»Fängt eben an zu steigen, Señor,« lautete die Antwort — »vor drei Stunden dürfen wir aber nicht daran denken, die Anker zu lichten, denn wenn wir hier auf dem Sande festfahren, und sie haben wirklich so ein Ding wie ein Geschütz am Land, so können sie mit uns machen was sie wollen.«
Der Capitain erwiderte nichts, sondern ließ sein Boot bemannen und ruderte nach der Galeotte hinüber, während der Commissair, seine Nägel beißend, an Deck auf und ab ging und nur manchmal das Telescop aufnahm, um zu beobachten, was da drüben am Lande vorging.
Indessen schlenderte der Steuermann wieder über Deck, damit dort — soweit das möglich war — Alles in Ordnung gebracht würde, wenn es wirklich zu einem Kampf kommen sollte. Vorn am Gangspill lehnte ein anderer Europäer — ein junger Franzose, der den Posten eines master at arms bekleidete. Er hatte beide Arme auf das Gangspill gelehnt, stützte sein Kinn darauf und blickte in tiefem Sinnen nach dem Lande hinüber.
»Nun Bill,« sagte Mr. Culpepper zu ihm, indem er neben ihm stehen blieb und ihm auf die Schulter klopfte, »worüber denkt Ihr nach?«
»Ich, Sir?« sagte der Franzose, der ziemlich gut englisch sprach, denn er hatte lange in Canada gelebt, und schien auf der See daheim zu sein. Er war reinlich und ganz matrosenartig gekleidet, was man von der übrigen Gesellschaft nicht sagen konnte — »ich überlege mir eben, daß es eine verdammt viel bessere Beschäftigung wäre, da drüben auf dem Rücken unter einer Cocospalme zu liegen, als hier mit einer nichtswürdigen Bande von Land-Lubbern sich zu Schanden zu ärgern. Ich habe das Leben hier bis an den Hals satt.«
»Ich wohl nicht, Camerad?« lachte der Engländer mit einem leisen Fluch. — »Aber was kann's helfen? Heute bekommen wir wenigstens einmal Abwechselung in die Wirthschaft und ich kann Euch sagen, daß ich neugierig bin, wie sich unsere tapferen Neu-Granadienser im Feuer benehmen werden.«
»Im Feuer?« sagte der Franzose verächtlich. — »So lange sie nicht fortlaufen können, werden sie natürlich Stand halten. Uebrigens geb' ich Euch mein Wort, daß es hier an Bord gefährlicher ist, hinter einer von unseren alten Kanonen zu stehen, wie davor, denn ich möchte nicht dabei sein, wenn sie abgefeuert werden.«
Der Engländer lachte laut auf.
»Und habt Ihr sie nicht selber heute zu dem Zwecke geladen?«
»Bah!« sagte der Franzose. — »Die sind schon oft geladen, aber noch nie abgeschossen worden — so lange ich wenigstens an Bord bin — und so lange ich an Bord bin, werd' ich es auch zu vermeiden suchen, darauf könnt Ihr Euch verlassen.«
»Wird aber diesmal nicht gehen,« schmunzelte der Engländer, »denn die Ratte scheint eine ganz besondere Wuth auf das Nest da drüben zu haben, und kann die Zeit nicht erwarten, wo der Befehl zum Feuern gegeben wird.«
»Die Ratte soll — zu Grase gehen,« brummte Bill durch die Zähne. »Ich möchte nur wissen, was der hier schon einmal ausgeheckt hat, daß er so wüthend auf den Ort ist. Habt Ihr je ein freundlicheres Plätzchen in der Welt gesehen, Mate?« fuhr er fort und deutete mit dem Arm nach der reizenden Insel hinüber. — »Kann es etwas Pittoreskeres geben, als jenen alten grauen Felsen mit den Palmen am Fuße, seiner hellgrünen Zuckerrohr-Mantille und den prachtvollen, breitblätterigen Bananen oben auf dem Gipfel? Wie friedlich könnten die Menschen hier leben — und leben auch so, wahrscheinlich — wenn wir sie mit unserer verwünschten Politik in Ruhe ließen und die »Ratte«, statt sie hier an's Land zu setzen, einfach im Canal ersäuften.«
Der Engländer lachte leise vor sich hin und ging wieder nach hinten, wo er jetzt, da die Fluth schon scharf einsetzte und der Bug vom Land abgedreht lag, einen besseren Ueberblick über die Insel hatte. Der Capitain kam ebenfalls zurück und die Mannschaft wurde zum Essen gerufen, um völlig bereit zu sein. So rückte etwa drei Uhr heran — das Wasser war bedeutend gestiegen, und da der Commissair ebenfalls unablässig drängte, um an Land zu kommen, gab der »Admiral« endlich den Befehl, die Anker wieder zu lichten und aufzusegeln.
»Fertig zum Feuern!« lautete dabei der Befehl. Es schien wirklich Ernst zu werden, und der master at arms wurde auf das Quarterdeck befohlen.
»Lassen Sie Ihre Leute bei den Kanonen stehen, Sir,« redete ihn hier der Capitain an, »und beim ersten Schuß, der vom Lande her fällt, geben Sie eine Salve — eine ganze Breitseite (es waren drei Kanonen an jeder Seite) und zielen Sie gut.«
»Sehr wohl, Señor Almirante,« sagte der Franzose, mit der Hand an der Mütze, »aber — wollen Sie mir eine Bemerkung erlauben?«
»Was ist da noch zu bemerken?« fragte der Capitain scharf.
»Weiter nichts,« bemerkte der Franzose, »als daß der Schooner das Abfeuern der Kanonen nicht aushält. Sie sind zu schwer für uns.«
»Mit dem Bedenken kommen Sie jetzt, im entscheidenden Augenblick?« fuhr der Capitain auf.
»Señor,« erwiderte der Mann ruhig, »als ich in Buenaventura der kleinen Prügelei wegen von den Behörden eingesteckt wurde und die Wahl bekam, zwei Monate in einer wahren Pesthöhle von Gefängniß zu sitzen, oder an Bord dieses Kriegsschiffes zu gehen, hatte ich mit der Armirung desselben nichts zu thun. Jetzt haben Sie mich zum Geschützmeister gemacht und es ist meine Schuldigkeit, Sie vor der Gefahr zu warnen.«
»Sie wollen mir doch nicht sagen,« rief der Admiral, »daß wir nicht wagen dürften, einen Schuß zu thun!«
»Allerdings,« erwiderte mit unzerstörbarer Ruhe der Franzose. »Ich habe den Schooner genau untersucht — die Planken und Rippen sind so morsch, daß Sie in keinem anderen Wasser damit fahren könnten, wie gerade hier — sie halten nur noch bei ruhiger Fahrt aus reiner Gefälligkeit zusammen. Ich weigere mich übrigens nicht, zu feuern. Geben Sie den Befehl, und Sie sollen sehen, daß Ihre Geschützstücke ordentlich bedient werden. — Ich kann schwimmen und wenn der alte Kasten auseinander geht und die Kanonen nicht platzen, so hoffe ich an Land zu kommen. Daß wir aber heute Abend, wenn wir nur eine einzige Breitseite abfeuern, die Wand bersten, und eine Stunde später voll Wasser laufen, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort« — und seine Mütze lüftend drehte er sich ab und ging wieder ruhig auf seinen Posten.
Der Capitain blieb in einer höchst unbehaglichen Stimmung zurück und auch der Commissair war ein sehr bestürzter Zuhörer der Unterredung gewesen, denn er hatte bis jetzt einen ganz anderen Begriff von ihrer Marine gehabt. Sank das Schiff wirklich, so war er verloren, denn er konnte nicht schwimmen, und ob sie in einem Boot freundlich an der Küste empfangen würden, bezweifelte er sehr.
Der Engländer wurde jetzt gerufen, um seine Meinung über die Sache zu hören, aber er zuckte die Achseln. Der Franzose war, wie er bestätigte, gelernter Schiffszimmermann, und hatte ihn schon ein paar Mal auf den wahrhaft traurigen Zustand der Schiffshölzer aufmerksam gemacht. Er traute selber nicht und wenn sie seinem Rath folgen wollten, so hielten sie mit Schießen wenigstens so lange als möglich zurück. Der Schooner macht jetzt schon so viel Wasser, daß sie auf jeder Wacht eine volle Stunde pumpen müßten, und ihn dann noch nicht einmal frei bekämen. — Wenn sich durch Erschütterung des Feuerns die Hölzer noch mehr lösten, stünde er für nichts. — Uebrigens könne er auch schwimmen.
Und damit spuckte er sein Priemchen über Bord und schnitt sich ein frisches ab, während der Schooner, von der Galeotte dicht gefolgt, mit der jetzt einsetzenden Seebrise rasch seinem Ziele entgegenlief und einem Kampfe, sobald er vom Lande aus begonnen wurde, nun schon gar nicht mehr ausweichen konnte. Gegen diese Brise und die starke Strömung der einsetzenden Fluth wären die erbärmlich segelnden Fahrzeuge gar nicht im Stande gewesen, die offene See wieder zu erreichen.
