WeRead Powered by ReaderPub
Transatlantische Reiseskizzen und Christopherus Bärenhäuter. Erstes Bändchen. cover

Transatlantische Reiseskizzen und Christopherus Bärenhäuter. Erstes Bändchen.

Chapter 6: Zu spät gekommen oder Scenen am Missisippi.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A collection of travel sketches and short narratives that blends humorous observation with episodic storytelling. It alternates lively social vignettes set in urban drawing rooms and promenades with vivid accounts of riverine and frontier travel, tracing journeys down the Mississippi and across western roads. The pieces contrast manners, commerce, and landscape, mixing satire and warmth in portraits of courting, hospitality, and everyday mishaps. A recurring comic figure and varied station-sketches provide cohesion, while descriptive passages and conversational scenes convey both local detail and authorial reflection.

Ich hatte oft des armen Vaters gedacht, und in Verbindung mit meinen Freunden mir alle erdenkliche Mühe gegeben, dieser Abscheulichkeit auf die Spur zu kommen; alle unsere Bemühungen jedoch waren vergebens. Dieser Kindesraub zirkulirte in den Zeitungen, wurde das Theegespräch jeder Familie; Belohnungen waren angeboten, Untersuchungen gemacht, aber auch nicht die mindeste Spur war entdeckt worden.

Sechs Wochen waren verflossen, als Geschäfte mich nach Natchez riefen, wo ich an einem heitern Januar-Nachmittage ankam. Ich hatte so eben das Dampfschiff verlassen, und ging in Begleitung einiger Bekannten von der untern Stadt den Lehmhügel hinan, der zur obern führt, als ein verworrenes Getümmel an unsre Ohren schlug. Auf der Höhe angekommen, sahen wir einen sich immer vermehrenden Volkshaufen vor dem Hause des Friedensrichters B—r. Wir eilten, zu sehen, was es gebe. Die Menge bestand aus den bessern Klassen von Natchez, Weibern, Männern, Kindern, aber vorzüglich den ersteren. Zugleich war in den Gesichtszügen eine Aengstlichkeit zu lesen, eine Theilnahme, die auffallend mit dem Tumult contrastirte, der sonst bei solchen Versammlungen zu hören ist. Ich bemerkte Mütter, die ihre Kinder mit einer instinktartigen Heftigkeit in die Arme preßten, und convulsivisch ihre Hälse umfingen, gleichsam als befürchteten sie, sie würden ihnen entrissen. Auf meine Fragen erfuhr ich, daß der Kindesräuber endlich entdeckt, oder vielmehr, daß ein Mann verhaftet worden, der des an Mister Clarke von Hopefield County begangenen Kindesraubes sich stark verdächtig gemacht. Ich war von Herzen über eine Nachricht erfreut, welche endlich Aufschluß über die so fürchterliche Verletzung der heiligsten Naturrechte zu geben versprach. Ich drückte mich vorwärts, aber die Frauen hatten eine so starke Stellung genommen, daß alle meine Bemühungen fruchtlos blieben. Es war ein allerdings für Frauen wichtiger Criminalfall; aber jedem von uns mußte die gräßliche Sicherheits- und Eigenthumsverletzung von unendlicher Wichtigkeit sein. Wir standen so nahe an zwei Stunden; die Menge mehrte sich, Niemand wich. Alle Fenster waren mit Köpfen vollgepfropft. Endlich öffnete sich die Thüre, und der Gefangene, in der Mitte von zwei Constables, hinter ihnen der Sherif, kam aus dem Hause, um in das Gefängniß abgeführt zu werden.

Das ist er, murmelten die Frauen mit hohler, heiserer Stimme und bleichen Gesichtern, auf den Mann deutend, als er durch die lebende Gasse hindurchgeführt wurde, und zugleich hielten sie ihre Kinder fester mit fieberhaftem Krampfe. Und wahrlich, wenn das äußere Gepräge den innern Menschen verräth, so mußte dieses der Kindesräuber sein. Es war das abstoßendste Gesicht, das mir je vorgekommen; eine hündisch verstockte, stumpfsinnige, heimtückische Physiognomie, mit einem teuflisch-finstern hohnlachenden Ausdrucke. Man hielt unwillkürlich den Athem an, indem man in dieses Gesicht blickte. Seine grauen Augen waren auf die Erde geheftet; nur zuweilen schoß er einen Blick, in dem die Hölle sich spiegelte, auf die Anwesenden, wie sie ihre Kinder fest in den Armen hielten. Beim ersten Anblicke sah man, daß er ein Irländer war. Er war etwas über Mittelgröße, seine Gesichtsfarbe schmutzig grau, seine Wangen hohl, seine Lippen ungewöhnlich groß; der ganze Mensch ekelhaft, wild aussehend. Seine Kleidung bestand aus einem abgetragenen blauen Fracke, eben solchen Beinkleidern, einem hohen runden schäbichten Hute und sehr zerrissenen Schuhen. Der Eindruck, den sein Erscheinen hervorbrachte, schien sich in den erblassenden Gesichtern der Menge zu malen. Alle sahen ihm mit einem langen, verzweifelnd hoffnungslosen Blicke nach, als er dem Gefängnisse zuging. »Wenn dieser Mann das Kind gestohlen hat,« murmelten mehrere, »dann ist es verloren.« Ich eilte nun, den Friedensrichter zu sehen, der mir folgende Aufschlüsse gab.

Beiläufig vier Wochen nach unserer Excursion in der Grafschaft Hampstead hatte Mister Clarke ein Schreiben erhalten, das mit dem Namen Thomas Tutti unterfertigt, und das Postzeichen von Natchez am Couverte hatte. Der Vater wurde darin benachrichtigt, daß sein Kind am Leben sei, daß Schreiber des Briefes von seinem Aufenthalte wisse, und daß, wenn er, Mister Clarke, eine Fünfzig-Dollars-Banknote in seiner Antwort einschließen wolle, der Verwahrungsort des Kindes ihm angezeigt werden solle. Der Schreiber verlangte ferner, daß Mistreß Clarke allein, ohne Begleitung, an dem zu bezeichnenden Orte erscheine, daß sie zweihundert Dollars mehr mit sich bringe, und daß nach Bezahlung dieser Summe ihr Söhnchen ihr ausgeliefert werden solle.

Der bejammernswerthe Vater hatte kaum diesen Hoffnungsstrahl erhalten, als er auf den Rath seiner Freunde und Nachbarn ein Schreiben an den Posthalter zu Natchez absandte, in welchem dieser von dem Vorgange unterrichtet und zugleich aufgefordert wurde, die Person anhalten zu lassen, die um die Antwort anfragen würde. Vier Tage nach Erhalt dieser Aufforderung kam auch wirklich der oben beschriebene Irländer an das Postbüreau-Fenster, und erkundigte sich, ob kein Brief unter der Adresse »Thomas Tutti« angekommen wäre. Während der Posthalter den Mann unter dem Vorwande aufhielt, daß er unter den Briefen nachsehen wolle, sandte er um den Constable, der, bereits von dem Falle unterrichtet, sogleich herbeieilte und den Anfrager in Verwahrung nahm. Es ergab sich bei der Examination, daß er sich einige Zeit in und um Natchez aufgehalten und bemüht hatte, eine Schule zu errichten. Da er jedoch keine Auskunft von seinem frühern Thun und Treiben geben konnte, sein Betragen auch sonst höchst auffallend und verdächtig erschienen, so war ihm sein Vorhaben nicht gelungen, und die Wenigen, die ihm ihre Kinder anvertraut, hatten sie bald wieder zurückgenommen. Damals nannte er sich Thomas Tutti. Nichts desto weniger läugnete er, daß dieses sein eigentlicher Name sei, oder daß er den Brief abgesandt, der allerdings von einer geübten, wenn auch nicht schulmeisterlichen Hand geschrieben zu sein schien. Aus dem Verhöre erhellte es ferner, daß er vollkommen mit den Pfaden und Wegen zwischen Natchez und Hopefield, und der von letzterem Orte zu der Wohnung des Vaters führenden Straße, so wie den Bayous, Sümpfen und Flüssen und ihrer Tiefe und Schiffbarkeit bekannt sei. Es war hinlängliche Evidenz vorhanden, und er wurde auf das Factum, daß er um die Antwort auf das Geld erpressende Schreiben angefragt, den Gerichten überantwortet, was zu gleicher Zeit dem Vater des geraubten Kindes kund gethan wurde.

Nach fünf Tagen kam der unglückliche Vater mit dem Negerknaben. Die ganze Stadt bezeugte dem tiefgebeugten Vater die innigste Theilnahme. Man schritt zu einem zweiten Verhör; alle Anwälde waren zugegen und hatten ihre Dienste unentgeldlich angeboten. Man nahm die früheren Aussagen des Irländers zur Grundlage der gegen ihn sprechenden Evidenz, und bemühte sich, etwas Näheres über den Aufenthalt des Knaben aus ihm herauszubringen; aber allen Fragen setzte er ein hartnäckiges Stillschweigen entgegen. Der Negerknabe erkannte ihn nicht. Zuletzt gab er zu verstehen, daß bloß die Hoffnung, Geld vom Vater herauszulocken, ihn zum Schreiben des Briefes vermocht habe. Kaum war jedoch diese Aussage zu Protokoll genommen, als er sich mit einem teuflischen Hohnlachen zum Vater wandte und ihm zuflüsterte: Ich will euch doch noch elender machen, als ihr mich zu machen im Stande seid. Zugleich bedeutete er ihm, daß er an einem gewissen Orte die Kleider seines Sohnes finden würde.

