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Über den Bildungstrieb

Chapter 4: Zweyter Abschnitt.
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About This Book

The essay examines a putative formative drive that shapes development in animals and plants, combining observational notes with philosophical reflection. It surveys historical and contemporary theories of generation, contrasts epigenesis—where embryonic substance progressively acquires form—with preformationist accounts that posit preexisting germs, and criticizes expansive hypotheses such as panspermia. Drawing on microscopic observations and comparative examples, it analyzes fertilization as the trigger for organization and traces debates about how reproductive seeds are nested or transmitted. The author aims to synthesize earlier arguments and to clarify conceptual distinctions that can guide further inquiry into generation and development.

Zweyter Abschnitt.

Prüfung der Haupt-Gründe für die vorgegebne Präexistenz des präformirten Keims im weiblichen Eye, und Gegengründe zu ihrer Wiederlegung.

Am 13ten May 1758. ward in der Versammlung der königlichen Societät der Wissenschaften zu Göttingen die berühmte Abhandlung des Hrn. VON HALLER ihres damaligen Präsidenten über die Bildung des Herzens im bebrüteten Küchelgen abgelesen, worin man nachher das argumentum crucis zu Gunsten der präformirten Keime zu finden geglaubt hat. Ihr Verfasser sagt nemlich, er habe gefunden, daß die Haut des Dotters im bebrüteten Ey mit den Häuten des daran hängenden Küchelgens, und die Blutgefäße des letztern eben so mit den Adern der sogenannten figura venosa des Dotters continuirten. Nun aber habe der Dotter mit seiner Haut schon im Eyerstock der unbefruchteten Henne präexistirt, folglich nach aller Wahrscheinlichkeit auch zugleich mit derselben, obgleich unsichtbar das damit continuirende Küchelgen. — Doch druckte sich der vorsichtige Mann anfangs immer noch behutsam und gleichsam schwankend über diese Schlußfolge aus[14].

Hr. BONNET hingegen, der bald nachher seine Betrachtungen über die organisirten Körper herausgab, und schon vorher für die Entwickelung der präformirten Keime eingenommen war, faßte gleich die Hallersche Bemerkung, erklärte sie für schlechterdings unwiederredlich, und hielt durch sie die Wahrheit jener Hypothese für ganz ausgemacht erwiesen[15].

Und nun erst ließ sich auch Hr. VON HALLER immer mehr und mehr von der Wichtigkeit dieser seiner Bemerkung einnehmen, so daß er in den spätern Schriften kein Bedenken trug, sie für eben so entscheidend auszugeben, als sein Freund BONNET.

Da ich selbst ehedem in Schriften so gut wie hundert andre Naturforscher und Physiologen auf diese berühmte Bemerkung als auf den Grundpfeiler des Evolutionssystems gefußt habe, so darf ich um so weniger Anstand nehmen, nun jetzt meine Verwunderung zu äußern, wie in aller Welt wir allesammt einer im gegenwärtigen Falle so schlechterdings nichts beweisenden Behauptung ein so vermeintlich unwiederredliches Gewicht haben beylegen können!

