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Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt

Chapter 2: Vorwort.
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About This Book

A traveler records a long sea and overland journey from an East Asian capital to a European capital, tracing stops at numerous Asian ports, passage through the Suez Canal and Mediterranean harbors, and rail travel across the continent. The account mixes vivid shipboard scenes and practical port descriptions with attentive observations of local types, urban life, and customs, alongside reflections on language, education, and social manners. Chapters alternate focused place reports, lighter anecdotes about daily life aboard, and concluding impressions and an appeal to younger readers, all intended to compare foreign experiences with conditions and aspirations at home.

The Project Gutenberg eBook of Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt

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Title: Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt

Author: Jintaro Omura

Release date: November 2, 2013 [eBook #44093]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Credits: Produced by Alexander Bauer and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TOKIO - BERLIN: VON DER JAPANISCHEN ZUR DEUTSCHEN KAISERSTADT ***

Tokio – Berlin.


Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt.

Von
Jintaro Omura,
Professor an der Kaiserlichen Adelsschule zu Tokio.

Mit 80 Illustrationen.


Berlin 1903.
Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung.
Das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen ist vorbehalten.

Frau
HELENE VENN
geb. KRAWEHL
in Berlin
in aufrichtiger Verehrung

Der Verfasser.

Vorwort.

Das Buch eines Japaners, von ihm in deutscher Sprache und, wie man hinzusetzen darf, auch in deutscher Art abgefaßt: nichts zeigt uns mehr die engen geistigen Verbindungen zwischen dem Lande eines Humboldt und Kant und dem fernen Reiche der aufgehenden Sonne! Und dieser Fremdling, der mit scharfem Auge Menschen, Landschaften und Dinge prüft und mit sicherer Hand schildert, er weilte verhältnismäßig bloß kurze Zeit unter uns, um hier seine Anschauungen über deutsches Leben und Weben zu vertiefen, die er in seiner Heimat bereits aus Büchern gewonnen. Mit erstaunlicher Leichtigkeit bedient er sich unserer Sprache, ein so gewandtes Deutsch schreibend, daß dem Unterzeichneten nur hier und da eine ganz leichte stilistische Retouche übrig blieb. Ja, die ersten Abschnitte waren in deutscher Fassung bereits auf dem Schiff entstanden, ehe unser Reisender je deutschen Boden betreten.

Freilich hatte Professor Omura sich schon in Japan viel mit deutschem Wissen und den Geheimnissen unseres Sprachschatzes beschäftigt und hat als Lehrer an der Kaiserlichen Adelsschule in Tokio, die zum japanischen Kaiserhofe gehört, auf diesen Gebieten eine rege und fruchtbringende Tätigkeit entfaltet, ebenso an der Deutschen Schule (Doidsugaku Kiohaigaku), einem Gymnasium, das an tausend (japanische) Schüler zählt. Eine deutsche Grammatik unseres Gelehrten erlebte binnen sechs Jahren über 20 Auflagen, woraus am besten die weite Verbreitung unserer Sprache im meerumbrausten japanischen Insellande hervorgeht.

Möchte sein Buch: »Tokio–Berlin« uns und unserer Heimat neue Freunde erwerben in dem zielbewußt emporstrebenden japanischen Reiche, wie es – des darf man gewiß sein – seinem Verfasser bei uns warme Zuneigung für seine liebenswürdige Persönlichkeit und sein ernstes Streben erringen wird. Möchte das Buch ein neues Bindeglied bilden zwischen den beiden so fernen und doch in manchen Zügen viel Gemeinsames aufweisenden Völkern!

Berlin, im Frühjahr 1903.

Paul Lindenberg.

Inhalt.

Seite
Vorwort V
I. Abschied und Abfahrt von Tokio–Yokohama 1
II. Kobe 9
III. Nagasaki 11
IV. Shanghai 17
V. Hongkong 39
VI. Singapore 51
VII. Penang 67
VIII. Colombo 71
IX. Aden 93
X. Suez und der Suez-Kanal 108
XI. Port Said 118
XII. Neapel 124
XIII. Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe 131
XIV. Genua 188
XV. Mailand 196
XVI. Fahrt durch die Schweiz 206
XVII. Die ersten Eindrücke in Berlin 209
XVIII. Aufruf an unsere Jugend 227

I.
Abschied und Abfahrt von Tokio–Yokohama.

Tokio–Berlin.

Am 6. April des vorvergangenen Jahres trat ich die langersehnte Fahrt nach Europa und damit meine erste große Seereise an. Mit Tagesanbruch stand ich auf, verabschiedete mich von meiner Familie und fuhr dann in Begleitung meiner Verwandten und Freunde nach dem Bahnhof Shinbashi. Kopf an Kopf stand dort die Schar meiner Freunde und Schüler. »Gute Reise!« »Frohe Fahrt!« »Glückliche Wiederkehr!« – so umbrauste es mich von allen Seiten. Das Verabschieden wollte fast kein Ende nehmen, bis ich mich durch die spalierbildenden Reihen meiner lieben Schüler durchdrängte und den Waggon bestieg. Da schlug es halb sieben, ein schriller Pfiff ertönte, und unter den lebhaften Abschiedsgrüßen der Zurückbleibenden setzte sich der Zug in Bewegung. Lange noch lehnte ich aus dem Fenster meines Coupés und schwenkte meinen Hut, bis ich niemand mehr erkennen konnte.

