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Über die weiblichen Brüste

Chapter 16: §. 11. Mitleidenschaft.
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About This Book

Die Abhandlung vermittelt eine medizinisch-praktische Darstellung von Aufbau, Funktion und Pflege des weiblichen Busens; sie erläutert Anatomie, Milchbildung und -beschaffenheit, sowie die typischen Veränderungen während Schwangerschaft und Wochenbett. Anleitungen zur Hygiene, Diätetik, Kleidungswahl und Schonung des Busens wechseln mit praktischen Ratschlägen zum Anlegen, Entwöhnen, Selbststillen und zur Wahl von Ammen. Krankheitsbilder wie Entzündungen, Abszesse und Brustkrebs werden beschrieben, ebenso Vorbeugung, konservative und operative Maßnahmen sowie Hausmittel und Warnungen vor irreführenden Behandlungsmethoden.

I.
Bau und Nuzzen der Brüste.

Sous un cou blanc, qui fait honte à l’albâtre,
Sont deux tetons séparés, faits au tour,
Allans, venans, arrondis par l’amour,
Leur boutonnet a la couleur des roses.
VOLTAIRE.

§. 1.
Einleitung.

Vermehrung und Fortpflanzung des Menschen, dieser höchste Zwek der Natur, hängt von der Vereinigung beider Geschlechter ab, von dem Manne und dem Weibe. Unter ihnen ist das leztere, als der edlere und vorzüglichere Theil, dazu bestimmt, daß aus seinen Eierstökken ein neuer Mensch zu seiner Wirklichkeit hervorgerufen werden, in der Gebärmutter bis zu der vierzigsten Woche wachsen, und nach dieser Zeit durch die Geburt unter die Zahl der übrigen Weltbürger gesezt werden soll.

Was in dem Innern eines Geschöpfes vorgehe, wann es sich der mächtigsten aller Regungen überlassen hat, und nun von einem zweiten befruchtet einem dritten das Leben giebt, — diese Frage hat allgemein und zu allen Zeiten die heiße Neugierde des Menschen gereizt, und in den Versuchen, dieses große Problem zu lösen, ist kein Zugang unbetreten geblieben, wenn man nur irgend wähnen konnte, daß er zu einem Aufschluß hierüber führen werde. Und doch dürfen wir uns keineswegs rühmen, jene Geheimnisse entschleiert zu haben. Einstweilen kommen die meisten Naturforscher darinnen überein, daß in dem vorher rohen ungebildeten Zeugungsstoff der organisirten Körper, nachdem er zu seiner Reife und an den Ort seiner Bestimmung gelangt ist, ein besonderer, dann lebenslang thätiger Trieb rege wird, ihre bestimmte Gestalt anfangs anzunehmen, dann immer zu erhalten, und wenn sie ja etwa verstümmelt worden, wo möglich wieder herzustellen. BLUMENBACH, der diese Theorie lehrte, nennt jene Lebenskraft den Bildungstrieb, und es läßt sich eben so wenig sein Daseyn, als seine Wirksamkeit in der belebten Schöpfung verkennen.

§. 2.

Mannichfaltig und in dem höchsten Grade zwekmäßig sind alle jene Theile, welche das weibliche Geschlecht von dem männlichen unterscheiden, und welche mehr oder weniger auf das Zeugungsgeschäfte Bezug haben. Eines der wichtigsten Glieder in der Reihe von Körpern, welche dem Frauenzimmer ausschließungsweise zugehören, besezzen die Brüste (mammae), jene beiden drüsigten Körper, in welchen die Milch, die erste Nahrung des neugebohrnen Kindes, zubereitet wird.

§. 3.
Lage der Brüste.