Denn — gesetzt auch, daß jene Continuation der Häute und Blutgefäße des Dotters mit den Häuten und Blutgefäßen des bebrüteten Küchelgens seine Richtigkeit hätte (— gesetzt nemlich; denn die Sache selbst ist, wie die sorgfältigste genaueste Beobachtung gelehrt hat, noch ganz und gar zweifelhaft, und, wie jeder zugeben wird, der selbst bebrütete Eyer untersucht hat, sehr schwer mit Gewißheit zu behaupten —): so folgt ja daraus noch bey weiten nicht, daß diese Häute und Gefäße, wenn sie auch wirklich nun mit einander continuirten, deshalb auch von je zusammen coëxistirt haben müßten! Genug Erscheinungen an organisirten Körpern zeigen das erstere, ohne daß man sich wird beykommen lassen, daraus das zweyte zu folgern. So aus dem Gewächsreich gleich ein Beyspiel statt vieler: die sonderbaren Vegetationen die an allerhand Pflanzen durch den bloßen Stich der Gallwespen verursacht werden, vorzüglich die sogenannten Schlafäpfel oder Bedeguar[16] an den wilden Rosenstöcken. Die Rinde des Rosenstocks überzieht auch diese ganzen moosartigen aber zufällig entstandnen Gewächse, und wenn man frische oder einige Tage lang eingeweichte Schlafäpfel mit dem Aste, an welchem sie sitzen, durchschneidet, so zeigt sich der Uebergang der holzigen Gefäße des Rosenstocks in den holzigen Kern des Bedeguar aufs sichtlichste, und zuweilen mit einer ausnehmenden Sauberkeit. Sollen aber darum auch diese so zufälligen Producte einer kleinen Mücke von je mit dem Rosenstocke coëxistirt, und in allen Aesten und Blättern aller Rosenstöcke der Welt auch überall eingewickelte Keime für zahllose Schlafäpfel präexistiert haben, die alle aufs Gerathewohl da gelegen hätten, bis endlich das tausendmal tausendste von ihnen durch den wohlthätigen Stachel eines hinzufliegenden Cynips zur Entwickelung angetrieben worden?

Und nun im Thierreich — Wie oft werden nach den zufälligsten Entzündungen von Eingeweiden etc. durch Ergießung plastischer Lymphe neu erzeugte Häute und in diesen, oft binnen wenigen Tagen neue Blutgefäße gebildet, die beiderseits mit den Häuten und Gefäßen der benachbarten Eingeweide continuiren, ohne daß man daraus ihre beständige Coëxistenz mit denselben zu folgern, sich wird einfallen lassen. Und damit man nicht etwa einwende, dieß seyen blos widernatürliche Erscheinungen im krankhaften Zustande der Thiere, so erinnere man sich der neuerlich so berühmt wordnen, sogenannten Hunterschen Haut, die jedesmal nach einer fruchtbaren Empfängnis den künftigen Aufenthalt der nun zu erzeugenden Leibesfrucht und ihrer Hüllen vom neuen auskleidet, und deren Blutgefäße, zumal da wo die Adern der Nabelschnur in ihr Wurzel schlagen sollen, aufs sichtlichste mit den Blutgefäßen der Mutter selbst continuiren.

In allen diesen angeführten Fällen wuchert gleichsam die neu erzeugte Haut und ihre Gefäße aus den benachbarten Eingeweiden heraus, und so würden in der Anwendung aufs bebrütete Hühngen auch seine Gefäße und Häute erst aus des Dotters seinen ausgetrieben werden können.

Allein es läßt sich auch noch ein zweyter Fall gedenken, den auch schon ein scharfsichtiger Naturforscher, Hr. PAUL[17] der Hallerschen Demonstration entgegengesetzt hat. Gesetzt, daß jene Dotterhaut mit ihren unsichtbaren Gefäßen schon im Eyerstock der Henne präexistirt habe, so kan ja demohngeachtet das Küchelgen erst während des Bebrütens erzeugt, und nur die Blutgefäße desselben in die Adern jener Haut eingepropft, und so beide mit einander verbunden worden seyn.

Hr. VON HALLER hat diesen Einwurf laut und geradezu verworfen, und es für schlechterdings unmöglich erklärt, daß die unendlich zarten Adern des dann noch microscopisch kleinen Küchelgens in die großen Gefäße des riesenmäßigen Dotters eingepfropft werden könnten[18].

