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Transatlantische Reiseskizzen und Christopherus Bärenhäuter. Erstes Bändchen. cover

Transatlantische Reiseskizzen und Christopherus Bärenhäuter. Erstes Bändchen.

Chapter 5: Der Kindesräuber.
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About This Book

A collection of travel sketches and short narratives that blends humorous observation with episodic storytelling. It alternates lively social vignettes set in urban drawing rooms and promenades with vivid accounts of riverine and frontier travel, tracing journeys down the Mississippi and across western roads. The pieces contrast manners, commerce, and landscape, mixing satire and warmth in portraits of courting, hospitality, and everyday mishaps. A recurring comic figure and varied station-sketches provide cohesion, while descriptive passages and conversational scenes convey both local detail and authorial reflection.

Das ist die schändlichste Wildniß im ganzen Westen; kein Weg, kein Steg, Sumpf über die Ohren, und um mein Mißgeschick voll zu machen, so habe ich meinen Monroestiefel[41] im Schlamm verloren.

[41]: Monroestiefel, Halbstiefel; vom Präsidenten Monroe so genannt.

Und ich denke, in meinem Mantel giebt es so viele Löcher, als Dornen an diesem verwünschten Akazienbaume, erwiederte ich trostweise. Dies waren die letzten Worte, die noch halb und halb gute Laune athmeten; denn nun waren wir bis zur Haut durchnäßt, und ich glaube wirklich, daß unter allen möglichen Situationen eine nasse die zum Scherzen am wenigsten geeignete ist. Den Beweis liefern beide, die Franzosen und ihre Antipoden, die Holländer. Die erstern nämlich werden nur immer in heißen Juni- oder Julitagen rappelköpfisch, und die letztern sind bekanntermaßen nichts weniger als scherzhafte oder gutgelaunte Leute, ein Mangel oder, wie man es nehmen will, eine Tugend, die ohne Zweifel ihrem Vegetiren zwischen Dämmen und Morästen und Kanälen zuzuschreiben ist. Was nun mich betrifft, so liebe ich ein mäßiges Abenteuer, vorausgesetzt es komme nicht gar zu hoch, und verabscheue eine monotone langweilige Quäkerreise, wo Alles zahm und kalt und scheu und verschlagen sich hinzieht, wie diese guten Leute selbst; aber in einem Ahornsumpfe von Nacht und Fluthen überfallen zu werden, und auf der einen Seite nicht drei Schritte den bis zum Rande angeschwellten Tennessee, auf der andern undurchdringliche Wildniß, vorne einen Coloß von Wallnußbaum zu haben und nicht rückwärts zu können — wahrlich! mit all meiner Achtung vor Abenteuern, es war kein Scherz.

Wohl, was ist nun zu thun? fragte Richards, der sich in eine echt theatralische Stellung versetzt hatte, den stiefellosen Fuß auf den Wagentritt stämmend, während der andere im Kothe stak.

Wir spannen Cäsar aus und ziehen die Gig zurück, versetzte ich mit meiner gewöhnlichen Kürze.

Wollte der Himmel, unsere Aufgabe wäre eben so kurz gewesen; aber Wünsche gehen selten oder nie in Erfüllung. Wir machten uns jedoch daran, und schoben und hoben und trugen mit unsäglicher Mühe unsern Wagen beiläufig zwanzig Schritte zurück, wo sich ein offenes Plätzchen zeigte. Freund Richards erfreut sich sehr gesunder Lungenflügel, und auch die meinigen sind nicht die schwächsten. Hatten wir es nun diesen zuzuschreiben oder unserm günstigen Gestirne, kurz, unsere Conversation mit Cäsar wurde plötzlich durch ein lautes Hallo unterbrochen, das dicht vor uns erschallte.

Leser! hast du je einer hitzig bestrittenen Wahl beigewohnt, und deine zehn oder hundert Dollars patriotisch auf deinen Schützling gesetzt, und hast du nun plötzlich und auf einmal im Schweiße deines Angesichtes, wo dir bereits alle fünf Sinne im Branntwein und Tabaksdampfe vergingen, den Ausspruch gehört, der dir zu deinen hundert Dollars mit hundert Prozent verhilft; hast du dieses je erfahren, dann, und nur dann, kannst du dir eine Idee von der freudigen Rührung machen, die unsre kalten Busen plötzlich erwärmte. Das Hallo war so echt yankeeisch wiedergegeben, daß die Nebel brachen, und die ganze rothe Generation, die in diesem Sumpfe schlummerte, erwachen konnte.

Und nun, Geduld um's Himmelswillen! sprach Richards, und halte wenigstens eine Viertelstunde das Maul, sonst verdirbst du alles wieder mit diesem heillosen Yankee.

Besorge nichts, erwiederte ich, dessen heißes Blut bereits ziemlich durch das Schauerbad abgekühlt war, nicht zu gedenken der Aussicht, die ganze Nacht in diesem jammervollen Loche zuzubringen. Gerne würde ich dem zähen Tagdiebe Auskunft über alle Butter- und Kartoffeln- und Mehlpreise in diesen unsern Staaten gegeben haben, mit der einzigen Bedingung, daß er uns so bald als gefällig aus diesem Fieberpfuhle erlöse.

Er war es wie er leibt' und lebte. Er hatte in wahrer Conecticutmanier bereits ein paar Minuten vor uns angehalten, ohne eine Sylbe von sich zu geben. Beinahe schien es, als ob er sich an unserer Verlegenheit weide, und gerade nicht in größerer Eile sei, uns aus unserem Drangsale zu erlösen. Was uns betrifft, so hatten wir alle Ursache auf unserer Hut zu sein. Die sauertöpfische Vogelscheuche schien eben nicht Spaß zu verstehen. Freund Richards brach endlich das Stillschweigen mit den Worten: Schlimmes Wetter!

Das könnte ich eben nicht sagen, erwiederte der Yankee.

Ihr habt nicht den zwei Frauen begegnet, denen ihr entgegen geritten?

Nein, ich vermuthe, sie werden in Florenz bei Cousine Kate bleiben.

Ihr habt nicht im Sinne, dahin zu gehen? fragte wieder Richards.

Nein, ich will heim. Doch, ich dachte, ihr wäret bei dieser Zeit an der Fähre.

Das wären wir vielleicht auch, wenn eure Wege besser, und statt Wallnußbäumen Steine in den Löchern wären, versetzte Richards lachend.

So habt ihr also heute nicht Lust zur Fähre?

Wir haben wohl das Wollen, aber das Vollbringen, Freund, ihr wißt, das ist die Hauptsache.

Ja, so ist es, sprach der Mann mit einer wahren Schulmeistermiene. Nun, wenn ihr zurück nach Bainbridge wollt, so könnt ihr mit mir; am besten wäre es, ihr überließet mir die Zügel, und meine Mähre mag hinten nachlaufen.

Es dauerte wohl noch gute fünf Minuten, ehe der unausstehlich langsam pedantische Geselle mit seinen Vorbereitungen zu Ende war. Endlich zu unserer großen Freude saßen wir zu Dreien in der Gig.

So waren wir denn nach fünfzig Hin- und Herfragen, die einem Londoner Protokollisten Ehre gemacht haben würden, in eine Art von Allianz mit Mister Isaak Shifty getreten, und waren glücklich auf dem Wege nach einer der hundert famösen Städte Alabamas, die sammt und sonders nicht ihres Gleichen in den Vereinten Staaten hatten.

Ich weiß nicht wie es kommt, daß ich mich stets in meinen Erwartungen getäuscht finde. Ich hatte gehofft, die Entfernung zwischen dem verwünschten Ahornsumpfe und unserm zu erreichenden Zufluchtsorte würde in einem billigen Verhältnisse zur Annehmlichkeit unsers Lotsen, das heißt nicht sehr groß sein. Sie schien mir jedoch ungeheuer, und Horaz's Ungeduld während seines famösen Spazierganges war ein Kinderspiel gegen die meinige. Unser Yankee hatte überflüssige Muße, gleich dem römischen Schwätzer, wenigstens ein Dutzend verschiedene Subjekte und Objekte zu berühren. Das erste, an dem er sich versuchte, war natürlicher Weise seine eigene werthe Person. Aus der hingeworfenen biographischen Notiz war zu ersehen, daß er von Conecticut, und zwar von einem gar nicht unebenen Stamme, entsprossen, daß seine ursprüngliche Laufbahn die eines Schullehrers gewesen, daß er jedoch diese Carriere mit einer weniger ehrenvollen, nämlich der eines Hausirers, vertauscht, von diesem zum Krämer und Ladenbesitzer avancirt, und nun ein gemachter, ja ganz respectabler Mann geworden, wie er modest uns beizubringen nicht unterließ. Zunächst kamen die Kaufmannsgüter, die er bereits in seinem Laden gehabt und noch hatte, mit mehreren Seitenhieben auf einen Mister Bursecut, der sich zu seinem Rival aufzuwerfen nicht entblödet, und den der Himmel selbst für seine Vermessenheit durch den Untergang von einem Dutzend Messern und Gabeln und Schuhen auf den Muscleshoals zu bestrafen nicht versäumt. Dies gab sofort wieder Veranlassung von den tausend und einem Mißgeschicken zu reden, die sich auf diesen weit und breit berühmten Muschelbänken ereignen, und von diesen mußte er natürlich auf die verschiedenen Transportgelegenheiten kommen, deren sich Alabamas erleuchtete Bewohner zu bedienen für gut erachten, als da sind: Dampfschiffe und Kielböte und Barken und Flatboats oder Flachböte, oder Breithörner, oder Archen, wie sie auch genannt werden; diesen rückten die bedeckten Schlitten, die Fähren, die gewöhnlichen Böte, die Dugouts, und schließlich die Canoes nach. Unser Yankee überging nun in den Canalisationsplan, mittelst welchem die Gewässer des Tennessee mit, der Himmel weiß welchem Meere verbunden werden sollten. Es war ein monströser Plan; so viel erinnere ich mich noch; ob aber die Vereinigung bloß mit Raritan-Bay[42] oder weiter herum mit dem Connecticutflusse[43] statt haben sollte, ist mir rein entfallen. Endlich kamen wir, zu unserer unaussprechlichen Freude, auf die Historie von Bainbridge; ein sicheres Zeichen, bildete ich mir ein, daß wir uns dem Ziele unserer Reise näherten; doch selbst dieser Freudenstrahl, so gemäßigt er war, sollte, gleich dem langersehnten Leuchtthurme, noch eine gute Weile unsere Geduld in Anspruch nehmen, bevor wir in den erwünschten Hafen einlaufen konnten. Wir hatten zuvor noch die ganze Topographie dieses berühmten Platzes zu hören, wie er in rechten Winkeln ausgelegt, und wie blühend und gewerbsam er sei, und ob wir nicht Lust hätten uns niederzulassen; er, nämlich Mister Shifty, habe ein Dutzend ganz herrliche Baustellen, und wie die Stadt bereits drei Wirthshäuser enthalte, just die gehörige Proportion zu den zehn Häusern oder Nestern, die Bainbridge bildeten; zwei dieser Wirthshäuser oder Schenken wären jedoch vollgepfropft mit Männern; es sei ein Canvaß[44] zur Wahl von Florenz, und die dritte sei nicht viel von einer Schenke und gerade nicht die wohnlichste.

