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Unter Palmen und Buchen. Erster Band. / Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen. cover

Unter Palmen und Buchen. Erster Band. / Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen.

Chapter 12: Der Polizeiagent.
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About This Book

A collection of short narratives that move between intimate domestic scenes and more startling episodes, portraying everyday choices, misunderstandings, and small moral dilemmas. Some stories examine strained family relationships and quiet sacrifices, others unfold as ironic or uncanny encounters prompted by chance or new technologies, while additional pieces consider return, authority, and mortality. The writing favors concise observation and varied tones—realistic, reflective, and occasionally suspenseful—with focus on human foibles, social manners, and the effects of neglect, miscommunication, or unexpected news on ordinary lives.

Siebentes Capitel.
Schluß.

Der Doctor, eben im Begriff seine Patienten zu besuchen, war nicht wenig erstaunt, den Justizrath mit dem erbeuteten und so lange ersehnten Unruhestifter eintreffen zu sehen, nahm aber auch zu viel Interesse an der Sache, um nicht seine eigenen, selbst sehr nothwendigen Gänge für kurze Zeit aufzuschieben und das Nähere mit dem Justizrath zu bereden. Aufmerksam hörte er zunächst den kurzen Bericht an, der ihm über das Zusammentreffen gegeben wurde und die Frage war nur jetzt, wie Auguste mit ihrem leibhaften Traumbild zusammen gebracht werden konnte, ohne ihr einen neuen Schreck zu verursachen, der diesmal dauernde Folgen haben konnte.

Das zeigte sich denn auch nicht so leicht und die Männer überlegten zusammen eine ganze Weile hin und her, wie es am zweckmäßigsten zu arrangiren wäre. Der Justizrath schlug vor, den »grauen Mann« gleich zum Mittag-Essen mit nach Haus zu nehmen, um im hellen Sonnen-Licht jeden Gedanken an den häßlichen Spuck zu zerstören, – aber dagegen protestirte der Arzt.

»Damit setzen Sie Alles auf eine Karte,« rief er heftig aus, »denn Sie können gar nicht wissen, wie sich in dem Geist Ihrer Frau das Bild dieser geglaubten Spukgestalt erhalten oder entwickelt hat; bringen Sie ihr aber jetzt den Mann am hellen Tag, der dann natürlich mit einer höflichen, alltäglichen Verbeugung in's Zimmer tritt, so bürgt uns kein Mensch dafür, daß sie ihn als denselben wieder erkennt, den sie in jener Nacht gesehen und dann ist Alles verloren, denn nachher haben wir kein Mittel weiter, ihr zu beweisen, daß sie sich getäuscht. Unser Pulver ist verschossen und wir müssen der Natur und den Begebenheiten eben ihren Lauf lassen, ohne im Stande zu sein, an irgend einer Stelle hülfreich einzugreifen.«

»Aber was Anderes können wir thun?« rief der Justizrath – »der Gefahr, daß sie ihn nicht wieder erkennt, sind wir ja doch immer ausgesetzt.«

»Doch nicht immer,« sagte der Doctor, der ein paar Minuten mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf- und abgegangen war – »ich glaube, ich weiß einen Ausweg.«

»Mein lieber Doctor –«

»Lassen Sie mich einmal sehen,« fuhr dieser fort. – »Jetzt habe ich keine Zeit, denn ich muß meine Patienten besuchen; vor Dunkelwerden können wir aber auch gar nichts in der Sache thun, und bis dahin bin ich in Ihrem Hause und bei Ihrer Frau. Bis dahin aber darf auch dieser Herr Ihrer Frau nicht vor Augen kommen. Speisen Sie zusammen im Hôtel – eine Ausrede ist bald gefunden, machen Sie, was Sie wollen, aber bringen Sie ihn nicht vor der Abenddämmerung in Ihr Haus.«

»Und dann?«

»Dann führen Sie ihn heimlich, ohne daß Ihre Frau etwas davon erfährt, in Ihr Zimmer, zünden wie gewöhnlich Ihre Lampe an, die auch ein wenig düster brennen darf und lassen sich den Herrn dann auf den nämlichen Stuhl setzen, auf dem er an jenem Abend gesessen hat und zwar genau in der nämlichen Stellung, den rechten Arm über der Lehne. – Ich glaube, Sie erwähnten das gegen mich.«

»Ja wohl. –«

»Schön. Sie selber kommen dann zu uns herüber, oder geben mir ein Zeichen daß Alles bereit ist und überlassen das Andere mir. Wollen Sie es so machen?«

»Bester Doctor, ich füge mich in Allem Ihrem Willen,« sagte der Justizrath, »aber – halten Sie es nicht für möglich, daß Auguste durch die plötzliche Wiederholung der Erscheinung zum Tod erschrecken könnte?«

»Natürlich darf sie den Herrn da nicht unvorbereitet antreffen,« rief der Doctor – »doch Sie wollen das ja mir überlassen. Außerdem werde ich noch vorher zu der kleinen Hofräthin Janisch gehen, sie in das Geheimniß einweihen und sie bitten uns zu unterstützen. Für jetzt ersuche ich Sie aber, mich zu entschuldigen, denn meine Zeit ist gemessen.«

»Und Sie vergessen nicht, noch vor Dunkelwerden zu mir zu kommen?«

»Ich vergesse nie etwas,« sagte der Doctor, nahm seinen Hut und stieg ohne Weiteres voran die Treppe hinunter.

Der Justizrath war jetzt ein wenig in Verlegenheit, was er mit seinem Schutzbefohlenen oder eigentlich Gefangenen, bis zum Mittagsessen anfangen solle, noch dazu da er auch gern einmal nach Haus gegangen wäre und ihn dorthin doch nicht mitnehmen konnte. Ueberließ er ihn aber bis dahin sich selbst, so war er der Gefahr ausgesetzt, ihn nicht wieder zu finden und das durfte er unter keiner Bedingung riskiren. Da blieb ihm nur ein Ausweg, mit dem Fremden in dessen Behausung zu gehen, um sich selber zu überzeugen, wo er wohne und wieder zu finden wäre.

Das geschah denn auch und nachdem Bertling in einer vollkommen abgelegenen Straße vier steile dunkle Treppen hinauf geklettert war, konnte er mit einiger Ruhe seinen eigenen Geschäften nachgehen. Er band dem kleinen Mann aber noch einmal auf die Seele, das Haus um keinen Preis zu verlassen, bis er selber zurückkäme, was aber bald geschehen würde, da er ihn um ein Uhr zum Mittagessen abhole.

Seine Frau fand der Justizrath noch ziemlich abgemattet, aber doch ruhig; sie hatte von dem, was sie die vorige Nacht mit wachenden Augen geträumt, keine Ahnung und sie fühlte nur die Folgen der unnatürlichen Aufregung, ohne sich dieser im Geringsten bewußt zu sein.

Um ein Uhr oder etwas vorher, entschuldigte sich Bertling, daß er mit einem Geschäftsfreund zu Mittag speisen müsse, da sie Beide, außer der Zeit, sehr beschäftigt wären, und er Vielerlei mit ihm zu besprechen hätte – zu sich hätte er ihn aber heute nicht einladen mögen, da Auguste doch noch so angegriffen sei.

Auguste dankte ihm dafür, denn sie befand sich in der That nicht in der Stimmung einen fremden Besuch zu empfangen; sie fühlte sich auch nie wohler, als wenn sie allein gelassen wurde und ihr Mann versprach ihr ja auch außerdem noch vor Abend wieder zu Haus zu sein und dann heute ganz bei ihr zu bleiben.

Sie aß allein auf ihrem Zimmer und legte sich dann ein wenig auf das Sopha, um auszuruhen; der Kopf that ihr weh und das Herz war ihr so schwer, als ob irgend ein nahendes Unheil sie bedrohe. Sie fing auch fast an, den dämmernden Abend zu fürchten und bereute schon, Theodor nicht gebeten zu haben, noch vor der Zeit zurück zu kehren. – Aber sie durfte auch nicht so kindisch sein. Wenn er seine Geschäfte besorgt hatte, kam er ja ohnedies schon immer von selber nach Hause.

Sie sollte aber ihren Nachmittag heute nicht allein verbringen, denn etwa um fünf Uhr kam Pauline herüber. Wenn diese aber auch lachend das Zimmer der Freundin betrat, erschrak sie doch sichtlich über deren bleiches Aussehen, über ihre tiefliegenden Augen und den schmerzlichen Zug um den Mund. Auf ihre theilnehmenden Fragen gab ihr Auguste aber nur ausweichende Antworten; sie scheute sich selbst der Freundin gegenüber das einzugestehen, was ihr die Brust beengte und ihr Herz mit einer wohl unbestimmten, aber nichts desto weniger peinigenden Angst erfüllte und Pauline, die das herausfühlte, war freundlich genug, auf ihren Wunsch einzugehen. Ihr lag aber jetzt besonders daran, die Freundin zu zerstreuen, und ohne daß Auguste es merkte, wußte sie das Gespräch auf das Abenteuer mit der Kartenschlägerin zu bringen. Nicht mit Unrecht glaubte sie, daß jene Aufregung wesentlich dazu beigetragen hatte, sie niederzudrücken, und war das wirklich der Fall, so kannte sie ein Mittel sie wieder aufzurichten.