Nach dreiviertel Stunden kam ich in Yokohama an, wohin mir ein großer Teil meiner Tokioer Freunde das Geleit gab. Auch dort auf dem Bahnhof dieselben herzlichen Auftritte wie in Shinbashi – hier wie dort Schüler und Freunde versammelt. Und nun ging's in hellen Scharen nach dem Hafen, wo der Reichspostdampfer »König Albert« vor Anker lag. Auf der mehrere tausend Fuß ins Meer hineingebauten Landungsbrücke stand dichtgedrängt eine große Menschenmenge, durchweg Leute, die ihren nach Europa reisenden Lieben ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Außer mir fuhren noch acht Landsleute mit: Herr Dr. Shiratori, Prof. an der Kaiserlichen Adelsschule, Herr Dr. Omori, praktischer Arzt vom Japanischen Roten Kreuz, Herr Musiklehrer Taki, Herr Takahashi, Prof. an der höheren Normalschule, Herr Tanaka, Prof. an der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Tokio, die Herren Studenten Saionji, Miyajima und Kato. Da alle uns bis in die Kajüte begleiten wollten, so herrschte auf der kaum einen Meter breiten Schiffstreppe solches Gedränge, daß schließlich der Eingang abgesperrt werden mußte. Ein Offizier mit zwei Matrosen stand am Fuße der Treppe Posten und ließ nur die Mitfahrenden durch. Mit dem Schlage neun wurden die Anker gelichtet. Rasselnd gingen die Ketten in die Höhe, im Tauwerke schwirrte und knarrte es, Kommandorufe der Offiziere ertönten, die Matrosen nahmen ihre Plätze ein, und unter den Klängen einer deutschen Weise glitt der mächtig dampfende Koloß langsam über die Fluten hin.

In diesem Augenblick tönte von der Brücke her das dreimalige brausende >Banzai< ich stehe am Geländer und überschaue ernsten Auges und bewegten Herzens die rufende Menge. Ich schwinge meinen Hut und grüße zum letzten Male. Größer und größer wird die Entfernung zwischen dem Schiff und dem Land; noch kann ich die Gesichter unterscheiden, noch die Stimmen vernehmen, schon aber klingt das vom Winde herübergetragene >Hurra< wie das leise Summen der Mücken, schwächer, immer schwächer und schwächer wird es, bis es schließlich ganz verschwindet. Die Gestalten der Menschen auf dem Gestade verkleinern sich mehr und mehr, ihre Umrisse werden nach und nach undeutlicher, bis sie sich in das Blaue des Meeres verlieren.

Blick auf den Hafen von Yokohama.

Alles war nun erledigt, und getrosten Mutes fuhr ich in die weite unendliche See hinaus. Befriedigt setzte ich mich auf das Sofa meiner Kajüte – und nun zog ein Bild nach dem andern im Geist an mir vorüber. Ich gedachte des heutigen ereignisreichen Tages und ging dann weiter in die Vergangenheit zurück, lebhaft stand mir wieder die Stunde vor Augen, als ich den Auftrag erhielt, nach Europa zu fahren. Das war am Ende des Jahres, am 28. Dezember 1900. Mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts sollte ich meine Reise antreten. O, welch ein Freudentag war es, als mir der langersehnte Wunsch endlich in Erfüllung ging! Auf zwei Jahre nach Deutschland! Ich, der ich so lange mit der deutschen Sprache mich beschäftigt, der ich mich mit den deutschen Ideen und Anschauungen so vertraut gemacht hatte, ich sollte nun in dem Heimatlande dieser Sprache, dem Ausgangspunkte aller Wissenschaften und der modernen Zivilisation meine Studien weiter fortsetzen und vertiefen! Deutsche Sprache und deutsches Wesen sollte ich nun an der Quelle genauer erforschen und untersuchen können! Werden die Vorstellungen, die ich mir darüber in Japan machte, bei der unmittelbaren Berührung mit den Dingen bleiben oder vergehen? Welche Licht- und Schattenseiten sind dem deutschen Volke eigen? Welchen Einfluß wird das Leben in Deutschland auf mich ausüben? Mit welchen Kenntnissen und Urteilen werde ich den heimatlichen Boden wieder betreten? Alles Fragen, auf die ich Antwort in Deutschland selber zu erhalten hoffte. Ist auch die Zeit von zwei Jahren viel zu kurz, um obige Fragen erschöpfend zu behandeln, so hoffte ich doch, durch eine gute Einteilung und durch ein systematisches Vorgehen alles, was von Wichtigkeit ist, zu besichtigen und zu untersuchen. Möge es mir – das war mein inniger Wunsch – vergönnt sein, diejenige Befriedigung zu finden, welche der schönste Lohn für jeden ernststrebenden Menschen ist! Möge doch mein Aufenthalt in Deutschland unserem Vaterlande zum Nutzen und Segen gereichen! Mögen mir nur Tage ungetrübten Glückes und schöner Erinnerungen beschieden sein, auf daß ich diese zwei ersten Jahre des neuen Jahrhunderts zu den zwei schönsten Perlen meines Lebens zählen kann!

Japanische Landschaft zur Frühlingszeit. (Nach einem japanischen Ölgemälde.)

Blick auf den Fujiyama. (Nach einem japanischen Ölgemälde.)

Und weiter träumte ich, immer weiter. Die Abschiedsaudienz, die höchste Auszeichnung, die der allergnädigste Landesherr, S. Majestät der Kaiser, mir zuteil werden ließ – der Besuch des heiligen Tempels der kaiserlichen Ahnen und Vorfahren, woselbst mir der heilige Trank gereicht wurde – das Gefühl der höchsten Dankbarkeit und tiefsten Ergebenheit, womit ich das kaiserliche Schloß verließ. Ununterbrochen reihten sich daran: große und kleine Abschiedsfestlichkeiten, Einladungen und Besuche, Erledigung vieler angefangener Arbeiten. Und da sehe ich mich mit einemmale wieder in den Vorbereitungen für die Reise. Ja, wache oder träume ich... was kommt denn da zur Tür herein? Aha, der Schneider mit dem dicken Schmerbauch, der Schuster mit der kahlen Platte, der bedächtige Zahlmeister des Agenten, der schlanke Bursche des Spediteurs, die sonnenverbräunten Kulis u. a. m.