An dem mittlern und erhabensten Theil der vordern Fläche der Brust, gleich über dem großen Brustmuskel einer jeden Seite, findet man bei dem schönen Geschlechte, nach Erreichung der mannbaren Jahre bis in das Alter, zwei halbrunde Erhabenheiten, auf jeder Seite eine, welche etwas hart anzufühlen und beweglich sind. Ihr äußerster Umfang erstrekt sich der Länge nach von der Gegend des untern Randes der zweiten bis ohngefähr zur fünften wahren Rippe, der Queere nach aber nehmen sie den ganzen Raum zwischen dem Armgelenk und dem Brustbein ein. Bei Kindern beiderlei Geschlechts findet man selbst nicht den geringsten Unterschied in den Brüsten; bei erwachsenen Mannspersonen bleiben sie klein und flach, und bei dem erwachsenen Mädchen nehmen sie die Form eines größern oder kleinern Abschnitts einer Kugel an; mehrentheils sind sie halbrund. Im unverdorbenen, jungfräulichen Zustande äußern sie das Gefühl von Völle, Elastizität und Festigkeit.

§. 4.
Zahl der Brüste.

Alle lebendig gebährende Thiere, mit warmem Blute und mit Wirbelbeinen versehen, haben Brüste. Ihre Anzahl ist verschieden; nur der Mensch und wenige Thiere haben zwei, die meisten deren vier, zehen bis zwölf. Bei einigen Thieren liegen sie an der Brust, bei andern an dem Bauch und in der Inguinalgegend oder an beiden zugleich. Bei Männern finden wir eben so viel als bei Weibern; sie sind weniger erhaben, breiter und niedergedrükt, mit kleinern Drüsen versehen. Dem Weibe bestimmte die Natur die Brüste an den Thorax: daher sind seine Schlüsselbeine weniger gebogen, und seine obersten Rippen erhabener und breiter. Gemächlichkeit und Schönheit sind bei der Lage der weiblichen Brüste vereinigt. Die Nothwendigkeit erforderte deren zwei, weil nicht nur Zwillinge zuweilen gesäugt werden mußten, sondern damit auch bei Krankheiten und Verderbnissen der Brüste wenigstens eine noch gesund und brauchbar bliebe. Wenn das Kind beständig auf einer Seite nur gesäugt werden sollte, so waren bei den biegsamen Kopfknochen desselben mancherlei Ungestaltheiten zu befürchten. Ich selbst erinnere mich eines Beispiels, wo zufällig ein Knabe von seiner zärtlichen Mutter nur aus einer Brust zu trinken bekam. Er trug einen schiefen Hinterkopf davon.

§. 5.
Der Hof.

Als halbkugelrunde Körper haben die Brüste zwei verschiedene Flächen, deren die vorwärts gekehrte rund erhaben, und in der Mitte mit einer Warze, welche ein Hof oder Ringel umgiebt, versehen ist; dahingegen die hintere flach und selbst etwas ausgehöhlt ist, und auf dem großen Brustmuskel anliegt, mit welchem sie auch vermittelst des Zellgewebes verwachsen ist. Der Hof, Kreis oder Ringel (areola) ist in der Jugend bei der Jungfer rosenroth, mit zunehmenden Jahren wird er gelbbräunlich von Farbe. Wenn wir indessen hierinnen nicht selten eine Verschiedenheit bemerken, so beruht dieselbe auf der verschiedenen Farbe der Haare und der Konstituzion des Frauenzimmers. Die Substanz des Hofes ist weich, zellulös und mit einer sehr dünnen Haut umgeben. In der ganzen Fläche derselben sind eine große Menge kleiner Drüsen von dem einfachsten Bau zerstreut anzutreffen, welche eine Fettigkeit hergeben, die zur Verhütung und Linderung derer vom starken und langen Säugen der Kinder an der Warze leicht entstehenden Schmerzen sehr dienlich ist.

§. 6.
Die Warze.