»Denke Dir nur Schatz,« lachte sie, ganz wieder in ihrer, alten fröhlichen Laune, »ich bin jetzt unserer Kartenschlägerin auf die Spur gekommen.«

»Auf die Spur? – wie so?«

»Oder ich habe wenigstens einen Beweis erhalten, was es mit ihrer Kunst für eine Bewandniß hat.«

»In der That? – aber durch was?« frug Auguste gespannt.

»Du erinnerst Dich doch,« fuhr Pauline fort, »daß ich bei ihr anfragen wollte, wo ein mir gestohlenes Corallen-Halsband hingekommen sei und wo ich den Dieb zu suchen hätte. Sie ließ mich aber die Frage gar nicht stellen, denn jedenfalls hatte sie am Brunnen von unseren Mägden erfahren, daß ich das Halsband vermisse. In den letzten drei Tagen war auch wirklich bei uns von nichts Anderem gesprochen worden, und meine Köchin, wie ich es mir gedacht, schon bei der Alten gewesen, um sie um Rath zu fragen.«

»Also wirklich,« sagte Auguste.

»Du weißt auch, daß sie meinen Verdacht auf irgend eine Dame mit grünen Haubenbändern lenken wollte.«

»Allerdings – hatte sie sich geirrt?«

»Das Komische bei der Sache ist das,« lachte Pauline, »daß gar Niemand das Halsband gestohlen hat, sondern daß ich es heute morgen selber in einer kleinen Schieblade meines Secretairs fand, wohinein ich es neulich, wahrscheinlich in großer Zerstreutheit gelegt.«

»Es war gar nicht gestohlen?«

»Gott bewahre, folglich konnte die »Dame« mit den grünen Haubenbändern auch nicht der Dieb sein. Jetzt hab' ich der Sache aber näher nachgeforscht und von meinen Leuten erfahren, daß die alte Frau Heßberger eine ganz besondere Wuth auf meine Wäscherin hat, weil diese sie irgend einmal, wer weiß aus welchem Grund, ich glaube wegen Verleumdung, verklagt hat, und die Alte fünf Thaler Strafe zahlen mußte. Die Schusters-Frau scheint eine ganz durchtriebene Person zu sein und ich glaube, es ist sehr unnöthig, daß ihr liebenswürdiger Gatte, während sie ihre Kunst ausübt, geistliche Lieder singt, um den Teufel fernzuhalten, es scheint Alles sehr natürlich zuzugehen. –«

»Aber woher wußte sie –« wollte Auguste fragen, brach aber rasch und plötzlich mitten darin ab.

»Was, mein Herz?« frug Pauline – »etwa das, was sie Dir von einem grauen Mann sagte? Das wolltest Du mir ja heute erzählen und ich bin fest überzeugt, wir kommen der Sache ebenfalls auf die Spur. – Sieh mein Herz, mit all den Geistergeschichten läuft es ja doch jedesmal auf blinden Lärm hinaus, denn auch das was uns die Frau Präsidentin damals als Thatsache von der Kammgarnspinnerei erzählte, hat sich als ein einfacher Betrug herausgestellt.«

»Als Betrug?«

»Gewiß und gestern Abend haben sie die Thäter erwischt. Aber nun erzähle mir auch, was Dich drückt.«

Auguste zögerte noch, aber sie hatte der Freundin einmal versprochen, ihr das Geheimniß mitzutheilen und es that ihr selber wohl, irgend Jemand zu haben, dem sie ihr Herz vollkommen ausschütten konnte. So erzählte sie denn auch jetzt, während der Abend schon wieder zu grauen begann, von der ersten Erscheinung, die sie in ihres Mannes Zimmer gehabt und wollte eben zu dem zweiten Begegnen mit dem unheimlichen Wesen übergehen, als sie laute Stimmen auf dem Vorsaal hörten.

»Die Frau Justizräthin zu Haus?« – Es war des Doctors Stimme, die Magd erwiderte etwas darauf und gleich darauf klopfte es an die Thür.

Es war der Arzt, der seine Patientin zu besuchen kam. Er freute sich übrigens sie so wohl und munter zu finden und meinte, nach ein paar hingeworfenen Fragen: – »Aber wie mir scheint, habe ich die Damen in einer wichtigen Unterhaltung gestört – thut mir leid, aber wir Aerzte kommen oft ungelegen.«

»In einer Unterhaltung,« sagte da Pauline, »die auch Sie angeht, lieber Doctor, denn sie betrifft Augustens Krankheit ebenfalls mit – bitte, erzähle weiter, liebes Herz.«

»Aber Pauline,« sagte die Frau erschreckt, »das ist nicht Recht. Das was ich Dir erzählte, war nur für Dich bestimmt.«

»Aber mein gutes Kind,« sagte die junge Frau »wenn ich nicht sehr irre, so hat gerade diese Phantasie auf Dein körperliches Befinden den größten und zwar nachtheiligsten Einfluß ausgeübt, und wie kann Dich ein Arzt wieder herstellen, wenn er nicht die Ursache Deiner Krankheit erfährt.«

»Ich danke Ihnen, Frau Hofräthin, daß Sie mir da beistehen,« sagte der Doctor »und bitte Sie nun selber, beste Frau, mir nichts vorzuenthalten. Außerdem wissen Sie, wie ich Ihnen und Ihrem Mann zugethan bin und schon als Freund des Hauses, als der ich mich doch betrachten darf, ersuche ich Sie dringend mir Alles mitzutheilen.«

Die Justizräthin sträubte sich noch ein wenig, aber es half ihr Nichts; der Doctor versicherte sie dabei, daß ihr eigener Mann ihm schon einen Theil vertraut habe, er wisse also doch einmal, um was es sich handele und solcher Art gedrängt, erzählte Auguste denn das zweite, räthselhafte Begegnen jener Erscheinung, ja verhehlte sogar nicht, daß sie von einer Wiederholung derselben das Schlimmste fürchte.

Der Doctor hatte ihr schweigend zugehört – draußen wurde wieder eine Thür geöffnet und sein scharfes Ohr vernahm leise Schritte im Vorsaal. Er wußte, der Justiz-Rath war mit dem Mann im grauen Rock eingetroffen. Der Abend brach dabei immer mehr herein und der Doctor bat, daß man die Lampe anzünden möge, da eben die Dämmerstunden die besten Hülfsgenossen solcher Phantasien seien. Pauline fügte jetzt auch noch die Geschichte der Kartenschlägerin hinzu, zu der der Doctor nur lächelnd den Kopf schüttelte; endlich aber sagte er:

»Also, Sie fürchten eine dritte Erscheinung, liebe Frau Justizräthin, weil Sie durch die zweite die Bestätigung der ersten erhalten haben?«

»Ja,« hauchte die Frau.

»Sie würden auch« – fuhr der Doktor fort, »wie Sie mir ja selber gestanden haben, ohne die zweite geneigt gewesen sein, die erste als eine bloße Phantasie, als eine Ueberreizung Ihrer Nerven anzusehen, nicht wahr?«

»– Ja –« erwiderte die Frau wieder, doch etwas zögernd.

»Schön,« nickte der Doctor vor sich hin, »wenn ich nun hier mit meinem Zauberstab« und er hob seinen Stock, den er noch in der Hand hielt, »Ihnen selber die Erscheinung zum dritten und letzten Mal heraufbeschwören würde, wobei ich Ihnen zugleich beweisen könnte, daß wir es mit nichts Anderem, als einem vollkommen compacten Wesen aus Fleisch und Blut zu thun haben, – würden Sie mir dann zugestehen, daß Sie sich geirrt, und daß solche Erscheinungen im Allgemeinen, und hier auch im Besondern, nie und nimmer als etwas Anderes betrachtet werden dürfen, wie als krankhafte Ausgeburten der Phantasie?«

»Jene Erscheinung heraufbeschwören?« frug Auguste ordentlich erschreckt.

»Ja – aber nicht etwa aus dem Boden, wie einen Geist, sondern wie es sich gebührt, die Treppe herauf,« lachte der Doctor. »Würden Sie mir versprechen, sich recht tapfer dabei zu halten und ehe Sie uns wieder ohnmächtig werden, erst einmal genau zu prüfen, ob Sie es mit einem Geist oder einem wirklichen Menschen zu thun haben?«

»Ich begreife Sie nicht,« – stammelte die Frau.

»Ist Ihr Mann nicht zurückgekehrt?« sagte der Doctor und horchte nach dessen Thür hinüber – »ich dächte, ich hätte ihn in seiner Stube gehört – he Justizrath?« rief er, indem er aufstand und an jene Thür klopfte.

»Ja ich komme gleich« – antwortete Bertlings Stimme.

»Und wann soll ich ihn sehen?« rief die Frau, die sich einer leichten Anwandlung von Furcht nicht erwehren konnte.