Nun und eben dieser unendlich verdienstvolle Mann, der diese Einpfropfung beym Küchelgen unmöglich nennt, der ergreift hingegen im nemlichen Werke[19], da wo er von der menschlichen Befruchtung handelt, eine völlig gleiche Einpfropfung der Blutgefäße ohne alles Bedenken! Er nimmt nemlich an, der unendlich kleine menschliche Keim der nun aus dem Eyerstocke in die Mutterhöhle angelangt sey, der solle nun mittelst seines Mutterkuchen an derselben befestigt werden. Und wie das? Nicht anders als durch Einpfropfung seiner microscopischen Nabelgefäßgen in die riesenmäßigen Blutgefäße der Gebärmutter. —

Die neuern Verfechter der Evolution machten, wie wir gesehen haben, den Eydotter zur Stütze ihrer Hypothese.

Weit früher schon hat man sich des Froschlaichs zu gleichem Zweck bedienen wollen.

SWAMMERDAM nemlich verkündigte vor mehr als hundert Jahren die wunderbare Entdeckung, daß der schwarze Punkt im Froschlaich das in allen seinen Theilen vollkommen ausgebildete Fröschgen sey, das auch schon im Eyerstock obschon fast unsichtbar präformirt gelegen habe u. s. w.[20]

Dem guten Mann scheint geahndet zu haben welch ein mißliches, vergängliches Ding es mit aller zeitlichen eitlen Ehre solcher Entdeckungen sey, und bekanntlich suchte er dafür bald hernach ein solideres Glück der Mystik im Schooße bey Mamsell BOURIGNON. Denn wirklich hat nun jetzt die undankbare heutige Welt jene wunderbare Entdeckung dem berühmten Hrn. Abt SPALLANZANI zugeschrieben, der sie freylich in mehrern Schriften, zumal aber im zweyten Band seiner Abhandlungen[21] mit vieler Umständlichkeit vorgetragen hat.

Auch er nennt nemlich das schwarze Fleckgen im befruchteten Froschlaich geradezu Kaulquappe oder junges Fröschgen[22]. Und da nun dieses Fleckgen im unbefruchteten Laich doch schon eben so aussieht, wie im befruchteten[23], so ist nach seiner Logik nichts natürlicher, als daß dasselbe auch im erstern und schon in Mutterleibe Kaulquappe oder junges Fröschgen gewesen ist[24].

Ich weis nicht, was man von einem Chemiker urtheilen würde, dem es beliebte, ein Klümpgen Silberamalgama deswegen einen Dianenbaum zu nennen, weil doch wenn nun verdünnte Silberauflösung dazu käme, sich allerdings so ein Baum daraus bilden würde, und da nun ein solches Klümpgen außer der Silbersolution übrigens eben so aussähe, als nachdem es so eben unter dieselbe gebracht worden, so müsse folglich auch in jenem der präformirte Dianenbaum präexistirt haben u. s. w.

Man muß sich schämen, eine Behauptung noch lange wiederlegen zu wollen, von deren absoluten Ungrund sich jedes gesunde, präjudizlose und im Beobachten nur nicht ganz ungeübte Auge alle Frühjahr überzeugen kan. Wer sich je die kleine Mühe gegeben hat, das Froschlaich genau zu untersuchen, der wird gestehen müssen, daß der Einfall, das schwarze Fleckgen in demselben zum Kaulquappen zu demonstriren, die glücklichste Anwendung von der Logik des Bruder Peter im Mährgen von der Tonne sey, der auch seinen Brüdern das hausbackne Brod für einen exquisiten Hammelbraten andemonstriren wollte.

Doch die Verfechter der mütterlichen Keime sind weiter gegangen. Sie haben sich geradezu auf Fälle berufen, wo sogar Mädgen in aller ihrer jungfräulichen Unschuld durch die unzeitige Entwickelung eines solchen kleinen Keims guter Hoffnung worden.