So lautete der Bericht des Mister Isaak Shifty, als das Wort Canvaß, electioneering[44], demselben plötzlich ein Ende machte.

[42]: Raritan-Bay, die Meeresbucht, die sich gegenüber Newyork gegen Newjersey hin zieht, und beide Staaten von einander trennt.

[43]: Connecticut, der Hauptfluß des Staates Connecticut, der an Newyork gränzt. Die Entfernung vom Staate Tennessee beträgt wenigstens sechshundert Meilen in gerader Linie.

[44]: Canvaß, electioneering. Jeder Wahl geht bekanntlich eine Bewerbung, Candidatur, Canvaß, electioneering voraus. Zuweilen ist diese Candidatur ein wenig stürmisch.

Eine Wahlvorbereitung! stammelte Richards.

Eine Wahl — stotterte ich. Wahrlich, das Wort erstarb mir auf der Zunge bei dieser furchtbaren Nachricht. Eine Wahl in Alabama, das selbst im alten Kentuck mit dem Ehrennamen Hinterwälder bezeichnet ist. — Lebt wohl, Abendessen und Schlaf, und Bette und Stube und frische Wäsche, nach einer so horriblen Tour.

Wir hatten nicht Zeit eine Sylbe mehr zu sagen, denn unser Cäsar, der sich seit geraumer Zeit durch ein Schlamm-Meer hindurchgearbeitet, stand plötzlich still. Ein matt erzitterndes, in einer Atmosphäre von Tabaksrauch schmachtendes Talglicht, und das Gebrülle von zwanzig Kehlen bezeichnete uns den Hafen. Ein Sprung brachte uns auf etwas festern Grund. Während Richards Cäsar an den Pfosten band, schritt ich der Thüre zu, als ich beim Zipfel meines Mantels gefaßt wurde.

»Hier nicht, hier nicht! dieß ist das Haus, wo ihr einkehren müßt!« rief Mister Isaak Shifty, beinahe ängstlich auf ein nahestehendes Mittelding zwischen Haus und Hütte deutend.

Kehre dich nicht nach ihm, wisperte ich Richards zu, froh, des unerträglichen Wichtes doch einmal ledig zu sein. Bereits war meine Hand an der Klinke, und wir traten ein.

Da saßen sie, ihre Fersen auf dem Tische, und standen, die nämlich, die noch stehen konnten, und taumelten und brüllten. Bei meiner armen Seele! ich wollte, ich wäre irgend anderswo gewesen, statt in dieser werthen Nachbarschaft. Richards trat zuerst in den Haufen. Ich staunte über seine Kühnheit, des stiefellosen Fußes gedenkend; die launigen Zecher schienen Lust zu haben, uns ihre geschliffenen Manieren zu beweisen. Sie machten Platz links und rechts, und ließen uns so eine fußbreite Allee von sechs Fuß und eben so vielen Zollen hohe Palisaden passiren, während sie uns vom Kopfe zu den Füßen musterten. Das Mißgeschick meines Freundes entging jedoch ihren Luchsaugen, als dieser recht feierlich an den Schenktisch herantrat und, sich dem Knäuel von halb Roß- halb Alligatorgesichtern zuwendend, ausrief: Ein Hurrah für Alt-Alabama[45] und der Henker soll den Wegmeister von Bainbridge County holen.

[45]: Alt-Alabama, der Staat Alabama.

Bist du toll? flüsterte ich ihm zu.

So will ich doch erschossen sein, wenn er nicht das Mal diese fünf Knöchel auf seinen Leichnam eingedrückt fühlen soll, brüllte eine Stimme, die aus einem Mammuthsrachen ertönte, der sich so eben anschickte, ein halbes Pint Monongehala zu verschlingen.

Ehe jedoch der vierschrötige Goliath seine Drohung in Ausführung brachte, leerte er noch ganz gemächlich seine halbe Pint Whisky, und schritt hierauf vorwärts, seine flache Hand auf die Schulter Richards mit einem Gewichte legend, der dem Armen das Aussehen eines Gehenkten oder Verrenkten gab. Zugleich starrte ihm der Gewaltige mit einem Ausdrucke ins Gesicht, in dem sich die natürliche Härte seiner scharfen Züge und Eulenaugen nichts weniger als lieblich malte.

Und der Henker hole den Wegmeister von Bainbridge, wiederhole ich! rief Richards halb ernst und halb lachend, indem er zugleich den überkothigen stiefellosen Fuß auf den Stuhl hob. Da seht einmal, Jungens! er ist beim —, mein Stiefel nämlich; der verwünschte Sumpf zwischen hier und der Fähre war so höflich, mir ihn abzuziehen.

Ein Gelächter erschallte, das unfehlbar die Fenster eingedrückt haben würde, wären Glasscheiben darinnen gewesen. Glücklicher Weise waren sie mit Fragmenten, alten Inexpressibles und einstmaligen Röcken und Röckchen ausgestopft.

Kommt Jungens! rief Richards; es ist nicht schlimm gemeint; aber sicherlich, ich verlor meinen Stiefel in diesem höllischen Sumpfe.

Es war das glücklichste Impromptu, das je müde Wanderer in eine ähnliche Gesellschaft eingeführt; Friede, Harmonie und Freundschaft waren mit einem Male hergestellt.

So mag ich wie eine Rothhaut erschossen werden, wenn das nicht Mister Richards von Alt-Virginien und nun vom Missisippi ist, rief unvermuthet derselbe fürchterliche Goliath, der so eben seine flache Hand auf die Schulter Richards gelegt hatte, während sein halb wilder Blick sich in ein launiges Grinsen umwandelte. Möge ich nie eine Flasche echten Monongehalas über meine Lippen bringen, wenn ihr nicht eine Pint mit Bob Shags dem Wegmeister leeren müßt.

So war es denn der selbsteigene Dignitair, den Freund Richards so auf das Haar getroffen, obgleich mit Gefahr seines Schulterblattes.

Ein Hurrah für Alt-Virginien! brüllte der Meister der Wege, indem er zu gleicher Zeit in ein Stück Kautabak von diesem unserm famösen Staate biß. Kommt Mister, kommt Doktor! sprach der Mann, während er ihm mit der einen Hand eine Rolle Tabak, mit der andern das Pintglas hinhielt.

Doktor! wiederholte der vereinte Chorus der Assemblee.

Ein Doktor! riefen sie nochmals.

Ein Mann, der Gewalt über Gin und Whisky[46] hat, dessen Ausspruch als ein unantastbares Veto selbst gegen einen Smaller[47] erachtet wird, ist keine geringe Person in diesen fieberischen Gegenden. In diesem Falle hatte die Doktorschaft den doppelten Nutzen, uns von den gewaltigen Pintgläsern zu befreien, und uns zugleich zu privilegirten Besuchern zu machen; ein Umstand, der von Bedeutung in einer Wirthsstube ist, die sich der ausgezeichneten Ehre erfreut, das Hauptquartier einer Wahlpartie zu sein.

[46]: Gin, Whisky. In den V. St. wird jeder Kornbranntwein Whisky genannt; Gin ist der aus Holland importirte sogenannte Wachholder-Branntwein.

[47]: Smaller, a small one, ein kleineres, ein kleines — nämlich Glas — mit gebranntem Wasser.

Cäsar war es zuerst, der positive Vortheile von dieser Entdeckung erntete. Bob hatte sich einen Augenblick aus der Stube verloren; er kehrte nun mit einer wahren Protektorsmiene zurück.

Mister Richards! rief er zutraulich, Mister Richards! Mög ich erschossen werden, wenn ihr nicht stets ein sensibler Mann waret, der mehr reelles Blut im kleinen Finger hat, als ein Pferd zu schwemmen hinreichen würde. Ei, und ich will euch beweisen, daß Bob Shags der Mann ist. Holla Doktor! was ist euer Gaul für ein Landsmann?

Ein echter Virginier, erwiederte Richards.

Den Teufel auch ist er's, schrie Bob; aber um euch meine Freundschaft zu beweisen, so will ich ungesehen mit euch tauschen. Mög ich erschossen werden, wenn ich nicht dabei geprellt bin. Na, ich bin herzlich froh, euch wieder zu sehen. Bob Shags darf sich nicht scheuen, einem reellen Gemman[48] ins Auge zu sehen. Kommt Jungens! Keinen Jimmaky[49] und Slings[50] und Poorgun[51] und solch hündisches Gesäufe; echten Monongehala-Whisky! Hurrah für Alt-Virginien! Apropos, wollen wir den alten Virginier nicht besehen?

[48]: Gemman, verdorben, Gentleman.

[49]: Jimmaky, Jamaika-Rum.

[50]: Slings, ein Gemisch von gebrannten Wassern, Zucker und Zitronen.