»Wann? – jetzt gleich, wenn Sie wollen,« lachte der Arzt. »Vorher muß ich Ihnen aber noch bemerken, daß der berühmte Mann im grauen Rock, vor dem Sie einen solchen Respect haben, richtig aufgefunden ist – denn was spürte die Polizei nicht heraus, wenn man ihr nur ihre Zeit läßt – und er hat sich als ein vollkommen achtbares, aber auch eben so harmloses Individuum herausgestellt, das damals nicht etwa ein überirdischer Auftrag, sondern ein sehr irdisches Verlangen nach einer kleinen Summe Geldes zu Ihrem Gatten getrieben hatte. Der gute Mann ist aber etwas schüchterner Natur und da Sie bei seinem Anblick ohnmächtig wurden, hielt er sich für überflüssig und ging seiner Wege. Diesmal wird er aber nicht verschwinden und ich frage Sie jetzt noch einmal, fühlen Sie sich in diesem Augenblick stark genug, Ihrem vermutheten Gespenst nicht allein noch einmal zu begegnen, sondern ihm auch guten Abend zu sagen und nachher sogar eine Tasse Thee mit ihm zu trinken?«

»Doctor – wenn Sie mir die Ueberzeugung geben könnten!« rief die Frau, indem sie von ihrem Stuhl emporsprang.

»Schön« sagte der Doctor, »dann bitte, geben Sie mir Ihren Arm. – Sie sind ja sonst ein vernünftiges Frauchen,« setzte er herzlich hinzu, »und werden sich doch wahrhaftig Ihren klaren Verstand nicht von einer bloßen Einbildung todtschlagen lassen. – Also jetzt kommt die Geisterbeschwörung und danach hoffe ich Sie wieder so munter und heiter zu sehen, wie nur je.«

Er ließ ihr auch keine Zeit zu weiteren Einwendungen, nahm ihren Arm und führte sie der Thür von ihres Gatten Zimmer zu.

»Können wir eintreten?« rief er hier, indem er anklopfte.

»Nur herein!« tönte des Justizraths frische Stimme, allein als der Doctor die Thür aufwarf, fühlte er wie die Justizräthin an seinem Arm zusammenzuckte. Pauline war jedoch schon an ihre andere Seite getreten, um sie im Nothfall zu unterstützen. Aber die junge Frau hatte nicht zu viel versprochen, wenn sie sagte, daß sie sich stark fühlte und doch gehörte viel Willenskraft dazu, dem was sie bis dahin für eine furchtbare Wirklichkeit gehalten – eine Botschaft aus der Geisterwelt – jetzt wieder, genau wie an jenem Abend, zu begegnen und ruhig dabei zu bleiben.

Auf dem Tisch stand die Lampe und warf ihren düsteren Schein über das kleine Gemach, links neben dem Tisch saß der Justizrath – rechts neben dem Ofen, den rechten Arm über die Stuhllehne, das etwas bleiche Antlitz der Thür zugedreht – Auguste mußte tief Athem holen, denn ein unsagbares Etwas schnürte ihr die Brust zusammen, – saß der Mann im grauen Rock, genau wie sie ihn an jenem Abend gesehen, in jeder Miene, in jeder Falte seines Rockes.

»So meine liebe Frau Justizräthin«, rief aber der Doctor jetzt – »hier habe ich also das Vergnügen Ihnen unseren Buzemann, unser Schreckgespenst vorzustellen. Herrn Conrad Wohlmeier aus Königsberg – Herr Wohlmeier, Frau Justizräthin Bertling – bitte reichen Sie ihr die Hand, damit sie nicht etwa glaubt, Sie beständen blos aus Kohlenstoff und Stickstoffgas.«

Der kleine Mann war etwas verlegen von seinem Stuhl aufgestanden und der ihn noch immer starr ansehenden Frau die Hand entgegenreichend, sagte er:

»Frau Justizräthin, es sollte mir unendlich leid thun, wenn Sie mich für einen Geist gehalten haben. – Ich bin nur ein armer Gymnasiallehrer, der –«

»Bravo«! rief der Doctor lachend aus, »das war eine vortreffliche Rede, die Sie da gehalten haben, und nun, meine liebe Frau Justizräthin, sind Sie jetzt überzeugt, daß Sie Ihrem guten Mann ganz nutzlos eine Menge Sorge und Noth gemacht und sich selber in besonders thörichter Weise gequält und geängstigt haben?«

»Lieber Doctor – wie soll ich Ihnen danken?« sagte die Frau, während Bertling auf sie zu ging und sie umarmte und küßte.

»Und jetzt!« rief Pauline lachend aus, »wollen wir auch noch den letzten Zeugen herein holen, der eine ganz vortreffliche Erklärung abgeben kann, woher die Frau Heßberger etwas von dem Mann im grauen Rock gewußt« – und damit sprang sie nach der Thür des Doctors, um die Rieke herein zu rufen – aber die Thür war fest verschlossen und der Schlüssel abgezogen. –

»Nun was ist das?« frug sie – »die Thür ist ja zu.«

»Hm, ja,« lachte der Justizrath, aber doch etwas verlegen, »da ich – da ich doch nicht wissen konnte, wie die Sache heute ablief, so –«

»So hat er die Thür abgeschlossen, daß ihm der Geist nicht wieder davonlaufen konnte!« jubelte der Doctor – »das ist vortrefflich. Justizrath, Sie sind ein Schlaukopf.«

Die Rieke wurde indessen hereingeholt und bestätigte, was sie schon an dem Nachmittag der Justizräthin gestanden, daß sie an jenem Abend die Frau Heßberger unten im Haus getroffen und sie gefragt habe, ob sie keinen Mann in einem grauen Rock gesehen, der so plötzlich weg gewesen wäre und über den sich die Frau so geängstigt hätte, daß sie ohnmächtig geworden wäre. Danach konnte sich die Kartenschlägerin wohl denken, daß die Erwähnung jenes Mannes noch frisch in der Erinnerung der Justizräthin sein würde und in der Art solcher Frauen benutzte sie das geschickt genug.

Der Doctor schwur übrigens, daß er der Gesellschaft da oben über kurz oder lang das Handwerk legen lassen werde, denn er versicherte, daß ihm in letzter Zeit schon verschiedene Fälle vorgekommen wären, wo sie mit ihren so genannten Prophezeihungen Unheil gestiftet oder den Leuten sehr unnöthiger Weise Kummer und Herzeleid bereitet hätten.

Unter der Zeit deckte die Rieke den Tisch und die kleine Gesellschaft setzte sich dann unter Lachen und heiteren Gesprächen – die Justizräthin zwischen den Doctor und »den Mann im grauen Rock« – zu dem frugalen aber fröhlichen Mahle nieder. Von dem Abend an aber verließen jene bösen Träume die Justizräthin, denn zu fest hatte sie an die Erscheinung geglaubt, um nicht jetzt, wo ihr der unleugbare Beweis des Gegentheils geworden, auch nicht die ganze Gespensterfurcht fallen zu lassen. Der Justizrath aber, seinem Wort getreu, und nur zu glücklich, sein liebes Weib von jenem unheilvollen Gedanken geheilt zu sehen, beschenkte den kleinen Lehrer noch an dem nämlichen Abend so reichlich, daß er am nächsten Morgen, jeder Sorge enthoben, seine Heimreise und dann seine Stellung in der Vaterstadt antreten konnte.

Die Folgen einer telegraphischen Depesche.

Telegraphische Depesche

Dr. A. Müller Leipzig –straße 15.

Herzlichsten Glückwunsch – heutigen Geburtstag noch oft wiederkehren – Alle wohl – tausendmal grüßen – Inniger Freundschaft.

Mehlig.

Obige Depesche war Morgens Früh, sieben Uhr in Berlin aufgegeben worden, gelangte durch den Drath nach Leipzig und wurde dem erst gestern angestellten Depeschenträger Lorenz als erste Besorgung zur augenblicklichen Beförderung übergeben.

Lorenz lief was er laufen konnte, warf am richtigen Haus angelangt, noch einen flüchtigen Blick auf die Adresse, zog dann die Klingel an der Hausthür, und wurde ohne Weiteres eingelassen.

Wie er die Hausflur betrat, öffnete sich rechts eine Thür. Ein ältliches Fräulein mit weißer Haube und Schürze kam heraus, und trug einen Präsentirteller in der Hand, auf dem das, wahrscheinlich eben gebrauchte Kaffeeservice stand; Lorenz trat auf sie zu.

»Telegrafische Depesche!« sagte er und hielt ihr das Couvert mit dem rothen Streifen entgegen.

»Jesus Maria und Joseph!« schrie die Dame, schlug in blankem Entsetzen die Hände über den Kopf zusammen und ließ das ganze Kaffeeservice auf die Erde fallen.

»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte Lorenz, indem er sich bückte und die halbe Kaffeekanne aufhob, den Präsentirteller aber liegen ließ.

»Von wem ist sie denn?« schrie aber die Dame, ohne selbst in dem Augenblick des zerbrochenen Geschirrs zu achten.

»Ja das weeß ich Sie werklich nich,« sagte Lorenz, »aber sie is für den Herrn Doctor Müller.«

»Doctor Müller? – Sie Ungeheuer Sie, was bringen Sie mir denn da das entsetzliche Papier?« rief die Dame mit vor Zorn gerötheten Wangen.