Wie doch die Dinge zuweilen sonderbar zusammentreffen müssen. Gerade im nemlichen Jahre, da SWAMMERDAM seine obgedachte Entdeckung im Froschlaich kund that, ereignete sich, nach dem in den Tagebüchern der kaiserlichen Akademie der Naturforscher von einem berühmten Leibarzt seiner Zeit, dem Dr. CLAUDER gegebnen Bericht, in Sachsenland ein Casus, der mit jener Entdeckung wie Schachtel und Deckel zusammen paßte. Eine Müllersfrau kommt mit einem Mädgen in die Wochen, das einen ungewöhnlich hohen Leib mit zur Welt bringt. Acht Tage hierauf wird das kleine dickleibige Mädgen “mit großen Wehtagen und Unruhe befallen, sehr weinend und ängstlich, daß alle die Umstehende nicht anders vermeint, als es würde im Nu sterben. Immittelst gebieret das kranke Kind ordentlicher Weise ein artiges, vollständiges, lebendiges Töchterlein, in der Länge des mittlern Fingers, welches auch getauft worden. Bey und während der Geburt ist alles an Afterbürde und andrer Unreinigkeit abgegangen, beide Kinder aber sind kurz folgende Tage hierauf gestorben.”[25]

Der Hr. VON HALLER setzt richtig diese Geschichte nebst einer anderen aus den Schwedischen Abhandlungen, wo man bey der Section eines Mädgen, Knochen, Zähne und Haare in einer Geschwulst des Gekröses gefunden, unter die Hauptstützen der Wahrheit der mütterlichen Keime[26].

Aber auch in SCHMUCKERS vermischten chirurgischen Schriften beschreibt ein ANONYMUS die Leichenöffnung eines Mädgen, bey dem man statt der Gebärmutter einen runden, harten mit Haaren bewachsenen Körper einer starken Wallnuß groß gefunden, der ein misgestaltnes Kinderköpfgen vorgestellt. Das Köpfgen habe zwey vollkommne Zähne und in seiner Cavität etwas Gehirn-ähnliches gehabt etc.

Da die Verfechter der mütterlichen Keime immer so laut und dringend protestiren, daß man doch ihren Beobachtungen nicht bloßes Räsonnement entgegen stellen solle, so enthalte ich mich auch hier alles Räsonnements, sondern will ihnen blos Zug für Zug, Beobachtung gegen Beobachtung vorlegen, nemlich von nicht minder merkwürdigen und unterhaltenden und ungefähr eben so glaubwürdigen Fällen, wo sich auch Mannspersonen oder andre männliche Thiere in gesegneten Leibesumständen befunden haben sollen, und ich hoffe nicht, daß diese meine, den mütterlichen Keimen gerade wiedersprechende Autoritäten, der Gegenpartie ihren nachstehen dürfen.

Dem Fall z. B. aus den schwedischen Abhandlungen setze ich einem aus der Geschichte der königl. Akad. der Wissenschaften zu Paris entgegen, da ein Abbé mitten in einem Versuche über das Zeugungsgeschäfte sehr zur Unzeit unterbrochen ward, und von Stund an in gewissen Theilen die einmal ein andrer Abbé der heil. ABAELARD durch einen ähnlichen Anlaß ganz eingebüßt hat, eine harte Geschwulst fühlte. Es kam zur Operation, und sein Wundarzt versichert der königlichen Akademie, dem Hrn. Patienten ein verhärtetes Kindgen[27] aus besagten Theilen geschnitten zu haben.

Die Geschichte von der Müllersfrau in den Tagebüchern der kaiserlichen Akad. der Naturforscher, denke ich mit einer andern in den Philosophical Transactions aufzuwiegen, da ein männliches Windspiel ein lebendiges junges Hündgen per anum von sich gegeben haben soll. Statt der Hrn. CLAUDER und OTTO die jene Geschichte bezeugen, nenne ich zwey Gewährsleute, auf die England stolz seyn muß: Dr. WALLIS und EDM. HALLEY.