Der Vater reiste mit einem der Constables an den bezeichneten Ort, fand richtig die Kleider, und kehrte nach Natchez zurück. Der Beschuldigte wurde neuerdings vor die Schranken geführt, und versicherte nach vielen Widersprüchen, daß das Kind noch am Leben, wenn man ihn aber länger im Gefängnisse behalten würde, dem Hungertode ausgesetzt sei. — Nichts in der Welt konnte ihn bewegen, auch nur eine Sylbe für weitere Aufklärungen von sich zu geben.

Die Quarter-Sessions waren mittlerweile herangekommen. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich versammelt. Man hatte Alles aufgeboten; Verheißungen, Versprechungen von Freiheit, und selbst die ausgesetzte Belohnung wurde ihm zugesichert — der Mann schwieg. Es waren starksprechende Vermuthungen, aber immer noch kein Beweis für seine Theilnahme am Raube vorhanden. Die aufgeklärtesten Anwälde waren der Meinung, daß der verzweifelte Mensch, von Noth getrieben, Gelderpressung durch sein Schreiben beabsichtigte. Für dieses Verbrechen und als Vagant wurde ihm eine mehrmonatliche Gefängnißstrafe zuerkannt.

Dieser Ausspruch war weit entfernt, den Richtern selbst oder den Anwälden zu genügen. So milde sind jedoch die Gesetze, die die freien Bürger dieses Landes sich selbst gegeben, so human der Geist der Auslegung, daß man auch dem verzweifelten ausländischen Bösewichte nicht ihrer Begünstigung berauben konnte oder wollte, so sehr sich das Innerste eines Jeden gegen eine solche Begünstigung empörte. Es war wirklich etwas so Höllisches in dem finstern Hohnlachen dieses Mannes, die Lust, die er an den Qualen des Vaters und der Menge zu empfinden schien, so wahrhaft teuflisch, daß man sich eines kalten Schauders bei seinem Anblicke nicht erwehren konnte. Die kaltesten Anwälde versicherten, ihre Brust sei beengt, und sie fänden weder Worte noch Gedanken. Es war mit einem Worte ein allgemeines Gefühl des Schrecks und Schauders. Die Bewohner von Natchez, besonders der Oberstadt, sind eine sehr achtbare Klasse von Menschen, mit einem hohen Grade von politischer und intellectueller Bildung, allein bei dieser Gelegenheit riß ihre Geduld, und ihr warmes Gefühl verleitete sie zu einer Handlung, die nur das Scheußliche dieses Verbrechens entschuldigen konnte. Ohne vorläufige Uebereinkunft versammelten sie sich in der Nacht vom 31. Jänner, mit dem festen Vorsatze, für dieses Mal die Milde der Gesetze hintan zu setzen und einen wirksamern Versuch mit dem Gefangenen zu machen. Einige der angesehensten Einwohner nahmen ihn aus seiner Zelle, während mehrere starke Neger mit Rindssehnen versehen wurden. Diese nun wurden auf ihn in Anwendung gebracht. Mit jedem Hiebe schien die Kraft des Schlagenden zuzunehmen. Eine lange Zeit beobachtete der Gefangene ein hartnäckiges Stillschweigen; der Schmerz jedoch wurde zu groß, und er versprach ein volles Bekenntniß.

In einem Hause beiläufig fünfzig Meilen oberhalb Natchez am Missisippi, so lauteten seine Worte, lebt eine Familie, deren Oberhaupt im Stande ist, den Verwahrungsort des Knaben anzugeben. — Der Sherif war natürlicher Weise während dieser Execution abwesend gewesen und hatte sie ignorirt, ohne sie zu mißbilligen. Kaum hatte er jedoch die Wirkung dieses illegalen Einschreitens erfahren, als er noch in der Nacht mit dem Vater nach dem bezeichneten Orte aufbrach. Er kam daselbst am folgenden Mittage an, fand eine sehr achtungswerthe Familie von Hinterwäldlern, die wohl von dem begangenen Raube, aber weiter auch nichts wußten. Die bloße Zumuthung der Theilnahme an der Gräuelthat schien die ehrlichen Hinterwäldler aufs tiefste zu verletzen. Der Gefangene hatte, wie es schon so oft geschehen, wieder sein Spiel mit ihnen getrieben.

Die gespannte, so oft getäuschte Hoffnung hatte den armen Vater aufs Krankenlager geworfen. Er lag mehrere Tage im Kampfe zwischen Leben und Tod. Das Publikum war müde, erschöpft; der Schmerz erschlafft. Die Strafzeit des Gefangenen war mittlerweile verlaufen. Es war während dieser Zeit Alles aufgeboten worden, den Bösewicht zu einer Mittheilung zu bewegen; nichts als stumpfsinniges Hohnlachen war die Antwort gewesen. Man konnte ihn nicht länger festhalten, und in Bezug auf den Kindesraub wurde er auf das Noli prosequi freigelassen. Dem Vater war gerathen worden, sich, wo möglich, noch einmal mit ihm ins Vernehmen zu setzen. — Beide Eltern warfen sich dem Ungeheuer zu Füßen, der verstockt sein Auge wegwandte, und höhnisch dem Vater zuflüsterte: Du hast mich elend machen wollen, sei du es nun. Der unglückliche Mann sprang auf und bedeutete dem Entlassenen, daß er ihm folgen müsse. Sie setzten über den Missisippi. Hinter Concordia angekommen, beschwor der Vater nochmals den Irländer, ihm um Gotteswillen den Verwahrungsort seines Sohnes zu sagen, ihm drohend, wenn er es nicht thun würde, sollte er nicht lebend aus seinen Händen kommen. Der Irländer fragte, wie lange er ihm Zeit geben wolle. Sechs und dreißig Stunden war die Antwort. Eine Weile ging der Elende neben den Eltern in tiefen Gedanken versunken, dann, plötzlich auf den Vater zustürzend, riß er diesem eine Pistole aus dem Gürtel und drückte sie ihm auf die Stirne ab. Die Waffe versagte; da sprang er auf ein Bayou zu, dem sie sich genähert hatten, und kaum war er im Wasser, als dieses über ihn zusammenschlug und er versank. Nach einer Stunde wurde seine Leiche gefunden. Von dem Söhnchen des unglücklichen Vaters wurde nie wieder etwas gehört.[70]

[70]: Ueber die so eben angeführte Thatsache, die sich zu Ende des Jahres 1825 zugetragen, findet man in allen Zeitungen des Missisippi-Staates ausführliche Berichte. Der Name des unglücklichen Vaters ist beibehalten.

Zu spät gekommen
oder
Scenen am Missisippi.

