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Und die ihr alle meine Brüder seid

Chapter 2: Barbara.
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About This Book

A collection of short narratives set in a provincial community, linked by intimate domestic scenes and quiet moral reflection. Episodes revolve around parish life, neighbors, and children, unfolding through visits to the churchyard, childhood encounters, household routines, and recollected moments that reveal longing, grief, and consolation. The prose favors detailed observation of landscape and interiors, attentive depictions of small gestures, and contemplations of faith and memory, producing portraits of characters whose inner lives emerge gradually through simple actions and remembered exchanges.

The Project Gutenberg eBook of Und die ihr alle meine Brüder seid

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Title: Und die ihr alle meine Brüder seid

Author: Ida Frohnmeyer

Release date: January 5, 2008 [eBook #24175]

Language: German

Credits: Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK UND DIE IHR ALLE MEINE BRÜDER SEID ***

Und die ihr alle meine Brüder seid

Erzählungen
von
Ida Frohnmeyer

1.–5. Tausend

Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn

1920

Copyright 1920 by Eugen Salzer, Heilbronn

(Gesetzl. Formel für den Schutz des Inhalts in den Vereinigten Staaten von Amerika)

Den Einband zeichnete Carl F. Nahm

Druck der Chr. Belserschen Buchdruckerei in Stuttgart


Barbara.

Der Friedhof liegt dicht neben dem Pfarrhausgarten, so daß der mächtige Birnbaum gleichermaßen die an der Mauer liegende Gräberreihe, wie auch die Gemüsebeete der Frau Pfarrer beschattet. Der Fliederstrauch, dessen Blütezeit alljährlich ein beglückendes Wunder der Schönheit ist, reckt sich mit seinen reichsten Ästen – ein wenig zum Kummer des Pfarrherrn – in den stillen Garten hinüber. Dafür klettert aber aus diesem breitblättriges Grün in die Höhe, und plötzlich tun sich über der Mauer die blaudunkeln Augen der Clematis auf.

Die Frau Pfarrer ist schon oft gefragt worden, ob ihr die Nachbarschaft des Friedhofs nicht unheimlich und drückend sei. Aber sie schüttelt den Kopf, und im Herzen denkt sie, daß es demjenigen, der so lange Jahre hindurch dicht neben dem stillen Garten gelebt, einmal leichter falle, sich in eines der schmalen Betten zur Ruhe zu legen. Sie geht, obwohl sich einige ihrer Gäste erstaunt, ja beinahe mißbilligend darüber äußern, fast allabendlich durch die kleine Pforte, die aus ihrem eigenen, mit lachendem Leben gefüllten Garten in den stillen hinüberführt. Wenn sie dann zurückkommt, ist ihr Antlitz vielleicht ein wenig blasser, aber die Augen haben einen hellen und gütigen Schein, und ihre Schritte sind ruhig und kraftvoll.

An einem Sommerabend, der ganz gesättigt war vom Glanz und Duft der heißern Stunden, ging die Pfarrfrau wieder durch die schmalen Wege, die zwischen den Gräbern laufen.

Sie war nicht allein. Eine jüngere Freundin, von der sie lange Jahre getrennt gewesen, ging an ihrer Seite und schaute mit großen, ein wenig verträumten Augen über die blumenbunten Gräber. Plötzlich blieb sie an einem mit Immergrün bedeckten Hügel stehen und las mit halblauter Stimme die Worte:

Hier müssen doch aufhören die Gottlosen mit Toben;
hier ruhen doch, die viel Mühe gehabt haben.

„Was ist das für ein Grab? Steht der Spruch wirklich in der Bibel, Anne?“

„Ja. Im Buch Hiob. Nur heißt es dort statt ‚hier‘ daselbst, und das ist auch der Grund, weshalb mein Mann keine Stellenangabe wünschte. Aber das war der alten Schäufele gleichgültig. Sie war schon zufrieden, daß der Spruch überhaupt bestehen durfte, und daß sie keinen Namen anzugeben brauchte. Sie erzählte mir, sie habe mit dem Maler einen schweren Stand gehabt, denn er wollte ihr durchaus den absonderlichen Spruch ausreden und zum wenigsten am Fuß des Kreuzes ‚Auf Wiedersehen‘ anbringen. Aber gerade dies Wort konnte ja die arme Mutter gar nicht aufrichtig denken.“

„Warum nicht, Anne? Wie ernst du dreinsiehst! Wer liegt hier begraben? Ich bin sicher, dies Grab hat eine Geschichte.“

„Ja … Eine schwere Geschichte. Wenn du sie hören willst, so komm' hinüber zu dem kleinen Bänkchen. Man sieht von dort gerade auf das Haus, wo meine Geschichte den Anfang nimmt.“

Die Freundin schob ihren Arm in den der Pfarrfrau. Sie schritten zu der kleinen Bank hinüber, die unter den Zweigen einer Trauerweide steht, und setzten sich. Aber Frau Anne begann nicht zu erzählen. Sie hatte die Hände ineinander gelegt und starrte mit leidvollen Augen zu dem Haus hinüber, das sie der Freundin bezeichnet. Diese aber, da sie den Ausdruck in der Pfarrfrau Gesicht gewahrte, wagte keine drängende Frage mehr. Ihr war, ein dunkler Schatten lege sich über die sonnenwarme Herrlichkeit des Abends. Stieg er wie ein arger Zauber aus jenem Grab empor, oder woben ihn Frau Annes dunkle Gedanken?

Da tat diese einen tiefen Atemzug und hob an:

„Ich kann mir noch so gut denken, wie ich Barbara zum erstenmal gesehen. Sie war damals acht Jahre alt, ein feines, schlankes Dinglein. Unser Annele brachte sie mir, etwa eine Woche nachdem wir hier aufgezogen waren, in den Garten und schrie schon von weitem mit triumphierender Stimme: ‚Mutter, da hab' ich eine Freundin!‘ Ich schaute ihnen mit einiger Spannung entgegen, denn das Freundschaftsbedürfnis meiner Tochter hatte mich schon etliche Male mit etwas überraschenden Gästen bekannt gemacht. Aber diesmal konnte ich die Freude, die aus Anneles schwarzen Augen funkelte, wirklich verstehen und teilen. Man mußte das Kind auf den ersten Blick liebgewinnen. Kennst du das Bild von Uhde: Lasset die Kindlein zu mir kommen?… Inmitten einer Bauernstube, nein, eigentlich sieht es mehr wie eine Küche aus, sitzt der Herr Jesus, umgeben von einer Schar größerer und kleinerer Kinder. Es sind auch Erwachsene dabei. Dicht vor Jesus steht ein kleines Mädchen, ein blondes, herzerquickendes Kind, das sein ausgestrecktes Händchen in Jesu Hand legt und mit ernsten Augen zu ihm aufschaut. Dies kleine Mädchen habe ich in Gedanken immer ‚das Kind‘ genannt. Ich meine so: es ist für mich die Verkörperung alles dessen, was mich am Kinde wie ein holdseliges, ehrfurchtgebietendes Geheimnis berührt. Und an dieses Kind gemahnte mich die kleine Barbara.

Sie kam auf mich zu mit einem zaghaften Lächeln in den blauen Augen. Im Nacken baumelte ein krummes weißblondes Zöpfchen, über der Stirne ringelten sich krause, schimmernde Härchen. Ich konnte nicht anders, ich mußte das Kind in meine Arme ziehen. Mein Annele mit ihrem scharfen Blick hat mir wohl angesehen, daß ich das Kind nicht nur in die Arme, sondern ins Herz schloß. Sie drängte sich plötzlich an mich, gab mir einen schallenden Kuß und erklärte in sehr bestimmtem Ton: ‚Du, Barbara, das ist aber meine Mutter! Du mußt Frau Pfarrer sagen.‘ Die kleine Barbara lachte, und nun sah sie womöglich noch liebreizender drein, denn zwischen den tiefroten Lippen blitzten gesunde Zähne, und in den runden Backen kamen Grübchen zum Vorschein.

Ich ging mit den Kindern ins Haus und war beinahe so eifrig wie mein Annele im Vorführen der Puppen und andern Herrlichkeiten. Und ich gewann das Kind mit jeder Minute lieber. Es tat so feine, nachdenkliche Fragen, es hatte so sorglich zugreifende Händchen, und – es konnte ein Bilderbuch beschauen. So, jetzt lachst du und denkst wohl, das könne ein jedes Kind. Keine Rede davon! Wenn ich an Annele oder an ihre Kinder denke! Darin gleichen sie alle der Mutter: gibt man ihnen ein Bilderbuch, so schlagen sie Seite um Seite so rasch um, daß man meinen könnte, darin bestehe das Vergnügen eines Bilderbuchs. Aber die kleine Barbara sah sich jedes Bildchen mit andächtigen Augen an. Nichts, nichts entging ihr. Und über alles machte sie ihre eigenartigen kleinen Bemerkungen.

