Viertes Capitel.
Ein schwerer Entschluß.
Am nächsten Morgen wachte Henriette wie gewöhnlich um fünf Uhr auf; aber ihr Gatte hatte sein Lager schon verlassen und als sie angekleidet in die Stube trat, saß er dort – den Brief vor sich, den Kopf in die Hand gestützt, sinnend am Fenster und sah gedankenvoll in den sonnigen Morgen hinaus.
Sie ging leise zu ihm, legte ihren Arm um seine Schulter und sagte herzlich:
»Guten Morgen, Eduard! Grübelst Du noch immer über den bösen Brief? Ach, mir thut's ja auch weh, Schatz, daß Du Deinen Vater verloren hast, wenn ich ihn auch nimmer gekannt habe, und wenn er so weit fort wohnte.«
Benner zog sie nieder zu sich und küßte sie, dann sagte er leise:
»Setz' Dich da her zu mir und lies einmal den Brief.«
»Erst muß ich den Kaffee kochen,« wehrte aber die Frau ab, »denn wenn der kleine Schlingel nachher munter wird, läßt er mir keine Ruh', – komm', lies ihn mir derweil vor.«
Benner seufzte tief auf.
»Willst Du nicht?« fragte sie treuherzig.
»Geh', Kind – thu' Deine Arbeit erst,« sagte der Mann, »wir müssen dann Ruhe haben, um Manches zu bereden.«
Die junge Frau schüttelte mit dem Kopf – sie hatte nie geglaubt, daß ihr Mann so traurig über den Tod eines Vaters sein würde, dem er immer nur Lieblosigkeit und Härte vorgeworfen – aber doch freute sie's. »Er hat ein gutes, braves Herz,« sagte sie bei sich, »und nun der Alte gestorben ist, trauert er um ihn, als ob er den liebsten und besten Verwandten verloren hätte.«
Aber nicht gewohnt, lange über irgend Etwas nachzugrübeln, ging sie rüstig an ihre Arbeit, und während sie den Kaffee kochte, besorgte sie auch das indeß aufgewachte Kind und trat dann mit diesem auf dem Arm, in der rechten das Brett mit dem Frühstück haltend, in's Zimmer zurück.
Er nahm ihr das Kind ab und auf den Schooß, herzte und küßte es und setzte es dann auf den Boden nieder, um erst zu frühstücken. Während dessen wurde auch kein Wort gesprochen, denn die Frau wollte ihn absichtlich in seinen Gedanken nicht stören. Das war ein Schmerz, der eben austoben mußte, und wogegen keine Trostworte halfen. Hatte er seine bestimmte Zeit, so gab er sich von selber, und Sonnenschein kehrte wieder in das Herz des Menschen zurück, so oft auch noch dann und wann flüchtige Wolken vorbeigingen, und ihren Schatten darüber werfen mochten.
»Und nun, Eduard,« sagte sie, als das Frühstück beendet war und Eduard seine Tasse zurückschob, – »laß mich den Brief haben, den ich lesen sollte, denn ich muß nachher gleich wieder an die Arbeit. Heute giebt's viel zu thun – nach dem letzten Regen wächst uns das Unkraut fast über dem Kopf zusammen, und man findet sich nachher gar nicht mehr durch.«
Eduard reichte ihr das Schreiben, ohne ein Wort dabei zu sagen, stand dann auf und ging, während sie las, mit verschränkten Armen und raschen Schritten in dem kleinen Gemach auf und ab.
Henriette studirte ein wenig an dem Brief, denn es dauerte einige Zeit, bis sie sich in die fremde Handschrift hineingefunden hatte, aber es ging doch zuletzt, und nur leise nickte sie manchmal mit dem Kopf oder schüttelte auch wohl, wenn ihr der Inhalt sonderbar erschien.
Eduard unterbrach sie mit keiner Sylbe, aber dann und wann flog sein Blick wie scheu nach ihr herüber, als ob er fürchte, daß sie über irgend etwas erschrecken würde. Der Brief schien jedoch kein solches Gefühl in ihr hervorgerufen zu haben; sie blieb ruhig und unbefangen, und als sie geendet, faltete sie ihn wieder zusammen und sagte herzlich:
»Deine Schwester muß ein recht braves Frauenzimmer sein, Eduard, sie schreibt gar so lieb und gut und meint's auch sicher so. Ich wollt', ich könnt' sie einmal sehen und ihr die Hand drücken. – Das muß ein schwerer Schlag für sie gewesen sein. Ist sie denn verheirathet?«
»Ja.«
»So – und wen hat sie? – Was ist ihr Mann?«
»Ein Graf von Galaz.«
»Ein Graf? Sieh mal an, da ist sie gewiß eine recht vornehme Frau – wer weiß, ob sie da Etwas von mir armem Ding wissen möchte, und es ist vielleicht recht gut, daß wir so weit auseinander wohnen.«
»Und hast Du nicht weiter gelesen, Jettchen?«
»Ei gewiß, Alles bis zum Ende, wo sie schreibt: Deine Dir ewig treue Schwester Alexandrine.«
»Hast Du da nicht gelesen, daß sie mich bittet, der Erbschaft wegen nach Deutschland zu kommen?« sagte Eduard und sah erstaunt zu ihr auf.
»Ei sicher – zweimal schreibt sie's ja sogar, aber was versteht so eine Frau davon; die hat wohl nimmer einen Begriff von der Reise, daß sie da meint, Einer könnte, der paar Thaler wegen, von daheim weg und über's weite Meer hin und zurück. Da kostete ja allein die Reise mehr, wie die ganze Sache vielleicht werth wäre. Laß sie's schicken; der Vater hat ja auch im vorigen Monat eine Erbschaft von 500 baaren Thalern geschickt gekriegt – wenn der deshalb hinüber gegangen wäre, nicht einen Pfennig davon hätt' er wieder mit zurückgebracht.«
»Aber mein liebes Herz,« sagte Benner, »es handelt sich hierbei nicht um ein paar hundert Thaler, sondern um viele Tausende – um ein großes Vermögen, das mein Vater, der bei seinem jähen und unerwarteten Tod ohne Testament gestorben ist, nur seinen beiden Haupterben, mir und meiner Schwester, hinterlassen hat. Mehre Rittergüter sind dabei, viel baares Geld und Silber, liegende Gründe dazu, ein paar Häuser in der Residenz, und Gott weiß, was sonst noch für Dinge, die meine persönliche Gegenwart nicht allein meinet-, sondern auch meiner Schwester wegen dringend nöthig machen.«
»Aber Du denkst doch nicht etwa daran, nach Deutschland zurückzugehen?« sagte Henriette, als ihr plötzlich der erste Gedanke an eine solche Möglichkeit kam, und fast unbewußt und erschreckt setzte sie das Kaffeegeschirr wieder auf den Tisch zurück, das sie eben aufgenommen hatte, um es hinauszutragen.
»Es wird nicht anders zu ordnen sein, mein liebes Kind,« sagte Benner, während er an's Fenster trat und hinaussah. Er mochte in dem Moment seines Weibes Auge nicht begegnen.
»Nicht anders zu ordnen sein, Eduard?« rief aber Henriette, und sie fühlte ordentlich, wie ihr jeder Tropfen Blut zum Herzen zurückströmte, – »und das sagst Du so ruhig und gleichmüthig, als ob es nur eine Trennung von wenigen Tagen wäre?«
»Aber wie kann ich es ändern, Jettchen?« sagte Benner, indem er sich nach ihr umdrehte und selber über das Aussehen der Frau erschrak – »ängstige Dich doch nicht deshalb; all unsere Noth und Sorge und Arbeit hat ja auch jetzt dafür ein Ende, denn wir sind selber damit reich geworden – die Zeit geht ja auch vorüber.«
»Wir waren so glücklich bei der Arbeit, Eduard!«
»Ja, mein liebes Herz, aber wir werden jetzt noch glücklicher werden.«
Die Frau hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und faltete die Hände im Schooße – sie konnte nicht länger stehen, so zitterten ihr die Knie und selbst das Kind achtete sie nicht, das zu ihr hingekrochen war und an ihrem Kleid zupfte.
»Noch glücklicher, Eduard?« sagte sie leise. »Oh, Gott weiß wie ich zu ihm gebetet habe, daß er uns so erhalten möge – noch glücklicher! – wir wollen nicht freveln, daß uns der Himmel nicht dafür straft und uns nimmt, was wir haben.«
»Aber was für trüben Gedanken giebst Du Dich hin, mein Herz,« sagte Benner, – »anstatt daß Du Dich des neuen Glückes freuen solltest, klagst Du, als ob uns ein Unglück betroffen hätte. Ist das recht, oder selbst nur vernünftig?«
»Und droht uns nicht ein Unglück, Eduard?« sagte die Frau weich. »Oh Herr Schrader hat es mir wohl oft gesagt: ein Jahr wird er bei Dir bleiben, vielleicht zwei, dann geht er fort, und Du sitzest mit Deinem Kinde allein in Australien.«
»Schrader ist ein Esel,« sagte Benner ärgerlich, »der alberne Tropf sucht ordentlich was darin, den Leuten Unglück zu prophezeihen, und wenn Einer bei ihm ein Loth Brustthee holt, so zuckt er schon die Achseln und räth ihm, sich sehr in Acht zu nehmen, weil er sichtbare Anlagen zur Schwindsucht hätte.«
Die Frau erwiderte nichts weiter, sie saß still und in einander gebrochen auf ihrem Stuhl und starrte vor sich nieder, und erst als der Kleine zu schreien anfing, weil sich die Mutter gar nicht um ihn kümmern wollte, hob sie ihn zu sich empor und drückte ihn leidenschaftlich an die Brust.