Endlich einmal tauchen sie auf, die heimathlichen Ufer, mit ihren gewaltigen Kränzen von Liveoaks[71], so herrlich umschlungen von beinahe mannsdicken Reben, in deren Schatten wir uns so oft ergingen. Cäsar wurde immer unruhiger, und überließ sich Freudenausbrüchen, welche die Hälfte unserer Schiffsgesellschaft vom Verdecke wegscheuchten. Das edle Thier hatte sich ungemein gut während der ersten acht Tage unserer Fahrt betragen; es war so müde; kaum konnte es ein Glied bewegen, als wir Florenz verließen. Nun hatte es sich wieder erholt, und seine Munterkeit fing an uns lästig zu werden. Bereits seit einer Stunde hatte ich ihn in seinem Verließe zu bewachen und ihm zu schmeicheln, sonst würde der Tollkopf sicher durchgebrochen sein, zum nicht geringen Schrecken zweier Damen, die, bis zum Kinn in ihren Shawls steckend, gewaltiges Aergerniß zu nehmen schienen. Mit Richards war nun nichts anzufangen, das sah ich deutlich. Seit dem frühesten Morgen war kein Wort aus ihm herauszubringen gewesen; auf das linke Ufer hinstarrend, schwelgte er bereits im Vorgefühle der Wonne, die seine Ankunft verursachen werde. Ein Besuch bei seinen Eltern hatte ihn nun über vier Monate von Hause und seinem reizenden Weibe entfernt gehalten. Er war noch nicht volle sechs Monate vermählt, als er abreiste. — Glücklicher Mensch! Welch ein süßes Gefühl ist die Heimath, dieser Ruheort für den Müden, dies Paradies seiner irdischen Freuden, wenn ein gleichgesinntes Wesen unserer Ankunft entgegenharrt, wenn ein zartfühlender Busen höher schlägt und lauter klopft, so wie unsere Fußtritte nahen! — Leider habe ich diese Freuden nie gefühlt. Meine Heimath haben Fremdlinge inne; bloß die kalten Herzen von Miethlingen und Sklaven warten meiner. Das Gefühl meiner Verlassenheit ergriff mich nie so bitter, so wehmuthsvoll, als in diesem Augenblicke; es war, als ob schneidende Schwerter durch mein Inneres zuckten. Cäsar brach neuerdings in ein wildes Toben und Stampfen aus. Selbst der hat eine Heimath; er hat sie nicht vergessen, die Eingangslaube von Chinabäumen, mit ihren leichten und glänzenden Blättern und den Tausenden ihrer Blüthen und Beeren, wie sie in der Morgensonne erglänzen, als ob sie von dem Athem eines Zauberers angehaucht wären. Und seine Grüße, sie werden von einer ganzen Koppel Hunde beantwortet. Es ist Aufruhr in der ganzen Pflanzung. Zuerst gucken ein paar rabenschwarze Wollköpfe hinter der Orangenlaube hervor und verschwinden eben so schnell; dann kömmt eine Heerde klaffender Hunde, die etwas zu wittern scheinen. Sie locken eine Truppe von Knaben und Mädchen herbei, die sich ohne weitere Umstände auf ihre Rücken pflanzen, und dafür tüchtig heruntergeworfen werden. Diesen folgen ihre erwachsenen Brüder und Schwestern, und endlich die ganze Sippschaft Japhets. Doch nun fliegt eines der lieblichsten Wesen durch die Thür und die Terrasse herab, dem Laubengange zu, augenscheinlich vom Dampfschiffe etwas erwartend. Sie scheint noch immer in Zweifel; man sieht es, mit welch reizender Ungeduld sie dem Boote entgegensieht, das zu langsam für das süße Weib sich nun dem Ufer zuwendet. Wie sie eilig hin und wieder trippelt, als wollte sie die Eile des Schiffes durch ihre Bewegung beschleunigen, und ihm Schnellkraft geben. — Es ist Clara, das reizende Weib meines Freundes. Beneidenswerther Junge! Eine Thräne zittert in seinem Auge, als er diese reizende Hälfte seines Ichs und ihre reizendere Ungeduld ersieht. Dreimal war sie aus der Laube hervorgekommen; nun erscheint sie ein viertes Mal, dem Ufer zu- und wieder zurückeilend, und gleichsam schmollend über die unausstehliche Langsamkeit des Schiffes. Endlich hat es angelegt, die Brücke ist geworfen, und Richards rennt — fliegt auf's Ufer. Sie kann nicht widerstehen; sie eilt aus der Laube; ein Augenblick länger — und sie liegt in seinen Armen; zieht ihn jedoch — des Weibes Zartgefühl ist stets rege — verschämt ins Innere der duftenden Verborgenheit. Mein Auge folgte den Glücklichen, und flog dann über meine Reisegefährten, die still und beinahe ehrfurchtsvoll dem holden Bilde der Vereinigung zugesehen hatten. Selbst die rohen Schiffsleute schienen gerührt; kein grober Scherz, kein hämisches Lächeln entfuhr ihnen. Die reine eheliche Liebe zweier Neuvermählten hat etwas so rührend Zartes in sich, daß selbst gröbere Seelen sich ergriffen fühlen. Ich Verlassener stand wie ein armer Sünder da, schüttelte dann dem Capitain und meinen Reisegefährten die Hände, ordnete Cäsar und die Gig ans Ufer und folgte. Die treuen Hunde sprangen bellend und tobend um mich herum, gleichsam als erwarteten sie von mir, was ihnen ihr Herr im Drange seiner Liebe versagte, einen freundlichen Gruß. Und mit ihnen ein Dutzend Wollköpfe jeden Alters, vom zweijährigen Wechselbalge bis zum erwachsenen Mädchen; wie sie sich herandrängen, die kleinen Schelme, umherpurzeln vor Freude, und jauchzend aufspringen, um dann bittend ihre Hände emporzuhalten. Ich weiß, was sie wollen: ein Escalin[72] ist das ersehnte Ziel ihrer Wünsche. Sie soll ihnen nicht fehlen, die kleine Gabe, die sie einige Tage glücklich machen wird.

[71]: Liveoaks, Immergrün, Eichen; das beste, dauerhafteste und zäheste Schiffsbauholz, von der Marine der V. St. ausschließend benutzt.

[72]: Escalin, Schilling, 12½ Cents, so in Louisiana genannt.

Ja, glücklich ihr, die ihr das Herbe eurer Lage noch nicht fühlt, die ihr das Schreckliche des Fluches ewiger Sklaverei noch nicht empfunden habt! Und zweimal glücklich, wenn das Schicksal euch erlaubt, in harmloser Unwissenheit dem Tage entgegen zu harren, der auch euch in die Zahl freier Wesen versetzen wird. Ja, er wird kommen, dieser Tag, der uns gestatten wird, das zu versöhnen, was unserer Väter Machthaber an euch verbrochen haben.

Sonderbar, der Anblick der fröhlichen Wesen, die um mich herumgaukeln, hat mich ernst gestimmt. Es ist Zeit, meine Freunde zu sehen; doch die ersten Augenblicke des Wiedersehens sind so kostbar, so süß; ich muß noch warten. Wie Vieles mögen sie sich zu sagen haben, das dem Ohre des Freundes selbst verborgen bleiben muß! Ich steige die Treppe hinan, und verweile auf der Terrasse. Noch eine Weile. Ich nähere mich der Thüre. Beinahe scheint es mir, als ob ich überflüssig sei. Wieder halte ich. Endlich fällt meine Hand auf den Drücker, die Thüre geht auf. Ich sehe sie beide Arm in Arm verschlungen, ohne gesehen oder bemerkt zu werden. Ich will mich zurückziehen. Doch nein — solch ein Anblick ist nicht oft wieder zu sehen. Wie sie sich umschlungen halten! Es ist ein herrliches Paar. Er eine wahre Apollogestalt, mit einer Adlernase, feurig schwarzen Augen, in denen man sich nicht satt sehen kann, denn mit jedem Blicke sieht man tiefer in eine freie Seele, die ein wenig stolz und selbstbewußt, aber männlich und fest ist. Als er so da stand, sein Weib in seine Arme geschlossen, seine Lippen an die ihrigen gepreßt. — Sie das Modell einer Hebe, mit den sanften, weichen und doch so begehrenden, mädchenhaften Zügen, wie sie so stand, oder vielmehr hing in seinen Armen, zu ihm aufblickend mit dem reizend vertrauenden Gesichte, ihr ganzes Wesen zitternd vor Freude und süßem Verlangen. Ich wollte, ich hätte sie nicht unterbrochen. Sie sahen mich jedoch nicht; sie hatten zuviel an sich zu sehen. Sein Auge schien nun etwas zu suchen; er blickte im Zimmer umher, und sie, mit Erröthen seine Hand fassend, führte ihn durch die Flügelthüren, durch die Polly so eben tanzte, einen kleinen Engel im Arme.

Der dreimal Glückliche! Er fiel über das arme Mädchen gleich einem Rasenden her, und bei einem Haare wäre ihr die süße Bürde entwischt. Er fing sie jedoch auf, hob sie in seine Arme, und nun begann ein Tanz im Zimmer, ein Tanz, den der trockenste Quäker lieblich gefunden haben müßte, vorausgesetzt, es schlage ein Herz an der linken Seite und kein Dollarbeutel. Wieder umschloß er sein Weib, und sofort überhäufte das liebliche Paar den jungen Bürger mit so ungestümen und zahlreichen Beweisen ihrer älterlichen Zärtlichkeit, daß er zuletzt in die lautesten Protestationen mittelst Zappelns und Weinens ausbrach.

Wenn je eine Scene mich mein Hagestolzthun bedauern ließ, und die Grundlage zu veränderten Gesinnungen wurde, so waren es diese funfzehn Minuten; denn volle funfzehn Minuten dauerte es, ehe mein werthes Selbst in Betrachtung gezogen wurde. Ich schüttelte noch die Hand Claras, als Mappa, der Leibkutscher beider Herrschaften, in die Stube trat. »Die Pferde sind angespannt,« meldete der schwarze Squire.

Du weißt noch nicht, lispelte sie, daß sie heute in der Helen Mc Gregor (Name eines Dampfschiffes) nach dem Norden aufbricht. Ich war so eben im Begriffe, ihr Lebewohl zu sagen; doch deine Ankunft änderte dies, und sie wird entschuldigen, wenn sie hört —

Sie wird nicht, versetzte Richards; nein, wir müssen sie sehen. Sie würde es uns nie verzeihen.

Aber du bist so müde.

Wie sollte ich auch. Ich komme so eben vom Dampfschiffe, und wenn ich's wäre, so würde dies mich keineswegs abhalten, die Busenfreundin meiner Clara zu sehen, der ich so vieles verdanke.

Ja, und einen besorgten Anwald hattest du, drohte sie mit ihrem Finger, und hätte sie nicht ewig von dir geschwatzt, der Himmel weiß, was geschehen wäre. Doch, fügte sie im leisern Tone hinzu, ich habe Gleiches mit Gleichem vergolten: sie ist versprochen.

Du schriebst mir von dem Plane der Tante, entgegnete Richards eben so leise. Ich hoffe jedoch, die Sache sei noch nicht so weit gediehen.

Sie ist es; — doch, du wirst hören. Ihr habt eine halbe Stunde zum Umkleiden, und eine andere zum Luncheon[73]; das Dampfschiff wird um vier Uhr erwartet.

[73]: Luncheon, ein Imbiß, vor dem Mittagsessen genommen, besteht gewöhnlich aus kalten Speisen.

Und was mit Howard thun? wisperte er ihr zu; du kennst seine Abneigung gegen die Tante. Ich zweifle, daß du etwas in diesem Punkte ausrichtest.

Gegen die Tante aufgebracht? wisperte sie. Du machst mich staunen; das ist etwas ganz Neues. Und sie ist doch so ganz sein Bewunderer, beinahe sollte ich glauben, sie habe —

Da steckt der Haken.

Sie sann eine Weile nach, nickte zuversichtlich, und lispelte dann: Er muß mit. Und mit diesen Worten kam sie auf mich zugetrippelt. Ich hatte kein Wort von der Unterredung verloren, und dachte: komme nur, du sollst mich so ledern finden, als wir Mister Shifty nassen Andenkens.

