterthaler bedeckt sein Haupt mit etwas anderem als der Passeirer (Abb. 20 bis 24). Am schärfsten ausgeprägt ist die Volkstracht noch um Meran, im Sarnthal, in den nördlichen Seitenschlünden des Pusterthales (Abb. 25 bis 29). Namentlich in der Umgebung von Meran sieht man noch jene behäbigen Männer mit den breitkrempigen Spitzhüten, den breiten farbigen Hosenträgern und schneeweißen Kniestrümpfen. Für die Erhaltung der männlichen Volkstracht ist das Schützenwesen von Bedeutung (Abb. 30). Die in den größeren Thälern gebildeten Schützencompagnien konnten keine praktischere und kleidsamere Uniform finden, als die alte Volkstracht; dadurch ist die letztere zum Ehrenkleid geworden und in dauernden Zusammenhang gebracht mit der vom Tiroler so sehr geliebten Waffe. Die Männertrachten der einzelnen Thäler sieht man daher am besten bei Festlichkeiten, wenn die Schützencompagnien ausrücken. Da sieht man auch, daß zur Landestracht außer Joppen, Kniehosen und Strümpfen auch ein silberbordierter Brustfleck (statt der Weste) und ein gestickter breiter Ledergürtel gehören.

Abb. 66. Zell am Ziller.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Auch bei der Frauentracht sind die Kopfbedeckungen von Thal zu Thal verschieden: es sind bald spitzige, bald cylinderförmige hohe Hüte, bald niedrige Hütchen mit runden Köpfen, bald unförmliche Filzhauben, die auch dem schönsten Gesicht nicht zur Zierde gereichen (Abb. 31 bis 37). Charakteristisch ist das Mieder, das beim Festschmuck aus schwarzem Stoffe, oft aus Sammet und mit silbernen Ketten verschnürt ist; das Werktagsmieder besteht aus dunklem festen Stoffe, aus dem die faltigen Hemdärmel hervorquellen. Statt der Mieder oder über denselben werden auch kurze eng anliegende Jäckchen getragen. Wo die Ärmel nur bis zum Ellenbogen reichen, ist der Unterarm nicht selten mit einem sammetnen oder wollenen Halbärmel bekleidet, einem sehr kleidsamen Stück des Frauengewandes. Die Röcke sind überall, wie es zum Arbeiten und Bergsteigen gehört, kurz, von festen Stoffen. Zum Frauengewande gehört auch gern ein buntfarbiges seidenes Halstuch.

Sobald man den Boden Welschtirols betritt, hört überhaupt jede Nationaltracht auf. Da sieht auch der Landbewohner aus wie ein städtischer Proletarier. Die Männer in Welschtirol tragen mit Vorliebe groß karrierte Anzüge billigster Herkunft, die, wenn sie einigermaßen abgetragen sind, unglaublich zerlumpt aussehen, dazu zerdrückte Filzhüte oder Strohhüte vom dürftigsten Aussehen. Häufig sieht man bei den Männern auch Anzüge von schäbigem ordinären Sammet. Die Frauen Welschtirols, die meistens spärlich gewaschen und schlecht frisiert sind, würden in ihren Werktagsgewändern kaum anzuschauen sein, wenn ihnen nicht das göttliche Erbteil schön geschnittener Gesichter, feuriger Augen und graziöser Bewegungen geblieben wäre. Armut, zahlreiche Kinder und Arbeitsbürde drücken hier die äußere Erscheinung des schönen Geschlechts, das lernen muß, sich zu vernachlässigen. Manche Thäler machen anmutige Ausnahmen.

Die Volksnahrung ist höchst ungleichartig, je nachdem es sich um die Kost in den fruchtbaren Hauptthälern oder in den entlegeneren Hochgebirgsdörfern, in Bauernhäusern oder in Sennhütten handelt. Selbst wenn wir von den vortrefflichen Tischen der Bozener Stadtbürger absehen und bloß bei der Nahrung der eigentlichen Landbevölkerung bleiben, finden wir Gegensätze von einer fast üppig zu nennenden Ernährungsweise bis zu einer staunenswerten Bedürfnislosigkeit. In den Bauernhäusern des gesegneten Burggrafenamts (Umgebung von Meran) wird täglich dreimal warm gegessen; und in den Zwischenzeiten gibt es noch Wein und Brot. Da fängt man des Morgens mit einem kräftigen Frühstück, aus Brennsuppe und Milchbrei bestehend, an, hat vormittags (Halbmittag) Wein und Brot; mittags die beliebten mannesfaustgroßen Tiroler Knödel und dazu ein Gericht von frischem oder geräuchertem Fleische, nachmittags die „Marend“, d. h. Wein und Brot, bei schwerer Arbeit auch Käse; und abends wieder eine dicke, kräftige, reichlich mit Fleisch versehene Suppe. Dabei kann der Mensch bestehen und seine Kraft erhalten. Und selbst an Fasttagen hat man nicht bloß vortreffliche Mehlspeisen, sondern auch Delikatessen, insbesondere marinierten Aal, der in den Bauernhöfen des Burggrafenamts in staunenswerten Mengen vertilgt wird.