Das Schiff, das sich durch alle meine Träumereien nicht hatte stören lassen, fährt ruhig weiter und macht in einer Stunde ca. 15-17 Seemeilen. Ich raffe mich jetzt auf und blicke umher und betrachte mir das, was die Liebe mir mit auf die Fahrt gegeben hat. O, was bin ich doch für ein reicher Mann! Da liegen meine zwei Handkoffer, ein paar Büchsen mit Senbei, eine Kiste mit Konserven, eine Flasche Cognak, zwei Flaschen Wein, roter und weißer, eine Flasche ungarischen Mineralwassers, drei Körbe mit Äpfeln und Apfelsinen, alles noch wild durcheinander. Ich kümmere mich nicht weiter darum, steige auf das Promenadendeck und sehe vor mir die wunderschöne Küste der Provinz Totomi liegen, von den Strahlen der eben untergehenden Sonne matt erleuchtet. Mit Hilfe des Opernglases kann ich noch die Kiefernbäume unterscheiden, die wie Zwerglein mit ausgebreiteten Händen längs des Strandes stehen. Ein recht malerischer Anblick, den ich einrahmen und nach Haus zu meinen Kindern schicken möchte! Unbeweglich verharre ich so geraume Zeit. Die Wasserdünste werden immer dicker, dunkler und dunkler färbt sich der Horizont, bis alles in Nacht und Nebel verschwindet. Nur das Rasseln der Schrauben und das Plätschern der Wogen dringt an mein Ohr und am weiten Himmelszelt erblicke ich ein paar leuchtende Sterne.

II.
Kobe.

Straße in Kobe.

Am zweiten Tage vormittags um 9 Uhr lief das Schiff in den Hafen von Kobe ein. Ich hatte die Absicht, nach Kioto zu fahren, um Sr. Durchlaucht dem Prinzen Konoye, unserm Präsidenten, der sich zur Zeit dort aufhielt, einen Besuch abzustatten; da aber der Dampfer wider Erwarten nur bis zum Abend vor Anker lag, so mußte ich diesen Plan aufgeben. Ich beschränkte mich daher auf Anraten meines Reisegefährten, des Herrn Dr. Erdmannsdörffer – früher Lehrer am Gymnasium in Kumamoto und später an der Kadettenschule in Tokio – einen berühmten Porzellanladen Bankinzan zu besichtigen. Ich sah dort viele schöne Porzellane, welche sämtlich in der Provinz Satsuma weiß gebrannt und in Kobe fein bemalt unter dem Namen Satsumayaki sehr viel verkauft werden. Besonders fiel mir ein kleines Tellerchen auf, das mit tausenden von Schmetterlingen bemalt war, und zwar so fein, daß man sie nur mit Hilfe einer Lupe beobachten konnte, ebenso ein kleiner Becher mit vielen hunderten spielender Knaben. Diese in Kobe bemalten Satsumaporzellane sollen in Europa einen hohen Liebhaberwert haben, meinem Geschmack sagen sie aber wenig zu, denn sie sind, meiner Ansicht nach, zu überladen. Die ungeheuer mühevolle Arbeit ist ohne Zweifel daran bewundernswert, aber das, was uns gefällt, ist das einfach Vornehme.

Mit der Besichtigung war ich gegen Mittag fertig. Es blieb mir daher noch ein halber Tag übrig; ich nutzte die Zeit am besten so aus, daß ich einen Abstecher nach Osaka machte. Osaka ist eine sehr belebte Fabrikstadt, damit ist aber auch alles gesagt. Dem Auge bietet sie nichts Besonderes dar: eine Menge Schornsteine – enge Gassen – Gräben – Kanäle – hölzerne Brücken – großes Leben auf den Straßen... das ist Osaka. – Von dem vielen Umherlaufen müde, langte ich abends in Kobe wieder an und ging sofort an Bord, wo sich zu meiner großen Freude unsere japanische Kolonie um einen Landsmann vermehrt hatte. Mit dem neuen Ankömmling, Herrn E. Otani, dem jüngeren Bruder des gleichnamigen Grafen von Higaschihonganji, waren wir also jetzt im ganzen zehn Japaner.

III.
Nagasaki.

Das berüchtigte Genkainada oder die schwarze See, der gefährlichste Teil des japanischen Meeres, war diesmal glatt wie ein Spiegel. Das volkstümlich gewordene Lied, daß selbst Vögel nicht imstande seien, über dieses schwarze Meer hinwegzufliegen – Torimo kayowanu Genkainada – traf diesmal Gott sei Dank nicht zu, denn wir kamen schon am 6. April früh morgens wohlbehalten in Nagasaki an. Hier sahen wir im Hafen je einen deutschen, französischen und russischen Kreuzer liegen; ein paar andere Kriegsschiffe ankerten so weit entfernt, daß wir die Flaggen nicht erkennen konnten. Fast gleichzeitig mit unserem Dampfer lief auch eine englische Fregatte ein, deren eherner Gruß von den im Hafen liegenden Schiffen erwidert wurde. Der Donner der Kanonen und der aufsteigende Pulverdampf, in dessen Mitte wir uns befanden, galt für uns als eine erquickende Unterbrechung der eintönigen Wasserfahrt und wir ließen unsere Augen gern an diesem Schauspiel weiden.

In Nagasaki besah ich mit meinen Landsleuten die Schiffswerft des Mitzubishikaisha, eine Privatanstalt des Baron Iwasaki. Ein Dampfer von 6000 Tonnen, der als Schwesterschiff des Sanukimaru für den Nippon-Yusenkaisha bestimmt ist, war gerade im Bau begriffen. Der Kiel war schon gelegt und die Hälfte des riesigen Rumpfes stand fertig da. Im Dock lag ein französisches Kanonenboot zur Ausbesserung. Nachdem wir die Gießerei, Schlosserei, Drechslerei, Tischlerei, kurz, alle Werkstätten der Reihe nach angesehen hatten, führte man uns in eine Schule, die eigens für die Knaben der zu dieser Schiffswerft gehörenden Beamten und Arbeiter errichtet ist. Das steinerne massive Schulgebäude ist nach englischem Muster aufgeführt und sah weit schöner aus, als manche Staatsschulen in Tokio. Die Ausstattung (Tische, Bänke, physikalische und chemische Apparate, Wandkarten u. s. w.) war gut geordnet und entsprach im großen und ganzen modernen Anforderungen. Was die Personalverhältnisse anbelangt, so konnte ich bei der Kürze der Zeit nichts Genaueres erfahren; die Schule selber scheint so gedacht zu sein, daß sie außer der Einprägung des allgemeinen Wissens die Heranbildung künftiger Fachleute für die Schiffswerft ins Auge faßt. Hoffentlich wird die Schule sich noch weiter entwickeln und gedeihen.