Sie sind doch von der Partie zur Tante? fragte sie mit dem einschmeichelndsten Lächeln, während sie meine Hand ergriff.

Nicht für diesmal, war meine Antwort; ich bin froh, daß wir im Hafen eingelaufen sind.

Selbst dann nicht, wenn ich Sie einer Schönheit zuführe, einer Schönheit, die Verstand hat, Verstand wie ein gewisser Mister Howard?

Danke für das Compliment; es ist ein armseliges.

Es sind ja bloß vier Meilen.

Zuviel, wenn es nur so viele Ruthen wären.

Wie Sie doch so nüchtern und amphibiös sein können. Ein wahrer Hagestolz. Wollen Sie selbst dann nicht gehen, wenn ich Ihnen sage, wem ich Sie zuführe?

Nein, meine schöne Dame.

Ihre Hartnäckigkeit ist wirklich impertinent. Wollen Sie selbst nicht gehen, um Emilie Warrens zu sehen?

Sie gehen, Emilie Warrens zu sehen? fiel ich ziemlich rasch ein. Wie? ich dachte, sie wäre in New-Orleans?

Der Wind ändert sich erstaunlich, bemerkte Clara trocken, ihrem Manne sich zuwendend.

Ich sah darein, als hörte ich sie nicht; aber die Lockspeise hatte gefangen. Und war es ein Wunder nach den Scenen, die ich so eben gesehen? Richards hatte von eben dieser Emilie stets in so hoher Begeisterung gesprochen; er, der so kühl, so gemäßigt, so geizig in seinem Lobe war, wenn es dem zweiten Geschlechte galt. War es ein Wunder, wenn meine Neugierde, mein Interesse aufgeregt waren? Aber dann die unglückselige Mistreß Houston mit ihrer verfolgenden — Liebe kann ich's nicht nennen. Dieses langbeinige Ding, hager, mager, mit Armen und Beinen wie ein Hochländer, und hervorragenden Backenknochen; eine leibhafte Clansgenossin; dabei flach wie unsere Breithörner oder Flachböte. Sie ist das unausstehlichste Wesen, das je in Petticoats[74] gesteckt; das Beste an ihr sind noch ihre fünf und vierzig Jahre. Freilich hat sie einige gute Seiten: sie ist sehr reich, sehr respectabel, wie es sich von selbst versteht, und sehr rationell, einen einzigen Punkt ausgenommen: ihre Baumwolle ist beinahe sea islands[75]. Aber ihre armen Neger! Potemkin übte nicht größere Zwingherrschaft über die bärtigen Subjekte Ihrer Moskowitischen Majestät aus, als der gallsüchtige Mister Twang über die Körper dieser armen Teufel. Und dann ihre Züge, besonders wenn sie sich in Haß oder Hohn falten, wenn ihr ein armer Wicht zur unrechten Zeit unter die Augen tritt. Ihr ganzes Wesen verräth dann Abscheu; es ist häßlich, beinahe grausig. — Und in diesen Händen ist Emilie? fragte ich mich zehnmal. Ich war vorzüglich ihr zu Liebe nach Hause zurückgekehrt; sie hatte meine Neugierde zu kitzeln angefangen, und nun ich sie kennen lernen sollte, ist sie wieder auf dem Sprunge, in die weite Welt zu segeln. Mir war nicht wohl zu Muthe. Mädchennarr, wie ich war, es ahnte mir, ich sollte zuletzt leer ausgehen. Ich sann und sann, ganz vergessend, daß Richards und seine Frau schon fünf Minuten vor mir standen, sich bedeutsame Blicke zuwerfend. Ich sehe wohl, sprach sie mit einem sonderbar spitzen Lächeln, daß Sie nicht zu bewegen sind.

[74]: Petticoats, Unterröckchen; weibliche Kleidung überhaupt, scherzweise genannt.

[75]: Sea islands, die berühmte Baumwolle der Inseln Georgiens.

Je nun, um Sie zu verbinden, will ich mit; doch, aufrichtig gesagt, bloß um Sie zu verbinden.

Es wäre wirklich unzart, ein so großes Opfer von Ihnen zu verlangen, erwiederten die ehelichen Verbündeten mit einem Gelächter, das mich so ziemlich als einen Hasenfuß bezeichnete.

In einer halben Stunde waren wir mit unserer Toilette fertig, in einer zweiten war das Luncheon genommen; und dann setzten wir uns, besiegt von der weiblichen Diplomatie, in den Wagen.

In einem Wagen mit einem kaum zwölf Monate verbundenen und sich herzlich liebenden Paare zu sitzen, das sich die letzten vier Monate nicht gesehen hat, ist eben nicht sehr zeitvertreibend. Die jungen Leute haben sich so viel zu sagen, so viele Geheimnisse zuzuflüstern, kurz, selbst die philanthropischsten sind so haushälterisch mit jeder Sekunde, so selbstsüchtig, daß einem Dritten kaum etwas anderes zu thun übrig bleibt, als — nichts zu thun, und eine stumme Rolle zu spielen. Ich konnte mich selbst nicht an meinen jungen Mitbürger halten, der in Polly's Armen lag, da er so oft hin und wieder passirte, daß es vergeblich gewesen wäre, mich mit ihm befassen zu wollen; so war ich denn gezwungen, meine Aufmerksamkeit in's Weite, nämlich auf den Missisippi, zu richten.

Ja, es ist ein großartiger Anblick dieser Missisippi zu allen Zeiten, aber besonders, wenn er, wie jetzt, bis an den Rand gefüllt ist. Man behauptet, er sei hier am tiefsten, und ich bin selbst der Meinung; denn weiter unten sind die Bayous, die einen bedeutenden Theil seiner Gewässer abführen. Der Strom ist beiläufig zehn Fuß gestiegen, und die Strömung äußerst schnell. Ich sehe ihn gerne voll, den majestätischen Vater der Flüsse, oder, wie ihn die Indianer nennen, den endlosen Strom[76], und empfinde stets ein gewisses Mißbehagen, wenn ich ihn im niedern Wasserstande mit seinen fünfzig bis sechzig Fuß hohen hohlen Schlammufern erblicke. Die Hitze wird jedoch drückend, und die Moschettos scheinen unser verdicktes Blut zu wittern; bereits die dritte hat mich gestochen. Wir haben eine dritte Pflanzung passirt. Ein herrlicher Anblick, dieses Haus mit seinen zwanzig Hütten, in einem Walde von China-, Tulpen-, Orangen-, Feigen- und Citronenbäumen begraben; besonders die ersten sind so lieblich anzuschauen mit ihren weißen Blüthen und gelblichen Beeren, die die ganze Baumkrone bedecken, und sich im Verlaufe weniger Wochen röthen, wo sie dann Millionen glänzender Rubinen gleichen, den Robbins zum Labsal, zum Verderben. Tausende dieser treuherzigen Thiere schwärmen dann und nisten an neblichten Herbstmorgen in dem Gezweige, und ertränken im Safte der Beeren ihre winzigen Sinne, und purzeln umher, und treiben närrisches Wesen, die lieblichsten Trunkenbolde, die man nur sehen kann. Als wir so am breiten Uferrande hinrollten, den Missisippi zur Linken, die weißen Zäune mit den unabsehbaren Cottonpflanzungen zur Rechten, im Rücken die colossalen Cypressen- und Cedernwälder, wurde mir beinahe schwindlich vom langen Dahinstarren, und Landhäuser, Felder und Wälder schienen dem mexikanischen Busen zuzufliehen. Die Stimme Richards weckte mich aus meinen Träumen; wir waren vor der Pflanzung der Mistreß Houston.

[76]: Diesen Namen verdient er gewissermaßen, da er, den Missouri mit eingeschlossen, über 4000 Meilen lang ist.

So werden wir denn dieses Wunder weiblicher Vollkommenheit sehen, der so viele Huldigungen dargebracht werden. Eine Reihe von wenigstens zwanzig glänzender London-Gigs, mit einer gleichen Anzahl von Reitpferden, halten im Hofe unter den Bäumen. Wir stiegen sofort ab, übersahen unsere Anzüge, setzten zurecht, was die kurze Fahrt unrecht gesetzt, und stiegen die Stufen hinan. Die Halle war voll von Bedienten, der Saal voller Gäste, die natürlich gekommen waren, der nordischen Schönheit Lebewohl zu sagen. Doch weder sie noch Mistreß Houston ist zugegen. Ich kann mich eines Lächelns nicht erwehren über die drollige Wichtigkeit, mit der die Frau meines Freundes nach der Thüre deutet, und dann mit einem herablassenden, beifälligen Lächeln hindurchschlüpft. Zugleich beginnt eine unendliche Ungeduld sich in mir zu regen. Nichts ist unausstehlicher, als auf den Fittichen der Sehnsucht herbeizueilen, jeden Augenblick verlangend zu zählen, und dann auf Geduld verwiesen zu werden, oder, was noch ärger ist, auf ein Dutzend alte Gesichter, die wir ohne Herzeleid achtzehn Monate entbehrt haben, und denen wir nun recht freudestrahlend in die Augen sehen und ihnen eine halbe Stunde hindurch wiederholen müssen, wie sehr es uns freue, sie zu sehen, und wie das Wetter so schön sei. Doch es läßt sich nicht vermeiden, und so beginnen wir denn ganz gemächlich unsere Tour in der Runde, zuerst bei den Damen, wie es sich von selbst versteht, und dann bei den Herren, in echter Yankeemanier. Ich hatte so das zehnte Individuum abgefertigt, als Richards auf einmal meine Hand erfaßte und mich einem ältlichen Gentleman zuzog, der am obern Ende des drawing room stand. Unglücklicher Weise war die Ceremonie des Aufführens so schnell vor sich gegangen, daß ich den Namen der werthen Personnage ganz überhört hatte. Er war sehr erfreut, lautete seine Formula, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, von dem seine Freunde so viel Rühmliches erwähnt.