»Aber ich bitte Sie um tausend Gottes Willen mein bestes Mamsellchen!«

»Jetzt kann mir Ihr Telegraph mein Service bezahlen,« zürnte aber die schöne Wüthende, »das ist ja ärger wie Einbruch und Diebstahl! oh, das herrliche Porcellan!« Sie kniete neben den Scherben nieder und begann die auseinander gesprengten Stücke, allerdings vergebens, wieder zusammenzupassen. Lorenz wurde es aber unheimlich und wenn er auch nicht recht begriff weshalb die Dame so erschreckt sei, hielt er dies doch für einen passenden Moment sich aus dem Staub zu machen. Doctor Müller wohnte jedenfalls oben. In Gedanken behielt er auch die halbe Kaffeekanne bis zur Treppe in der Hand, dort legte er sie aber vorsichtig auf die erste Stufe und stieg dann rasch hinauf in die Bel-Etage.

Hier mußte er wieder klingeln. Ein Dienstmädchen öffnete ihm die Thür.

»Telegrafische Depesche!« sagte Lorenz und hielt ihr das Papier entgegen. Kaum war aber das Wort heraus, als das Mädchen ihm die Thür wieder vor der Nase zuschlug und er hörte nur noch wie sie drin über den Gang stürzte und in ein Zimmer hineinschrie: »O Du lieber Gott eine telegraphische Depesche.« Ein lauter Schrei antwortete – ängstlich hin und wiederlaufende Schritte wurden drinnen laut und Niemand schien sich weiter um Lorenz zu bekümmern.

»Hm,« dachte dieser, »das is mer doch eene kuriose Geschichte – was se nur derbei haben? – wenn se nich bald kommen, bimmele ich noch eenmal.«

Schon hatte er die Hand zum zweitenmale nach der Klingel ausgestreckt, als es drinnen wieder laut wurde. Deutlich konnte er die Schritte einer Anzahl von Personen hören, die auf die Saalthür zukamen und diese wurde endlich wieder halb geöffnet.

Wenn Lorenz nicht selber so erschreckt gewesen wäre, hätte er gern gelacht, denn auf dem Gang drinnen stand die wunderlichste Procession, die er in seinem ganzen Leben gesehen. Vorn ein Herr mit einem dicken rothen Gesicht und feuerrothem Backenbart, einem sehr schmutzigen Schlafrock, darunter die zusammengebundenen Unterhosen und ein Paar niedergetretene Pantoffeln. Hinter ihm stand eine Dame, ebenfalls im höchsten Morgennegligée mit weißer Nachtjacke und Unterrock. Rechts und links von diesen beiden drängten sich zwei Dienstboten herbei, Neugierde und Furcht in den bleichen Gesichtern und vier oder fünf Kinder schauten dazu mit den noch ungewaschenen und ungekämmten Köpfen vor, wo sie irgend Raum finden konnten diese durchzuschieben.

»Telegrafische Depesche für Herrn Doctor Müller,« sagte Lorenz, um diesmal keine Verwechslung des Namens möglich zu machen.

»Müller? – Holzkopf!« schrie aber der Herr im Schlafrock und warf die Thür von innen wieder dermaßen in's Schloß, daß Lorenz kaum Zeit behielt zurückzuspringen.

Etwas erstaunt blieb er, mit seiner Depesche in der Hand, jetzt an der Schwelle stehn, fing aber doch nun an zu glauben, daß die ganze Sache irgend etwas Furchtbares und Gefährliches in sich trage, das mit den geheimnißvollen Telegraphendrähten natürlich in directer Verbindung stehen mußte, und daß jetzt mehr als je daran liege, die richtige Person dafür zu finden. Vor allen Dingen suchte er deshalb, ehe er sich weiteren Mißverständnissen aussetzte, die Wohnung des besagten Doctor Müller ausfindig zu machen und der Zeitungsjunge, der eben das Tageblatt brachte, diente ihm dabei als untrügliche Quelle.

»Doctor Müller?« sagte dieser – »eine Treppe höher, können gleich das Tageblatt mit hinaufnehmen – doch Treppen genug zu laufen.«

Lorenz übernahm die Besorgung und befand sich bald zu seiner innigen Beruhigung an der rechten Thür. Ein kleines weißes Schild mit dem Namen des Dr. Müller darauf zeigte ihm, daß er sein Ziel erreicht habe.

An dieser Vorsaalthür war keine Schelle. Er klopfte erst ein paar Mal, und da ihm Niemand antwortete, drückte er die Klinke nieder und trat ein. Auf dem Vorsaal sah er auch Niemanden und die Küche stand leer, in der nächsten Stube hörte er aber Stimmen, ging dort hinüber und klopfte an.

Wie sich die Thür öffnete glänzte ihm ein mit Blumen, Torten und Geschenken bedeckter Tisch entgegen und eine junge allerliebste kleine Frau frug ihn freundlich was er wünsche. Lorenz, der außerordentlich gutmüthigen Herzens war, dachte aber mit Zagen an die Verwirrung, die er parterre und im ersten Stock schon angerichtet hatte und wünschte, mit dem unbestimmten Bewußtsein, daß er der Träger irgend einer furchtbaren Nachricht wäre, diese der jungen hübschen Frau so vorsichtig als möglich beizubringen.

»Ach heren Se,« sagte er deshalb – »erschrecken Sie nich – es is Sie was vom Telegrafen.«

Die junge Frau sah ihn stier an, hob langsam den rechten Arm in die Höh und brach mit dem kaum hörbaren Schrei: »Er ist todt!« bewußtlos zusammen. Ihr Gatte hatte auch in der That kaum Zeit sie aufzufangen und vor einem vielleicht schlimmen Sturze zu bewahren.

»Um Gottes Willen, was ist?« frug er dabei den wie halb vom Schlag gerührten Depeschenträger »eine Telegraphische Depesche? – woher?«

»Nun, da Sie's doch schon einmal wissen,« sagte Lorenz, inniges Mitleid in den erschreckten Zügen – »es is Sie richtig vom Telegrafen.«

Der junge Mann trug sein armes, bewußtloses Frauchen auf das Sopha, wo er sie den Händen der jammernd herbeistürzenden Schwiegermutter übergab. Das Kind, das die Wärterin auf dem Arme trug, fing dabei an zu schreien, die Köchin war ebenfalls herein gekommen und stand schluchzend und händeringend an der Thür und mit zitternden Händen erbrach jetzt Dr. Müller die Depesche, deren Buchstaben ihm im Anfang vor den Augen flirrten und tanzten. Endlich las er leise vor sich hin:

Herzlichen Glückwunsch – heutigen Geburtstag – noch oft wiederkehren – Alle wohl – tausendmal grüßen – liebe Frau auch. Inniger Freundschaft.

Mehlig.

Erst am Schluß und wie ihm das Bewußtsein dämmerte um was es sich hier handele, knitterte er das Papier in der Hand zusammen, drehte einen Ball daraus und schleuderte diesen mit aller Gewalt auf den Boden.

»Ist er todt?« sagte Lorenz in theilnehmendem Mitgefühl.

»Gehen Sie zum Teufel,« rief Dr. Müller in leicht verzeihlichem Aerger – »Sie und Ihre telegraphische Depesche – solchen Glückwunsch möcht ich mir nächstes Jahr noch einmal zum Geburtstag wünschen – meine arme Frau kann den Tod davon haben.«

»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte Lorenz, Niemand bekümmerte sich aber mehr um ihn, denn die Uebrigen waren jetzt sämmtlich um die Ohnmächtige beschäftigt, so daß er die Gelegenheit für passend hielt, sich so rasch und unbemerkt als möglich zu entfernen. Durch das Haus mußte er aber noch einmal förmlich Spießruthen laufen.

»Ach Sie Unglücksvogel,« sagte das Kindermädchen, das ihm mit einer Vase frischen Wassers, um der Frau zu helfen, an der Thür begegnete.

»Das nächste Mal erkundigen Sie sich vorher nach dem Namen, Sie Dingsda« – sagte der Herr in dem schmutzigen Schlafrock, der an der Saalthür in der ersten Etage ganz besonders auf ihn gewartet haben mußte, als er dort rasch und geräuschlos vorbeigleiten wollte, und unten in der Hausflur saß die Mamsell noch immer bei den Scherben, die sie vergebens zusammenpaßte.

Auch diese empfing ihn wieder mit einer Fluth von Vorwürfen, Lorenz aber hielt sich nicht auf und floh aus dem Haus hinaus, als ob er hätte stehlen wollen und dabei erwischt worden wäre.

Erst nach langer Zeit gewöhnte er sich auch an diese unausbleiblichen Folgen derartiger Depeschen, und als ich ihn neulich sprach, hatte er sogar eine Art statistischer Tabelle aufgestellt, nach der er berechnet haben wollte, daß durchschnittlich auf je vier telegraphische Depeschen – denn nicht alle laufen so unglücklich ab, – eine Ohnmacht und zwei zerbrochene Tassen, nur auf die sechste oder siebente aber ein ernstlicher Unfall folge.

»S'is was Scheenes um en Telegrafen,« sagte er dabei, »aber Gott bewahre Eenen vor ener telegrafischen Depesche!«

Der Polizeiagent.