Blick auf Nagasaki.

Zu Mittag aßen wir in einem Teehause Geiyoro mit gutem Humor und gutem Appetit die echt japanisch zubereiteten Speisen; diese dürften wohl auf zwei Jahre die letzten sein. Wir langten also tüchtig zu und würzten das Mahl mit ein paar Fläschchen Sake. Auch das Auge blieb nicht unbefriedigt, denn uns zu Füssen dehnte sich die Stadt und weiter hin das Meer aus. Vor uns lag stolz und majestätisch auf der Rhede unser »König Albert«, der sich in der Umgebung der anderen Schiffe wie ein gewaltiger Riese ausnahm. Ob es uns auch so ergehen wird, wenn wir von Europa aus unser Vaterland betrachten? Ob unser Vaterland mit anderen europäischen Ländern verglichen uns recht groß erscheinen wird und seine Schönheiten ihnen gegenüber noch mehr hervortreten werden?

Ehe wir an Bord gingen, stampften wir wie zum letzten Gruße mit festem Tritt den heimatlichen Boden, denn Nagasaki ist ja der letzte japanische Hafen. Früh morgens, den 10. April, wurde der Anker gelichtet, und bald hatten wir das prächtige Panorama hinter uns – da plötzlich ..... ja, was war das? Welch' eine süße Weise dringt an mein Ohr? Ich blicke umher und sehe nicht allzuweit von unserem Schiff einen englischen Kreuzer vorbeifahren und auf seinem Verdeck spielt die Musik ein Lied:

»Hotaruno Hikari Madono Yuki
Fumiyomu Tsukihi kasanezuzu.«

Ein japanisches Lied – auf dem englischen Schiffe? Wie kommt denn das aber? Mein Reisegefährte, Herr Musiklehrer Taki, kam mir zu Hilfe und sagte mir, daß das wohlbekannte japanische Lied nach der Melodie der englischen Nationalhymne komponiert sei. Wie in Andacht versunken stand ich auf dem Verdeck und hörte wonnetrunken den holden Klängen zu. O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder, die ich zu Hause so manchesmal von der fröhlichen Jugend habe singen hören! »Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, ja vielmehr je älter sie ist, je gewohnter man sie ist, desto mehr wirkt sie«, hat Goethe gesagt und er hat recht; denn die Melodie, an welche mein Ohr so lange gewöhnt ist, übte jetzt auf mich eine so große Wirkung aus – mag sie auch nach der englischen komponiert sein oder nicht, der Erfolg ist und bleibt für mich derselbe. Jetzt, wo wir von der lieben Heimat Abschied nehmen – ein japanisches Lied zu hören! Mit Entzücken lauschte ich der mehrmals wiederholten Melodie und unwillkürlich kamen mir die Worte in den Sinn, die einst Schiller gesungen:

»Was ahnungsvoll den tiefen Busen füllet,
Es spricht sich nur in meinen Tönen aus;
Ein holder Zauber spielt um deine Sinnen,
Ergieß ich meinen Strom von Harmonien;
In süßer Wehmut will das Herz zerrinnen,
Und von den Lippen will die Seele fliehen;
Und setz' ich meine Leiter an von Tönen,
Ich trage dich hinauf zum höchsten Schönen.«
(Huldigung der Künste.)

Der Kreuzer war längst meinen Blicken entschwunden, längst war die liebe Weise verhallt und nun blickte ich zurück, wo im Osten noch die grünen Gipfel der heimatlichen Berge emporragten, als ob sie mit ihrem Grün mir die Hoffnung zu einer glücklichen Reise einflößen wollten. In voller Begeisterung nahm ich den Hut ab, nahm in Gedanken den letzten Abschied von dem Lande, wo meine Wiege stand und wo ich mein Teuerstes gelassen. Lange verweilte ich so, bis die Gipfel, von dem Schleier des immer höher aufsteigenden Meeres umhüllt, am Horizont verschwanden. Immer und immer wieder wandte ich mich um, um mir dieses entzückende Bild und dieses Gefühl der Begeisterung unauslöschlich einzuprägen. Vor mir lag wie eine unendliche Ebene ausgebreitet das ruhige spiegelglatte Meer und über dem ewigen Meer die unendliche Bläue.

IV.
Shanghai.

Am 12. April rasselte der Anker herab. Anfangs glaubten wir die große chinesische Hafenstadt Shanghai vor uns zu haben, es war aber nur das kleine Städtchen Wu-sung, das an der Mündung des Yantsekiang liegt; eine halbstündige Dampfbootfahrt auf dem Wusungflusse, einem sehr breiten, tiefen Nebenflusse des Yantsekiang, war erforderlich, wenn wir Shanghai besehen wollten. Da der Dampfer eine große Ladung einzunehmen hatte und es uns infolgedessen vergönnt war, den ganzen folgenden Tag hier zu verweilen, so verzichteten wir auf die Bootfahrt für heute und zogen es vor, an Bord zu bleiben, um morgen in aller Frühe mit desto größerem Genuß einen Streifzug auf dem Land unternehmen zu können. Wir betrachteten vom Schiff aus mit Erstaunen den riesengroßen Strom, dessen mächtige, sich weit erstreckende Mündung eher den Namen eines Meeres zu verdienen scheint. Mehr noch als diese gewaltige Breite setzt den Fremdling etwas anderes in Erstaunen: die schmutzig-gelbe Flut. Die beiden Ufer, die infolge der großen Entfernung kaum sichtbar sind, machen die graue Wasserwüste nur noch grauer. Schon der alte chinesische Ausdruck »Shitoku«, d. h. die vier Unsauberkeiten, womit man die vier größten Ströme Chinas, den Kasui, Kosui, Waisui und Shisui, bezeichnet, beweist, daß ihr Anblick selbst den eingebornen Chinesen seit Jahrhunderten her nicht gerade angenehm war. Mit Kasui wird Hoangho oder der gelbe Fluß, mit Kosui der Yantsekiang, mit Waisui der Whaiho und mit Shisui der Shuho bezeichnet. Das chinesische Sprichwort: »Hundert Jahre warten, bis die gelbe Flut klar wird,« womit man die Unmöglichkeit einer Sache bezeichnet, läßt uns annehmen, wie außerordentlich trübe und unrein die Schlammflut sein muß. Daß die Chinesen in den Strömen das Symbol des Unsauberen und Widerwärtigen, des Schmutzes und Abscheus sehen, ist sehr charakteristisch.

