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Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts cover

Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak: Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts

Chapter 185: 7
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About This Book

This work presents the legendary adventures of two characters, Tyll Ulenspiegel and Lamm Goedzak, in Flanders and beyond. It intertwines humor and heroism, exploring themes of freedom, social justice, and the absurdities of authority. The narrative is rich with folklore and satire, depicting the struggles against oppression and the resilience of the human spirit. Through a blend of comedic and serious tones, it critiques societal norms and the political landscape of the time, showcasing the characters' cleverness and wit as they navigate their tumultuous world.

Fünftes Buch


1


Da der Mönch, den Lamm gefangen genommen, merkte, daß die Geusen nicht seinen Tod, sondern Lösegeld wollten, begann er auf dem Schiffe die Nase hoch zu tragen.

„Sehet,“ sprach er auf und ab gehend, mit wütendem Kopfschütteln, „sehet, in welchen Abgrund schmutziger, schwarzer, gemeiner Greuel ich gefallen bin, da ich den Fuß in diesen Holznapf setzte. Wenn ich nicht hier wäre, ich, den der Herr salbte ...“

„Mit Hundsfett?“ fragten die Geusen.

„Selbst Hunde,“ antwortete der Mönch, seine Rede fortsetzend. „Ja, räudige, verlaufene, dreckige Hunde mit magerem Kreuz. Ihr, die Ihr den fruchtbaren Schoß unserer heiligen römischen Mutter Kirche gemieden habt, um die dürren Wege Eurer lumpigen, reformierten Kirche zu betreten. Ja, wäre ich nicht hier in Eurem Holzschuh, Eurem Napf, so hätte der Herr ihn schon längst in die tiefsten Abgründe des Meeres versenkt, samt Euch, Euren verfluchten Waffen, Euren Teufelskanonen, Eurem singenden Kapitän, Euren lästerlichen Halbmonden, ja, bis auf den Grund der unergründlichen Tiefe von Satans Reich. Dort werdet ihr nicht verbrennen, nein! aber zu Eis gefrieren, zittern und vor Kälte umkommen, während der ganzen langen Ewigkeit. Ja, also wird Gott im Himmel auslöschen das Feuer Eures gottlosen Hasses gegen unsere sanfte heilige römische Mutter Kirche, gegen die hohen Heiligen, die Herren Bischöfe und die gesegneten Edikte, die so überaus sänftiglich und reiflich bedacht waren. Jawohl, ich werde Euch oben vom Paradiese sehen, veilchenblau wie Rotebeete oder weiß wie Rüben, so sehr wird Euch frieren. Tsi, tsi, tsi! Also geschehe es, geschehe es, geschehe es!“

Die Matrosen, Soldaten und Schiffsjungen trieben ihren Spott mit ihm und schossen aus Blasrohren mit trockenen Erbsen auf ihn. Und er bedeckte sich das Gesicht mit den Händen gegen diese Geschosse.


2


Nachdem der Blutherzog die Niederlande verlassen hatte, wurden sie von den Herren Messina-Coeli und Requesens mit minderer Grausamkeit regiert; dann wurden sie von den Generalstaaten im Namen des Königs regiert. Inzwischen eröffneten die Zeeländer und Holländer, wohlgeborgen durch Meer und Deiche, so für sie natürliche Wälle und Festungen sind, dem Gott der Freien freie Tempel. Die papistischen Henker konnten nebenan ihre Hymnen singen, und Seine Gnaden von Oranien, der Schweiger, war geschäftig, eine Dynastie von Statthaltern und Königen aufzurichten.

Belgien ward von den Wallonen verwüstet, die ob der Genter Pazifikation mißvergnügt waren, da sie alle Feindschaft begraben sollten. Und diese wallonischen Paternosterknechte, die dicke, schwarze Rosenkränze um den Hals trugen, davon zu Spienne im Hennegau zweitausend gefunden wurden, stahlen Ochsen und Pferde zu zwölfhundert, zu zweitausend und wählten sich die besten aus. Sie schleppten Frauen und Mädchen durch Felder und Sümpfe fort und verbrannten in den Scheunen die bewaffneten Bauern, die sich die Frucht ihrer harten Arbeit nicht rauben lassen wollten.

Und die Leute aus dem Volk sprachen untereinander:

„Don Juan wird mit seinen Spaniern kommen und Seine Herzogliche Hoheit mit seinen Franzosen, nicht mit den Hugenotten, sondern den Papisten. Der Schweiger, der Holland, Zeeland, Geldern und Overyssel friedlich zu regieren wünscht, tritt durch geheimen Vertrag die Belgischen Lande ab, auf daß Herr von Anjou sich dort zum König mache.“

Etliche aus dem Volke hatten gleichwohl Vertrauen. „Die Herren von den Generalstaaten,“ sagten sie, „haben zwanzigtausend wohlbewaffnete Leute mit vielen Kanonen und guter Reiterei. Sie werden allen fremden Soldaten widerstehen.“

Aber die Wohlunterrichteten sprachen: „Die Herren von den Generalstaaten haben zwanzigtausend Mann auf dem Papier, aber nicht im Felde; es fehlt ihnen an Reiterei, und sie lassen sich ihre Pferde eine Meile von ihrem Lager von den Paternosterknechten stehlen. Sie haben keine Artillerie, denn wiewohl sie deren hier bedürfen, haben sie beschlossen, hundert Kanonen mit Pulver und Kugeln an Don Sebastian von Portugal zu senden. Und man weiß nicht, wohin die zwei Millionen Taler gehen, die wir in vier Raten durch Steuern und Kriegsauflagen bezahlt haben. Die Bürger von Gent und Brüssel rüsten sich, Gent für die Reformation und Brüssel desgleichen; in Brüssel schlagen die Frauen die Schellentrommel, dieweil ihre Männer an den Wällen arbeiten. Gent, die Kühne, schickt Brüssel, der Fröhlichen, Pulver und Kanonen, woran es ihr mangelt, um sich gegen die Mißvergnügten und die Spanier zu verteidigen.“

Und ein Jeglicher in den Städten wie auf dem platten Lande sieht ein, daß man kein Vertrauen haben darf, weder zu den Herren von den Generalstaaten, noch zu vielen andern. Und wir Bürger und das niedere Volk sind betrübt in unsern Herzen, daß wir im Lande unsrer Väter keine Besserung sehen, wiewohl wir unser Geld hergeben und bereit sind, unser Blut zu geben. Und das Land Belgien ist bang und erzürnt, daß es keine getreuen Anführer hat, die ihm Gelegenheit geben zu Schlacht und Sieg, da ihre Waffen der Feinde der Freiheit harren.

Und die Wohlunterrichteten sprachen untereinander:

„Bei der Genter Pazifikation haben die Herren von Holland und Belgien Beilegung aller Feindschaft geschworen und gegenseitigen Beistand zwischen den belgischen und niederländischen Staaten. Sie erklärten die Edikte für null und nichtig, die Konfiskationen für aufgehoben, Frieden zwischen beiden Religionen; sie versprachen, alle Säulen, Trophäen, Inschriften und Bildnisse, so der Herzog zu unserer Unehre errichtet, niederzureißen. Aber in den Herzen der Führer sind die Feindschaften noch nicht niedergerissen. Adel und Geistlichkeit erregen Zwietracht zwischen den Staaten der Union; sie empfangen Geld, um die Soldaten zu bezahlen, und behalten es für ihre Völlerei. Fünfzehntausend Prozesse um Rückforderung der eingezogenen Vermögen harren der Erledigung. Die Lutherischen und Römischen vereinigen sich gegen die Calvinisten; den rechtmäßigen Erben gelingt es nicht, den Räubern ihr Vermögen abzujagen; die Statue des Herzogs liegt am Boden, aber in ihren Herzen lebt das Bild der Inquisition.“

Und das arme Volk und die bekümmerten Bürger harrten immerdar des tapferen und getreuen Feldherrn, der sie in die Schlacht für die Freiheit führte.

Und sie sprachen untereinander: „Wo sind die erlauchten Unterzeichner des Kompromisses, die, wie sie sagten, männiglich zum Wohle des Vaterlandes vereinigt waren? Warum bildeten diese falschen Männer eine so „heilige Allianz“, wenn sie diese sogleich brechen mußten? Weshalb sich mit soviel Aufsehen versammeln, des Königs Zorn erregen, um sich hernach wie Feiglinge und Verräter zu trennen? Zu Fünfhundert, wie sie waren, hoher und niedrer Adel, als Brüder vereinigt, retteten sie uns vor der spanischen Wut; aber sie opferten das Wohl des belgischen Landes ihrem eigenen Wohl, gleichwie van Egmont und van Hoorn.“ „Wehe,“ sagten sie, „sehet jetzo Don Juan, den schönen Ehrgeizigen kommen, Philipps Feind, aber mehr noch unsrer Länder Feind. Er kommt um des Papstes und seiner selbst willen. Adel und Klerus üben Verrat.“

Und sie beginnen einen Scheinkrieg. An den Mauern der großen und kleinen Straßen von Gent und Brüssel, selbst an den Masten der Geusenschiffe, sah man nunmehr die Namen der Verräter angeheftet, der Heerführer und Kommandanten von Festungen: die des Grafen von Liedekerke, der sein Schloß nicht gegen Don Juan verteidigte; des Burgvogtes von Lüttich, der die Stadt an Don Juan verkaufen wollte; der Herren von Aerschot, von Mansfeldt, von Berlaymont, von Rassanghien; die des Staatsrats, des Georges de Lalaing, Stadthalters von Friesland, des Feldhauptmanns de Rossignol, des Sendboten von Don Juan und Vermittlers zum Meuchelmord zwischen Philipp und Jauréguy, dem plumpen Mörder des Prinzen von Oranien. Ferner die Namen des Erzbischofs von Cambray, der die Spanier in die Stadt einlassen wollte; die Namen der Jesuiten von Antwerpen, die den Staaten drei Tonnen Goldes, / das ist zwei Millionen Gülden / anboten, damit das Schloß nicht zerstört würde und für Don Juan erhalten bliebe; die Namen des Bischofs von Lüttich und der geschwätzigen römischen Prediger, welche die Patrioten in bösen Leumund brachten; die des Bischofs von Utrecht, den die Bürger fortschickten, um anderswo das Kraut des Verrats zu weiden, und der Bettelorden, die in Gent zu Gunsten Don Juans Ränke schmiedeten. Die von Herzogenbusch nagelten den Namen von Carme Pierre an den Schandpfahl, der, vom Bischof und dessen Clerus unterstützt, sich anheischig machte, die Stadt dem Don Juan auszuliefern.