Endlich dem anonymus bey SCHMUCKER setze ich einen anonymus beym ehrwürdigen FR. RUYSCH entgegen, der diesem ein ähnliches Product, nemlich eine knochichte Schaale wie eine halbe Wallnuß verehrte, die er nebst vier vollkommnen Backzähnen und einem Knaul Haare vom Magen einer männlichen Leiche losgeschnitten zu haben versicherte.

Das wäre denn also Autorität gegen Autorität. Ich glaube man kan nicht gewissenhafter zu Werke gehn, als ich hier zu Werke gegangen bin; und in so fern, dächte ich, wären wir wenigstens quitt. Doch riethe ich, wenns gefällig wäre, überhaupt beym gegenwärtigen Streite, diese Art von Hülfstruppen vor der Hand aus dem Spiele zu lassen; ich stellte die meinigen blos darum auf, weil die Gegenpartie mit den ihrigen ins Feld zu rücken für gut befunden hatte.

Das ist das Hauptsächlichste, was ich den berühmtesten Beweisen, die von den Vertheidigern der präformirten mütterlichen Keime für die sinnlichst entscheidenden ausgegeben werden, entgegen zu setzen habe.

Diesen darf ich aber nun noch einige andere aus Erfahrung bewiesene Gegengründe beyfügen, die ohnehin wohl den Werth jener Einschachtelungshypothese bey unbefangenen und nachdenkenden Lesern zu bestimmen, hinreichend seyn dürften.

So z. B. die durchgehends bestätigte Erfahrung, daß sich auch dem bewaffnetesten Auge doch nie sogleich — sondern immer erst eine geraume, zum Theil beträchtlich lange Zeit, nach der Befruchtung die erste Spur des neuempfangnen Menschen oder Thiers, oder Gewächses zeigt. Es lohnt sich nicht der Mühe, jetzt noch die fabelhaften Sagen des HIPPOCRATES und so vieler nachherigen guten Alten zu rügen, die in den ersten Tagen nach der Empfängnis schon völlig kenntliche ausgebildete menschliche Leibesfrüchte gesehen zu haben meinten. Sie werden bey den wenigen Hülfsmitteln und der seltnen Gelegenheit in jenen Zeiten um so verzeihlicher, wenn man bedenkt, daß selbst neuere Aerzte von ungleich mehr ausgebreiteter Erfahrung in diesem Fache, noch ähnliche solche Behauptungen gewagt haben. So hat uns MAURICEAU mit Abbildungen von Leibesfrüchten von 3⅓ Tagen, von einem Tag u. s. w. beschenkt, und so haben MALPIGHI und CROUNE schon im unbebrüteten Ey einer getretnen Henne, und letztrer sogar in Windeyern von Hünern, denen sich noch nie ein Hahn genaht hatte, das Küchelgen und seine Theile gesehn zu haben, versichern dürfen.

Kein vorsichtiger und zuverlässiger Beobachter wird aber vor der dritten Woche der Schwangerschaft einen ungezweifelt wahren, menschlichen Embryo, oder im bebrüteten Hühnerey in den ersten zwölf Stunden auch nur eine dunkle, und vor Ende des zweyten Tages, eine deutliche Spur des Küchelgens gesehn haben. Vor diesem, einer jeden Gattung von Thieren und Gewächsen von der Natur auf längere oder kürzere Zeit vorgeschriebenen Termin[28], ist schlechterdings ihre neuempfangene Brut nicht zu erkennen: ein Umstand, der bey der Vollkommenheit unsrer Vergrößerungsgläser und andrer mechanischen Hülfsmittel und Handgriffe der Theorie der präformirten Keime gewiß nichts weniger als günstig seyn kan.

Eben so wenig ist abzusehen, wie in aller Welt die Gönner der präformirten Keime, die unzähligen Fälle von Entstehung und Ausbildung ganz zufälliger Weise neuerzeugter, im natürlichen Bau gar nicht existirender organischer Theile mit ihrer Einschachtelungshypothese zusammen reimen wollen.