[51]: Poorgun, Burgunderwein.

Nein, Bob, rief Richards lachend, eure Großmuth ist so echt alabamisch, daß ich unmöglich mich dazu verstehen kann. Für diesmal jedoch muß ich schon meinen Alt-Virginier behalten. Er ist das Leibpferd meiner Frau.

Aber Swiftfoot, erwiederte Bob treuherzig und traulich, ist ein trefflicher Trotter.

Geht nicht, war die Antwort, geht nicht; ich dürfte mich nicht zu Hause blicken lassen!

Bob biß sich in die Lippen; der fehlgeschlagene Pferdehandel hatte mittlerweile das Gute, daß er uns von den Whiskygläsern befreite. Bob schien ganz seine Offerte mit dem Pintglase vergessen zu haben. Er hob es zum Munde und leerte, so wahr ich lebe, den Inhalt mit einem Zuge.

Meine nassen Kleider fingen an schwer auf mir zu liegen; die Atmosphäre war stark geschwängert. Bob hatte mich einigemale schon angeblickt; nun fragte er: Und wer mag der Mister sein?

Mein Name und Stand brachte mir eine Bewillkommung zu Wege, die buchstäblich Thränen in meine Augen preßte. Nach jedem Drucke sah ich, ob nicht das Blut aus den Nägeln spritze. Wahre Bärentatzen, rauh wie eine französische Heerstraße.

Recht froh, Jungens, fuhr Bob im confidentiellen leisern Tone fort, daß ihr gekommen seid. Ich bin just daran, einen Versuch für die nächste Assembly[52]-Wahl zu machen, und ihr wißt, es ist allzeit gut, einen respectablen Ruf zu haben. Wie lange ist es, Mister Richards, daß ich von Blairsville weg bin?

[52]: Assembly, das gesetzgebende Corps eines Staates.

Acht Jahre, war die Antwort.

Nein, Harry, wisperte der Wegmeister zutraulich, nein, mög ich erschossen werden, wenn es mehr als fünf sind.

Aber, versetzte Richards, ich bin seit fünf Jahren unten am Missisippi, und ihr wißt —

Ah bah! meinte der Mann, fünf Jahre bei meiner Seele sind's, keine Stunde mehr; versteht ihr? setzte er behutsam hinzu, wenn ihr gefragt werdet.

Der Candidat für öffentliche Aemter hatte nämlich von seinem früheren Aufenthaltsorte, dem Geburtsorte Richards, Reißaus genommen, von wegen gewisser Mißverhältnisse, in die er mit dem Sherif und Constable[53] gerathen, und nachdem er einige Jahre herum vagirt, hatte er sich endlich in Bainbridge County niedergelassen, wo er zu gedeihen schien, so viel es nämlich Whisky und menschliche Schwachheit zuließen. Wir konnten nicht umhin, beinahe laut über die Wichtigkeit zu lachen, die uns Bob vor den Seinigen zu geben für räthlich fand. Theophrastus Paracelsus war ein bloßer Kesselflicker in Vergleich mit dem weit und breit berühmten Doctor Richards; seine fünf und zwanzig Neger wuchsen zu hundert in dieser hyperboreischen Lunge, und meine Wildniß war unter Brüdern fünfmal hunderttausend Dollars werth. Es wäre gefährlich gewesen, dem gewaltigen und verschmitzten Windbeutel zu widersprechen, da er stets bereit war, seine Aussage mit seinen Bärentatzen zu unterstützen.

[53]: Sherif, Constable, der Ober- und Unter-Gerichtsdiener.

Endlich konnte Richards die Frage in dieses Gebrülle einschalten:

Ihr seid doch nicht willens, nun zu peroriren?

Mag ich erschossen werden, wenn ich's nicht thue. So wahr ich lebe, ich will darauf und daran.

Wohl denn, da könnten wir vielleicht noch Kleider wechseln und unser Abendmahl abfertigen? fragte Richards leiser.

Kleider wechseln? erwiederte Bob verächtlich, und warum dies, Junge? Nicht wegen uns; seid sauber genug, gut genug für uns, braucht euch nicht zu geniren. Wenn ihr aber meint, so mögt ihr's thun. Holla Johnny! Und sofort begann er seine Negoziationen mit Johnny dem Wirthe, der zu unserer großen Freude einen Leuchter ergriff, und uns in eine Art Hinter-Parlour führte, mit der Versicherung, daß wir auf unser Nachtessen nicht sehr lange zu warten haben würden.

Kein anderes Zimmer, wo wir uns umkleiden könnten? fragte ich.

Ja gewiß, versetzte der Publicaner; da ist die Dachstube; nur schlafen meine Töchter mit einem Dutzend Mädchen darin; dann ist noch die Küche.

Ich sah betrübt darein; denn das Mädchen schickte sich so eben an, den Tisch zu decken, und unglücklicher Weise war das Stübchen durch eine offene Thür mit der Küche in Verbindung, aus welcher ein heilloser Lärm erschallte. Ich hätte Vieles für einen viertelstündigen Besitz des Zimmers gegeben. Mittlerweile sah ich mich nach unsern Porte-manteaux um.

Sechs kleine; es ist nicht Büffelleder, rief ein junger Stentor aus der Küche herüber.

Sechs kleine; es ist Rindsleder! schrie ein zweiter.

»Ich müßte mich sehr irren, wenn diese Bengel nicht unsere Porte-manteaux so eben mit ihrer Untersuchung beehren,« bemerkte Richards, indem er auf die Küche hinwies.

Das wäre doch zu toll, versetzte ich. Aber es war wirklich so. Nicht, daß wir in Besorgniß gewesen wären, die Porte-manteaux zu verlieren oder beschädigt zu sehen; aber sie aus ihren Klauen mit guter Art zu winden, konnte nicht anders als durch einen gut angebrachten Spaß geschehen. Und ich fürchte diese Späße. Man hat immer einen Arm- oder Beinbruch zu riskiren. Die Küche war gesteckt voll; in der Mitte stand ein Haufe von Jungen über sechs Fuß hoch, von denen einer ein brennendes Licht hielt.

Eine der sonoren Stimmen rief: Nein, ich zahle sicherlich nicht, wenn ich nicht das Innere sehe.

Die jungen Gesellen debattirten so eben, ob der Ueberzug von den wilden Büffel- oder den Ochsen-Species herrühre. Sie hatten sie bemerkt, als sie in das Hinterparlour getragen wurden, und ohne weitere Umstände sie zu Objekten ihrer Wetten gemacht.

Es gilt sechszehn kleine! rief mein Freund, sie sind von Hirschhaut.

Sechszehn, sie sind es nicht! donnerten zehn Stimmen mit lautem Gelächter zurück.

Wohl denn, es ist eine Wette, sprach mein Freund; doch laßt uns zuerst sehen, worauf wir gewettet haben.

Platz da für den Gemman! brüllte die Wettegesellschaft.

Es sind unsere Porte-manteaux, versicherte Richards lachend; nun freilich, die sind nicht von Hirschhaut. Hier ist meine Wette.

Der Dollar hatte ein Hurrah zu Folge, das noch in meinen Ohren klingt; aber er hatte auch zugleich den Vortheil, uns in den Besitz unserer Porte-manteaux zu versetzen.

Eines war nur noch vonnöthen, nämlich der ausschließliche Besitz unserer Stube für eine Viertelstunde wenigstens.

Wir wünschen einen Augenblick allein gelassen zu werden, sprach ich zur Dirne, die rasch und pausbäckig aus- und eintrabte, zwanzig Tellerchen und Teller mit Confituren, Gurken, rothen Rüben, eingemachten Früchten auf den Tisch stellend. Ich schloß die Thüre, während Richards lächelnd bemerkte: das ist gerade das sicherste Mittel, sie wieder offen zu haben.

Kaum waren die Worte heraus, als auch die Thüre mit lautem Gelächter aufflog.

Tail![54] schrie nun einer der lustigen Brüder.

Head![54] entgegnete ein zweiter.

[54]: Tail und Head, Kopf und Schweif; ein beliebtes Volksspiel. Eine Münze wird in die Höhe geworfen, und je nachdem sie auf den Kopf oder den Adler fällt, gewinnt die eine oder die andere Partei.

Sie haben Lust zu einem zweiten Dollar, bemerkte Richards; wohl, wir müssen ihnen schon ihren Willen thun.

Head! rief er.

Verloren! fiel der Chorus ein.

Da ist etwas zu vertrinken für euch, sprach mein Freund, dessen bewundernswerther Gleichmuth und gute Laune uns so glücklich durch alle Irrwege des rohen Hinterwäldlerlebens mit einer Leichtigkeit zu bringen wußte, die wirklich einen eigenen Reiz hatte. Wir schlossen nun die Thüre, und hatten hinlängliche Zeit, unsere nassen Kleidungsstücke mit trockenen zu vertauschen. Wir waren noch nicht ganz mit unserm Ueberzuge fertig, als ein leises Tappen an der einzigen Scheibe, mit der das Fenster des Stübchens verziert war, unsere Aufmerksamkeit auf diesen Punkt hinlenkte. Und wen sahen unsere Augen? Es war Mister Isaak Shifty, der bei unserm Eintritte in die Wirthsstube uns den Rücken zu kehren für gut befunden hatte.

Gentlemen! flüsterte der Mann, indem er eine zweite Scheibe ihres Inhaltes, nämlich des Fragmentes einer alten Weste, entledigte, und dann bequem seinen Mund hindurchsteckte, Gentlemen! ich war im Irrthume. Ihr seid nicht zur Wahl gekommen, sagen unsere Späher, sondern vom untern Missisippi.

Und wenn wir es sind, was denn? erwiederte ich trocken. Sagten wir euch nicht so?

Und so thatet ihr; aber ihr konntet mir auch einen Bären auf die Nase gebunden haben. Und wie ihr seht, so werben sie hier zur nächsten Wahl, und wir haben einen Widerpart in dem andern Wirthshause, und da wir wußten, daß sie zwei Männer von unten herauf erwarteten, so dachten wir, ihr wäret es gewesen.