Der »Almirante« befand sich in Verlegenheit, denn es kann ja nichts Fataleres für den Befehlshaber eines Kriegsschiffes geben, als zu hören, daß die Kanonen, die zu dem besonderen Zwecke an Bord geschafft wurden, um damit zu schießen, nicht abgefeuert werden dürften, wenn man nicht befürchten wolle, nicht etwa Schaden nach außen anzurichten, sondern das eigene Fahrzeug zu ruiniren. Wer weiß auch, was er gethan hätte, wenn gerade Ebbe gewesen wäre und ein günstiger Wind ihm irgend eine andere Bewegung erlaubt hätte, als die, vorwärts zu segeln. So aber befand er sich genau in der Lage eines Cavalleristen, dessen Pferd mit ihm, angesichts der feindlichen Reihen, durchgeht, und zwar gerade auf die Feinde zu. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als zu thun, als ob er das Pferd noch selber regiere und lenke, und nur aus rasender Tapferkeit zu diesem tollkühnen Angriff getrieben werde. Er war auch mit sich einig, denn wenn wir zu einem Entschluß gezwungen werden, ist es nicht schwer, ihn zu fassen.
Jetzt befand man sich der im Sande eingegrabenen Batterie gegenüber. Deutlich konnte man schon die dort am Ufer durcheinander laufenden Soldaten erkennen und der Capitän bemerkte mit seinem Glas, daß sie wirklich mit einem Gegenstande, der einer Kanone ähnlich sah, beschäftigt waren. Es dauerte auch nicht lange, so folgte ein Blitz, dann eine kleine weiße Rauchwolke und während der Schuß zu ihnen herüberdröhnte, sprangen die Leute alle nach dieser Seite des Fahrzeugs, um zu sehen, welche Richtung die Kugel nehmen würde. — Aber keine Kugel kam. Dicht am Ufer spritzte das Wasser allerdings an ein paar Stellen auf, das war aber wenigstens hundert Schritt vom Schiff selber entfernt und nicht einmal in der Richtung, sondern viel weiter nach hinten. Uebrigens erfolgte kein Befehl einer Erwiderung an Bord. Die Leute standen mit brennenden Lunden neben ihren Kanonen, aber sie schossen nicht, und mit wahrhaft majestätischer Ruhe glitten die beiden Fahrzeuge, die zu wenig Tiefgang hatten, um bei steigender Fluth ein Auflaufen zu fürchten, an den so mühsam aufgeworfenen Schanzen vorüber und gerade auf die Stadt zu, bis sie, dieser gegenüber, plötzlich auf ein gegebenes Signal die Segel lösten und die Anker niederrollen ließen. Kaum zwei Minuten später schwang ihr Bug mit der Strömung herum und beide zeigten jetzt der Stadt die drohenden Seiten, mit denen sie jeden Moment den Angriff beginnen konnten.
»Und was wollen Sie thun?« fragte der Commissair ängstlich, als der Capitän sein Boot beorderte, um selber an das Land zu fahren. »Uebereilen Sie um Gotteswillen nichts, daß Sie Ihre Schiffe nicht gefährden.«
»Haben Sie keine Angst,« sagte der Seemann mit einem verächtlichen Lächeln. — »Es wäre ja Schade um das Material. Uebrigens kenne ich meine Landsleute und hoffe das ohne Blutvergießen durchzusetzen was wir durch unsere Kanonen erreichen wollten. Dann werden Sie mir erlauben, nach Buenaventura zurückzukehren und dort diese kostbaren Fahrzeuge der Obhut Sr. Excellenz wieder zu überliefern.«
»Von Herzen gern, von Herzen gern, Almirante,« rief der Commissair rasch. »Auch hoffe ich, Ihnen dann einige wichtige Gefangene mitzugeben. Meine Kundschafter, die mir meldeten, daß Señor Ramos mit seiner Familie nach Tomaco geflüchtet sei, und jetzt hier gegen Mosquera agitire, können sich nicht geirrt haben und dann war unsere Reise nicht umsonst, denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß dieser Ramos der gefährlichste und schlimmste Agitator in ganz Neu-Granada ist.«
»Veremos!« erwiderte der Capitän trocken und stieg in sein Boot hinab, mit dem die Leute schon seiner warteten. Er nahm nicht einmal eine weiße Fahne mit, sondern steuerte das Boot direct auf eine sich am Strand sammelnde Menschengruppe zu, weil er an der Stelle ziemlich richtig den besten Landungsplatz vermuthete. Zu gleicher Zeit sah er, wie die an den Sandschanzen aufgestellte Mannschaft im Sturmschritt mit ihren beiden kleinen Kanonen herbeieilte, um — wenn nöthig — vielleicht den Landungsplatz zu vertheidigen, denn daß sie gegen die Schiffe selber mit ihren Geschützen nichts ausrichten konnten, hatten sie wohl bei dem ersten Mal Feuern bemerkt.
Der Alkalde erwartete ihn schon, und diesmal fest entschlossen, sich durch den Postmeister nicht wieder das Wort vor dem Mund wegnehmen zu lassen. Er trat auch dem Capitain, sowie dieser an's Land sprang, entgegen und sagte, indem er ihm die Hand reichte und schüttelte:
»Buenos Dias, Señor! — Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen. Können Sie uns vielleicht Aufklärung geben, zu welchen Zweck Sie hier Ihre beiden Schiffe vor unserer Stadt geankert haben?«
Ein leises Lächeln flog über die Züge des Seemannes, als er antwortete:
»Mit weit größerem Rechte, mein verehrter Señor, könnte ich Sie fragen, weshalb Sie auf ein paar Schiffe Ihres eigenen Landes, die einen Hafen ihres eigenen Territoriums besuchen, feuern lassen. — Bitte, unterbrechen Sie mich nicht. Wäre ich Ihnen wirklich feindlich gesinnt, was hinderte mich, furchtbare Rache für die Beleidigung zu nehmen, denn Sie werden mir zugeben, daß eine einzige in diese Bambushäuser gefeuerte Kanone entsetzliche Verwirrung anrichten und viele Menschenleben gefährden würde. Um aber kein Blut treuer Unterthanen unseres theueren Vaterlandes zu vergießen, um den Bürgerkrieg nicht auf dies friedliche Eiland zu tragen, komme ich noch einmal zu Ihnen, um Sie aufzufordern, das zu thun, was Sie doch nicht mehr ändern können: Sr. Excellenz den jetzigen Präsidenten der Republik, Señor Mosquera, anzuerkennen und ihm Treue zu schwören. Ich selber komme nur als der Feind derer, die den Huldigungseid verweigern — im anderen Fall sind wir Freunde und Bundesgenossen, und ich stehe mit meiner Person dafür, daß Sie weder an Ihrer Stadt, noch irgend einem derselben angehörenden loyalen Bürger geschädigt werden sollen.«
»Aber bester Herr,« sagte der Alkalde, durch die freundliche und vernünftige Anrede schon halb gewonnen und nur noch in Verlegenheit, wie er vor den Umstehenden eine vielleicht etwas zu rasche Sinnesänderung beschönigen sollte, »wir — wir wissen hier eigentlich noch gar nichts von Sr. Excellenz, dem neuen Präsidenten. Wir sind friedliebende Menschen, die mit keinem Lande einen Krieg wollen — am allerwenigsten mit dem eigenen, aber wie — wie bekommen wir denn eine Garantie, daß nicht — ohne jedoch das Geringste gegen Ihre eigene Person andeuten zu wollen — daß nicht irgend ein Schiff bei uns anlegen könnte, welches irgend einen neuen Namen als Präsident und Regierung aufstellt und Besitz von der Insel ergreift?«
»Darüber beruhigen Sie sich,« sagte der Seemann; »ich handele nicht nach eigener Machtvollkommenheit, sondern habe einen Regierungs-Commissair an Bord, der, von Buenaventura aus mit allen nöthigen Papieren und Schriftstücken beglaubigt, das Weitere mit Ihnen auf vollkommen gesetzlichem Wege in Ordnung bringen wird. Der Herr ist Ihnen auch, soweit ich erfahren habe, nicht einmal ein Fremder, sondern war früher selber, wie er mich versicherte, ein Einwohner oder wohl gar ein Beamter dieser Insel —«
»In der That? Und sein Name?«
»Señor Fosca.«
»Fosca? Alle Teufel!« platzte der Alkalde etwas erstaunt heraus; »Señor Fosca ist Regierungs-Commissair geworden?« Aber es blieb ihm keine Zeit mehr zum Ueberlegen, denn der Postmeister kam gerade mit einem Theil seiner Leute wenigstens herbei, da ihm keineswegs alle folgten. Die Meisten, indem sie eine Beschießung der Stadt fürchteten, liefen nach ihren Häusern, um dort zu retten, was sie retten konnten. Der Alkalde war aber fest entschlossen, diesmal ohne den Postmeister zu handeln, und sagte deshalb rasch und bestimmt:
»Wenn Sie mir Ihr Wort geben, Señor, daß der Stadt kein Schaden geschehen soll, so glaube ich in Uebereinstimmung mit meinen Mitbürgern zu handeln, wenn ich Ihnen erkläre, daß wir den Präsidenten Mosquera anerkennen wollen.«
»Ja wohl! Gewiß! En verdad — con gusto!« tönte es von allen Seiten, denn das entschlossene Aufsegeln der Kriegsschiffe hatte seine Wirkung auf die Gemüther nicht verfehlt.