»Sei vernünftig, Jettchen,« sagte da endlich Benner bittend, »überleg' Dir Alles genau – ja, besprich es mit Deinem Vater, und er wird mir selber zugestehen müssen, daß ich nicht anders kann. Ich muß nach Deutschland, denn was hier auf dem Spiele steht, ist zu bedeutend, um es aus Furcht vor einer kurzen Trennung zu gefährden. – Denke Dir auch,« fuhr er nach einer Pause fort, in der ihm Henriette noch immer nichts erwiderte, »wie allein und verlassen meine Schwester jetzt solchen verwickelten Geschäften gegenübersteht. Schon ihretwegen müßte ich hinüber.«
»Ich verstehe das Alles nicht,« sagte die arme Frau kopfschüttelnd, – »ich glaubte, Deine Schwester wäre an einen Grafen verheirathet, und dann steht sie doch nicht allein und verlassen.«
»Aber jener Graf hat doch nichts mit unserer Familienangelegenheit zu thun –«
»Und gehört er nicht mit zu Eurer Familie? – sei mir nicht böse, Eduard,« brach sie aber rasch ab, als sie die tiefe Falte bemerkte, die sich über seine Stirn zog, – »mir ist das Herz so voll und schwer, und der Kopf thut mir so weh, ich weiß kaum noch, was ich rede – Also Du willst wirklich nach Deutschland zurückgehen und Weib und Kind in Australien lassen?«
»Und glaubst Du, daß ich mit leichtem Herzen gehe?« fragte Benner zurück. »Wenn es nicht wäre, daß ich für Euch gerade eine sorgenfreie Zukunft bereiten könnte, ich bliebe wahrlich da. Mir wird der Abschied weh genug thun, sei versichert, Kind, und die ganze Nacht hat mich der Gedanke schon gequält.«
Die Frau schwieg und sah still und sinnend vor sich nieder, endlich flüsterte sie leise: »Wie Gott will!« nahm ihr Kind auf und ging hinaus.
Das war ein trüber und schmerzlicher Tag in der kleinen, sonst so glücklichen Familie, und wenn die Frau auch nicht klagte, oder selbst nur mit einem Wort weiter die beabsichtigte Trennung erwähnte, gab es ihr doch immer einen Stich durch's Herz, sobald der Kleine in wilder Kindeslust aufjubelte und die Mutter umklammerte.
Den Nachmittag ritt Benner in die Stadt. – Er wollte selber mit Henriettens Eltern sprechen, ihnen den Brief zeigen und ihren Rath hören – obgleich er über seinen Entschluß mit sich im Reinen war – aber es würde die Frau beruhigen, wenn die Eltern selber sagten, daß er nach Hause müsse, um Alles in Ordnung zu bringen – in zwölf bis vierzehn Monaten konnte er ja auch recht gut wieder zurück sein.
Zwölf bis vierzehn Monate, Du großer Gott, wie leicht spricht der Mund eine solche Zeit aus, wie rasch verfügt das Menschenherz über einen solchen Zukunftsraum, während ihm doch das Schicksal seiner nächsten Lebensstunde verborgen ist. Aber wir hoffen und harren, bauen Pläne und fassen Entschlüsse, und wenn die vorgesteckte Zeit naht – was ist aus unseren Plänen und Entschlüssen geworden – wo sind wir selber?
Es war eine eigene Berathschlagung in der kleinen Stadt zwischen dem Baron Benner, dem Erben einer halben Million, und den beiden alten Leuten, dem Schuster und seiner Frau. Der Alte saß bei seiner Arbeit, auf dem niederen Schemel, den alten Buschschuh irgend eines derben Bauern unter dem Knieriem, und Ahle und Draht herüber- und hinüberziehend, die Frau selber wirthschaftete dabei in der Stube herum, eine unausweichliche Tasse Kaffee für den lieben Gast und Schwiegersohn herzurichten – aber beide hielten mitten in ihrer Arbeit inne, als Benner ihnen mit kurzen Worten den Inhalt des gestern empfangenen Schreibens mittheilte und ihnen zugleich verkündete, daß er jetzt ein bedeutendes Erbe in Deutschland zu erwarten habe.
»Viele tausend Thaler?« – Die Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und der Schuster schüttelte den seinen still vor sich hin. Er glaubte nie an große Zahlen, und das Ganze kam ihm zu plötzlich und auch zu unwahrscheinlich vor, als daß er sich gleich hätte vollständig hineindenken können. Das Einzige, was ihm klar war, daß der Baron nach Deutschland zurück und seine Frau hier allein lassen wollte, gefiel ihm nicht. – Wenn er nun dort blieb? – Aber die Frau sah weiter – viele Tausend Thaler als Erbschaft, was hätte sich mit denen nicht hier in Australien anfangen lassen, und was für eine vornehme Frau konnte dann ihre Tochter werden. Benner hatte sie im Augenblick auf seiner Seite, und der Alte gab auch endlich nach. Was konnte er auch dagegen machen, wenn sein Schwiegersohn ihm sagte, daß er hinüber müsse, aber recht war's ihm noch immer nicht, und er vergaß ganz Ahle und Draht, schob sich sein schwarzes, fettiges Käppchen auf's eine Ohr und kratzte sich in tiefen Gedanken den Kopf.
Das Resultat der Berathung gestaltete sich denn auch so, wie es Benner vorhergesehen. Die Eltern erklärten sich einverstanden mit der Reise, und ihr Schwiegersohn mußte ihnen nur versprechen, keine Zeit daheim zu versäumen, sondern so rasch als irgend möglich wieder zurückzukehren, schon der Leute wegen, die sicher genug ihre boshaften Bemerkungen darüber nicht unterließen und die arme junge Frau zu sehr gekränkt hätten.
Noch etwas Anderes blieb für ihn in Tanunda zu ordnen, – er brauchte nämlich Reisegeld und wollte seinen Schwiegervater nicht darum bitten; aber Becher war augenblicklich bereit, ihm dasselbe vorzuschießen. Er betrachtete es gewissermaßen als Consulatssache, denn der Brief, der die Erbschaft anzeigte, war durch ihn gekommen, und er versicherte Benner, er würde es ihm übel genommen haben, wenn er sich in dieser Sache an irgend Jemand Anderen gewandt hätte. In einer halben Stunde war Alles geordnet, und zufällig lag auch gerade ein fast segelfertiges englisches Schiff in Port Adelaide, das nur noch Wasser einnehmen mußte, und spätestens übermorgen früh mit der einsetzenden Ebbe auslief. Wenn er mitgehen wollte, mußte er morgen Nacht schon jedenfalls an Bord sein.
Benner ritt in einer eigenthümlich aufgeregten Stimmung nach Hause zurück und sonderbarer Weise war es in diesem Augenblick weniger der Abschied von Frau und Kind, an den er dachte, sondern mehr noch, weit mehr die Aussicht, bald, in wenigen Monden schon, wieder die alte Stätte seiner Jugend zu betreten, die er nie geglaubt hatte wiederzusehen, – noch einmal den Kreis der Freunde aufzusuchen und in ihrer Mitte zu verkehren. Auch die Sehnsucht nach der Schwester beschäftigte ihn, und so ganz füllten diese Bilder seine Gedanken, daß er plötzlich und unerwartet vor seinem eigenen Hause hielt und gar nicht wußte, wie er diesmal so rasch dorthin gekommen.
Und morgen Abend schon wollte er fort? Die Frau wurde leichenblaß, als er es ihr sagte, aber sie erwiderte kein Wort; nur fester drückte sie das Kind an ihre Brust und ging dann schweigend an ihre Arbeit, um dem Gatten Alles herzurichten, was er zu seiner langen Reise brauchte.
Was aus ihr selber in der Zeit wurde? – sie dachte nicht einmal daran; nur bei ihm waren ihre Gedanken, nur bei ihrem Kinde und dem Schmerz der Trennung, und doch that sie sich Gewalt an, daß sie es Eduard nicht merken ließ – hätt' es ihm selber ja doch den Abschied schwerer gemacht, und er konnte es ja nicht mehr ändern – er mußte fort.
Den Abend verbrachten sie zusammen in ihrem Gärtchen und ihr Gatte theilte ihr jetzt mit, daß er sein kleines Grundstück für die Zeit seiner Abwesenheit und um den halben Ertrag an einen jungen Bauerssohn, den er bei Becher traf, verpachtet habe. Sie selber sollte indessen zu ihren Eltern ziehen, bis er zurückkäme. Mit der ersten Post schon versprach er ihr aber Geld zu senden, daß sie sich ein eigenes kleines Quartier miethen und ihre Wirthschaft führen könne. Mit der zweiten Post folgte er dann vielleicht schon selber nach.
Morgens kam der Vater noch heraus, um Manches zu bereden und der Tochter Sachen auf seinem Wagen mit nach Tanunda zu nehmen – gegen Abend sollte ihn die kleine Familie dorthin begleiten und Abends um neun Uhr fuhr die Post ab, mit der er nach Adelaide gehen konnte und dann zur rechten Zeit im Hafen eintraf.
Das war ein schwerer, recht schwerer Tag für die arme Frau, und sie ging wirklich wie in einem Traum herum. Sie that Alles was nöthig war, aber willenlos, maschinenartig, und wäre am liebsten mit ihrem Kind in einen Winkel gekrochen, um sich nur einmal – nur ein einziges Mal recht herzlich auszuweinen. Aber das ging nicht, sie mußte Stand halten; ihr Eduard wäre ihr ja sonst vielleicht noch am letzten Tag böse geworden. Auch konnte sie sich keine Minute mehr von den wenigen Stunden, die sie noch beisammen bleiben sollten, von ihm trennen.