Ich verbeugte mich pflichtschuldigst; meine Verbeugung mußte aber sehr steif ausgefallen sein. Ich sah mich nach Richards um; er war verschwunden. Ich blickte den Gentleman an, er mich, und so verwirrt war ich, daß ich kein Wort finden konnte. Ich weiß nicht, was es war, das mir jedes Wort an die Zunge kleben machte; so verwünscht steif und starr und stattlich und abgemessen stand er vor mir; ein spanischer Grande war ein französischer Tanzmeister im Vergleiche. Und diese ernsten, trockenen, scharfen Gesichtszüge, diese spitze Nase, mit den blauen, tiefliegenden, starr fixirenden Augen, — sie scheinen ins Innerste zu bohren. Es lag etwas Gutmüthiges, aber zugleich etwas unbezwingbar Starres darin. Ein Yankee der alten Schule, ganz wie er leibt und lebt. — Ich muß recht erbärmlich vor ihm gestanden sein, da ich, statt Antwort zu geben, sein ganzes Gestelle abmaß, als wollte ich ihn aufnehmen, — auf seine gepuderten Haare, den Haarzopf, die seidenen kurzen Unterbeinkleider herabsah, die Schuhe mit den goldenen Schnallen musterte, und mir doch kein Sterbenswörtchen einfiel. Ich wollte bereits um Vergebung bitten, seinen Namen überhört zu haben, als Ralph Doughby seine Hand auf meine Schulter legte. Beinahe hätte ich es ihm Dank gewußt, so wenig ich übrigens den gar zu derben Schwenkflügel leiden mochte. Ehe ich mich umsah, hatte der Mann seine Verbeugung gemacht, und mich, den Tropf, so mußte er nothwendig denken, stehen gelassen. So geht es acht und zwanzigjährigen Hagestolzen, die auf die Mädchenschau ausgehen. Ich hatte ein wenig Mühe, den Hasenfuß, ich meine Doughby, aus seinem zwölf Zoll hohen Halskragen und dem Carterschen Fracke und Pantalons herauszufinden, mit denen er sich während seiner Newyork-Tour ausgerüstet. Bei dem kommen die Flegeljahre ganz verkehrt; gewöhnlich fangen sie mit achtzehn bei uns an, und enden mit vier und zwanzig. Wer hätte aber das an unserm Doughby vermuthen sollen, als er noch vor zwei Jahren steif und bedächtlich mit der Peitsche hinter seinen armen Negern einhertrabte? selbst einen Aufseher zu halten, war er zu knauserig. Und nun ist er einer unserer Fashionables in echter Ober-Missisippi-Manier, der seine zehn Gläser Sling oder halb so viele Bouteillen Chambertin aussticht, sein Ecarté mit Grazie bis Mitternacht spielt, und mit derselben Grazie einen Wollkopf zu Boden schlägt. Es scheint, er hat sich recht methodisch zum Lebemann vorbereitet, und physische und moralische Kräfte gesammelt, und nun gilt er für einen unsers Gleichen; denn er hatte die Klugheit, zusammenzuhalten, bis seine Batzen vollzählig waren. Ich möchte nur wissen, ob er auch gekommen ist, Emilie Lebewohl zu sagen. Sollte sie an seiner Bekanntschaft während ihres Hierseins Geschmack gefunden haben? Das wäre gerade keine besondere Empfehlung für ihren Sagacitätssinn. Es muß etwas dergleichen sein; der gute Ralph ist wie zu Hause.

Der Gedanke fing an mich allmälig zu drücken, während ich meinem Nachbar, der jedoch glücklicher Weise hundertfünfzig Meilen von mir wohnt, über seine vortheilhafte Metamorphose mein Kompliment machte. Und der Ignoramus nimmt es für baare Münze, und wirft sich auf, und geruht beinahe protegirend zu werden. Gott sei Dank, er geht; doch was nachkömmt, ist nicht besser. Ein ganzer Schwarm Politiker, denen die letzte Gouverneurs- und Präsidentenwahl die Rechnung verdorben hat. Die guten Leute sind steif der Meinung, daß unsers Louisianas Ehre dahin ist, wenn nicht einer aus ihnen das Ruder führt. Auf die armen Creolen sind sie schlimm zu sprechen. Ich war eben daran, meine nagelneuen politischen Entdeckungen den Herren zum Besten zu geben, als plötzlich die Flügelthüren sich öffneten, und ein Zug von Damen hereinschwirrte. Zuerst eine unbekannte Gestalt am Arme Claras, dann Mistreß Houston und Compagnie. Doch diese Unbekannte, sie ist zweifelsohne Emilie; was will aber dieser Doughby bei ihr? Er poltert auf sie zu, als ob sie bereits die Seinige wäre. Und sie? Wahrlich, ich weiß nicht, wie mir wird. Ist es Ueberraschung, oder Eifersucht auf Doughby; aber es wird mir grün und gelb vor den Augen. Sie verbeugt sich zur Gesellschaft und spricht mit dem steifen Gentleman; jetzt wendet sie sich zu mir. Mein Gott! Mistreß Houston steht diese halbe Minute vor mir und erkundigt sich nach meinem Befinden; ich starre auf Emilien, und, was schlimmer ist, brumme der Dame in ihrem eigenen Hause zu: »Ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen.« Wohl, wenn die nicht den Staar hat, dann wird es saubere Geschichten geben; denn auf die Zungenspitze dieser personificirten chronique scandaleuse zu gerathen, und die Tour unserer zwölfhundert Zeitungen zu machen, ist eins und dasselbe. Und noch dazu schiebe ich sie höflichst auf die Seite, um mir nicht die Aussicht auf Emilien zu verderben, die, wie ich bemerke, auf mich zuschwebt. Ja wohl schwebt sie; ihr Schritt ist so leicht, beinahe tanzend, und doch so fest und bestimmt. Keine Ziererei, nicht der mindeste Zwang in ihren Bewegungen, die zarteste Lebendigkeit und doch die bescheidenste Grazie. Ihr Wuchs ist etwas über die Mittelgröße, die Gestalt ein Modell der Symmetrie, so schlank und doch so abgerundet, so elastisch und so ätherisch. Und diese prachtvollen, tiefblauen Augen, die einen mit solch wunderbarlichem Vertrauen anblicken, gleichsam als wollten sie sagen: ich weiß, du bist mir gut. Diese Augen, die so zuversichtlich und doch wieder so prüfend auf Einem ruhen, gerade lang genug, um ihn zu überzeugen, daß er eines längern Blickes würdig erachtet, und doch wieder nicht lange genug, um Hoffnung einzuflößen; der wahrhaft mädchenhafte, reine Ausdruck dieser Augen, der von dem bezauberndsten Glanz so unmerklich in sinnenden Ernst verschmilzt — ich werde sie nie vergessen. Und dieser Teint so rein, die Rosen auf Liliengrunde. Es ist das frischeste, lieblichste, verständigste Gesicht, das mir je vorgekommen ist. Ja, sie ist wirklich ein reizendes Mädchen; nie sah ich ein so offenes und wieder so intellektuelles Wesen. Das Gesicht ist eines Lebensstudiums werth. — Sie spricht mit Richards und seiner Frau, ihre Hände in die ihrigen verschlungen. Wir haben lange und verlangend auf Sie, Harry, gewartet, lispelte sie, während ihre Augen in sinnendem Ernste auf ihn gerichtet waren.

Ich hoffe, ich bin nicht zu spät gekommen, erwiederte Richards.

Sie gab keine Antwort; aber diese funkelnden Augen schienen feucht zu werden, sie schienen zu sagen: ja wohl zu spät.

Wenn ich zu spät gekommen, dann bist du Schuld daran, sprach Richards, sich zu mir wendend.

Ich war einem Träumenden gleich da gestanden. Ich hörte nicht, ich sah nicht, nur abgebrochene Schalle drangen in mein Pericranium.

George ist wieder einmal in seinen Träumen, sprach Richards, meine Hand mit seiner Linken ergreifend und mich näher zu dem Kreise ziehend. Ich blickte auf; sie stand vor mir im unaussprechlichen Reize.

Hast du die schweren Klagen wohl gehört, die so eben gegen dich erhoben wurden? fragte er. Die zweihundert Meilen, die ich zweimal zu fahren hatte, dich von deinen Wanderungen aufzulesen und wieder heimzuführen, dürften leicht Herzenswehen verursachen.

Herzenswehen? fragte ich, und wer fühlt diese?

Das Auge Emiliens ruhte auf mir. Herr Howard, sprach sie, hat wirklich Ursache, stolz auf die Liebe und Achtung seiner Freunde zu sein.