»Und das Versprechen gebe ich Ihnen,« sagte der Seemann, dem damit eine wahre Centnerlast von der Seele fiel, denn eine Weigerung hätte ihn in die größte Verlegenheit gebracht.
»Und wissen Sie, welche Verantwortung Sie da auf sich nehmen, Señor Alkalde?« schrie der Postmeister, der eben zur rechten Zeit erschien, um zu spät zu kommen. »Wir sind hier freie Bürger, und wenn irgend ein Präsident —«
»Fosca ist Regierungs-Commissair und an Bord,« flüsterte ihm der Alkalde zu, indem er seinen Arm faßte; »halten Sie das Maul.«
Der Postmeister sah ihn verdutzt an. Es war augenscheinlich, daß er den Sinn der Worte nicht so rasch begriff, aber der Alkalde warf ihm einen warnenden Blick zu, und sich auf dem Absatz herumdrehend nahm er den Hut ab, schwenkte ihn in der Luft und rief mit seiner weit hinaus dröhnenden Stimme:
»Compañeros el viva! Viva Sa Excellencia el praesidente Señor Mosquera! — El viva!«
»El viva! El viva!« jubelten ihm die Leute nach, die ebenfalls ihre Hüte schwenkten, und wie ein Lauffeuer pflanzte sich der Schrei durch die Stadt fort. Galt er ja doch als Friedenszeichen und war den Leuten eine Bürgschaft, daß sie von den Schrecken und Gefahren des Krieges verschont bleiben sollten. Mit der Gewißheit hätten sie irgend einen lebenden oder auch todten Menschen — wer er immer gewesen — leben lassen.
Es war in der That ein Jubel auf der Insel, als ob man diesem Augenblick schon seit Jahren mit der größten Spannung entgegengesehen hätte, und daß der Postmeister gerade, der noch vor wenigen Stunden da unten am Strande Sandschanzen aufgeworfen und selbst eine Kanone auf die nahenden Schiffe abgefeuert, in den Ruf mit einstimmte, fiel keiner Seele mehr auf.
Fünftes Capitel.
Baptista.
Der Capitän hatte seine Schuldigkeit gethan und sein Ziel viel rascher und vollkommener erreicht, als er je gehofft. Es drängte ihn deshalb wieder an Bord zurück. Aber so bald kam er noch nicht los, denn von allen Seiten strömten Menschen herbei, um ihm die Hand zu drücken und ihm zu erklären, daß sie gute Freunde bleiben und keinen Krieg miteinander haben wollten. Und nicht allein die Männer thaten das, sondern ganz besondere Energie entwickelten die Negerweiber, von denen die Insel ein außerordentlich starkes Contingent stellte, und wo solch eine alte würdige Dame einmal die Hand des Seemannes erwischte, ließ sie nicht sogleich wieder los. Sie versicherten ihm dabei stets mit ihrer gewöhnlich tiefen Baßstimme, daß sie sich unendlich glücklich schätzen würden, wenn er zu ihnen in das Haus kommen und eine Tasse Chocolade trinken wolle.
Er hatte Mühe sich ihrer zu erwehren, und sein Boot endlich wieder gewinnend, sprang er hinein und ließ sich an Bord zurückrudern.
Still vor sich hin mußte er freilich unterwegs lachen, wenn er sich überlegte, daß Tomaco eigentlich nur dadurch friedlich erobert und Mosquera eine neue Stadt gewonnen sei, daß sich beide Theile vor einander gefürchtet hätten, denn wie die Sachen standen, konnten sie sich gegenseitig keinen großen Schaden thun. Die List war aber gelungen; die Bewohner von Tomaco hatten sich durch eine völlig unausführbare Drohung: die Beschießung der Stadt, einschüchtern lassen, und es lag jetzt an Señor Fosca, das Weitere in Frieden und Freundschaft zu arrangiren und sich mit den Behörden zu verständigen.
Als der Capitän sein kleines Fahrzeug erreicht und den Befehl gegeben hatte, Munition und Kugeln wieder fortzuräumen und die »Geschützstücke« auf's Neue zu befestigen — ein sicheres Zeichen also, daß von einem Kampf nicht weiter die Rede war — trat plötzlich der Franzose zu seinem Admiral heran, und seinen kleinen Wachshut abnehmend, wollte er ihn eben anreden, als Señor Fosca mit triumphirendem Blick auf diesen zukam und rief:
»Ich weiß Alles! Schon ehe Sie zurückkamen war ein Fruchtboot hier. — Meine alten Freunde sind noch dieselben — der nämliche Eifer, Einer dem Andern einen Verdienst vor der Nase wegzuschnappen. — Aber ich habe auch Ihren Erfolg erfahren und — daß Señor Ramos wirklich hier mit seiner ganzen Familie lebt. Er kann uns jetzt nicht mehr entgehen und ich bitte Sie also, Almirante, mir nachher sechs Mann von Ihren Leuten zur Verfügung zu stellen, um den Verräther zu verhaften.«
»Mein bester Señor,« sagte der Seemann, dem die Sache augenscheinlich fatal war, — »ich habe den guten Leuten da drüben versprochen, sie nicht weiter zu schädigen.«
»Aber der Verräther war ausgenommen,« rief Fosca rasch, — »gehört er doch auch gar nicht nach Tomaco und geht der Stadt nicht das Geringste an. Señor Almirante, ich habe den strengen Auftrag von Sr. Excellenz, auf diesen gefährlichsten aller Staatsverräther zu fahnden und ihn nach Buenaventura zu liefern. Ich möchte nicht in des Mannes Haut stecken, der ihm Zeit und Gelegenheit ließe, zu entkommen.«
»Ach was!« brummte der Seemann verdrießlich vor sich hin, »so gefährlich wird die Sache nicht sein, Señor. Aber meinetwegen thun Sie, was Sie nicht lassen können und nehmen Sie sich von Leuten was Sie brauchen. Ich mache Sie aber dafür auch für alle Folgen verantwortlich, wenn Sie die jetzt beruhigten Einwohner wieder aufreizen und unser Aller Sicherheit dadurch gefährden.«
»Die Verantwortung übernehme ich,« sagte der Commissair, und ein boshaftes Lächeln zuckte über sein fahles Gesicht, als er sich umdrehte und wieder in die Cajüte hinunter stieg.
»Was wollen Sie?« wandte sich der Capitän nun, eben nicht in bester Laune, an den jungen Franzosen, der indessen zurückgetreten war, um sein Anliegen später vorzubringen.
»Señor Almirante,« sagte der Franzose, »wie ich zu meiner Freude sehe, ist kein Krieg mehr nöthig. Unter diesen Verhältnissen brauchen Sie aber auch keinen master at arms mehr, und da ich jetzt ein unnützes Möbel an Bord bin, so wollte ich Sie ersuchen, mir meine Entlassung zu geben. Ich möchte gern in mein eigenes Vaterland zurückkehren.«
»Thut mir leid,« sagte der Seemann barsch, »Ihre Zeit ist noch nicht um und außerdem brauche ich Sie nothwendig. Sie sind Schiffszimmermann, nicht wahr?«
»Ein sehr mittelmäßiger,« bestätigte achselzuckend der Gefragte.
»Thut nichts! Wahrscheinlich immer noch besser als unsere carpinteros in Buenaventura. — Sie müssen mit helfen, den Schooner wieder in Stand zu setzen, wenn wir zurückkommen.«
»Den Schooner?« lächelte der Franzose. — »Ach ja, es geht, wenn er einen neuen Rumpf und andere Masten bekommt und nachher frisch aufgetakelt werden kann. An den alten Kasten werden Sie aber doch keine Reparaturkosten mehr wegwerfen wollen?«
»Das ist Sache der Regierung,« brach der Capitain kurz ab. »Sie gehen jedenfalls mit zurück und dort findet sich das Weitere. Sehen Sie indessen zu, daß mir das Volk kein Unglück mit dem Pulver anrichtet — daß sie besonders da unten nicht rauchen. Haben Sie mich verstanden?«
»Vollkommen gut, Señor,« sagte der Franzose mit einer Verbeugung, als der Seemann an ihm vorüberschritt und dem Commissair in die Cajüte folgte.
»Abgeblitzt!« lachte der Engländer, der, als er auf das Quarterdeck kam die Unterredung gehört hatte. — »Hätte ich Euch auch vorher sagen wollen, Camerad, denn wenn der Alte uns paar Europäer von Bord ließe, wen behielt er denn da zurück als die Buschläufer, die ein Fallreep nicht von der Besanschote zu unterscheiden wissen. Nein, damit ist's nichts! Ich hätte selber Einsprache dagegen erhoben, also schlagt Euch die Phantasien aus dem Kopfe.«
»Wird wohl nicht anders werden, Mr. Culpepper,« stimmte der Franzose bei, indem er leise vor sich hinpfeifend, nach vorn ging.