In Douay jedoch henkten sie den Rektor der Universität, der gleichermaßen spanisch geworden, nicht in effigie. Doch auf den Geusenschiffen sah man auf der Brust der gehenkten Strohmänner Namen von Mönchen, Äbten und Prälaten und von achtzehnhundert reichen Frauen und Jungfrauen des Beghinen-Klosters zu Mecheln, die die Henker des Vaterlandes mit ihren Groschen unterhielten und mit Gold und Federn schmückten.

Und auf diesen Strohmännern, den Schandpfählen der Verräter, stand der Name des Marquis d’Harrault, des Kommandanten der Feste Philippeville, der die Kriegs- und Mondvorräte unnütz vergeudete, um unter dem Vorwand des Mangels an Lebensmitteln, die Feste dem Feind auszuliefern. Da stand der Name Belvers, der Limburg übergab, als diese Stadt sich noch acht Monate halten konnte; der des Staatskanzlers von Flandern; des Magistrats von Brügge, des Magistrats von Mecheln, der seine Stadt für Don Juan offen hielt. Da standen die Namen der Herren von der geldernschen Rechnungskammer, die wegen Verrates geschlossen wurde; die des Rates von Brabant, der Kanzlei des Herzogtums, des geheimen Rats und des Finanzrats; die des Oberamtsmanns und des Bürgermeisters von Menin und der bösen Nachbarn von Artois, die zweitausend Franzosen, so auf Plünderung auszogen, unverweht durchließen.

„Wehe,“ sprachen die Bürger untereinander, „nun hat der Herzog von Anjou einen Fuß in unserm Lande; er will bei uns König werden. Sahet Ihr ihn in Mons einziehen, klein und mit dicken Hüften, großer Nase, gelbem Antlitz und spöttischem Munde. Es ist ein großer Fürst, der die ungewöhnlichen Liebschaften liebt, und damit sich in seinem Namen weibliche Anmut mit männlicher Kraft paare, nennt man ihn Seine Groß-Hoheit, den Herzog von Anjou.“

Ulenspiegel war nachdenklich. Und er sang:

„Der Himmel ist blau, die Sonne hell;
Umhüllt die Banner mit Flor,
Mit Flor die Degengriffe,
Versteckt die Juwelen,
Kehrt um die Spiegel;
Ich singe das Lied vom Tode,
Das Lied vom Verrat.
Sie setzten ihnen auf Leib und Brust
Den Fuß, den stolzen Ländern:
Brabant und Flandern, Hennegau,
Antwerpen, Artois, Luxemburg.
Junker und Pfaffen übten Verrat;
Des Lohnes Köders lockte sie.
Ich singe das Lied vom Verrat.
Wenn allerorts der Feind nun raubt,
Der Spanier in Antwerpen herrscht,
Lustwandeln in den Gassen der Stadt,
Äbte, Pfaffen und Feldhauptleute,
In Seide gekleidet, mit Gold verbrämt.
Von gutem Wein glänzt ihr volles Gesicht
Und trägt ihre Schande zur Schau.
Und durch sie wird die Inquisition
Triumphierend zum Leben erwachen.
Von den neuen Ritelmans
Werden Taubstumme dann verhaftet
Um Ketzerei.
Ich singe das Lied vom Verrat.
Unterzeichner des Vergleichs,
Feige Unterzeichner;
Euer Name sei verflucht.
Wo seid Ihr zur Stunde des Krieges?
Ihr folget gleich Raben
Der spanischen Fährte.
Schlaget die Trommel der Trauer.
Die Zukunft, belgisches Land,
Wird Dich verdammen, weil Du
Gewaffnet Dich ließest berauben.
Zukunft, eile Dich nicht.
Sieh die Verräter geschäftig:
Es sind zwanzig, es sind tausend;
Alle Ämter haben sie inne,
Die Großen geben sie den Kleinen.
Sie sind im Einverständnis,
Den Widerstand zu hindern
Durch Zwietracht und Trägheit,
Ihre Losung des Verrats.
Verhüllt mit Flor die Spiegel
Und die Degengriffe.
Dies ist das Lied des Verrats.
Spanier und Unzufriedene
Erklären sie für Rebellen,
Verbieten, ihnen zu helfen
Mit Brot und Obdach,
Mit Pulver und Blei.
Doch fängt man sie, um sie zu henken.
Um sie zu henken.
Gleich lassen sie sie frei.
Auf! sagen die Brüßler.
Auf! sagen die Genter
Und das belgische Volk.
Euch arme Menschen will man
Zermalmen zwischen dem König
Und dem Papst, welcher den Kreuzzug
Gegen Flandern betreibt.
Sie kommen, die feilen Söldner,
Beim Blutgeruch herbei,
Scharen von Hunden,
Hyänen und Schlangen,
Die hungert und dürstet.
Armes Land der Väter,
Reif für Trümmer und Tod.
Nicht Don Juan ist es,
Der es Farnese, des Papstes Liebling,
Mundgerecht macht,
Doch Die, so Du mit Gold
Und Ehren überhäuft.
Die Deiner Weiber, Töchter
Und Kinder Beichte hörten.
Sie warfen Dich zu Boden,
Es setzt der Spanier Dir
Das Messer an die Kehle.
Sie trieben Spott mit Dir,
Da sie zu Brüssel des Prinzen
Oranien Kommen gefeiert.
Da man auf dem Kanale
So mannig Feuerwerk
Mit Freudengeknatter sah,
Soviel triumphierende Schiffe,
Gemälde und Wandbehänge,
Da, Belgien, spielte man
Von Joseph die Geschichte,
Wie ihn die Brüder verkauft.“

3


Da der Mönch merkte, daß man ihn reden ließ, trug er auf dem Schiffe die Nase hoch; und um ihn noch mehr zum Predigen anzureizen, lästerten die Matrosen und Soldaten die heilige Jungfrau, die hohen Heiligen und die frommen Andachtsübungen der heiligen römischen Kirche.

Dann geriet er in Wut und spie tausend Beschimpfungen gegen sie aus.

„Ja,“ schrie er, „ja, da bin ich traun in der Höhle der Geusen. Ja, dies sind wahrlich die verfluchten Länderaussauger! Ja. Und man sagt, daß der Inquisitor, der heilige Mann, ihrer zu viele verbrannt hat! Nein: Es ist noch genug von dem schmutzigen Ungeziefer übrig. Ja, auf den guten, tapferen Kriegsschiffen unseres Herrn Königs, die ehedem so sauber und gut gewaschen waren, sieht man jetzo das Ungeziefer der Geusen, ja, das stinkende Ungeziefer. Ja, es ist schmutziges, stinkendes, schändliches Ungeziefer, der singende Kapitän, der Koch mit dem Bauch voller Gottseligkeit, und sie alle mit ihren lästerlichen Halbmonden. Wenn der König seine Schiffe mit der Lauge der Geschütze gesäubert hat, wird für mehr als hunderttausend Gülden Pulver und Kugeln vonnöten sein, um diese schmutzige, gemeine, stinkende Seuche zu vertreiben. Ja, Ihr seid alle in Frau Luzifers Bette geboren, die verdammt ist, mit Satanas zwischen Mauern von Ungeziefer, unter Vorhängen von Ungeziefer und auf Polstern von Ungeziefer zu buhlen. Ja, und dort in ihren abscheulichen Umarmungen erzeugten sie die Geusen. Ja, ich spucke auf Euch.“

Auf diese Rede hin sprachen die Geusen zu ihm:

„Was behalten wir diesen Faulenzer hier, der nichts kann als Schimpfworte ausspeien? Wir wollen ihn lieber henken.“

Und sie machten sich ans Werk.