Die ersten Worte, die sie an mich gerichtet. Aber welche Stimme, welche Töne! Was sind Garcias Töne gegen diese? Und dieser Mund, wie himmlisch er sich öffnet! Und diese Reihen von Perlenzähnen! Ich konnte mich nicht satt genug an ihr sehen. Ich hätte Vieles gegeben — und ich gebe nicht gern — diese Zähne noch einmal zu sehen; doch der Knall zweier Gewehre ließ sich nun hören und das Geheul der Neger. Das Dampfschiff! rief Mistreß Houston mit ihrer klaffenden Stimme. Das Dampfschiff! wiederholte ich in Verzweiflung. Die alte Dame warf einen höhnisch triumphirenden Blick auf mich. — Emilie! sprach ich, und die Worte erstarben mir auf der Zunge, Emilie! und zu gleicher Zeit preßte ich wüthend ihre Hand. Sie blickte mich gleichsam verwundert an; sie mußte in meinem Gesichte gelesen haben, was in meinem Innern vorging. Und nun die verwünschte Helen Mc Gregor, wie eine Anaconda zischend; sie ist bereits zu hören wie das Brüllen der Neger. Und die gellende Mistreß Houston — wahrscheinlich, um mir die Qualen des Abschiednehmens so viel wie möglich zu verkürzen! — Doch, was hat dieses zu bedeuten? Ralph Doughby rollt mit ihr einen Shawl auf, schiebt den alten gepuderten Gentleman auf die Seite, wie er es mit einem Cottonballen thun würde, und wirft das Seidentuch Emilien über die Schulter; er reißt beinahe die Spitzen von ihrem Halse. Das ist's also! da geht es hinaus! Wohl, ich weiß nun, woran ich bin, und ich bin herzlich froh. Was ist mir Emilie Warren? Ein schöner Traum und nichts mehr. Ich bin erwacht, und hoffe auch dieses zu überstehen; es ist nicht meine erste und, ich hoffe, auch nicht meine letzte Liebe. Ein alter Praktikus von acht und zwanzig Jahren wird sich um solche Kleinigkeiten nicht den Hals abreißen. Elende Tröstungen! Während mir diese Maximen grober Liebesphilosophie durch den Sinn schwirrten, hätte ich Ralph Doughby, der ihr nun seinen Arm anbot, ganz gemüthlich erwürgen können. Ja, er führt sie wirklich auf das Dampfboot, und mir fällt Mistreß Houston zu. Anstatt ihr den Arm anzubieten, faßte sie den meinigen, und so ziehen wir denn fort. Was ich sagte, weiß ich bis auf diesen Tag noch nicht; es muß jedoch etwas Heilloses gewesen sein; sie schrie beinahe laut auf. Ihre gellende Stimme brachte mich endlich zum Bewußtsein zurück, und ihr süßlich giftiger Blick kühlte allmälig meine Leidenschaft. Wenig Schritte mehr und wir waren am Landungsplatze. Kisten, Koffer und ein Heer von Schachteln waren bereits deponirt; es blieb nichts übrig, als die Eigenthümer gleichfalls zu spediren. Zuvor muß jedoch noch Lebewohl gesagt werden. Mein Auge hing noch immer an Emilien, und sie in den Armen der Frau meines Freundes. Es schien, als trenne sie sich ungern von der Jugendfreundin; der lange, lange Kuß, die thränenvollen Augen zeugten deutlich davon. Doch nun kömmt Mistreß Houston, stattlich, steif und frostig; das leibhafte Bild des Winters, wie er den Frühling umarmt. Und dann die übrigen Damen und Herren, alle nach der Reihe; zuletzt Richards und ich. Sie nähert sich uns einen Schritt; ihr Auge sucht mich, unsre Hände begegnen sich; ich presse die ihrige — vielleicht das letztemal. Jedoch nicht das leiseste Zeichen der Erwiederung, und doch ruht dieses prachtvolle Auge auf mir; eine Thräne spiegelt sich darin, eine zweite — sie wendet sich, und nun ein zitternder, beinahe unmerklicher Druck dieser lieblichsten aller Hände. Ich murmelte, meiner selbst unbewußt: Himmel, so muß ich Sie denn verlieren, kaum zehn Minuten nachdem ich Sie gesehen! Sie blickt mich an, und wendet sich dann mit einem Blicke, der milde und schwermüthig zu sagen scheint: ja, wir müssen scheiden. — Doch wer kommt hier. Ein ganzer Troß von Wollköpfen, jung und alt, Kinder, Jungen, Mädchen, Greise und alte Mütterchen, alle ihr Lebewohl heulend und grinsend, alle nach einem letzten Blicke von diesem lieblichen Wesen haschend. Sie muß diesen Armen herzlich gut gewesen sein; niemand fühlt tiefer als sie. Selbst ihre Leiden, ihr hartes Loos, macht sie um so empfänglicher, die milde Hand zu küssen, die sich ihnen wohlthätig aufthut, die es der Mühe werth hält, einen Tropfen Balsam in ihre stets offenen Wunden zu gießen. Es ist wirklich ein schöner Anblick dieß, das herrliche Geschöpf umringt von den schwarzen Gestalten; die unerwartete Huldigung scheint in ihr eine wehmüthig-freudige Empfindung zu erregen. Doch Mistreß Houston winkt ihrem Grandvezier, und die armen Dinge scheuchen zurück. Ihr Blick fällt furchtsam auf ihre Herrin, und dieser Blick scheint alle erstarren zu machen, gleich Banquo's Geiste. Noch ein Lebewohl und sie scheiden, und betreten die Breter, die sie für immer mir entziehen soll. Ich starre ihr wie verloren nach, übersehe ganz, daß sie an Doughby's Arme über die Brücke auf das Verdeck schritt und mit ihm in der Salonthüre verschwand, — und nun schwingt sich das Boot herum, der Dampf brauset, zischt stärker und stärker, endlich der letzte Stoß und die gewaltige Maschine bewegt sich; langsam zuerst, und dann schneller und schneller schwirren die Räder. Wird sie nicht aus dem verwünschten Salon herauskommen? uns keinen letzten Blick gönnen? Immer weiter entfernt sich das abscheulich schnelle Boot; nie schien mir eines so eilig. Ah, nun öffnet sich die Thüre; es ist eine weibliche Gestalt; sie nähert sich dem Geländer; ihr Sacktuch in der Hand; sie schwingt es. Der alte Gentleman zunächst ihr lüftet seinen Hut und macht eine abgemessene Bewegung, und nun fällt mir der bocksteife Gentleman wieder ein. Ich erinnere mich, daß er noch an der Brücke sich zu mir gewendet, mir freundlich die Hand gedrückt, und mich dringend gebeten, wenn ich je nach Boston käme, sein Haus als das meinige zu betrachten. »Wer ist doch,« fragte ich Richards, »der Mann, der neben Miß Emilien steht, und uns so steif sein Adieu zunickt?« Fürwahr, erwiederte mein Freund, du bist einer der sonderbarsten Menschen; da steht er, gafft, vergißt Alles neben und um sich, und bemerkt selbst nicht, wenn man von ihm Abschied nimmt. Mister Warrens muß sonderbare Dinge von dir denken.

Dieß Mister Warrens? fragte ich, mich auf die Stirne schlagend.

Wer sonst als er? Ich bitte dich, vermeide alles Auffallende; unsre Tante hat dich im Auge.

Das Wort rief mich wieder zurück. Sie stand mir gegenüber, ein boshafter, schadenfroher Zug spielte um ihre Lippen. Kaum hatte Richards Zeit, mir die Worte zuzuflüstern: Sei ein Mann! so stand sie auch schon vor mir, um mich mit aller möglichen Zutraulichkeit zum Mittagsessen einzuladen. Ich wollte ein bestimmtes Nein aussprechen; allein Richards und seine Frau traten wieder dazwischen, und sagten zu. Die alte Dame fixirte mich einen Augenblick, und wandte sich dann zu der übrigen Gesellschaft.

Sei nur diesmal ein Mann, und gieb dich dem Spotte der Tante und ihrer tausend Nebenzungen nicht bloß, bat Richards. — Was kümmert mich die Tante und ihre tausend Nebenzungen, wollte ich erwiedern; aber Richards mußte in meiner Seele gelesen haben, und sprach ernst und trocken: Das schroffe, leidenschaftliche, träumerische Wesen taugt fürwahr nur, dich zum ungenießbaren Sonderling zu stempeln. Bedenke, daß du unter deinen Nachbarn bist, denen du nie eine Blöße geben darfst.

Du hast wahrlich recht, erwiederte ich. — Es war wirklich hohe Zeit, zurückzukommen. Bereits flüsterten meine Nachbarn und schöne Nachbarinnen, bereits spitzten sich ihre Näschen und krümmten sich ihre schönen Lippen; eine Stunde länger so fortgefahren, und am ganzen Missisippi wäre der zu spät gekommene Liebhaber ein Theegespräch geworden. Nein, das muß nicht sein; erwache zum Gefühle deiner ganzen Kraft, sprach ich, und vergesse diese Lappalien. Vielleicht wäre mir dieses doch nicht so leicht geworden; doch als ich so selbst mit mir kämpfte, warf mir Mistreß Houston einen ihrer gewöhnlichen coup-d'oeils zu, und der entschied. Mich vor dieser Frau bloß zu geben, wäre Tollheit, Stumpfsinn gewesen; nein, diese Zunge soll ihre anatomisirende Gewandtheit nicht an mir üben; es ginge mir wahrlich nicht besser, als dem armen Eichhörnchen, das von der Mocassinschlange verschlungen wird, zuerst der Kopf und dann der Leib, den sie mit ekeligem Schleime überzieht, um ihre Beute desto leichter hinabzuwürgen. Sicherlich würde ich in einem halben Dutzend Landzeitungen oder einem Wochenblatte figurirt haben, herausgeputzt in einen Wehe- und Entsagungshelden, zahlbar mit fünf Dollars baaren Geldes oder vier Bänden derlei Potpourri's von Unsinn, Kalbleder und Vergoldung mit einbegriffen.