Der Nachmittag war indessen schon ziemlich weit vorgerückt; die Sonne stand kaum noch eine halbe Stunde hoch am westlichen Himmel und die Wolken begannen schon die den Tropen eigene, violette Färbung anzunehmen, als Señor Fosca mit seinem Boot an Land fuhr. Statt der erbetenen sechs Mann Wache hatte er sich aber zwölf ausgesucht, die vollständig bewaffnet ihn begleiten sollten, und der Capitain that da auch keinen Einspruch. Er wollte augenscheinlich mit der ganzen Sache nichts zu thun haben.
Am Land wurde er von den Spitzen der Behörden empfangen, der Alkalde, der Postmeister und der Steuerbeamte — dessen Posten er selber früher einmal auf Tomaco bekleidet hatte — standen an der Landung und die Begrüßung — wenn man überhaupt auf äußere Anzeichen schließen konnte — war eine herzliche.
Am liebsten hätte Señor Fosca nun allerdings das vorgenommen, was ihm am meisten am Herzen zu liegen schien: die Verhaftung des Hochverräthers — aber das ging doch nicht — der wichtigere Act und zwar die Uebernahme der Insel und die Huldigung des neuen Präsidenten mußte vorausgehen, und die Spitzen der Bevölkerung, von den meisten dort Ansässigen begleitet, begaben sich demnach in das »Regierungsgebäude« (ein Haus, das sich vor den übrigen nur durch einen etwas größeren Umfang auszeichnete), um den feierlichen Act dort vorzunehmen.
Vorher hatte der Postmeister, der jetzt die Geschmeidigkeit selber zu sein schien und gar nicht so that, als ob er je den geringsten Widerstand gegen Mosquera's Ansprüche geleistet, eine längere und geheime Unterredung mit Señor Fosca, und dann erfolgte in ziemlich summarischer Weise die Uebergabe der Stadt und Insel an den neuen Herrscher, mit der Bestätigung der jetzigen Beamten in ihrem Dienst.
Es war unterdessen vollkommen dunkel geworden und die beiden »Kriegsfahrzeuge« in dem Canal hatten jedes an ihrem Vormast eine rothe Laterne aufgezogen. Wachen brauchte es nicht an Deck, denn die ganze Mannschaft lag zerstreut darauf herum oder saß plaudernd vorn auf der Back oder auf den Railings. Hinten auf dem Quarterdeck ging der Franzose mit verschränkten Armen auf und ab; der englische Steuermann lag bequem auf einer Bank ausgestreckt und rauchte seine Cigarre.
Der Franzose hatte seine Jacke neben sich auf dem Steuerrad hängen, jetzt ging er hin und zog sie wieder an.
»Nun, Bill,« lachte Mr. Culpepper. »Ihr friert doch nicht in der Temperatur?«
»Das nicht, Sir,« sagte der Mann gleichgiltig, »aber der Thau fängt an zu fallen, und da drüben zieht auch wieder ein Wetter herauf. Wir bekommen eine böse Nacht.«
»Ob es in dem verbrannten Lande nicht auch alle Tage vom Himmel herunterschüttet!« brummte der Engländer und rauchte ruhig weiter. — Der Franzose beschäftigte sich damit, einen Theil der noch unordentlich umherliegenden Brassen aufzurollen. Eine davon aber, ohne daß es Mr. Culpepper sehen konnte, nahm er und hing sie über Bord, dann stieg er langsam und gleichmüthig über die Railing, ließ sich an dem Tau geräuschlos hinab und verschwand im nächsten Augenblick unter Wasser.
»Heh, Bill!« rief der Engländer nach einer Weile, ohne jedoch den Kopf zu wenden. — »Wohin wolltet Ihr denn eigentlich, wenn Euch der Alte losgelassen hätte?«
Er bekam keine Antwort und sah sich jetzt erstaunt um. — Das Deck war leer.
»Hm!« brummte Mr. Culpepper vor sich hin. »Habe ihn doch gar nicht fortgehen hören —«
»Du, Juan, da schwimmt ein Fisch!« sagte einer der Leute vorn an Bord. »Wetter! Das muß ein großer Kerl sein. Ich mache meine Angel zurecht, vielleicht fangen wir ihn.«
Es hatte sich für einen Moment ein dunkler Gegenstand über Wasser gezeigt, verschwand aber sogleich wieder und einige der Leute holten ihr Angelgeräth vor. Es gab wirklich viel Fische dort in der Nähe des Landes und das aufsteigende Gewitter begünstigte den Fang.
Bill, wie ihn Mr. Culpepper alter Gewohnheit wegen nannte, hieß eigentlich weder Bill, noch Guillaume, sondern Baptiste Lecomb, und hatte unterdeß seine Flucht so keck und rasch ausgeführt, daß er als ein ganz vortrefflicher Schwimmer das Land erreichte und längst zwischen den dunklen Häusern verschwunden war, ehe er an Bord vermißt wurde. Am Land zog er sich vor allen Dingen aus, und rang seine Kleider soweit als möglich trocken, daß er sich nirgends durch die übergroße Nässe verrieth — eine Erkältung brauchte er in dem heißen Clima nicht zu besorgen — und erkundigte sich dann bei dem ersten Eingeborenen, den er antraf, ob kein Europäer, besonders ob kein Franzose in dem Orte wohne. Er befand sich nicht weit von Renard's Haus und als er zu diesem hingewiesen war, machte er keine weitern Umstände einzutreten.
Monsieur Renard war eben nach Hause zurückgekommen und bei der Uebergabe der Stadt an Mosquera gegenwärtig gewesen. Er stand in seinem Laden und war gerade im Begriff, seine beiden Lampen anzuzünden, da er an diesem Abend unter den obwaltenden Verhältnissen nicht ohne Grund zahlreiche Gäste erwartete, und die jetzt aufflackernde einzelne Oelflamme nur ein sehr ungewisses Licht verbreitete. Wie in aller Welt hätte man auch eine solche Festlichkeit in einem solchen Ort anders feiern wollen als durch Trinken, und Renard wußte, daß er die besten Getränke in der Stadt hielt. — Es waren wenigstens die theuersten.
Eben nicht angenehm überrascht wurde er da durch den etwas unerwarteten Besuch, der sich ihm ohne Weiteres als Deserteur von einem der neugranadiensischen Kriegsschiffe vorstellte.
Baptiste war in der That nicht der Mann, große Umstände zu machen, und nach seiner ersten Einführung setzte er nur hinzu, indem er sich im Laden umsah:
»Zuerst, Landsmann, sehe ich, Sie haben hier Getränke, also bitte ich, geben Sie mir einen tüchtigen Cognac, denn heißes Wasser zu einem Grog, der mir besser thun würde, ist gewiß nicht fertig — es ist wenigstens nie fertig, wenn es am nöthigsten gebraucht wird, und dann verschaffen Sie mir ein Canoe, damit ich nach Ecuador entkommen kann.«
»Und brauchen Sie sonst Nichts?« fragte Renard, über diese Zwanglosigkeit erstaunt.