Als der Mönch sah, daß der Strick bereit, die Leiter an den Mastbaum gelehnt war und man ihm die Hände binden wollte, sagte er kläglich:

„Habt Mitleid mit mir, Ihr Herren Geusen, es ist der Teufel des Zornes, der in meinem Herzen spricht, und nicht Euer geringer Gefangener, ein armer Mönch, der auf dieser Welt nicht mehr als einen Hals hat. Gnädige Herren, erbarmt Euch. Schließt mir den Mund mit einer Angstbirne, wenn Ihr wollt, / eine gar schlechte Frucht / aber henket mich nicht.“

Ohne auf ihn zu hören, und trotz seines wütenden Widerstandes schleppten sie ihn nach der Leiter. Da schrie er so gellend, daß Lamm zu Ulenspiegel, der bei ihm in der Küche war und ihn pflegte, sprach:

„Mein Sohn, mein Sohn, sie haben ein Schwein aus dem Koben gestohlen und stechen es ab. Oh, die Spitzbuben! Wenn ich doch aufstehen könnte.“

Ulenspiegel ging hinauf und erblickte nichts als den Mönch. Da dieser seiner gewahr wurde, fiel er auf die Kniee und sagte, die Hände zu ihm erhebend:

„Herr Kapitän, Kapitän der tapferen Geusen, die zu Wasser und zu Lande furchtbar sind, Eure Soldaten wollen mich henken, weil ich mich mit der Zunge vergangen habe. Das ist eine ungerechte Strafe, Herr Kapitän, denn alsdann müßten alle Advokaten, Sachverwalter, Prediger und Weiber ein hänfenes Halsband haben, und die Welt würde entvölkert werden. Herr, errettet mich vom Strick. Ich werde für Euch beten, und Ihr werdet nicht verdammt werden, gebt mir Pardon. Der Sprechteufel verleitete mich und zwang mich, unaufhörlich zu reden: das ist ein gar großes Unglück. Dann läuft mir die Galle über und läßt mich tausend Dinge sagen, die ich nicht denke. Gnade, Herr Kapitän, und Ihr Herren alle, bittet für mich.“

Plötzlich erschien Lamm im Hemd auf Deck und sagte:

„Kapitän und Kameraden, es war nicht das Schwein, daß quiekte, sondern der Mönch; des bin ich froh. Ulenspiegel, mein Sohn, ich habe einen großartigen Plan inbetreff des frommen Vaters gefaßt. Schenk ihm das Leben, aber laß ihn nicht frei, sonst wird er noch einen schlechten Streich auf dem Schiffe verüben. Vielmehr laß ihm auf Deck einen engen, recht luftigen Käfig machen, darin er nur sitzen und schlafen kann, wie man sie für die Kapaunen macht. Laß mich ihn füttern, und wenn er nicht soviel ißt, wie ich will, möge er gehenkt werden.“

„Möge er gehenkt werden, wenn er nicht ißt“, sagten Ulenspiegel und die Geusen.

„Was gedenkst Du mit mir zu machen, Dicker?“ fragte der Mönch.

„Das wirst du sehen,“ antwortete Lamm.

Und Ulenspiegel tat, was Lamm wünschte, und der Mönch ward in den Käfig gesetzt, und Jedermann konnte ihn darin nach Belieben betrachten.

Lamm war in die Küche hinuntergegangen; Ulenspiegel ging ihm nach und hörte ihn mit Nele streiten.

„Ich werde mich nicht hinlegen,“ sagte er, „nein, ich werde mich nicht hinlegen, damit andere kommen und in meinen Brühen herum mantschen. Nein ich werde nicht in meinem Bette bleiben wie ein Kalb!“

„Werde nicht böse, Lamm,“ sprach Nele, „sonst wird Deine Wunde wieder aufbrechen, und Du wirst sterben.“

„Wohlan,“ sagte er, „ich werde sterben; ich bin es satt, ohne mein Weib zu leben. Ist es noch nicht genug, daß ich es verloren habe, willst du mich auch noch hindern, mich, den Schiffskoch, auf die Suppe zu achten? Weißt du nicht, daß dem Duft der Brühen und Fleischgerichte eine Heilkraft innewohnt? Sie nähren selbst meinen Geist und panzern mich wider das Unglück.“

„Lamm,“ sagte Nele, „Du mußt auf unseren Rat hören und Dich von uns heilen lassen.“

„Ich will mich heilen lassen,“ sprach Lamm; „aber es soll nur ein anderer hier herein kommen, irgend ein unwissender, stinkender, triefäugiger, rotznasiger Taugenichts und soll an meiner Statt als Schiffskoch herrschen und mit seinen schmutzigen Fingern in meine Brühen fahren, so schlüg’ ich ihn lieber mit meiner Holzkelle tot, die dann von Eisen wäre.“

„Gleichviel,“ sagte Ulenspiegel, „Du brauchst einen Gehilfen, Du bist krank.“

„Ein Gehilfe für mich!“ sagte Lamm, „mir ein Gehilfe! Bist Du denn nur mit Undankbarkeit vollgepfropft wie eine Wurst mit gehacktem Fleisch? Ein Gehilfe, mein Sohn, und Du sagst das mir, Deinem Freund, der Dich so lange und so reichlich genährt hat! Jetzt wird meine Wunde wieder aufbrechen. Schlechter Freund, wer würde dir hier wohl die Nahrung bereiten wie ich? Was würdet Ihr beiden anfangen, wenn ich nicht da wäre, um dir, Kapitän, und Dir, Nele, etwelches leckere Gericht vorzusetzen?“

„Wir würden selbst in der Küche arbeiten,“ sprach Ulenspiegel.

„Die Küche!“ sagte Lamm. „Du taugst dazu, gute Küche zu essen, sie zu schnüffeln und einzuschlürfen, aber kochen, nein! Armer Freund und Kapitän, ich würde Dir, mit Verlaub zu sagen, in Streifen geschnittene Gürteltaschen zu essen geben, und Du würdest sie für harte Kaldaunen halten. Laß mich, mein Sohn, laß mich hier bleiben, sonst werde ich wie ein Stock eintrocknen.“

„So bleibe Schiffskoch,“ sprach Ulenspiegel; „wenn du nicht gesund wirst, schließe ich die Küche zu und wir essen nur Schiffszwieback.“

„Ach, mein Sohn,“ sprach Lamm, vor Freude weinend, „Du bist gut wie unsere liebe Frau.“


4


Er schien jedoch zu genesen.

Alle Samstage sahen die Geusen, wie er den Leibesumfang des Mönches mit einem langen Lederriemen maß.

Am ersten Samstag sagte er:

„Vier Fuß.“

Und sich selber messend, sprach er:

„Vier und einen halben Fuß.“

Und er schien schwermütig.

Doch am achten Samstag war er fröhlich und sagte von dem Mönche:

„Vier dreiviertel Fuß.“

Und als er ihm Maß nahm, erboste sich der Mönch und sprach:

„Was hast du mit mir vor, Dicker?“

Aber Lamm steckte die Zunge heraus und schwieg.

Und siebenmal am Tage sahen die Matrosen und Soldaten ihn mit irgend einem andern Gericht ankommen und dabei sagen:

„Hier sind fette Bohnen mit flandrischer Butter; hast Du je so gute in Deinem Kloster gegessen? Du hast ein volles Gesicht, hier auf dem Schiff magert man nicht ab. Fühlst Du nicht, wie Dir die Fettpolster im Rücken wachsen? Bald wirst Du kein Pfühl mehr brauchen, um zu schlafen.“

Bei der zweiten Mahlzeit des Mönches sprach er:

„Sieh da, das sind Krapfen nach Brüsseler Art. Die Wälschen nennen sie Crèpes, denn sie tragen sie zum Zeichen der Trauer am Hut. Diese jedoch sind nicht schwarz, sondern blond und im Ofen goldig gebacken. Siehst Du die Butter darauf rinnen? So wird auch Dein Bauch werden.“

„Ich habe keinen Hunger,“ sprach der Mönch.

„Du mußt essen,“ sagte Lamm. „Glaubst Du, daß es Krapfen von Buchweizenmehl sind? Es ist reines Weizenmehl, frommer Vater, Vater im Fett, es ist feinstes Weizenmehl, Vater mit vierfachem Kinn; ich sehe schon das fünfte keimen, und mein Herz ist froh. Iß!“

„Laß mich in Ruhe, Dicker,“ sprach der Mönch.

Lamm ward zornig und antwortete:

„Ich bin Herr über Dein Leben. Ziehst du den Strang einem guten Napf Erbsenbrei mit gerösteter Brotrinde vor, die ich Dir alsbald bringen werde?“

Und als er mit dem Napf kam, sagte Lamm:

„Der Erbsenbrei hat es gern, wenn er in Gesellschaft gegessen wird; darum habe ich deutsche Knödel dabei gegeben, schöne Klöße von Korinther Mehl, ganz frisch ins kochende Wasser geworfen. Sie sind schwer, aber sie setzen Speck an. Iß, soviel du kannst. Jemehr Du issest, um so größer ist meine Freude. Ziere Dich nicht, und schnaufe nicht so stark, als ob es Dir zu viel würde. Iß! Ist Essen nicht besser als gehenkt werden? Laß mal Deine Schenkel sehen? Sie werden auch fetter. Zwei Fuß und sieben Zoll rund herum. Wo ist ein Schinken, der soviel mißt?“

Eine Stunde darauf kam er wieder zum Mönche.