Einmal schenkte ich ihr ein Bildchen, drauf Schneeglöckchen gemalt waren, und sagte dazu: ‚Um dies Glöcklein zu hören, muß man gar feine Ohren haben.‘ Da nickte die kleine Barbara und sagte: ‚Ja, ich hab' es einmal gehört. Und der liebe Gott hat's auch gehört und der Herr Jesus und die Sonne und der Wind und die Blumen.‘

Ganz leise und langsam kamen die Worte heraus. Und dazu diese Märchenaugen – ich muß gestehen, es kam etwas wie Neid über mich, wenn ich an Barbaras Mutter dachte. Mein Annele war solch praktisches Diesseitsmenschlein. Sie hatte nie verträumte Augen, und tat nie eine Äußerung, die mir gezeigt hätte, daß ihr Seelchen sich ein eigen klein Wunderreich gebaut. Ich fürchtete mich manchmal beinahe, ihr eine Geschichte zu erzählen, denn beim geringsten Wunderbaren kam das bezweifelnde oder entrüstete Wort: ‚Aber Mutter, ist das wahr?‘

Die kleine Barbara unterbrach mich nie, wenn ich erzählte. Sie konnte auch nicht, wie Annele tat, nebenher zeichnen oder sticheln. Sie saß und schaute mich unverwandt an, und meine Geschichten wurden mir erst jetzt im Spiegel dieser Augen so recht lebendig.

Später habe ich manchmal gedacht, daß es besser gewesen wäre, ich hätte die Freude des Kindes am Wunderbaren und Geheimnisvollen nicht so sehr genährt. Ich glaubte, sie habe das kleine Freudenlicht in ihrem Alltag nötig, und ahnte nicht, daß es zur verzehrenden Flamme werden würde.

Eines Nachmittags hatte ich Annele erlaubt, in Barbaras Elternhaus hinüberzugehen. Ich kannte die Leute zwar noch nicht näher, aber ich hatte um des Kindes willen eine gute Meinung von ihnen und glaubte damals, daß ein derartiges Blümlein Wunderhold nur einem gehegten Gärtlein entsprießen könne.

Am Abend, als ich Annele zu Bett brachte, war sie merkwürdig still. Ich achtete erst nicht darauf, da ich innerlich stark mit einer Sache beschäftigt war. Aber als das Kind auch während ich das Zimmer in Ordnung brachte, wortlos in seinem Bette saß, fiel es mir auf, und zugleich kam es mir zum Bewußtsein, daß sie noch kein Wort von ihrem Besuch bei Schäufeles berichtet hatte. Aber ich fragte nicht. Ich wußte, über kurz oder lang würde das Redebächlein schon wieder plätschern. Das Annele saß ganz steif da und verfolgte jede meiner Bewegungen. Zuletzt setzte ich mich wie gewohnt an ihr Bettlein und fragte: ‚Wollen wir jetzt beten?‘

Da tat das Kind einen tiefen Seufzer und sagte: ‚Ja … Und weißt du auch, für was ich jetzt dem lieben Gott danken will? Gar nicht für den schönen Tag, denn es war kein schöner. Aber weil du so eine nette Mutter bist, will ich ihm danken. Du hast mich so schön gewaschen und gekämmt und hast den Waschtisch so hübsch aufgeräumt, und deine Schürze ist sauber, und deine Hände sind weich, und – und –‘

Wieder ein tiefer Seufzer, dann, da ihr offenbar nichts Lobenswertes mehr einfallen wollte, wiederholte sie die Worte: ‚Ich will ihm jetzt danken, weil du so eine nette Mutter bist.‘

Am nächsten Tag führte ich meinen längst geplanten Besuch beim Nachbar Schäufele aus, und nun wurde es mir klar, warum Annele in einen Lobpreis meiner Tugenden ausgebrochen war. Das ganze Anwesen bot einen wenig einladenden Anblick. Frau Schäufele entschuldigte sich zwar wortreich über die augenblickliche Unordnung, aber ich habe, so oft ich auch später wiedergekommen bin, nie etwas anderes vorgefunden.

Ein paar größere Kinder machten sich bei meinem Erscheinen eiligst davon, nur die kleine Barbara kam auf mich zu und bot mir ein klebriges Händchen. Sie sah gar nicht ordentlich drein, wie sonst, wenn sie zu uns ins Pfarrhaus kam, und mein Annele tat dies denn auch Frau Schäufele gleich mit klaren Worten kund. Da lachte die Frau und meinte: ‚Ach, man kann nicht immer putzen und waschen und aufräumen, das ist nichts für unsereins.‘ Ich nahm mir vor, wenigstens die kleine Barbara in dieser Richtung zu beeinflussen, und es ist mir dies auch gelungen. Man mochte ihr begegnen, wo man wollte, immer fiel sie auf durch ihr reinliches, ich möchte fast sagen, vornehmes Aussehen.

Die zwei kleinen Mädchen saßen in der Schule nebeneinander, und sie verbrachten auch den größten Teil ihrer Freizeit zusammen. Mein Annele, das sich früher so oft ein Brüderlein oder Schwesterlein gewünscht, war jetzt ganz befriedigt. Alle ihre Schätze wurden mit Barbara geteilt. Als ihr mein Bruder ein Album schenkte, ließ sie mir keine Ruhe, bis ich ein gleiches für Barbara kaufte. Am nächsten Tag holten sich die beiden bei der alten Maier ein paar rührende Bildchen: Engelsköpfchen, Vergißmeinnichtkränze und dergleichen. Die wurden in die Album geklebt, und jede schrieb der Freundin einen sinnigen Vers dazu. Was Annele geleistet, weiß ich nicht mehr. Barbaras Vers aber lautete:

Diesen Album hat man dir gekauft,
Anna hat man dich getauft,
Dietrich hat man dich genannt,
Der Himmel ist dein Vaterland.

Ach, wie viele heitere und ernste Erinnerungen drängen sich mir auf, wenn ich an die Kinderzeit der beiden denke. Aber ich muß mich eilen, sonst bringe ich meine Geschichte nicht zu Ende.

Du kannst dir ja wohl denken, daß sich Barbara zu Hause nicht besonders wohl fühlte. Ich meine nicht nur der Unordnung und Unsauberkeit wegen. So zuwider mir beides ist, so muß ich doch zugeben, daß man auch in einem schmutzigen Heim strahlend glücklich sein kann. Wir haben eine Familie im Dorf, da laufen einem aus der Stube die Kinder und Ferkelchen und Hühner zusammen entgegen, und die Fenster brauchen keine Vorhänge, denn kein Mensch kann hineinsehen. Aber die Leute sind seelenvergnügt, du darfst mir's glauben. Aus keinem Haus tönt so viel Lachen und Singen. Nur Samstag abend gibt es ein großes Geschrei, weil da die Kinder gewaschen werden, und das sind sie halt nicht gewöhnt.

Aus Schäufeles Haus tönte fast alle Tage Geschrei. Die zwei Alten lebten in stetem Streit und verführten auch die Kinder dazu. Barbara war die Jüngste von Sechsen. Sie stand ihren Geschwistern ziemlich fremd gegenüber, auch den Vater schien sie eher zu fürchten. Aber die Mutter ward von ihr geliebt mit einer scheuen, sehnsüchtigen Liebe, die mich immer wieder erschütterte. Ich erinnere mich noch so gut an den Ausdruck in Barbaras Gesicht, als Annele und ich am Konfirmationssonntag der beiden zu Schäufeles hinübergingen. Barbara sah in ihrem feierlichen schwarzen Kleid, über das die langen blonden Zöpfe fielen, schon ganz jungfräulich drein, viel reifer als mein kindliches Annele, das noch immer seine Puppen betreute und Tränen vergossen hatte über ihr langes Kleid.

Frau Schäufeles Stube war dem Festtag zu Ehren gefegt und so dicht mit Sand bestreut, daß jeder Schritt knirschte. Die Frau kam uns wohlgelaunt entgegen, und ich mußte mich wundern, wie schmuck sie dreinsah in ihrem saubern schwarzen Kleid und der seidenen Schürze.

‚Wie rasch die Jahre gehen, Frau Schäufele,‘ sagte ich. ‚Nun sind unsere kleinen Mädchen demnächst erwachsen.‘

Während ich redete, fiel mein Blick auf Barbaras Gesicht. Sie schaute die Mutter an mit großen, bittenden Augen. Da ging es mir durch den Sinn, daß dies Kind, trotz aller Liebe, die ich ihm geschenkt, immer gehungert hatte. Und ich mußte wieder nachsinnen über eines der größten Rätsel unserer rätselvollen Welt: Warum ist es, daß Frauen Kinder zur Welt bringen und ihnen doch nicht Mutter sind, während andere, in deren Herz das Licht wahrer Mütterlichkeit brennt, nie ein Kind ihr eigen nennen dürfen? – –

Mit dem Austritt aus der Schule trennten sich die Wege der beiden, die bisher so einträchtiglich nebeneinander gelaufen. Ich brachte Annele, wie du weißt, ins Haus deiner Eltern, und da das Kind sich gut in die neuen Verhältnisse schickte, kehrte ich nach einigen Wochen beruhigt in unser Dörflein zurück. Gleich am nächsten Tag kam Barbara zu mir herüber und wollte haarkleinen Bericht von allem Erleben in der Stadt. Ich erzählte ihr von Anneles Schule, von ihrer originellen Klavierlehrerin, von den Mädchen, mit denen sie sich angefreundet. Ich saß über meine Näharbeit gebeugt und plauderte des langen und breiten, denn mein Kind fehlte mir, und das Sprechen von ihm gab mir ein wenig das Gefühl seiner Nähe. Da drang plötzlich ein schluchzender Ton an mein Ohr, und als ich erschreckt aufschaute, sah ich in Barbaras tränenüberströmtes Gesicht.