»Ein paar Dutzend Franken baar Geld wären allerdings erwünscht, denn das Einzige, was ich von landesüblicher Münze besitze,« fuhr der junge Franzose fort, »sind zwei schlechte ecuadorische Reale, sogenannte Dimesstücke, die ich Ihnen hier nicht einmal für Ihren Cognac anbieten mag. Ich darf doch einen Landsmann nicht beleidigen.«
»Alle Wetter!« lachte Renard, den diese ganz eigene Keckheit — und er selber war sonst nicht gerade blöde — zu amüsiren anfing, »Sie trotzen nicht schlecht auf unsere Landsmannschaft, Kamerad, denn wissen Sie wohl, daß Sie mich hier — mit dem neuen Regime im Lande — durch Ihre Flucht in die furchtbarste Verlegenheit bringen können, sobald man erfährt, daß ich das Geringste damit zu thun hätte!«
»Bah!« sagte Baptiste gleichgültig. »Sie wissen recht gut, daß jeder Franzose, unter ähnlichen Umständen, das Nämliche für Sie thun würde, also ist es nicht der Mühe werth, nur ein Wort weiter deshalb zu verlieren. Oder wollten Sie mich etwa an die Bestien wieder ausliefern?«
»Aber, bester Freund,« sagte Renard, wirklich in Verlegenheit, »was hilft Ihnen selbst ein Canoe? Der Weg von hier nach dem Pailon — dem nächsten Platz in Ecuador — ist gar nicht so leicht zu finden und Sie brauchen —«
»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen,« lachte Baptiste. — »Ich bin nicht zum ersten Male in Tomaco und kenne den Weg sowohl durch die Lagune wie um die Punta Manglares.«
»Dann, bester Freund,« sagte Renard rasch, indem er ihm ein tüchtiges Glas Cognac einschenkte, das Baptiste mit einem vergnügten »à votre santé! Apropos, haben Sie nicht ein paar Cigarren?« leerte — »kann ich Ihnen keinen bessern Rath geben als — und hier haben Sie auch einige vortreffliche Esmeralda-Cigarren — als sich das erste beste Canoe von der Landung zu nehmen und zu machen, daß Sie fortkommen, denn wenn man Sie an Bord vermißt, werden Sie auch augenblicklich verfolgt werden, und wo soll man Sie an einem Ort verbergen der nicht einmal Wände, viel weniger heimliche Verstecke hat? Nur so viel Rücksicht bitte ich Sie auf einen Landsmann zu nehmen, daß Sie mein Canoe liegen lassen. Es hat vorn am Bug einen kleinen Messingknopf mit einem Hufeisen darunter genagelt. Ein Ruder gebe ich Ihnen mit.«
»Sehr schön,« sagte Baptiste. »Ihr Canoe ist sicher, aber vorher beantworten Sie mir noch eine Frage. Lebt hier im Ort ein Señor Ramos? Apropos, haben Sie hier eine Hinterthüre, wenn Jemand vorn in den Laden kommen sollte?«
»Allerdings, aber je länger Sie zögern, desto schwieriger wird Ihre Flucht sein. Ein Señor Ramos lebt allerdings hier; kennen Sie ihn?«
»Ist er derselbe Ramos, der vor drei Jahren in Buenaventura wohnte?«
»Er zog glaube ich von dort nach Bogota.«
»Er hat Familie?«
»Eine sehr hübsche junge Frau und ein Kind, ein kleines Mädchen von etwa sechs oder sieben Jahren.«
»Peste!« rief Baptista, indem er mit dem Fuße aufstampfte, »dann kann ich noch nicht fort.«
»Und was haben Sie mit dem zu thun?« fragte der Franzose. »Er hält mit keinem Menschen Verkehr, und von ihm dürfen Sie keine Hülfe erwarten.«
»Aber er braucht sie!« rief Baptiste rasch. »Vor drei Jahren, als ich in Buenaventura todtkrank und verlassen lag, hat er mich in sein Haus aufgenommen und wie ein eigenes Kind gepflegt. — Seine Frau ist ein Engel und die kleine Adriana ein Cherub. Meine Hand soll verdorren, wenn ich die braven Leute im Stich lasse!«
»Das ist nicht übel!« rief Renard ärgerlich werdend. »Erstlich braucht Señor Ramos weder Ihre noch eines andern Menschen Hülfe, und verlangt sie auch wahrscheinlich gar nicht, und dann möchte ich wissen, was Sie ihm nützen wollten, da Sie sich selber nicht einmal auf offener Straße dürfen blicken lassen.«
»So haben Sie nichts davon gehört?« fragte Baptiste, »daß ihn der neue Commissair — diese schieläugige Canaille mit dem Körper einer Katze und der Seele eines Schakals — gefangen nach Buenaventura schleppen will, ihn und die junge Frau und den Engel von einem Kind in jene Hölle von Gefängniß, das mich, einen starken, kräftigen Mann, fast zum Selbstmord trieb?«
»Alle Wetter!« sagte Monsieur Renard halblaut und erstaunt. — »Also darauf liefen die Anfragen des Señor Fosca hinaus? — Aber wie können Sie ihm helfen?« fuhr er dann laut und kopfschüttelnd fort. »In der Stadt hat Señor Ramos wenig oder gar keine Freunde, denn er hielt mit keinem Menschen Verkehr und war immer stolz und aufgeblasen. — Gegen mich auch,« setzte er etwas gereizt hinzu, »denn ich kam ihm ganz freundlich entgegen und meine Frau hat den Leuten sogar einen Besuch gemacht, obgleich wir sie gar nicht kannten, aber nicht ein Fuß von ihnen ist über unsere Schwelle gekommen, außer den, welchen die Dienstleute darüber setzten, wenn sie Waaren holten, die sie aber schon hier holen mußten, weil sie sie sonst nirgends so gut und billig bekommen.«
»Hat er seinen Neger bei sich?« fragte Baptista rasch, und ohne auf das, was Renard sagte, zu hören, »einen flinken Mulattenjungen, der Antonio heißt?«
»Einer des Namens ist allerdings bei ihm, ein Bursche von vielleicht vierundzwanzig Jahren.«
»Wenn ich nur den wenigstens sprechen könnte, daß man ihn warnte —«
»Alle Teufel!« rief Renard schnell. — »Jetzt kommen Leute.«
»Wo ist das Ruder?« rief Baptista rasch.
»Da hier in der Ecke lehnen zehn oder zwölf.«
Der Franzose griff ohne Weiteres eins davon heraus.
»Dort hinaus! Da ist die Thüre in den Hof. — Machen Sie, daß Sie hinüber nach Ecuador kommen.«
Baptista sprang der Thüre zu, als dort ebenfalls Stimmen laut wurden.
»Caramba!« murmelte er leise vor sich hin. — »Das war zu spät.« Den Blick umherwerfend erspähte er ein leeres Brodfaß, das dicht neben der Ausgangsthüre und in einer Art von Gang stand, der aber nur durch Kisten, Nagelfässer und sonstige Waaren gebildet wurde. Ohne Renard ein Wort weiter zu sagen, oder ihn um Erlaubniß zu fragen, legte er die Hand auf den Rand desselben, stützte sich mit der Rechten auf das Ruder und sprang hinein. Das Ruder lehnte er dann daneben und hatte eben noch Zeit sich unterzuducken, als die Thüre auch schon aufging und ein paar Einwohner von Tomaco, unter ihnen der Postmeister, den Laden auf diesem ihrem Hause näher liegenden Wege betraten. Gleichzeitig kam auch, laut und leidenschaftlich mitsammen redend, ein Schwarm von Menschen von der anderen Seite und Renard, der, ehe er nur einen Entschluß fassen konnte, seinen verzweifelten Landsmann schon in seinem Versteck und dessen Flucht für jetzt wenigstens völlig abgeschnitten sah, warf nur rasch und fast unwillkürlich eine gerade dort liegende alte Matte über das Faß, und machte sich dann bereit, seine — jedenfalls in diesem Augenblick unwillkommenen — Gäste zu empfangen.
Señor Ramos hatte sich an diesem bewegten Tage, wie immer, streng abgeschlossen in der Räumlichkeit seines eigenen Hauses und inmitten seiner kleinen Familie gehalten, denn er suchte absichtlich Alles zu vermeiden, was ihn mit dem politischen Treiben Tomacos hätte in Berührung bringen können. Was half es auch, welche politische Richtung diese äußerste, vollkommen abgeschiedene Ecke des Staates verfolgte? Sie stand mit dem übrigen Lande in gar keiner Verbindung, und hatte sich dem zu fügen, was an den Hauptplätzen und im Herzen der Republik erkämpft und ausgefochten wurde.
Welchen Theil er früher an diesen Kämpfen genommen hatte — Niemand wußte es in Tomaco; Niemand kümmerte sich darum. Hier schien er nur darauf bedacht, seine Häuslichkeit so freundlich als möglich herzurichten, was ihm denn auch mit den wenigen ihm hier zu Gebote stehenden Mitteln sicher gelungen war.
Das Haus zeichnete sich vor den übrigen, wie schon früher erwähnt, allerdings nur durch seine etwas größere Sauberkeit, und die zierlich gearbeiteten Bambusjalousien, vielleicht auch dadurch aus, daß es vollkommen geschlossen stand, und nur dann einen Einblick in das Innere gewährte, sobald die Fenster in der Abendkühle weit geöffnet wurden. Im Innern aber konnte es mit keinem der übrigen verglichen werden, denn Señor Ramos hatte keine Kosten gescheut, ein kleines neu-granadiensisches Paradies daraus zu schaffen.
Den Boden deckte vollständig eine chinesische roth- und gelbgestreifte Strohmatte, ein Luxus, der sich in keinem einzigen der andern Häuser fand. Die Betten, die in einem kleinen Bambusverschlag standen, waren reinlich überzogen und mit schneeweißen Mosquitonetzen versehen, und selbst die Wände waren nicht leer und ein Spiegel hing über einem kleinen sauber polirten Tisch von inländischem Mahagoniholz, während zwei Oelgemälde in vortrefflicher Ausführung Ansichten des wunderbar schönen Innern von Neu-Granada darstellten.
Der Tisch war gerade zum Abendbrod gedeckt und die Chocolade dampfte in Tassen von feinem Porcellan, während auf den Schüsseln gebratene Bananen und Fische, frische Eier, feiner Schiffszwieback und eine dampfende Schüssel mit Reis und gekochten Austern verriethen, daß es sich die Bewohner auch in leiblichen Genüssen an nichts fehlen ließen. Auf dem Tische brannten zwei Stearinlichter in Porcellanleuchtern. Dazu standen in einem besonderen silbernen Gestell zwei junge angeschnittene Cocosnüsse auf dem Tisch, deren süßes Wasser oder Milch als kühlendes Getränk dienen sollte, und die Frau, eine reizende liebe Gestalt, mit rabenschwarzen Locken und feurigen Augen, hatte gerade der Kleinen die Serviette umgebunden und sie auf ihrem Stühlchen näher zum Tisch gerückt, als unten vor dem Hause Stimmen laut wurden, ohne daß sie jedoch Geschrei oder Toben gehört hätten. Es war als ob eine Menge von Leuten mit einander flüstere oder leise spreche.