I.
Im Packwagen.

Es war im Juli des Jahres 18–, als der von Cassel kommende Schnellzug in Guntershausen hielt und dort solch eine Unzahl von Passagieren vorfand, daß die Schaffner kaum Rath und Aushilfe wußten. Alle Welt befand sich aber auch gerade in dieser Zeit unterwegs und die Züge – da das andauernd schlechte Wetter bisher die Reisenden zurückgehalten – waren bei dem ersten warmen Sonnenstrahl gar nicht auf einen so plötzlichen Andrang berechnet gewesen.

Uebrigens machte man möglich, was eben möglich zu machen war. Alle vorhandenen Wagen wurden eingeschoben, jeder noch freie Platz dritter Klasse – zum großen Aergerniß mit Hutschachteln und Reisetaschen reich bepackter Damen – auf das gewissenhafteste ausgefüllt und dann in die zweite, ja sogar selbst in die erste Klasse hineingeschoben was eben hineinging. Die nächsten Stationen nahmen ja auch wieder Reisende ab, und nach und nach regulirte sich alles.

Durch diesen Aufenthalt hatte sich der Schnellzug aber auch um eine gute halbe Stunde verspätet und war eben zum Abfahren fertig, als noch ein leichter Einspänner angerasselt kam und ein einzelner Herr, eine kleine lederne Reisetasche in der Hand, heraus und darauf zusprang.

»Zu spät,« rief ihm der Oberschaffner entgegen und gab den verhängnißvollen schrillenden Pfiff; »wir haben alle Personenwagen besetzt.«

Der Fremde, der augenscheinlich kein Neuling auf Reisen war, warf einen raschen, prüfenden Blick über die lange Wagenreihe und sah Kopf an Kopf in den Fenstern – aber die Schiebethür des Packwagens stand noch halb geöffnet.

»Dann werde ich mich bis zur nächsten Station bei den Koffern einquartiren,« lachte er und ohne die Einwilligung des Schaffners abzuwarten, der übrigens auch nichts dagegen hatte, sprang er auf den Wagentritt und in den Packwagen hinein. Bei einem solchen Andrang von Personen mußte sich ein jeder helfen so gut er eben konnte.

»Das ist eigentlich nicht erlaubt –« sagte der Packmeister; aber der Fremde kannte genau die Sprache, die hier alleinige Geltung hatte, und dem Packmeister ein Stück Geld in die sich unwillkürlich öffnende Hand drückend, lachte er:

»Ich führe ganz vortreffliche Cigarren bei mir und wenn ich nicht im Wege bin, erlauben Sie mir wohl eine Viertelstunde Ihnen hier Gesellschaft zu leisten.«

»Haben Sie denn ein Billet?« frug der Mann und sein Gefühl sagte ihm, daß er ein großes Silberstück in der Hand hielt.

»Noch nicht – ich bin eben erst, wie der Zug abgehen wollte, mit einem Einspänner von Melsungen herüber gekommen. Mein Billet nehme ich auf der nächsten Station.«

»Na da setzen Sie sich nur da drüben auf den Koffer, in Treysa gibt's Platz,« bemerkte der Packmeister, während der Fremde seine Cigarrentasche herausnahm und sie dem Manne hinhielt.

»Mit Erlaubniß – danke schön« – die Bekanntschaft war gemacht, der Zug überdies in Bewegung und der Passagier, bis ein anderer Platz für ihn gefunden werden konnte, rechtsgültig untergebracht.

Eine Cigarre wirkt überhaupt oft Wunder und die Menschen, die sich diesen Genuß aus ein oder dem andern Grunde versagen, wissen und ahnen gar nicht, wie sehr sie sich oft selber dadurch im Lichte stehen. Mit einer Cigarre ist jeder im Stande, augenblicklich auf indirecte Art eine Unterhaltung anzuknüpfen, indem man nur einen Reisegefährten um Feuer bittet. Ist dieser in der Stimmung, darauf einzugehen, so giebt er die eigene Cigarre zum Anzünden. Paßt es ihm aber nicht, so bleibt ihm immer noch ein Ausweg – er reicht dann dem Bittenden einfach ein Schwefelholz. Der Empfänger dankt, zündet seine Cigarre an, wirft das Holz weg und betrachtet sich als abgewiesen.

Mit einer dargebotenen Cigarre gewinne ich mir außerdem das Herz unzähliger Menschen, die der nicht rauchende Reisende in gemeiner Weise durch schnöde Fünf- und Zehn-Groschenstücke gewinnen muß. – Sitz' ich auf der Post neben dem Postillion auf dem Bock, so öffnet mir eine Cigarre sein ganzes Herz; ich erfahre nicht allein die außerordentlichen Eigenschaften seiner Pferde, sondern auch die Familiengeheimnisse des Posthalters und erweiche ich dasselbe sogar noch mit einem Glase Bier, so liegt sein eigenes Innere offen vor mir da. Selbst der gröbste Schaffner wird rücksichtsvoll, sobald er die ihm dargereichte Cigarrentasche erblickt – man soll nämlich derartigen Leuten nie eine einzelne Cigarre hingeben, weil sie außerordentlich mißtrauisch sind und leicht Verdacht schöpfen können, man führe besondere »Wasunger« Sorten bei sich für solchen Zweck und das verletzt ihr Ehrgefühl.

Auch der Packmeister war gesprächig geworden – die Cigarre schmeckte ausgezeichnet – und erzählte von dem, was ihm natürlich am nächsten lag, von der ewigen unausgesetzten Plackerei, so daß man seines Lebens kaum mehr froh werden könnte. Die ganze Welt reise jetzt – wie er meinte – in die Bäder. Er reiste auch in einem fort – alle Wochen drei Mal in die Bäder, kam aber nie hin und hatte kaum Zeit, sich Morgens ordentlich zu waschen, viel weniger zu baden. In seinem Packwagen stecke er dazu wie eine Schnecke in ihrem Haus, nur daß die Schnecke nicht ununterbrochen Koffer und Hutschachteln ein- und auszuladen hätte. »Sehen Sie« – setzte er dann hinzu – »so gewöhnt man sich aber daran, daß ich schon Nachts in meinem eigenen Bett – wenn ich meine Nacht daheim hatte und ich schlafe dicht am Bahnhof – im Traum, sowie ich nur die verdammte Locomotive pfeifen hörte, Bettdecke und Kopfkissen in die Stube hineingefeuert habe, weil ich glaubte, es wäre Station und ich müßte ausladen. Es ist Sie ein Hundeleben.«

Wieder pfiff diese nämliche Locomotive. Der Zug hielt an einer der kleinen Stationen und drei Koffer gingen hier ab, und ein anderer Koffer mit zwei Reisesäcken und eine Kiste kam hinzu. Der Fremde mußte aber noch sitzen bleiben, denn der Aufenthalt dauerte zu kurze Zeit, um ein Billet lösen zu können.

»Ich begreife nicht,« sagte der Fremde, »wie Sie sich da immer so zurecht finden, daß Sie gleich wissen was expedirt wird und was dableibt. Kommt da nicht auch oft ein Irrthum vor?«

»Doch selten,« meinte der Packmeister, indem er seine bei der Expedition ausgegangene Cigarre wieder mit einem Schwefelhölzchen anzündete – »man bekommt Uebung darin. Nur heute wär mir's in dem Wirrwarr bald schief gegangen, denn in Guntershausen hatte ich aus Versehen den nämlichen Koffer hinausgeschoben, auf dem Sie da sitzen. Glücklicherweise kriegte ihn der Eigenthümer noch zur rechten Zeit in die Nase – und das bischen Spectakel, was der machte! Aber es war ja noch kein Malheur passirt und so schoben wir ihn wieder herein. Den Packmeister möchte ich überhaupt sehen, dem nicht schon einmal ein falscher Koffer entwischt ist – der Telegraph bringt das aber alles wieder in Ordnung. – Staatseinrichtung das mit dem Telegraphen.«

Der Fremde hatte sich, während der Mann sprach fast unwillkührlich den Koffer angesehen, auf dem er saß, und stand jetzt auf und las das kleine Messingschild. Es enthielt nur die zwei Worte »Comte Kornikoff

»Und wie sah der Herr aus, dem der Koffer gehörte?« frug er endlich.

»Oh, ein kleines, schmächtiges Männchen,« meinte der Packmeister, »mit einem pechschwarzen Schnurrbart und einer blauen Brille.«

»Wohin geht denn der Koffer heute?«

»Nach Frankfurt – ich war ja ganz confus und glaubte, er ginge nach Cassel, weil ich gestern den Packwagen dorthin hatte.«

Wieder pfiff die Locomotive und während der Packmeister von seinem Geschäft in Anspruch genommen wurde, betrachtete der Fremde das Schild noch genauer, aber er sprach nichts weiter darüber und da sie gleich darauf in Treysa hielten, mußte er dort aussteigen und ein Billet lösen. Hier war auch eine große Zahl von Passagieren abgegangen und Platz genug geworden.

»Wohin fahren Sie?«

»Frankfurt –«

»Die vorderen Wagen.«

Der Fremde schritt an der Reihe hinauf und sah in die verschiedenen Coupés hinein. In dem einen saß ein Herr und eine Dame. Der Herr trug eine blaue Brille. Er öffnete sich selber die Thür, stieg ein, grüßte und nahm dann in der einen Ecke Platz.