„Sieh,“ sprach er, „hier sind neun Tauben. Sie sind für Dich geschlachtet, die unschuldigen Tierchen, die ohne Furcht über den Schiffen flogen. Verschmähe sie nicht, ich habe ihnen eine Butterkugel in den Leib gelegt, samt Weißbrot, geriebener Muskatnuß und Gewürznelken, in einem kupfernen Mörser gestoßen, der wie Deine Haut glänzt. Die liebe Sonne freut sich, in einem Gesichte, so blank wie das Deine, sich spiegeln zu können. Das kommt vom Fett, vom guten Fett, das ich Dir verschafft habe.“ Bei der fünften Mahlzeit brachte er ihm ein „Waterzoey“.

„Was denkst Du von diesem gedämpften Fische?“ fragte er. „Das Meer trägt Dich und ernährt Dich, mehr würde es auch nicht für Seine Königliche Majestät tun. Ja, ja, ich sehe das fünfte Kinn deutlich sprossen, ein wenig mehr an der linken als an der rechten Seite. Wir werden diese Seite, die zu kurz gekommen ist, fett machen müssen, denn Gott hat uns gesagt: „Seid gerecht gegen jedermann.“ Wo wäre Gerechtigkeit, wenn nicht in gleichmäßiger Verteilung von Fett? Für Deine sechste Mahlzeit werde ich Dir Muscheln, die Austern der armen Leute, bringen, dergleichen man Dir in Deinem Kloster nie aufgetragen hat. Die Unwissenden kochen sie und essen sie so, aber das ist nur der Prolog ihrer Zubereitung. Man muß hernach die Schalen abnehmen, ihre zarten Körper in ein Pfännlein tun und sie da sanft mit Sellerie, Muskat und Nelken dämpfen, die Brühe mit Bier und Mehl binden und sie mit gerösteten Brotschnitten anrichten. So habe ich sie für Dich gemacht. Warum schulden die Kinder ihren Vätern und Müttern so großen Dank? Weil sie ihnen Obdach, Liebe, doch sonderlich die Nahrung gegeben haben. Demnach mußt Du mich wie Deinen Vater und Deine Mutter lieben und gleich ihnen bist Du, Vielfraß, mir Dank schuldig. Drum sieh mich nicht mit so wilden, rollenden Augen an.

„Bald werde ich Dir eine Biersuppe mit Mehl bringen, gut gezuckert, mit viel Zimmt. Weißt Du, warum? Damit Dein Fett durchsichtig wird und unter Deiner Haut bebt: so sieht man es, wenn Du Dich bewegst. Horch, da läutet es Schlafenszeit: schlummere in Frieden, ohne Sorgen für den kommenden Tag, und sei sicher, Deine geschmälzten Mahlzeiten wiederzufinden, und Deinen Freund Lamm, der nicht ermangeln wird, sie Dir zu geben.“

„Geh von hinnen und laß mich beten,“ sagte der Mönch.

„Bete,“ sprach Lamm, „bete in fröhlicher Schnarchmusik. Bier und Schlafen werden Dir Fett, gutes Fett ansetzen. Ich bin froh.“

Und Lamm ging, sich ins Bett zu legen.

Und die Matrosen und Soldaten fragten ihn:

„Was hast Du davon, diesen Mönch, der Dir nicht wohl will, so reichlich zu füttern?“

„Laßt mich nur machen,“ sprach Lamm. „Ich vollführe ein großes Werk.“


5


Im Mai, wenn die flanderischen Bäuerinnen sich nachts langsam drei schwarze Bohnen nach rückwärts über den Kopf werfen, um sich vor Krankheit und Tod zu schützen, brach Lamms Wunde wieder auf. Er bekam starkes Fieber und begehrte, auf Deck, dem Käfig des Mönches gegenüber zu liegen.

Ulenspiegel war es zufrieden, doch aus Furcht, daß sein Freund bei einem Anfall ins Meer stürzte, ließ er ihn auf seinem Lager tüchtig festbinden.

In seinen lichten Augenblicken empfahl er unablässig, daß man den Mönch nicht vergäße, und streckte ihm die Zunge heraus.

Und der Mönch sprach: „Du beschimpfest mich, Dicker.“

„Nein,“ antworte Lamm, „ich mache Dich fett.“

Ein lauer Wind wehte, die Sonne schien warm. Der fiebernde Lamm war auf seinem Bette gut festgebunden, damit er bei den jähen Anfällen des Fieberwahns nicht vom Schiff spränge. Er wähnte sich noch in der Küche und sprach:

„Der Ofen ist heute hell. Bald wird es Fettammern regnen. Frau, spanne die Schlingen in unserm Obstgarten auf. Du bist schön so mit den bis an den Ellbogen aufgeschlagenen Ärmeln. Dein Arm ist weiß, ich will mit den Lippen hineinbeißen, das sind Sammetzähne. Wem gehört dieser schöne Leib, wem gehören diese schönen Brüste, die unter Deinem weißen Leibchen von feinem Linnen schimmern? Mir, mein süßer Schatz. Wer wird das Frikassee von Hahnenkämmen und Kücken machen? Nicht zuviel Muskat, das macht Fieber. Weiße Brühe mit Thymian und Lorbeeren. Wo sind die Eidotter?“

Dann winkte er Ulenspiegel, das Ohr an seinen Mund zu halten, und sagte ganz leise zu ihm:

„Bald wird es Wildpret regnen, ich werde Dir vier Fettammern mehr aufheben als den Andern. Du bist Kapitän, verrate mich nicht.“

Dann hörte er die Wellen leise an die Schiffswand plätschern.

„Die Suppe kocht, mein Sohn, die Suppe kocht, aber wie langsam heizt dieser Ofen!“

Sobald er seine fünf Sinne beisammen hatte, sprach er, vom Mönch redend:

„Wo ist er? Wächst sein Speck?“

Da er ihn erblickte, streckte er ihm die Zunge heraus und sagte:

„Das große Werk wird vollendet; des bin ich froh.“

Eines Tages verlangte er, daß die große Wage auf Deck gebracht würde und daß man ihn auf ein Wagebrett und den Mönch auf das andere legte. Kaum war der Mönch darauf, als Lamm wie ein Pfeil in die Luft schnellte. Hocherfreut sagte er, indem er ihn ansah:

„Er ist schwer, er ist schwer! Ich bin ein leichter Geist neben ihm; ich werde wie ein Vogel in die Luft fliegen. Ich habe einen Gedanken: nehmt ihn herunter, damit ich herabsteigen kann; jetzt legt die Gewichte auf; legt ihn wieder darauf. Wieviel wiegt er? Dreihundertvierzehn Pfund. Und ich? Zweihundertzwanzig.“


6


In der Nacht des folgenden Tages ward Ulenspiegel bei Tagesgrauen durch Lamm geweckt, welcher rief:

„Ulenspiegel, Ulenspiegel! zu Hilfe, hindere sie fortzugehen. Schneidet die Stricke durch, schneidet die Stricke durch!“

Ulenspiegel stieg auf Deck und sagte:

„Warum rufst Du? Ich sehe nichts.“

„Sie ist es,“ antwortete Lamm, „sie, meine Frau; dort in der Schaluppe, die jenes Vlieboot umkreist. Ja, um das Vlieboot, von dem die Lieder und die Lautenklänge kommen.“

Nele war gleichfalls auf Deck gestiegen.

„Schneide die Stricke durch, Liebchen,“ sprach Lamm. „Siehst Du nicht, daß meine Wunde geheilt ist? Ihre weiche Hand hat sie verbunden. Sie, ja, sie. Siehst Du sie in der Schaluppe stehen? Hörst Du? Sie singt noch. Komm, Geliebte, komm, flieh nicht Deinen armen Lamm, der ohne Dich so einsam auf Erden war.“

Nele faßte seine Hand und berührte sein Gesicht.

„Er hat noch Fieber,“ sagte sie.

„Schneidet die Stricke durch,“ sprach Lamm, „gebt mir eine Schaluppe! Ich lebe, ich bin glücklich, ich bin geheilt!“

Ulenspiegel zerschnitt die Stricke und Lamm sprang in weißen Leinenhosen ohne Wams aus dem Bett und begann, das Boot selbst hinunterzulassen.

„Sieh ihn an,“ sagte Nele zu Ulenspiegel. „Seine Hände zittern vor Ungeduld bei der Arbeit.“

Da das Boot flott war, stiegen Ulenspiegel, Nele und Lamm mit einem Ruderknecht hinein und steuerten auf das Vlieboot zu, das in der Ferne im Hafen vor Anker lag.

„Sieh, das schöne Vlieboot,“ sprach Lamm, dem Ruderknecht helfend.

Vom morgenfrischen Himmel, den die Strahlen der jungen Sonne wie vergüldetes Kristall färbten, hob das Vlieboot seinen Rumpf und seine schlanken Masten ab.

Derweil Lamm ruderte, fragte Ulenspiegel:

„Sag uns nunmehr, wie Du sie wiedergefunden hast?“

Lamm gab stoßweise Antwort.