Nur gleich wenige Beyspiele der Art statt vieler.

Eine Frau wird guter Hoffnung, aber ihr Kind ist nicht in dem eigentlichen Ort seiner Bestimmung, sondern darneben in einer der beiden Fallopischen Röhren empfangen worden, die berstet endlich bey zunehmendem Wachsthum des armen verirrten Geschöpfes, und dieses fällt nun in die Bauchhöhle der Mutter. Was thut die Natur? Sie ergießt eine Menge plastischer Lymphe, die sich zu deutlich organisirten Häuten bildet, und den Fötus incrustirt, wie eine Mumie einwickelt und dadurch die der Mutter sonst tödliche Fäulung desselben verhütet; so daß sie nun noch lange Jahre mit dieser zwar lästigen, aber doch nicht gefährlichen Bürde herumgehen kan. Die nachherigen Leichenöffnungen aber zeigen offenbar, daß diese durch einen Zufall veranlaßten neuerzeugten Membranen mit zahlreichen Blutgefäßen durchwebt sind[29], die doch wohl schwerlich im vermeinten Keime schon präexistirt haben können?

Ein Mensch bricht beide Röhren im Vorderarm, hält sich bey der Heilung nicht ruhig, so daß die Natur den Bruch nicht wie sonst durch eine Beinschwiele zusammen leimen kan. Was thut sie dagegen? sie bildet im Bruche für beide Röhren zwey neue Gelenke, im ganzen gleichsam einen zweyten Ellnbogen, der für sich allein und ohne Hülfe der andern Hand volle Beweglichkeit hat.

Ein anderer verrenkt den Schenkelkopf aus dem Hüftknochen und die Natur bildet ihm in selbigem eine neue Pfanne[30].

Ein Kind kriegt im Mutterleibe durch den zufälligsten Anlaß, z. B. blos durch unmäßige Liebesbezeugungen des Vaters gegen die schwangere Mutter, einen Wasserkopf, wodurch die Hirnschaale ungeheur wassersüchtig aufgetrieben wird, und mächtige leere Zwischenräume zwischen den ausgedehnten flachen Knochen derselben entstehen. Die Natur sucht zu helfen, und sprengt einzelne kleine Knochenkernchen in diese Zwischenräume, die zu Zwickelbeinchen werden und diese gefährlichen Lücken möglichst ausfüllen, die sonst so weit auseinander stehenden Knochen miteinander verbinden, und die Hirnschaale schließen helfen. Diese Zwickelbeinchen gehören aber nicht zum natürlichen Bau, und finden sich daher auch nur sehr selten bey Thieren oder an den Schedeln von wilden Völkern; können folglich auch wohl schwerlich im Keime präformirt gewesen seyn. Und doch sind es wahre, einzelne, abgesonderte Knochen, mit ächten Näthen eingefaßt. Und zwar werden sie nicht etwa blos von den benachbarten natürlichen Näthen der flachen Knochen umschlossen, sondern oft liegen ihrer so viele dicht neben- und untereinander, daß die mittlern darunter ganz offenbar auch ihre eignen neuerzeugten Näthe bilden. Wie kunstreich aber ist nicht der Bau einer ächten Nath mit ihren doppelten und dreyfachen Reihen von Zäpfgen und Grübgen, die so bewundernswürdig in einander greifen.

Die Schlußfolgen aus allen diesen Beyspielen ergeben sich von selbst. Können einmal vollkommne besondere Knochen, ganz neue ungewöhnliche Gelenke, neue organische Häute mit eben so neuen Blutgefäßen, da gebildet werden, wo an keinen dazu präformirten Keim zu denken ist, wozu brauchts denn überhaupt der ganzen Einschachtelungshypothese?