Wenn es richtig ist, daß der Charakter der Menschen von der ihn umgebenden Natur beeinflußt wird, so kann man sich nicht wundern, daß sehr viele Söhne des Reiches der Mitte so schmutzig sind. Sollten die beiden hervorstechenden Züge im Charakter der Chinesen: Unsauberkeit und Gewinnsucht, welche beide untereinander wieder in einem engeren Zusammenhang stehen, nicht in dem grauen, den Schmutz und Staub aller Jahrhunderte aufwühlenden Wasser ihren Ursprung haben? Wie der Strom – so das Volk! Und welch ein erhebendes Gefühl nun, wenn wir damit unsere heimischen Gewässer vergleichen, wo jeder Bach, Fluß oder See durchsichtig wie ein Krystall ist und so rein und ungetrübt sich hält, daß man bis auf den Grund sehen kann. Und so sind auch die Menschen. Bei uns ist die Reinlichkeit und Sauberkeit eine der größten Tugenden, die den Bürger zieren, und mit dieser Tugend verknüpft sich auch eine Reihe von schönen Eigenschaften, wie z. B. jene unsrem Volke so eigentümliche Freigebigkeit, die kein Opfer scheut und die schnöde Gewinnsucht verachtet.

Pagode bei Shanghai.

Während wir so im Freundeskreise unsere Meinungen austauschten, wurde uns ein Besuch gemeldet: Ein Herr N. vom Kajimayoko in Shanghai. Dieser Herr war eigens an Bord gekommen, um uns zu einer Besichtigung von Shanghai abzuholen. Da wir aber, wie bereits erwähnt, den Besuch der Stadt auf morgen verschoben hatten, so blieb er die Nacht bei uns an Bord zu Gast.

Am nächsten Morgen früh fuhren wir mit einem Dampfer stromaufwärts; bald tauchten die beiden flachen Ufer des Wusungflusses als schmale Streifen am Horizont auf. Allmählich kamen wir näher und nun konnten wir die Umgebung genauer ins Auge fassen. Auch hier ein ödes trostloses Grau, das mit dem Flusse zu wetteifern scheint. Das einzig Grüne, das sich grell von dem Grau abhebt und unsere Augen einigermaßen erfreut, ist die Flußweide, die hier zwar nicht kräftig, doch hinlänglich gedeiht. Weiter oben lassen sich hier und da regellose Gebäudemassen erkennen, aus denen einige hohe Häuser mit ihren freundlichen Fenstern uns entgegenleuchten.

Nach dreiviertelstündiger Fahrt kamen wir endlich in Shanghai an. Der Wusungfluß ist hier 400 bis 500 Meter breit und so tief, daß er imstande ist, Schiffe von bedeutendem Tonnengehalt zu tragen, so sahen wir hier zu unsrer großen Freude das japanische Kriegsschiff »Maya« und weiter hinten einen Dampfer »Hakuaimaru«, der in Diensten des japanischen Roten Kreuzes steht und zur Zeit des japanisch-chinesischen Krieges als Hospitalschiff gute Dienste geleistet haben soll, vor Anker liegen. Noch einige Kriegsschiffe und mehrere Postdampfer, welche zum Teil den Engländern gehörten, waren sichtbar und gewährten einen imposanten Anblick. Hoch auf dem Mast des »Maya« flatterte die Toppflagge mit der lieblichen Sonne uns entgegen. Das Gefühl, fern der Heimat in einer fremden Welt unsere Flagge zu erblicken, ist in der Tat etwas, was das Herz erhebt; der edle Stolz, der uns innewohnt, ein Angehöriger des schönen Landes zu sein, der nationale Gedanke, von welchem jeder Patriot so sehr beseelt ist, begeisterten uns, wir schwangen die Hüte, schwenkten die Tücher und begrüßten so unsere Flagge, und unser lautes Hurra wurde von den auf den Rahen stehenden Matrosen freudig erwidert. Unsere Marine, die sich in den letzten fünf Jahren außerordentlich schnell entwickelt hat, weiß sich in ihrer jetzigen Gestalt fern und nah Achtung und Geltung zu verschaffen, was aber diejenigen, die zu Hause kauern und der Ruhe pflegen, leider nicht gewahr werden. Auch ich gehörte einst zu jenen, auch ich war der Meinung, daß es töricht sei, gerade für das unproduktivste Glied eines staatlichen Körpers – für Militär und Marine – die meisten Mittel zu bewilligen; bei diesem Anblick fühlte ich mich aber nicht wenig betroffen und aus der Kehle drang mir unwillkürlich der Ruf: »Unsere Marine lebe hoch! hoch! hoch!« in den meine Gefährten fröhlich einstimmten.

Der »Bund« in Shanghai.

Oberhalb des kaiserlich japanischen Konsulatgebäudes landeten wir und bestiegen drei elegante Equipagen. Der erste Besuch galt dem Kajimayoko. Bald wurden wir mit den bei dieser Firma angestellten Landsleuten bekannt, schrieben Briefe, Ansichtskarten u. s. w. und fuhren dann mit unserem Begleiter in die Stadt. Diese bedeutendste Handels- und Hafenstadt Chinas, welche durch viele Flüsse und Kanäle mit den Seen im Innern, dem Kaiserkanal und dem Yantsekiang in Zusammenhang steht und ca. 500 000 Einwohner zählt, wurde vor etwa sechzig Jahren von den Engländern erobert und dem Fremdenverkehr übergeben. Bald darauf wurde der Hafen auch für den auswärtigen Handel eröffnet, und seitdem ist die Stadt in raschem Aufschwunge begriffen. Sie zerfällt in zwei verschiedene Teile, nämlich in die Altstadt Shanghai, die eigentliche Chinesenstadt, wo das Gouvernement liegt, und in die Neustadt oder die Fremdenstadt.

