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Über die weiblichen Brüste

Chapter 78: §. 67.
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About This Book

Die Abhandlung vermittelt eine medizinisch-praktische Darstellung von Aufbau, Funktion und Pflege des weiblichen Busens; sie erläutert Anatomie, Milchbildung und -beschaffenheit, sowie die typischen Veränderungen während Schwangerschaft und Wochenbett. Anleitungen zur Hygiene, Diätetik, Kleidungswahl und Schonung des Busens wechseln mit praktischen Ratschlägen zum Anlegen, Entwöhnen, Selbststillen und zur Wahl von Ammen. Krankheitsbilder wie Entzündungen, Abszesse und Brustkrebs werden beschrieben, ebenso Vorbeugung, konservative und operative Maßnahmen sowie Hausmittel und Warnungen vor irreführenden Behandlungsmethoden.

VII.
Selbststillen.

§. 66.
Empfehlung desselben.

Die Frau soll ihr Kind selbst stillen; dieses ist ein von der Natur fest gegründeter Saz, welcher nur selten Ausnahmen leidet. Möchten ihn doch alle Mütter, deren Körperbau es nur einigermaßen erlaubt, beherzigen! Möchten sie doch alle der lauten Stimme der Natur Gehör geben, und ihren eignen Busen ihrem eignen Kinde, ihrem zweiten Ich, nicht versagen; möchten sie doch alle fühlen, welche erhabene Würde es ist, Mutter zu seyn, und diese ihre heiligste Pflicht erfüllt zu haben! Das kleine Geschöpf schreit und weint sogleich bei seinem Eintritt in die Welt, es will Mitleid und die Dauer seines Daseyns erflehen. Welche Mutter kann dabei kalt und unempfindlich bleiben; wer könnte es noch ohne gegründete Ursache einer gemietheten Säugamme überlassen, welche, so gute Eigenschaften sie auch immer haben mag, doch die Verrichtungen einer wahren Mutter nie über sich nehmen kann! Bemerkt man dann die stufenweise erfolgende Vermehrung der Kräfte des Kindes, die rührenden Proben von seiner Zuneigung; wer wird wohl da noch an die gehabte Mühe und Unruhe denken; wer wird da nicht bald die Gesellschaften vergessen, welche man vielleicht seinetwegen entbehren mußte?

§. 67.

Die in Hinsicht auf das neugebohrne Kind rohen Nahrungsmittel, blos geschikt zu der Ernährung der schon zu einem gewissen Alter erwachsenen Menschen, können demselben durchaus nicht angemessen seyn; es kann sie nur schwer verdauen und seiner Natur angleichen. Es bedarf in seiner neuen Lebensbahn eines Nahrungsmittels, welches jenem noch vor kurzem im Mutterleibe erhaltenen, am nächsten kommt; es bedarf der Milch aus den Brüsten seiner Mutter vornehmlich von ihm selbst gesogen. Nichts kann an diesem Naturgesez geändert, nichts davon unterlassen werden, ohne Nachtheil für Mutter und Kind, wenn anders die Bedingnisse vorhanden sind, welche eines und das andere für dasselbe eignen. Das Säugungsgeschäft, diese mütterlich süße Pflicht, ist leider durch Vorurtheile und falsche Begriffe fast überall so sehr herabgesezt worden, daß für Mutter und Kind, selbst für die Menschheit im Ganzen, daraus sehr vieles Unheil erwachsen mußte. Jede Mutter, welche stark genug war, ihr Kind viele Monate in dem Leibe zu tragen und zu ernähren, ist auch stark genug, demselben, nachdem sie es zur Welt gebohren, noch einige Zeit hindurch die Brust zu geben. Die wirklichen Ausnahmen von dieser Naturregel sind wenigstens höchst selten. Sobald das Kind gebohren ist, und sich wohl befindet, so sucht es schon die Brust seiner Mutter, und findet es sie nicht, so säugt es an allem, was ihm vor den Mund kommt, an seinem eignen Fäustchen, an dem Finger, den man ihm in den Mund stekt. Wessen sich die Thiermutter schämen würde, das erlaubt sich wohl eine ausgeartete Mutter des Menschenkindes; sie sieht es, und fühlt nicht in ihrem Herzen, daß es Zeit ist, ihrer Frucht die Brust zu reichen: nein, der reiche Busen muß verwelken, und das unglükliche Kind kommt nie zu der vollkommenen Reife, oder muß vielleicht gar sterben, ehe es anfieng, seines Lebens bewußt und froh zu werden.