Es kam nun darauf an, ein paar Stunden gehörig zu benutzen, und die üblen Eindrücke wieder zu verwischen. Schon der feste Entschluß, die Lösung dieses Problems aufzustellen, gab mir eine Schwungkraft, die mir trefflich zu statten kam. Allmälig kam die gute Laune gleichfalls angezogen, und zuletzt in einem Maße, wie ich sie selten hatte. Wie das herging, weiß ich noch heutigen Tages nicht; war der höhnende Blick von Mistreß Houston daran Ursache, oder war es Uebermaß der Verzweiflung, ein Geschöpf für immer verloren zu haben, das, mein Herz sagte es mir beim ersten Anblicke, mich namenlos glücklich gemacht haben würde, — genug, ich war plötzlich in einer Laune, die brillant genannt zu werden verdiente. Witzes- und Geistesfunken fingen mit einem Male aus meinem Munde zu sprühen an; jedes Wort athmete den fröhlichen, heitern Lebensmann. Mistreß Houston sah mich anfangs zweifelnd, dann verwundernd an; zuletzt schien sie ihren Ohren und Augen kaum mehr trauen zu wollen, und Clara kicherte und lachte, bis sie es nicht mehr auszuhalten vermochte. Alle die Abenteuer und Vorfälle unserer Tour, vom ledernen Mister Shifty zum mit Haut und Haaren zur Feier des achten Jänner gebratenen Barbecu-Ochsen, von dem auch uns eine Rippe zu Theil wurde, und dem pfiffigen Yankee, der seine selig verschiedene Ehehälfte einsalzte und in den Kamin zum Räuchern aufhing, willens, sie so, wohl geräuchert und gedörrt, als eine egyptische Mumie, an die Londner egyptische Halle in Piccadilly zu veräußern, indem er aus seiner Zeitung vernommen, daß Mumien ein gangbarer Artikel wären, und mit schwerem Gelde aufgewogen würden. All der Unsinn, den wir gehört, alle die tausend Albernheiten, die wir gesehen, wurden nun preisgegeben, mit einer Geläufigkeit preisgegeben, die die Gesellschaft in vollem Lachen erhielt. Natürlich trug der Umstand, daß der Erzähler kein gewöhnlicher Lustigmacher, sondern ein Mann war, der mehr zu seinem eigenen und seiner nächsten Freunde Vergnügen, als den Beifall der Uebrigen zu erringen, erzählte, das Seinige zum Genusse bei. Ich fühlte mich ganz froh und heiter, es schien mich zu drängen, von dem Ueberflusse meines Frohsinnes auch meinen Freunden etwas zukommen zu lassen. Selbst der Takt, mit dem ich abbrach, sollte meine Gabe in ihren Augen noch erhöhen. Mistreß Houston hatte für ein frisches Dutzend Champagner gesorgt; wir hatten ihn trefflich gefunden, und ich liebe diesen Wein, das wahre Bild der Nation, die ihn für uns erzeugt; allein ich hasse gemeines Zechen, und zu meiner großen Ergötzlichkeit haßten nun alle meine vierzig Nachbarn eben so das sonst so liebe Zechen, und wir brachen auf, nachdem wir feierlichst versprochen hatten, so bald als möglich wieder zu kommen. Und wirklich, so froh und heiter schieden wir, daß ich beinahe glaube, Mistreß Houston habe lieblicher denn je ausgesehen.

Du hast Wunder gethan, sprach Richards, als wir wieder in dem Wagen zusammengeschichtet seiner Pflanzung zurollten.

Die Tante lachte, fiel seine Frau ein, daß ihr die Thränen über die Backen herabliefen. Ich glaube, Sie könnten mit ihr thun, was Ihnen beliebt. Wahrlich, Sie waren bezaubernd; nie hätte ich das erwartet.

Dann kennst du ihn nur wenig, diesen launenhaften, wunderlichen Menschen, und diesen Geist des Widerspruchs, der in ihm hauset. Danken wir es der sauren Miene unserer Tante; wir hatten eine der vergnügtesten Stunden.

Da sprichst du wieder wie ein behaglicher englischer Epikuräer von vierzig, der sein gutes Diner liebt und einen Spaß dazu, vorausgesetzt, er kostet nichts und befördert die Verdauung. Du weißt, ich hasse Egoismus. Doch sage mir nur, was ist denn eigentlich gegenwärtig Herr Warren, was seine Umstände?

Ich hasse Egoismus, spottete Richards nach, mit einer Lache, so laut, daß sie von zwei Bootsmännern, die auf dem Verdecke eines Breithornes sich hingestreckt hatten, wiedergegeben wurde. Ich hasse Egoismus, und die nächste Frage, die dieser Erklärung folgt, beweist die Wahrheit seines Ausspruchs. Oder was ist es anders, als eine Abart von Egoismus, eine verfeinerte Selbstsucht, die unter dieser Frage lauert? Gestehe es nur, armer George, Emilie ist dir nicht gleichgültig.

Hol' euch der Henker! Da lauern und lauern, und wispern und wispern sie, ich wußte nicht weshalb, bis nun das große Geheimniß heraus ist.

Hony soit qui mal y pense. Wollte der Himmel, ich hätte es ahnen können, erwiederte mein Freund, und sein Auge ruhte voll und ehrlich auf mir. Ja, sie wäre ein Weib für dich gewesen; ich sagte dir's immer; reiste hunderte von Meilen, um noch zurecht zu kommen; es sollte aber nicht sein, es ist nun zu spät.

Zu spät? wiederholte ich mechanisch.

Ja wohl! Sie besucht Saratoga mit ihrem Vater und Mister Doughby, verweilt einige Wochen zu Hause, und kehrt dann als Frau Doughby zurück.

Ich wußte es; es war mir klar wie die aufgehende Sonne, sobald ich Ralph gesehen hatte, wie er ihr das Halstuch umwarf, so wie er seinem Schecken die Schabracke überwirft. Kein Zweifel konnte vernünftiger Weise mehr obwalten; aber ich war nun wieder in meine schlimme, beinahe giftige Laune versetzt. Wer würde es auch nicht sein?

Dann hättest du dir aber auch deine freundschaftliche Mühe, mir den Pfeil ins Herz zu drücken und mich mit ihr bekannt zu machen, ersparen können, fuhr ich bitter heraus.

Das hätte ich gewiß unterlassen, wenn ich dich erstens für so kindisch und romanhaft empfänglich gehalten, und dann die wahre Lage der Dinge gewußt hätte.

Du hast sie nicht gewußt? und doch bin ich beinahe mit Haaren herbeigezogen worden.

Ich bedaure dies noch immer nicht, fiel Richards ein; haben wir doch nun Hoffnung, dich stätig zu sehen. Fürwahr, dies Umherziehen dauert zu lange.

Ich blickte ihn an; er war meiner Frage ausgewichen. Seine Frau jedoch hob den ihm hingeworfenen Handschuh auf.

Fürwahr, hätten wir nur ahnen können, daß Sie, der ewige Jude, Lust zum Heirathen bekämen! aber wer kann sich auf Sie verlassen, und Sie wissen, die Tante ist nun einmal zum Heirathmachen geboren. Wir haben Emilie von Neworleans abgeholt, und das Uebrige wissen oder errathen Sie.

Und seit wann hat sich dieses Geschäft abgethan?

Seit zwei Wochen.

Seit zwei Wochen! wiederholte ich ein-, zwei-, dreimal. Es waren volle vier Wochen seit meinem zweiten Zusammentreffen mit Richards, und wenigstens achtzehn Tage, daß unsre Ankunft seiner Frau bekannt sein mußte. Ich glaubte mir schmeicheln zu können, daß der Einfluß Clara's auf ihre Freundin diese von einer so schnellen Wahl wenigstens bis zu meiner Ankunft hätte zurückhalten sollen. Alles das schwindelte mir durchs Gehirn und trübte nur noch mehr meine Laune. Ich sah nur zu deutlich, daß die Tante mir einen Streich gespielt. — Ja, diese glorreiche Tante! platzte ich wieder heraus.

Ist eine sehr respectable Dame, Mister Howard, versetzte Mistreß Richards, und sie glaubte für ihre Nichte sehr wohl zu wählen; ich kann ihr gar keinen Vorwurf machen.

Freilich nicht, entgegnete ich; schade nur, daß sie sich nicht zur allein seligmachenden Kirche bekennt. Sie hätte dann Aussicht, einst, in Glas und Rahmen gefaßt, in der Kathedrale von Neworleans zu prangen, allen ihren Negern zum Trost und Labsal.

Das war nun beißig boshaft; aber wer kann seine Geduld immer behalten. Mir war es unmöglich; ich mußte meinem Herzen Luft machen. Der Stich hatte keine Erwiederung zur Folge. Richards sah mich ernst an, seine Frau beinahe wüthend. Eine lange Pause erfolgte.

Ich sah wieder auf den Missisippi hinaus, den Schiffen und Kielböten zu, von denen der Yankee doodle in nicht unangenehmem Chore herübertönte.