Mitten in diesem bräunlichen Ringel befindet sich die Brustwarze (papilla). Man theilt sie in das Grundstük und die Spizze. Mit jenem erhebt sie sich etwas breit, diese ist etwas aufwärts gerichtet. Beide Warzen liegen nicht völlig in der Mitte beider Brüste, sondern etwas mehr nach außen zu, so daß die der rechten rechts, und die der linken links zu stehen kommt. Die Haut, welche die ganze erhabene Fläche der Brüste überzieht, und auch den flächern Warzenkreis bedekt, zieht sich in dessen Mitte um die vollrunde Erhabenheit der Warze zusammen, runzelt gleichsam in ein dichteres Gewebe ein, und bekommt eine andre Farbe. Man trifft auch in der Warze solche einfachen Fettdrüsen an, welche mit denen des Hofs einerlei Nuzzen haben. Die innere Höhle der Warzen ist mit vielem elastischen Zellgewebe angefüllt, welches die Milchkanäle umgiebt. Die darinnen befindlichen Nerven und Blutgefäße sind sämmtlich von ansehnlicher Größe. Aus allem diesem zusammengenommen läßt sich die bekannte Erscheinung des Steifwerdens der Warzen bei einer wollüstigen Empfindung oder bei einem von außen angebrachten Reiz, z. B. dem Reiben mit dem Finger, sehr leicht erklären, indem sich alsdann das Blut hier anhäuft und aufhält. Bei Jungfern und Nichtschwangern sind die Warzen gewöhnlich klein und gedrükt; bei Säugenden und Schwangern hingegen größer, höher und weicher. In ihnen öffnen sich die Milchgänge, welche nach deren Spizzen hinlaufen.

§. 7.
Die Hautbedekkung.

Die allgemeine Hautbedekkung der Brüste richtet sich in der Farbe nach der der Haare. Bei Blonden ist sie weiß, fein und zart, so daß das darunter liegende Adergewebe bläulich durchschimmert; bei Brünetten bemerkt man alles dieses weniger. Die Haut ist elastisch und einer großen Ausdehnung fähig, obwohl sie sich nachher nicht leicht wieder in demselben Grade zusammenzieht. Unter der äußern Haut der Brüste trifft man eine Lage von Fett an, welche die zweite Bedekkung der Milchdrüsen ausmacht. Der drüsigte Theil der Brust nämlich liegt eigentlich zwischen zwei Fettlagen. Die äußere Lage stellt sich in vielen kleinen Klumpen dar, begleitet die Milchleiter, und sezt sich zwischen die Milchdrüsen. Sie macht die Größe und Erhabenheit der Brust aus. Vermittelst ihrer erheben und verschönern sich die Brüste in den ersten Jahren der Mannbarkeit, und der Mangel dieses sich verzehrenden Fettes ist es, welcher bei alten Weibspersonen die Brüste hängend und schlaff macht. Die zweite Fettlage, womit die Brustdrüsen auf der den Rippen zugekehrten Seite bedekt sind, macht nur ein zähes Gewebe aus, vermöge dessen die Brüste auf dem großen Brustmuskel angewachsen sind, und in welchem die Wassergefäße laufen. Der Hof und die Warzen sind größtentheils von diesem Fette entblöst.

§. 8.
Die Drüse.

Was demnach die eigentliche Substanz der Brüste ausmacht, sind die sogenannten Milchdrüsen. Jene verschiedentlich gebauten Organe unsers Körpers, welche zu Absonderungen gewisser Feuchtigkeiten, wie z. B. des Speichels, dienen, nennen wir Drüsen. Sie bestehen aus einem innigen Gewebe einer zahlreichen Menge von Gefäßen, welche durch dichte Fasern miteinander verbunden sind, zum Theil ineinander übergehen, und mannichfaltige Richtungen und Krümmungen annehmen. Sie endigen sich sodann in einen oder mehrere Ausführungsgänge.

Die Brustdrüse selbst ist verschieden bei den Mädchen und bei der Milchabsonderung, und hier den Speicheldrüsen ähnlich. Ihre vordere Fläche ist ungleich, konvex, die untere hingegen flacher, konkav. Ihr Umfang ist elliptisch. Sie enthält verschiedene Gruben und Einbiegungen, und ist in mehrere, durch Zellgewebe zusammenhängende, Stükke, in kleine Lappen abgetheilt. Ihr äußerer und oberer Rand ist dünner als der hintere und untere.