»Was ist das?« sagte die Frau, erschreckt aufhorchend. »Hörst Du nichts, José?«
»Was wird es sein, mein Kind!« erwiderte freundlich der Mann. »Müßiges Volk, das sich noch in der Straße herumtummelt, bis es von dem Gewitter in die Häuser getrieben wird. Setz' Dich, Schatz! Die Chocolade wird sonst kalt.«
»Sie kommen die Leiter herauf!« rief die Frau ängstlich. »Was können sie in der Zeit noch von uns wollen? Es ist so viel fremdes Volk im Ort.«
»Gott weiß es!« erwiderte der Mann, jetzt ebenfalls aufstehend, denn die Frau hatte Recht. »Bleib' sitzen, Adriana, mein Kind. Laß Du Dich wenigstens nicht stören. Bleibe Du auch hier, mein Herz, ich werde selber nachsehen.«
»Ave Maria!« sagte plötzlich eine Stimme draußen an der kleinen Bambusthür, die ebenfalls nur dieses eine Haus verschloß — denn Niemand wird in einem der südamerikanischen Länder ein fremdes Haus ohne diese fromme Anrede betreten, wenn auch der Sinn derselben oft nicht mehr bedeutet als der profane Anruf bei uns, ob Jemand daheim sei.
»Purisima!« erwiderte Don Jose und öffnete die Thür, aber ein kaltes, eisiges Gefühl durchzuckte sein Herz als der Lichter Schein auf das bleiche tückische Gesicht des Commissairs fiel, der mit einem spöttischen Lächeln das kleine freundliche Gemach rasch mit den Augen überflog und dann höhnisch sagte:
»Ungemein erfreut, Don José, Euch nach langem Suchen endlich in Euerm stillen Asyl aufgefunden zu haben. Die Señorita doch wohl, hoffe ich? Bedauere, wenn ich vielleicht stören sollte, aber Geschäfte, wie Ihr wißt, Don José, dulden nun einmal keinen Aufschub.«
»Señor Fosca!« sagte Ramos fast tonlos — und er mußte sich zusammen nehmen, um seine Fassung zu bewahren. »Ich hatte nicht erwartet, Euch hier zu sehen, denn ich glaubte, daß —«
»Ich noch ruhig hinter den eisernen Gittern säße, hinter die Ihr die Güte gehabt, mich zu setzen, wie?« lächelte der Mann und eine fast teuflische Bosheit zuckte über sein außerdem nicht schönes Gesicht.
»Ich that nur meine Pflicht, Señor,« erwiderte Ramos.
»Natürlich, Don José, natürlich! — Mehr thun wir Alle nicht. Aber wollen Sie mich wirklich heute Abend hier an der Thüre stehen lassen? Señorita, bitte, setzen Sie sich, Sie zittern ja, als ob Sie einen Geist gesehen hätten.«
Ohne ein Wort zu erwidern schob ihm Don José einen Stuhl hin, auf den er aber, mit einer höflich dankenden Verbeugung, nur zuschritt und mit der Hand dessen Lehne ergriff, sich aber nicht niedersetzte.
»Es wird mir nicht so viel Zeit bleiben,« sagte er endlich, während er mit tückischer Schadenfreude das Entsetzen beobachtete, das sein Erscheinen unter den glücklichen Menschen angerichtet, »denn ich muß heute Abend noch an Bord zurückkehren, aber die Pflicht wird eine angenehme, da ich die Fahrt in so liebenswürdiger Gesellschaft mache. Señorita, ich möchte Sie bitten, etwas Wäsche zusammen zu packen, denn Sie werden uns begleiten.«
»Ich!« rief die Frau erbebend, und ihre Wangen überzog Todenblässe. — »Was, um der Jungfrau Willen, haben Sie vor?«
»Señor,« sagte aber Ramos, der sich die größte Gewalt anthun mußte, um ruhig zu bleiben, — »führt Sie eine Botschaft hierher, die Sie für mich haben, so bitte ich, sich direct an mich deshalb zu wenden — einen unpassenden Scherz, den Sie sich mit meiner Frau erlauben, dürfte ich nicht in der Stimmung sein, ruhig zu ertragen. Sie wissen doch, daß Sie hier in meinem Hause sind?«
»Señor Ramos,« erwiderte der Commissair mit seiner ewig lächelnden Ruhe, die dem Gegner das Blut wie Feuer durch die Adern strömen machte, »behalten Sie Ihr kaltes Blut! — Uebrigenes kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß ich in diesem Augenblick zu nichts weniger als zum Scherzen aufgelegt bin. Als ich Ihrer Frau Gemahlin sagte, sie würde uns begleiten, sprach ich im vollen Ernst, denn ich bin hierhergekommen, Señor Ramos, um Sie und Ihre Familie im Namen Sr. Excellenz unseres hohen und berühmten Präsidenten Mosquera als Hochverräther zu verhaften und nach Buenaventura hinüber zu führen.«
»Meine Familie?« schrie Don José fast außer sich. — »Und wenn ich wirklich ein Hochverräther wäre, was hätte mein Weib — mein Kind dabei zu thun?«
»Das Kind allerdings nichts,« lächelte der Commissair, »aber die Anklage lautet gegen Sie und Ihre Frau Gemahlin, und so leid es mir thut —«
»Hund, verruchter!« stöhnte da Ramos, der seine Wuth nicht länger mäßigen konnte, indem er eins der auf dem Tisch liegenden Messer aufgriff und damit auf den Buben lossprang. Fosca aber, der mit der entschiedenen Absicht hierher gekommen war, seinen Todfeind bis zum Aeußersten zu reizen und dann erst zu vernichten, war darauf vollkommen vorbereitet und hatte nichts versäumt.
Bei der ersten Bewegung, die der Wüthende machte, stieß er die Thüre auf und in dem Moment sprangen die indessen heraufgeschlichenen Soldaten — Gesindel, das er sich selber zu dem Zweck an Bord ausgesucht — über die Schwelle und legten ihre Gewehre an. Die Frau fuhr in jähem Entsetzen nach ihrem Kind, das schreiend die Aermchen nach ihr ausstreckte, aber ihre Kräfte vermochten nicht sie länger aufrecht zu halten; sie brach ohnmächtig zusammen und ihr Mann, alles Uebrige in der Angst um die Gattin vergessend, ließ das Messer fallen und sprang zu, um sie zu unterstützen.
»Bindet den Verräther!« sagte Fosca ruhig, und ehe Ramos, mit der Ohnmächtigen beschäftigt, nur den Sinn der Worte begriff, hatten sich ein Paar der halbwilden Burschen schon auf ihn geworfen. Während ihn der Eine mit dem Kolben vor die Stirn stieß, daß er zur Seite stürzte, faßten die Andern seine Arme, zwangen sie zurück und schnürten sie fest.
Für einen Augenblick herrschte jetzt eine Scene der gräßlichsten Verwirrung in dem kleinen Gemach. Der Gefangene, der nur für einen Augenblick betäubt gewesen war, fuhr empor und suchte sich von seinen Banden zu befreien. In dem Ringen stürzte der Tisch um und das Kind kreischte so laut, daß es die Mutter damit wieder zum Leben zurückrief. — Aber auf der Straße unten sammelten sich ebenfalls Leute, und zwar Bewohner der Stadt, die den Señor Ramos immer nur als einen braven, ruhigen Mann gekannt, und jetzt nicht halb zufrieden waren, ihn so behandelt zu sehen, aber auch keinen entscheidenden Schritt gegen das bewaffnete wilde Gesindel wagen wollten.
»Nichtswürdiger Bube!« rief da Ramos, sobald er nur wieder Athem und Besinnung erlangte, das ganze Furchtbare seiner jetzigen Lage zu übersehen. — »Diebische, schuftige Canaille, aus dem Gefängniß entsprungen, um hier Deine boshafte Rache an Unschuldigen zu üben....!«
Ein Soldat kam heraufgesprungen und flüsterte Fosca einige Worte zu. — Die Stimmung unten wurde eine immer drohendere, und so gern sich der Commissair vielleicht noch eine Weile länger an den Qualen der Unglücklichen geweidet hätte, durfte er es doch nicht wagen. Er wußte genau, wie weit er gehen konnte und daß er in der Furcht der Bevölkerung vor einem Conflict seine beste Stütze hatte, war aber einmal der Damm durchbrochen, so ließen sich die Folgen nicht absehn. So lag ihm denn nur daran, der Scene so rasch als möglich ein Ende zu machen.
»Knebelt den Burschen!« sagte er finster. »Wir dürfen uns nicht länger mit ihm aufhalten — und dann an Bord.«
Den Soldaten selber war das ein erwünschter Befehl, denn sie fürchteten nicht mit Unrecht, daß er ihnen das Volk über den Hals schreien könne. Im Nu war das Knebeln geschehen, denn darin besaßen sie eine anerkennungswerthe Fertigkeit.
Ramos befand sich wenige Secunden später machtlos in der Gewalt seiner Feinde.