Wir haben dann lange zusammen gesprochen, aber ich konnte das Mädchen nicht wirklich trösten. Zwar meiner Versicherung, Annele werde ihr trotz all des Neuen treu bleiben, schenkte sie allmählich Glauben. Aber die Angst, Anneles Liebe zu verlieren, war nicht die einzige Not, die sie drückte. Ach, in den Wochen des Einsamseins hatte sich ein ganzer Berg unruhiger, unzufriedener Gedanken in dem Kinde angesammelt. Warum durfte sie nicht so viel Schönes und Neues erleben? Warum mußte sie immer mit den zänkischen Eltern zusammen sein? Warum war ein Tag wie der andere mit Kochen und Aufwaschen, mit Feld- und Gartenarbeit angefüllt? Nie würde in ihr Leben etwas Schönes und Wunderbares treten. Auf ewig war sie verdammt in diesem abgelegenen Dorf zu sitzen.

Du mußt nicht lächeln über diesen törichten Kinderkummer. Wir Alten, die durch schwere Erfahrungen gegangen, meinen oft, der Jungen Leiden wögen leicht und trösten sie mit dem weisen Zuspruch, ihre Tränen zu sparen. Aber wer kann sagen: diese Sache ist der Tränen und des Kummers wert, jene nicht? Barbara litt mit der ganzen starken Leidensfähigkeit ihrer jungen Seele. Sie hungerte und sah nirgends Sättigung. Sie breitete ihre Flügel der Sehnsucht aus, aber sie sah nirgends eine Zuflucht, dahin sie hätte fliehen mögen. Und sie sah eine andere, deren Leben sie bisher geteilt, all das mühelos ergreifen, wonach ihr Herz schrie.

Ich habe versucht, Barbara zurechtzuhelfen. Nicht, indem ich ihren Kummer für nichtig erklärte; aber ich bat sie, zu bedenken, daß tränenvolle Augen nicht klar sehen. Ich wies sie hin auf die Schönheit, die Gott auch in ihr Leben gelegt. Ich schilderte ihr die gleichförmige, seelentötende Arbeit so vieler in den Städten und verglich damit die ihre in ihrer herrlichen, gesunden Vielseitigkeit. Ich sprach ihr von meiner eigenen starken Liebe zu unserem Tal, seinen Wäldern, Wiesen und Feldern. Aber gerade in diesem Punkt erreichte ich so viel wie nichts. Das Kind liebte seine Heimat nicht. Vielleicht, weil ihm das Elternhaus keine Heimat bot. Aber ich habe andere gesehen, denen es ähnlich ergangen, und die eben aus dieser Not heraus mit um so größerer Liebe die Berge und Bäume der Heimat umfaßten.

Ich mußte mich oft besinnen, woher das Kind seinen seltsamen Durst nach der Ferne hatte. Die Eltern und Voreltern hatten immer in diesem Tal gelebt und schlecht und recht ihre Arbeit getan. Nur einer aus der Familie, ein Großonkel Barbaras, war, vom Goldfieber gepackt, nach Amerika ausgewandert und dort verschollen. Ach, er war vielleicht doch nicht der einzige gewesen, den eine innere Unruhe umgetrieben. Die Kirchenbücher sagen nichts. Sie halten nur die Namen fest, aber vom Wesen, von den Gedanken ihrer Träger berichten sie nichts.

Barbara schien ihren Kummer allmählich zu verwinden; aber so oft Annele in die Ferien kam, lebte er wieder neu auf. Es konnte dann geschehen, daß sie sich in der trotzigen Annahme, sie passe nicht mehr zu Annele, ferne hielt. Nur hin und wieder, wenn ich die beiden etwa an einem Sonntagnachmittag bei mir hatte, fiel es von Barbara wie ein Bann, und aus den blauen Augen schaute mich wieder das alte Vertrauen an.

Als die beiden im zwanzigsten Jahr standen – ein Jahr zuvor hatte Barbara ihren Vater verloren – brach die Zeit an, die für viele unseres Landes so verhängnisvoll geworden. Ich rede von dem Auswanderungsfieber, das auch in unserm Dorfe einen um den andern ergriff. Du kannst dir nicht vorstellen, wie erregt die Leute waren. Nicht etwa nur die Leichtfertigen und die Habenichtse, die eben nichts zu verlieren hatten, ließen sich verleiten, nein, auch besonnene Leute, die über eigenen Besitz verfügten, meinten es mit der Fremde, die so unendlich lockend und mühelosen Reichtum verheißend vor ihnen lag, versuchen zu müssen. Mein Mann war oft ganz verzweifelt, wenn all sein Bitten und Warnen erfolglos blieb.

Eine der ersten, die Feuer fing, war natürlich Barbara. Ein eleganter junger Mann, mit kecken Augen, die mir gar nicht gefallen wollten, war eines Tages erschienen und hatte unseren Mädchen dermaßen vorgeflunkert, daß ihrer gleich acht entschlossen waren, sich seiner Leitung anzuvertrauen und ihr Glück in Neuyork zu versuchen. In ein paar Monaten würden sie dort mehr verdienen als in der Heimat in Jahren, und wer weiß – in dem Lande, wo keine Standesunterschiede herrschten, konnte es ihnen auch glücken, eine Heirat zu machen, die sie plötzlich in die Reihe derer stellen würde, die in Seide gehen und in eigener Kutsche fahren und haben können, was ihr Herz begehrt. Nicht nur die Mädchen, auch die meisten der Mütter ließen sich durch diese Gedanken betören. Barbaras Mutter redete ihrer Tochter nicht zu und nicht ab; sie ließ sie einfach gewähren.

Als mir Barbara ihren Entschluß mitteilte, erschrak ich bis ins Herz hinein. Nicht das Gefühl der Sorge um ihr Fortkommen, ein Gefühl, mit dem ich jedes auswandernde Gemeindeglied begleitete, beherrschte mich. Nein, eine heiße Angst, ein graues Entsetzen überkam mich bei Barbaras Worten. Wie habe ich das Mädchen angefleht, von ihrem Vorhaben abzustehen! Aber alle meine Vorstellungen glitten ab an ihrer siegessicheren Zuversicht, an ihrer strahlenden Freude, endlich in die Weite, in die Freiheit zu kommen.

O über das verblendete Kind!… Nicht in die Freiheit, in die allerelendeste Knechtschaft ist sie hineingelaufen. Jener Bursche mit den unlautern Augen war ein Mädchenhändler. Die andern, die mit Barbara zusammen auswanderten, scheinen schon auf dem Schiff Verdacht geschöpft zu haben. Aber Barbara wollte nicht daran glauben, und so ist sie dem Menschen zum Opfer gefallen. Es ist nie vollständige Klarheit in diese jammervolle Geschichte zu bringen gewesen. Offenbar war Barbara zuerst in einem anständigen Haus, denn wir erhielten guten Bericht, und ich fing an aufzuatmen und ließ mich nur zu gern Schwarzseherin nennen.

Aber dann folgten lange Monate des Schweigens. Unsere Briefe kamen zurück. Alle Nachforschungen, die mein Mann anstellen ließ, blieben erfolglos. O die verzehrende Angst jener Tage! Nie zuvor hatte ich so stark empfunden, wie Barbaras Leben mit tausend feinen Fäden an das meine gebunden war. Ich kam mir damals vor wie ein Mensch mit zwei Seelen. Die eine ging das verlorene Kind suchen, schaudernd vor den Dunkelheiten, die sich ihr ahnend auftaten. Die andere mußte bei dem eigenen Kinde sein, in dessen Leben die Liebe getreten, und das nun seiner Mutter bedurfte wie nie zuvor.

Ach, selbst über Anneles Hochzeitstag warf Barbaras Geschick seinen dunkeln Schatten. Als ich mein Kind in die Arme schloß, mein reines, bräutliches Kind, da sah ich plötzlich neben ihrem Gesicht ein anderes, vor dem ich entsetzt die Augen schloß. Und dann in der Kirche, die gedrängt voll Menschen war, schaute mich aus der hintersten Frauenbank Barbaras Mutter an … Wie mußte ich mich da schämen! ‚Die gibt ihr Kind schwer her, es drückt ihr schier 's Herz ab!‘ hörte ich eine Frau hinter mir flüstern. Aber ich weinte nicht um mein Kind. Von ihm wußte ich, daß es in eine goldene Helle hineinging. Wo aber war Barbara?

Am andern Tag, als das junge Paar weggefahren, ging ich hierher in meinen stillen Garten. Ich mußte allein sein.

Auf diesem Bänkchen bin ich gesessen. Vom Pfarrhaus herüber drangen frohe, helle Stimmen, die paßten so gar nicht zu den Stimmen meines Herzens.