So fuhren sie zusammen nach Tanunda, und so langsam ihr sonst die Stunden manchmal hingegangen, so rasch, so entsetzlich rasch flog der heutige Tag an ihr vorüber. Es war Abend geworden, sie wußte selbst nicht wie, und der Zeiger auf der alten, im Zimmer ihrer Mutter hängenden Schwarzwälder Uhr lief ordentlich von Zahl zu Zahl.
Um neun Uhr ging die Post. Das Gepäck war schon Alles aufgegeben. Vor acht Uhr schon hatte die Mutter noch einmal den Tisch gedeckt, zum letzten Abendbrod, und Henriette saß neben dem Gatten, das Kind auf dem Schooß, den Kopf an seine Schulter geschmiegt, und zuckte nur immer zusammen, wenn die Uhr wieder zum Schlagen aushob. – Und jetzt sollten sie essen? – Oh, wie hätte sie einen Bissen über die Lippen bringen können.
Die Mutter hatte Rouladen gebraten. Eduard aß sie gern – Du lieber Gott, er wollte sich nicht einmal mit zum Tisch setzen, so weh war ihm zu Muthe, und als er endlich dem dringenden Nöthigen der Frau nachgab, quoll ihm der Bissen im Munde.
Und es schlug halb – es schlug drei Viertel auf Neun – er rückte mit dem Stuhl.
»Du gehst in zwei Minuten zu der Post hinüber,« flüsterte ihm die Frau zu und schmiegte sich ängstlich an ihn an. »Sie fahren ja nicht ohne Dich fort.«
»Mein liebes, liebes Weib!«
»Und willst Du recht viel an uns denken, Eduard, – an mich und Dein Kind?«
»Tag und Nacht – Tag und Nacht, Lieb.«
»Und nicht gar so lange fortbleiben?«
»So rasch ich möglicherweise kann, kehr' ich zurück. – Sorge Dich nur nicht um mich – wie bald ist ja der Weg zurückgelegt.«
»Wie bald? Oh, mein Himmel, und fünf Monat hin und fünf Monat zurück nennst Du bald – mir werden es eben so viele Jahre werden.«
»Meine liebe, liebe Henriette!« – und sie hielten sich fest und lange umschlungen.
»Kinder, es wird Zeit – es ist in zwei Minuten neun Uhr,« sagte da der Alte. »Eduard, mit Gott! Machen Sie, daß Sie fortkommen, wir wollen indessen schon auf die Kinder Achtung geben.«
Fester klammerte sich die Frau an ihn an. Der Augenblick war gekommen, vor dem sie so lange gebebt, und erst jetzt erfaßte sie die Angst, das bittere Weh des Scheidens.
»Leb' wohl, mein Herz – sei stark; ich kehre ja bald zu Dir zurück.«
»Küsse noch einmal unser Kind,« flüsterte sie, – »der kleine Bursch ist eingeschlafen; er ahnt ja nicht, daß er den Vater verlieren soll.«
»Er verliert ihn nicht, Herz,« sagte Eduard, indem er sich über das Kind bog und es küßte, während ein paar heiße Thränen auf seine Locken fielen – »und nun leb' wohl!« rief er, sich rasch und entschlossen aufrichtend, – »bleibt hier – geht nicht mit zur Post – macht mir den Abschied nicht schwerer, als er schon ist – Gott schütze Dich, mein süßes, süßes Lieb – Dich und das Kind – leb' wohl – leb' wohl!«
Noch einmal preßten seine Lippen in glühendem Kuß die ihrigen – noch einmal drückte er Vater und Mutter die Hand – draußen in der anderen Straße blies der Postillon, ein Engländer, aber mit den so oft gehörten Melodien längst vertraut, das alte Volkslied: »Muß i denn, muß i denn, zum Städtle 'naus,« – Henriette warf ihre Arme um seinen Nacken und hielt ihn fest und innig umschlungen. – Die erbarmungslose Uhr schlug neun, es war die Abschiedsstunde, und ihr Antlitz in den Händen bergend, sank sie neben dem Sopha, auf dem ihr Kind schlief, in die Knie. – Sie hörte, wie die Thür geöffnet wurde und sich schloß – sie hörte rasche Schritte draußen – dann war Alles still, und das Einzige, was ihr blieb, das Gefühl ihres Jammers – ihres Verlassenseins.
Fünftes Capitel.
Nach Deutschland zurück.
Im Hause der Gräfin Galaz herrschte heute ein geschäftiges Treiben – Zimmer wurden hergerichtet und mit Blumen geschmückt, Boten nach verschiedenen Seiten ausgesandt, und die Gräfin selber befand sich in lebhafter, aber jedenfalls freudiger Aufregung.
Die Gräfin Alexandrine, die Schwester des jungen Eduard von Benner und etwa vier oder fünf Jahr älter als ihr Bruder, war eine jener Erscheinungen, die man, obgleich man sie keine blendende Schönheit nennen konnte, auf den ersten Blick liebgewinnen mußte, eine so ruhige Sanftmuth, eine so Herzen erobernde Freundlichkeit war über ihre Züge ausgegossen, und auf wem auch immer das blaue Auge ruhte, er fühlte dessen Zauber und konnte ihm nicht widerstehen.
So hatte sie ihrem Gatten das Haus zu einem Paradiese umgeschaffen; so war sie die Wohlthäterin und der Schutzgeist aller benachbarten Armen geworden und selbst die Dienerschaft betete sie an und suchte ihr Alles an den Augen abzulesen.
Die Gräfin Alexandrine hatte zwei Kinder – eine Tochter von elf und einen Knaben von fünf Jahren, und lebte mit diesem und ihrem Gatten still und zurückgezogen auf Schloß Galaz. Sie liebte das wilde Treiben der Residenz nicht, und der Graf selber jagte viel lieber in seinen Wäldern und fischte in seinen Seeen, als daß er sich der steifen Etikette des Hofes fügte. Manchmal freilich konnte er sich ihr nicht ganz entziehen, und auch gerade jetzt war er schon wieder seit mehren Tagen dorthin befohlen worden, um an einigen Hofjagden Theil zu nehmen, und gerade jetzt vermißte ihn die Gräfin so schmerzlich, da sie ihren Bruder zurückerwartete, der schon vor mehren Tagen in der Residenz eingetroffen sein mußte und sie trotzdem noch nicht aufgesucht hatte. Heute Morgen aber war ein Brief von ihm angelangt, heute kam er gewiß und eine eigene Unruhe hatte die sonst so stille und ruhige Frau erfaßt, die sie in keinem Zimmer rasten ließ und immer wieder hinaus auf den Söller trieb, um nach ihm auszuschauen.
Endlich – endlich wirbelte weit auf der Straße draußen der Staub auf, und die Töne eines munteren Hornes schallten herüber – es war eine Extrapost. Alexandrine winkte draußen auf dem Balcon mit ihrem Taschentuch – das Zeichen wurde erwidert, und wenige Minuten später rasselte der Wagen in den Hof, und die lange getrennten Geschwister lagen sich in den Armen.
»Mein lieber, lieber Eduard,« sagte die Schwester, als sie endlich oben mit ihm auf ihrem Zimmer saß, seine Hand in der ihren hielt und ihm in die Augen sah, – »oh, Gott sei Dank, daß wir Dich wieder haben aus der weiten fremden Welt – daß Du früher zurückgekommen wärst,« setzte sie leise und wehmüthig hinzu.
»Und der Vater ist im Zorn gegen mich geschieden?« sagte Eduard scheu.
»Nein – nein,« rief Alexandrine rasch, »gerade in der letzten Zeit sprach er oft von Dir und bereute, daß er vielleicht zu hart gegen Dich gewesen. – Ich würde auch schon früher an Dich geschrieben haben, aber wir hatten keine Ahnung, in welchem Welttheil selbst Du Dich befändest, und erst nach des Vaters Tod erzählte ein in der Residenz weilender Fremder, daß er einen Eduard von Benner in Süd-Australien getroffen habe. Nur auf das unbestimmte Gerücht hin schickte ich Dir den Brief. – Böser, böser Bruder, daß Du nicht einmal mir, Deiner Alexandrine, ein Lebenszeichen geben konntest, und daß fremde Menschen es mir bringen mußten.«
»Meine theure Schwester!«
»Wie wir uns hier nach Dir gesehnt, in jener Schreckenszeit – aber jetzt bist Du ja wieder da – bist wieder bei uns und gehst nie und nimmer wieder fort.«
»Meine gute Alexandrine.«
»Und wie braun und sonnverbrannt Du geworden bist – fast wie ein Indianer und was für harte Hände Du bekommen – oh, Du hast gewiß schwere und böse Arbeit thun müssen, Du störrischer, trotziger Mensch Du!«
»Schwere Arbeit in der That.«
»Und so allein hast Du indessen unter den fremden kalten Menschen leben können, mit Niemandem der Dich liebte und für Dich sorgte – das besonders hat mir das Herz so schwer gemacht, und wie oft sind mir, wenn ich an Dich dachte, die Thränen in die Augen gekommen! Oh, es muß schrecklich da draußen sein – ganz schrecklich – mag die Natur auch in allen ihren Reizen prangen.«
Eduard schwieg und sah scheu und seufzend vor sich nieder, denn er wagte nicht der Schwester zu gestehen, daß er verheirathet sei – mit wem er sich verheirathet habe – wenigstens jetzt noch nicht. Er mußte erst selber ruhiger und gefaßter sein – mußte sie ruhiger finden, um dann mit ihr seinen künftigen Lebensplan zu überlegen.