Das »Iltis«-Denkmal in Shanghai.

Es war dies das erste fremde Land, das ich betrat. Entgegen den Vorstellungen, die wir von Haus mitgebracht hatten, machte die Neustadt einen außerordentlich einladenden, modernen Eindruck. Sie ist verhältnismäßig weitläufig gebaut; die Häuser stehen nach dem Strome zu in dichten Reihen nebeneinander, nach der Innenseite zu aber werden sie lichter. Sie sind zum Teil aus Steinen hoch aufgebaut, die Straßen sind größtenteils gepflastert, ziemlich breit und teils mit Trottoirs versehen. Besonders schön ist der sogen. »Bund«, von den Chinesen Wan-poutang genannt, eine Straße, welche am Wusungflusse entlang führt und größtenteils von Engländern bewohnt wird. Hier erhebt sich eine Reihe stattlicher Gebäude: der englische Gerichtshof, der englische Klub, mehrere Konsulate, Banken usw. Auch mehrere japanische Firmen, wie die Filiale der Yokohama Speciebank, die der Nippon-Yusenkaisha und noch einige andere, sind hier zu finden. Der Speciebank gegenüber sehen wir auf einem frischgrünen Rasenplatz des Parkes das deutsche »Iltis«-Denkmal. Dieses sehr schöne Monument, das zum Andenken an den heldenhaften Untergang der »Iltis«-Mannschaft errichtet wurde, besteht in der Hauptsache aus einem metallenen abgebrochenen Mast, dem der Rest des »Iltis«-Wracks als Modell gedient hat.

Personenkarren in Shanghai.

Die sogenannte French Town, dann die britische, amerikanische und Hang-kou Settlements liegen der Reihe nach nebeneinander. Hohe massive Häuser, teils in englisch-indischem Baustil aufgeführt, und prächtig ausgestattete Verkaufsläden mit Schaufenstern reihen sich aneinander; auch Kirchen mit hohen Türmen ragen empor und laden mit ihrem ernsten feierlichen Glockenklang die Andächtigen ein. Die Straße ist äußerst belebt: vornehme Damen in modisch feiner Tracht, elegante Herren im hohen Cylinder gehen und kommen; zahllose Equipagen und Droschken rollen hin und her; dazwischen drängen sich seltsame, von keuchenden Chinesen geschobene Personenkarren und leichte Fahrräder; unter Trommelschlag und Musik marschieren die Soldaten, japanische, englische, französische, alle in den Uniformen ihrer Nation, schwarz, blau, grau etc. angezogen – ein buntes Bild, von dem sich die Augen schwer trennen können (wegen der Wirren in Nordchina waren Truppen verschiedener Nationen in Shanghai einquartiert). Wie wir so dahinfuhren, wähnten wir fast, wir seien schon in der uns vorderhand noch fremden Welt einer europäischen Stadt; indessen mahnten uns die Chinesen daran, daß wir uns noch nicht weit von unserer Heimat entfernt hatten.

Englische Kavallerie in Shanghai.

Straße in Shanghai.

Wir fuhren durch einige Straßen der Neustadt, wo zu beiden Seiten viele chinesische Verkaufsläden stehen, und hatten Gelegenheit, das Straßenleben der Chinesen in Augenschein zu nehmen. Die Straßen sind ziemlich schmutzig, voller Lärm und Gedränge. Die Häuser sind größtenteils aus Holz gebaut und mit grellen Farben angestrichen; rot, die Lieblingsfarbe der Chinesen, wiegt vor, es findet auch grün und gelb große Verwendung. Aus den Fenstern sieht man hier und da Wäsche, alte Kleider u. dergl. herunterhängen, die, über den Häuptern der Vorbeigehenden gemächlich flatternd, zu dem Schmuck der Stadt in seltsamer Weise beitragen. Die Verkaufsläden sind meist offen und am Eingang hängen Schilder von verschiedener Farbe und Form, worauf allerlei Worte, meistens langatmige Erklärungen oder großsprecherische Lobpreisungen des zu verkaufenden Gegenstandes, zu lesen sind. Als Einfuhrartikel werden Opium, Wolltuche, Metalle, Lampen, Uhren, Zündhölzer, Petroleum u. s. w., als Ausfuhrartikel Seide, Tee, Baumwolle, Felle, Schweinsborsten, Strohgeflechte, Talg u. s. w. gehandelt.

Chinesischer Schuhmacher.

Unter den Verkaufsläden trifft man auch nicht wenige, in denen Fett- und Eßwaren feilgeboten werden; auch getrocknete Fische, Gemüse, Früchte u. s. w. liegen lockend ausgebreitet zum Verkauf. Hier drängen sich viele Käufer, Städter wie Landleute, grell geschminkte Frauen in bunten Gewändern, geputzte Männer mit langen Zöpfen, jeder nach seinem Geschmack gekleidet. Ferner findet man auch manch' schöne, nach europäischem Muster eingerichtete Häuser mit Schaufenstern, die einheimische wie importierte Fabrikate bergen und wo man wirklich gute Waren beziehen kann; aber im allgemeinen haben die chinesischen Kaufläden und das Straßenleben, wie lebhaft sie auch den neugierigen Augen eines Fremden erscheinen mögen, ein düsteres, träges und unsauberes Aussehen.