Da sah ich eine schwarze Frauengestalt langsam auf mich zukommen, und nun wußte ich mit einem Male, warum ich hierher hatte kommen müssen … Um von Barbaras Mutter ein Entsetzliches, ein Unfaßliches zu hören.

Ich wollte aufstehen und ihr entgegengehen, aber ich konnte mich nicht rühren. Ich konnte nicht einmal den Kopf heben, denn ich wußte, im nächsten Augenblick trifft dich ein Beilschlag ins Genick.

Dann saß Frau Schäufele plötzlich neben mir und glättete auf ihren Knien einen Zeitungsausschnitt und einen Brief. Ich hörte sie keuchend atmen, und nun sprach sie.

‚Frau Pfarrer, der Brief ist heute früh gekommen, vom Bäcker Schmid, wissen Sie, von dem, der vor einem halben Jahr hinüber ist. Im Brief hat er übersetzt, was da in der Zeitung steht. Und er meint – und er meint, es sei –‘

Nie, nie in meinem Leben zuvor oder nachher habe ich ein solches Weinen gehört. Was ich selbst an Schmerz erlitten, war nichts, war ausgelöscht vor diesem Herzeleid. Ach, daß dies Weinen von jenen vernommen worden wäre, die an dem Kinde gefrevelt!

Dann drängte die Mutter mich plötzlich: ‚Lesen Sie, lesen Sie, Frau Pfarrer!‘

Und ich las. Las die Geschichte, die damals durch alle amerikanischen Blätter ging, daß ein deutsches Mädchen einem gewissen Haus im Innern Neuyorks entflohen, indem es am Blitzableiter heruntergeglitten war, daß es halbtot gefunden und ins deutsche Hospital verbracht worden sei.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir damals beisammen gesessen sind, Frau Schäufele und ich. Ich weiß nur, daß es mir, als ich in mein hell erleuchtetes Haus eintrat, war, ich käme aus dem Land des Grauens und der Verzweiflung geschritten. Ich bat meinen Mann, der mich ahnungslos scherzend als ‚Ausreißerin‘ empfing, ins Studierzimmer zu kommen und gab ihm den an Frau Schäufele gerichteten Brief. Noch in derselben Nacht ging ein Schreiben ab an den leitenden Arzt des deutschen Hospitals mit der Bitte um telegraphische Antwort auf die Frage, die unser Herz und Hirn marterte: ist es Barbara?

Es war Barbara. – – –

Mein Mann schrieb ein zweites Mal und bat um weitere Nachricht über Barbaras Zustand. Wir hatten Frau Schäufele gesagt, daß bis zum Eintreffen einer Antwort Wochen vergehen könnten, aber sie fragte jeden Tag an, ob keine gekommen. Ach, jetzt waren es ihre Augen, die einen hungrig flehenden Ausdruck trugen …

Ich nahm den Brief selbst dem Postboten ab, und als ich ihn zu meinem Mann hinauftrug, wußte ich, daß er Unheilvolles enthalte. Hand in Hand – wie hätte ich es sonst wohl ertragen können! – lasen wir das Schreiben des Arztes. O über die Verruchten, die das junge Leben in Schmach und Schande gezerrt! – Barbara war krank. Unheilbar krank an Körper und Geist. –

Ich wollte nicht, daß Frau Schäufele die Nachricht bei uns empfange. Ich meinte, es müsse ihr Wohltat sein, die schützenden Wände ihres Heims um sich zu fühlen. Ich dachte, sie werde sich verkriechen wie ein wundes Tier, werde sich scheuen, ihr Gesicht auf der Straße zu zeigen.

So ging ich zu ihr hinüber und setzte mich zu ihr auf die Fensterbank. Ich weiß nicht, wie ich es sagte, ich weiß nur, daß, nachdem ich gesprochen, eine Stille um uns war wie des Todes Schweigen. Und ich glaubte zu fühlen, wie in diesem eisigen Schweigen alle Liebe, die sich in den letzten Monaten in der Mutter geregt, starb.

Ich hielt Frau Schäufeles Hand fest umschlossen und wartete, wartete. – Warum schrie sie ihre Qual nicht heraus? Warum weinte sie nicht, wie an jenem Abend?

Da plötzlich löste die Frau ihre Hand aus der meinen und richtete sich auf. ‚Frau Pfarrer,‘ sagte sie und schaute mich mit einem Blick an, den ich nie vergessen werde, ‚Frau Pfarrer, Sie müssen mir helfen, daß ich hinüber komme. Ich muß die Barbara heimholen.‘ – –

Was dem feinen, hellen Kinde nie gelungen, hatte jetzt das arme, sieche erreicht: das Herz der Mutter war erwacht.

Und die Frau blieb ihrem Entschlusse treu, auch als ihr mein Mann mit klaren Worten die Schwere ihres Unternehmens gezeigt. Sie scheute weder die Auslagen noch die Beschwerlichkeiten der Reise. Sie schreckte auch nicht zurück vor den Schwierigkeiten des Zusammenlebens mit ihrer Tochter. Für mich waren diese Wochen voller Wunder. Ach, nie mehr wollte ich über einen Menschen das Urteil fällen: so und so ist er und so und so bleibt er. War mir diese Frau nicht all die Jahre hindurch stumpf und gleichgültig erschienen? Hatte ich ihr nicht gezürnt, weil sie ihre Kinder vernachlässigte und ewig in Streit lebte? Und nun brach aus diesem Herzen eine Liebesfülle, die mich beschämte und erschütterte.

Sie hatte ihre Liebeskraft bitter nötig, denn das Zusammenleben mit Barbara war eine Hölle. Besonders in den ersten Monaten, als das Mädchen am liebsten im Dorf herumstrich. Die meisten wichen ihr ja aus. Die Kinder fürchteten sich vor den irren Blicken und Reden. Aber es gab auch lose und schlechte Menschen, die sich mit ihr einließen. Ach, und das Entsetzlichste war, daß das vergiftete Blut in dem armen Wesen nicht zur Ruhe kommen wollte. Dann konnte es geschehen, daß auch die Mutter ein Grauen anwandelte. Aber immer wieder überwand ihre erbarmende Liebe dieses Grauen. Sie wußte sich oft kaum zu helfen, aber sie hätte Barbara trotzdem nicht fortgegeben.

Und allmählich schien ihr treues Sorgen und Pflegen doch eine kleine Besserung im Zustand der Tochter herbeizuführen. Das wilde Umherschweifen hörte auf. Sie fing an, ihrer Mutter bei der Arbeit an die Hand zu gehen. Und dann begann sie eine seltsame Tätigkeit, die ich nie ohne Herzweh beobachten konnte. Immer wieder, oft dreimal des Tages, machte sie sich daran, den Tisch rein zu fegen. Mit angstvollem Blick murmelte sie dabei: ‚Nicht sauber, wird nie mehr sauber …‘

Einmal kam Annele mit dem kleinen Ernst zu Besuch. Ich fragte, ob sie Barbara besuchen werde, aber sie verneinte unter Tränen. Da bat ich Frau Schäufele, lieber nichts von meinen Gästen verlauten zu lassen, denn man war nie ganz klar über Barbaras Geisteszustand. Nach Tagen völliger Apathie, in denen sie niemand zu kennen schien, konnte sie plötzlich wieder vernünftig fragen und antworten.

Irgendwie muß Barbara aber doch von unsern Gästen gehört oder sie gesehen haben. Ich hatte die beiden zur Bahn begleitet und plauderte mit Annele durchs Fenster. Es regnete in Strömen, so daß mir beinahe ein wenig vor dem langen Heimweg graute. Da – eben im letzten Augenblick, als der Schaffner die Türen zu schließen begann, kam Barbara dahergelaufen. Die Haare hingen ihr klatschnaß ums Gesicht, sie war ohne Schirm und Kopftuch. In der Hand hielt sie einen mächtigen buntfarbigen Blumenstrauß, und den hob sie nun zu Annele empor mit einem flehenden Ausdruck in dem armen Gesicht. Kaum hatte ihr Annele die Blumen abgenommen, da floh sie wie gehetzt davon. Wir aber freuten uns unter Tränen dieses Aufleuchtens aus einem früheren besseren Sein. – –

Beim Kartoffelausgraben im feuchten Nebel zog sich Barbara eine Erkältung zu. Ein paar Wochen lang lag sie zu Bett, dann schlief sie ein, fast plötzlich, ohne Kampf.