»Und doch wäre ich kaum so rasch nach Deutschland zurückgekommen,« sagte er endlich, »wenn Du in Deinem Brief nicht gar so dringend darauf bestanden und mir geschrieben hättest, daß meine Gegenwart hier unumgänglich nöthig sei.«
»Verzeih' mir die kleine List,« lächelte da herzlich Alexandrine, »meine Liebe zu Dir dictirte den Brief, und ich mußte Dich wieder hier, wieder bei uns haben. Die Geldangelegenheit, Du lieber Gott, das hätten wir auch ohne Dich arrangiren können, und haben es in der That schon gethan, denn mein Mann hat die ganze Sache, und wie Du Dich fest darauf verlassen kannst, Dein Interesse besonders dabei wahrend, geordnet.«
»So war es nicht nöthig?«
»Und reut es Dich, daß Du gekommen bist, Eduard?« sagte sie mit leisem Vorwurf in dem Ton.
»Nein – nein, Alexandrine!« rief er herzlich, sie an sich pressend – »wie kannst Du das glauben! – Wüßtest Du nur, wie oft ich selber mich nach Euch gesehnt!«
»Oh, wie gern glaub' ich Dir das, Eduard,« erwiderte sie, seine Hand drückend, – »armer, armer Wanderer, der, so weit in die Welt hinausgeschleudert, Alles zurücklassen mußte, was ihm lieb und theuer war, und nichts dafür wiederfand, als fremde, gleichgültige Menschen. – Aber jetzt, Gott sei Dank, ist das anders,« setzte sie rasch und lebhaft hinzu, als sie sah, wie sich ein Ausdruck von Schmerz über seine Züge stahl, dem sie freilich eine ganz andere Deutung gab, »jetzt bleibst Du bei uns! Du bist älter und vernünftiger geworden, Du hast Welt und Menschen kennen, Du hast an einer bestimmten Thätigkeit Freude gewinnen lernen, und hier, in unserer Mitte, wird Dich ein ganz besonderer Eifer treiben, das, was Du draußen erfahren, bei uns zu verwerthen. Unsere Güter liegen nicht so weit von einander entfernt, Bennerberg, unsere Geburtsstätte, wirst Du Dir gewiß zum Wohnsitz wählen, Dein Herz hing ja immer an dem alten Ort; dann nimmst Du Dir ein Weib, und Du wirst sehen, daß auch die Heimath ihre Vorzüge hat, ja, daß sie von keinem anderen Land der Erde übertroffen werden kann.«
»Glaube auch ja nicht,« fuhr sie rasch und gesprächig fort, als sie sah, wie sich ein wehmüthiger Zug um seine Lippen stahl, »daß es uns hier, auf dem Lande, an einem geselligen Leben fehlt – wir halten vorzügliche Nachbarschaft. Da ist Graf Sponneck, – Du mußt Dich ja auf den alten, etwas stolzen Herrn noch besinnen, mit einer ganz liebenswürdigen Familie und zwei reizenden Töchtern – da ist Baron Bromfels, der auf Bromfels lebt, da ist der alte Comthur Benthausen, der jetzt, zu seinen Enkeln gezogen, ordentlich wieder aufzuleben scheint, da sind noch eine Menge prächtige Familien, alle zu den besten des Landes zählend, die Dich mit offenen Armen empfangen werden.«
»Ich bin dieser Gesellschaft so entwöhnt,« sagte Eduard verlegen.
»Du wirst Dich rasch wieder hineingewöhnen,« lächelte seine Schwester, »an Deinem Aeußeren sieht Dir auch wahrlich Niemand an, daß Du die vielen Jahre in der Wildniß gelebt hast – oh, Eduard, wie froh ich bin, daß Du nur wieder da bist, und Du böser, häßlicher Bruder konntest drei volle Tage in der Residenz bleiben, ohne zu mir zu eilen. Nicht eine Stunde hätte ich es dort ausgehalten, wenn ich an Deiner Stelle gewesen wäre.«
»Liebes Kind,« sagte Eduard lächelnd, »ich glaube, Du würdest noch längere Zeit gebraucht haben, wenn Du so ausgesehen hättest, wie ich. Bedenke, daß ich aus Australien, daß ich aus dem Busch kam und der kurzen Zeit nothwendig bedurfte, um mich nur wieder anständig kleiden zu können. Ich war vollkommen abgerissen und muß Dir noch besonders danken, daß Du mir in Deinem letzten Brief den Namen Deines Banquiers aufgegeben.«
»Armer Bruder – so hast Du vielleicht gar Noth gelitten, während wir hier im Ueberfluß geschwelgt.«
»Laß das, mein Herz,« sagte Eduard, »was ich gelitten, war eine nur zu gerechte Strafe für begangenen Leichtsinn. Wollte Gott,« setzte er mit einem Seufzer leise hinzu, »daß ich damit mein vergangenes Leben abschließen könnte.«
»Das ist geschehen,« rief die Schwester herzlich, indem sie ihn umarmte, »kein Wort des Vorwurfs von unserer Seite soll Dich je verletzen, Eduard, – kein Blick, kein Gedanke Dich kränken. Du bist wieder der Unsere, und daß Du es bleiben wirst, dafür bürgt mir Deine Liebe zu uns. Aber da kommen die Kinder, die sich lange schon auf Dich gefreut – jetzt scheuch' die Wolken von Deiner Stirn; das junge Völkchen darf Dich nicht traurig sehen, und heute Abend kehrt auch mein Mann zurück – oh, daß Du endlich, endlich wieder bei uns bist.«
Von diesem Augenblick an wurde dem wieder Heimgekehrten nicht mehr viel Zeit zum Ueberlegen gelassen, denn jede Stunde brachte Neues, brachte eine frische Erinnerung aus der Jugend, und als Graf Galaz endlich zurückkehrte, begrüßte er den wiedergewonnenen Schwager mit solcher Herzlichkeit, daß sich dieser nicht anders als heimisch in seinem Hause fühlen konnte.
Eduard ging in dieser ersten Zeit wie in einem Traum umher, nur immer mit der Furcht, daß er erwachen könne. Und er hatte sein Weib und Kind daheim vergessen? – Nein! Aber dies ganze wunderbare Leben, das ja seine Jugendzeit ausgefüllt, und von dem er schon für immer – Gott weiß es, wie schweren – Abschied genommen, übte einen solchen Zauber auf ihn aus, daß er sich dem Genuß desselben auch mit vollen, dürstenden Zügen hingab, und gewaltsam Alles aus seiner Seele, aus seiner Erinnerung bannte, was ihm diese Stunden hätte trüben oder stören können.
Dazu kam noch, daß er gleich in den ersten Tagen eine Beschäftigung fand, wie sie seiner ganzen Erziehung angemessen war. Er mußte die jetzt ihm gehörenden Güter und Grundstücke revidiren, und wieder im Sattel auf einem Vollbluthengst, mit einem Reitknecht hinter sich und an Graf Galaz' Seite, durchritt er die fruchtbaren Fluren und besuchte die alten lieben Plätze seiner Jugend, die jetzt sein Eigenthum geworden, seine Heimath aufs Neue bilden sollten.
Wieder und wieder tauchte dabei der Gedanke an sein Weib in ihm auf, aber wie war es möglich, sie in diesen Rahmen zu fassen – und wären außerdem die Eltern in Australien geblieben, wenn ihre Tochter nach Deutschland zurückging und ein Schloß bezog?
»Was fehlt Dir, Eduard, Du bist so nachdenkend geworden,« sagte der neben ihm reitende Graf, der ihn schon eine Weile schweigend beobachtet hatte.
»Oh, nichts – nichts, Rudolph,« erwiderte sein Gefährte, indem er aber doch leicht erröthete, »nur der Uebergang von so verschiedenen Lebensbahnen war ein wenig zu rasch, zu jäh; kein Wunder, daß ich mich noch nicht so in Alles finden kann, was mich hier umgiebt, daß es mir ungewohnt, fremd vorkommt.«
»Gewiß, gewiß,« nickte ihm sein Schwager zu, – »aber an das Bessere gewöhnt man sich leicht wieder, und Du sollst einmal sehen, Eduard, wie rasch Du Dich in das Alles hineinleben wirst. In drei, vier Monaten schon wird Dir Deine überseeische Expedition wie ein Traum vorkommen, aus dem Du glücklicher Weise zu einer behaglichen und erfreulichen Wirklichkeit erwacht bist. Schüttle deshalb die trüben Gedanken ab, Kamerad, sie taugen nichts für den sonnigen Tag und besonders nicht für die freundlichen Augen, die uns dort entgegenwinken.«
»Dort? – wo?« sagte Eduard überrascht.
»Der Park hier,« sagte der Graf, »gehört dem alten Comthur Benthausen, der da bei seinen Enkelkindern lebt, und eine liebenswürdigere Familie möchtest Du kaum auf der ganzen weiten Welt finden, als diese hier. Wir dürfen nicht vorbeireiten, denn der alte Herr würde es mir nie vergeben, wenn ich Dich nicht zu ihm gebracht hätte. Wir haben die letzten Monde viel von Dir gesprochen.«
»Aber kommen wir ihnen jetzt gelegen?«
»Denen? Immer, und wenn es Morgens um acht Uhr wäre, denn dann träfen wir die Damen schon auf ihrem Morgenspaziergang im Park – halt, hier rechts – wir reiten hier gleich durch die kleine Pforte.«
Einer der Reitknechte war schon abgesprungen, um das schmale, eiserne Thor zu öffnen, das fast versteckt unter dichten Festons von Epheu und wildem Wein lag, und gleich darauf tauchten sie in den kühlen Schatten eines herrlichen Parkes ein, der mit reizenden Gruppen mächtiger Buchen, Eichen, Tannen, Kiefern und Birken, mit üppigen Grasflächen und von murmelnden Bächen durchschnittenen Gebüschen wechselte.
Auch die schmalen Kieswege waren vortrefflich gehalten und bald, auf einem von diesen hintrabend, erreichten sie das von Blüthenbüschen umgebene Herrenhaus, reich im englischen Styl gebaut, das wie ein kleines Feenschloß hier mitten in dem künstlichen Wald lag und durch seine Staffage noch mehr Feenhaftes erhielt.