Wir fuhren nun geradenwegs durch die Straße Damaro, auch Nankinro genannt, zu deren Seiten sich die meisten eleganten Verkaufsläden, europäische und chinesische, vorfinden, und gelangten in den Lustgarten Gu-En[1]. Dieser Garten, den der Besitzer vielleicht aus Bescheidenheit so genannt, sollte wahrhaft wundervoll angelegt sein, aber leider war er nicht imstande, japanische Augen zu erfreuen; da er weder etwas Schönes noch Neues bot, so verlohnt es sich nicht, ihn ausführlich zu beschreiben. Ein paar Baumgruppen, deren fahles Grün nicht gerade anziehend wirkt, ein altes Gebäude chinesischen Stils, das so aussah, als wäre es nie mit einem Besen in Berührung gekommen, ein kleiner Teich mit trübem Wasser, worin etliche Goldfische ein elendes Dasein führten, einige komisch geformte Felsblöcke, die als Zeugen einer rohen plastischen Arbeit dastehen, und am Ausgang eine Art von Theater, in welchem dann und wann chinesische Operetten aufgeführt werden... das ist wohl alles, was man hier zu sehen bekommt. – Zwei Dinge fielen mir hier besonders auf: ein paar Opiumstuben – sehr einfache, meist nur mit einem Sofa ausgestattete Zimmer. Dort legt sich dann der Chinese aufs Ruhebett, raucht Opium und verträumt im Zustand der Betäubung den lieben langen Tag. Und weiter: ein paar irdene Becken, die im Garten unter freiem Himmel standen und eine dunkle trübe Masse enthielten. Ich glaubte, die Flüssigkeit sei zum Begießen der Pflanzen da, aber zu meinem Erstaunen erfuhr ich, daß sie zum – Trinken aufbewahrt werde. Echt chinesisch!

Im chinesischen Teelokal in Shanghai.

Nicht weit von Gu-En liegt Cho-En, ein in europäischem Stile aufgeführtes Gebäude, woselbst den Gästen Tee serviert wird – ein Teehaus im strengsten Sinne des Wortes; es hat einen geräumigen, mit den Farben aller Nationen geschmückten Salon und sieht ganz nett aus; vor dem Hause breitet sich ein frischer grüner Rasenstreifen aus und ladet den Vorübergehenden zum Besuche ein. In nächster Nachbarschaft sahen wir auch eine mit allem Zubehör ausgestattete Kegelbahn.

Die Equipage führte uns nun nach Shumaro oder Fukushuro, die in einer gewissen Bedeutung »feinste« Straße Shanghais; ein Karasumori oder Yanagibashi in Japan, wo viele tausende jener berühmten Shanghaier Sängerinnen wohnen und wo die »feinen« Herrschaften so gerne spazieren gehen, um zu sehen und gesehen zu werden. Hier liegt auch das Teehaus Kiokaro, in welchem wir zu Mittag aßen. Es ist dies eines der besten Wirtshäuser in Shanghai. Die ganze japanische Kolonie »König Alberts«, zehn an der Zahl, mit unserm Begleiter und einem Chinesen, der bei der Firma Kajimayoko angestellt ist und inzwischen von uns zur Tafel eingeladen war, nahmen nun mit knurrendem Magen an dem runden Tische Platz und harrten in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Einen Speisezettel freilich gab es nicht, und wenn es auch einen gegeben hätte, würde er uns wenig genützt haben, da uns die Namen der Gerichte fremd waren. Die Speisen werden in verschiedene Klassen eingeteilt und danach bestellt; aber was jede von ihnen enthält, das gehört zu den Geheimnissen des Koches. Nichts blieb uns weiter übrig, als diesem die Wahl mit der stillen Hoffnung zu überlassen, daß nicht nur das Gute von oben, wie es in der »Glocke« von Schiller heißt, sondern auch von unten aus der Küche kommen möge. Zuerst wurde uns eine Tasse Tee serviert, nach wenigen Minuten kam die Suppe zum Vorschein und nun folgten verschiedene Sorten von Fettspeisen, worunter Speck die Hauptrolle spielte, ferner gebratene Fische von zwei, drei verschiedenen Arten, Hummer, Muschel, Geflügel, Lammfleisch, fast alles mit Öl und Fett zubereitet, Fadennudeln, Gemüse und, was unter anderm auffiel, Schwalbennester, Haifischflossen, Walfischbart u. a. m. – alles Erzeugnisse, die zu den Delikatessen der Chinesen gehören. Zum Schluß gab es wiederum Suppe und dann gekochten Reis, Gebäck, Früchte u. s. w. Diese Speisen werden in einer großen Schüssel mitten auf die Tafel gestellt und jeder nimmt sich selbst daraus auf das eigene Tellerchen, das bei jedem Gange von dem Servierkellner gewechselt wird.

Chinesischer Koch.

Mit wahrem Heißhunger machten sich alle daran, aber einigen wollten schon nach den ersten Gängen die Speisen nicht in den Gaumen hinein, da sie das allzu Ölige und Fette nicht ertragen konnten, wieder einige hatten nach acht bis neun Gängen den Magen voll und konnten nicht weiter. Ich, der in dem Kampfe mit Leckerbissen bisher den Rücken nicht hatte sehen lassen, focht auch hier in aller Tapferkeit mit zwei Stäbchen – denn Gabel und Messer gab es nicht – gegen die hintereinander losrückenden Feinde, aber schon bei dem elften Zusammenstoß hatte ich einen harten Kampf zu bestehen. Bei dem zwölften Angriff entschwand mir endlich der Mut, und vollgestopft wie ein Maltersack konnte ich weder gehen noch stehen, ich schnaufte nur und saß unbeweglich da. Selbst wenn alle Schätze des persischen Königs hier vor meinen Füßen gelegen hätten, würde ich meine Hand nicht danach ausgestreckt haben, um sie aufzuheben, denn auch bei der leisesten Bewegung drohte der überspannte Sack zu zerplatzen! Doch zwei von uns haben wacker gestritten bis zum 17. und letzten Angriff für die Ehre unserer Kolonie; daß dies aber ein Kampf auf Leben und Tod war, verriet schon der Schweiß, der von ihren Stirnen herabrollte. Unser langzöpfiger Tischgenosse war, als die Haifischflossen aufgetragen wurden, fortgeschwommen und ließ sich nicht mehr sehen, was uns sehr leid tat. Er schien über unsere Unterhaltung verstimmt zu sein; wir hatten nämlich u. a. gesagt, daß die Sauberkeit der Chinesen sehr zu bewundern sei, insbesondere beim Essen; denn sie lecken fortwährend ihre Stäbchen ab und fahren dann wieder in die gemeinsame Schüssel hinein, so daß die darin befindliche künstlich zubereitete Sauce sich mit der natürlichen ihres Mundes vermischt und so einen chemischen Prozeß durchzumachen scheint. Später hörte ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß es bei den Chinesen Sitte sei, beim Essen die Stäbchen schön abzulecken, und daß derjenige, der seinen Tischgenossen eine besondere Aufmerksamkeit erweisen will, dies auf chinesische Art nicht besser bezeigen zu können glaubt, als daß er seine Stäbchen möglichst gut ableckt. Wirklich eine recht feine Sitte, die vom Gesichtspunkt der Bakteriologie sehr zu empfehlen ist! Wahrscheinlich verdanken die deutschen Wörter »Lecker«, »Leckerei«, »Leckerbissen« u. s. w. ihren Ursprung den Chinesen! – Eins möchte ich hier noch hinzufügen, daß nämlich alle Speisen ohne Ausnahme warm aufgetragen werden; kalte und rohe Speisen, wie unser Sasimi, kennt man dort überhaupt nicht; daß sogar Wasser nur in heißem Zustande getrunken wird, ist bekannt. Besonders fiel mir noch auf, daß während des ganzen Mahles die Chinesen in einem fort getrocknete Melonenkerne aßen, die sich in einer gemeinsamen Schüssel in der Mitte des Tisches befanden. – Noch eins: wir wurden bei der Tafel leider der zweifelhaften Ehre nicht teilhaftig, von jenen reich geschmückten und doch so leichten elastischen Gestalten bedient zu werden.