Und seltsam! Die gütige Hand des Todes hatte nach wenigen Stunden das Antlitz der armen Barbara also gewandelt, daß sie vor uns lag wie in den Tagen ihrer ersten reinen Jugend. Mir schien es ein tröstlich und verheißend Gleichnis, aber Frau Schäufele schüttelte den Kopf. Bis zu ihrem Tod hat sich die Mutter mit der Frage gequält, ob ihr Kind wohl von Gott angenommen worden. Als ich sie einmal um dieser Gedanken willen bemitleidete, schaute sie mich fast streng an. ‚Ich hab' mir das selber eingebrockt, Frau Pfarrer. Ich hab' der Barbara nicht die rechte Liebe gegeben, wie sie ein Kind war. Jetzt muß ich nachzahlen. Wir müssen für alles zahlen, Frau Pfarrer.‘

‚Ja,‘ sagte ich, ‚für vieles, aber manchmal wird uns auch eine Schuld erlassen. Das wollen wir nicht vergessen, Frau Schäufele.‘ – –

Sie hat die Barbara nicht lange überlebt. In ihren letzten Wochen sind wir uns recht nahe gekommen. Damals haben wir uns oft gefreut an Gerhardts schönem Heimwehlied: ‚Ich bin ein Gast auf Erden‘. Aus diesem Lied stammen auch die Worte, die ich auf ihr Grab schreiben ließ. – – Sieh', dort drüben an der Mauer liegt sie begraben. Es ist zwar ein wenig dunkel geworden, aber man wird den Vers schon noch lesen können.“

Die beiden Frauen erhoben sich und gingen zu dem Grab hinüber. Mit stillen Augen lasen sie die Worte:

Ich wandre meine Straßen,
die nach der Heimat führt,
da mich ohn' alle Maßen
mein Vater trösten wird.

Der Sohn.

Peter Niemeyer jun. lag in einem Korbwagen und sog an den Fingern. Er hatte ein langes, runzliges Gesicht, das von der eben durchlebten Anstrengung feuerrot gefärbt war.

Peter Niemeyer jun. war vor zwei Stunden ins Dasein getreten. Wenigstens ins sichtbare, denn für Peter Niemeyer sen., der neben dem Korbwagen saß, lebte er schon lange. Seit Wochen, ja seit Monaten hatte sich all sein Denken, so weit es nicht von geschäftlichen Dingen in Anspruch genommen war, um das vor ihm liegende Menschenkind gedreht. Er hatte immer gewußt, daß es sich als Junge entpuppen werde. Wenn seine Frau einen Zweifel an dieser Hoffnung oder gar den Wunsch nach einem kleinen Mädchen ausgesprochen, war er ungeduldig geworden, und es hatte geschehen können, daß er die kleine Frau rauh angelassen.

Das tat ihm jetzt leid, und allerlei Gelübde und Vorsätze stiegen in ihm auf. Er strich sich mehrmals über den Kopf, der so kahl war wie der seines Sohnes und sagte halblaut: „Du wirst sehen, Peter, ich werde jetzt immer gut zu ihr sein.“

Peter jun. sog an den Fingern und zwinkerte mit den Augen. Er hatte offenbar kein Verständnis für seines Vaters Worte. Dieser aber, dem es nicht oft vorkam, daß er an einem Arbeitstag untätig auf einem Stuhle saß, verfiel in ein tiefes Sinnen, das ihn weiter und weiter in die Vergangenheit zurückführte.

… War er das? Ein hübscher Bursche mit welligem Haar und immer lachenden Augen. Komm her, du junges, du strahlendes Leben! Laß dich umarmen! Fallen einem die Sterne nicht in den Schoß – – hei! so holt man sie eben herunter! – – Es war doch nicht so leicht gegangen … Man tappte in allerlei Dunkelheit und war endlich froh, als man in bekleisterter Schürze in Buchbinder Bergers Werkstatt stand. Das ging so ein paar Jahre. Na ja, es waren ganz gute Jahre, und dann glänzte doch endlich ein Glücksstern auf. Die Meisterstochter … Elisabeth. Man nannte sie meist Betty, aber ihm gefiel der lange, klingende Name, und er sagte ihn leise und laut. Nun, er war ja immer noch ein leidlich hübscher Kerl, und die lachenden Augen hatte er sich nicht verkleistern lassen. So kam es, daß die niedliche kleine Betty „Peter“ sagen lernte, und der Arbeiter ward zum jungen Meister.

Peter Niemeyer jun. bewegte sich unruhig, aber sein Vater bemerkte es nicht. Er durchlebte wieder die ersten Jahre seiner Ehe. Süße, heimliche Glücksbilder stiegen vor ihm auf, dann solche mit ernsterem Gesicht. Abende, an denen er versucht hatte, seine junge Frau teilnehmen zu lassen an dem, was er in stillen Stunden gedacht und gelesen. Er wollte sie mit hineinziehen in die einsame Welt seiner Gedanken, aber sie ging neben ihm mit stummen Lippen. Und es erhoben sich wie feine Schatten die ersten Gefühle der Enttäuschung.

Elisabeth … Elisabeth … Er rief den klingenden Namen nicht mehr oft. Betty ließ sich kürzer und herrischer sagen. Er erlebte Stunden, da er sich betrogen erschien, und doch waren es die Stunden, in denen er klar sah, daß nicht sie, sondern er sich verändert hatte. Wie süß hatte ihm einst ihr Geplauder geklungen! Gerade das, daß sie in lebhaften Worten über Alltägliches sprechen konnte, war ihm reizvoll erschienen. Nun quälte ihn der nichtssagende Wortschwall. Einst hatte es ihn belustigt, daß die kleine Frau beim geringsten Anlaß in Aufregung geriet, später verletzte ihn dieser Mangel an Würde.

Peter jun. stieß einen quietschenden Schrei aus. Da öffnete sich eine Türe, und die Pflegerin trat herein. „So, so, hat er dich schreien lassen!“ sagte sie mit vorwurfsvollem Blick auf den träumenden Vater. Sie nahm das kleine Bündel aus den Kissen und brachte es in die Schlafstube. Peter Niemeyer war damit entlassen und hätte sich wieder nach seiner Werkstatt begeben können, aber er blieb sitzen.

Er starrte auf die Stelle, an der das Kind gelegen. Sein Kind … ja – und auch Elisabeths. Da war nun wirklich etwas, in das sie sich teilen konnten, etwas, das ihnen beiden lieb und interessant war. Fünfzehn Jahre lang hatte er auf dieses Glück gewartet. Fünfzehn Jahre … konnte man sich danach wieder zusammenfinden?

Peter Niemeyer seufzte schwer. Er stand auf und ging nach der Türe, durch die die Pflegerin verschwunden. Seine Frau schlief.

Er setzte sich an ihr Bett und betrachtete ihre müden, noch immer feinen Züge. Ein warmes Gefühl wallte in ihm auf. „Elisabeth!“ sagte er leise und innig und streichelte ihre Hand. Darüber erwachte sie und blickte staunend in ihres Mannes bewegtes Gesicht. „Elisabeth! Nun haben wir ja endlich das Kind.“

Es war, als überwältigte ihn noch einmal der Jammer der einsamen Jahre, den sie nur unklar empfunden. Sie gehörte zu den Frauen, die in ihrem stärksten Empfinden Gattin sind. Sie vergötterte ihren Mann. Beinahe widerspruchslos stimmte sie seinem Reden und Tun bei, und nie kam ihr der Gedanke, daß sie ihm nicht nur bewundernd, sondern auch ratend und mahnend zur Seite stehen sollte. So hatte sie durch ihre blinde Liebe eine Selbstherrlichkeit in ihm großgezogen, die ihn in den Augen anderer oft lächerlich erscheinen ließ und ihr selbst manche bittere Stunde brachte.

Aber sie konnte rasch vergessen. So war ihr denn in dem Augenblick, da sie ihres Mannes streichelnde Hand verspürte, es sei alles gut geworden und werde immer so bleiben. Es kam ihr nicht zum Bewußtsein, daß sie ihres Mannes Seele nicht kenne, daß sie so stumm vor ihr liege wie die ihres neugeborenen Sohnes. Es kam ihr auch nicht zum Bewußtsein, daß ihr dieser Tag in dem hilflosen, unbefleckten Seelchen ein Geschenk gegeben, so groß und schön, daß ein sehr starker oder sehr leichter Sinn dazu gehört, um vor der Verantwortung nicht zu zagen.


Peter war in den ersten Jahren seines Lebens ein zartes Kind. Wenn Frau Elisabeth ihn spazieren fuhr, so brach wohl die eine oder andere der Freundinnen in die teilnehmenden Worte aus: „Der ist aber blaß! Sieh nur die Adern an den Schläfen! Ich frage mich, ob du ihn davonbringst.“ Und dann priesen sie ihre eigenen rotbackigen Kinder.

Aber der kleine Peter gedieh, allen Prophezeiungen zum Trotz. Er kriegte blanke Zähnchen und lernte den Gebrauch der Beine. Er fing an Tierstimmen und Menschenworte nachzuahmen, und dann kam der Tag, der glückselige Tag, wo er in einer kleinwinzigen Hose in seines Vaters Werkstatt stolzierte. Von da an trieb er sich gerne unter den hohen Tischen herum, eifrig bunte Papierabfälle sammelnd, die er mit dem großen Pinsel zusammenkleisterte. Hände und Kleider bekamen dabei ihr gut Teil ab zum Ärger der Mutter, die ihr Bübchen immer schmuck haben wollte. Der Vater aber lachte. „Er hat es eben im Blut! Gelt, Peter, du wirst einmal Vaters erster Arbeiter und kriegst den guten Platz am Fenster?“ – „Ja, wenn ich groß bin,“ sagte Peterchen, „aber –“ fügte er zögernd hinzu: „Mutter soll auch mit dabei sein.“

Er war in diesen Tagen so sehr seiner Mutter Kind, daß er es nicht ertragen konnte, lange von ihr getrennt zu sein. Wenn sie kochte, stand er mit einem Rührlöffel in der Hand ernsthaft neben ihr. Er begleitete sie auf allen Gängen und schlief nur ein, wenn sie an seinem Bettchen saß. Des Morgens aber erwachte Frau Elisabeth daran, daß vorsichtige Fingerchen ihre Augenlider in die Höhe zogen, und sie schalt nie, sondern hob die Decke und ließ den kleinen Ruhestörer unterschlüpfen. Das ging so heimlich und still, und die Unterhaltung, die nun zwischen Mutter und Kind geführt wurde, war eine so leis geflüsterte, daß der Vater nicht daran erwachte.