Die Familie war gerade bei ihrem Frühstück auf einer Terrasse vor dem Hause; die Damen in leichter Morgentoilette, die Herren in weißen Röcken und Strohhüten; die Terrasse selber wurde von dem Park durch ein offenes gewölbtes, mit rankenden Rosen und Passionsblumen bewachsenes Spalier abgeschlossen, das die kleine dahinter befindliche Gesellschaft wie in dem lebendigen Rahmen eines Bildes zeigte – dazu die aufwartenden Diener in Livree und davor ein paar zahme Stück Wild, die wahrscheinlich gewohnt waren, ihr Frühstück aus den Händen ihrer schönen Pflegerinnen zu erhalten. Eduard zügelte unwillkürlich sein Pferd ein, um den zauberisch lieblichen Anblick noch länger zu genießen, und Graf Galaz hielt an seiner Seite und nickte ihm lächelnd zu.
»Nicht wahr, unser Deutschland ist doch schön?« sagte er freundlich; »ein lieblicheres Bild, als das da vor uns, läßt sich nicht denken, und wenn Du die Menschen erst kennen lernst, wirst Du Dich gar nicht mehr von unserer Gegend trennen wollen.«
Ein Windspiel, das auf der Terrassentreppe lag und bis jetzt mit seinen klugen Augen das dicht zu ihm hinangekommene Wild beobachtet hatte, spitzte plötzlich die Ohren und schlug an. Es hatte die fremden Pferde bemerkt, und der alte Herr am Tisch nahm rasch sein neben ihm liegendes Doppelglas heraus und sah hindurch.
»Galaz!« rief er fröhlich aus, als er den Freund erkannte, – »heran Mann, Ihr kommt gerade zur rechten Zeit – heran mit Euch, heran!«
Die beiden Reiter sprengten, der freundlichen Einladung folgend, etwas weiter vor, saßen dann ab und gaben den aus den Sätteln springenden Reitknechten die Zügel, während die ganze Gesellschaft, um sie zu begrüßen, ihnen entgegenkam. Und wie herzlich wurden sie von den lieben Menschen aufgenommen.
Also das war der Australier, von dem man so viel in der letzten Zeit gesprochen – und wie braun er auch aussah – dem hatte die Sonne den Teint schön verbrannt. »Und wie viel und schön der erzählen könnte, wenn er wollte,« flüsterten sich die jungen Damen zu und errötheten tief, als sie daran dachten, daß er die Worte vielleicht gehört haben könnte.
Die Herren mußten mit Theil am Frühstück nehmen, und Eduard kam neben die älteste Enkelin des alten Comthurs, die Baronesse Hedwig, zu sitzen, ein liebes, herziges Kind von vielleicht neunzehn Jahren, heiter und aufgeweckt dabei, nicht selten mit einem Anflug von neckischem Humor und doch so hold und sittsam und von unbeschreiblichem Liebreiz.
»Und wissen Sie, daß wir uns schon recht um Sie geängstigt haben,« sagte sie mit offener und natürlicher Herzlichkeit, »als uns Gräfin Alexandrine mittheilte, daß sie an Sie geschrieben hätte und immer kein Brief, keine Antwort kommen wollte.«
»Der Weg ist so entsetzlich weit, mein gnädiges Fräulein,« erwiderte der junge Mann, ordentlich verlegen dem holden Wesen gegenüber, »und den ersten Brief, den ich möglicher Weise senden konnte, brachte ich selber mit nach Europa.«
»Das ist allerdings die sicherste Beförderung,« lächelte Hedwig, »wenn auch nicht immer die bequemste. Wie man aber nur so weit von zu Hause weggehen kann, begreif' ich nicht; mir thut das Herz schon weh, wenn ich nur einmal auf drei Tage von daheim fort bin.«
»Aber jetzt bleibt der junge Herr bei uns? nicht wahr?« rief der alte Comthur über den Tisch herüber. »Das weiß der liebe Gott, was jetzt in die Leute gefahren ist,« setzte er dann, zu Galaz gewandt und ohne Eduards Antwort abzuwarten, hinzu, »aber alle Welt läuft nach Amerika, und wen hier irgend der Schuh wo drückt, der packt seinen Koffer einfach und setzt sich in der liebenswürdigen Absicht auf ein Schiff, da drüben in Amerika Bäume auszureißen und ein reicher Mann zu werden. Denken Sie sich, Galaz, heute Morgen bekomme ich einen Brief von meinem Schwager, dem General. Sein Junge ist auch fort, der Fritz, – ein tüchtiger, wackerer Kerl sonst, mit Kopf und Herz auf dem rechten Fleck, – aber was thut er? – vergaffte sich da in ein armes Mädel, eine Schneiderin oder Wäscherin, Gott weiß was, und wie der General natürlich seine Zustimmung nicht geben will, hat er nichts Eiligeres zu thun, als mit ihr auf ein Schiff und nach Amerika zu gehen.«
»Der Fritz?« rief Graf Galaz erstaunt, »es ist doch kaum möglich – ein Aristokrat von ächtem Fleisch und Blut zwischen die Yankees – er kann sich dort nicht wohl und heimisch fühlen.«
Der alte Herr zuckte die Achseln – »er wird müssen,« sagte er, »denn er würde es mit einer solchen Mesalliance hier ebenfalls nicht gekonnt haben.«
»Aber lieber Freund,« sagte Galaz, »Mesalliancen sind jetzt ordentlich Mode geworden, und altadliche Geschlechter ohne Capital verbessern leider nur zu häufig ihre Umstände durch eine reiche Banquiers- oder Kaufmannstochter.«
»Leider, leider,« nickte der Comthur, »aber sie bekommen dann doch meistens Frauen, die schon in der Welt gelebt haben, und mit denen sie sich können sehen lassen. Eine elegante Erscheinung und die nöthige Tournüre übertüncht Manches – aber eine Näherin und ohne einen Heller Vermögen –«
»Es ist die alte Geschichte,« sagte Galaz, »eine Hütte und ihr Herz – das verwünschte Romanlesen steckt dem jungen Volk zu sehr in den Köpfen, und sie bedenken nicht, daß die Romane immer gerade da aufhören, wo ihr Leben anfangen soll –«
»Da haben Sie Recht, Herr Graf,« rief die muntere Hedwig, »das ist auch das Einzige, was ich so oft an den Romanen bedaure, daß der Autor Alles für abgemacht hält, sobald sich die Liebesleute bekommen haben, und da fängt ja doch das Interesse erst an. In einen Brautstand können wir uns Alle hineindenken, in einen Ehestand nicht – besonders wenn er nach solchen entsetzlichen Schwierigkeiten und mit so verschiedenen Elementen geschlossen wird, wie das in Romanen fast immer der Fall ist.«
»Sieh, sieh, meine kleine Hedwig,« lächelte Galaz, »ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so neugierig wären.«
»Wir sind Alle neugierig, nicht wahr, Großpapa?« rief Hedwig, »und so möchte ich um's Leben gern wissen, was für Abenteuer und Fährnisse mein schweigsamer Nachbar in dem schrecklichen Australien erlebt hat – und was es dort für Damen und Toiletten giebt, aber er erzählt mir gar nichts,« setzte sie mit komischem Bedauern hinzu.
Eduard fühlte wie roth er wurde, – »mein schweigsamer Nachbar,« – Du lieber Gott, wo hatte seine Erinnerung in dem Augenblicke geweilt, und wie schmerzlich ihn selber das Gespräch berührt, wenn auch Keiner der Anwesenden den wahren Grund vermuthen konnte.
»Aber die australischen Damen, mein Herz,« sagte der Großvater, »machen, so viel ich weiß, gar keine Toilette, und Herr von Benner wird sich auch wohl nicht um die bekümmert haben.«
»Sie machen mir meinen jungen Freund ganz verlegen,« lachte Graf Galaz, »übrigens muß ich Ihnen bestätigen, mein gnädiges Fräulein, daß es in der That außerordentlich schwer hält, ihn zum Erzählen zu bringen; indirect hab' ich es wenigstens schon verschiedene Male umsonst versucht.«
»Man glaubt gewöhnlich,« sagte Eduard, der seine Befangenheit gewaltsam abschüttelte, »daß Jemand, der ein fremdes Land besucht, auch immer viel Abenteuerliches müsse zu berichten haben, und wie viel Tausende wandern aus, ohne nach Jahre langem Aufenthalt, selbst in einer fremden Welt, mehr oder Merkwürdigeres erlebt zu haben, als was sie auch erlebt hätten, wenn sie daheim geblieben wären. Ich bin Einer von diesen Unglücklichen, die dazu verurtheilt bleiben, ihren alltäglichen Lebensgang fortzusetzen, wo sie sich auch befinden, und wenn ich ein Abenteuer erzählen wollte, müßte ich eins erfinden.«
»Aber mein bester Herr von Benner,« sagte Hedwig, »glauben Sie nicht, daß wir die Erzählung irgend eines haarsträubenden Abenteuers erwartet haben; im Gegentheil, die schenk' ich einem Jeden, denn es ist das eine Aufreizung der Nerven, die viel mehr angreift, als erquickt, – nein, irgend ein friedliches ethnographisches Bild jenes wilden Landes, die Beschreibung irgend einer dortigen Häuslichkeit, am liebsten Ihrer eigenen, würde für mich von weit größerem Interesse sein.«
»Mein gnädiges Fräulein –«
»Aber Kinder,« kam der alte Comthur hier dem jungen Mann zu Hülfe, »wie könnt Ihr nur erwarten, daß Benner sich hier zu Euch zum ersten Mal zum Frühstück niedersetzen und dann augenblicklich anfangen soll, zu erzählen. Das geht ja doch auf keinen Fall und ist gegen Menschennatur. Wollt Ihr von Jemandem etwas erzählt haben, so erzählt ihm selber erst etwas, nachher thaut er auf und Ihr bringt ihn in Gang. So vom Platz weg geht das nicht, wie bei einer Spieluhr, die man nur aufzuziehen braucht. Benner bleibt jetzt jedenfalls in unserer Nachbarschaft und wird uns, wie ich sicher hoffe, öfter besuchen. Dann benutzt Eure Zeit, und wenn Ihr es geschickt anfangt, zweifle ich keinen Augenblick, Ihr werdet Alles aus ihm herausbekommen.«
»Wenn ich nicht fürchten muß den Damen lästig zu fallen, mach' ich gewiß von dieser freundlichen Einladung Gebrauch,« sagte Eduard.