„Ich schlief, es ging mir schon besser. Plötzlich dumpfes Geräusch. Etwas Hölzernes stößt ans Schiff. Schaluppe. Matrose läuft beim Geräusch herbei: Wer da? Eine sanfte Stimme, ihre Stimme, mein Sohn, ihre süße Stimme: Gut Freund! Dann derbere Stimme: Es lebe der Geuse! Kommandant des Vlieboots „Johanna“ mit Lamm Goedzak sprechen. Matrose wirft die Strickleiter hinunter. Der Mond schien. Ich sehe die Gestalt eines Mannes auf Deck steigen: Starke Hüften, runde Kniee, breites Becken. Ich sage mir: Falscher Mann. Mir ist, wie wenn eine Rose sich erschließt und meine Wange berührt. Ihr Mund, mein Sohn, und ich höre sie sagen, sie selbst, verstehst Du? sie selbst, indem sie mich mit Küssen und Tränen bedeckt, die wie flüssiges, balsamisches Feuer auf meinen Körper fallen: „Ich weiß, daß ich unrecht tue, aber ich habe Dich lieb, mein guter Mann. Ich habe vor Gott geschworen, und ich breche meinen Schwur, mein Mann, mein armer Mann! Ich bin oft gekommen, ohne mich in Deine Nähe zu wagen. Der Matrose hat es mir endlich erlaubt. Ich verband Deine Wunde; Du erkanntest mich nicht, aber ich habe Dich geheilt. Sei nicht böse, lieber Mann. Ich bin Dir gefolgt, aber ich fürchte mich, er ist auf diesem Schiff. Laß mich gehen. Wenn er mich sähe, so verfluchte er mich und ich würde im ewigen Feuer brennen!“ Weinend und glücklich küßte sie mich abermals und verließ mich dann wider meinen Willen, trotz meiner Tränen. Du hattest mir ja Arm und Beine festgebunden, mein Sohn, aber jetzt“ ....

So sprechend, ruderte er mit starken Schlägen, wie die gespannte Schnur eines Bogens, die den Pfeil vorwärts schnellt.

Als sie sich dem Vlieboot näherten, sprach Lamm:

„Da steht sie auf Deck und spielt die Laute, meine reizende Frau mit goldbraunem Haar, braunen Augen, noch blühenden Wangen, bloßen, runden Armen und weißen Händen. Hüpfe auf den Wellen, Schaluppe!“

Da der Kapitän des Vlieboots die Schaluppe herankommen und Lamm wie einen Teufel rudern sah, ließ er eine Strickleiter von Deck herunterwerfen. Als Lamm ihr nahe war, sprang er aus der Schaluppe auf die Leiter, auf die Gefahr hin, ins Meer zu stürzen, und stieß das Bot drei Klafter weit zurück. Wie eine Katze kletterte er an Bord und lief auf seine Frau zu, die, vor Freude halbohnmächtig, ihn umarmte und küßte. Dabei sprach sie:

„Lamm! Du darfst mich nicht mitnehmen, ich habe bei Gott geschworen, aber ich habe Dich lieb. Ach, lieber Mann!“

Nele rief aus:

„Das ist ja Calleken Huybrechts, die schöne Calleken!“

„Die bin ich,“ sagte sie, „aber ach, meine Schönheit ist nicht mehr in der Mittagshöhe.“

Und sie schien betrübt.

„Was hast Du getan?“ fragte Lamm. „Was geschah mit Dir? Warum hast Du mich verlassen? Warum willst Du mich jetzo meiden?“

„Hör mich an,“ sprach sie, „und zürne nicht, ich will Dir alles sagen. Wissend, daß alle Mönche Erwählte Gottes sind, vertraute ich mich einen von ihnen an. Er hieß Broer Cornelis Adriaensen.“

Da Lamm dies vernahm, sprach er:

„Was! dieser schlimme Heuchler, der ein Maul hatte wie eine Kloake voll Schmutz und Unrat und von nichts sprach, als das Blut der Reformation zu vergießen! Was! dieser Lobredner der Inquisition und der Edikte! Wehe! dieser schuftige Taugenichts war es!“

Calleken sagte:

„Beschimpfe den Mann Gottes nicht!“

„Der Mann Gottes!“ sprach Lamm, „ich kenne ihn! Er war der Mann der Unflätereien und Zoten. Unseliges Geschick! Mußte meine schöne Calleken diesem geilen Mönch in die Hände fallen. Komm mir nicht nahe, ich ermorde Dich! Und ich, der ich sie so liebte! Mein armes Herz betrogen, das ganz ihr gehörte! Was willst Du hier? Weshalb hast Du mich gepflegt? Du hättest mich sollen sterben lassen. Hebe Dich weg, ich will Dich nicht mehr sehen, hebe Dich weg oder ich werfe Dich ins Meer. Mein Messer! ....“

Sie umarmte ihn und sprach:

„Lamm, lieber Mann, weine nicht. Ich bin nicht, was Du denkst; ich bin diesem Mönch nicht zu Willen gewesen!“

„Du lügst,“ sprach Lamm, weinend und zähneknirschend. „Ach, ich war nimmer eifersüchtig, und jetzt bin ich’s. Traurige Leidenschaft, Zorn und Liebe: der Drang, zu morden und zu umarmen. Hinweg! nein, bleib. Ich war so gut zu ihr. Mordlust beherrscht mich. Mein Messer! Oh! das brennt, verzehrt, nagt ... Du lachst über mich ....“

Und weinend, sanft und demütig umarmte sie ihn.

„Ja,“ sprach er, „ich bin albern in meinem Zorn; ja, Du hütetest meine Ehre, die Ehre, die wir Narren an die Röcke einer Frau hängen. Darum also stecktest Du Dein süßestes Lächeln auf, wenn Du mich batest, mit Deinen Freundinnen zur Messe zu gehen ...“

„Laß mich reden,“ sprach die Frau, ihn umarmend. „Ich will augenblicks tot sein, wenn ich Dich hintergehe.“

„So stirb,“ sprach Lamm, „denn Du wirst lügen.“

„Hör mir an,“ sprach sie.

„Rede oder schweige,“ sagte er, „mir ist es einerlei.“

„Broer Adriaensen,“ sagte sie, „galt für einen guten Kanzelredner. Ich ging, ihn zu hören. Er stellte den geistlichen Stand und das Zölibat weit über alle andern, weil sie die Frommen am besten ins Paradies führen. Seine Beredsamkeit war gewaltig und ungestüm. Mehrere ehrbare Frauen, darunter ich, und sonderlich eine gute Zahl Witwen und Jungfrauen wurden ganz verstört davon. Maßen der ehelose Stand so vollkommen ist, empfahl er uns, darin zu verbleiben. Wir schwuren, nicht mehr ehelich zu leben ....“

„Ausgenommen mit ihm, ohne Zweifel,“ sagte Lamm unter Tränen.

„Schweig,“ sagte sie erzürnt.

„Weiter,“ sagte er, „vollende; Du hast mir einen harten Schlag versetzt, den werd’ ich nicht überwinden.“

„Doch, lieber Mann,“ sagte sie, „wenn ich allzeit bei Dir sein werde.“ Sie wollte ihn umarmen und küssen; er aber stieß sie zurück.

„Die Witwen,“ sagte sie, „gelobten ihm in die Hand, sich nie wieder zu verheiraten.“

Und Lamm hörte zu, in eifersüchtiges Sinnen versenkt.

Voll Scham erzählte Calleken weiter:

„Er wollte nur schöne und junge Frauen und Jungfrauen als Büßerinnen haben; die andern, die schickte er zu ihren Pfarrern zurück. Er gründete einen Orden von Andächtigen, indem er uns alle schwören ließ, keine andern Beichtiger als ihn zu nehmen. Ich leistete den Schwur. Meine Genossinnen, die besser unterrichtet waren als ich, fragten mich, ob ich mich nicht in der Heiligen Disziplin und der Heiligen Pönitenz unterweisen lassen wollte. Ich war bereit. Es war aber zu Brügge am Kai der Steinschneider, nahe dem Kloster der minderen Brüder ein Haus, darin eine Frau, namens Calle de Najage, wohnte. Die unterrichtete und ernährte junge Mädchen um einen Goldkarolus im Monat. Broer Cornelis konnte in ihr Haus gelangen, ohne daß er dem Anschein nach sein Kloster verließ. In dieses Haus ging ich: in ein Kämmerlein, darin er allein war. Allda befahl er mir, ihm alle meine natürlichen und fleischlichen Begierden zu sagen. Erstlich traute ich mich nicht, aber ich gab endlich nach, weinte und sagte ihm alles.“

„Wehe!“ klagte Lamm, „so empfing dieser schweinische Mönch Deine holde Beichte.“

„Er sagte mir immer / und solches ist wahr, lieber Mann / daß über der irdischen eine himmlische Scham sei, durch welche wir Gott unsere weltliche Scham zum Opfer bringen, und daß wir also unserm Beichtiger alle unseren geheimsten Begierden bekennen und alsdann würdig sind, die heilige Geißelung und die heilige Buße zu empfahen.

„Zuletzt nötigte er mich, nackend vor ihn zu treten, um auf meinem Körper, der gesündigt hatte, die allzuleichte Züchtigung meiner Sünden zu erhalten. Eines Tages zwang er mich, mich zu entkleiden; ich ward ohnmächtig, als ich mein Hemd vor ihn fallen lassen mußte. Er brachte mich durch Salze und Riechfläschchen wieder zu mir. „Für diesmal ist es gut, meine Tochter,“ sagte er, „kehre in zwei Tagen wieder und bringe eine Geißel mit.“ Das dauerte lange Zeit, ohne daß jemals ... ich schwöre bei Gott und all seinen Heiligen ... Mann ... versteh mich ... schau mich an ... sieh, ob ich lüge ... ich blieb rein und treu ... ich liebte Dich.“

„Armer, süßer Körper,“ sagte Lamm. „O Schandfleck auf Deinem Hochzeitskleid!“

„Lamm,“ sprach sie, „er redete im Namen Gottes und unsrer heiligen Mutter Kirche; mußte ich ihn nicht anhören? Ich liebte Dich immer, aber ich hatte bei der Jungfrau mit furchtbaren Eiden geschworen, mich Dir zu versagen. Und doch war ich schwach, Deinetwegen schwach. Entsinnst Du Dich des Gasthauses in Brügge? Ich war bei Calle de Najage, Du kamst auf Deinem Esel mit Ulenspiegel vorbeigeritten. Ich ging Dir nach. Ich hatte eine hübsche Summe Geldes und gab für mich nichts aus. Ich sah Dich hungern, mein Herz zog mich zu Dir, ich empfand Mitleid und Liebe.“

„Wo ist er jetzt?“ fragte Ulenspiegel.