Und weil ihr uns so auf der unrechten Seite eures Weges glaubtet, ließet ihr uns im Kothe stecken, mit der fröhlichen Aussicht, das Genick zu brechen, oder im Tennessee zu ersäufen? bemerkte Richard laut lachend.

Das gerade nicht, versetzte der Yankee; wir würden es freilich lieber gesehen haben, wenn ihr im breiten Moraste übernachtet hättet, im Falle ihr die besagten zwei Männer gewesen wäret; aber jetzt wissen wir, woran wir sind, und ich bin gekommen, euch mein Haus anzubieten. Hier wird's eine gewaltige Frolic[55] geben, und vielleicht auch mehr. In meinem Hause mögt ihr so ruhig schlafen, wie sonst in einem.

[55]: Frolic, Lustbarkeit.

Das geht unmöglich an, Mister Shifty, sprach Richards mit einem Blicke, der, wenn des Yankees Augen ihre Schuldigkeit thaten, ihm gesagt haben muß, daß wir ihn durchblicken.

Die Klinke der Thüre, die in die Küche führte, bewegte sich, und schloß plötzlich unsere Unterhaltung. Die scharfen grauen Augen unsers Yankee hatten abwechselnd uns und die Stubenthüre bewacht, und kaum war die Klinke hörbar gehoben, so füllte sich die Oeffnung am Fenster und der Kopf unsers hospitablen Yankee verschwand wieder.

Er braucht uns, sprach Richards, weil er fürchtet, unsre protegirende Anwesenheit möchte Bob zu viel Gewicht geben. Du siehst, sie haben ihre Späher; sollten Bob und die Seinigen es ausfindig machen, dann giebt es ein reelles Balgen. Allerdings sind wir in einer wahren Squatter[56]-Höhle, sehr unreputirlich, aber wir müssen aushalten.

[56]: Squatter, buchstäblich Einer, der sich breit auf seinen Hüften niederläßt; figürlich Ansiedler, die sich rechtswidrig auf Ländereien niederlassen.

Die Tafel war nun gedeckt und die Thee- und Kaffeekannen dampften. Es war ein excellentes Souper, echte Alabama-Delikatessen. Fasanen mit Schnepfen, oder, wie sie genannt werden, Woodcocks, ein herrlicher Hirschziemer, der, ungeachtet des Jagdgesetzes, seinen Weg in Johnny's Behausung gefunden hatte, und Waizen-, Buchwaizen- und Wälschkorn-Pfannkuchen. Wir hatten bereits den ersteren Gerechtigkeit widerfahren lassen, und waren so eben in Prüfung der letzteren begriffen, die, zur Ehre von Bainbridge sei es gesagt, kein Pariser Restaurateur hätte trefflicher auftischen können, als die Stimme Bobs in langem Gebrülle ertönte. Bob hatte seine Canvaß- oder Candidaturrede begonnen. Es war hohe Zeit, unserm Souper ein Ende zu machen, und in die Reihe der Zuhörer des gewaltigen Wegmeisters einzutreten, unter dessen beschützenden Fittichen wir bisher so ziemlich wohl gefahren waren, das heißt, ohne unsere Arme oder Beine gebrochen zu haben. Die Hinterwäldler-Etiquette forderte unsere Anwesenheit diktatorisch, und wir, ihrem Ausspruche Genüge zu leisten, erhoben uns sofort von unserm Mahle und traten in die Versammlung.

Am Oberende der Tafel, und zunächst dem Schenktische, stand Bob Shags als Präsident, Sprecher, Kandidat — Alles in Allem. Ein Dintenfaß, das vor einer vierschrötigen Personnage aufgestellt war, bezeichnete den Sekretair. Bobs Gesichtszüge verfinsterten sich, als wir eintraten, zweifelsohne wegen unserm späten Erscheinen; doch Cicero selbst hätte kaum eine geschicktere Wendung gegen den Erz-Conspirator Catilina nehmen können, als Bob bei unserm Eintritte zu eigenen Gunsten einschlug.

Und diese Gemmen, fuhr er fort, könnten euch sagen, ja, und schwarz auf weiß beweisen, und Beweise geben von meiner Respectibilität. Mag ich erschossen sein, wenn sie nicht die beste ist, just so gut, wie die des besten Mannes in den Staaten.

Nicht besser, als sie sein sollte! fiel eine Stimme ein.

Bob warf einen finstern Blick auf den Sprecher; doch das Lächeln desselben schien gut gemeint, und alle übrigen einverstanden. Bob räusperte sich und fuhr fort:

Ei, wir brauchen Männer, die nicht auf die Köpfe gefallen sind und die schwarz von weiß zu unterscheiden wissen, und sich nicht von der Ministration[57] einen blauen Dunst vor Augen machen lassen, sondern unsere angebornen Souverainetätsrechte zu vertheidigen wissen. Mag ich erschossen sein, wenn ich einen Zoll breit weiche, ei, nicht dem Besten; vorausgesetzt, Jungens, ihr beehrt mich mit eurem Vertrauen und — ja eben das müßt ihr, sonst —

Hier unterbrach den Redner ein donnernder Ausbruch der ganzen Wahlversammlung: Let's go the whole hog![58]

The whole hog! bekräftigte Bob, seine beiden Fäuste auf den Tisch auflegend; das ist's Wahre! The whole hog! — das Volk — ei so habe ich nimmer gedacht! — Nun, Jungens, glaubt ihr nicht, daß unsere großen Herren zu viel Geld kosten? Mag mich — verdammen, Jungens, wenn ich's nicht um's Drittel des Geldes eben so gut thue. Hört nur! sechs Gespänne, jedes von vier Gäulen, hätten vollauf zu ziehen, um nur das Silber wegzuschleppen, das uns Johnny[59] und seine Ministration gekostet haben. Hier, Jungens, ist es schwarz auf weiß.

[57]: Ministration, Administration, die executive Gewalt, der Präsident mit seinem Cabinette.

[58]: Let's go the whole hog! eine etwas vulgaire Hinterwäldler-Phrase; will so viel sagen, als: zur Hauptsache!

[59]: Johnny, John Quincy Adams, dam. Präsid. d. V. St.

Bob hatte einen Bündel Papiere vor sich, die wir zuerst für ein schmutziges Sacktuch gehalten, die aber die County-Zeitungen waren, von denen eine ganz sinnreich den Gehalt, welchen die eben abgehende erste Magistratsperson der Union für ihre Dienstjahre bezogen, auf Wagenladungen reducirt hatte, — das herrlichste Mittel, die Verschwendung öffentlicher Gelder recht augenscheinlich darzustellen. Bob hielt inne, während sein Nachbar sich die Brille aufsetzte und zu lesen anfing. Doch Alle fielen ein: Wissen es schon, haben es schon gelesen! Zur Sache!

Nein, rief Bob, schaut nur einmal! »Diplomatische Sendungen.« Was soll das bedeuten? Wen brauchen sie da zu senden? Da haben sie einen Ginral Tariff[60] angestellt, der einer der tollsten Aristokraten ist, der je lebte. Und der hat ein Gesetz passirt, in Folge dessen wir nicht mehr mit den Britten Handel treiben sollen. Jeden Strumpf, jeden Messerstiel hat der verhenkerte Aristokrat mit einem Einfuhrszoll belegt. Wo sollen wir nun Flanelle hernehmen?

[60]: Ginral Tariff, der allgemeine Tariff; hier von den Hinterwäldlern für einen General, mit Namen Tariff, genommen.

Hört! Hört! rief hier einer der Zuhörer, dessen rothes Flanellhemd wirklich einer zeitigen Fürsorge zu bedürfen schien.

Ferner, fuhr Bob fort, haben sie unserer Schifffahrt einen Schlepper zum Vortheil ihrer Manufakturen angehängt. Ihren Manufakturen — Männer! Souveraine, freie Bürger! in den Manufakturen zu arbeiten!

Hört! Hört! ertönte von mehreren Seiten drohender.

Aber das, fuhr Bob geheimnißvoll fort, ist noch nicht Alles. Nein, Jungens, hört und urtheilt! Ihr, die erleuchteten freien Männer Alabamas, urtheilt und seht zu! Ja, die Ministration und die Yankees! Wißt ihr, was sie thaten?

Hört! Hört! riefen neuerdings zwanzig Stimmen.

Nichts weniger haben sie gethan, fuhr Bob fort, als Kleidung, Munition, Gewehre und Mehl und Whisky haben sie den Creeks[61] geschickt. Zwei volle Schiffsladungen haben sie geschickt. Hier ist's! schrie Bob, eine andere Zeitung auf den Tisch werfend.

[61]: Creeks, Greeks. Die ersteren sind die bekannten Indianer im Staate Georgien; die letzteren die Griechen, denen bekanntlich in ihrem so sonderbar beendigten Freiheitskampfe bedeutende Unterstützungen von den Bürgern der V. St. gesandt wurden.

Eine athemlose Stille herrschte während der furchtbaren Beschuldigung, die nun Wort für Wort verlesen wurde. Wir konnten beinahe das Lachen nicht mehr verhalten; doch Noth gebot. Bob fuhr so eben fort: Und sie wollen sie zurück über den Missisippi, und wieder in Georgien, ja — und in Alabama gleichfalls haben. Und sie halten Reden und Versammlungen zu ihren Gunsten, und sagen, daß wir ihnen, diesen Creeks, unsere Aufklärung verdanken, und sie haben bereits Häuptlinge, als da sind Alexander, den sie den Großen nennen, und Perikles und Plato, und derlei Namen, wie wir sie unsern Negern geben. Ja, und diese verwünschten Rothhäute fechten gegen einen andern Häuptling, den sie Sultan heißen, und der auf der Türksinsel[62] irgendwo gegen Osten hauset. Wo sollen wir unser Salz hernehmen?

[62]: Turksislands, Türkeninsel; eine kleine Insel, von welcher die östlichen Staaten, Nord- und Süd-Carolina, Georgien etc. ihr Salz beziehen.