Allein auch selbst die Erscheinungen bey Zeugung der Bastarde wiedersprechen allen Begriffen von Präexistenz eines präformirten Keims so schlechterdings, daß man kaum absieht, wie bey einer reifen Erwägung der erstern, die letztern noch ernstliche Vertheidiger haben finden können. Mich dünkt eine einzige Erfahrung wie die, da Hr. KÖLREUTER durch wiederholte Erzeugung fruchtbarer Bastardpflanzen, endlich die eine Gattung von Tabak (Nicotiana rustica) so vollkommen in eine andere (Nicotiana paniculata) verwandelt und umgeschaffen, daß sie nicht eine Spur von ihrer angestammten mütterlichen Bildung übrig behalten hat, müßte doch die eingenommensten Verfechter der Evolutionstheorie von ihrem Vorurtheil zurückbringen. Dieser vortreffliche Beobachter hatte nemlich durch die künstliche Befruchtung der erstern Gattung von Tabak mit dem Blumenstaube von der letztern, fruchtbaren Bastard-saamen erhalten, und hatte dann die daraus gezognen Pflanzen, (die in ihrer Bildung schon das Mittel zwischen ihren beiden Stammeltern hielten), vom neuen und mit gleichen Erfolg mit Blumenstaube von der paniculata befruchtet. Da dieß wiederum fruchtbaren Saamen, und dieser wiederum Pflanzen gab die von der mütterlichen Gestaltung noch mehr abwichen, so hat er mit diesen letztern den nemlichen Versuch noch einmal wiederholt, und so endlich sechs Pflanzen erhalten, die sämmtlich, ihrer ganzen Bildung nach, mit der natürlichen paniculata vollkommen übereinstimmten, ohne sich im mindesten weiter von derselben zu unterscheiden, so daß er in seinem classischen Werke, der Nachricht von diesen berühmten Versuchen, mit ganzem Rechte die Aufschrift giebt: Gänzlich vollbrachte Verwandlung einer natürlichen Pflanzengattung in die andere.

Ich weis sehr wohl, daß die Gönner der Evolution sich bey Erklärung der Bastarderzeugung damit auszuhelfen suchen, daß sie dem männlichen Zeugungsstoffe, außer der reizenden Kraft, womit er den schlafenden mütterlichen Keim erwecken soll, in diesem Fall auch noch bildende Kräfte zugestehen, wodurch dann jene Keime freylich in etwas zur väterlichen Gestaltung umgeformt würden etc. Was ist aber in aller Welt eine solche Ausflucht anders, als ein stilles Geständnis der gebrechlichen Unzulänglichkeit des Keim-systems und der Nothwendigkeit zu Rettung desselben immer doch nebenher zu bildenden Kräften Zuflucht nehmen zu müssen. Und wenn nun aber diese bildenden Kräfte so stark sind, daß sie binnen wenigen Generationen die ganze Form des mütterlichen Keims gleichsam vertilgen und in eine andere umschaffen, so ist nicht abzusehen, wozu denn also überhaupt der Keim präformirt zu seyn brauchte?

[14]l’evolution commence à me paroitre la plus probable etc.

[15] Man sehe z. B. die Vorrede zu diesem seinen Werke S. IX u. f. der Ausg. v. 1768. “Enfin cette découverte importante” (que le Germe appartenoit à la Femelle, qu’il préexistoit ainsi à la Fecondation, et que l’Evolution étoit la Loi universelle des Etres organisés) “que j’attendois et que j’avois osé prédire, me fut annoncée en 1757. par Mr. le Baron DE HALLER, qui la tenoit de la Nature elle-même.” — “La découverte de Mr. DE HALLER prouvoit d’une manière incontestable, que le Poulet appartenoit originairement à la Poule, et qu’il préexistoit à la Conception.

und in seinem Briefe an Hrn. V. HALLER v. 30. Oct. 1758: “Vos Poulets m’enchantent: je n’avois pas espéré que le secret de la Génération commenceroit sitôt à se dévoiler. C’est bien vous, Monsieur, qui avez sçu prendre la Nature sur le fait.

