WeRead Powered by ReaderPub
Türkische Märchen cover

Türkische Märchen

Chapter 54: 53. DER UNWISSENDE ARZT
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The volume gathers an anthology of Turkish folktales, arranged in two parts: numbers 1–21 collect orally transmitted popular tales gathered in Anatolia, while numbers 22–66 present literary or art tales that reached Turkish letters via Persian and Indian models. Translations and occasional stylistic adjustments aim to preserve the simplicity of the folk narratives and to render the more elaborate courtly stories, many drawn from Tutiname, Humajunname and Qyrq vezir traditions. Bibliographic notes and editorial comments indicate sources and variants, and the selection demonstrates the range from direct, unadorned storytelling to refined parable-like and didactic tales.

[Inhalt]

53. DER UNWISSENDE ARZT

Es gab einen jeder Erfahrung und jedes Wissens baren Arzt, der trotz seiner Unwissenheit die Heilkunde ausübte und für sich Geschicklichkeit in seiner Kunst in Anspruch nahm. Er war so unwissend, daß er nicht einmal Kopfschmerz von Gicht unterscheiden konnte und in der Zusammensetzung seiner Mittel heilbringende Arzneien und todbringende Gifte miteinander verwechselte. In der Stadt, wo er seinen Laden aufgetan hatte und wie ein Engel des Todes die Saat der Vernichtung ausstreute, war auch ein verständiger Arzt, der in seiner Kunst wohlerfahren war und durch seine glücklichen Kuren wie Jesus durch seinen Atem die Menschen zu neuem Leben erweckte. Aber, wie es so oft in dieser bösen Welt geht, daß die Klugen von dem Tisch der Güter des Lebens leer ausgehen und die Untüchtigen sich vollfüllen, so hatte dieser Mann, der so geschickt wie Galenus und Hippokrates war, kein Glück, während der Ruf des anderen sich immer mehr ausbreitete. [275]

Der König der Stadt hatte eine Tochter, die an Schönheit wie eine Sonne strahlte. Diese hatte er seinem Brudersohn verlobt, und die Hochzeit war jetzt mit königlichem Pompe gefeiert worden. Und aus der glücklichen Vereinigung dieser beiden Sterne war in der Muschel ihres Leibes eine prächtige Perle entstanden. Als die Zeit der Geburt nahte, hatte sich ein Hindernis eingestellt, und man mußte sich an einen Arzt wenden. Man rief den klugen Arzt in den Palast und als man ihm die Krankheit beschrieben und ihn gebeten hatte, schnell ein Mittel zu geben, hatte er auch ein für den kranken Körper passendes Heilmittel bereit und sagte: „Diese Krankheit kann mit einem Medikament geheilt werden, das Mahran heißt, nämlich so: Nehmt ein Viertel Dirhem44 davon, zerstoßt es und siebt es durch ein Seidentuch, vermischt es mit etwas Moschus und Aloe, kocht es und gebt es zu trinken, sofort wird die Krankheit verschwinden und völlige Genesung eintreten. Das Medikament ist in der königlichen Apotheke vorhanden. Es befindet sich in einer Flasche von reinem Silber, die mit reinem Golde verschlossen ist. Ich habe sie aber wegen meiner Kurzsichtigkeit nicht finden können.“

Nun war auch der unwissende Arzt anwesend und sagte: „Ich kenne dies Medikament und habe auch Erfahrung in der Mischung und Bereitung.“ Auf Befehl des Königs ging er in die Apotheke und suchte die beschriebene Flasche. Da es aber verschiedene derartige Flaschen gab, so konnte er sie nicht unterscheiden. Er nahm ohne genauere Untersuchung eine davon heraus. Diese enthielt nun nicht das Mahran, sondern ein tödliches Gift. Er öffnete sie, vermischte das Gift in der vorgeschriebenen Weise, stellte die Medizin her und gab sie zu trinken. Als die Kranke dies bittere Gift getrunken, vergaß sie den Streit dieser Welt und gab ihr Leben auf.

Als der König dies sah, schickte er aus Schmerz über die Trennung Seufzer zum Himmel empor und gab den Rest des Trankes dem unwissenden Arzte, der auch daran starb. [276]