»Lästig fallen,« rief aber der Comthur – »man sollte wahrhaftig glauben, er hätte Deutschland keinen Augenblick verlassen, so geläufig sind ihm noch die faden, nichts meinenden Höflichkeitsformeln – lästig fallen, junger Freund – ein Australier und lästig fallen – da sehen Sie sich einmal die Gesichter der Damen an.«
Das Gespräch wurde jetzt allgemein, aber Eduard fand überall so viel Herzlichkeit, so viel freundliches und unbefangenes Entgegenkommen, daß er auch selber mehr aus sich herausging. Im Anfang war ihm das Gefühl gekommen, als ob er nicht in diesen Kreis gehöre, als ob er ein Eindringling sei in diese Cirkel, wenn ihn auch seine Geburt zu dem Verkehr mit ihnen berechtigte – aber das verschwand. Die dunkle Wolke, die auf seinem Leben lag, lichtete sich mehr und mehr in dem auf ihn einwirkenden Sonnenschein dieses geselligen Kreises; er plauderte und erzählte, und als er endlich, um seinen Weg mit dem Schwager fortzusetzen, Abschied von dem alten Herrn und den Damen nahm, gelobte er ihnen mit Hand und Mund, seinen Besuch recht bald zu wiederholen.
Sechstes Capitel.
In der Heimath.
Eduard von Benner befand sich, so lange er in dem Kreis dieser liebenswürdigen Familie weilte, in einer Art von künstlich hervorgerufener Erregung, die ihn der Vergangenheit wie Zukunft entrückte und seine Augen nur an der erfreulichen Gegenwart schwelgen ließ. Er hatte mit Hedwig und den anderen jungen Mädchen gelacht und ihnen eine Menge Dinge von den australischen Wunderlichkeiten erzählt, von den sonderbaren Eingeborenen, von dem fremdartigen Baum- und Pflanzenwuchs, von den ganzen Eigenthümlichkeiten des Landes, dem die kleine Gesellschaft mit der gespanntesten Aufmerksamkeit lauschte.
Jetzt war der Zauber von ihm genommen. Er ritt wieder mit seinem Schwager den breiten, sonngebrannten Weg hinab, der nach dem nächsten Dorf und Rittergut hinüberführte; aber all die alten peinigenden Gedanken stürmten auf ihn ein und plagten sein Herz mit ihren Zweifeln und Vorwürfen, denn das Geheimniß seiner Ehe lag wie ein Alp auf seiner Seele.
Und weshalb hatte er überhaupt ein Geheimniß daraus gemacht? Weshalb seiner Schwester nicht gleich bei seiner Ankunft die unumwundene, doch nicht mehr zu umgehende Wahrheit gesagt? – Wieder und wieder legte er sich die Frage vor, und immer fehlte ihm die Antwort, weil er sich scheute, sie sich selber zu gestehen – er habe sich seines braven Weibes geschämt. Und mußte es Alexandrine denn nicht erfahren? Mußte er denn nicht einmal das doch thun, gegen das er sich jetzt noch sträubte: ein volles Geständniß seines bisherigen Lebens abzulegen, und verschlimmerte er nicht seine Schuld noch durch Verzögerung? –
Wenn er es nun jetzt gleich that, seinem Schwager Alles mittheilte, was ihn bedrückte, sein Herz frei und leicht machte? Aber er wagte es nicht. So oft ihm das Wort auch schon auf den Lippen lag, er vermochte nicht, es auszusprechen, denn er fürchtete die Vorwürfe des strengen Mannes. – Aber seine Schwester wollte er zur Vertrauten machen, sobald er zurück nach Galaz kam; sie sollte, sie mußte Alles wissen, und ihm dann rathen, was er zu thun habe. Sie war ja auch so gut und lieb und hing an ihm mit ganzer Seele, ihr durfte er sagen was ihn bedrängte, und ihrem Ausspruch wollte er sich dann fügen.
»Bist Du ein wunderlicher Mensch,« sagte da Galaz, der an seiner Seite ritt, »eben noch da drin bei Deinen schönen Zuhörerinnen Feuer und Flamme und gar nicht wegzubringen, daß wir jetzt in der heißen Mittagssonne den Weg reiten müssen, den wir hätten in der Morgenkühle zurücklegen können, und nun auf einmal bleich und in Dich gekehrt, Deinem Pferd die Sporen einsetzend, daß ich kaum Schritt mit Dir halten kann, und auf keine meiner Fragen und Zurufe achtend. Deine Erinnerungen haben Dich wohl so lebhaft in Deine »»Malley- und Salzbusch-Scrubs«« zurückversetzt, daß Du ganz in Gedanken hinter einem eingebildeten Dingoe oder Känguruh hersetzest?«
»Sei mir nicht böse, Rudolph,« sagte Eduard, rasch dabei sein Pferd einzügelnd; »Du hast Recht, ich war wirklich mit meinen Gedanken fern, aber nicht in Australien, wie Du zu glauben scheinst, sondern hier bei Euch. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie wunderbar für mich der rasche Uebergang von jenem trostlos wilden Leben zu diesem mit Genüssen gesättigten ist, und es giebt noch Stunden, wo es mir vorkommt, als ob ich von einem Zauber befangen sei, der nicht wahr und wirklich sein könne und – ich fürchte mich dann ordentlich vor dem Erwachen.«
»Ich glaube Dir's,« sagte Graf Galaz gutmüthig, »ich glaube Dir's – Dein langes einsames Leben dort, dann die fünfmonatliche Seereise auf einem Schiff, wo Du, wie Du uns erzählt, der einzige Passagier gewesen, das Alles mußte dazu dienen Dich von der Welt abzuschließen, Dich ihr zu entfremden; aber davon werden wir Dich hier bald kuriren, das sei versichert. Es wird nicht lange dauern, und Du fühlst Dich wieder so heimisch bei uns, wie bis jetzt unter Deinen ewigen Gumbäumen – Aber da sind wir an Ort und Stelle,« – unterbrach er sich selber – »das hier ist das Vorwerk, das ich Dir zeigen wollte, und nun laß uns Schritt reiten, damit sich die Thiere wieder ein wenig abkühlen; wir sind fast ein wenig zu rasch hierher gejagt.«
Von jetzt an nahm die Gegenwart und die aufgesuchte Oertlichkeit ihre ganze Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, als daß Eduard noch länger hätte seinen trüben Gedanken nachhängen können; und wahrlich, er suchte ein solches Grübeln nicht, das ihm, je länger es dauerte, je peinlicher wurde. Er wollte vergessen – wenigstens für jetzt. – Was später kommen mußte, kam ja doch.
Erst gegen Dunkelwerden kehrten sie nach Haus zurück, aber auch hier fand sich keine Gelegenheit ungestört mit der Schwester sprechen zu können, denn es war Besuch angekommen, der einige Tage blieb und ein ruhiges Beisammensein unmöglich machte. Er konnte nicht einmal die Abreise desselben erwarten, denn er mußte jetzt selber wieder auf einige Zeit in die Residenz, um seine Geldangelegenheiten mit dem dortigen Banquier zu ordnen und ihm seine Namensunterschrift zu geben.
Von der Residenz aus aber schrieb er einen langen Brief nach Hause an sein Weib – schrieb ihr, daß er noch aufgehalten werde und nicht so rasch zurückkehren könne, als er geglaubt, und schickte ihr in Wechseln auf Adelaide eine nicht unbedeutende Summe Geld, damit sie sich indessen dort jede Bequemlichkeit verschaffen könne, die ihr bis dahin gefehlt. Auch für Becher wies er das ihm zur Reise geborgte Geld an, und fühlte dadurch sein Herz erleichtert – war er doch vor der Hand, soweit er dies vermochte – seinen Verpflichtungen nachgekommen.
In der Residenz wurde er länger aufgehalten, als er gedacht – so viele alte Freunde fand er ja dort, und mit ein oder dem Anderen erst zufällig zusammengetroffen, konnte und durfte er doch auch die Uebrigen nicht vernachlässigen – man hätte es ihm mit Recht übel genommen. Außerdem mußte er sich auch vollkommen neu equipiren. Mit seiner Toilette war es noch immer ziemlich schlecht bestellt, denn nach seiner Ankunft hatte er sich doch nur eben das Nothwendigste angeschafft. Das Alles nahm Zeit weg, und die Zeit flog hier in Europa so entsetzlich rasch; er wußte oft selber nicht, wo so ein Tag geblieben.
Endlich kehrte er nach Galaz zurück, aber die Gastlichkeit der Insassen schien kein ruhiges Leben, wenigstens in der Sommerzeit, zu gestatten. Er fand den alten Comthur mit Hedwig und zweien ihrer jüngeren Schwestern zum Besuch dort, und wurde mit Jubel von der kleinen Gesellschaft empfangen.