[16] Rosenschwämme, spongiae cynosbati.

[17] In der Vorrede zum VIIIten Bande der collection academique, P. étrangere. pag. 22 sqq.

[18]Nunquam fieri potest, vt inter tubulum millionesies minorem, et millionesies maiorem continuitas oriatur.Elem. physiol. T. VIII. P. I. p. 94. vergl. mit den prim. lin. physiol. §. 883. und den operib. minorib. T. II. pag. 419.

[19] Elem. physiol. a. a. O. S. 257.

[20] Mirac. nat. pag. 21. “admiratione dignum est, nigrum illud punctum, quod in ovis ranarum videre est, ipsum ranunculum omnibus suis partibus absolutum; albicantem vero et circumfusum illum liquorem non nisi alimentum eius esse; quod ipsum sensim dilatatum ita attenuatur, vt exire cum velit possitetc.

Magis mirum est, hunc ipsum ranunculum in ovario vsque adeo exiguum ortus et incrementi sui principium habere, vt fere visum effugiat, vtut ipsum animal sub hac tantula mole delitescat.

und bald hernach zieht er dann den allgemeinen Schluß: “Nullus mihi in rerum natura generationi, sed soli propagationi vel incremento partium locus esse videtur, vbi casus omnis excludatur.

[21] Dissertazioni di fisica animale, e vegetabile T. II. in Modena 1780. 8.

[22]a parlare filosoficamente l’uovo non è che il girino medesimo in se stesso concentrato, e ristretto, il quale mediante la fecondazione si sviluppa, ed acquista le fatezze di animale.” pag. II. §. XVII.

[23]questi globetti non fecondati non sono per verun conto distinguibili dai fecondati” §. XVIII.

[24]ma i globetti fecondati non sono che i feti ranini (§. XVII.): adunque i globetti non fecondati lo saronno altresi; e conseguentemente nella nostra rana il feto esiste in lei pria che abbiasi la fecondazione del maschio.” pag. 12. §. XIX.

[25] Ich liefre die eignen Worte eines andern gleichzeitigen Arztes des Dr. OTTO, der von der Großmutter, nemlich von der Müllersfrau in ihrer Schwangerschaft consultirt worden, und dessen Enkel den ganzen Casus in einer besondern Abhandlung unter folgendem Titel gar gelehrt und subtil vindicirt und illustrirt hat. D. C. I. AUG. OTTONIS epistola de foetu puerpera s. de foetu in foetu. Weissenfels, 1748. 4.

[26] In der Yverduner Encyclopädie T. XVIII. art. FETVS. p. 721. “Il y a plus, on a vu dans une vierge constamment telle et reconnoissable par l’integrité de son hymen, des dents, des ossemens et des cheveux renfermés dans une tumeur du mésentere. Ce phenomene rapporté dans les Mém. de l’ac. de Suede, a été observé depuis peu en. Un fétus femelle, incapable assurément d’admettre le mâle est né avec un fêtus formé au dedans de lui.”

[27]on y distinguoit la tête, les pieds et les yeux.

[28] So zeigt sich z. B. beym trächtigen Caninchen die erste Spur der neuempfangnen Frucht nicht vor dem 9ten Tage; bey der Schaafmutter nicht vor dem 19ten; bey der Hirschkuh nicht vor der 7ten Woche u. s. w.

[29] Ich habe einen solchen Fötus, womit die Mutter 8 Jahr schwanger gegangen, und den das academische Museum von meinem würdigen Freunde dem Hrn. Hofr. BÜCHNER in Gotha zum Geschenk erhalten, im VIII B. der Commentation. soc. reg. sc. Gottingens. beschrieben.

[30] Ich habe von allen solchen Fällen in der Gesch. und Beschreib. der Knochen des menschl. Körp. S. 43. Beyspiele gesammelt.