Frau Elisabeth war diese Morgenstunde die süßeste am Tag. Wie weich und warm schmiegten sich die jungen Glieder in ihren Arm. Wie klopfte das Herzchen so rasch, so rasch … Sie spielte mit dem dunkeln, lockigen Haar, das der Junge von ihr geerbt. Auch die vollen, roten Lippen waren die ihren, und der Vater hatte dazu sein energisches Kinn gegeben. Aber sonst glich der Kleine keinem der Eltern. Vielleicht, wenn das Bild irgend eines Vorfahren aufbewahrt worden wäre, hätte man darauf die lange, schmale Nase und die trotzige Stirne gefunden, und auf einem andern vielleicht die schwarzen Brauen, die über der Nase zusammenwuchsen. Augen hatte der kleine Peter sehr seltsame. Sie waren von dunkelm Grau, groß und sanft, und es lag wie ein feiner Schleier darüber. Aber in der Erregung zerriß der Schleier, und die Augen glühten und schauten nahezu schwarz.

Frau Elisabeth erschrak jedesmal darüber. Es packte sie die bange Ahnung, daß eine Zeit kommen könnte, in der es ihr nicht mehr gelingen würde, die wilden Augen zu beruhigen. Aber sie schob diese Gedanken von sich. Noch war das Peterchen klein, und wenn sein Seelchen in Not kam, schrie es nach ihr, nur nach ihr. Das tat nicht nur ihrem Herzen, nein, auch ihrer Eitelkeit wohl. Trotz aller Demut, die sie im Verhältnis zu ihrem Mann empfand, war sie eine Natur, die nach Lob und Bewunderung verlangte. Noch immer schwelgte sie in der Erinnerung an die Zeit, da sie die umworbene und gefeierte Betty Berger gewesen und führte diese Tage in ihren kleinlichen Zänkereien wieder und wieder an. In des Kindes Augen nun stand sie groß und unantastbar.

Das späte Mutterglück hatte übrigens ihre Liebe zum Gatten nicht beeinträchtigt. Der kleine Sohn mußte stets hinter dem Vater zurücktreten. Das wußten beide, der kleine und der große Peter, und sie nahmen es zu Zeiten mit einem leisen Erstaunen wahr, in das sich beim kleinen ein unverstandener feiner Schmerz, beim großen ein unbehagliches Schuldgefühl mischte.

Peter Niemeyer hatte redlich versucht, sein dem kleinwinzigen Sohn gegebenes Wort zu halten. Er wollte gut sein zur Mutter seines Kindes, und einige Wochen gelang es ihm. Frau Elisabeth erlebte wieder wie in den ersten Jahren ihrer Ehe eine Zeit zarter Fürsorge; aber zu einer inneren Annäherung kam es nicht. Und Peters Stimme bekam wieder den alten selbstherrlichen Klang, und er zeigte sich, nach Art launischer Menschen, den einen Tag zu Scherz und Lachen aufgelegt, den andern reizbar und wortkarg. „Die Kluft zwischen uns ist zu groß, da ist kein Verstehen möglich,“ dachte er mißmutig.

Ach, da war wohl eine Brücke, die ihn wieder und wieder zu ihr getragen hätte … Für Güte und Erbarmen ist keine Kluft zu groß.


Der kleine Peter kam zur Schule. Das war ein Ereignis für die ganze Familie, und jedes nahm es auf und verarbeitete es seiner Art entsprechend. Dem Vater schien es der erste Schritt zur künftigen Kameradschaft. Nun lernte der Junge, jedes Jahr ein bißchen mehr. Zeigte es sich, daß er einen hellen Kopf habe, so konnte man ihn aufs Gymnasium schicken. Studieren … nein, das sollte er nicht. Das Geschäft ging gut, es durfte nicht in fremde Hände übergehen. Aber abends, da wollten sie zusammensitzen und lesen und sprechen. O, der Junge mußte nicht glauben, er, der Alte, sehe nicht über den Kleistertopf hinaus! Er war auch in guten Schulen gewesen, und überhaupt – früher wurde viel besser und gründlicher unterrichtet … Merk' er sich das, mein Herr Sohn!

Peter Niemeyer pfiff, als er bei seiner Arbeit diese und ähnliche Gedanken bewegte, fröhlich vor sich hin. Unterdessen saß Frau Elisabeth im Wohnzimmer und weinte. Sie wußte selbst kaum warum, aber ihr war so traurig zumute, als sei ihr etwas Liebes gestorben. Vor einer Stunde hatte sie das Peterlein zur Schule gebracht. Er war einer der niedlichsten kleinen Schüler, das hatte sie mit Stolz festgestellt. Und er hatte den Lehrer artig gegrüßt und war nicht so blöde, mit dem Finger im Mund, dagesessen, wie Bäcker Brauns Jüngster. Aber als sich nun die begleitenden Mütter und Väter und älteren Geschwister zum Gehen anschickten, war das Peterchen heulend aus der Bank gesprungen und hatte sich an ihrem Kleid gehalten und Mutter geschrien, ohne auf ihre Trostworte zu achten. Zuletzt hatte sie ihm Dampfnudeln zum Mittagbrot versprochen, und das hatte geholfen. Das Peterchen war in die Bank zurückgekehrt und sie nach Hause.

Und nun saß sie da und weinte nach dem Kind, und das arme Büblein dachte wohl im stillen auch nur an sie. Ach, es gab doch recht schwere Dinge durchzumachen! Und so allein war man mit seinem Kummer, denn dem Mann durfte man nicht klagen. Er wurde gar leicht ungeduldig.

Frau Elisabeth schlang die Hände ineinander und schaute durchs Fenster. Es kam ihr plötzlich in den Sinn, daß sie an die Bereitung der versprochenen Dampfnudeln gehen müsse, aber sie blieb ruhig sitzen. Es war so angenehm, in diesen halb traurigen, halb süßen Gedanken zu schwelgen. „Alle Mütter sind Märtyrerinnen,“ ja, das hatte sie einmal gelesen und sehr merkwürdig gefunden. Aber jetzt verstand sie, o, jetzt verstand sie …

Unten auf der Straße ging eine Nachbarsfrau vorbei. Sie nickte ein-, zweimal und Frau Elisabeth nickte wieder und führte dabei das Taschentuch an die Augen. Es war ihr eine Genugtuung, daß die Freundin sie in ihrem Schmerz gesehen. Sie schaute ihr heimlich nach, und da erlebte sie eine zweite Genugtuung. Die Freundin hatte sich wohl etwas eilig angekleidet, denn bei jedem Schritt schob sich ein blendend roter Rocksaum unter dem dunkeln Kleid hervor. Frau Elisabeth lächelte: „So 'ne Schlamperei! Und diese Farbe! Ja, wenn man eben keinen Geschmack hat …“

Sie erhob sich, und bald darauf stand sie heitern Gemüts an der Mehlkiste.

Das Peterchen kam mit dunkelglühenden Bäckchen nach Hause. „Mutter, die Schule ist fein!“ schrie er schon von weitem.

Frau Elisabeth gab es einen Stich durchs Herz. Sie hätte ihn lieber ein bißchen bekümmert, ein bißchen sehnsüchtig erregt gesehen.

„Hast du Heimweh nach mir gehabt, Peterchen?“ fragte sie, das Kind zärtlich umfangend.

„Nur ein bißchen. Weißt du, nachher kam das feine Bild von dem Elefanten. Der ist mal klug, Mutter! Und stark und, und – gerecht. Ja, gerecht nennt man das, Mutter. Wenn man dem etwas Böses tut, straft er einen gleich. Da war mal so ein Schneider, Mutter, – –“

„Ja, das kannst du mir nachher erzählen, jetzt gehen wir zum Essen,“ sagte Frau Elisabeth. Sie sprach in kurzem, etwas gereiztem Ton, und die feinen Kinderohren horchten auf. Wie seltsam … war Mutter böse? Er war so froh gewesen, so erfüllt von all dem Wunderbaren, Neuen. Und die Geschichte war so lustig. Ha, ha, wie das viele Wasser in die Schneiderstube spritzte! Der stach den Elefanten gewiß nicht zum zweitenmal in den Rüssel! –

Das Peterlein machte einen Sprung, als müsse er sich aus des Schneiders nasser Stube retten. Da fühlte er sich von seinem Vater ergriffen, in die Luft gewirbelt und wieder auf die Erde gesetzt. Peterlein schaute atemlos zu ihm auf: „O Vater, bist du stark! Fast wie ein Elefant! Und denke dir, so klug ist der und soo – gerecht. Ich will dir mal was von einem Schneider erzählen. Willst du's hören?“

„Aber gewiß!“ rief Vater Niemeyer. Das freute ihn, das war ja wie ein Akkord aus der Zukunftsmusik, die er vorher gespielt.