Der Sturm, der seit geraumer Zeit gebrauset, brach nun in ein Gebrülle aus, das die Balken des Stammhauses in seinen Grundvesten erschütterte. Trotz des beinahe unwiderstehlichen Kitzels hatten wir wacker an uns gehalten, inmitten des tobenden Sturmes jedoch erscholl auf einmal ein lautes Lachen, das von Bob und seinen Getreuen gehört wurde. Der donnernde Ausruf: ein Späher, ein Spion! war kaum von den Lippen des Gewaltigen ertönt, als der ganze Knäuel gegen die Thüre stürmte, durch welche sich ein Personnage gestohlen hatte, die allerdings zu einem solchen Ehrendienste qualificirt schien. Der unglückselige Wicht wurde gerade noch zu rechter Zeit erschnappt und vor das hohe Tribunal gezogen. Sein Geheul brachte jedoch bald das ganze Corps seiner Freunde, die in der nächsten Taverne in einem ähnlichen Geschäft begriffen waren, zu seinem Beistande. Ein Kampf war nun unvermeidlich, und diesem zu entwischen unsere Hauptsorge. Wir drückten uns so schnell als möglich durch die Küche und von da in den Hof.

Halt! zischte eine leise Stimme, ihr seid am Rande einer Pfütze, in der ein Ochs ersäufen könnte. Aha, nun werdet ihr doch meine Einladung nicht verschmähen?

Es war Mister Isaak Shifty, bei alle dem ein getreuerer Pilote, als wir dachten. Im Wirthshause war die Schlacht so eben im besten Zuge. Wir überlegten, was wohl zu thun sei, als der Sturm sich plötzlich zu legen begann.

Was ist das? riefen wir alle drei verwundert, durch die Küche auf den Schlachtplatz eilend.

Es war niemand anders als der Constable mit seinem Amtsstabe, der in der Hitze der Schlacht eingetreten. Sein Erscheinen allein bewirkte, was hundert Leibgardisten eines Despoten nicht hätten zu Wege bringen können, augenblicklichen Waffenstillstand. Der Aufruf zur Ruhe im Namen des Gesetzes hatte Bob und Compagnie wie mit einem Zauberschlage berührt, und Friede und Eintracht waren wieder auf einmal hergestellt.

Wir hatten eine ruhige Nacht, mit der einzigen Unbequemlichkeit, daß Bob sich uns als Beilage anschloß, und wir somit drei in eine Bettstätte zu liegen kamen. Ehe jedoch der Morgen graute, war er von unserer Seite gewichen. Spät betraten wir die Wirthsstube; sie stand noch immer am alten Flecke; trug aber furchtbare Male eines verzweifelten Kampfes. Bänke, Stühle und Tische lagen in Trümmern umher, der Fußboden war mit zerbrochenen Krügen und Gläsern übersäet, und selbst das Heiligthum, der Schenktisch, war von einer theilweisen Zerstörung nicht verschont geblieben, und als wir dem Stalle uns näherten, um Cäsar unsern Besuch abzustatten, fand ich zu meinem nicht geringen Verdrusse, meine Gig über und über mit Wahlzetteln und Hurrah's für Bob Shags beklebt, und Richards den Schweif seines Cäsar so glatt und rein abgeschoren, als ob die Schelme ihn barbirt hätten. Unser Frühstück war jedoch vortrefflich, und wir betraten unsere Reise nach Florenz unter günstigeren Auspizien, als es Tages vorher der Fall gewesen.

Der Kindesräuber.

Auf der Höhe von Hopefield.

Ja, es ist ein erhabener, beinahe ein furchtbarer Anblick, diese endlosen Urwälder, Tausende und abermals Tausende von Meilen in ihr nächtliches Dunkel hüllend. Wie mancher Klagelaut mag in ihnen ungehört verschollen, wie manche Gräuelthat von den hehren Wipfeln und ihrem düstern Schatten bedeckt sein, vor deren bloßen Namen das stärkste Männerherz erzittern würde. Scheint es doch, als ob hier die ungeheure Natur auch ungeheure Verbrechen erzeugen müßte. Noch heute preßt es mir das Herz wie mit Zangen zusammen, wenn ich an jene Scene denke. Ja, die Wirklichkeit ist oft grausamer, als die glühendste Dichtung, schauderhafter, als die schreckenvollste Phantasie sie malen kann. Wie kommt es doch, daß der göttliche Funke, der im Menschen wohnt — sein Verstand — so selten zum Herzen zu dringen vermag, während der teuflische, möchte ich sagen, — seine Bosheit — bis zur innersten Faser hineinwühlt? Ich habe oft über den seltsamen Charakter nachgedacht, der mir damals aufgestoßen, aber mein Verstand wurde verwirrter, je länger ich nachdachte.


Es war im Anfange Decembers im Jahre 1825, als ich gleichfalls den Missisippi in der Feliciana hinabging. Auf der Höhe von Hopefield, Hampstead County[63], angekommen, streifte eines unserer Räder an einem Sawyer[64] und ging in Stücke, ein Umstand, der uns zwang, vor dem Städtchen anzuhalten.

[63]: Hopefield, die Countystadt der Grafschaft Hampstead.

[64]: Sawyers, Säger, große, lange, in den Schlamm eingestauchte Baumstämme, die unter der Oberfläche des Wasserspiegels hin- und herschwanken und den Dampfschiffen sehr gefährlich sind.

Hopefield ist ein kleiner Ort, an dem westlichen Ufer des Stromes, beiläufig sechshundert Meilen oberhalb Neworleans, und fünfhundert unterhalb der Mündung des Ohio in den Missisippi gelegen, mit fünfzehn Häusern, von denen zwei zugleich Schenken und Krämerläden sind, die ein paar Dutzend Messer und Gabeln, einige bunte Halstücher, Töpfe, Pulver und Blei, und derlei Artikel zum Verkaufe darboten. Unsere Reisegesellschaft bestand aus zehn Damen, eben so vielen jungen Männern und mehreren alten Herren. Nichts ist während einer Flußreise erwünschter, als eine Landpartie, und da wir in dem Oertchen gerade nichts weiter zu suchen hatten, so fand der Vorschlag einiger unserer Reisegefährten, eine Excursion in das Innere des Waldes zu unternehmen, allgemeinen Beifall.

Der Sohn eines der Schenkwirthe hatte sich zu unserm Führer angeboten. Wir nahmen jeder eine Jagdflinte, eine Bouteille Wein oder Cognac, um die Ausdünstungen abzuhalten, und unser Pilot[65] wurde mit einem gewaltigen Schinken und einem Vorrathe Crakers[66] beladen, die uns der Capitain als gemeinschaftliches Eigenthum aus dem Schiffsvorrathe mitgegeben. So ausgerüstet, traten wir unsern Ausflug an, begleitet von den guten Wünschen der Damen, die einige hundert Schritte mit uns in den Wald hinein gingen.

[65]: Pilot, Lotse.

[66]: Crakers, kleiner runder Zwieback, der von Boston ist vorzüglich gut.

Ich habe oft die Bemerkung gemacht, daß ein tieferes Eindringen in unsere gewaltigen Urwälder auch den muntersten Schwätzer zum Schweigen bringt. Bei dieser Gelegenheit fand ich meine Bemerkung wieder bestätigt. War es der tiefe, ergreifende Ernst, der sich über das Halbdunkel dieser üppigen Wildniß hingelagert hatte, die feierliche Ruhe, die bloß durch unsere Fußtritte oder durch fallende Blätter unterbrochen wurde, oder hatte die ungeheure Wucht der Bäume, die mit ihren colossalen Riesenstämmen himmelwärts anstrebten, auf die Phantasie meiner Gesellschafter gewirkt, die meisten derselben — Nordländer, die nie über Albany oder die Saratoga-Quellen hinausgekommen — waren auf einmal ernst und beinahe düster geworden. Das Laub der Cottonbäume, dieses Riesen der südwestlichen Waldungen, hatte bereits die fahle Spätherbstteinte angenommen; nur einzelne Sonnenstrahlen hellten den gelblich grünen Farbenschmelz zuweilen auf, und wo dieß der Fall war, gab die Lichtung und der Farben Strahlen dem Dunkel eine sonderbar magische Helle, die unsere Gefährten in schweigendes Dahinstarren versetzte. Die Wurzeln und Gesträuche, die von den Bäumen zwanzig Fuß lang herabhingen, zeugten zugleich von der Macht des Stromes, der häufig seine Fluthen zwanzig bis dreißig Meilen über die Ufer schüttet, einem endlosen See dann gleichend. Hie und da funkelte noch eine Magnolia mit ihren schneeweißen Blüthen, oder eine Catalpa mit dem ficus indicus und seinen langen Blättern und Gurkenfrüchten, an denen glänzende Redbirds oder Peroquets hingen. Während ein paar Commis von Boston in jedem Strauche ein wildes Thier sahen, und zehnmal schon ihre Flinten auf einen gewaltigen Bären oder Panther angelegt halten, zum nicht geringen Spaße unseres Führers, der ihre ziemlich albernen Fragen mit einer wahrhaft vornehmen Hinterwäldlermiene unbeantwortet ließ, waren wir nach einem stündigen Marsche an einem langen und ziemlich breiten Sumpfe angelangt, der, durch die Ueberschwemmungen des Stromes gebildet, sich von Norden nach Süden beiläufig fünf Meilen erstreckte, und einen hellgrünen, breiten Streifen klaren Wassers in seiner Mitte erblicken ließ. Das westliche Ufer war mit einem Anfluge von Palmetto überwachsen, dem gewöhnlichen Verstecke von Hirschen, Bären und selbst Panthern. Dieses nun durchzustöbern, war unsere Hauptaufgabe. Wir theilten uns sofort in zwei Partien; die erste mit dem Führer, dem wir die Neu-Engländer überließen, sollte den nördlichen Bogen des Sumpfes umgehen, während wir den entgegengesetzten Weg in südlicher Richtung zu verfolgen gedachten. Beide sollten in der Mitte hinter dem Sumpfe auf einem Pfade zusammentreffen, der durch ein dichtes Gehege von wilden Pflaumen und Honigakazien führte. Die Weisungen waren ziemlich unbestimmt und in Hinterwäldlers-Manier; vieles Fragen jedoch würde unsern Führer wahrscheinlich nur noch mehr verwirrt haben, und so trennten wir uns, unsern gesunden Sinnen und Taschen-Compassen vertrauend, die mehrere von uns bei sich hatten. Wie gesagt, die südliche Richtung war uns anheim gefallen. Am äußersten Ende des Sumpfes sollten wir uns gegen Westen wenden, und dann die nördliche Richtung längs dem Palmetto verfolgen.