Die Milchgänge nehmen in unzähliger Menge ihren Ursprung aus dieser Drüse, laufen allmählig in größere Zweige zusammen bis in die Warzen, ohne deßwegen Anastomosen oder Verbindungen unter sich einzugehen, wohl aber werden sie in ihrem Verlaufe einmal weiter und bilden kleine Säkke. Ohne die Anzahl der leztern genau bestimmen zu können, nahm man im Durchschnitt deren funfzehn bis siebenzehn an. Alle jene Milchgefäße laufen also von dem Mittelpunkt der Brüste nach deren Umkreis übereinander weg, so daß der größte Theil der von einem Milchleiter abstammenden Gefäße beieinander bleibt. Alle diese Milchgefäße stellen gleichsam lauter kleine, auf verschiedene Art zusammengehäufte Därmchen vor. Gewöhnlich sind sie zusammengefallen und geschlossen, bis sie durch den innern Andrang von Milch, und durch den Reiz, den das säugende Kind macht, sich öffnen und den abgeschiedenen Nahrungssaft hergeben.

Man hat bei Leichnamen in jeden ausführenden Milchgang nahe bei der Spizze der Brustwarze kleine Röhren eingebracht, durch welche man eine jegliche mit einer Materie von besonderer Farbe, mit roth, gelb oder braun gefärbtem Wachse aussprizte, und gefunden, daß sich diese Farben nirgends untereinander vermischt haben. Daraus folgt, daß die weibliche Brust aus so vielen Drüsen zusammengesezt sey, als abführende Milchgänge in die Brustwarze sich öffnen. Alle diese Drüsen sind durch ein kurzes, zähes, zaserichtes Gewebe ineinander verwachsen. Deßwegen kann auch ein Kind an einer Brust noch saugen, in welcher schon der eine oder andere Milchkanal verstopft ist. Die noch offenen Kanäle sind hinlänglich, die Begierde des Kindes zu sättigen.

§. 9.
Arterien, Venen, Nerven und absorbirende Gefäße der Brüste.

Zu ihrer Ernährung besizzen außerdem die Brüste noch eigenthümliche Puls- und Blutadern. Durch jene wird das Blut in dieselben hineingeleitet, durch diese zurükgeführt. Ursprünglich aus dem Herzen durchströmt das Blut in einem gewissen Zeitraum unsern ganzen Körper, kommt in jeden lebenden, ernährten Theil, und von da wieder in das Herz zurük. Endlich haben die Brüste noch eine Menge Nerven, die Werkzeuge der Empfindung in dem menschlichen Körper. Besonders reichlich sind damit die Warzen versehen, und hierinnen liegt der Grund, warum manche Mütter bei dem Säugen der Kinder einen hohen Grad von angenehmer, oft wollüstiger Empfindung haben. Von Pulsadern, welche zu der Brust gehen, entdekt die Anatomie hauptsächlich vier Stämme, die subclavia und deren Fortsezzung, die axillaris, mammaria und die intercostales. Die Blutadern, deren Verästelungen man in den von Milch aufgetriebenen Brüsten schon sieht, begleiten überall die Schlagadern, und laufen endlich in die vena mammaria interna, in die vena thoracica externa und in die intercostales zusammen. Die Nerven der Brüste entstehen von dem Interkostal- oder Rükkennerven, und dann von den Cervikalnerven. Man theilt sie in die Nerven der Drüse, und die der Haut. Die lymphatischen Gefäße der Brüste haben zwei Plexus, den äußern und den innern. Sie nehmen sowohl aus den Milchkanälen selbst, als aus dem Zellgewebe ihren Ursprung. Daher bei Entwöhnenden die schnelle Vertreibung der Milch. Sie dienen dazu, diese Feuchtigkeit einzusaugen und dem Blute wieder beizumischen, und zwar nicht allein durch den ductus thoracicus, sondern auch durch die benachbarten Blutadern. Sie vertheilen sich unter die Drüsen der Achselgrube und in die großen Arm- und Halsblutadern. Wenn Säugende ihre Kinder absezzen, so fühlt man oft die Achseldrüsen, zu denen die hier beschriebenen absorbirenden Gefäße hinlaufen, geschwollen und schmerzhaft.

§. 10.
Wachsthum der Brüste.