Ungleich bescheidener lebt man freilich in den braunen Holzhäusern der entlegenen Seitenthäler, wo auf dem Bauerntische das Fleisch um so seltener wird, je höher man in den Thälern hinaufsteigt. Und das Hirtenvolk droben auf den Almen hat vollends eine Nahrung, die nur eiserne und bedürfnislose Naturen vertragen: steinhartes Brot, einen für Städter kaum genießbaren grünlichen Käse aus Schaf- oder Ziegenmilch, und vielleicht einmal im Tage eine schwere, grobe Mehlspeise. Getrunken wird dazu das trübe eiskalte Wasser des Gletscherbaches.

Gewisse Nahrungsmittel aber kennt man in ganz Tirol, vom reichsten Bauern bis in die ärmste Hütte hinauf. Dahin gehören die Knödel: holperige massive Kugeln aus Mehl, Milch, Brot und Eiern, in Wasser gekocht. Sie werden mit Kraut oder gedörrtem Obst genossen. Ebenso allgemein verbreitet ist das „Geselchte“: geräuchertes Fleisch, das in allerhand phantastischen Formen im Rauchfang des Tiroler Bauernhauses hängt, bis es auf den Tisch des Hauses herabgeholt wird; schmackhaft und kräftig, wenn es vom Rind oder Schweine stammt, aber für jeden Nichttiroler ein Grauen, wenn es als „Böckernes“ seinen Ursprung der gehörnten Ziege oder gar deren bärtigem Gemahl verdankt.

Abb. 67. Mayrhofen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

In Welschtirol macht man nicht so viel Umstände mit der Nahrung als in Deutschtirol. Dort ist das gewöhnliche, ja fast einzige Nahrungsmittel die Polenta, jener dicke, geschmacklose Brei aus Maismehl, der in großen Mengen verschluckt werden muß, um nur überhaupt den Menschen bei Kraft zu erhalten. Der wohlhabende Südtiroler und der Fremde erhält dagegen zu mäßigen Preisen einen gut bereiteten und mannigfaltigen Tisch, dem der feurige Wein aus dem unteren Etschlande und die zarten Früchte, die den Nachtisch bilden (das Giardinetto), noch besonderen Reiz verleihen.

Abb. 68. Hintertux, gegen die Gefrorene Wand.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Hausbau.

Das Tiroler Bauernhaus ist aus Stein oder aus Holz, oft aus beidem. Die örtliche Bausitte nimmt eben, was sie findet. In den größeren Thaltiefen ist meist der Steinbau vorherrschend, besonders an der vorderen Hälfte des Hauses, die den Menschen zum Aufenthalte dient, während die Rückseite, die Stall und Scheune enthält, auch hier häufig aus Holz erbaut ist. Gemeinsam haben die steinernen und die hölzernen Häuser die Kleinheit ihrer Fenster und das flache, weit vorspringende Dach, das mit Schindeln belegt ist. Diese sind meist nicht festgenagelt, sondern durch steinbelastete Stangen festgehalten. Die steinernen Häuser haben häufig runde oder eckige Erker, die manchmal nur einem, manchmal mehreren Geschossen angehören. Nicht selten liegt die Eingangsthüre erhöht; dann führt eine Freitreppe mit alten Eisengeländern zu ihr empor. Die holzgezimmerten Häuser sind aus vierkantigen Balken, meist von Lärchen- oder Zirbenholz, welches im Alter eine prächtige feurigbraune Farbe gewinnt. Sie sind häufig mit Balkonen versehen, die um eine oder um mehrere Seiten des Hauses laufen, und mit Schnitzwerk verziert. Solcher Zierat ist freilich am reichsten an den behäbigeren Häusern der großen wohnlichen Thäler; seltener oder verschwindend in den ärmeren Hochthälern und nie so kunstvoll wie etwa an den stolzen Gehöften, die man im Berner Oberlande zu sehen bekommt. Die Gegensätze, die in Tirol die menschlichen Wohnungen aufweisen, sind recht groß; denn wenn manche Bauernhäuser im Unterinnthale oder im Meraner Burggrafenamt den Eindruck von lachenden Burgen des Wohlstandes machen, kann man dafür in den altersbraunen Holzhüttchen von Prägraten oder Pfelders oder in den trostlosen Steinhöhlen, die auf dem Reschenscheideck liegen, Wohnstätten erkennen, in welchen wohl nur äußerste Bedürfnislosigkeit zu hausen vermag (Abb. 38 bis 47).

Abb. 69. Dornauberg.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

So sind auch Hausgärten und Blumenschmuck nur in den tieferen Thälern zu finden. Im Innthale nicken rote Nelken von allen Balkonen, und aus den kleinen Bauerngärten schimmern Sonnenblumen und Rittersporn. Droben im Ötzthal und in den Tauerndörfern grüßt uns kaum eine Blume mehr; die Menschen, die da droben hausen, haben zu hart um ihr Dasein zu ringen, als daß sie noch an solchen Schmuck desselben denken könnten.