Bisher hatten wir, einige Züge wilder Tauben oder Eichhörnchen ausgenommen, nichts zu Gesichte bekommen, als Schlangen, die wir noch an den letzten Strahlen der Sonne sich wärmend fanden; Königsschlangen, mit ihren Regenbogenringen glänzend; Mocassinschlangen, die bei unserer Annäherung sich träge in einen Haufen Laubes einwühlten, oder eine Stierschlange, die sich langsam mit gebrüllähnlichem Zischen aufrichtete, waren hie und da noch zu sehen; — ein sicheres Anzeichen, daß der Winter noch ziemlich ferne war.

Nach einer zweiten Stunde waren wir am südlichen Ende des Sees angelangt; wir wendeten uns nördlich, den See zu unserer Rechten, das Palmettofeld zu unserer Linken. Der Grund, den wir betraten, war, wie es bei Canebrakeboden[67] der Fall ist, fester Wiesengrund; das Gras reichte bis zum Gürtel, aber unmittelbar daran gränzte der tiefere Sumpfboden, so daß uns keine Wahl übrig blieb, als durch das Rohrfeld zu brechen, oder im sumpfigen Boden fortzuwaten. Die Ufer des Sees waren mit hohen Cedern bewachsen, die vier bis fünf Fuß tief im Wasser standen, und ihre gewaltigen Kronen im stillen Spiegel blicken ließen. Eine Weile standen wir, die malerische Scene betrachtend. Der breite Streifen Wassers dehnte sich gleich einem ungeheuern Atlaßbande hin; die leiseste Bewegung der Blätter erglänzte im Spiegel. Zuweilen erhob sich ein unmerkbares Lüftchen, das säuselnd durch die Bäume und das Palmettofeld hinfuhr und sich in kaum merklichen Wellenschlägen des Sees verlor. Das Wasser selbst war vom frischesten Grün wie angehaucht, und die Millionen Stämmchen des Palmetto spiegelten sich prachtvoll, gleich Myriaden von Schwertern und Lanzen, in den klaren Fluthen. In den kleinen Buchten sonnten sich Schwäne, Pelikane und wilde Gänse, ihr Gefieder zum Winterfluge putzend, die uns bis auf zwanzig Schritte herankommen ließen und dann mit rauschendem Getöse ihr Heil in der Flucht suchten.

[67]: Canebrakeboden, Rohrfeldboden.

Wir hatten unsere Richtung unverdrossen eine lange Weile gegen Norden zu verfolgt, als plötzlich ein langsam, aber regelmäßig auf einander folgendes Gekrache in dem Palmetto unsere Aufmerksamkeit rege machte. Es näherte sich etwas bedächtlichen Schrittes, und wir wandten uns mit Vorsicht und horchten. Es mochte ein Hirsch, ein Panther, oder ein Bär sein — wahrscheinlich das Letztere. Wir besahen unsere Gewehre, zogen die Hähne, und drangen einige Schritte tiefer ein, hörten ein hohles Brummen, und unmittelbar darauf einen Sprung und ein Krachen und ein Getöse, das sich schnell in der uns entgegengesetzten Richtung verlor. Einer unserer Gefährten, der noch nie auf einer Bärenjagd gewesen, drang so schnell, als er vermochte, durch das Palmettofeld, und war bald unsern Augen entschwunden. Leider hatten wir keine Hunde, und nach einer halben Stunde fruchtlosen Stöberns, während dem wir noch ein zweites Mal etwas aufgejagt hatten, überzeugten sich meine Reisegefährten, daß sie wohl mit leeren Händen würden zurückkehren müssen. Nach unsern Uhren zu schließen, war es Zeit, uns dem Vereinigungspunkte zuzuwenden, der jenseits des Palmettofeldes lag, das beiläufig eine halbe Meile breit sein mochte, und, wie uns der zurückgekehrte Bärenverfolger versicherte, am westlichen Rande mit einem heillosen Dickichte von wilden Pflaumen-, Apfel- und Akazienbäumen begränzt war, das weder Weg noch Steg hatte. Bald überzeugten wir uns von der Richtigkeit seiner Angabe. Der etwas höhere Canebrakeboden senkte sich nämlich in eine sumpfige Niederung, die längs der ganzen Ausdehnung des Sees von Norden nach Süden hinlief. Wer je in einer solchen Wildniß gewesen ist, wird leicht unsere Verlegenheit bei dem Umstande begreifen, daß bereits vier Stunden von den uns gegebenen acht verflossen waren. Es schien nichts übrig, als denselben Weg zurückzugehen. Ehe wir uns jedoch hiezu verstanden, versuchten wir den Pfad aufzufinden. Wir trennten uns demnach in verschiedenen Richtungen; beiläufig eine halbe Stunde mochten wir uns durch Dornen und Gezweige hindurchgewunden haben, als ein lautes Hurrah uns ankündigte, daß der Pfad gefunden sei. In kurzer Zeit waren wir alle um unsern Gefährten, der die Entdeckung gemacht, herumversammelt; statt des Pfades jedoch fand es sich, daß es eine — Kuh war. Wir nahmen auch diesen Fund mit gehörigem Danke, nur war zuerst die Frage zu entscheiden, ob es eine Streifkuh, oder eine regelmäßig jeden Abend zu Hause sich einstellende, ordnungsliebende Kuh sei. Ein tüchtiger Ohioer löste die Frage und brachte uns die Gewißheit, daß sie noch diesen Morgen gemolken worden war. Auch die wichtigere Frage, sie zum Heimgehen zu bewegen, löste er zu unserer Zufriedenheit, indem er sich mit seinem Gewehr nahe an das Thier hinstellte und die Ladung dicht an oder in den Schweif abschoß. Das Thier machte einen gewaltigen Satz, und sprang dann durch das Dickicht, als ob es von einer Meute toller Hunde verfolgt wäre; wir nach. Des Thieres Bekanntschaft mit der undurchdringlichen Wildniß hatte uns bald auf einen Weg geleitet, auf dem wir ziemlich schnell folgen konnten. So gelangten wir endlich an den Pfad zu dem angedeuteten Rendez-vous. Unsere Schritte wurden nun langsamer, und wir folgten gemächlich der Spur des Thieres. Wir hatten beiläufig eine Meile zurückgelegt, als wir eine starke Helle in der Ferne bemerkten, die eine ziemlich große Lichtung vermuthen ließ. Bald darauf sahen wir Zäune und Wälschkornfelder, und endlich im Hintergrunde ein Wohnhaus, aus Stämmen aufgeführt, dessen rauchende Kamine uns der Anwesenheit eines Hinterwäldlers versicherten. Das Haus lag friedlich auf einer sanften Anhöhe. Es war mit Clapboards (Dachdauben) gedeckt, und hatte im Rücken eine Scheuer mit den nöthigen Wirthschaftsgebäuden, wie man bei Hinterwäldler-Ansiedelungen von einigem Wohlstande gewöhnlich trifft. Am Hause rankten Pfirsichbäume hinan, vor demselben standen Gruppen von Papaws, und das Ganze gewährte einen ausgesucht ländlichen Anblick. Als wir die Umzäunung überstiegen, kamen ein paar Bullenbeißer mit aufgesperrtem Rachen auf uns herangestürzt. Wir wehrten die immer wüthender werdenden Thiere noch immer von uns ab, als ein Mann aus der Scheune trat und wieder dahin zurückkehrte. Nach wenigen Sekunden kam er ein zweites Mal in Begleitung zweier Neger, die dieselbe Kuh bei den Hörnern nach sich zogen, die wir so schleunig zum Rückzuge genöthigt hatten. Wir grüßten den Mann mit einem: Guten Morgen! Er gab keine Antwort, und maß uns mit einem kalten, finstern Blicke. Er war groß, nervig und breitschulterig; sein Gesicht ausdrucksvoll, aber ungemein düster, beinahe zurückstoßend. Es war etwas Unruhiges, Rastloses in dem Wesen des Mannes; man gewahrte es beim ersten Anblicke.

Ein schöner Morgen, sprach ich, näher an den Mann zutretend.

Keine Antwort. Der Mann hielt die Kuh bei beiden Hörnern und sein Auge stierte auf den Schweif des Thieres, von dem einzelne Blutstropfen herabfielen.

Wie weit ist es von hier nach Hopefield? fragte ich nun.

Weit genug, um es nie zu erreichen, wenn ihr auf meine Kuh Jagd gemacht habt, erwiederte er drohend.

Und wenn wir es gethan haben, so werdet ihr hoffentlich nichts Arges dabei denken. Es war bloßer Zufall.

Solche Zufälle ereignen sich nicht oft. Leute schießen nicht auf Kühe, wenn sie nicht im Sinne haben, anderer Leute Fleisch zu essen.

Ihr wähnt doch nicht, fiel der schuldige Ohiomann ein, daß wir eure Kuh zu unsrer Zielscheibe gemacht, wir, die nicht mehr im Sinne hatten, als einige Truthühner auf unser Dampfschiff zu bringen. Wir sind Passagiere von der Feliciana; eines unserer Räder ist an einen Sawyer gelaufen, und das ist die Ursache, warum unser Schiff bei Hopefield vor Anker liegt, und wir hier sind.

Der Mann hatte mit echter Ohio-Umständlichkeit das Argument auseinandergesetzt; der Hinterwäldler gab jedoch keine Antwort, und wir gingen dem Hause zu.