Und Emilie, hat sie sich geduldig in die Wahl ihrer Tante gefügt? fragte Richards.

Seine Frau hielt mit der Antwort inne; wahrscheinlich antwortete sie durch ihr Geberdenspiel.

Es nimmt mich auch nicht Wunder, wisperte sie nach einer Weile; das feine Wesen fehlt ihm gänzlich. Selbst die Art, wie er ihr sein erstes Geschenk darbot, war ziemlich derbe.

Sage vielmehr roh, versetzte eben so leise ihr Gatte. Ich wollte ihm gern den Mangel an Abgeschliffenheit verzeihen; aber des Mannes Seele ist roh, gewaltthätig, für alle sanfteren Empfindungen verloren. Sie kann nicht mit ihm glücklich sein. Und sie hat also sein Geschenk zurückgewiesen? fragte er.

Entschlossen und fest zurückgewiesen, erwiederte sie. Selbst meine Bitten vermochten nichts über sie; sie kenne ihn nicht hinlänglich; sie wolle sich nicht binden, ehe sie den Rath ihrer Mutter eingeholt.

Sie hat ganz recht, und ich begreife nur nicht, wie die Tante es so weit treiben konnte.

Du weißt, ihr Vermögen, ihr Ansehen macht jeden Wink zum Gebote.

Und doch hat sie dem armen Warren Hülfe versagt?

Sie zuckte die Achseln.

Ich blickte auf; fiel jedoch wieder in mein Nachsinnen zurück. Also halb gezwungen mußte die arme Emilie werden. Wahrlich, sie verdient es, aus den Händen dieses Bären gerettet zu sein.

Ich kann es mir nicht möglich denken, daß sie ihn nimmt, bemerkte ich, zu Richards gewandt.

Ich bitte dich, gieb nicht Hoffnungen Raum, versetzte er, die vergeblich sind. Und hier zu hoffen, ist mehr als vergeblich.

Und würden Sie Emilie geheirathet haben? fragte Clara.

Geheirathet? erwiederte ich, geheirathet? Das Wort machte mich stutzen. Ein alter Junggeselle von acht und zwanzig Jahren ist nicht sehr vorschnell, wenn es an's Heirathen geht; aber hier war nichts zu bedenken. — Heirathen? wiederholte ich; ja, das würde ich gethan haben. Von dem ersten Augenblicke, da ich sie sah, war ich dazu entschlossen; sie oder keine sollte meine Lebensgefährtin werden. Ich getraue mir zu behaupten, daß ich diese vortreffliche Seele durchblickte. Ich war unempfindlich gegen ausgezeichnetere Schönheiten, unzugänglich nach längerer Bekanntschaft; sie aber würde mir nach Jahren eben so erscheinen, denn es ist ein offenes Gemüth, das ihrige. Unsre Augen und Herzen begegneten sich; ihre Seele lag aufgeschlagen vor mir, diese edle, feste, reine und selbstständige Seele. Vor ihr ein Geheimniß zu haben, würde mir unmöglich sein; jeden ihrer Gedanken, ihrer Wünsche würde ich errathen haben; offen würde ich mich hingeben. Sieh! würde ich sagen, so bin ich; dies sind meine Gebrechen, dies meine Tugenden, — willst du mich? Wohl! beide sollen mir helfen, dich glücklich zu machen. Achtung vor ihrem Seelenadel, vor ihrem Verstande würde mich diese Sprache führen machen, und sollte mich durch mein ganzes Leben begleiten. Und auf diese Grundlage wollte ich mein und ihr Glück bauen. Sie ist das erste Wesen, das mir begegnete, vor dem ich mich ganz, wie ich bin, zeigen könnte.

Beide hatten mir in sichtlicher Spannung zugehört.

Und was sagte Herr Warren? fragte endlich Richards.

Oh, du kennst ihn doch, erwiederte sie. Vorausgesetzt, er kann sein Geschäfte fortführen, und ein respectables Haus halten, so läßt er das Uebrige seinen Gang gehen. Er wünscht nur einen achtbaren Mann für Emilien, der im Stande wäre, sie unabhängig zu erhalten, ohne daß er ihn nöthigte, einen Theil seines noch übrigen Vermögens zu ihrer Ausstattung aufzuwenden. Auf keine Weise wäre er zu vermögen, mehr zu geben, als einen Theil seiner Ländereien am Missisippi oder dem Miami bei Dayton, die er eben Willens ist zu besuchen.

Ja, so sind sie alle, diese Yankees, brummte ich darein, wahre doppelt destillirte Juden, die ihre Töchter eben so, wie ihre Zwiebel-, Mehl- und Whiskyfässer, den Meistbietenden überlassen.

Ich hatte ganz vergessen, daß meines Freundes liebevolle Hälfte gleichfalls diesem berühmten Yankeestamme entsprossen, und verbiß meine Zunge. Zu Richards, einem echten Virginier, ließ sich so etwas schon sagen.

Er ist der consequenteste Feind alles Ausländischen, fuhr dieser fort, den es nur geben kann; doch vorzüglich was aus England herrührt; ein Tarifmann durch und durch. Er hat Pamphlete geschrieben, Reden gehalten, alles nur Mögliche zu Gunsten dieses seines Steckenpferdes gethan, wurde ausgelacht und ausgepfiffen, mit Koth beworfen, — nichts konnte ihn ändern. Er ist nun diese fünfzehn Jahre, seit ich ihn kenne, immer dieselbe steife, starre, stattliche Personnage, die kerzengerade, wie ein Indianer, einherwandelt, einen Schritt gleich dem andern, einen Tag wie den andern. Seinem Haare und Haarzopf widmet er eine systematische Sorgfalt, und er hat öfters lieber sein Mittagsessen versäumt, ehe er ohne diese Zierde bei Tafel erschienen wäre. Ein großer Theil seines Mißgeschickes springt von derselben Antipathie für alles Ausländische. Seit der Revolution rühmt er sich, nie auch nur das Mindeste vom Auslande auf seinem Leibe getragen zu haben. Vom Kopf zum Fuße in amerikanische Fabrikate gekleidet, bezahlte er lieber den fünffachen Preis, so lange unsere Manufakturen noch in ihrer Kindheit waren, als daß er englische Stoffe wählte; ja, einstens verbrannte er wirklich, ein zweiter Napoleon, einen vollständigen englischen Anzug, den man ihm als amerikanisch untergeschoben hatte.

Der Mann ist wirklich interessant, erwiederte ich. Ich würde diese patriotische Aufopferung nicht in seinen grauen Spekulationsaugen gesucht haben. Und doch konnte er der Freiheit seiner Tochter so nahe treten?

Wir waren nun vor Richards Hause angelangt. Ich zog mich bald auf mein Zimmer zurück. Mehrere Briefe von meinem Aufseher lagen vor mir; wahrlich, es ist hohe Zeit, dieses Wanderleben aufzugeben.

Das Abendessen war trefflich, die Weine ausgesucht; es wollte jedoch nicht munden. Meine Freunde waren in der besten, herrlichsten Stimmung, besonders Clara; aber ich wollte nun diesen Abend elend sein, und zog mich frühe mit einem Packet Zeitungen zurück.

Ja, der Red-River kommt morgen zwölf Uhr hier vorbei, auf seinem Wege nach Alexandria; ich will mit, und einmal wieder sehen, was die Meinigen treiben.

Es war Morgens neun Uhr, als ich, mit diesem löblichen Vorsatze ausgerüstet, in meinem Morgenanzuge und Pantoffeln die Stiegen herabkam. Ich weiß nicht, wie es geschah, daß ich, ganz gegen meine sonstige Gewohnheit, mein Frühstück nicht aufs Zimmer beordert hatte. Als ich den Corridor zum Speisesaal hinantrat, hörte ich meinen Namen. Ich stand stille. »Der Horcher an der Wand, fiel mir ein, hört seine eigne Schand';« doch ich wollte einmal meine Schande hören. Es war Claras Stimme.

Aber mit Emilien geht es nun und nimmermehr, sprach sie sehr leise; du weißt, sie hat keine Aussteuer, und die achttausend Dollars —

Ja, die müßte er uns aufkündigen, versetzte ihr Mann; denn er brauchte sie zur ersten Einrichtung und Vermehrung seines Sklavenstandes. Mir käme dies sehr ungelegen; wir haben gute zwanzigtausend damit gewonnen.

Eben deswegen dachte ich, deinen Winken nicht Folge leisten zu müssen, lispelte sie.

Aber mit der Tante wird gewiß nichts daraus, versetzte er.

Wohl denn, laß ihn als Hagestolz vegetiren; ohnedem ist er ein wunderlicher Kauz. Kaum glaube ich, daß Emilie seine Rhapsodien besonders liebgewinnen dürfte.

Ja, das bin ich! murmelte ich, mich leise auf die Stiege zurückziehend. — Wahrlich, ich glaube, in meinem Leben war ich nicht schneller mit meiner Toilette fertig. Die Zeitung in der Hand, trat ich vor meine Freunde.

Nein, George, bat Richards und Clara, du darfst nicht, Sie dürfen nicht gehen, nicht in diesem Zustande gehen; Sie müssen bei Ihren Freunden bleiben.

Ich sah der Yankeein lächelnd ins Gesicht, nahm lächelnd meinen Thee, und entfernte mich mit einer artigen Verbeugung. Schlag zwölf Uhr war ich auf dem Wege zum Red-River, der eine halbe Meile weiter unten vor L—s Pflanzung hielt.