§. 68.
Vortheile des Selbststillens.

Durch das Selbststillen wird unzähligen Übeln, schweren Wochenbetten, entzündeten Brüsten, Milchversezzungen, welche leicht tödtlich werden können, vorgebeugt, sogar manche andere Krankheit, welche vorher da war, geheilt. Man vergleiche nur die Gesundheit, die Stärke, die Munterkeit der stillenden Mutter mit dem schmachtenden, ängstlichen und kranken Zustande, in welchem sich diejenigen zu ihrer Quaal befinden, die nicht stillen. Erstere sind aller Beschwerlichkeit überhoben, die Absonderung der Milch geschieht bei ihnen in der natürlichsten Ordnung, sie haben keinen Feind zu fürchten. Die Frauen, welche glüklich genug sind, der ganzen Mannichfaltigkeit jener Übel zu entgehen, bezahlen dieses seltene Vorrecht mit der Vervielfältigung ihrer Schwangerschaften oft sehr theuer. Kaum von einem Wochenbette wieder auflebend, konzipiren sie abermals, und diese gegen die Absicht der Natur zu oft und zu schnell wiederholte Schwangerschaften, sind eben nicht einer jeden Konstituzion zuträglich. Es bestätigt sich aus der Geschichte aller Nazionen, daß bei den Müttern mit dem zunehmenden Luxus die wahre Liebe zu ihren Kindern abnahm, daß sie ihnen dann oft aus Eitelkeit oder Gemächlichkeit ihre eignen Brüste zu reichen versagten. Der Geschichtschreiber TACITUS sagt von den alten Deutschen, um sie ruhmvoll von seiner Nazion, der römischen, auszuzeichnen: Dort säugt jede Mutter ihre Frucht selbst, und die Kinder werden nicht zu Säugammen und Mägden verdingt. Wie rührend ist nicht das von mehreren Reisebeschreibern bestätigte Beispiel der Kanadienserinnen, jener wilden Amerikanerinnen! Sie dehnen den Beweis ihrer mütterlichen Sorgfalt sogar auf diejenigen Kinder aus, die an ihrer Brust starben. Sie kommen noch täglich einmal mehrere Wochen hinter einander, und drükken aus ihren Brüsten einige Tropfen Milch auf den Grabhügel ihres verstorbenen Säuglings.

§. 69.
Seltene Beispiele von Säugenden.

Wie allgewaltig die Natur ist in allem, was Erzeugung, Gedeihen und Wachsthum des Menschen und aller Geschöpfe betrifft, davon hat man die auffallendsten Beweise. Um ein Kind, welches eine sechzigjährige Wärterin besorgen sollte, des Nachts zu besänftigen, bestrich sie ihre Brüste mit Milch, und legte das Kind an. Nach einigen Tagen bemerkte sie, daß sie selbst Milch in den Brüsten hatte, mit welcher sie das Kind drei viertel Jahre ernährte. Herr SCHMIDTMANN sah in Westphalen, in der Bauerschaft Kaukum in dem Osnabrükkischen Kirchspiel Riemsloh, in dem Jahr 1790 eine Frau, welche vier und sechzig Jahr alt war, vor zehn Jahren ihr sechstes und leztes Kind gebohren, und dasselbe fünf Jahre hindurch gestillt hatte; deren monatliche Reinigung zwischen dem acht und vierzigsten und funfzigsten Jahr verschwunden war, und die dabei immer eine seröse Feuchtigkeit in den Brüsten behielt. Vor drei Jahren starb ihre Tochter in dem Kindbette; das zurükgebliebene Mädchen ward einer Säugamme übergeben, welche es aus kärglichem Milchvorrath hungern ließ. Aus Mitleid, und weil es ihr schwer gehalten hätte, es sonst aufzufüttern, hatte sie sich entschlossen, es aus ihrem eignen Busen zu nähren. Sie legte es an, und zu ihrer Verwunderung und Freude verwandelte sich schon nach einigen Tagen jener Wasserquell in eine strozzend reiche Milchquelle. Sie säugte nun schon drei Jahre lang das Kind, und dachte damals noch ein Jahr hinzuzufügen, um ihrer Enkelin das nämliche zu leisten, was sie ihren Kindern geleistet hatte. Dieses alte Mütterchen hatte noch eine blühende Gesichtsfarbe, sagte aber doch, sie sey durch das dreijährige Trinken ihrer Enkelin sehr gealtert, obgleich sie keinen Abgang von Kräften spüre; sie hatte stärkere Eßlust als sonst, und verdaute gut. Ihre Brüste waren prall, gerundet, aufgequollen und glichen fast dem reizenden Busen einer jugendlichen Schönen. Die Milch konnte sie weit weg aussprizzen, und ihr milder Geschmak, ihre in das Bläulichte spielende Farbe waren auf keine Weise von den Eigenschaften der Milch einer jungen stillenden Mutter verschieden. Die damals vorhandene Quantität war für die Hälfte der nöthigen Nahrung des dreijährigen Kindes hinreichend. Es war ein seltenes, angenehmes Schauspiel zu sehen, wie dieses blühende, rothbakkigte, kerngesunde Mädchen, lüstern und vergnügt den nämlichen Busen sog, woran seine eigne Mutter vor dreißig Jahren sich gelabt hatte!

§. 70.
Fälle, wo das Selbststillen nicht geschehen kann und darf.

Indessen darf man doch auch mit der Anempfehlung jener Regel, daß eine Mutter ihrem eignen Kinde, ihren eignen Busen reichen soll, nicht zu weit gehen. Sie hat, wie jede Regel, ihre Ausnahmen. Es giebt allerdings Fälle, wo man vernünftigerweise das Selbststillen abrathen muß. Hat eine Wöchnerin das Unglük, ein todtes Kind gebohren zu haben, so versteht sich das Unterbleiben desselben leider von selbst. Örtliche Krankheiten an den Brüsten, deren wir schon einiger in diesen Blättern erwähnt haben, verbieten es zuweilen. Ferner auch einige allgemeine forterbende oder anstekkende Krankheiten. Dahin gehören die Kräzze, die Lustseuche, die Lungenfehler u. a. m. Viele Weiber in den hohem Ständen sind nervenkrank, oft zu zart und zu schwächlich, als daß sie ihr Kind selbst säugen könnten. Dieses Schiksal trifft beinahe alle hysterische; und ich erinnere mich einer solchen Wöchnerin, welche troz meiner Warnung immer ihr Kind an die Brust legte, und saugen ließ; sie wurde zusehens schwächer und elender, sie bekam sogar die gefährlichsten Krämpfe und Konvulsionen, wodurch sie dann endlich gezwungen ward, von ihrem Vorhaben, ihr Kind selbst zu nähren, abzustehen. Was uns hauptsächlich zu dem Nichtstillen nöthigt, ist der gänzliche Mangel an Milch, ein Umstand, der sich zwar sehr selten ereignet, daß die Wöchnerinnen, troz ihrem guten Willen oder allen Bemühungen des Arztes, nicht so viel Milchvorrath bekommen, daß das Kind davon genährt werden könnte.

§. 71.

Kränkliche Frauenzimmer thun sehr wohl daran, sich bei Zeiten eine gesunde Amme anzuschaffen, um dadurch ihrem Erben, eine gute Nahrung und die nöthige Stärke zu geben. Manche Mutter aus den höhern Ständen ist auch wohl zu sehr an zerstreuende Gesellschaften gewöhnt, als daß sie ihre Pflichten durch Vermeidung derselben genau erfüllen könnte. Sie möchte gerne das leztere thun, und doch auch jene nicht entbehren. Die Vernunft befiehlt der säugenden Mutter, sich dem Kinde ganz und allein zu widmen; die Mode erlaubt alle rauschenden Vergnügungen, wenn sie sich nur dann und wann mit dem Kinde abfindet. Beide, Mutter und Kind, müssen aber nothwendig durch diese Mode leiden. Die Mutter, welche ihre Pflicht ganz erfüllt, lebt häuslich und ruhig, wird nicht durch Leidenschaften und Anstrengungen zerrüttet, reicht ihrem Kleinen den Tag über reichliche, milde und gesunde Nahrung, damit er ihre und seine Ruhe des Nachts gar nicht oder selten unterbreche, und gewöhnt ihn so an eine ordentliche und der Gesundheit zuträgliche Diät. Einerlei Nahrung zu einer bestimmten Zeit gereicht, erhält und stärkt hier das Leben und die Kräfte beider, des Kindes und der guten Mutter. Beobachtet hat man in einzelnen Fällen, daß die Brüste säugender Mütter der Aufenthalt von Unreinigkeiten der Säfte werden, aus welchen sich diese in den Körper des Säuglings hinüberziehen, und sich an ihm unter mancherlei Gestalten äußern, während die Mütter mehr als je von Hautschärfen und andern Zufällen frei sind. Vorzüglich soll dieses der Fall bei der venerischen Krankheit seyn, wobei sich zugleich die besondere Verbindung der weiblichen Geschlechtstheile mit den Brüsten auf eine auffallende Art äußert. So sollen sich z. B. venerische Geschwüre, der weiße Fluß u. dgl. während der Säugezeit sehr vermindern, und beinahe ganz verlieren, und dagegen andere wunde Stellen und Geschwüre an dem Säugling erscheinen.

§. 72.
Vertreiben der Milch.

Ob eine Wöchnerinn ihre Frucht selbst stillen soll oder nicht, dieses bleibt allemal der Bestimmung des Arztes, welcher die individuellen Gesundheitsumstände in genaue Erwägung zieht, überlassen. Könnte es nun nicht geschehen, so muß die Mutter wo möglich, doch wenigstens einige Tage oder Wochen dem Kinde die Brust reichen. Beide gewinnen auch dabei: die erstere, indem alsdann die Milch sich leichter und mit weniger Gefahr vertreiben läßt, und das leztere, weil die erste Milch, welche eine abführende Eigenschaft besizt, ihm zuträglich ist. Hierauf muß nun der Zufluß der Milch nach den Brüsten abgeleitet, und ihr ein anderer Ausweg, hauptsächlich durch den Stuhlgang, bei dem Gebrauch von Laxiermitteln, Doppelsalz u. dgl. verschafft werden. Das eigentliche Vertreiben der Milch ist, wegen mancherlei dabei obwaltenden Umständen, ebenfalls die Sache eines Arztes. Es darf ja nicht zu schnell geschehen; die Gliedmaßen, besonders die untern, müssen sehr warm gehalten werden. Alle Auswege aus dem Körper müssen frei und offen seyn. Äußerst nachtheilig ist die Gewohnheit, die Brüste mit Binden fest zu umwikkeln, um dem Eintritt der Milch in dieselben Einhalt zu thun, und die Gestalt und Schönheit des Busens zu erhalten. Dergleichen Personen bezahlen fast immer diese vergängliche Annehmlichkeit mit dem Verlust ihrer Gesundheit. Man sah sogar tödtliche Schlagflüsse, oder fürchterliche Beängstigungen bis zu dem Erstikken, heftige Kopfschmerzen und Zukkungen entstehen. Diese Zufälle hörten nicht eher auf, als bis die Milch, durch Wegnahme der Binden, sich in die Brüste begeben, und den Busen frei entwikkeln konnte. Eben so schädlich sind die sogenannten Milchpflaster, welche man in der nämlichen Absicht als die Binden, oder aber um Milchknoten zu vertheilen, anwendet, besonders wenn ihnen Bleikalche zugemischt sind. Sie geben häufig Veranlassung zu Milchversezzungen. Bei Gelegenheit des Entwöhnens (§. 55.) ist schon ausführlich über diesen Gegenstand gesprochen worden.