Der Herr mit der blauen Brille schien das nicht gern zu sehen – er schaute aus dem Wagenfenster als ob er einen Schaffner herbeirufen wollte, und warf dann einen forschenden Blick auf den Fremden. Dieser aber kümmerte sich nicht darum, legte seine kleine Reisetasche in das Netz hinauf und machte es sich dann vollkommen bequem.

»Bitte, Ihr Billet, mein Herr –«

»Hier –«

»Sie haben aber erste Klasse.«

»Es sitzen einige Damen erster Klasse,« sagte der Fremde, »und da ich den Herrn da rauchen sah, nahm ich hier Platz. Die Dame wird mir wohl das Anzünden einer Cigarre erlauben.«

Die letzten Worte waren, wie halb fragend an die Dame gerichtet, deren Gesichtszüge sich aber nicht im Geringsten dabei veränderten. Sie mußte den Sinn derselben gar nicht verstanden haben.

Der Schaffner coupirte das Billet und die Passagiere waren allein; da aber der Fremde der Artigkeit Genüge leisten wollte, nahm er seine Cigarrentasche heraus und aus dieser eine Cigarre und sagte dann noch einmal, sich an den Herrn wendend:

»Die Dame scheint meine Frage nicht verstanden zu haben. Sie erlaubt mir wohl, daß ich rauche?«

»Sprechen Sie Englisch?« frug der Herr in dieser Sprache zurück – »ich verstehe kein Deutsch –«

»Ich muß sehr bedauern,« sagte der Fremde achselzuckend, aber wieder in deutscher Sprache. Die Unterhaltung war dadurch unmöglich geworden, die Pantomine indeß zu deutlich gewesen und der Herr mit der blauen Brille reichte dem, wie es schien eben nicht willkommenen Reisegefährten seine brennende Cigarre zum Anzünden, die dieser dankend annahm und dann zurückgab.

Die Dame hatte den Kopf halb abgewandt und sah zu dem geöffneten Fenster hinaus. Der Fremde warf unwillkürlich den Blick nach ihr hinüber und mußte sich gestehen, daß er selten, wenn je in seinem Leben, ein schöneres Gesicht, regelmäßigere Züge, feurigere Augen und einen tadelloseren Teint gesehen habe. Und wie schön mußte das Mädchen oder die Frau erst sein, wenn sie lächelte, denn jetzt zog eine Mischung von Trotz und Stolz – vielleicht der Unwille über des Fremden Gegenwart, die fein geschnittenen Lippen zusammen und gab dem lieben Antlitz etwas Finsteres und Hartes, was ihm doch sonst gewiß nicht eigen war.

Ein kurzes Gespräch entspann sich jetzt zwischen dem Herrn und der Dame, auf welches der Fremde aber nicht zu achten schien, denn er nahm ein Eisenbahnbuch aus der Tasche und blätterte darin. Die Dame sagte, ohne jedoch den Blick von der Landschaft wegzuwenden, ebenfalls in englischer Sprache:

»Wer ist der Fremde?«

»Ich weiß es nicht,« lautete die Antwort, »aber wir brauchen uns seinetwegen nicht zu geniren; er versteht kein Englisch.«

»Aber er sieht englisch aus.«

»Bewahre,« lachte der Mann – »er hat auch nicht ein einziges englisches Stück Zeug an seinem Körper – die Reisetasche ist ebenfalls deutsch, gerade so wie sein Handbuch.«

»Er ist lästig, wir hätten erster Classe fahren sollen.«

»Liebes Herz, das schützt uns nicht vor Gesellschaft, denn der Herr hat ebenfalls ein Billet erster Classe und ist nur hier eingestiegen, weil er mich rauchen sah.«

»Dein fatales Rauchen.« – Die Unterhaltung stockte und der Herr mit der blauen Brille warf noch einen prüfenden Blick nach seinem Reisegefährten hinüber, der aber gar nicht auf ihn achtete und sich vollständig mit seiner Cigarre und seinem Buch beschäftigte. Nur dann und wann hob er den Blick und schaute nach beiden Seiten auf die Landschaft hinaus und streifte dann damit, wenn auch nur flüchtig, den Fremden.

Es war eine kleine, aber zierliche schlanke Gestalt, sehr elegant, aber fast zu sorgfältig gekleidet, auch mit mehr Schmuck als ein wirklich vornehmer Mann zu zeigen pflegt. Die Hände aber hatten etwas wirklich Aristokratisches – sie waren weiß und zart geformt und wenn er den Mund zum Sprechen öffnete, zeigte er zwei Reihen auffallend weißer Zähne. Sein Haar war braun und etwas gelockt, der Schnurrbart aber von tiefer Schwärze, jedenfalls gefärbt. Die Augen ließen sich nicht erkennen, da sie von der blauen Brille bedeckt wurden. Trotzdem aber, daß er nur englisch zu sprechen schien, war er vollkommen nach französischer Mode gekleidet. Nur die junge Dame trug in ihrem Putz und Reiseanzug den entschieden englischen Charakter, wie auch entschieden englische Züge. Ihren Begleiter würde man weit eher für einen Franzosen als für einen Sohn Albions gehalten haben.

Mehrere Stationen blieben die Drei allein in ihrem Coupé. Die Dame war müde geworden und hatte – soweit es die Bewegung des Wagens erlaubte – ein wenig geschlafen. In Gießen aber kamen noch eine Anzahl Passagiere hinzu und zwei von diesen, ein Herr und eine Dame, stiegen in dies nämliche Coupé. Wieder ein Paar Engländer und die Dame, wenn auch schon ziemlich in den Jahren, doch mit den unvermeidlichen, langen Hobelspahnlocken, die ihr vorn fast bis zum Gürtel nieder hingen; der Herr mit einem breitränderigen, schwarzen Filzhut, einem kleinen, sehr mageren Schnurrbart und einer Cigarre im Munde – lauter continentale Reiseerinnerungen, die wieder fallen müssen, sobald der Eigenthümer derselben den Boden seines Vaterlandes aufs neue betritt.

Wenn sich die beiden Herren aber auch ziemlich kalthöflich gegeneinander verneigten, so schienen die Damen dagegen schon beim ersten Blick die gemeinsame Nationalität erkannt zu haben, und kaum saß die Neuhinzugekommene, als sie auch ein lebhaftes Gespräch mit ihrer jungen Nachbarin begann, an dem sich diese ebenfalls zu freuen schien, denn ihr Gemahl oder Begleiter hatte sie wenig genug unterhalten.

Engländer auf dem Continent – wie könnte es ihnen auch an Stoff zur Unterhaltung fehlen – Vereinigt sie nicht ein gemeinsames Leid und Elend? Werden sie nicht gleichmäßig von allen Wirthen, Kellnern, Droschkenkutschern, Gepäckträgern und Lohnbedienten geprellt, und kann ein wirklicher Engländer ohne Lohnbedienten auf dem Continent durchkommen, denn spricht er je die Sprache des Landes, auf dem er eine freie Zeit zubringen will? – Unter hunderten kaum einer.

Das Gespräch – sowie nur die ersten Fragen über woher und wohin erledigt waren, drehte sich auch nur um diesen Gegenstand, und der Herr mit dem breitkrämpigen Hut nahm bald lebhaften Theil daran.

Er kam mit seiner Frau natürlich von London, hatte vier Wochen zur Reise bestimmt, zwei davon schon nützlich verwandt, und schien fest entschlossen, auch die andern beiden noch daran zu setzen, um sich in jeder nur erreichbaren Stadt Deutschlands über die Wirthe im Einzelnen und das Volk im Allgemeinen zu ärgern, und dann mit dem stolzen Bewußtsein nach Hause zurückzukehren, daß es doch nur ein England in der Welt gäbe.

Die junge Frau kam, wie sie sagte, mit ihrem Mann von Hannover, wo sie ein Jahr bei Freunden zugebracht. Sie beabsichtigten jetzt auf einen Monat nach Frankfurt oder auch vielleicht in ein benachbartes Bad zu gehen, um ihre Gesundheit, die durch den längeren Aufenthalt in dem rauhen Lande angegriffen sei, wieder herzustellen.

»Und wo werden Sie in Frankfurt wohnen?«

Sie wußten es noch nicht – der Herr mit dem breiträndrigen Hut schlug die »Stadt Hull« als ein sehr billiges, ihm besonders empfohlenes Gasthaus vor. Uebrigens könne man ja vorher über den Preis von »board and lodging« akkordiren – er thäte das immer, wenn es auch ein wenig »schäbig« aussehe – den deutschen Wirthen gegenüber sei man sich das aber schuldig.

Beide Parteien beschlossen deshalb, in Stadt Hull zu übernachten und gemeinschaftlich zu essen – »es sei das billiger.« Morgen konnte man dann auch zusammen einen Lohnbedienten nehmen, und sparte dadurch die halbe Auslage – der morgende Tag würde überhaupt ein sehr angestrengter werden, denn es gab in Frankfurt – nach Murray – eine Unmasse von Sehenswürdigkeiten, die nun einmal durchgekostet werden mußten, wenn man nicht die Reise umsonst gemacht haben wollte.

