WeRead Powered by ReaderPub
Türkische Märchen cover

Türkische Märchen

Chapter 38: 37. DER HOLZHAUER, DER ZUR UNZEIT TANZTE
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The volume gathers an anthology of Turkish folktales, arranged in two parts: numbers 1–21 collect orally transmitted popular tales gathered in Anatolia, while numbers 22–66 present literary or art tales that reached Turkish letters via Persian and Indian models. Translations and occasional stylistic adjustments aim to preserve the simplicity of the folk narratives and to render the more elaborate courtly stories, many drawn from Tutiname, Humajunname and Qyrq vezir traditions. Bibliographic notes and editorial comments indicate sources and variants, and the selection demonstrates the range from direct, unadorned storytelling to refined parable-like and didactic tales.

[Inhalt]

37. DER HOLZHAUER, DER ZUR UNZEIT TANZTE

In Kerdifan ging ein Holzhauer einst ins Gebirge, um Holz zu fällen. Als er auf dem Berge an einen schönen Platz gekommen war, sah er dort fünf bis zehn Mann sitzen, und vor ihnen stand ein Krug, aus dem sie Speisen und Wein, soviel sie wollten, nahmen und nach Herzenslust sich satt aßen.

Als der Holzhauer dies sah, trat er zu ihnen und mischte sich ins Gespräch. Da ihnen seine Gesellschaft sehr gefiel, sagte einer von ihnen zu ihm: „Sage uns, wenn du irgendeinen Wunsch hast. Wir werden ihn erfüllen.“ Sie waren nämlich Gelehrte aus dem Feengeschlecht. Der Holzhauer wünschte sich den Krug. Sie antworteten: „Du kannst ihn bekommen, aber es ist schwer, ihn zu behüten. Es wäre schade um dich, denn, wenn er zerbrochen ist, läßt er sich nicht wieder machen, und du hast nichts mehr von ihm zu erwarten und wirst auch alles verlieren, was du durch ihn erworben hast. Wünsche ihn dir lieber nicht und fordere etwas, das dir nützlicher ist.“

Der dumme Holzhauer hörte aber nicht auf ihren Rat, sondern sagte: „Ich wünsche doch den Krug. Ich werde ihn schon, soweit es möglich, beschützen und ihn wie meinen Kopf halten.“ So gaben sie ihm den Krug.

Der Holzhauer wurde in kurzer Zeit sehr reich. Eines Tages hatte er seine Freunde zu einer Gesellschaft eingeladen. Als die Eingeladenen diesen wunderbaren Zauberkrug sahen, waren sie sehr erstaunt. Der Holzhauer stand im Übermaß seiner Freude auf, setzte den Krug sich auf den Kopf und fing vor Freuden an zu tanzen, indem er sagte: „O du Kapital meines Wohlstandes, du Glanz meines Lebens.“ Während des Tanzes glitt er aus, fiel aufs Gesicht, der Krug fiel ihm vom Kopfe und zerbrach in tausend Scherben. Sogleich schwand sein großer Reichtum und Wohlstand dahin, und er wurde wieder so arm wie vorher. Alles, was er bis zu diesem Tage an Geld gesammelt hatte, verschwand. [235]