»Señor, um der heiligen Jungfrau Willen, was habt Ihr mit uns vor?« rief die Frau. — »Was ist geschehen, daß so Entsetzliches nöthig wurde?«
»Señorita,« sagte Fosca, dem jetzt nur daran lag, fort und an Bord zu kommen, und der deshalb vor allen Dingen die Frau beruhigen mußte, »wenn Ihr Herr Gemahl nicht nach einer Waffe gegriffen hätte, wäre das Alles unnöthig gewesen. Ertragen Sie für jetzt, was sich nicht ändern läßt, mit Geduld. Die Anklage ist allerdings erhoben und da die Regierung den Befehl zu Ihrer Verhaftung erließ, so muß derselbe auch ausgeführt werden. An Ort und Stelle finden Sie aber vielleicht Mittel und Wege, sich wirksam zu vertheidigen und Ihrer Rückreise — wenn Sie freigesprochen werden — steht dann nicht das Mindeste im Wege; jetzt fort mit ihm, Ihr Leute! — Macht rasch! Das Boot wartet. Señorita, wenn Sie noch etwas von Ihren Sachen mitzunehmen wünschen, was Sie auf der Reise brauchen, so habe ich nicht das Geringste dawider. — Alles Andere ist Staatseigenthum und wird Ihnen erst bei Ihrer Freisprechung in Buenaventura wieder eingehändigt.«
»Staatseigenthum?«
»Bitte, beeilen Sie sich ein wenig, denn so leid es mir thut, kann ich Ihnen doch nur noch fünf Minuten Zeit geben.«
So völlig machtlos die Frau bei dem ersten Begreifen dessen, was sie bedrohte, in sich zusammen gebrochen war, so vollkommen klar stand jetzt Alles vor ihrer Seele, und das Entsetzliche, anstatt sie zu beugen, hielt sie aufrecht. Sie sah den Gatten widerstandslos in der Gewalt der Feinde, sah sich und ihr Kind von einem gleichen Schicksal bedroht und fühlte, daß sie für Alle denken mußte. Mit zitternder Hand strich sie sich die herabgefallenen Locken aus der Stirn, aber ihr Blick schweifte fest und suchend in dem kleinen Gemach umher und haftete im nächsten Augenblick auf der angstvollen Gestalt Antonio's, der neben dem furchtsam zusammengekauerten Mulattenmädchen in der kleinen Hinterthüre stand.
»Ah, Teresa,« rief sie diese an, »mach ein wenig rasch! Muchacha, wir haben Eile. Gieb mir etwas Kinderwäsche für meine Adriana heraus — und für mich auch. — Wir gehen auf Reisen. Das Mädchen darf mich doch begleiten, Señor?«
»Bedaure sehr, Ihnen das abschlagen zu müssen, Señorita,« sagte Fosca kalt. — »Es ist nicht Sitte, daß Gefangene Dienerschaft mitnehmen, und der Raum auf dem Schooner ist ohnedieß außerordentlich beschränkt.«
»Die Reise wird nicht lange dauern?«
»Höchstens zwei Tage. Wir laufen vor dem Wind nach Buenaventura hinauf.«
»Gut denn! Wie Gott will! Hier, Teresa — still, mein Herz, weine nicht — die Mama bleibt bei Dir — hier, Teresa, diese Sachen packe in die kleine chinesische Kiste — dies auch noch — hier ist noch ein Kleidchen für Adriana —«
Sie war an den Schreibtisch ihres Mannes getreten und hatte dort aus einer der Schiebladen ein kleines Kästchen genommen, das sie mit ihrem Körper so verdeckte, um es vor den Blicken des Commissairs zu verbergen. Ihr Auge suchte dabei Antonio und der schlaue Schwarze begriff augenblicklich, was sie wollte. Als sie an ihm vorüberging, hatte sie es ihm gereicht und er es auch schon mit einer raschen Bewegung hinter sich und hinaus in das Dunkle geschafft.
»Madame erlauben mir vielleicht, daß ich Ihnen behülflich bin,« sagte da vortretend Fosca, — »es versteht sich von selbst, daß Sie alle Werthsachen ausliefern, um den Staat für etwaige entstehende Unkosten zu decken.«
»Ich verstehe,« sagte die Señora kalt. — »Sie haben volle Freiheit hier, Señor —«
»Wo ist der Mulatte, der da noch eben in der Thüre stand?«
»Haben Sie Auftrag, auch ihn wegen Hochverrathes zu verhaften?« fragte die junge Frau mit einem bitteren Lächeln.
Fosca schritt rasch der kleinen Hinterthüre zu, aber der Mulatte war verschwunden und über die schwanken Bambusstäbe, die da draußen die Brücke zu dem Hintergebäude bildeten, wagte er nicht, ihm zu folgen. Ohne Weiteres machte er sich dagegen über die wenigen Schränke her. Von dem Bette riß er ein Tuch herunter und breitete es auf den Boden, dann warf er darauf, was ihn des Mitnehmens werth dünkte, band es zusammen und gab es einem der Soldaten zum Tragen. Aber er schien noch nicht befriedigt, denn er hatte bis jetzt kein baares Geld gefunden und wandte sich deshalb an die Frau.
»Nehmen Sie, was Sie finden,« sagte diese verächtlich, »und verlangen Sie nur nicht, daß ich Ihnen suchen helfe. — Ich wüßte übrigens nicht, daß der Staat seine Beamten zum Plündern in die Häuser schickt.«
Fosca durchwühlte noch eine Zeitlang alle Fächer, aber die Zeit mochte ihm selber dabei zu lang währen. Vor Allem mußte er seine Gefangenen an Bord und in Sicherheit schaffen — nachher konnte er ja noch immer hierher zurückkehren. Indessen beorderte er zwei von den Soldaten, auf Wacht zu bleiben und Niemanden hinauf zu lassen. Zwei Andere trugen indessen den Gefangenen zur Treppe, wo andere standen, sie zu unterstützen. Aber Ramos richtete sich hier auf und stieg selber die Stufen hinab. Widersetzlichkeit hätte auch nichts geholfen und ihn selber nur den Mißhandlungen der Buben ausgesetzt.
Vor dem Hause hatten sich indeß eine Menge von Menschen versammelt, und untereinander flüsterten die Leute und bedauerten die arme Frau und das Kind, aber Niemand wagte ihnen thätlich beizustehen. Wer konnte auch wissen, welches furchtbare Verbrechen die Beiden begangen hatten!
Sechstes Capitel.
Der Succurs.
»Hallo, Renard! Noch dunkel hier?« riefen die erst Eintretenden den Franzosen an. — »Was, zum Teufel! treibt Ihr? Ist das Oel ausgegangen?«
»Einen Augenblick, Señores, einen Moment nur!« rief Renard, geschäftig um seinen Ladentisch herumeilend, um Licht zu machen, denn die eine düster brennende Lampe erhellte den Raum nicht zum dritten Theil. »Bin ja selber erst jetzt nach Hause gekommen. Alle Wetter! An solchen Tagen kann man doch nicht daheim sitzen und die Welt eben treiben lassen was sie will.«
»Unseren Alkalden begreife ich nicht, daß er diesen — Señor hier nach Herzenslust wirthschaften läßt,« riefen die Vordersten, als sie von der Frontthüre aus das Haus betraten. — »Es ist schändlich, die arme Frau so zu behandeln. Die hat doch wahrhaftig keinen Hochverrath begangen.«
»Quien sabe, compañero« sagte ein Anderer. »Es passiren wunderliche Dinge in der Welt, und was hätten wir machen wollen? Uns der neuen Regierung widersetzen? — Eine hübsche Bande von Soldaten haben sie mitgebracht und was für ein Gewissen hätten sich die Kerle daraus gemacht, unter uns hinein zu schießen. Renard, ein Glas von Eurem besten Cognac. Mir ist die Geschichte in den Magen gefahren, und ich muß sie hinunterspühlen.«
»Was ist denn vorgefallen, Señores?« fragte Renard neugierig gemacht, indem er die beiden Oellampen rasch angezündet hatte und die Cognacflasche mit Gläsern auf den Ladentisch stellte.