Der Herr mit der blauen Brille hatte sich nicht sehr an der Unterhaltung betheiligt. Er schien keine Freude daran zu finden. Auch die Aufforderung, gemeinsam in Stadt Hull zu logiren, beantwortete er zweideutig, während die junge Dame augenblicklich bestimmt zusagte. Dann lehnte er sich in seine Ecke zurück und schlief – er verhielt sich wenigstens von da an vollkommen ruhig, wenn man auch der blauen Brillengläser wegen nicht einmal sehen konnte, ob er nur die Augen geschlossen hielt.

Es war indessen dunkel geworden – die übrigen Passagiere wurden ebenfalls müde, und nur auf der vorletzten Station unterbrach der Schaffner noch einmal die Stille, indem er die Billete nach Frankfurt abforderte.

Der Fremde mit der blauen Brille schien wirklich eingeschlafen zu sein. Er fuhr, als ihn der Schaffner, der neben ihm durch das Fenster sah, auf die Schulter klopfte, ordentlich wie erschreckt in die Höhe und sah sich wild und verstört um – er hatte jedenfalls geträumt, und suchte dann, als er begriff was man von ihm wolle, in der Westentasche nach seinem Billet.

Ein kleiner weißer Streifen Papier fiel dabei auf die Erde und der Fremde mit der Reisetasche, der jenem schräg gegenüber saß, stellte den Fuß darauf. Dann war wieder alles still; der mit der blauen Brille lehnte sich in seine Ecke zurück und sein halbes Vis-à-vis nahm sein Taschentuch heraus, ließ es wie zufällig fallen und hob den Zettel damit auf – es war der Gepäckschein.

Bald darauf rasselte der Zug mit einem markdurchschneidenden Pfeifen – daß Einem die eigene Lunge weh that, wenn man es nur hörte – in den Frankfurter Bahnhof ein, und der Fremde mit der kleinen Reisetasche war der erste, der aus dem Wagen sprang und zu dem Güterkarren eilte. Hatte er indessen unredliche Absichten dabei gehabt, so sollte er die vereitelt sehen, denn es dauerte eine Ewigkeit, bis der, wie es schien, wohlgemerkte Koffer, auf den der Schein lautete, zum Vorschein kam, und bis dahin war der rechtmäßige Eigenthümer schon ebenfalls herbei gekommen und erkannte sein Gepäck. Vergebens suchte er indessen in allen Taschen nach seinem Schein und fluchte auf deutsch, englisch und französisch, daß ihm die Beamten sein Gepäck nicht ohne denselben ausliefern wollten.

Der Fremde hatte sich etwas zurückgezogen und stand im Schatten eines Pfeilers – jedenfalls machte er da die Entdeckung, daß der Herr mit der blauen Brille nicht allein vollkommen gut deutsch, sondern auch französisch sprach, und sich in beiden Sprachen erbot, seine Koffer zu öffnen und dadurch zu beweisen, daß er der Eigentümer sei.

Der Inspektor kam endlich heran und ersuchte ihn sehr artig, nur so lange zu warten, bis das übrige Gepäck fortgenommen sei; wenn er dann die passenden Schlüssel producire, möge er seine Koffer mit fortnehmen.

Der Fremde zeigte Anfangs viel Ungeduld, und erklärte mit dem nächsten Zuge nach Mainz noch weiter zu wollen, der Inspektor bedeutete ihm aber, daß er dann hätte besser auf seinen Gepäckschein Acht geben sollen – den Zug nach Mainz erreiche er indessen doch nicht mehr, da derselbe schon vor einer Viertelstunde abgegangen, weil sich der Schnellzug verspätet habe. Es blieb ihm zuletzt kein anderer Ausweg, als dem gegebenen Rath zu folgen, und als seine Koffer wirklich zurückgeblieben, und er sich durch seine Schlüssel als der rechtmäßige Eigenthümer legitimiren konnte, bekam er endlich sein Gepäck und ließ es – einen großen und einen kleineren Koffer – in die durch die Dame schon in Besitz genommene offene Droschke schaffen.

Dicht dahinter hielt noch eine verschlossene Droschke ohne Gepäck; sonst hatten sämmtliche Wagen, selbst die Omnibusse, schon die Bahn verlassen, und der Kutscher fuhr jetzt, auf die Anweisung des Reisenden, nicht nach der Stadt Hull, sondern nach dem »Hôtel Methlein

Die andere Droschke folgte in etwa zwanzig Schritt Entfernung nach, und hielt, als die erste in den Thorweg einfuhr. Ein Reisender mit einer kleinen Reisetasche in der Hand stieg aus, befahl dem Droschkenkutscher zu warten, und betrat dann zu Fuß das nämliche Hotel.

Dort angekommen legte der Reisende nur eben in dem ihm bezeichneten Zimmer sein geringes Gepäck ab, bestellte sich unten im Speisesaal etwas zu essen und verließ dann noch einmal das Hotel, um nach dem Telegraphenbureau zu fahren. Dort gab er folgende Depesche auf:

Mr. Burton, Union Hôtel, Hannover.

Ist ein Graf Kornikoff ein Jahr in Hannover gewesen? – Fremdenliste nachsehen. Kommen Sie so rasch als möglich hierher. – Bin ich abgereist, liegt ein Brief im Hotel. –

H.

Dann kehrte er ins Hotel zurück und verzehrte sein Abendbrod, das ihm der Kellner brachte.

Der Saal war leer; nur vier Herren saßen an einem Tisch und schienen, schon ziemlich angetrunken, den Geburtstag des einen zu feiern, der mit schwerer Zunge noch eine Flasche moussirenden Rheinwein bestellte. Um den Fremden bekümmerte sich Niemand.

Dieser aß das ihm vorgesetzte Beefsteak, trank seine Flasche Wein dazu und wartete es ruhig ab, bis ihm der Kellner das Fremdenbuch brachte. In dasselbe schrieb er sich ein als W. Hallinger, Particulier aus Breslau und blätterte dann die Seiten nach den dort eingetragenen Namen durch.

Ganz zuletzt – dicht über seinem eigenen Autograph – standen seine Reisegefährten eingetragen: »Comte Kornikoff und Frau, aus Petersburg – von Hannover nach Frankfurt.«

Der Kellner hatte dabei bemerkt Nr. 6 und 7.

»Wollen Sie morgen früh geweckt sein?« frug ihn der Portier, als er seine Flasche beendet und seine Cigarre ausgeraucht hatte, und eben im Begriff stand zu Bett zu gehen.

»Wann geht der erste Zug?«

»Wohin?«

»Nach Mainz oder Wiesbaden.«

»Sechs Uhr.«

»Gehen da noch mehrere Passagiere ab?«

»Jawohl,« erwiederte der Portier, auf die für den Hausknecht bestimmte Tafel zeigend – »Nr. 5, Nr. 17 und Nr. 37 lassen sich wecken. Soll ich Sie ebenfalls notiren?«

»Ach, ich weiß nicht; ich bin müde heut Abend. Ich werde wohl erst mit dem zweiten Zug fahren.«

»Sehr wohl, mein Herr – Kellner, Licht auf Nr. 8. Angenehme Ruhe.«

Der Fremde stieg auf sein Zimmer hinauf und sah vor Nr. 7 ein Paar Herrenstiefeln und ein Paar lederne Damenschuhe stehen. Im Hotel schlief aber schon alles; es war spät geworden, da sich der Zug überhaupt verspätet hatte und der »Particulier Hallinger« suchte ebenfalls sein Lager.

II.
Der Bundesgenosse.

Am nächsten Morgen war der Fremde, der sich in dem Fremdenbuch als Particulier Hallinger eingeschrieben hatte, trotzdem daß er nicht geweckt wurde, ziemlich früh wieder munter, aber es schlug 8 Uhr, und die Stiefel und die Damenschuhe standen noch immer vor Nr. 7, ohne hereingeholt zu sein. Erst gegen neun Uhr schienen die Insassen jenes Zimmers ordentlich munter zu werden, und um halb zehn Uhr wurde Kaffee bestellt. Aber erst gegen zwölf Uhr ging der Herr aus, und zwar allein – die Dame blieb auf ihrem Zimmer. Wie der Kellner aussagte, fühlte sich die Dame nicht ganz wohl, und wollte heute ausruhen – er hatte wenigstens nicht in das Zimmer gedurft, und das Stubenmädchen mußte den Kaffee hinein tragen. Wahrscheinlich lag sie noch im Bette.

Der Fremde blieb übrigens den ganzen Tag zu Haus, und schickte nur einen Brief an Messrs. Burton & Burton, London, 12 Fleetstreet durch den Hausknecht auf die Post. Thatsache war übrigens, daß er sich ungemein für seine Nachbarschaft zu interessiren schien, denn als der Herr wieder nach Hause kam, rückte er sich leise einen Stuhl an die verschlossene Verbindungsthür und horchte stundenlang mit einer merkwürdigen Ausdauer dem da drüben gehaltenen Gespräch, jedoch ohne besonderen Nutzen. Die laut gesprochenen Worte waren vollständig gleichgültiger Natur, und das andere konnte er eben nicht verstehen.

Zu Mittag aß er an der Table d'hôte, aber von Nr. 6 oder 7 ließ sich niemand dabei blicken. Die Dame schien sich noch angegriffen von der Reise zu fühlen und Beide speisten auf ihrem Zimmer.