Und das Peterlein erzählte, mit Mund und Augen und allen Gliedern. Der Vater bedauerte und lachte, alles am rechten Ort. Die Mutter – Peterchen schielte wieder und wieder zu ihr hinüber – kniff die Lippen zusammen, so eng, daß nur noch ein schmaler roter Strich zu sehen war. Man konnte sich gar nicht vorstellen, daß sie wiederauseinandergehen und liebe Worte sprechen könnten. Wie schade, daß Mutter die Geschichte nicht gefiel! Vielleicht, wenn er ihr sie später noch einmal erzählte?

Abends beim Zubettgehen versuchte Peterchen seine Geschichte ein zweites Mal anzubringen. Aber Frau Elisabeth konnte sich nicht überwinden. Mit abweisendem Wort schloß sie die plauderfrohen Lippen. Die alte, häßliche Schule! Was brauchte er so vergnügt von dort herzukommen, wo sie nicht dabei gewesen. – „Gönnst du ihm denn seine Freude nicht?“ mahnte eine Stimme ihres Innern. Ja schon, aber er soll sie bei mir suchen.

Beinahe leidenschaftlich umarmte sie das stämmige Körperchen. „Du hast mich lieb, Peterchen? Nicht wahr, du wirst dein Mutterchen immer lieb haben?“ Der Kleine drückte das runde Gesicht gegen ihre Wange. „Immer, immer! Aber –“ fügte er zögernd hinzu, „warum darf ich dir nicht erzählen? Darf ich dir nie, gar nie erzählen, was wir in der Schule machen?“

Da durchzuckte Frau Elisabeth eine jähe Erkenntnis. Wie war sie so töricht gewesen! In ihrer selbstsüchtigen Liebe hatte sie ihn ja von sich gestoßen. Mußte sie nicht froh sein, o von Herzen froh und dankbar, daß er alles zu ihr trug?

„Freilich darfst du mir erzählen, Peterchen. Jeden Tag, soviel du willst! Aber für heute ist's genug, sonst bist du morgen müde in der Schule.“

Das half. Der dunkle Kopf sank auf das Kissen, und noch während Frau Elisabeth ordnend im Zimmer hin und her ging, fiel das Peterlein in Schlummer.


In den folgenden Monaten geschah es oft, daß der kleine Peter etwas zu erzählen wußte. Aber nicht immer fand er die Mutter willig, seinen sprudelnden Berichten zu lauschen.

Arme Frau Elisabeth! Ihren Gedanken, die nie nach den Schätzen der Tiefe geforscht, nie in Qual und Sehnsucht zur Höhe gedrängt hatten, genügte die kleine Welt, in der sie sich bewegte, vollkommen. Sie war nicht unglücklich gewesen, wenn sie auch zuweilen unter den Launen ihres Mannes gelitten hatte. Er gab ihr ja auch wieder gute Worte, und sie hatte ein behagliches Heim und konnte hübsche Kleider tragen und brauchte keine grobe Arbeit zu tun. Aber nun war so vieles anders geworden.

Unter Peterleins dunkelm Lockenbusch fingen allerlei Gedanken zu arbeiten an. Nicht nur was er in der Schule sah und hörte, nein, auch alles was ihm sonst entgegentrat im Leben, wurde mit gierigen Augen und Händen entgegengenommen und betastet und befragt.

So mag es einem kleinen Pflanzensetzling zumute sein, den man von der Mutterpflanze gelöst hat. Er trinkt die Nahrung nicht mehr aus dem mütterlichen Stamm, nein, direkt aus der feuchten, kühlen Erde, und der Sonnenschein umfließt ihn inniger und wärmer, da er nun so rank und fein und klein für sich steht. Er fängt behutsam an, Würzelchen auszustrecken, und er wagt es und entrollt ein verschämtes, zitterndes Blatt.

Frau Elisabeth aber begriff das neue Leben, das sich, losgelöst von dem ihren, entwickelte, nicht und betrachtete es mit feindseligen und argwöhnischen Augen. Hin und wieder zwar rang sich ihr die Erkenntnis durch, die sie am ersten Schultage durchzuckt hatte. Nein, er durfte ihr nicht verloren gehen. Sie wollte teilhaben an seinen innersten Gedanken, wie damals, als er zu früher Morgenstunde in ihr Bett gekrochen.

Aber wenn sie, nachdem sie dem Kind tage- und wochenlang gleichgültig und verständnislos zur Seite gestanden, eine plötzliche Annäherung suchte, konnte es geschehen, daß Peterlein die Lippen zusammenkniff. Das feine Seelchen flüchtete sich vor den täppischen Angriffen und schaute nur scheu und verängstet aus den großen verschleierten Augen.

Dann schwieg auch Frau Elisabeth; aber es war nicht ein aus Zartgefühl geborenes Schweigen. Das hätte dem Peterlein wohl getan und ihm vielleicht die herben Lippen geöffnet. Er beobachtete die Mutter, wie sie sich an den Nähtisch setzte, zu Nadel und Faden griff und zu nähen begann. Und jede Bewegung brachte ihr Gekränktsein zum Ausdruck, laut und hart. Das Kind aber wand sich in unverstandener Qual.

Es ging dann wohl, um sich zu zerstreuen, in die Werkstatt hinunter, denn der Vater nickte ihm meist freundlich zu und schenkte ihm auch hin und wieder einen Streifen bunten Papiers.

Peterlein liebte es, auf einem hohen Drehstuhl zu sitzen, der dicht am Fenster stand. Draußen war nicht viel zu sehen, wenigstens nichts, was die Aufmerksamkeit der Arbeiter erregt hätte. Aber Peterlein bewunderte das steil abfallende braunrote Ziegeldach. Es wuchs so viel feines, samtenes Moos darauf, und er liebte alles Weiche. Die Mutter hatte ein Samtkleid, das drückte er oft verstohlen an die Wange.

Über das Dach ragte ein alter, klotziger Turm empor. Wie ein rundes, gutmütiges Gesicht schob sich die Hälfte seines Zifferblattes über den First empor. Und Peterlein nickte ihm zu. Er mochte ihn gerne leiden, den alten Turm mit dem breiten Gesicht, und er liebte auch die Zeiger, die so lustig Verstecken spielen konnten. Der eine, kleinere, glitzerte stundenlang oben in der Sonne, dann versank er, und Peterlein sah ihn des Abends nie. Der große lief viel schneller. Jetzt war er verschwunden, aber nachdem man ein Weilchen mit den Beinen geschaukelt, das Moos auf dem Dach in Gedanken gestreichelt, sich über die vielen, vielen Bücher gewundert und von der Möglichkeit, sie zu lesen, geträumt hatte, tauchte er auf der andern Seite auf und war so golden und blitzend wie zuvor.

„Was er nur denken mag, wenn er so zum Fenster hinausstarrt,“ dachte Peter Niemeyer sen. Er versuchte, in die eigene Kindheit hinabzusteigen. Aber merkwürdig! es kam ihm keine Erinnerung, die ihm das Bild eines versonnenen kleinen Buben entgegengehalten hätte. Er sah sich immer in Bewegung, im Schulhof, auf der Straße, im elterlichen Hause … turnend, schreiend, raufend. War sein Junge am Ende kein echter Junge? – – An Kraft fehlte es ihm gewiß nicht. Er hatte breite Schultern, die den dunkeln Kopf stolz und aufrecht trugen, und daß er Beine hatte, die ihresgleichen suchten im Marschieren und Laufen, konnte Vater Niemeyer wieder und wieder beobachten.

Er nahm sich vor, den Jungen an den Sonntagen mehr mit sich ins Freie zu nehmen, womöglich mit andern Kindern zusammen.

Das Stillesitzen und Träumen verdroß ihn … aus dem einfachen Grund, weil es seiner Natur fremd und unverständlich war. Und er wollte den Jungen für sich heranwachsen sehen. Sein Kamerad, seine Stütze und Hilfe sollte er werden. Aber hatte er selbst nicht auch geträumt in jungen Tagen und sich eine heimliche Welt erbaut? O gewiß, aber es waren lauter klare Dinge gewesen, lebensfähige, starke Gedanken. Sein Junge aber war versunken in den Anblick eines alten Daches und beobachtete das Auf und Ab eines Zeigers. Dem mußte beizeiten ein Riegel vorgeschoben werden.

So kam es, daß am folgenden Sonntag die drei Niemeyer mit einer befreundeten, sehr kinderreichen Familie zusammen einen Ausflug machten. Der nasenähnliche Vorsprung des nächstgelegenen Berges war zum Ziel ersehen worden. Die Gesellschaft setzte sich in fröhlicher Laune in Bewegung. Die Luft war klar, der Sonnenschein wärmend, ohne stechend zu sein. Peterlein sprang mit den andern Kindern um die Wette. Er schlug Purzelbäume wie ein gedienter Zirkusclown und ging aus einem Ringkampf, der mit viel Lachen und Gekreisch in Szene gesetzt wurde, als Sieger hervor. War das derselbe Junge, der verträumt in einem Winkel zu sitzen pflegte? Nein, das war ein echter, lebendiger Junge, wie er sein soll. Vater Niemeyer strahlte.