Zu der Zeit der Mannbarkeit ist das weibliche Geschlecht gewissen Veränderungen in dem Körper unterworfen. Die Brüste fangen an zu wachsen. Die monatliche Reinigung stellt sich ein. Dieses ist ein alle vier Wochen entstehender natürlicher Blutfluß aus den weiblichen Geburtstheilen, welcher einige Tage dauert, und von selbst wieder aufhört. Ohne ihn kann die Gesundheit des Weibes nicht bestehen. Auf diese Naturerscheinungen hat das Klima großen Einfluß. In wärmern Gegenden ereignen sie sich ungleich früher als in kältern und gemäßigten. Bei uns fällt dieser Zeitpunkt in das vierzehnte Jahr, doch leidet es seine vielfältigen Ausnahmen. Das männliche Geschlecht kommt im Allgemeinen später zur Reife. Überhaupt liefern die Organe der weiblichen Brüste zu verschiedenen Zeiten verschiedene Phänomene. Bei neugebohrnen Kindern sind sie ein wenig geschwollen und weich, und bei dem Druk ergießt sich ein wenig Lymphe. Zur Zeit der Mannbarkeit bei dem Erscheinen des Monatlichen erwachen sie gewissermaßen aus ihrem Schlafe: sie fangen an zu leben; es entsteht mehr Blutzufluß, sie werden fetter, härter, wachsen in ihrer ganzen Substanz und formiren die Halbrunde. Von nun an sezerniren sie noch nicht, die Warze ist niedergedrükt, rosenroth. Zur Zeit der Schwangerschaft schwellen sie noch mehr und schmerzen. Nach der Geburt wird die Milch erst abgesondert; die bisher zusammengefallenen Milchgefäße erheben sich von dem Saugen an der Warze. Sie sehen nicht mehr knorpelweiß, blauweiß und glatt aus, sondern sie werden körnigt und uneben. Bei der Entwöhnung kommen sie wieder zur Ruhe bis zu einer neuen Schwangerschaft. Bei dem Aufhören des Monatlichen werden die Brüste ihrer Reizbarkeit beraubt, sie werden magerer, runzlicht, sie verwelken. Die Brüste durchgehen demnach ihr eignes Leben.

§. 11.
Mitleidenschaft.

Zwischen der Gebärmutter und den Brüsten herrscht eine beständige Mitleidenschaft. Ohne die Wege, welche zwischen beiden Organen Statt haben, anatomisch genau angeben zu können, so zeigt doch die Natur jedem Beobachter zu allen Zeiten jenen Consensus unverkennbar. Man betrachte den Wachsthum der Brüste bei jungen Mädchen, wenn ihre Mannbarkeit eintritt. Man berühre diese Zeugen ihrer Fähigkeit, und frage sie dann, oder beobachte sie doch wenigstens, ob nicht der Siz des Begehrens mitfühlt. Man bemerke die Veränderung desselben um die Reinigungsperiode, bei dem Anfang und Fortgang der Schwangerschaft. Man beobachte, wie das Saugen eines Kindes die Nachwehen und den Abgang der Kindbettreinigung vermehrt, oder wie ein trokkener Schröpfkopf auf der Brust einen Mutterblutsturz anhält. Man erinnere sich, daß die Brüste welk werden, wenn das Kind in der Gebärmutter abstirbt; wie die Milch der Weiber und der Thiere sich abändert, wenn wieder eine Schwangerschaft eintritt; wie die Menstrua der Weiber so spät nach dem Wochenbette erscheinen, wenn die Brüste häufig und lang ausgesogen wurden; wie die Brüste aussehen, wenn die Weiber ihre Reinigung verlieren; und wie gern endlich zu eben dieser Zeit die Gebrechen der Gebärmutter sich den Brüsten mittheilen: — und man wird nach allem diesem um Beweise für eine Mitleidenschaft zwischen beiden Organen nicht verlegen seyn.

§. 12.
Milchbereitung.