»Ach was? Nichts!« sagte der Postmeister, der von der andern Seite kam. — »Mir auch die Flasche! Nichts, als daß sie diesen Señor Ramos endlich abgefaßt haben und ihn nun mit nach Buenaventura nehmen. Ich habe dem Burschen nie getraut, denn er that immer viel zu geheimnißvoll und wollte mit Keinem von uns Umgang haben.«
»Aber was hat die Frau damit zu thun, Don Gaspar?« redete ein anderer den Postmeister an. »Die und das arme Kind auf ihren schmierigen Schooner und zwischen all' das Gesindel zu schleppen, ist doch mehr als grausam und der Präsident weiß sicher nichts davon.«
»Was geht's uns an? Das ist ihre Sache!« brummte der noch vor wenigen Stunden so wüthende Nationalitätsvertheidiger. — »Wir haben genug mit unseren eigenen Angelegenheiten zu thun.«
»Hülfe, Señores! Hülfe um des Himmels Erbarmen Willen!« rief ein junger Mulattenbursche, der in die Thüre gestürzt kam und sich verstört in dem Raume umsah. — »Meinen armen Herrn, meine arme Señora und das kleine liebe Kind haben sie fortgeschleppt und wollen sie in's Gefängniß stecken! O, helfen Sie, helfen Sie! Señor Ramos so ein guter, braver Mann — so eine gute, brave und schöne Dame! Es ist ja schrecklich!«
»Ach was! Mache daß Du fortkommst, Braunfell!« schrie ihn der Postmeister an, der übrigens nicht viel lichter war wie Jener selber. »Wenn Deine Herrschaft nichts verbrochen hat, wird ihr auch nichts geschehen, und hat sie sich etwas eingebrockt, nun gut, dann bekommt sie jetzt Gelegenheit es auszuessen.«
»Es ist eigentlich eine wunderbare Geschichte, Don Gaspar,« sagte ein Mann, der einen kleinen Schooner hatte und mit diesem gewöhnlich Fahrten zwischen der Insel und den übrigen Küstenstrichen machte, »daß man den Ramos einsteckt, der beim Ansegeln der Fahrzeuge ruhig in seinem Hause saß, und Euch frei laufen ließ, der Ihr die Mannschaft nicht allein gegen den Usurpator — wie Ihr ihn nanntet — aufgeboten, nein, sogar Eure furchtbare Kanone auf die Feinde abgefeuert habt und jetzt seid Ihr auf einmal ein Herz und eine Seele mit der Gesellschaft —«
»Kümmert Euch um Euch selber!« rief Don Gaspar, dem das Gespräch nicht angenehm zu sein schien. — »So lange wir noch nicht wußten, daß wir es mit einer rechtmäßigen Regierung zu thun hatten, waren es unsere Feinde, und ich glaube, ich habe bewiesen, daß ich mein Leben und Blut für mein Vaterland wagen kann. Wie aber die Sache jetzt steht, mit einem wirklichen Regierungs-Commissair an Bord, der ordentliche Vollmacht vom Präsidenten hat —«
»Die aber noch Keiner von uns zu sehen bekommen,« unterbrach ihn der Andere wieder.
»Er braucht sie auch nicht Jedem unter die Nase zu reiben!« rief der kleine Mann ärgerlich, »und wir sollten froh sein, daß wir endlich geregelte Verhältnisse bekommen, denn diese ewigen Revolutionen bringen uns nur hier Gefahr und können uns nie etwas nützen.«
»Schöne geregelte Verhältnisse das,« sagte der Erste wieder, »wenn man friedliche Familien Nachts aus ihren Häusern holt und auf das erste beste Schiff schleppt!«
»Verbrecher müssen auch wie Verbrecher behandelt werden,« rief Don Gaspar, sein ausgetrunkenes Glas auf den Tisch stoßend. »Ehrliche Leute haben sich weder davor zu fürchten, noch sich darum zu kümmern.« Und seinen Hut auf das eine Ohr schiebend verließ er rasch das Haus.
»Ehrliche Leute!« lachte der Schoonermann hinter ihm her. — »Prachtvolle ehrliche Leute, die, alle Beide! — Weil der eine Lump Steuerdefraudationen begangen hat, mußte er bei Nacht und Nebel fort von hier, und weil er den Anderen nicht verrathen, muß der jetzt durch Dick und Dünn mit ihm, wenn er sich nicht selber an den Pranger stellen will.«
»Oh por amor de Dios, helft meiner armen Herrschaft!« bat der Mulatte noch einmal. — »Hat mein armer Herr jemals einen Menschen gekränkt? — Hat die gute liebe Dame nicht vielen, vielen Armen Wohlthaten erzeigt, und war sie nicht immer lieb und freundlich gegen Jeden, Jeden?«
»Ja, mein braver Bursche,« sagte der Schoonermann, »das ist Alles recht schön und gut, aber so viel ich weiß, haben sie sie schon an Bord des Schiffes und was können wir da machen?«
»Ach nein, Señor,« rief der Mulatte rasch, — »das Boot war abgefahren — Señor Fosca konnte nicht fort — er war sehr böse und hat sie jetzt so lange unter das Haus des Alkalden gethan — einen Platz, wo sich sonst die Kühe und Schweine aufhalten. — Meine arme, arme Señora!«
Stimmen wurden laut draußen und sechs oder acht der Schiffssoldaten drangen in den Raum.
»Hallo, Señores!« sagte Monsieur Renard. — »Was wünschen Sie? Auf der Jagd nach Hochverräthern, wie?«
»Ein Officier ist von unserem Schiff entflohen,« sagte der Eine der Leute barsch, »ein Franzose, einer von Euren Landsleuten und wir sollen hier nachsuchen, ob er sich nicht in Eurer Wohnung aufhält. Ist er da, so gebt ihn heraus, denn er kann nicht fort. Unsere beiden Boote kreuzen an der anderen Seite und wir müssen ihn wieder haben. Almirante hat 50 Dollar geboten, wer ihn wiederbringt.«
»Peste!« murmelte Monsieur Renard leise zwischen den Zähnen, während die übrigen Gäste den Laden verließen, um mit dem braunen wilden Volk in keine Berührung zu kommen. — »Aber, Señores, hier ist er nicht, so viel sehen Sie, er müßte sich denn während meiner Abwesenheit oben versteckt haben. Bitte, gehen Sie hinauf und durchsuchen Sie das ganze Haus. Ich würde nie einen Deserteur beherbergen.«
»O du lieber Himmel!« stöhnte der arme Mulatte und stützte sich mit dem Ellenbogen an das nämliche Faß, in dem Baptiste versteckt lag, »wer wird meiner armen Herrschaft helfen?«
»Kommen Sie nur, Señores,« sagte Renard, dem jetzt nur daran lag, die Leute aus dem Laden zu bringen, weil er sich ziemlich sicher wußte, daß sein Landsmann die ihm vergönnte Zeit zur Flucht benutzen würde. Die Soldaten, in der Hoffnung, den Entsprungenen zu finden, folgten ihm auch rasch; kaum hatten sie aber den unteren Raum verlassen, als Antonio, wie von einer Schlange gestochen, zurückschrak, denn aus dem Fasse heraus ergriff eine Hand seinen Arm — aber eine Stimme flüsterte gleich darauf:
»Ich helfe Dir, Camerad! Komm!« Mit einem Satze war der Franzose aus seinem Verstecke heraus, ergriff das Ruder, nahm, ohne besonders wählerisch zu sein, noch ein anderes von den dort lehnenden, das er dem Mulatten in die Hand drückte und zog den armen Teufel, der gar nicht wußte, was er von dem Allem denken sollte, mit sich und durch die Hinterthüre in's Freie hinaus.
Er bedurfte keiner langen Zeit, um sich mit dem Mulatten zu verständigen.
»Kennst Du mich nicht mehr, Tonio?«
»No, Señor! — Es ist dunkel —«
»Hast Du Baptiste vergessen?«
»O Señor Batista — unsere arme Señora —«
»Komm, mein Bursche! So lange Leben da ist, so lange ist Hoffnung, und wenn wir nicht zu helfen vermögen, so können wir dem schurkischen Fosca wenigstens ein Messer in den Giftbalg rennen. Ich bin heute Abend gerade bei Laune. Hast Du ein Canoe?«
»Ein gutes, großes Canoe — läuft wie der Wind.«
»Können wir damit in See gehen?«
»In See? — Ich weiß nicht — große Wellen in See.«
»Bah! Besser ersoffen als nach Buenaventura,« sagte Baptiste. — »Wo liegt Dein Canoe?«
»Gleich dort drüben an dem Sandbluff.«
»Wenn wir nur Jemanden hätten, der bereit stände.«
»Teresa!« sagte der Mulatte rasch.
»Gut — und noch ein Ruder soll sie mitnehmen. Fort mit Dir! Ich bleibe hier so lange unter dem Hause, bis Du zurückkommst.«
Der Mulatte flog mehr als er ging die Straße hinab und Baptiste drückte sich in den Schatten des nächsten Ueberbaues, wo er auch eine Entdeckung nicht zu fürchten hatte, denn um alle die Plätze abzusuchen, würden die Soldaten eine ganze Nacht gebraucht haben. Antonio blieb aber auch nur wenige Minuten.
»Was nun, Master? — Was können wir zwei gegen alle die Soldaten ausrichten? — Sie werden uns todtschießen und die arme Señora doch mit fortschleppen.«
»Was wir machen können, Camerad, weiß ich selber noch nicht,« lachte Baptiste in tollem Uebermuth. »Das muß der Augenblick geben. Ich fühle mich aber aufgelegt, mit einer ganzen Rotte der feigen Schufte anzubinden, und kann ich die Unglücklichen nicht befreien, so liefere ich mich selber wieder an den Schooner aus, denn sie sollen die Reise nicht ohne einen Freund an Bord machen.«
»Sie sind von dem Schiffe entflohen?«
»Bst, Camerad! Jetzt ist keine Zeit zum Geschichten erzählen. Wo ist des Alkalden Haus?«