Dann fiel er mit einem Mal aus allen Himmeln. Der besiegte Nachbarjunge, der seinen Groll nicht verwinden konnte, drang plötzlich von hinten auf Peterlein ein und schlug ihn über den Kopf.

„Na, hoffentlich haut er ihm eine Tüchtige runter!“ dachte Vater Niemeyer ergrimmt. Aber Peterlein blieb stehen und schaute seinen Widersacher an. Grenzenloses Erstaunen malte sich in seinen Augen. „Du bist ja ein Feigling!“ sagte er mit seiner hellen Knabenstimme.

„Was bin ich!“ schrie der andere. Er versetzte Peter einen Stoß, der ihn zu Boden schleuderte; dann hielt er es für geraten, sich hinter seinen Vater zurückzuziehen.

Es wäre nicht nötig gewesen. Als Peterlein wieder aufrecht stand, ging er seines Wegs, ohne sich nur umzublicken.

Peter Niemeyer ärgerte sich. Hatte der Junge kein Ehrgefühl im Leib? Mit ein paar raschen Schritten war er an seiner Seite. „Läßt du dir so etwas gefallen, Peter? Vorher hast du ihn ja auch untergekriegt. Warum hast du nicht mit ihm gerungen?“

„Weil er feig ist,“ sagte das Kind und hob seinen stolzen, freien Blick. Die Augen waren unverschleiert und glühend, und Vater Niemeyer wußte keine Entgegnung.

Oben auf dem Berggipfel lagerte man sich, und nachdem die Aussicht bewundert und die Namen der zerstreut liegenden Dörfer richtiggestellt waren, überließen sich die Erwachsenen der Ruhe.

Die Kinder drangen tiefer in den Wald hinein. Es ward still, nur hin und wieder klang ein vereinzelter heller Schrei, ein seliges Lachen herüber. Peter Niemeyer lag, die Beine weit ausgestreckt, und fühlte und trank den Zauber des Frühlingstages in tiefen Atemzügen.

Da schrak er jäh empor. Das Weinen eines Kindes, untermischt mit vielstimmigem Gelächter, war an sein Ohr gedrungen. Er richtete sich auf. Die Töne kamen näher und näher, und Frau Elisabeth horchte ängstlich auf. „Es ist unser Peterchen, der weint,“ flüsterte sie.

Da stürzte er auch schon auf sie zu, mitten in ihre ausgestreckten Arme. „Was hast du denn? Wer hat dir etwas zuleid getan?“ fragte sie wieder und wieder. Aber Peterlein konnte vor Schluchzen nicht sprechen, und die andern Kinder mußten berichten. Das Peterlein sei ganz für sich gegangen, sie hätten ihn lange gesucht und endlich vor einem großen Stein gefunden. Den habe er immerzu betrachtet. Da sei eines von ihnen zum Spaß daraufgestanden, und nun habe das Peterlein angefangen zu weinen und sei davongelaufen und sie alle hinterdrein.

Vater Niemeyer war ernstlich böse. „Deswegen weint man doch nicht. Schäme dich, Peter!“

Frau Elisabeth fühlte Mitleid mit dem zuckenden Körperchen, das in ihrem Schoß lag. Er hatte sich zu ihr geflüchtet. Das tat wohl. Sie beugte sich ein wenig herab und flüsterte: „Sei nun wieder still, Peterlein! Sieh, die andern sind so vergnügt. Warum hat dich denn der dumme Stein so betrübt?“

Peterchen hob sein verweintes Gesicht. „Ach Mutter, es war ein kleiner Wald, eine wunderschöne kleine Welt darauf!“

„Wirklich!“ sagte Frau Elisabeth und vertilgte mit dem Taschentuch die Tränenspuren in ihres Sohnes Gesicht. Sie dachte dabei, was für ein absonderliches Kind sie doch habe, und es ward ihr unbehaglich bei dem Gedanken. Wie mochte das später werden? Nun zählte er erst acht Jahre und war ihr schon halb entglitten.

Ihr Blick ging unsicher und fragend zu ihrem Mann hinüber; aber Peter Niemeyer, der die Klage seines Jungen um die zertretene kleine Welt gehört, lag still mit geschlossenen Augen und gerunzelter Stirne.


Der Sommer brachte für Peterlein etwas Wunderbares. Er durfte mit der Mutter in die Berge. Der Vater konnte nicht abkommen. Er brachte Frau und Kind zur Bahn und plauderte bis zuletzt lebhaft und fröhlich mit ihnen. Er hielt die Hand seiner Frau lange in der seinen und tätschelte seines Buben blasse Wangen.

„Nun geht nur tüchtig spazieren da oben und holt euch rote Backen! Und, Peterlein – – – fall' mir nur ja nicht in eine Gletscherspalte!“

„Wie ist es da?“

„O, schön! Aber wenn man hinunterpurzelt, merkt man davon nichts.“

„Bist du schon mal hinuntergepurzelt, Vater?“

„Bewahr' mich der Himmel! Junge, was denkst du nur! Aber an einer gestanden bin ich mehr als einmal!“

„Wie sieht das aus, Vater?“ drängte das Kind. „Ist es ein tiefes, schwarzes Loch?“

„Tief ist es, unendlich tief, aber nicht schwarz … Es glänzt so schönes Eis herauf. Ganz blankes, grünes Eis, Peterchen. Und unten rieselt und gluckst etwas – – ein Gletscherbächlein … aber es klingt oft eigentümlich – – wie – wie –“

„… wie wenn etwas weint,“ vollendete ein leises Stimmlein.

„Warum meinst du das?“ fragte der große Peter lächelnd.

„Weil ich es einmal gehört habe, im Wald, weißt du, bei dem kleinen schwarzen See. Da muß das Bächlein hinein und deshalb weint es.“

„Na, hör' mal, Peterchen!“ begann Frau Elisabeth, aber ihr Mann legte eine beschwichtigende Hand auf ihren Arm.

Das konnte er verstehen. Das hatte der Junge von ihm. Es war ihm, als höre er wieder ein paar Takte aus seiner Zukunftsmusik … War er nicht auch als junger Bursche, wenn er durch Wald und Wiesen strich, stehen geblieben, um etwas von den Tönen zu erlauschen, die Wind und Bach und Tanne sangen? Ein Lied, ein funkelndes Lied der Freude, hatte ihm daraus geklungen. Und das Peterchen hörte ein Weinen … Also doch nicht ganz dasselbe, nein, nicht ganz.

Eine leise Unzufriedenheit wollte in Peter Niemeyer aufsteigen, aber er zwang sie nieder.

„Ich hörte kein Weinen, Peterchen. Ich wollte sagen, das Gletscherbächlein mache Musik. Ganz feine, silberne Töne hört man.“

„Ja … da singt jemand,“ nickte das Kind. Es saß und schlenkerte mit den Beinen und schaute aus weichen, verträumten Augen.

Peter Niemeyer stand auf und lachte. Die Zeit drängte. Er mußte eiligen Abschied nehmen. Dann setzten sich die Räder in Bewegung, und das Peterlein rollte davon, weit weg, dorthin, wo das Bächlein unter schimmerndem Eis kleine Lieder singt.

Es gab auf der Reise sehr viel Erstaunliches zu sehen. Da waren die Telegraphendrähte. Lange Strecken liefen sie neben dem Zug her, oft nur in der Höhe des Fensters, aber das genügte ihnen nicht. Hinauf, hinauf! schienen sie zu schwirren. Und sie fingen an zu steigen – – rascher – rascher! Wohin! wohin? Da – – eine böse lange Stange stand in ihrem Weg und riß sie alle herunter – o so tief! Konnten sie nun nicht mehr fliegen? Nein, manchmal war es ganz aus damit. Sie sanken, sanken, und jede böse Stange machte sie tiefer sinken. Aber streckenweise ging es an tapfern Drähten vorbei. Die flogen jedesmal, wenn der dunkle Schatten sie heruntergezerrt hatte, aufs neue in die Höhe, immer wieder, immer wieder – – bis – – Ja, mit einem Mal waren sie ganz weg, und die Eisenbahn fuhr dicht an einem See vorbei, so dicht, daß man glauben konnte, die Räder liefen im Wasser. Es schimmerten blanke Steine und weiches, bewegliches Gras, und da – ja, da war ein Fisch, ein wirklicher, lebendiger Fisch, der blitzschnell zwischen den Steinen durchfuhr.

Dann mußte man durch einen dunkeln Tunnel fahren. Das war nicht hübsch. Aber nachher …

Das Peterlein saß ganz still, aber es öffnete die Augen weit und trank die Schönheit, die sich vor ihm aufgetan.

Und der Glanz der sonnbeschienenen weißen Berge, die geheimnisdunkle Pracht der Wälder, der Duft und die Freude, die von den blumigen Matten aufstiegen, sanken durch die dürstenden Augen tief auf den Grund seiner stillen, wartenden Seele.