Calleken antwortete:

„Nach einer vom Magistrat befohlenen Nachforschung und auf Anstiften Böswilliger mußte Broer Adriaensen Brügge verlassen und flüchtete nach Antwerpen. Man hat mir auf dem Vlieboot erzählt, daß mein Mann ihn gefangen genommen hat.“

„Was!“ sprach Lamm, „der Mönch, den ich mäste, ist ....“

„Er,“ antwortete Calleken, ihr Gesicht verhüllend.

„Eine Axt, eine Axt,“ schrie Lamm, „daß ich ihn schlachte und das Fett dieses geilen Bockes meistbietend verkaufe! Rasch zurück zum Schiffe. Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?“

Nele sprach zu ihm:

„Es ist eine niedrige Grausamkeit, einen Gefangenen zu töten oder zu verwunden.“

„Du siehst mich mit bösen Augen an; würdest Du mich daran hindern?“

„Ja,“ sagte sie.

„Wohlan,“ sprach Lamm, „ich werde ihm nichts antun. Laß mich ihn nur aus dem Käfig werfen. Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?“

Sie stiegen flugs ein und Lamm ruderte eifrig und weinte, alles mit einander.

„Du bist traurig, Mann?“ fragte Calleken.

„Nein,“ sprach er, „ich bin froh. Du wirst mich gewißlich nicht verlassen?“

„Nimmer,“ sagte sie.

„Du warst rein und treu, sagst Du; aber süßes Liebchen, geliebte Calleken, ich lebte nur, um Dich wiederzufinden, und siehe da, Dank diesem Mönch wird in all unsren Wonnen das Gift der Eifersucht sein ... Sobald ich traurig oder nur müde bin, werde ich Dich nackend sehen, wie Du Deinen schönen Leib dieser schimpflichen Geißelung unterwirfst. Der Lenz unsrer Liebe war mein, doch der Sommer gehörte ihm. Grau wird der Herbst sein und in Bälde wird der Winter kommen, meine treue Liebe zu begraben.“

„Du weinst?“ sagte sie.

„Ja,“ sprach er, „was vergangen ist, kehrt nicht wieder.“

„Wenn Calleken treu war, so sollte sie Dich Deiner häßlichen Worte halber allein lassen,“ sagte Nele darauf.

„Er weiß nicht, wie ich ihn liebte,“ sprach Calleken.

„Sagst Du die Wahrheit?“ rief Lamm aus. „Komm, Liebchen, komm, mein Weib. Kein grauer Herbst ist mehr da, und kein Winter, uns zu begraben.“

Und er schien fröhlich, und sie kamen zum Schiffe.

Ulenspiegel gab Lamm die Schlüssel zum Käfig und er öffnete ihn. Er wollte den Mönch bei einem Ohr auf Deck ziehen, aber er konnte es nicht; er wollte ihn seitwärts herausziehen, aber das ging ebenso wenig.

„Man muß alles zerbrechen; der Kapaun ist fett,“ sagte er.

Nunmehr kam der Mönch heraus und rollte seine dicken, blöden Augen, dieweil er seinen Bauch mit beiden Händen festhielt. Da zog eine große Welle unter dem Schiff her und er fiel auf sein Gesäß.

Und Lamm sprach zum Mönche:

„Wirst Du noch „Dicker“ sagen? Du bist dicker als ich. Wer zwang Dich, sieben Mahlzeiten am Tage zu halten? Ich. Woher kommt es, Schreihals, daß Du jetzt ruhiger bist und sanfter zu den armen Geusen?“

Und er redete weiter:

„So Du noch ein Jahr im Käfig bleibst, wirst Du nicht mehr daraus herfür können. Deine Wangen beben wie Schweinesülze, wenn Du Dich bewegst; Du schreist schon nicht mehr, bald wirst Du nicht mehr atmen können.“

„Schweig, Dicker,“ sagte der Mönch.

„Dicker!“ sprach Lamm und geriet in Wut. „Ich bin Lamm Goedzak, Du bist Bruder Dicksack, Fettsack, Lügensack, Schlucksack, Wollustsack. Du hast vier Finger breit Speck unter der Haut, man sieht Deine Augen nicht mehr. Ulenspiegel und ich könnten bequem in der Kathedrale Deines Bauches hausen! Du nennst mich Dicker; willst Du einen Spiegel, um Deinen Bauch zu betrachten? Ich habe Dich gemästet, Du Denkmal von Fleisch und Bein. Ich habe geschworen, daß Du Fett speien, Fett schwitzen und Fettspuren zurücklassen solltest wie ein Talglicht, das in der Sonne schmilzt. Man sagt, daß der Schlagfluß beim siebenten Kinn kommt; Du hast ihrer jetzo fünf und ein halbes.“

Dann zu den Geusen gewendet:

„Sehet diesen Lüstling! Das ist Bruder Cornelis Adriaensen Nichtsnutzen aus Brügge. Er predigte allda eine neue Schamhaftigkeit. Sein Fett ist die Strafe, sein Fett ist mein Werk. Nun höret alle, Matrosen und Soldaten: Ich werde Euch verlassen, Dich verlassen, Ulenspiegel, auch Dich, kleine Nele, um in Vlissingen, wo ich Vermögen habe, mit meiner lieben Frau zu leben, die ich wiederfand. Ihr habt mir ehedem geschworen, mir alles zu bewilligen, um was ich Euch bitten würde ...“

„Das ist Geusenmord,“ sprachen sie.

„Wohlan,“ sagte Lamm, „betrachtet diesen Lüstling, diesen Bruder Adriaensen Nichtsnutzen aus Brügge; ich schwur, ihn in seinem Fett umkommen zu lassen wie ein Schwein. Bauet einen größeren Käfig und zwingt ihn, täglich zwölf Mahlzeiten anstatt sieben zu essen; gebt ihm eine fette, süße Nahrung. Jetzt ist er schon wie ein Ochs; macht, daß er wie ein Elefant wird, und Ihr werdet in Bälde sehen, daß er den Käfig ausfüllt.“

„Wir werden ihn mästen,“ sagten sie.

„Und jetzo,“ fuhr Lamm fort, zum Mönche sprechend; „sage ich Dir Nichtsnutz Valet. Ich lasse Dich nach Mönchsweise mästen, anstatt Dich henken zu lassen; nimm zu an Fett und glaube an den Schlagfluß.“

Dann nahm er sein Weib Calleken in die Arme:

„Schau her, grunze oder brülle, ich raube sie Dir, Du wirst sie nicht mehr geißeln!“

Aber der Mönch geriet in Wut und sprach zu Calleken:

„So gehest Du ins Bett der Unzucht, lüsternes Weib! Ja, Du gehst ohne Mitleid für den armen Märtyrer von Gottes Wort, der Dich die heilige, liebliche und himmlische Zucht lehrte. Sei verflucht! Kein Priester möge Dir verzeihen; möge der Boden unter Deinen Füßen brennen, Zucker Dir wie Salz erscheinen, Rindfleisch wie verwestes Hundefleisch. Das Brot werde Dir zu Asche, die Sonne zu Eis, und der Schnee zu Höllenfeuer. Verflucht sei Deine Fruchtbarkeit, Deine Kinder sollen scheußlich sein, mit dem Leib eines Affen und einem Schweinskopf, der größer ist als ihr Bauch. Du sollst leiden, wimmern und ächzen in dieser und in jener Welt, in der Hölle, die Deiner wartet, in der Hölle aus Pech und Schwefel, so für Weiber Deiner Art angezündet ist. Meine väterliche Liebe wiesest Du zurück. Sei dreifach verflucht von der Heiligen Dreieinigkeit und siebenfach verflucht von den Leuchten der Kirche. Deine Beichte sei Dir Verdammnis, die Hostie ein tödliches Gift, und in der Kirche möge jede Fliese sich erheben, um Dich zu zermalmen und Dir zu sagen: Diese ist die Buhlerin, diese ist verflucht, diese ist verdammt!“

Und Lamm hüpfte vor Freude und sagte fröhlich:

„Sie ist treu gewesen, er hat es gesagt, der Mönch; es lebe Calleken!“

Aber sie sprach weinend und zitternd:

„Mann, nimm diese Verwünschung von mir. Ich sehe die Hölle! Nehmt die Verwünschung von mir!“

„Nimm die Verwünschung zurück,“ sagte Lamm.

„Ich werde sie nicht zurücknehmen, Dicker,“ sagte der Mönch.

Und die Frau harrte knieend, ganz bleich und bekümmert, und mit gefalteten Händen flehte sie Bruder Adriaensen an.