Und wie lieb und gut war Hedwig gegen ihn – wie lernte er hier in diesen wenigen Tagen ihr stilles Wirken kennen und schätzen. – Und wie talentvoll war sie dabei – was für reizende Skizzen hatte sie in der kurzen Zeit gemalt, und welche zum Herzen sprechenden Melodieen entlockte sie den Tasten, wie seelenvoll klang ihre Stimme, wenn sie dazu sang. Eduard saß dann stumm und regungslos in einer Ecke des Zimmers, und lauschte wie fernem Orgelklang den lieben Tönen – so weich – so weh war ihm dabei ums Herz, und ankämpfen mußte er gegen sich, um die aufsteigenden Thränen zu bezwingen.
Was es war, das ihn so bewegte? er mochte sich selber keine Rechenschaft darüber geben – er wußte es nicht, aber während es sein Herz mit süßer Wehmuth füllte, überkam ihn eine Angst dabei – eine Angst vor sich selber, die ihm die kalten Tropfen auf die Stirn preßte. Er mußte endlich aufstehen und das Zimmer verlassen, weil er sich zu verrathen fürchtete, und Alexandrine nur, die ihn schweigend beobachtet hatte, folgte ihm mit ihrem Blick.
Liebte er Hedwig? – Sie wünschte und hoffte es, denn erst dann durfte sie fest darauf rechnen, den ruhelosen Geist für immer in ihre Nähe zu bannen. – Aber weshalb dann diese Unruhe, dieser augenscheinliche Schmerz in seinen Zügen. Sie wußte, daß er nicht verzagt war – nie im Leben! Nagte ein anderer Gram an seinem Herzen?
Hedwig hatte den Kopf gewandt, als er das Zimmer verließ und ihm nachgesehen. Und mitten im Gesang ging er fort. Sie endete ihr Lied und sagte lachend:
»Deinen Bruder, Alexandrine, habe ich hinausgesungen.«
»Aber ich glaube,« sagte die Gräfin, »es kann nur schmeichelhaft für Dich sein, denn er schien mir tief ergriffen.«
»Du brave Schwester Du,« lachte das junge Mädchen, »wie wacker Du seine Parthie nimmst – aber ich werde nachher ein Kreuzverhör anstellen und sehen, ob er die nämlichen Entlastungsgründe – wie Großpapa sagt – vorbringen wird, die seine Vertheidigerin aufgestellt hat.«
Alexandrine bat sie jetzt, ein munteres Lied zu singen, und das junge Mädchen willfahrte gern, neigte ihr ganzes Wesen doch auch viel mehr dem Heiteren, als Ernsten und Schwermüthigen zu. Sie sang einige reizende österreichische Lieder, deren Dialekt sie vollständig mächtig war, und lächelte dabei still vor sich hin, als sich die Thür wieder leise öffnete und Eduard zu seinem verlassenen Sitz zurückglitt. Er hatte sich unbemerkt geglaubt und dabei nicht beachtet, daß ein großer, unfern von dem Instrument stehender Spiegel, jede seiner Bewegungen der nur zu aufmerksamen Sängerin verrieth.
Als sie endlich schloß und von ihrem Sitz aufstand, kam auch Eduard mit den übrigen herbei, um ihr seinen Dank auszusprechen.
»Nun, Herr von Benner,« sagte sie und bemühte sich vergebens dabei ernsthaft zu bleiben, – »was hat Ihnen nun besser gefallen, mein schwermüthiges elegisches Lied vorher oder die heiteren Melodieen jetzt?«
»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte Eduard, dem nicht entgehen konnte, daß Muthwillen hinter der Frage lauerte – »glauben Sie mir auf mein Wort, daß ich noch nicht lange genug wieder im Vaterlande bin, um mich einem solchen Genuß unbefangen hinzugeben. Alte wehmüthige Erinnerungen tauchen mit den lange – o so ewig lange nicht gehörten lieben Klängen zugleich in meinem Herzen auf – Reminiscenzen aus einer vergangenen – verlorenen Zeit und ich weiß dann selber nicht, ob ich aufjubeln – ob ich trauern soll.«
»Und siehst Du, Hedwig, daß ich Recht gehabt?« rief Alexandrine, indem sie mit Herzlichkeit des Bruders Hand ergriff.
»Und haben Sie sich das erst draußen überlegt?« lächelte aber diese, nicht gewillt ihn so leicht durchschlüpfen zu lassen.
»Zürnen Sie mir nicht, mein gnädiges Fräulein,« bat da der junge Mann, »wollte ich Ihnen die Ursache meiner Bewegung sagen, Sie würden mich vielleicht nicht einmal verstehen.«
»Sie können auch grob werden,« neckte das junge Mädchen.
»Danken Sie Gott, daß Sie es nicht verstehen können,« lautete aber die ernste Antwort. »Das Verständniß ist mit schwerem Leid erkauft und theuer – entsetzlich theuer, denn wir zahlen es gewöhnlich mit den besten Jahren unseres Lebens.«
Hedwig erschrak ordentlich vor dem düstern Ausdruck in seinen Zügen und lenkte freundlich ein.
»Aber Herr von Benner, ich habe Sie ja nicht böse machen wollen; zürnen Sie nicht meinem tollen Muthwillen, der Sie vielleicht verletzte, wo – er nur ein wenig necken sollte –«
»Mein liebes gnädiges Fräulein,« erwiederte Benner, »glauben Sie um Gottes Willen nicht, daß Jemand Ihnen zürnen könnte –«
»Also auch zu schmeicheln verstehen Sie? – Sie sind vielseitig.«
»Nein,« sagte Eduard treuherzig, »das habe ich glücklicherweise, mit mancher anderen unnützen Eigenschaft, da draußen in der Welt abgeschliffen – ich kann nicht heucheln und wie ich mich gebe bin ich.«
»Wollte Gott, alle Menschen könnten das von sich sagen,« seufzte Hedwig – »es wäre besser auf der Welt.«
Alexandrine hatte ihren Bruder, während er sprach, still und schweigend beobachtet, jetzt da die Unterhaltung eine zu ernste Wendung zu nehmen schien, trat sie an's Instrument und fiel rasch in eine muntere Weise ein, die bald alle trüben und schwermüthigen Gedanken zerstreuen mußte. Hedwig jubelte auch gleich wieder auf, und in wenigen Minuten hatte sie den bösen Geist beschworen, der die Fröhlichkeit des kleinen Kreises stören wollte. – Aber im eigenen Herzen war es der Schwester trotzdem nicht so leicht zu Muthe, denn Eduards ganzes Benehmen verrieth, daß ihm irgend etwas – was es auch sei, die Seele drücke – und weshalb gestand er ihr das nicht? War es wirklich erwachende Liebe für das junge, reizende Mädchen – aber weshalb da dieser kummervolle, schmerzliche Zug um den Mund? War das eine Quelle der Sorge und hätte es nicht eher das Gegentheil, eine Quelle der Freude und des erwachenden Glückes sein müssen?
Die jungen Damen blieben noch bis spät in die Nacht bei ihnen, und Alexandrine beschloß ihren Bruder an diesem Abend scharf und heimlich zu beobachten, ob sie etwas weiteres an ihm entdecken könne, wo nicht aber, ihn morgen direct zu fragen, was ihm fehle, denn fehlen mußte ihm etwas, und ihm ihre Hülfe anzubieten. Sie war ja so glücklich ihn wieder zu haben, und konnte ihn da nicht traurig sehen, wo gerade Alles zusammentraf, um ihn mit dem früher verlorenen Leben wieder auszusöhnen.
Durch die heiteren Weisen angeregt, schien er auch wirklich seinen trüben Gedanken entzogen zu sein, und als sich nach Tisch die kleine Gesellschaft noch auf der Terrasse versammelte, wurde er sogar heiter und gesprächig.
Es war auch ein lauschiges Plätzchen zum Erzählen, diese Terrasse in der Blüthenzeit des Jahres. Breit und geräumig, mit feinem Kies bestreut, umzog sie eine niedere steinerne Balustrade, auf den Pfeilern mit Vasen bestellt, in denen breitblättrige stachliche Aloepflanzen üppig wucherten. In der Mitte derselben war ein Bassin von weißem Marmor angebracht, aus dem ein kleiner Springbrunnen emporstieg, gerade hoch genug, um durch sein leises melodisches Plätschern die Stille zu unterbrechen, und doch das Gespräch nicht zu stören. Auf den Marmortischen brannten Windlichter in hohen geschliffenen Gläsern und warfen ihren matten Schein auf die umhergepflanzten Blüthenbüsche, während von dem mit eisernen Stäben umzogenen Portal des Gartensalons blühendes Jelängerjelieber niederhing, die Luft mit seinem Wohlgeruch erfüllte und zahlreiche große, prächtig farbige Nachtfalter anzog, die darum her und oft über die Lichter surrten.
Und weit da draußen lag der Park mit seinen duftenden Wiesen und seinem breiten Wasserspiegel des Teichs, in den der Mond sein Licht niederstrahlte, und auf dem noch silberblitzende Schwäne herüber und hinüber zogen, während ein leiser Luftzug über die paradiesisch schöne Gegend strich.
Unten im Park schlug eine Nachtigall und die kleine Gesellschaft war aufgestanden und an die Terrasse getreten, um den lieben Tönen zu lauschen – jetzt schwieg sie, und lautlos schauten sie Alle in die stille herrliche Nacht hinaus.
»Und ist es auch so schön bei Ihnen in Australien, Herr von Benner?« sagte da Hedwig, die an seiner Seite stand – mit leiser Stimme – »haben Sie auch dort solche Nächte, einen solchen Himmel, solche Scenerie?«
»Nein, mein Fräulein,« erwiederte Benner bewegt – »für den Australier vielleicht, aber nicht für uns, deren Seele noch am deutschen Boden hängt. – Es giebt doch nur eine Heimath, und wo die ein solches Paradies umschließt, wer kann es dem Menschenherzen da verdenken, wenn es an ihr mit allen Fasern hängt.«
»So sehnen Sie sich nicht dorthin zurück?«
Eduard schwieg – die Frage traf ihn tief ins Mark, denn Alles was den Menschen an dies Leben bindet: Weib und Kind lag ihm dort, und hätte ihn mit allen Banden der Seele zurückziehen müssen.