In diesen eben beschriebenen Organen wird also die Milch bei dem Weibe, kurze Zeit nach der Entbindung zubereitet oder abgesondert. Die Hilfsmittel, wodurch dieses geschieht, sind die eigens ihnen von der Natur zu diesem Geschäfte verliehenen Kräfte. Die mancherlei Winkel der Gefäße, die Verschiedenheit ihrer Durchmesser, der Dichtheit ihrer Membrane, der Reizbarkeit, ein Anziehungsvermögen ähnlicher Theile, dienen alle zu diesem Endzwek. Die Quelle, aus welcher die Milch entspringt, ist das Blut, in ihm ist der Stoff dazu enthalten. Ganz neuerlich hat man in der Physiologie die Meinung aufgestellt, daß der Speisesaft vor seiner gänzlichen Verähnlichung mit dem Blute in die Brüste abgesezt und ausgeschieden werde.

§. 13.
Die Milch.

Diese Milch ist die erste Nahrung des Menschen; durch nichts würde diese Absicht auch besser erfüllet werden. Sie besteht aus einem käsichten, ölichten und wässerichten Theile, nämlich dem Käse, dem Rahm und der Molke. Sie hat einen süßen Geschmak und bildet eine blaulichte, bewegliche Dekke, wenn sie einige Zeit gestanden hat. Durch die Beimischung von Säuren gerinnt sie nicht wie die Kuh- oder eine andre Milch, wenigstens bei weitem nicht so schnell und so vollkommen. Die gute fette Muttermilch bekommt immer einen hellgelben Rahm und dieses ist daher wirklich ein wahres Zeichen einer guten Milch. Unter allen Milcharten ist die vorzüglichste in jeder Hinsicht die Frauenmilch. Sie enthält am wenigsten des käsichten Bestandtheils. Ihr am nächsten kömmt die Eselinnenmilch.

§. 14.
Beschaffenheit derselben.

Kupferne Geschirre befördern das Gerinnen der Kuhmilch. Mit einem Vergrößerungsglase untersucht, nimmt man in derselben eine Menge ungleich geformter Kügelchen wahr, deren größere Beweglichkeit vorzüglich davon abhängt, ob die Milch frischer ist, oder schon lange gemolken wurde. Die Molken enthalten ein unter dem Namen Milchzukker bekanntes Salz. Das destillirte Milchwasser verhält sich nicht gerade wie einfaches destillirtes Wasser; sein Geruch und Geschmak, und die Leichtigkeit, mit der es sich verändert, zeigen hinlänglich, daß dasselbe mehrere andere Körper aufgelößt enthalte. Das Residuum der Milch nach abgezogenem Milchwasser giebt, auf freiem Feuer behandelt, eine klare und sehr durchsichtige Feuchtigkeit, und bei fortgesezter Destillazion erhält man etwas Öl, kohlensauern Ammoniak, und am Ende brennbares Gas. Der Rest ist eine schwammigt ausgedehnte Kohlenmasse, welche sich sehr schwer einäschern läßt. Die Asche davon färbt den Veilchensyrup grün, und mit der Schwefelsäure vermischt, entstehen salzsaure Dämpfe. Der Rahm sondert sich am besten und vollkommensten ab in weiten und offenen Gefäßen, bei vollkommener Ruhe, und in einer mäßig warmen Temperatur. Der Rahm existirt schon in der Milch, so bald sie aus dem Euter des Thiers ausfließt. Eben so ist die Butter, ganz wie sie ist, in dem Rahm gebildet, und nach allen ihren Eigenschaften, welche man kennt, enthalten. Die Butter bedarf weder zu ihrer Konkreszibilität, noch zu ihrer mehr oder weniger gelben Farbe eines neuen Zutritts des Oxygens. Das Stoßen ist daher auch das alleinige Mittel zur Bereitung derselben. Die Jahreszeiten, die Natur der Nahrungsmittel und der physische Stand des Thiers haben auf die Eigenschaft und die Farbe der Butter den größten Einfluß. Die Häutchen, welche sich immer bei der abgerahmten Milch bilden, wenn man sie erwärmt, verdanken ihre Entstehung zunächst dem Zutritt der atmosphärischen Luft. Sie verhalten sich chemisch gerade wie der käsichte Theil der Milch. Die erste bald nach der Geburt aus den Brüsten abfließende Milch oder das sogenannte Kolostrum ist in Rüksicht der Butter, des Rahms und des käsichten Theils von der ordinären Milch wesentlich unterschieden. Auf ein Pfund Kolostrum kann man füglich anderthalb Unzen Butter rechnen, und gerade von dieser großen Menge an fettiger Substanz hängt seine Eigenschaft ab zu laxiren und bei den Neugebohrnen das Kindspech fortzuschaffen.

