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Türkische Märchen cover

Türkische Märchen

Chapter 62: 62. DER MANN MIT DEN ZWEI FRAUEN
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About This Book

The volume gathers an anthology of Turkish folktales, arranged in two parts: numbers 1–21 collect orally transmitted popular tales gathered in Anatolia, while numbers 22–66 present literary or art tales that reached Turkish letters via Persian and Indian models. Translations and occasional stylistic adjustments aim to preserve the simplicity of the folk narratives and to render the more elaborate courtly stories, many drawn from Tutiname, Humajunname and Qyrq vezir traditions. Bibliographic notes and editorial comments indicate sources and variants, and the selection demonstrates the range from direct, unadorned storytelling to refined parable-like and didactic tales.

[Inhalt]

62. DER MANN MIT DEN ZWEI FRAUEN

Ein Mann hatte zwei Frauen, die eine war alt, die andere zart wie ein Rosenblatt. Er selbst war über die Zeit der Jugend hinaus, und sein Haar und Bart fingen an grau zu werden. Er liebte beide Frauen und behandelte die eine wie die andere derart, daß er die eine Nacht bei der einen und die andere [290]Nacht bei der andern zubrachte. Er hatte die Gewohnheit, des Morgens, bevor er aufstand, seinen Kopf seiner Frau auf den Schoß zu legen und noch etwas zu schlafen. Als er eines Tages so im Schoße der alten Frau schlief, sah diese, daß in seinem Bart einzelne weiße Haare waren. Sie sagte zu sich: „Ich werde ihm die schwarzen Haare herausschneiden und ihn des Schmuckes der Jugend berauben, damit die andere Frau, die ihn für jung hält, seiner überdrüssig wird, wenn sie das weiße Haar sieht, und damit er sich dann aus Ärger über diese Zurücksetzung ganz mir anschließt.“ In diesem Gedanken beseitigte sie, soweit als möglich die schwarzen Haare.

Am nächsten Morgen schlief er im Schoße der jungen Frau. Als diese unter den weißen Haaren einige schwarze sah, die der Schere der alten Frau entgangen waren, sagte sie: „Ich werde die weißen Haare entfernen, so daß er sich noch für jung hält, des Verkehrs mit der alten Frau überdrüssig wird und nur Verlangen nach mir hat.“ Sie schnitt also, soweit sie konnte, die weißen Haare ab. So verging einige Zeit. Eines Tages hörte er, daß einige Leute zueinander sprachen und sich über seinen Bart lustig machten. Er faßte nach seinem Barte und sah, daß überhaupt kein Haar mehr geblieben war.