Erst Nachmittags begegnete er dem »Grafen Kornikoff« auf der Treppe und dieser sah ihn etwas überrascht durch seine blaue Brille an. Der Fremde heuchelte aber vollständige Gleichgültigkeit, nahm nicht die geringste Notiz von ihm, und that wenigstens so, als ob er ihn gar nicht wieder erkenne.

So verging der Tag, ohne daß die beiden Reisenden Miene gemacht hätten, Frankfurt wieder zu verlassen. Der Oberkellner, mit dem sich Herr Hallinger über die »bildschöne junge Frau« unterhielt, wußte wenigstens nicht das Geringste davon. Abends aber, als der Schnellzug von Hannover erwartet wurde, ging Hallinger hinaus auf den Bahnhof, und brauchte, als der Zug endlich einlief, auch nicht lange nach dem Erwarteten zu suchen. Dieser hatte ihn schon von seinem Coupé aus bemerkt und kam rasch auf ihn zu.

»Hamilton! nun, was Neues?«

»Ich glaube, ich bin auf der richtigen Spur, Mr. Burton,« sagte dieser, indem er achtungsvoll seinen Hut berührte. »Aber wo ist Ihr Gepäck?«

»Nichts als die Reisetasche hier.«

»Desto besser, auf der Jagd darf man nicht unnöthigen Plunder mitschleppen. Kommen Sie, ich habe schon eine Droschke«.

»Gehen wir nicht lieber zu Fuß?«

»Es ist zu weit – und fahren ist sicherer.«

»Und was haben Sie nun entdeckt?« frug der junge Engländer, als Beide eingestiegen waren und davon rasselten – die Unterhaltung wurde auch in englischer Sprache geführt.

»Das will ich Ihnen mit kurzen Worten sagen,« berichtete der fälschlich als deutscher Particulier eingetragene Fremde. »Durch einen reinen Zufall war ich genöthigt, ein Paar Stationen in einem Packwagen zu fahren, und fand dort einen Koffer, dessen Messingschild den Namen »Comte Kornikoff« trug.«

»Und Sie glauben, daß jener Schuft Kornik dahinter stecke?«

»Durch den Namen allein wäre ich vielleicht nicht einmal darauf gefallen,« fuhr Hamilton fort, »aber das französische Wort Comte war jedenfalls später zu dem Namen gravirt, denn es nahm nicht den Raum ein, den ihm der Graveur gegeben hätte, wenn er es von Anfang an darauf gesetzt. Ebenso schien das off hinzugefügt.«

»Und die Beschreibung des Eigenthümers paßt?« rief Mr. Burton rasch.

»Ja und nein. Wohl in der Gestalt, aber sonst nicht ganz; der dunkelblonde Backenbart fehlt«.

»Der kann abrasirt sein.«

»Das ist möglich – aber er trägt einen vollkommen schwarzen Schnurrbart und eine blaue Brille«.

»Der Schnurrbart ist vielleicht gefärbt.«

»Das vermuthe ich selber. – Die Dame ist bei ihm.«

»Miss Fallow?«

»Unter dem Namen der Gräfin Kornikoff natürlich, – wenn das nämlich der von uns Gesuchte ist. Sie kennen ihn doch genau?«

»Als ob er mein leiblicher Bruder wäre. Er war ja sieben Jahre in meines Vaters Haus und die beiden letzten als Hauptcassirer, wo er sich – wer weiß durch was, verleiten ließ, diesen bedeutenden Kassendiebstahl zu begehen.«

»Wahrscheinlich durch eben diese junge Dame,« sagte Hamilton, »von der ich ganz allerliebste Sachen gehört habe. Ihr eigentlicher Name ist Lucy Fallow, Tochter eines Schneidermeisters in London, aber die Eltern sind beide todt. Es sollen ganz ordentliche Leute gewesen sein. Das junge Mädchen hatte, ihres anständigen Benehmens wegen und da sie wirklich nicht ungebildet ist, ein Paar Jahr mit einer vornehmen Familie reisen können, und dann später auch noch hie und da Unterricht in Musik gegeben. Dadurch kam sie auch in Lady Clives Haus, von wo aus sie jetzt beschuldigt wird, einen sehr werthvollen Schmuck entwendet zu haben.«

»Der sich dann vielleicht in ihrem Koffer findet.«

»Beinah hätte ich diese beiden Koffer erwischt,« lächelte Hamilton leise vor sich hin, »aber ich durfte kein Aufsehen erregen, bis ich nicht durch Sie hier Gewißheit über die Persönlichkeit erlangen konnte. Die Dame kennen Sie nicht selber?«

»Nein – ich habe sie nie gesehen.«

»Und von einem Grafen Kornikoff in Hannover auch nichts gehört?«

»Nicht das Geringste. Kein Mensch wußte dort etwas von ihm, und er stand nicht einmal in einem Fremdenblatt. Er kann nur durchgereist sein, und Sie werden gewiß die richtige Spur gefunden haben. Uebrigens müssen wir vorher die nöthigen Schritte auf der Polizei thun.«

»Ist schon alles geschehen,« sagte Hamilton. »Ich habe den Verhaftsbefehl für das Pärchen schon in der Tasche, und den Burschen mit seiner Donna fest, sowie Sie mir nur bestätigen, daß er der Rechte ist.«

»Ich hätte im Leben nicht geglaubt,« sagte Mr. Burton, »daß Sie dem Betrüger sobald auf die Spur kämen. Es geht alles nach Wunsch. Apropos, haben Sie denn die Dame auch zu sehen bekommen?«

»Ich bin ja mit ihnen in einem Coupé gefahren,« lachte Hamilton, »und sie ahnten dabei wahrscheinlich nicht, daß sie einen geheimen Polizisten bei sich im Wagen hatten. Nun ich denke, wir werden noch länger Reisegefährten bleiben. Aber da sind wir – jetzt haben wir nur darauf zu sehen, daß uns die Herrschaften nicht etwa morgen in aller Früh durchbrennen. Wollen wir gleich auf Ihr Zimmer gehen?«

»Ich muß erst etwas essen; ich bin ganz ausgehungert.«

»Schön – dann kommen Sie mit in den Speisesaal, wir finden ihn um diese Zeit fast leer.«

Sie bogen rechts ein, um den Saal zu betreten. Als aber Hamilton die Hand nach der Thür ausstreckte, öffnete sich diese, und Graf Kornikoff trat heraus, warf einen flüchtigen Blick auf die Beiden und schritt dann langsam über den Vorsaal, der Treppe zu.

»Das war er,« flüsterte Hamilton seinem Begleiter zu – »wenn er Sie nur nicht erkannt hat.«

Unwillkührlich drehte Burton den Kopf nach ihm um, konnte aber die schmächtige Gestalt des Herrn nur noch sehen, wie er eben um die Ecke bog, ohne jedoch dabei zurückzuschauen.

»Das glaub ich kaum,« sagte Burton, »denn der Moment war zu rasch, und dann hätte er doch auch jedenfalls irgend ein unwillkürliches Zeichen der Ueberraschung gegeben. In der Verkleidung und mit der blauen Brille und dem schwarzen Schnurrbart würde ich selber aber nie im Leben diesen Mr. Kornik vermuthet haben. Wenn Sie sich nur nicht geirrt, denn in dem Fall versäumen wir hier viel Zeit.«

»Ist es denn nicht wenigstens seine Gestalt?« frug Hamilton.

»Die nämliche Gestalt allerdings,« bestätigte Burton, »aber das Gesicht konnte ich – unvorbereitet wie ich außerdem war – unmöglich in der Geschwindigkeit erkennen. Wann geht der erste Zug morgen früh?«

»Erst um sechs Uhr.«

»Ah, dann ist ja voller Tag,« sagte Burton, »und im schlimmsten Fall halten wir ihn mit Gewalt zurück. Wäre es aber nicht besser, wir äßen auf unserem Zimmer?«

»Jetzt kommt er nicht mehr herunter,« meinte Hamilton. »Jedenfalls setzen Sie sich mit dem Rücken der Thür zu, und wenn er dann ja noch einmal den Saal betreten sollte, so werde ich bald sehen, was er für ein Gesicht dabei macht.«

Hamilton hatte übrigens Recht. Graf Kornikoff ließ sich nicht mehr blicken und als die Beiden ihr Abendbrod beendet hatten, gingen sie auf Mr. Burtons Zimmer hinauf, das einen Stock höher als Hamiltons lag, um dort noch Manches zu besprechen.

Burton hatte sich jedoch vorher, auf Hamiltons Rath unter einem französischen Namen in das Fremdenbuch eingetragen, um doch jede nöthige Vorsicht zu gebrauchen. Auch verabsäumte der schlaue Polizeibeamte nicht, vor Schlafengehen noch einmal die Tafel des Portiers zu revidiren, ob sich vielleicht Nr. 6 oder 7 darauf befand, um früh geweckt zu werden. Das war aber nicht der Fall, und Hamilton glaubte jetzt selber, daß jener Herr, wenn es wirklich der Gesuchte gewesen, Mr. Burton in dem Moment ihres augenblicklichen und unerwarteten Begegnens nicht erkannt haben konnte. Er brauchte also auch Nichts zu überstürzen.