Im großen und ganzen muß ich doch sagen, daß die chinesischen Köche ihre Kunst sehr gut verstehen. Von der geschickten Zusammenstellung des so viele Gerichte umfassenden Mahles abgesehen, ist auch die Zubereitung gut; ja, man wäre versucht, es dem japanischen beinahe vorzuziehen, wenn nicht zu viel Fett und Öl verwendet würde. Mit dem europäischen und chinesischen Mahl verglichen, ist unser japanisches einfacher. Das chinesische ähnelt mehr dem europäischen und ist ebenso nahrhaft und gehaltreich. Übrigens war das Essen, das wir an jenem Tage genommen, ein kantonsches, was dem europäischen verwandter ist, wie das nankinsche, das als ein echt chinesisches dem Gaumen der Eingeborenen wohl bekommen soll, aber nicht dem unsrigen. Unsere Köche verstehen zwar das Kochen an sich ganz gut, sie sollten aber ihr Augenmerk doch auf die Zubereitung und Zusammenstellung recht kräftiger und nahrhafter Kost richten. Ein Gericht z. B. wie das Kuchitori – jene kuchenartige, buntaussehende süße Speise – sollte ganz abgeschafft werden, da es eher den Augen als dem Magen zur Erquickung dient.

Das einzige, was bei der chinesischen Mahlzeit abstößt, ist eben die Unreinlichkeit, die auch hier, wie überall beim Chinesen, an den Tag tritt. Die Überreste von Speisen, wie Gräten, Knochen, Schalen u. dergl., werden während des Essens im Wirtshause von allen Gästen ohne weiteres unter die Tafel geworfen; die beiden anderthalb Fuß langen Stäbchen und überhaupt die Eßgeschirre sollte man selbst mit der Serviette vorher sorgfältig reinigen, so unheimlich sehen sie aus; die Servietten bieten manchmal ein derart trauriges Aussehen, daß man sie lieber unbenutzt läßt. Schlimmer als diese sind aber die heißen Tücher, womit man während des Essens den Mund von allem Fett und Öl abwischt; sie werden, ohne irgendwie ausgewaschen zu werden, in kochendes Wasser getan und in heißem Zustande den Gästen mehrere Male dargereicht; sie machen also einen Kreislauf bei vielen Gästen, fühlen sich infolgedessen etwas klebrig an und haben gerade keinen angenehmen Geruch.

Etwas möchte ich hier einfügen über jene Klasse der Chinesen, die durch ihr elendes Handwerk, vor allem aber durch ihre Schmutzigkeit und Dreistigkeit auffallen, ich meine die Kulis. Sie stehen fast überall mit ihrem von Japan importierten Rollstuhl, Jinrikisha, auf der Straße und fordern jeden Vorübergehenden zum Einsteigen auf; besonders wenn sie einen Fremden gewahr werden, machen sie für eine kurze Strecke Weges eine unmäßige Forderung und suchen ihn tückisch und hinterlistig zu übervorteilen. Ihre Forderung lassen sie auch auf ein Drittel ihrer ersten Ansprüche herabhandeln, aber sobald sie ihre Tour gemacht haben, bitten sie dreist und zudringlich um Trinkgeld oder fordern, trotz der vorhergegangenen Unterhandlung, das Doppelte und Dreifache. Wenn sie dann abgewiesen werden, kommen sie noch eine Strecke Weges hinterher gelaufen und betteln immer wieder oder schimpfen und schreien, bis man am Ende genötigt wird, mit dem Stock ihrer Forderung Genüge zu tun. Daß Menschen dieser Art von den dort lebenden Europäern wie Tiere angesehen und demgemäß behandelt werden, ist vom allgemeinen menschlichen Standpunkte bedauerlich, unter den obwaltenden Verhältnissen aber verständlich. Zwar haben wir in Japan auch eine Klasse solcher Kulis, diese sind jedoch weit artiger und zuvorkommender als jene. Schon ihr Aussehen verrät, daß sie mit ihren Kollegen in China nichts gemein haben. In leichten, fest anschließenden schwarzen Jacken, bedeckt bis zu den Füßen, stehen sie bei uns an einer Seite der Straße auf dem ihnen zugewiesenen Platze und warten bescheiden, bis ein Vorübergehender sie anruft. Und wie flink sie ihr Handwerk üben! Wie der Blitz fliegen sie mit ihrem Rollwagen die Straße dahin, als ob sie die darauf sitzende schwere Last garnicht spürten, während die chinesischen in weiten, blau auf grau gestickten, losen Lumpen die Straße dahintappen; daß der Knüttel in den Händen der Polizisten mit diesem Gesindel gute Bekanntschaft unterhält, ist daher leicht erklärlich.