In der Stube fanden wir sein Weib. Auch in ihren Zügen hing etwas Düstres, doch nicht in dem Grade abschreckend, wie es bei ihrem Manne der Fall war. Bei ihr schien Gram mehr vorherrschend.

Können wir etwas zu essen haben? fragte ich das Weib.

Wir sind keine Wirthsleute, war die Antwort.

Unsre Partie kann nicht mehr fern sein, sprach einer unsrer Gefährten. Wir wollen ihnen das Vereinigungszeichen geben. Und mit diesen Worten entfernte er sich einige Schritte in der Richtung eines Cottonfeldes.

Halt! sprach der Hinterwäldler, vor ihn hintretend; ihr geht keinen Schritt weiter, bevor ihr Auskunft gegeben, woher ihr kommt.

Woher ich komme? sprach unser Gefährte, ein junger Doctor der Medicin aus Tennessee; das braucht weder ihr, noch irgend ein Mann in der Welt zu wissen, der auf eine solche Weise fragt. Wenn ich mich nicht irre, so sind wir in einem freien Lande. Und mit diesen Worten schoß er sein Gewehr ab. Das Echo schlug so gewaltig und majestätisch von dem hehren Waldkranze herüber, mit dem die Pflanzung eingefaßt war, daß die zwei andern ebenfalls ihre Gewehre abzuschießen Miene machten. Ich winkte ihnen jedoch, und sie hielten inne. Es schien mir nicht überflüssig, auf alle Fälle vorbereitet zu sein, obwohl wir nicht im mindesten ernsten Besorgnissen Raum gaben. In wenigen Minuten wurde ein Schuß gehört — die Antwort auf unser Signal.

Macht euch keine unnöthige Unruhe, sprach ich; unsre Compagnons haben unser Signal gehört, und sie werden sogleich hier sein. Was eure Kuh betrifft, so könnet ihr wohl so vielen gesunden Menschenverstand haben, um einzusehen, daß fünf Reisende nicht nach etwas jagen werden, das weniger denn werthlos für sie ist.

Während ich noch sprach, kam unsere zweite Partie mit dem Führer aus dem Walde hervor, der Letztere mit zwei fetten wilden Truthähnen beladen. Er grüßte den Hinterwäldler als einen alten Bekannten, zugleich hatte aber dieser Gruß etwas so Theilnehmendes und zugleich Zurückhaltendes, als mit seinem sonstigen derben und ziemlich rauhen Wesen seltsam Contrastirte.

Wohl, Mister Clarke? sprach er. Noch nichts gehört? Thut mir sehr leid.

Der Hinterwäldler gab keine Antwort; aber seine trotzige Miene überging plötzlich in ein finsteres Dahinstarren; eine Thräne, schien es mir, drang sich in seine Augen.

Mistreß Clarke! sprach der Führer zum Weibe, die von der Vorhalle herabkam; diese Gentlemen hier wünschen einen Bissen zum Mittagsessen. Sie haben genug gejagt, däucht es mich; wir haben Ueberfluß an Allem. Wollt ihr wohl so gefällig sein, uns etwas zu bereiten?

Das Weib stand ohne ein Wort zu sprechen; der Mann ebenfalls. Beide hatten etwas so abschreckend Störrisches, so etwas ungewöhnlich Verstocktes, als mir noch nie bei den Hinterwäldlern vorgekommen.

Wollt ihr so gut sein, wiederholte der Führer, uns einen Truthahn zu braten, mit etwas Schinken und Eiern?

Keine Antwort. Der Mann hielt die Hörner der Kuh, starr und finster auf die Erde blickend, und das Weib sah ihren Mann an.

Wohl denn! sprach der Doctor, hier läßt sich nichts erwarten; wir verlieren nur unsre Zeit. Laßt uns auf einen Baumstamm niedersitzen und unsere Schinken und Crackers kosten.

Der Führer winkte uns bedeutsam und näherte sich dem Weibe, mit dem er angelegentlich sprach. Doch sie gab keinen Laut von sich.

Frau! sprach der Doctor, Etwas muß mit euch oder in eurer Familie vorgegangen sein, das euch so verstimmt hat. Wir sind fremd, aber nicht gefühllos. Sagt an, was fehlt euch? Vielleicht läßt sich ein Mittel finden.

Der Mann blickte auf, das Weib schüttelte das Haupt.

Was ist es? fragte ich sie, mich ihr nähernd, das euch bekümmert? Hülfe kommt oft, wenn es am wenigsten erwartet wird.

Etwas, das sahen wir nun wohl ein, war hier vorgefallen, das erschütternd, schmerzlich sein mußte. Kleinigkeiten sind nicht leicht im Stande, die Nerven dieser gewaltigen Menschen so fürchterlich zu spannen.

Das Weib trat, ohne ein Wort zu sprechen, zum Führer, nahm ihm einen Truthahn und die Schinken ab, und ging dann in das Haus.

Wir folgten und traten in die Stube. Nachdem wir uns um die Tafel gesetzt, langten wir nach unsern Bouteillen. Der Mann brachte Gläser und setzte sie vor uns hin. Wir schenkten ein und drangen in ihn, sich an uns anzuschließen; hartnäckig jedoch wies er unsre wiederholten Einladungen zurück. Wir wurden es endlich müde, gute Worte an ihn zu verschwenden. Unsre Gesellschaft bestand, wie gesagt, aus zehn jungen Männern. Zwei Bouteillen waren bereits geleert, und wir fingen an etwas munter zu werden, als unser Wirth plötzlich von seinem Sessel vor dem Kaminfeuer aufstand, und, vor den Tisch hertretend, sprach:

Gemmen! Ihr müßt nicht denken, daß ich ein grober Mann bin, aber ich muß euch gerade heraus sagen, daß ich in meinem Hause keinen Lärm leide. Es ist kein Haus zum Lachen; ich versichere euch bei —

Und nachdem er so gesagt, setzte er sich wieder hin, stützte seinen Kopf in beide Hände, und versank in sein voriges Hinstarren.

Vergebung! sprachen wir, aber wirklich, wir haben nicht vermuthet, daß unsre Fröhlichkeit euch beleidigen könnte.

Der Mann gab keine Antwort, und so verging eine halbe Stunde in Flüstern und Vermuthungen.

Endlich deckte ein Negermädchen die Tafel. Nach vielen und eindringlichen Bitten, Theil an unserm Mahle zu nehmen, setzten sich Wirth und Wirthin zu uns. Er kostete nun ein Glas Cognac, und leerte es auf einen Zug. Wir füllten es; wieder trank er es aus und wieder wurde es gefüllt. Als er das dritte Glas geleert hatte, entstieg ihm ein schwerer Seufzer; dem Mann wurde augenscheinlich leichter.

Gemmen! sprach er, ihr werdet mich für stöckisch und rauh gehalten haben, als ich euch traf, wie ihr meine Kuh gejagt; aber ich sehe nun, wen ich vor mir habe. Aber möge ich erschossen werden, wenn ich ihn je finde, so will ich ihm auch eine Kugel durch den Leib jagen, und ich verbürge mich, er wird kein zweites Mal Buben stehlen.

Buben stehlen? sprach ich. Ist einer eurer Neger gestohlen worden?

Einer meiner Neger, Mann? Mein Sohn, mein einziger Sohn! Mein ehelich gezeugter Sohn! Ihr Kind! auf sein Weib deutend, unser Bube ist gestohlen! Unser Bube, der uns allein von fünf Kindern übrig geblieben, die das Fieber uns genommen, die wir begraben haben. Ein Bube, so rüstig, so gescheid, so lieblich, so flink, als je einer in diesen Hinterwäldern geboren ward. Da haben wir uns nun hieher gesetzt, in die Wildniß, haben Tag und Nacht gearbeitet, haben Mühe und Gefahren ausgestanden, Hunger und Durst, Hitze und Kälte. Und für wen? Hier sitzen wir allein, verlassen, kinderlos, trostlos, betend, und weinend, fluchend und ächzend. Nichts hilft, Alles umsonst. Nein, ich werde noch wahnsinnig! Wenn er todt wäre! Wenn er hinten unterm Hügel an der Seite seiner Brüder und Schwestern läge, ich wollte nichts sagen. Gott hat ihn gegeben, er hat ihn genommen! Aber Allmächtiger!

Der Mann stieß einen Schrei aus, so fürchterlich, so grauenerregend, daß Weiber und Kinder der Neger zur Thüre hereinstürzten, und Gabel und Messer unsern Händen entfielen. Wir sahen ihn sprachlos an.

Gott allein weiß — fuhr er fort, und sein Haupt sank auf seine Brust; plötzlich richtete er sich jedoch auf und schüttete ein Glas nach dem andern hinab.

Und wie trug sich dieser schreckliche Diebstahl zu? fragten wir.

Das Weib, sprach er, kann's euch sagen.

Sie war von der Tafel aufgestanden und dem Bette zugeschwankt, auf welches sie sich schluchzend und heulend setzte. Es war wirklich eine erschütternde Scene. Der Doktor sprang auf und führte sie wieder zur Tafel; wir blickten auf sie, ängstlich Aufschluß über das ungeheure Verbrechen erwartend.

