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Unschuld: Ein modernes Mädchenbuch cover

Unschuld: Ein modernes Mädchenbuch

Chapter 15: II.
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About This Book

A collection of linked sketches, short stories, and essays that examine the interior lives of young women as they encounter secret affections, family oversight, and the pressures of urban life. Vignettes portray furtive schoolroom romances, forbidden readings, familial admonitions, and chance city encounters, while embedded fairy tales and conversational pieces probe themes of innocence, coming-of-age, and moral conflict. An introductory address speaks directly to girls, framing the texts as reflections on purity, selfhood, and the struggle to reconcile youthful idealism with worldly experience.

II.

Es war einmal ein alter Mann, der nie mit Menschen sprach. Ja er ging niemals hinaus in Feld und Flur, um zu sehen, ob die Erde ihr grünes Samtkleid oder den weißen Pelz überzogen hatte. Er saß nur immer still in seiner Stube, mit der großen Brille über der Nase und schluckte durch die Augen schwarze Buchstaben.

Die Leute nannten ihn Gelehrten.

Einstmal im Winter sah des Nachbars Kind zwischen den weißen Eisblumen nach dem stillen Haus, wo der alte Mann wohnte. Die Fenster waren von innen vermacht, so daß man nicht hineinsehen konnte. Das thut er wahrscheinlich wie die Vögel bei den Nestern, um sich vor Kälte zu schützen, dachte das Kind.

Aber einstmal schien die Sonne wieder so warm und sagte: guten Morgen, Erde, steh doch auf, erwache doch!

Da streckte sich die Erde, schüttelte die weiße Federdecke und aus allen ihren Falten lächelte frisches Grün hervor. Ei! wie war das schön! Und die Leute gingen wieder ins Freie, die Frauen in bunten Kleidern, so daß man sie für wandelnde Blumen hielt.

Da dachte das Kind: jetzt wird auch das Fenster dort sich öffnen, denn die Sonne sprach schon: Wachet auf! Hatte es der Alte nicht gehört? Es guckte neugierig heute und morgen und übermorgen hinüber, aber immer blieb das Fenster verrammelt.

Da denkt das Kind: er ist wohl krank, daß er nicht der Sonne Ruf verstand. Ich will gehen, ihn zu wecken. Heimlich schlich das Kind sich hinüber an die Thüre, aber niemand sagte: „herein“.

Da öffnete es beherzt.

Drinnen flackerte ein kleines Lämpchen am Tische, wo der Alte saß und Buchstaben aß.

„Guten Tag,“ sagte das Kind. „Erwache doch, lieber Alter, Du schläfst wohl?“

„Wer bist du?“ fragte der Alte mürrisch.

„Ich bin ein Kind und komme dich zu wecken.“

„Warum störst du mich?“

„Ich wollte dich wecken.“

„Du glaubst wohl, daß ich schlafe?“

„Ja.“

„Du irrst dich.“

„Also, was thust du denn, lieber Alter?“

„Ich suche das Leben und kann’s nicht finden.“

„Das Leben,“ jauchzte das Kind.

Und es kletterte über einen Bücherstoß zum vergitterten Fenster hinauf, schob den Vorhang zur Seite und stieß den Flügel auf.

„Aber da ist ja das Leben, da draußen ist’s.“

Die Luft wehte frisch herein, der Klang von Menschenstimmen, Wagenrollen, der Pfiff der Eisenbahnen tönte in den Räumen.

„Da draußen?“ sagte der Alte. „Nicht möglich!“

Das Lämpchen verlosch, erschreckt durch den frischen Luftzug. Und nun sah das Kind, daß der Alte gelb war, wie die Blätter seiner Bücher, und daß seine Haut den Pergamenteinbänden derselben glich.

Der Alte war ja tot und hatte es selbst nicht gewußt.

Huh! Da fürchtete sich das Kind und sprang hinaus, in’s Leben... in’s Leben!!