§. 15.
Veränderung der Milch.

Die Bestandtheile der Milch von verschiedenen Thieren richten sich nach dem Futter, welches das Thier genießt. Die Milch einer Kuh, die ein wässerichtes Gras frißt, hat wenig Käse. Vom Genusse des Bitterklees (trifolium pratense), des wilden Knoblauchs (allium latifolium palustre), der Münze, (mentha sylvestr.), des wilden Senfs (thlaspi), und des Liebstökkels (ligusticum) bekommt die Milch einen bittern Geschmak. Die Butter in Neuyork schmekt nach Zwiebeln, weil man den Knoblauch von den Feldern nicht ausrottet, welches die Fütterung verdirbt. Eine Art Saudistel (sonchus) soll den Geschmak der Rennthiermilch verderben. Auch sollen die schirmtragenden Pflanzen den Geschmak der Milch verändern. Die Milch der Kühe, welche Wolfsmilch gefressen haben, erregt Brechen und Durchfälle. Auch nach der Gratiola soll sie eine purgirende Eigenschaft bekommen. Die Milch der Kühe, welche mit Färberröthe gefüttert wurden, bekam eine rothe Farbe; eben diese Wirkung soll der Genuß der Opuntia haben. Der Safran soll sie gelb, der Indigo sie blau färben. Nach bloßen Pflanzenspeisen ist die Milch der Amme sehr zur Säure geneigt, nach bloßen Fleischspeisen wird sie gar nicht sauer. Kranke wollen es sogar am Geschmak der Eselinnenmilch haben merken können, ob das Thier gehörig gestriegelt war oder nicht. Die Milch der Eselin, die auf einem offenen Plaz weidete, erregte dem Kranken immer Passion, wenn sie von dem Knaben genekt war. Wenn Säuglinge das Wechselfieber haben, so giebt man der Amme die Fieberrinde, um das Fieber des Kindes zu heilen. Beischlaf, Geilheit und die monatliche Periode verderben die Milch der Ammen. Purgirmittel, die die Amme nimmt, laxiren das Kind mit, oft das Kind allein. Diätfehler der Mutter wirken auf das Kind, es bekommt leicht Windkoliken, wenn sie Kohl, Hülsenfrüchte und andere blähende Speisen gegessen hat. Ein Rausch der Amme in starken geistigen Getränken soll dem Kinde Konvulsionen zugezogen haben. Heftige Leidenschaften der Amme, Zorn, Ärger, Indignation, können ihre Milch so verändern, daß sie wie ein Gift wirkt, Erbrechen, Durchfall, Konvulsionen, Epilepsie und den Tod erregt.

§. 16.
Anwendung dieser Beobachtungen in der Heilkunde.

Auf diesen Erfahrungen, daß die Nahrungsmittel des Thiers die Natur der Milch verändern, beruht der Vorschlag der Ärzte, ihr absichtlich eine arzneiliche Kraft mitzutheilen. Besonders hat man zu diesem Behuf die Ziegen vorgeschlagen, die am leichtesten ein Futter von verschiedener Art fressen. GALEN rühmte vorzüglich die gesunde Milch zu Stabiae, einer Stadt in Kampanien, weil die Wiesen daselbst viele gute Kräuter trugen, RÖSNER empfiehlt gegen die Wassersucht die Milch der Kühe, die mit Mauerkraut (parietaria) gefüttert sind. Bei der englischen Krankheit der Kinder soll man ihnen die Milch von Thieren geben, die Färberröthe unter dem Futter bekommen; bei der Hämorrhoidalkrankheit soll man die Milch von Thieren trinken lassen, die mit der Steinnessel (urtica minor), bei der Verstopfung von Thieren, die mit Salat und Portulak gefüttert sind.