Gestern waren es vier Wochen, begann sie; Mister Clarke war in dem Busche, ich war im Wälschkornfelde den Leuten nachzusehen, die Kolben einsammelten. Ich blieb ziemlich lange bei den Leuten; die Sonne wies bereits auf eilf; der Morgen war aber so schön, wie er je auf das Missisippithal geschienen, und ihr wißt, die Leute arbeiten nicht gern, wenn sie es anders können, und so blieb ich denn. Dachte dann, mußt wohl nach Hause gehen und das Mittagsmahl für die Leute kochen, und so ging ich denn. Ich weiß nicht; aber als ich so durchs Feld dem Hause zuging, war es mir, als ob mir's plötzlich zuriefe: Laufe was du kannst! und ich lief was ich konnte. Etwas kam über mich, etwas, gleich einer Angst, einer Furcht. Ich rannte so schnell ich konnte. Als ich zum Hause kam, sah ich Cesi[68], unsern schwarzen Buben, auf der Haussteige sitzen und allein spielen. Ich hatte aber noch immer keinen Gedanken an das, was kommen sollte. Ich ging ins Haus und in die Küche, ohne etwas Arges zu gedenken. Als ich mich so umsah um Kessel und Pfannen, fiel mir mein Dougl[69] ein. Ich ließ die Pfanne stehen und lief zur Thüre; da kam mir Cesi entgegen. »Missi!« sagte er, »Dougl ist weg.« »Dougl ist weg?« sagte ich, »wohin ist er denn, Cesi?« »Weiß nicht,« sagte Cesi; »er ist mit einem Manne weg, der auf einem Pferde gekommen.« »Mit einem Manne, der auf einem Pferde gekommen?« sagte ich. »Um Gotteswillen, wohin kann er denn gegangen sein? Was ist denn das?« »Weiß nicht,« sagte Cesi. »Und mit wem ist er denn gegangen, Cesi?« sagte ich. »Ging er freiwillig?« »Nein, er ging nicht freiwillig,« sagte Cesi; »aber der Mann sprang von seinem Pferde, hob Dougl zuerst darauf, setzte sich dann hinter ihn und ritt weg.« »Ritt weg?« sagte ich, »und du kennst den Mann nicht?« »Nein, Missi!« sagte Cesi. »Erinnere dich, Cesi!« schrie ich, »um Gotteswillen, erinnere dich, kennst du den Mann nicht?« »Nein,« sagte Cesi, »ich kenne ihn nicht.« »Hast du nicht aufgemerkt, wie er aussah, Cesi?« sagte ich; »war er schwarz oder weiß?« »Ich weiß nicht,« sagte Cesi. »Hast du ihm nicht ins Gesicht gesehen, Cesi?« fragte ich. »Er hatte ein rothes Flanellhemd vor'm Gesicht,« weinte Cesi. »Weißt du denn nicht, wie der Mann aussah, lieber Cesi?« »Er hatte einen Rock und ein Pferd,« sagte Cesi. »Weißt du nicht den Namen des Mannes, Cesi? — war es Nachbar Symmes, oder Banks, oder Medling, oder Barns?« — »Nein,« weinte Cesi.

[68]: Cesi, Diminutiv von Cäsar, ein gewöhnlicher Name von Sklaven und Pferden.

[69]: Dougl, Diminutiv von Douglas.

Gerechter Gott! schrie ich, was ist das? Was ist aus meinem armen Kinde geworden! Ich lief vorwärts, ich lief zurück; ich lief in den Busch, ich lief auf die Felder; ich schaute, ich rief. Je länger ich rief, desto größer wurde meine Angst. Zuletzt rannte ich zu den Leuten und holte die Mutter des Cesi. Ihr, dachte ich, wird er es vielleicht sagen, was aus meinem Kinde geworden. Sie lief herein mit mir; sie fragte den Buben, wie der Mann aussah. Sie versprach ihm Pfefferkuchen, neue Hosen, eine neue Jacke, Alles in der Welt — der Bube weinte, konnte aber nichts mehr sagen. Dann kam Mister Clarke. So weit das Weib.

Als ich hereinkam, fuhr der Mann fort, war der Schrecken des Weibes so groß, daß mir auf der Stelle einleuchtete, daß es ein Unglück gegeben. Aber an so etwas hätte ich in meinem Leben nicht gedacht. Als sie mir das Ganze erzählt, sagte ich ihr, um sie zu trösten, daß irgend einer unserer Freunde oder Nachbarn den Buben mit sich genommen; aber ich selbst glaubte es nicht; denn welcher meiner Nachbarn würde sich eine so dumme Freiheit mit meinem einzigen Kinde wohl erlaubt haben? Ich würde ihm wahrlich nicht gedankt haben für ein solch einfältiges Wesen. Ich nahm Cesi noch einmal vor, und fragte ihn, wie der Mann aussah; ob er einen blauen oder schwarzen Rock angehabt? er sagte einen blauen; wie sein Pferd ausgesehen? braun, sagte der Bube; welchen Weg er genommen? diesen Weg, sagte der Bube, und deutete auf den großen Sumpf. — Ich sandte sogleich alle meine Neger, Männer, Weiber und Mädchen, rings herum zu meinen Nachbarn, um meinen Buben aufzusuchen, und ihnen zu sagen, was vorgefallen. Ich selbst nahm den Weg längs dem Pfade, auf welchem ich wirklich Pferdehufspuren fand. Ich folgte der Spur bis zur Bayou; dort verlor ich sie. Der Mann war mit seinem Gaule und meinem Kinde in ein Boot gegangen, hat vielleicht über den Missisippi gesetzt, ist vielleicht längs dem jenseitigen Ufer hinabgegangen — wo er gelandet, weiß Gott. Er mag vielleicht zehn, zwanzig, vielleicht funfzig, hundert Meilen unterhalb ans Land gegangen sein. Meine Angst wurde schrecklich; ich ritt auf Hopefield zu. Nichts war da von meinem Kinde gesehen oder gehört worden; alle Männer aber setzten sich auf ihre Gäule, um mir mein Söhnchen suchen zu helfen. Alle meine Nachbarn kamen, und wir suchten einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Nichts, nichts hatten wir gefunden. Niemand hatte meinen Buben gesehen, Niemand den Mann, der ihn weggeführt. Wir stöberten den Wald dreißig Meilen im Umkreise meines Hauses durch, setzten über den Missisippi, gingen hinauf bis nach Memphis und hinab bis nach Helena und dem Yazoofluß — nichts war zu sehen oder zu hören. Wir kamen zurück, wie wir ausgezogen waren: keine Spur, kein Zeichen. Als ich nach Hause kam, fand ich die Leute aus dem ganzen County vor meinem Hause. Neuerdings zogen wir aus, neuerdings durchsuchten wir den Wald. Ich hatte nicht Rast, noch Ruhe. Jeden hohlen Baum untersuchten wir, jedes Gebüsch; — Hirsche, Bären und Panther fanden wir in Menge, doch nicht meinen Buben. Am sechsten Tage meines verzweifelnden Lebens kehrte ich zurück. Mein Haus war mir zum Schrecken geworden; Alles verdroß mich, Alles ekelte mich an. Ich war zerfleischt, meine Knochen geschunden, aber mein Inneres litt tausendmal mehr als mein Leib. Ich war krank an Leib und Seele und lag im Bette, als am zweiten Tage nach meiner Heimkehr einer meiner Nachbarn zu mir kam, und mir meldete, daß er so eben in Hopefield von einem Manne von Muller County gehört, daß ein Fremder auf der Straße von New-Madrid gesehen worden, der der Beschreibung entspreche, die wir von dem Räuber meines Sohnes hatten. Der Mann sollte einen blauen Rock und einen braunen Gaul haben, und auf dem Sattelknopfe einen Knaben. Ich vergaß meine Krankheit, meine wunden Glieder; ich erhandelte mir sogleich einen frischen Gaul, ich hatte die meinigen zu Schanden geritten. Ich setzte dem Manne an demselben Tage nach, ritt Tag und Nacht, ritt dreihundert Meilen bis New-Madrid, und als ich in New-Madrid ankam, so sah ich mit Schmerzen den Mann und Gaul und das Kind. Es war nicht mein Bube. Es war ein Mann von New-Madrid, der von einem Besuche in Muller County mit seinem Sohne zurückgekehrt war. Wie ich heim kam, weiß ich nicht. Nicht weit von Hopefield fanden mich die Leute und brachten mich nach Hause. Ich war vierzehn Tage krank, und wußte nicht, was um mich her vorging. Meine Nachbarn hatten unterdessen die Anzeige von der gräuelvollen That in die Zeitungen setzen lassen, in alle Zeitungen von Arkansas, Tennessee, Missisippi, Missouri und Louisiana; ich war mit meinen Freunden Tausende von Meilen geritten — Alles vergebens! — — Nein! schrie er mit einem herzzerreißenden Stöhnen, wäre mein Kind mir vom Fieber entrissen, hätte ihn ein Bär oder Panther zerrissen: es würde mich schmerzen, bitter schmerzen; es war mein letztes Kind. Aber, barmherziger Gott, gestohlen! Mein Sohn, mein armes Kind gestohlen! — Der Mann schrie laut, sprang auf, rannte in der Stube herum mit gerungenen Händen und wie ein Kind weinend. Selbst das Weib war nicht so schrecklich vom Schmerze ergriffen.

Wenn ich an die Arbeit gehe, fuhr er schluchzend fort, so steht mein Dougl vor mir, und meine Hände hängen herab, so steif, so schwer, als wären sie von Blei. Ich schaue mich um und schaue mich um, aber kein Dougl ist zu sehen. Wenn ich zu Bette gehe, so stelle ich sein Bett vor's unsrige hin und rufe ihn — kein Dougl ist zu sehen. Dougl steht vor mir, ich mag schlafen oder wachen. Wollte Gott, ich wäre schon todt! Ich habe geflucht und gelästert, geschworen und gebetet, ich habe geweint und geheult, — es ist aber Alles vergebens. —

Ich habe manchen Leidenden gesehen, aber nie sah ich einen, dem das schmerzlichste Weh sich so tief ins Herz gegraben, wie diesem Hinterwäldler. Sein Leiden war wirklich gränzenlos. Wir bemühten uns, ihn zu trösten, ihm Hoffnungen einzuflößen; des Mannes Blick war starr; ich zweifle, daß er ein einziges unserer Worte vernommen. Uns selbst hatte Mitleiden mit seinem Zustande mit einer Gewalt ergriffen, die die Worte auf der Zunge erstickte. Wir brachen bald hernach auf, schüttelten die Hände des unglücklichen Ehepaares, und versprachen, alles Mögliche beizutragen, um dieser räthselhaften gräuelvollen That auf die Spur zu kommen, und ihnen wieder zu ihrem Kinde zu verhelfen.