Und singend zog er von hinnen, nicht ohne den bebenden Mund und die hübschen Augen der fiebernden Nele geküßt zu haben, die in einem weinte und lachte.
Die Geusen sind in Antwerpen. Sie erbeuten Alba’s Schiffe bis in den Hafen hinein. Bei hellem Tage dringen sie in die Stadt, befreien Gefangene und machen andre, die ihnen Lösegeld einbringen sollen. Sie heben die Bürger mit Gewalt aus und zwingen etliche bei Todesstrafe, ihnen zu folgen und nicht zu sprechen.
Ulenspiegel sprach zu Lamm: „Des Admirals Sohn wird im Hause des Kanonikus gefangen gehalten; wir müssen ihn befreien.“
Als sie ins Haus des Kanonikus drangen, sahen sie den Sohn, den sie suchten, in Gesellschaft eines dicken schmerbäuchigen Mönches, der zornig auf ihn einredete, denn er wollte ihn in den Schoß unserer heiligen Mutter Kirche zurückführen. Aber der junge Bursche wollte nicht. Er ging mit Ulenspiegel fort. Indessen packte Lamm den Mönch bei der Kapuze und trieb ihn durch die Straßen von Antwerpen vor sich her, indem er sagte:
„Du bist hundert Gülden Lösegeld wert, schnüre Dein Bündel und schreite voraus. Was säumst Du? Hast Du Blei in Deinen Sandalen? Marsch, Specksack, Speiseschrank, Suppenbauch.“
Der Mönch sagte in großer Wut:
„Ich gehe, Herr Geuse, ich gehe, aber trotz aller Achtung, die ich Eurer Büchse schulde, Ihr seid gleich mir fettleibig, schmerbäuchig und dick.“
Aber Lamm stieß ihn vor sich her und sprach:
„Wagst Du es, elender Mönch, Dein klösterliches, unnützes Faulenzerfett mit dem Fett eines Vlämen zu vergleichen, das durch Anstrengungen, Strapazen und Schlachten ehrlich angemästet ist? Lauf, oder ich werde Dir wie einem Hund einen Fußtritt geben, und das mit dem Schnabel meines Schuhes.“
Aber der Mönch konnte nicht laufen, und er war ganz außer Atem und Lamm desgleichen. Und so gelangten sie zum Schiffe.
21
Nachdem die Geusen Rammekens, Gertruidenberg und Alckmaer erobert hatten, kehrten sie nach Vlissingen zurück.
Nele, die genesen war, erwartete Ulenspiegel am Hafen.
„Tyll,“ sagte sie, da sie ihn sah, „mein trauter Tyll, bist Du nicht verwundet?“
Ulenspiegel sang:
„Ach,“ sprach Lamm, sein Bein nachschleppend, „die Kugeln, Granaten und Kettenkugeln regnen um ihn her, und er fühlt davon nichts als den Wind. Du bist ohne Zweifel ein Geist, Ulenspiegel, und auch Du, Nele, denn ich sehe Euch allezeit heiter und jugendlich.“
„Warum schleppst Du das Bein nach?“ fragte Nele ihn.
„Ich bin kein Geist und werde es auch nie werden,“ sagte er. „Zudem habe ich einen Axthieb in den Schenkel erhalten / die meiner Frau waren so weiß und rund! / Sieh, ich blute. Ach, warum habe ich sie nicht hier, um mich zu pflegen!“
Doch Nele erwiderte zornig:
„Was bedarfst Du einer wortbrüchigen Frau?“
„Sprich nicht schlecht von ihr,“ sagte Lamm.
„Warte, hier ist Balsam,“ sagte Nele, „ich habe ihn für Ulenspiegel aufbewahrt; streich ihn auf Deine Wunde.“
Da Lamm seine Wunde verbunden hatte, war er froh, denn der Balsam linderte den brennenden Schmerz. Und sie gingen alle drei wieder zu Schiff.
Da sie den Mönch sah, der dort mit gefesselten Händen herumspazierte, sagte sie: „Wer ist der? Ich habe ihn schon gesehen und glaube, ihn zu erkennen.“
„Er ist hundert Gülden Lösegeld wert,“ sagte Lamm.
An jenem Tage war in der Flotte ein Freudenfest. Trotz des rauhen Dezemberwindes, trotz Regen und Schnee waren alle Geusen der Flotte auf den Decks der Schiffe. Die silbernen Halbmonde glänzten matt auf den zeeländischen Hüten.
Und Ulenspiegel sang: