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Über die weiblichen Brüste

Chapter 84: VIII. Säugammen.
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About This Book

Die Abhandlung vermittelt eine medizinisch-praktische Darstellung von Aufbau, Funktion und Pflege des weiblichen Busens; sie erläutert Anatomie, Milchbildung und -beschaffenheit, sowie die typischen Veränderungen während Schwangerschaft und Wochenbett. Anleitungen zur Hygiene, Diätetik, Kleidungswahl und Schonung des Busens wechseln mit praktischen Ratschlägen zum Anlegen, Entwöhnen, Selbststillen und zur Wahl von Ammen. Krankheitsbilder wie Entzündungen, Abszesse und Brustkrebs werden beschrieben, ebenso Vorbeugung, konservative und operative Maßnahmen sowie Hausmittel und Warnungen vor irreführenden Behandlungsmethoden.

VIII.
Säugammen.

§. 73.
Bestimmung und Wahl derselben.

Mütter, deren Körperbau, deren Gesundheit es nicht erlaubt, dem Kinde ihre eigne Brust zu reichen, schreiten nun zu der Wahl einer Säugamme, oder ernähren das kleine Geschöpf mit Thiermilch. Nur in dem höchsten Nothfalle, ich wiederhole es, nur dann, wenn es der Geburtshelfer als unvermeidlich anräth, dürfte dieses geschehen. In der Wahl der Säugamme kann man nicht zu vorsichtig seyn, weil beide, sowohl die körperlichen als Seeleneigenschaften derselben, den stärksten Einfluß auf den Säugling haben. Nicht allein Krankheiten, besonders die anstekkenden, pflanzen sich auf diesen fort, sondern auch Leidenschaften. So sind z. B. die meisten in einem höhern Grade wollüstig, weil eben Wollust sie zur Amme machte. Der Kummer einer solchen Person über den vielleicht verlohrnen Liebhaber, oder die unbefriedigte Sehnsucht nach demselben, kann schon viel Schaden anrichten. In Findelhäusern hat man die richtige Erfahrung gemacht, daß die Anzahl der darinnen verstorbenen Kinder durch die Ammen um vieles vergrößert wurde. Eine Amme muß eine vollkommene Gesundheit genießen, in dem besten jugendlichen Alter seyn, und muß, wenn sie eben stillen will, noch nicht lange niedergekommen seyn. Sie darf nicht jähzornig, eigensinnig seyn, sie muß überhaupt bei einer gewissen Empfänglichkeit für das Gute, auch Liebe zu dem Kinde veräußern können. Sie sollte eigentlich nur ein- höchstens zweimal gebohren haben. Ihre Brüste müssen groß genug, derb, feste anzufühlen seyn, die Warzen gehörig erhaben, zylindrisch und nicht aufgesprungen seyn, sich auch bei der Berührung mit dem Finger in die Höhe richten und steif werden. Beide Brüste müssen zu dem Stillen gleich tauglich seyn. Frauenzimmer, welche ihre Kinder nicht selbst stillen können, müssen noch, ehe sie entbunden werden, für eine Säugamme sorgen, und haben dabei, wie oben schon erinnert worden, auch besonders auf den moralischen Karakter derselben zu sehen. Sie darf eben deswegen nicht gar zu jung seyn, und muß, wo möglich, von dem Lande hergenommen werden.

§. 74.
Verhaltungsregeln für Säugammen.

Der Säugling darf nur dann saugen, wenn derselbe hungrig ist, und nach der Brust verlangt. Man kann sie allmählig gewöhnen, daß dieses nur zu gewissen Stunden des Tages geschieht. Viel auf einmal darf man ihm indessen doch nicht zu trinken geben, damit er sich nicht den Magen überlade. Größern Kindern sollte die Amme nie des Nachts die Brust reichen. Wenn die Amme eben gegessen hat, so sollte sie dem Kinde nicht eher zu trinken gehen, als bis die Verdauung größtentheils vorüber wäre. Höchst schädlich ist es offenbar, den Säugling so oft an die Brust legen zulassen, als er schreit; nur dann darf es geschehen, wenn er durch Speicheln, ängstliches Forschen nach der Amme und Saugen an den Fingern, wirklichen Hunger verräth (§. 51.). Die Amme muß außer der Wartung des Kindes keine andere Geschäfte haben. Sie muß eine gute gesunde Nahrung bekommen, sich vor sauern Speisen und Getränken hüten, die Brüste wohl bedekken, nicht der Kälte aussezzen, sich täglich, wenn das Wetter gut ist, mit dem Säugling Bewegung in freier Luft machen. Sie darf deswegen nicht, wie es sonst wohl geschieht, mit an dem Gesindetisch essen, sondern ihre Diät muß mit Auswahl aus einfachen, nahrhaften Speisen ohne fremdes Gewürze bestehen, und dabei sollten die Hülsenfrüchte möglichst vermieden werden. Die Säugamme muß ferner in einem geräumigen, gesunden Zimmer wohnen, und vor jeder heftigen Gemüthsbewegung, Zorn oder Schrekken gehütet werden. Wäre aber doch ein solcher Fall einmal eingetreten, so darf dem Kinde die Brust nicht gereicht werden, sondern die Amme muß die erste Milch auslaufen lassen. Vertrüge der Säugling die Milch der Amme nicht, hätte sich wegen eingetretener monatlicher Reinigung die Milch verlohren, würde sie krank oder schwanger; so muß sie abgeschafft, und ihre Stelle durch eine andre ersezt werden. Nachlässigkeit und Sorglosigkeit ist man leider von den Säugammen in großen Städten gewohnt. Die Mutter, welche sich in der Lage befindet, einer solchen ihr Kind anvertrauen zu müssen, darf es daher nie an der strengsten Aufsicht über dieselbe fehlen lassen, hauptsächlich in dem, was Naschereien und was den Umgang mit dem zweiten Geschlecht betrifft. Auch würde ich einer Säugamme nie erlauben, des Nachts den Säugling mit in ihr Bette zu nehmen. Es sind traurige Beispiele bekannt, daß die leztern dadurch Schaden gelitten. Um diesen zu verhüten, hat man an vielen Orten, z. B. in einigen Gegenden Italiens und in dem Entbindungshause zu Kopenhagen die Gewohnheit, die kleinen Kinder in eigends dazu verfertigte, länglicht runde, mit ausgespannten Reifen versehene, von Weiden geflochtene Körbchen zu legen. In diesen besondern Behältern sind sie freilich vor allen Mißhandlungen hinlänglich geschüzt.

§. 75.
Beispiele besonderer Ernährungsweisen.

Die allgemeine Erfahrung lehrt, daß es in großen Städten häufiger der Fall ist, daß Kinder durch Ammen gesäugt werden, als anderswo. Auf dem Lande bemerkt man es beinahe gar nicht. Durch Kränklichkeit und manche andere Verhältnisse sind aber auch jene Mütter weit öfter dazu gezwungen. In Paris ist die Sitte, die Kinder auf dem Lande erziehen zu lassen, fast allgemein, und wird allerdings durch das Lokal dieser Hauptstadt gerechtfertigt. Vielleicht ist es meinen Leserinnen nicht unangenehm, davon etwas näheres zu hören. Paris ist für seine ungeheure Volksmenge noch lange nicht groß genug. Auch begüterte, wohlhabende Bürger, wohnen dort in den ungesundesten Straßen der Stadt, mit ihrer oft zahlreichen Familie, eng und unbequem. Wenige Bürgersfrauen sind in dem Falle, die Niederkunft in ihrer Wohnung abzuwarten, die oft aus einem einzigen Zimmer in dem vierten Stokwerk besteht. Sie lassen daher einige Tage zuvor ihre Wäsche in das große Hospital, Hôtel Dieu genannt, tragen, und folgen selbst nach. Die angesehensten Bürgersfrauen thun dieses. Sie kommen gesellschaftlich in dem Gebährhause nieder, kehren von da bald wieder zurük, unterwerfen sich auch bald wieder ihren häuslichen Geschäften. Der Säugling wird sogleich auf das Land gethan, und einer gesunden Bauersfrau in die Kost gegeben, die mit diesem Ammendienste ein Gewerbe treibt, und dergleichen Säuglinge immer mehrere auf einmal hat. Die hier übliche Taxe ist festgesezt, und muß auf den Tag entrichtet seyn, indem sonst der Richter nach eingelaufener Klage mit unerbittlicher Strenge sogleich Gefängnißstrafe zuerkennt. Jene ländlichen Ammen erfüllen ihre Pflicht vollkommen genau, und ihre Sorge erstrekt sich oft auf mehrere Jahre. Nach Verlauf derselben werden die Kinder zurükgeholt, einige auch, wie z. B. die unehelichen, dem Findelhause übergeben. Die meisten unter ihnen gedeihen vortrefflich; der Pariser giebt keinem Bewohner Frankreichs an körperlicher Stärke und dauerhafter Gesundheit etwas nach, und die ganze Revoluzionsgeschichte beweißt offenbar, daß der kleine Pariser Bube, und das Mädchen nicht minder, von der gewölbten vollen Brust seiner bäuerischen Amme gesäugt, weit nervichter, an Körper und Seele gestärkter, zur Mutter zurükkehrt, als wenn er unterdessen in den ungesunden, dumpfichten Gäßchen der Hauptstadt auf dem Schooße dieser lezten hätte groß werden sollen. Außerdem mangelt es in Paris nicht an besondern Häusern, welche zu der Aufnahme und zu dem Stillen mutterloser Kinder, wie auch zu der Wohnung und Niederkunft armer Mütter bestimmt sind. Nach der allgemeinen Erfahrung ist aber Sterblichkeit der armen Kleinen in denselben ungeheuer groß.

Herr LA FONTAINE in Warschau erzählt von den polnischen Juden, daß viele unter ihnen ihre Kinder bei Tage durch eine Amme und des Nachts durch die Mutter stillen lassen, welche meistens den Tag über ihre Zeit in einem Gewölbe dem Handel widmet. Diese doppelte ganz verschiedene Nahrung giebt zu vielen Krankheiten Stoff, indem eine solche Amme mehrere Kinder von verschiedenen Eltern bei Tage mit ihrer wenigen Milch zu versehen hat. Diese Ammen sind meistens Wittwen, die schon lange Zeit hindurch ihre Ammendienste verrichten, sind oft auch schon bejahrt. Man kann sich also vorstellen, wie wenig und was für Milch jedes dieser Kinder bei Tage genießt, und in welchem Überfluß des Abends und des Nachts hindurch von der Mutter!