Und Lamm sprach zum Mönche:

„Nimm die Verwünschung zurück, sonst wirst Du gehenkt. Und so der Strick Deines Gewichtes halber reißt, wirst Du von neuem gehenkt werden, bis der Tod eintritt.“

„Gehenkt und wiederum gehenkt,“ sagten die Geusen.

„Wohlan“, sprach der Mönch zu Calleken, „geh hin, Unzüchtige, gehe mit diesem dicken Mann; ich nehme meine Verwünschung zurück, aber Gott und alle seine Heiligen werden ein Auge auf Dich haben.“

Schwitzend und schnaufend schwieg er still.

Plötzlich rief Lamm aus:

„Er schwillt! Er schwillt: Ich sehe das sechste Kinn. Beim siebenten kommt der Schlagfluß. Und jetzt,“ sagte er, sich zu den Geusen wendend, „Gott befohlen, Du, Ulenspiegel, und Ihr alle, meine guten Freunde, Gott befohlen, Du, Nele, und die heilige Sache der Freiheit; ich vermag nichts mehr für sie.“

Nachdem er allen den Bruderkuß gegeben und ihn empfangen hatte, sagte er zu seiner Frau Calleken:

„Komm, es ist die Stunde der rechtmäßigen Liebe.“

Derweil das Boot auf dem Wasser glitt und Lamm und seine Herzliebste davontrug, riefen Matrosen, Soldaten und Schiffsjungen, indem sie alle ihre Hüte schwenkten: „Leb wohl, Bruder, leb wohl, Lamm, leb wohl, Bruder, Freund und Bruder!“

Und Nele sprach zu Ulenspiegel, indem sie ihm mit der Spitze ihres zierlichen Fingers eine Träne aus dem Auge wischte:

„Bist Du traurig, Liebster?“

„Er war gut,“ sagte er.

„Wehe,“ sagte sie, „wird denn dieser Krieg nimmer enden? Müssen wir denn allezeit in Blut und Tränen leben?“

„Laß uns die Sieben suchen,“ sagte Ulenspiegel; „die Stunde der Befreiung naht.“

Gemäß Lamms Wunsch mästeten die Geusen den Mönch im Käfig. Als er für Lösegeld in Freiheit gesetzt wurde, wog er dreihundertsiebzehn Pfund und fünf Unzen flandrisch Gewicht.

Und er starb als Prior seines Klosters.


7


Um jene Zeit versammelten sich die Herren von den Generalstaaten in Haag, um über Philipp, König von Spanien, Graf von Flandern, Holland usw. zu Gericht zu sitzen, gemäß den von ihm genehmigten Urkunden und Privilegien.

Und der Schreiber sprach also:

„Es ist männiglich bekannt, daß ein Landesfürst von Gott als Herrscher und Oberhaupt seiner Untertanen eingesetzt ist, um sie vor allen Kränkungen, Unterdrückungen und Gewalttaten zu schützen, wie ein Hirte für die Verteidigung und den Schutz seiner Schafe angestellt ist. Gleichermaßen ist es bekannt, daß die Untertanen nicht von Gott zum Nutzen des Fürsten geschaffen sind, um ihm in allem, was er befiehlt, gehorsam zu sein, sei es eine fromme oder gottlose, eine gerechte oder ungerechte Sache, noch um ihm wie Sklaven zu dienen. Sondern der Fürst ist Fürst für seine Untertanen, ohne die er nicht sein kann, auf daß er nach Recht und Vernunft regiere, auf daß er sie liebe und erhalte wie ein Vater seine Kinder, wie ein Hirte seine Schafe, und sein Leben wage, um sie zu schirmen. So er es nicht tut, soll er nicht für einen Fürsten, sondern für einen Tyrannen gehalten werden. König Philipp hat durch Soldaten, Kreuzzugsbullen und Exkommunikationen vier feindliche Heere gegen uns gehetzt. Was soll kraft der Gesetze und Bräuche des Landes seine Strafe sein?“

„Er werde abgesetzt,“ antworteten die Herren von den Staaten.

Der Schreiber fuhr fort:

„Philipp hat seine Eide gebrochen; er hat die Dienste, die wir ihm leisteten, vergessen, und die Siege, die wir ihm erringen halfen. Da er sah, daß wir reich waren, ließ er uns von den hispanischen Räten plündern und brandschatzen.“

„Er werde als Undankbarer und Räuber abgesetzt.“

„Philipp,“ fuhr der Schreiber fort, „hat in den mächtigsten Städten des Landes neue Bischöfe eingesetzt und ihnen die Güter der reichsten Abteien als Pfründe verliehen. Mit ihrer Hilfe führte er die hispanische Inquisition ein.“

„Er werde abgesetzt als Henker und Verschwender fremder Güter,“ antworteten die Herren von den Staaten.

„In Ansehung dieser Tyrannei unterbreiteten die Adligen des Landes im Jahre 1566 eine Bittschrift, in welcher sie den Herrscher inständig baten, seine harten Edikte zu mäßigen, insonderheit die, so die Inquisition beträfen. Er weigerte es jederzeit.“

„Er werde abgesetzt als Tiger, der von seiner Grausamkeit nicht läßt,“ antworteten die Herren von den Staaten.

Der Schreiber fuhr fort:

„Es besteht starker Verdacht, das Philipp durch seine hispanischen Räte den Bildersturm und die Plünderung der Kirchen insgeheim angestiftet hat, um unter dem Vorwand von Verbrechen und Unruhen fremde Heere gegen uns ins Feld zu schicken.“

„Er werde abgesetzt als Werkzeug des Todes,“ antworteten die Herren von den Staaten.

„In Antwerpen ließ Philipp die Einwohner niedermetzeln und richtete die vlämischen und fremden Kaufleute zu Grunde. Er und sein hispanischer Rat geben einem gewissen Rhoda, einem berüchtigten Taugenichts, durch geheime Weisung, das Recht, sich zum Haupt der Plünderer zu machen, Beute zu sammeln, sich seines königlichen Namens zu bedienen, seine Insiegel und Gegensiegel zu fälschen und sich wie sein Regent und Statthalter aufzuführen. Die königlichen Briefe, die aufgefangen und in unseren Händen sind, beweisen die Tatsache. Alles geschieht mit seiner Zustimmung und im Einvernehmen mit den spanischen Räten. Leset seine Briefe. Er lobt darin das zu Antwerpen Geschehene, erkennt an, daß ihm ein ausgezeichneter Dienst geleistet sei, verspricht, ihn zu belohnen, und fordert Rhoda und die andern Spanier auf, auf diesem glorreichen Pfade weiter zu wandeln.“

„Er werde als Dieb, Räuber und Mörder abgesetzt“, antworteten die Herren von den Staaten.

„Wir wollen nichts als die Erhaltung unserer Privilegien, einen redlichen und gesicherten Frieden, eine maßvolle Freiheit, sonderlich in Betracht der Religion, die vornehmlich Gott und das Gewissen betrifft. Von Philipp hatten wir nichts denn lügnerische Verträge, die dazu dienten, Zwietracht unter den Provinzen zu säen, um sie nacheinander zu unterjochen und sie mit Plünderung, Konfiskation, Hinrichtungen und Inquisition gleich dem indischen Reich zu behandeln.“

„Er werde abgesetzt als Meuchelmörder, der den Mord der Länder mit Vorsatz übt,“ antworteten die Herren von den Staaten.

„Er hat die Länder durch den Herzog von Alba und seine Bluthunde, durch Medina-Coeli, Requesens und die Verräter aus dem Staatsrat und den Provinzen geschröpft. Er empfahl Don Juan und Alexander Farnese, dem Prinzen von Parma, wie man aus den aufgefangenen Briefen ersieht, eine blutige Strenge. Er erklärte Seine Gnaden von Oranien in die Reichsacht, dang bis jetzt drei Meuchelmörder und wird in Bälde den vierten dingen. Er ließ Burgen und Festungen bei uns errichten, die Männer lebendig verbrennen, die Frauen und Mädchen lebendig begraben; er erbte ihre Vermögen, erdrosselte Montigny, de Berghes und andere Ritter, ohngeachtet seines königlichen Wortes. Er tötete seinen Sohn Don Carlos, vergiftete den Prinzen von Ascoly, dem er Dona Eufrasia, die von ihm schwanger war, zum Weibe gab, um den künftigen Bastard mit seinen Gütern zu bereichern. Er schleuderte ein Edikt gegen uns, das uns alle, nachdem wir Leib und Gut verloren, zu Verrätern erklärte, und er beging das in einem christlichen Lande unerhörte Verbrechen, die Unschuldigen mit den Schuldigen zu verwechseln.“

„Er werde abgesetzt in Gemäßheit aller Gesetze, Rechte und Privilegien,“ antworteten die Herren von den Staaten.

Und des Königs Siegel wurden zerbrochen.

Und die Sonne schien über Land und Meer, vergoldete die reifen Ähren, reifte die Trauben und warf Perlen auf jede Welle als Schmuck der Freiheit, der Braut der Niederlande.

Dann schoß dem Prinzen von Oranien, da er zu Delft weilte, ein vierter Meuchelmörder drei Kugeln in die Brust. Und er starb, seinem Wahlspruch getreu: „Ruhig inmitten der wilden Wellen.“

Seine Feinde sagten von ihm, daß er, um Philipp einen Possen zu spielen, und nicht verhoffend, über die südlichen und katholischen Niederlande zu regieren, sie durch geheimen Vertrag Seiner allergnädigsten Hoheit von Anjou angeboten habe. Aber dieser war nicht geboren, um mit der Freiheit, so die außergewöhnlichen Liebschaften nicht liebt, das Kind Belgien zu erzeugen.