»Es ist eine merkwürdige Thatsache mit uns armen Sterblichen,« sagte er endlich, »daß wir einen Platz, auf dem wir lange gelebt – ob es uns dort gut gegangen – ob wir Leid oder Weh erfahren – lieb gewinnen, und mit Wehmuth von ihm scheiden. Ja den Gefangenen sogar soll ein solches Gefühl ergreifen, wenn er aus seiner Zelle scheidet, aus der er sich lange, lange Jahre mit blutendem Herzen herausgesehnt. Wird ihm aber die Freiheit endlich, und darf er den Schauplatz seines Jammers verlassen, so erfüllt ihn ein Gefühl der Wehmuth, von den Mauern jetzt für immer Abschied zu nehmen, die so oft seine Seufzer und Thränen gesehen.«
»So war Ihnen Australien ein Gefängniß?« sagte das junge Mädchen mit tiefem Gefühl – »o bitte, erzählen Sie uns einmal, wie Sie die letzte Zeit dort gelebt, was Sie gethan und getrieben, wer mit Ihnen verkehrt und was Sie ertragen. Für uns, die wir Sie jetzt kennen, ist das ja Alles, selbst die größte Kleinigkeit von Interesse.«
»Auch uns hast Du eigentlich noch Nichts von Deinem dortigen Leben erzählt,« bat jetzt auch Alexandrine – »von den Menschen dort wohl, den wilden und zahmen, von den Pflanzen und Thieren – aber nie von Dir selber. Du bist hier unter lauter Freunden, lege einmal eine offene Beichte ab.«
Alles drang jetzt in ihn, seine Schicksale zu erzählen – aber so heiter und unbefangen Eduard auch vorher wieder geplaudert hatte, jetzt zog er sich scheu in sich selbst zurück. Er gab ausweichende Antworten – er sei dazu nicht in der rechten Stimmung – es wäre auch zu einförmig, um die Gesellschaft zu unterhalten – kurz er wich aus, und da man fühlte, daß er es nicht gern that, hatte man Takt genug, nicht weiter in ihn zu dringen.
Das Gespräch drehte sich jetzt um alltägliche Gegenstände, und erst gegen elf Uhr fuhr der Wagen des alten Herrn vor, der die Familie zurück auf ihr Schloß brachte.
Siebentes Capitel.
Das Geständniß.
Eduard von Benner hatte eine schlaflose Nacht; er fühlte, daß er so nicht länger fortleben, daß er nicht länger das Geheimniß seiner Ehe gegen seine Schwester, gegen seinen Schwager wahren könne und dürfe. Ihnen wenigstens mußte er gestehen, was ihm auf der Seele lastete, was ihm die Heimath, das Glück, das ihn hier umgab, zu einem täglichen Vorwurf machte, und ihn zuletzt doch noch zwingen würde, nach jenem entsetzlichen Land zurückzukehren. Oder hätte er wagen dürfen seine Frau, seine Schwiegereltern, die Schuhmachersleute in diese Kreise einzuführen? – Es war nicht möglich, das sah er vollkommen ein, und was anders blieb ihm übrig als sein verfehltes Leben nun auch durchzuführen, wie er es selber sich gestaltet hatte – was konnte er thun, um diesem Zwitterdasein entzogen, von ihm befreit zu werden?
Oh, wohl fielen ihm jetzt die Warnungen seines früheren Freundes Krowsky ein, der ihn so oft und dringend abgemahnt, den Schritt zu thun – wohl bereute er jetzt bitter, ihm damals nicht gefolgt zu sein und hartköpfig auf seiner tollköpfigen Idee beharrt zu haben – es war zu spät – der Würfel gefallen und er mußte das Unvermeidliche jetzt tragen und – elend sein.
Elend? er wagte nicht dem Gedanken zu folgen, wenn er an sein liebes, braves Weib da draußen dachte – wie treu sie an ihm hing, wie ihre ganze reine, unschuldige Seele nur ihm gehörte, nur für ihn sorgte und mühte, und er? worüber grübelte – worüber sann er? Er barg das Antlitz in den Händen, so erfaßte ihn ein Gefühl von Scham und Reue und dennoch – dennoch fehlte ihm die Kraft sich aufzuraffen, und das zu thun, was ihm sein Gefühl für Recht gebot – was er thun mußte, wenn er sich nicht selbst verachten sollte.
Ermüdet vom vielen Denken schlief er endlich ein, aber der nächste Morgen brachte ihm keine Linderung, ja vermehrte nur das Qualvolle seines Zustandes, weil es ihn der Entscheidung näher brachte. Er fühlte aber auch – heute Morgen mit kaltem Blute sowohl, wie gestern Abend in der Aufregung, in welche ihn Hedwigs Gegenwart versetzt, – daß er mit seiner Schwester offen sprechen müsse. In welchem Licht wäre er ihr sonst später erschienen, wenn sie – was auf die Länge der Zeit unvermeidlich blieb – das Verhältniß doch erfuhr, in dem er stand.
Es wurde ihm entsetzlich schwer zu dem Entschluß zu gelangen, aber er sah auch keine Möglichkeit, ihm länger auszuweichen, und mit dem fast ebenso unbehaglichen Gefühl des Zwangs, zog er sich endlich an und ging zum Frühstückstisch hinüber.
Sein Schwager und seine Schwester erwarteten ihn schon; die Kinder frühstückten immer mit ihrer Bonne zeitiger im Garten – und Alexandrine sah dem Bruder auf den ersten Blick an, daß ihn etwas bedrücke oder daß er sich vielleicht leidend fühle. Seine Züge hatten einen überwachten Ausdruck – die Augen lagen ihm tief in den Höhlen, auch seine Wangen waren auffallend bleich. Bei dem Frühstück blieb er ziemlich einsilbig; auf die Frage, ob ihm etwas fehle, gab er eine ausweichende Antwort – etwas Kopfschmerzen, Nichts weiter. Die Schwester ließ es dabei bewenden. Graf Galaz erzählte ihm von einem Paar prächtigen Pferden, die ihm heute Morgen zugeschickt worden und die sie nachher probiren wollten. Eduard hatte den Wunsch geäußert, ein Gespann zu kaufen – er ging ziemlich theilnahmlos darauf ein.
Die Diener kamen herein, und trugen das Frühstücksgeschirr hinaus. Die Drei waren allein.
»Nun, hast Du jetzt Lust, Eduard,« sagte der Graf, »so will ich anspannen lassen. Der Himmel ist heute umzogen und ein prächtiger Tag zum Fahren.«
»Eduard,« sagte da Alexandrine herzlich und ergriff seinen Arm – »Dir liegt etwas auf der Seele – was es auch sei – Wende Dich nicht ab, und denke daß Du keine treueren Freunde auf der Welt hast, als uns – Schütte Dein Herz aus; sag uns, was Dich drückt, und sei versichert, daß Du von uns die innigste, aufrichtigste Theilnahme, und wenn nöthig auch Hülfe und Beistand zu gewärtigen hast.«
»Es ist wahr, Eduard,« bestätigte auch der Graf, »etwas muß in Dir nicht richtig sein. Entweder liegt Dir irgend eine Krankheit in den Knochen – Du hast Dich vielleicht noch nicht wieder genug acclimatisirt, und dafür habe ich es bis jetzt gehalten, oder – Alexandrine hat Recht und irgend eine Sorge, ein Kummer nagt Dir am Herzen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie gern ich Dir helfen möchte – wenn Du überhaupt Hülfe brauchst. Aber drückt Dir wirklich etwas die Seele, dann auch herunter damit, daß Du uns wieder ein freundliches, unbekümmertes Gesicht zeigst. Es thut mir weh, Dich so zu sehen.«
Benner saß, den Arm auf den Tisch gestützt, mit niedergeschlagenen Augen da. Er hatte ja zu ihnen reden, ihnen Alles gestehen wollen was ihn quälte, jetzt aber, da der Augenblick nahte, fehlte ihm wieder der Muth, denn er wußte ja nur zu gut wie der Theil der Gesellschaft, zu welchem die Seinigen gehörten, in dem sie lebten und wirkten, seine Stellung beurtheilen würde. Aber er konnte auch nicht mehr zurück – schon durch sein halbverlegenes Schweigen hatte er eingestanden, daß wirklich nicht Alles mit ihm sei wie es solle, daß ihn irgend etwas peinige –; Schweigen hieß jetzt den ihm liebsten Menschen das Vertrauen weigern, und sich plötzlich gewaltsam emporraffend, sagte er scheu:
»Ja, Alexandrine – ja, Rudolph, Ihr habt Recht – ich hatte in der That bis jetzt vor Euch ein Geheimniß – und daß ich es hielt mag Euch beweisen, wie ich selber das Drückende meiner Lage fühle. Aber es soll nicht länger so zwischen uns sein, und dann rathet mir was ich thun – wie ich handeln soll.«
»Mein guter Eduard!«
»Hört mich. – In Australien, abgeschnitten von Allem an dem bis jetzt mein Herz hing, freundlos, freudlos, allein und verlassen und auf meiner Hände Arbeit angewiesen, mit meinem Vater entzweit, also auch jede Rückkehr nach Europa verlegt und unmöglich gemacht, trieben mich Trotz und Verzweiflung zu einem Schritt, der mich für immer an Australien fesseln sollte – ich heirathete.«