Besiedelung.

Ganze Dorfschaften sowohl als auch Einzelngehöfte lagern vorzugsweise an dem sonnseitigen Abhang der Thäler. Denn da kommt nicht bloß der Lenz früher, auch der Tag ist länger mit seinem Sonnenschein. Darum findet man bei allen in ostwestlicher Richtung sich dehnenden Thälern die nach Süden geneigten Thalwände besiedelt, wenn es die Steilheit der Hänge erlaubt, während die nach Nord schauende, also südlich liegende Thalwand, dem finsteren Wald überlassen bleibt. In den von Nord nach Süd streichenden Thälern dagegen setzt sich die Ansiedelung dorthin, wo das sanfteste Gehänge ist oder wo der Thalgrund zu kleinen Ebenen sich ausweitet. Das ist zumeist dort der Fall, wo in ein größeres Thal Seitenthäler münden. Und auch das einzelne Haus liebt es, seine Vorderfront nach Süden zu kehren, wenn das irgendwie angeht. In der Regel suchen die Ansiedelungen die Thalsohle auf; ist diese aber versumpft, so streben die Gehöfte an die Berglehnen hin und um so höher an diesen empor, je sanfter, sonniger und fruchtbarer das Gehänge, die Neigung der Berglehnen sich erweist. In manchen Thälern sieht man darum Dörfer und Einzelnhöfe stundenweit über der Thalsohle liegen, in welcher der Thalbach entweder durch sumpfige Erlenniederung fließt oder durch Schluchten sich ein wildes Bett gebahnt hat; und wenn unten schon lange die Schatten des Abends liegen, glänzen hoch oben die Dörfer mit ihren Kirchen noch im Sonnenlichte. Nicht ungern haben sich auch die Ansiedelungen auf jene flachen Schuttkegel hingelegt, die in längstvergangener Zeit dort entstanden, wo aus den Seitenschluchten verheerende Schlammströme hervordrangen und ihren festen Bestand im Hauptthale ablagerten.

Abb. 70. Berliner Hütte, gegen den Waxeck-Gletscher.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Bauweise.

Die Bauweise wird um so steinerner, je weiter man nach Süden kommt. Zugleich streben die Häuser mehr in die Höhe. Aber auch in Welschtirol besteht ein starker Unterschied zwischen den ladinischen und den italienischen Thälern. Die Häuser in den ladinischen Thälern unterscheiden sich nicht wesentlich von denen im mittleren und nördlichen Tirol; nur der Holzverbrauch daran ist geringer. In den italienischen Dörfern sehen auch die Häuser italienisch aus; mehrstöckig steigen sie auf, schmutzig und verwahrlost. So sieht man sie namentlich in Judicarien. Solange die Seidenzucht blühte, gehörte hier das oberste Stockwerk den Seidenwürmern, die man da droben verpflegte. Jetzt, nachdem dieser Betriebszweig stark zurückgegangen ist, füllen die Judicarier auch die obersten Stockwerke mit zweibeinigen Würmern an; aus allen Fenstern kreischen zerzauste Italienerinnen und kleine, schwarze, schmutzige Italiener.

Eigenartig wie die Bauart der ländlichen Häuser ist auch jene in den Städten, soweit sie alt ist. Man kann in Tiroler Städten heute noch zahllose Häuser finden, die viel eher als kleine Ritterburgen, Miniaturklöster oder erweiterte Hexenküchen wie als bewohnbare Häuser erscheinen. Ja, manche Städte, wie Rattenberg, Sterzing, Klausen, sind fast nur aus solchen Häusern zusammengesetzt. Die Eingangsthüren dieser Häuser sind meist mit marmornen Bogen überwölbt; dann geht es aber hinab, statt hinauf, in ein finsteres, kerkerartiges Gewölbe, das als Vestibül dient. Finster ist auch die steinerne Stiege, die in irgend einem Winkel in die Höhe führt. Die alten Tiroler Baumeister scheinen das Ideal des Hauses in der Unregelmäßigkeit gesehen zu haben; wo es immer möglich war, wichen sie von der wagrechten und senkrechten Linie ab. Fluren, Zimmerböden, die Decken der Gänge und der Zimmer heben und senken sich nach Willkür. Zimmer und Gänge liegen häufig in ungleichen Höhen; es geht beständig treppauf, treppab. Manche Zimmer erhalten ihr Licht durch ein Loch aus einem höher gelegenen Zimmer oder Flur, und man würde sich nicht wundern, einmal in einem Raum zu stehen, der das Fenster im Boden und die Thüre im Plafond hat. Malerisch aber sind alle diese Häuser, von denen manches an seiner Außenseite die Spuren verblichener Freskomalerei trägt; und so auch die Gäßchen, wo verirrte Sonnenstrahlen zwischen Schattenwinkeln umherhuschen und die roten Nelkenköpfchen hinter den Gitterfenstern küssen.