Und Ulenspiegel verließ mit Nele die Flotte.

Und das belgische Vaterland ächzte unter dem Joche, von den Verrätern geknebelt.


8


Es war im Erntemond, die Luft war schwül, der Wind lau. Schnitter und Schnitterinnen konnten das Korn, das sie gesät, nach Herzenslust unter freiem Himmel, auf freier Erde ernten.

Friesland, Drenthe, Ober-Yssel, Geldern, Utrecht, Nord-Brabant, Nord- und Südholland, Walcheren, Nord- und Süd-Beveland, Duiveland und Schouwen, welche Zeeland bilden, die ganze Nordseeküste von Knokke bis Helder, die Inseln Texel, Vlieland, Ameland, Schiermonnikoog, von der westlichen Schelde bis zur östlichen Ems, sollten vom spanischen Joche befreit werden. Moritz, des Schweigers Sohn, setzte den Krieg fort.

Ulenspiegel und Nele, die ihre Jugend, Kraft und Schönheit bewahrt hatten, denn die Liebe und der Geist Flanderns altern nicht, lebten geruhig auf dem Turm von Necre und harrten der Zeit, wo sie nach manch harten Prüfungen den Wind der Freiheit über das Vaterland Belgien könnten wehen lassen.

Ulenspiegel hatte gebeten, Kommandant und Wächter des Turms zu werden, mit der Angabe, daß er mit seinen Adleraugen und seinen Hasenohren wohl merken könnte, ob der Spanier versuchen werde, in den befreiten Landen sich wieder einzustellen. Alsdann werde er „Wacharm“, das ist auf Vlämisch Sturm läuten.

Der Magistrat tat, wie er wollte. Seiner guten Dienste halber gab man ihm täglich einen Gülden, zwei Kannen Bier, Bohnen, Käse, Schiffszwieback und in der Woche drei Pfund Rindfleisch.

Solchergestalt lebten Ulenspiegel und Nele zu zweit gar trefflich. Von Ferne erblickten sie mit Freuden die freien Inseln Zeelands, nahebei Wiesen, Wald, Burgen und Festungen und die gewappneten Geusenschiffe, so die Küsten bewachten. Zur Nacht stiegen sie oftmals auf den Turm, setzten sich auf die Plattform und plauderten allda von harten Schlachten, von vergangener und zukünftiger schöner Liebe. Von da sahen sie das Meer, das in diesen heißen Tagen leuchtende Wogen ans Ufer warf und sie gleich feurigen Gespenstern gegen die Inseln schleuderte. Und Nele erschrak, da sie so viele Irrlichter in den Poldern erblickte, die, wie sie sagte, arme Seelen sind. Und alle diese Orte waren Schlachtfelder gewesen. Und die Irrwische hüpften aus den Poldern hervor, liefen die Deiche entlang und kamen dann wiederum in die Polder zurück, als ob sie die Leichen, denen sie entstiegen waren, nicht im Stich lassen wollten.

Eines Nachts sprach Nele zu Ulenspiegel:

„Sieh, wie zahlreich sie im Dreiveland sind und wie hoch sie fliegen; nach den Vogelinseln zu sehe ich die meisten. Willst Du mit dahin, Tyll? Wir nehmen den Balsam, welcher Dinge zeigt, die sterblichen Augen unsichtbar sind.“

Ulenspiegel antwortete:

„Wenn es jener Balsam ist, der mich zu dem großen Hexensabbat entführte, so hab ich nicht mehr Vertrauen dazu, als zu einem leeren Traum.“

„Man soll die Kraft der Zauber nicht leugnen,“ sagte Nele. „Komm Ulenspiegel.“

„Ich werde mitgehen.“

Am nächsten Tag bat er den Magistrat, daß ein weitsehender und getreuer Soldat ihn vertreten möge, um Turm und Land zu bewachen.

Und er begab sich mit Nele zu den Vogelinseln.

Da sie über Felder und Deiche wanderten, sahen sie kleine grünende Eilande, zwischen denen das Meer strömte, und auf den Rasenhügeln, die bis zu den Dünen reichten, eine große Menge Kibitze, Möwen und Seeschwalben, die regungslos dasaßen und mit ihren Körpern die Eilande wie mit Schnee bedeckten. Darüber flogen Tausende dieser Vögel. Der Boden war voller Nester. Da Ulenspiegel sich bückte, um auf dem Wege ein Ei aufzuheben, sah er eine Möwe auf sich zuflattern, die einen Schrei ausstieß. Auf diesen Ruf kamen ihrer mehr denn hundert herzu, die vor Angst schrien und über Ulenspiegels Kopf und über den benachbarten Nestern schwebten; aber sie wagten sich ihm nicht zu nähern.

„Ulenspiegel,“ sprach Nele, „diese Vögel bitten um Gnade für ihre Eier.“

Dann begann sie zu zittern und sagte:

„Ich fürchte mich, die Sonne geht zur Rüste, der Himmel ist weiß, die Sterne kommen hervor; es ist die Geisterstunde. Sieh, diese roten Dünste, die den Boden streifen. Tyll, mein Geliebter, welch Ungeheuer der Hölle öffnet so in der Wolke seinen feurigen Rachen? Sieh nach Philippsland zu, wo der königliche Henker um seines grausamen Ehrgeizes willen zu zweien Malen so viele arme Menschen töten ließ, die tanzenden Irrlichter. Es ist die Nacht, wo die Seelen der armen, in den Schlachten Gefallenen die kalte Vorhölle des Fegefeuers verlassen, um sich in der linden Luft der Erde zu erwärmen. Es ist die Stunde, in der Du von Christo, welcher der Gott der guten Zauberer ist, alles erbitten kannst.“

„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel. „Wenn doch Christus mir die Sieben zeigen könnte, deren Asche, in alle Winde gestreut, Flandern und die ganze Welt beglückt!“

„Ungläubiger,“ sprach Nele, „Du wirst sie kraft des Balsams erblicken.“

„Vielleicht,“ sprach Ulenspiegel, auf den Sirius deutend, „wenn irgend ein Geist von jenem kalten Sterne herabsteigt.“

Bei dieser Gebärde setzte sich ein Irrlicht, das ihn umgaukelte, auf seinen Finger, und je mehr er sich mühte, es los zu werden, um so fester haftete es.

Da Nele versuchte, Ulenspiegel zu befreien, hatte sie auch ein Irrlicht auf den Fingerspitzen.

Ulenspiegel schlug auf das seine und sprach:

„Antworte! Bist Du die Seele eines Geusen oder eines Spaniers? So Du die Seele eines Geusen bist, gehe ein ins Paradies, bist Du aber eines Spaniers Seele, geh wiederum in die Hölle, woher Du kommst.“

Nele sprach zu ihm:

„Beschimpfe die Seelen nicht, und wären es Seelen von Henkern.“

Sie ließ ihr Irrlicht auf der Fingerspitze tanzen und sprach dabei:

„Irrlicht, niedliches Irrlicht, welche Kunde bringst Du aus dem Lande der Seelen? Womit sind sie dorten beschäftigt? Essen sie und trinken sie, da sie doch keinen Mund haben? Denn Du hast keinen, hübscher Irrwisch. Oder nehmen sie nur im gesegneten Paradies menschliche Gestalt an?“

Ulenspiegel sagte:

„Kannst Du also die Zeit vergeuden, zu dieser kärglichen Flamme zu reden, die keine Ohren hat, Dich zu hören, noch einen Mund, Dir zu antworten?“

Doch ohne auf ihn zu hören, sprach Nele:

„Irrwisch, antworte durch Tanzen, denn ich werde Dich dreimal befragen: einmal im Namen Gottes, einmal im Namen der heiligen Jungfrau und einmal im Namen der Elementargeister, welche die Boten zwischen Gott und den Menschen sind.“

Also tat sie, und der Irrwisch tanzte drei Mal.

Darauf sprach Nele zu Ulenspiegel:

„Leg Deine Kleider ab, ich werde desgleichen tun. Hier ist die silberne Büchse mit dem Zauberbalsam.“

„Es ist mir einerlei,“ sagte Ulenspiegel.

Als sie sich entkleidet und mit dem Zauberbalsam gesalbt hatten, legten sie sich nackend nebeneinander aufs Gras. Die Möwen schrien klagend. Der Donner grollte dumpf in der Wolke, darin der Blitz zuckte, der Mond ließ kaum die güldenen Spitzen seiner Sichel zwischen zwei Wetterwolken hervorsehen; Ulenspiegels und Neles Irrlichter tanzten mit den andern in der Wiese.

Plötzlich wurden Nele und ihr Liebster von eines Riesen Faust gepackt, der sie gleich Kinderbällen in die Luft schleuderte, sie wiederfing, auf einander rollte und zwischen seinen Händen knetete, indem er sie in die Wasserlachen zwischen den Hügeln warf und sie voller Seegras wieder herauszog. Und indem er sie also im Weltraum umherfliegen ließ, sang er mit einer Stimme, bei der alle Möwen der Inseln vor Schrecken erwachten: