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Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band. / Unter Palmen. Gesammelte Erzählungen. cover

Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band. / Unter Palmen. Gesammelte Erzählungen.

Chapter 19: Sechstes Capitel. Im Walde.
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About This Book

A collection of travel tales and short stories set in tropical regions of the Americas, blending descriptive essays on climate and landscape with episodic adventures. An opening essay reevaluates common assumptions about tropical heat and explains how architecture, daily rhythms, and rainfall shape local life. Several narrative pieces follow river islands, canoe journeys, frontier settlements and forested hinterlands, depicting encounters with wildlife, tension-filled incidents onshore, and everyday customs. Recurring concerns include adaptation to environment, hazards of navigation and colonial borderlands, and vivid atmospheric portraiture of people and place.

Und jetzt kam sie. Señora Bastiano war wirklich eine Persönlichkeit in Concepcion, — unter der farbigen Raçe wenigstens. Ihr Mann besaß ein nicht unbedeutendes Grundeigenthum und hielt eine Menge Leute in seinen Diensten. Außerdem spielte er ganz vortrefflich die Marimba oder Holzharmonika, und da die alte Señora wirklich ein gutes Herz hatte und viele Arme unterstützte, so war sie gewißermaßen ein Orakel der Neger geworden, die sich bei ihr und ihrem Gatten in schwierigen Verhältnissen gern Rath, und wenn es sein mußte, auch Hülfe holten.

Es ist dabei wunderbar, mit welcher Würde solche alte Negerdamen aufzutreten pflegen, wenn sie einen gewissen Rang in der Gesellschaft einnehmen, oder doch einzunehmen glauben. Keine Fürstin mag es ihnen an huldreicher Herablassung gleich thun, wo sie mit minder Glücklichen zusammen kommen, und da sie sich außerdem sehr gewählt kleiden und fast immer eine sehr tiefe Baßstimme haben, so kann sich der Europäer, wenn er ihnen begegnet, selten eines Lächelns erwehren — aber ich wollte es ihm nicht rathen, daß es die Señora bemerkte. Ein völlig vernichtender Blick würde ihn gewiß dafür strafen.

Señora Bastiano war der Typus dieser Negerfrauen. Wohlbeleibt, wenn auch nicht übermäßig stark, aber sehr voll gebaut, und mit zurückgebogenem Kopf einherschreitend, trug sie ein carrirtes Seidenkleid; darüber, trotz der niederbrennenden Sonne, einen papageygrünen chinesischen Shawl, eine dicke Kette von Bernsteinkugeln um den braunen Hals, und glanzlederne Schuhe aber ohne Strümpfe, und einen hellgelben, seidenen Sonnenschirm oder Knicker, den sie aber nur als Fächer benutzte.

Die Begleitung Eva's war ihr dabei ganz angenehm, denn wenn sie auch selbstverständlich ein Mädchen zur Bedienung mitnahm, sahen zwei doch besser und anständiger aus, und Eva dankte Gott, als sie endlich im Canoe saßen, das von zwei starken Negern gerudert wurde, und sie nun unterwegs waren. Rückten sie doch nun auch mit jedem Ruderschlage ihrem Ziele näher. Sie selber wollte auch gleich mitarbeiten, aber das litt die Señora nicht.

»Laß Du das nur die Leute thun, mein Kind,« sagte sie freundlich, aber bestimmt. »Die haben Mark in den Knochen und bringen uns schon rasch genug vorwärts, ob wir ein paar Stunden früher oder später an den Pailon kommen, bleibt sich doch vollkommen gleich. Du kriegst Deinen José.« Damit war die Sache abgemacht.

Das Canoe war ein breites, sehr bequem hergerichtetes Fahrzeug, aus dem Stamm eines der mächtigen Waldriesen dieser Gegend ausgehauen, mit flachem Boden, daß es nicht so leicht umschlug, und um ihm noch größere Sicherheit zu geben, mit ein paar schwachen Balsastämmen[B] an beiden Seiten. Den dritten Theil des ganzen Canoes deckte dabei eine laubenartige Hütte, gerade hoch genug, daß man bequem, und ohne anzustoßen, darunter sitzen konnte. Sie war einfach durch gebogene und am Canoe befestigte Bambusstäbe hergestellt, über welche die breiten Blätter der wilden und keine Frucht tragenden Banane gelegt und festgesteckt wurden, und so dicht, daß sie nicht allein die Sonnenstrahlen verhinderten durchzubrechen, sondern auch einen recht tüchtigen Regenschauer abhalten konnten, — und auf beides mußte man in diesem Klima gefaßt sein.

In der Mitte der Laube nun, auf einer Anzahl von weichen Matten, saß die Señora, zu ihren Füßen kauerte die mitgenommene Dienerin, und wenigstens des Steuers hatte sich Eva bemächtigt, um doch etwas beitragen zu können, zur Beschleunigung ihrer Reise.

So ruderten sie mit der nicht unbedeutenden Strömung — nachdem der Abschied am Ufer von einer Anzahl anderer würdiger Damen auch noch einige Zeit in Anspruch genommen — rasch vorwärts, und wie ein wechselndes Bild von Palmen, Bananen und mächtigem Urwald, der seine Riesenzweige bis weit über das Ufer hinausstreckte, glitt die Landschaft an ihnen vorüber.

»Siehst Du das Haus dort, an der rechten Uferbank, Eva?« frug da die alte Dame, nachdem sie etwa eine Stunde so gefahren waren, »wo die vielen Orangen stehen?«

»Si Señora.«

»Fahre dort an die Landung.«

»Wollen wir halten?«

»Ja mein Kind; die Señora Piedra würde es mir sehr übel nehmen, wenn ich vorbeiführe, ohne ihr einen guten Morgen zu sagen. — Es sind gar achtbare Leute die Piedras.«

Eva gehorchte seufzend, und eine volle Stunde ihrer kostbaren Zeit wurde damit verschwendet, daß sich ein paar alte Frauen leere Höflichkeiten sagten, und Chokolade dazu tranken.

Und das war nur der Anfang einer vollkommenen Kette von Besuchen gewesen, denn Señora Bastiano schien es mit einem höchst empfindlichen Gefühl von Schicklichkeit ganz unversöhnbar zu halten, daß sie auch nur ein einziges Haus vorbeifuhr, in welchem eine, selbst flüchtige Bekanntschaft wohnte. Und was für Zeit brauchte sie nicht allein zum Ein- und Aussteigen, und dem vorläufigen Anfragen im Hause, wohinauf immer erst einer der Ruderer mußte, um sich zu erkundigen, ob die »Señora« daheim und geneigt sei, den Besuch zu empfangen. Wie sie aber den vierten solcher Besuche gemacht und glücklich beendet hatten, trat die Fluth ein, in deren Bereich sie sich schon befanden, und um ihre Leute nicht unnöthig anzustrengen, wie auch den dringenden Anforderungen einer anderen dicken Mulattin nachgebend, dort zu übernachten, wurde das Boot noch am hellen lichten Tag an Land gezogen und Halt gemacht. Bei Nacht wäre Señora Bastiano überhaupt nicht gefahren — ihre Nerven vertrugen das nicht.

So versäumten sie die Ebbe, und mußten bis zur zweiten Ebbe warten, die erst um neun Uhr Morgens eintrat. Dann erst gingen sie wieder unterwegs, aber auch nur, um diese unglücklichen Besuche zu erneuern, mit denen wieder ein Theil der günstigen Zeit nutzlos vergeudet wurde.

Eva hätte blutige Thränen der Ungeduld weinen mögen, aber selbst ihre Bitten fruchteten Nichts bei der alten Dame.

»Kind, das verstehst Du nicht,« sagte sie leutselig, »wenn Du einmal älter bist, wirst Du auch einsehen, daß man Rücksichten im Leben zu nehmen hat, und daß wir uns selber damit ehren, wenn wir Anderen eine Ehre erweisen.«

Es blieb auch dabei, und als sie endlich die Gegend der Manglaren erreichten, wo die Ansiedelungen seltener wurden, und zuletzt ganz aufhörten, war es zum zweiten Male nöthig geworden, in dem letzten Hause zu übernachten.

Von da an nahmen die Visiten ein Ende; nur im Garcero sprach die Señora am nächsten Morgen noch einmal vor, traf aber glücklicher Weise Niemand zu Hause, da die Bewohner der Ansiedelung sämmtlich nach dem Pailon und San Lorenzo hinaufgefahren waren, und jetzt endlich faßten undurchdringliche Manglaren das sumpfige Ufer ein, Lagune schloß sich an Lagune und bildete Inseln und Küstenland, an dem zur Fluthzeit das Wasser in den Zweigen und wunderlichen Wurzelbildungen der Mongrove wusch, und zur Ebbezeit den von Millionen von Krabben bevölkerten Schlamm offen legte.

Bald fuhren sie auch in den breiten und tiefen Canal des Pailon ein, der in einem rechtwinkeligen Arm erst von dem nördlich gelegenen Ocean nach Süden hineinläuft, und hier von der Mündung der Tolita-Lagune direkt nach Osten einmündet. An dem Süd-Ufer dieses breiten Armes lag das kleine Fischerdorf San Lorenzo.

Es hatte die Nacht über wieder gegossen, was vom Himmel herunter wollte — wie denn überhaupt in diesem Himmelsstrich und inmitten der weiten, waldbewachsenen Niederungen selten eine Nacht ohne Regen vorüber geht — aber jetzt, nachdem sie die Morgennebel niedergedrückt, stand die Sonne frei und klar am Himmel, und beleuchtete die wunderschöne Bai, und blitzte von den Millionen Regentropfen des Waldmeeres nieder.

Vor dem Canoe her strichen ein paar große braune Pelikane, und ein Fregattenvogel stand hoch, mit zitterndem Flügelschlage in blauer Luft, bis er sich einen Fisch zur Beute ersehen, auf den er dann wie ein Pfeil herunter schoß, tief unter Wasser tauchte, und wenige Momente später wieder mit tropfenden Schwingen ordentlich aus der Fluth emporschnellte, um seine Beute hoch in dem eigenen Element zu verzehren.

Bis hierher hatten sie die Ebbe günstig für sich gehabt, von da an aber kam sie aus dem Pailon heraus gegen sie an, und wenn sie auch schon ihre größte Kraft verloren, mußten die beiden Schwarzen nun doch tüchtig rudern, um gegen sie anzuarbeiten. Ein Beilegen in den Manglaren war unmöglich, denn dort hätten sie Mosquitos und eine kleine nichtswürdige Art von Stechfliegen, Jejen genannt, zu Tode gepeinigt, und Señora Bastiano kannte jene Stellen zu genau, um sich vom Ungeziefer mißhandeln zu lassen. Da mochten die Neger lieber schwitzen.

Es war etwa drei Uhr Nachmittags, als sie San Lorenzo endlich erreichten — leider in voller Ebbe, wo das ganze Ufer von einem vielleicht vierzig Schritt breiten Schlammgürtel so vollständig eingefaßt war, daß an ein Landen gar nicht gedacht werden konnte. Die Neger sprangen allerdings über Bord, und schoben das Canoe so weit es nur möglicher Weise ging, auf den Schlamm hinauf und dem Ufer um etwa zehn Schritt näher — dann aber arbeitete ihnen das solide Gewicht der Señora so entschieden entgegen, daß sie es auch keinen Zoll breit weiter vorrücken konnten, und die Señora hatte jetzt die Wahl, bis zur wachsenden Fluth hier draußen sitzen zu bleiben — was immer noch vier volle Stunden dauern konnte, oder das allerdings nicht ganz würdevolle Entree nach San Lorenzo hinein zu wählen, und mit hochaufgeschürzten Röcken durch den etwa knietiefen Schlamm an Land zu waten.

Beides schien ihr gleich unangenehm, so entschloß sie sich denn endlich zu der kürzeren, wenn auch schmerzlicheren Procedur, zog ihre Schuhe aus, die sie Eva zu tragen gab, packte ihrer anderen Dienerin den Sonnenschirm und eine Anzahl anderer Kleinigkeiten mit einem Korb Backwerk auf, das sie den Kindern ihrer Freunde mitgebracht, und — stieg über Bord.

Es war allerdings ein höchst komischer Anblick, die alte würdige Dame in dieser Situation, und dabei mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt, durch den tiefen Schlamm waten zu sehen, und ein paar Fremde, die am Ufer standen, wollten sich auch halb todt darüber lachen — aber um so viel finsterere Falten zog das braune Gesicht der alten Dame, die ihre Kleider in der Angst, sie im Schlamm zu verunreinigen, noch weit höher aufnahm als eigentlich nöthig gewesen wäre. Aber muthig watete sie vorwärts, und hatte endlich die Genugthuung, eine kleine Quelle zu erreichen, die während der Ebbe in ein paar Steinlöchern frisches Wasser hielt, und wo sie im Stande war, sich von ihrem Mädchen die Füße waschen zu lassen.

Dort aber mußte sie noch immer eine Weile in der bisher behaupteten Stellung verharren, bis ihre Dienerin die ihr anvertrauten Sachen abgelegt hatte, und dann im Stande war, ihre Señora mit Hülfe eines Spahns erst von dem gröbsten Schlamm zu säubern, und dann reinzuwaschen. Erst jetzt durfte sie wagen, ihre Kleider fallen zu lassen, und ihre Schuhe anzulegen, um, wie es ihrem Stande zukam, in der Stadt zu erscheinen.

Darauf aber hatte Eva schon nicht mehr gewartet. Leicht und flüchtig, war sie nur wenig in den Schlamm eingesunken, und wie sie nur die Schuhe am Ufer auf einen trocknen Platz gestellt, eilte sie flüchtigen Laufes in die Stadt hinauf, um sich dort nur erst die Gewißheit zu holen, daß José in San Lorenzo angekommen sei und dort weile. Mehr verlangte sie ja nicht — in allem Uebrigen würde ihr die Señora Bastiano gewiß schon helfen.

Armes Kind, auch dieser Weg schien vergebens gewesen, denn gleich im nächsten Haus erfuhr sie, daß gestern allerdings ein »Señor Ecuadoriano,« der ihrer Beschreibung entsprach, mit einem Canoe und einem schwarzen Diener eingetroffen sei, und Verkehr mit den Fremden gehabt habe, dann aber, und zwar noch gestern Abend, oder jedenfalls heute Morgen vor Tagesanbruch zu Lande aufgebrochen sei, denn er habe das Canoe an die Fremden verkauft. Zu Lande konnte er aber keinen anderen Weg eingeschlagen haben, als die erst kürzlich durch die Wildniß ausgehauene »Trocha«.[C] Ob er auf der aber beabsichtige bis zum Bogota, und dann hinauf nach Quito zu gehen, oder ob er nach Concepcion zurückkehren wolle, wußte Niemand anzugeben.


Der gutmüthige Ecuadorianer, dem das junge, in Thränen fast zerfließende Mädchen leid that, ging sogar selber zu den dort eingetroffenen Engländern hinüber, um sich zu erkundigen, ob sie etwas über den Fremden und sein nächstes Ziel wüßten, erfuhr aber auch keine bestimmte Antwort. Er hatte nur, ihnen gegenüber, geäußert, daß er den Weg durch die Trocha einschlagen wolle, um das Land kennen zu lernen. Sein Geschäft war, wie er angab, Juwelenhandel, und er hatte ihnen eine Anzahl von kostbaren Steinen zum Verkauf angeboten. Die Leute aber, die hierher gekommen waren um das Land zu cultiviren, brauchten keine Diamanten und Saphire, und als er fand, daß er hier keine Geschäfte machen konnte, war er ohne Weiteres wieder aufgebrochen.

Als Diener hatte er die Leute mitgenommen, die ihn hierher gerudert, einen jungen Negerburschen und zwei alte Mulatten.

FUSSNOTEN:

[B] Die Balsa ist ein vollkommen korkähnliches, außerordentlich leichtes weißes Holz — nicht wie der Kork nur die Rinde des Baumes. Der Balsabaum wächst oft zu zwei- und dritthalb Schuh Stärke und eignet sich, seiner fabelhaften Leichtigkeit wegen, ganz vorzüglich zum Wassertransport. Er hat nicht viel mehr Gewicht, als das Mark unseres Ahorns, ist aber fester.

[C] Trocha ein Pfad, nicht mit geebnetem Weg, sondern nur eine Bahn durch den Wald — durch angekerbte Stämme bezeichnet.

Fünftes Capitel.

Die Indianerin.

Was jetzt thun? In ihrer Verzweiflung lief Eva zurück zur Señora Bastiano, aber die alte Dame war schon, mit ihrer unteren Toilette wieder in Ordnung, auf einer ihrer Staatsvisiten begriffen, die hier natürlich den Weißen — als geborenen Honoratioren, zuerst galten. Sie besuchte gerade einen Ecuadorianer, den sie aber just bei einer etwas wunderlichen Beschäftigung traf. Er stand nämlich unten in seinem Hof und hatte einen alten Topf auf dem Feuer stehen, in dem er bemüht schien, eine Hand voll rostiger Nägel, ein zerbrochenes Harpuneneisen und ein paar ausgediente Vorhängeschlösser abzukochen.

»Ave Maria!« sagte die Señora, indem sie vor Erstaunen die Hände zusammen schlug, »das alte Eisen wollen Sie doch nicht weich kochen, Señor?«

»Ah Señora Bastiano — auch einmal in San Lorenzo?« lachte der Mann. — »Sie kommen gerade recht zum Mittagsessen — haben Sie aber keine Furcht, meine Frau wird Ihnen schon etwas Besseres zubereiten. — Ich koche hier eben nur schwarze Dinte.«

»Aus alten Vorlegeschlössern?«

»Aus altem Eisen und grünen Cocosnußschalen — man muß sich zu helfen wissen, Señora, wenn man so weit von einer Stadt abwohnt. Aber wollen Sie nicht hinaufgehen? Manuelita wird sich unendlich freuen, Sie zu begrüßen. Ich komme auch gleich nach.«

Die Señora folgte würdevoll der Einladung, und als Eva den Platz erreichte, war es unmöglich, jetzt ein Anliegen bei ihr vorzubringen. Sie wäre in diesem Augenblick mit Entrüstung über eine solche Unschicklichkeit abgewiesen worden.

Dicht daneben wohnte eine alte Indianerin mit ihrer Tochter. Wie Eva mit niedergeschlagenen und thränenden Augen auf der Straße stand, rief die Alte gutmüthig von oben herunter:

»Was hast Du, Kind? — weshalb weinst Du? komm herauf.«

Draußen in der Bai lag ein Schiff, dasselbe, das die neuen Einwanderer hierher gebracht. Ein paar betrunkene Matrosen kamen lachend und schreiend die Straße herab, und aus Furcht, von ihnen gesehen zu werden, folgte das arme Mädchen der Einladung.

Dort mußte sie jetzt erzählen, was sie hierher geführt, und weshalb sie so traurig sei, und die Alte schüttelte dabei den Kopf und sagte:

»Die Fremden sind schlimm, aber die eigenen Landeskinder sind noch viel schlimmer, wo sie einen von uns, sei es nun ein schwarzer oder ein brauner Mensch, unterdrücken können. Daß ihre Haut von der Sonne gebleicht ist, während die unsere davon gebrannt wurde — ist's unsere Schuld? aber verachten thun sie uns doch, wo wir ihnen in den Weg treten, und prahlen thun sie auch, daß Gott der Herr uns nur erschaffen habe, um für sie zu arbeiten.«

»Aber wie kann ich den armen Menschen jetzt befreien?« bat Eva, die nur dem einen Gedanken folgen mochte.

»Ja mein Herz,« sagte die Alte kopfschüttelnd, »was willst Du da machen? Wäre es hier im Orte, so könnten Dir die Fremden vielleicht dabei helfen, die bringen Manches fertig, was Unsereiner für unmöglich gehalten hätte. Aber während Du hier herumläufst und Deine Zeit verlierst, marschirt der Weiße ruhig seine Bahn fort, und kommt er dann nachher, wo die Trocha ausläuft, oben an den Bogota, so ist er mit einem der dort immer vorbeifahrenden Canoes fort, und wer soll Dir sagen, ob er stromauf oder stromab gegangen.«

»Und mündet der Pfad an keinem Haus aus?«

»Segne Dich Gott, Kind, nein. Blanker, wilder Wald ist's, durch den er läuft, voll von wilden Schweinen und Schlangen und Tigern, so daß sich keiner von unseren besten Männern allein hinein getraut. Es gehen immer nur wenigstens zwei mitsammen hinein, damit sie Hülfe haben, wenn Einem ein Unglück zustößt.«

Eva hatte mit ängstlich klopfendem Herzen der Beschreibung gelauscht, aber vor ihrer Seele stand nur das Bild des Geliebten, der, selbst während sie hier zauderte, weiter und weiter in eben jenen furchtbaren Wald hineingetrieben wurde, während sie ja die Mittel in Händen hielt, ihn der Freiheit, dem Leben wiederzugeben.

»Und kann ich den Weg finden?« sagte sie endlich, und ihr Auge glühte dabei von einem wilden, fast unheimlichen Feuer — »ich fürchte mich nicht vor dem Walde, ich bin ja darin aufgewachsen.«

»Die Trocha, Schatz?« sagte die Alte — »und wer wird mit Dir gehen?«

»Ich habe Niemand,« seufzte das arme Mädchen, »aber Gott ist mit mir.«

Die Alte schüttelte den Kopf.

»Das ist Wahnsinn,« brummte sie. »Wenn Du auch der Trocha folgen könntest, und wirklich von keinem Tiger unterwegs gefressen würdest, was wolltest Du machen, wenn Dich der Weiße nachher wieder unverrichteter Sache fortschickte — was er jedenfalls thut. Wenn er Deinen José hätte losgeben wollen, so würde er ihn nicht von Concepcion mit fortgenommen haben. Wart's ab, Kind, Du bist noch jung, und es fällt Dir schwer etwas aufzugeben, an das Du Dein Herz gesetzt hast — mit den Jahren lernst Du's« — setzte sie seufzend hinzu, »und — wirst es auch zuletzt gewöhnt. Lieber Himmel, was wird uns hier auf der Welt nicht genommen, das wir lieb und theuer hatten, und die Geistlichen, wenn sie einmal zu uns kommen — sagen dann, man müsse dem lieben Gott für Alles danken — auch für Leid und Trübsal.«

»Wenn ich nur den Platz wüßte, wo die Trocha beginnt,« sagte Eva, die keine Sylbe der letzten Rede verstanden, oder auch nur auf den Sinn geachtet hatte.

Das junge Indianermädchen hatte daneben gestanden, und mit mitleidigen Blicken die Fremde betrachtet.

»Ich weiß den Platz im Wald, wo die Trocha beginnt« sagte sie plötzlich — »ich war dort — ich bringe Dich über den Nadadero hinüber, bis zu der Stelle, wo die niedergebrochenen Stämme über den Sumpf führen.«

»Und was soll ihr das helfen, Muchacha,« rief die Alte, »thörichtes Kinderzeug, das Ihr alle beide seid und glaubt, Ihr müßtet Euren Willen haben zu jeder Zeit. Soll das tollkühne Mädchen etwa allein in die Wildniß hineinlaufen, und elend darin zu Grunde gehn? Wer hat sie dann auf dem Gewissen? — Du und ich.«

»Oh fürchtet nicht für mich,« rief Eva rasch, »ich bin stärker als ihr glaubt.«

»Was hilft Dir Deine Stärke, Kind, wenn Du Dich verirrst und in die Sümpfe, oder gar zurück zu der Bai in die Manglaren hinein geräthst — Perdido! es ist ein entsetzliches Wort, und ich möchte Dir nicht wünschen, daß Du seine Schrecken erfährst. Sei vernünftig und füge Dich.«

Eva stand zaudernd — aber wieder tauchte des armen José Bild vor ihr auf.

»Ich gehe,« hauchte sie — »führe mich, gutes Mädchen — thu' mir die Liebe, und zeige mir den Weg. Du bist ja die Einzige, die mir helfen will.«

»So komm,« sagte das junge Indianermädchen entschlossen. »Sie hat Recht, Mutter; ich würde gerade so an ihrer Stelle handeln.«

»So lauft meinetwegen,« rief die Alte mürrisch. »Wer nicht hören will, muß fühlen, caramba und ich will mit Euch beiden tollen Mädchen Nichts weiter zu thun haben. So viel aber prophezeihe ich Dir, Negrilla — Dein Geld nehmen Sie Dir ab, und Deinen José führen sie trotzdem mit fort. Ich kenne die beiden braunen Schufte, die der Ecuadorianer bei sich hat. — Der Eine von ihnen war es, der meines Vaters Haus bei Esmeraldas in Brand steckte, und daß der Andere nicht in Cachavi vor fünf Jahren gehangen wurde, verdankt er nur seiner schnellen Flucht. Es ist böses, böses Volk, dem Du allein nachlaufen willst und — gebe Gott, daß Dir nichts Schlimmeres geschieht.«

»Gott wird mich schützen und die heilige Jungfrau,« sagte Eva fest — »und Ihr, habt Dank für den guten Rath, aber wenn ich José erst erreicht habe, fürchte ich Nichts. — Er wird mich schon schützen, denn sein Arm ist stark wie Eisen.«

Die Alte seufzte tief auf, aber sie sah wohl, daß sie dem fremden Mädchen den einmal gefaßten Entschluß nicht ausreden könne.

»Halt,« sagte sie aber plötzlich — »dort in der Calebasse ist etwas gebackener Reis — den nimm mit — und da, die Bananen binde in Dein Tuch — Du mußt etwas auf dem Weg zum Leben haben, denn im Walde findest Du Nichts als Negritonüsse, und weiter oben drinnen, wilde bittere Castanien.«

»Tausend, tausend Dank.«

»Und noch eins — dort in der Ecke steht eine alte Lanze, die mir einmal ein Strolch von Neu-Granadienser für Branntwein in Pfand gegeben hat. Er soll heute noch wiederkommen, und das alte Ding lehnt schon drei volle Jahr in meinem Hause hier, und ärgert mich jedesmal, wenn ich es ansehe. Nimm es mit.«

»Die Lanze?« lächelte Eva.

»Ja wohl, die Lanze,« sagte die Frau mürrisch. — »Du magst sie als Stock gebrauchen, zum Gehen — sie ist nicht zu lang dazu, oder als Wehr, wenn Dir etwas zustoßen sollte — wer weiß es denn, und zu schwer ist sie auch nicht zum Tragen. — Und noch eins, merke Dir den Weg gut durch den Sumpf, wenn Du allein zurückkehren solltest, daß Du den nachher nicht verfehlst, und dann — dann sprich wieder hier vor.«

»Wie soll ich Euch für Alles danken,« sagte das junge Mädchen schüchtern.

»Für was, für das alte Eisen?« brummte die Frau. — »Am allerliebsten ließ ich Dich gar nicht gehen — ja ich weiß schon,« setzte sie hinzu, als Eva eine bittende Bewegung machte, »all' mein Reden hilft mir doch Nichts — also lauf — und daß Du mir bald wieder zurückkommst, Cherita — bis zum Sumpf magst Du mitgehen, aber weiter keinen Schritt.«

»Weiter kann ich ihr ja auch Nichts helfen, Mutter,« sagte das junge Mädchen — »so komm, Fremde — Du hast einen weiten Weg;« und rasch stieg sie die Leiter hinab, während Eva noch einmal der Alten, statt weiteren Dankes, die Hand schüttelte, und der Vorangegangenen dann freudig folgte.

Es war ein wunderliches Paar, die beiden Mädchen. Die junge Negerin, voll aufgeblüht, mit dem Typus der aethiopischen Raçe, aber alles Unschöne daran gemildert, und mit dem vollen Ebenmaß ihrer Glieder, schlank und hoch gewachsen, während die Indianerin, vielleicht kaum sechzehn Jahre zählend, von lichtbrauner Farbe, wohl schlank, aber kleiner und schmächtiger war als Eva. Ihre Züge trugen den vollen Ausdruck der kaukasischen Raçe. Herrliches langes, schwarzes Haar floß ihr um die Schultern, und die dunklen, seelenvollen Augen wurden von den herrlichsten Wimpern beschattet. Auch ihre Hände und Füße waren zierlich und klein geformt, aber ihr ganzer Körper schien fast zu zart für dieses wilde Leben, und als Eva rasch und rüstig neben ihr hinschritt, faßte sie bittend ihre Hand und sagte:

»Du darfst nicht so rasch gehen, Fremde — mir thut es sonst hier in der Seite weh.«

»Bist Du krank, Herz?« frug Eva freundlich.

»Nein,« lächelte das junge Mädchen wehmüthig. — »Die Mutter behauptet es freilich, aber nur, weil sie sich so übermäßig sorgt. Siehst Du, so geht es ganz gut, und wir kommen doch rasch von der Stelle.«

So schritten die beiden Mädchen durch das Fischerdorf, das nur aus einzelnen, über den Rasen zerstreuten Häusern bestand, und tauchten in ein kleines Dickicht ein, durch welches ein sumpfiger Weg nach den Platanaren führte. Aber was kümmerte sie der Schlamm — beide hochgeschürzt und mit nackten Füßen, schritten sie rasch hindurch, und passirten jetzt die Bananenanpflanzung, in der sie eine Masse gefällter und darin umhergeworfener Bäume überklettern mußten.

Dicht dahinter lag der Nadadero, ein kleiner, reizender Waldstrom mit klarem Wasser, aber überall leicht zu durchwaten, und an dem anderen Ufer desselben betraten sie den eigentlichen Wald, aber hier noch licht und offen, aus Oelpalmen und der Palma real, Negritos und Laubwald bestehend.

Hier zeigte ihr Cherita zuerst den Beginn der Trocha — der sie von jetzt zu folgen hatte, und die hier aus weiter Nichts bestand, als einzelnen Marken an den Bäumen — ein Stück Rinde abgeschlagen oder einen Busch eingehauen, denn kein wirklicher Fußpfad führte hier hindurch. Die Hauptschwierigkeit war aber, den Durchgang durch den nächsten Sumpf zu finden, und die Indianerin hatte sich den gemerkt. Der Platz lag auch nicht mehr weit. Kaum eine Viertelstunde mochten sie so zurückgelegt haben, als sich das Terrain wieder senkte, und bald führte sie ihre Begleiterin seitab von den Marken zu einer Stelle, wo einer der mächtigen Waldriesen querüber in den Sumpf geschlagen war. Hier blieb sie stehen.

»Dort ist Dein Pfad, Schwester,« sagte sie leise, »und mag Gott Dich schützen, daß Du Deinen Zweck erreichst. Cherita wird für Dich beten.«

»Dank, Dank, Du herziges Kind,« sagte das junge Negermädchen gerührt, umschlang sie mit ihren Armen und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.

»Und werd' ich es je erfahren?«

»Ich sende Dir Botschaft — verlass' Dich darauf.«

»Sei glücklich!« flüsterte die Indianerin noch einmal, während ein Paar große, helle Thränen ihre Augen füllten. Dann wandte sie sich ab und kehrte nach dem Dorf zurück, während Eva, den Lanzenschaft als Stütze brauchend, auf den alten Baum hinübersprang, und mit flüchtigen Schritten darauf hin eilte, ihrem Ziel entgegen.


Sechstes Capitel.

Im Walde.

Es war ein ganz eigenes, fast erdrückendes Gefühl, das Eva's Herz erfaßte, als sie zuerst allein in den düstern Urwald eintauchte, der in keinem Lande der Welt mächtiger und bewältigender auftritt, als in diesen Sümpfen. Aber sie schaute weder rechts, noch links — José war der einzige Gedanke, den sie kannte, und nur ihr Auge flog forschend über die nächsten Büsche, um die angehauenen Zweige und dadurch die einzig richtige Bahn nicht zu verfehlen.

Hier im Anfang war das freilich noch nicht möglich, denn der Zufall hatte da, wo der abgebrochene Wipfel des einen Baumes endete, einen anderen ihm entgegengeworfen, so daß diese beiden den schlimmsten und tiefsten Theil des Sumpfes vollkommen überdeckten. Wo sie den Baum verlassen mußte, sank sie nur noch auf mehrere Schritte weit bis über die Knie in flüssigen Schlamm, und zähes, dicht verwachsenes Wurzelwerk, das durch seine zahllosen und festen Fasern vielleicht eine Brücke über einen unsichtbaren Abgrund bildete, denn der eingestoßene Lanzenschaft fand keinen Grund. Aber dicht vor ihr lag fester Boden, und dort zeigte auch bald ein von einem Popabaum abgehauener Spahn mit der, an dem Stamm hinuntergelaufenen dicken und süßen, aber schon gelb gewordenen Milch deutlich und leicht erkennbar die Stellen, wo sich die Trocha in den Wald hineinzog.

Dicht über ihr ertönte plötzlich ein gellender Schrei, und Eva schrak empor, aber es war nur ein Affenschwarm, den ihr Erscheinen geängstigt hatte, denn die scheuen Thiere flüchteten jetzt über die dicht in einander gewachsenen Wipfel hin, um eine ruhigere Stelle zu suchen, als diese, und doch lag auch hier Todesschweigen auf der Waldung. Doch das Mädchen wendete dem plappernden, davon flüchtenden Trupp keinen Blick zu; nur ängstlich forschte sie nach den spärlichen Zeichen, die das Messer der Weißen hie und da an einem Busch zurückgelassen, und mit den nackten Füßen flog sie dabei leicht hin über niedergebrochene Aeste und weiter hin, als sie die Hügel erreichte, über rauhes Gestein.

Aber je weiter sie kam, desto deutlicher wurde auch die Trocha, die man Anfangs, wie noch unsicher der Richtung, kaum bezeichnet hatte. Durch das ärgste Dickicht fand sie an manchen Stellen eine ordentliche und breite Bahn freigehauen, und brauchte jetzt wenigstens nicht mehr zu fürchten, ihren Weg zu verlieren.

Wie still und geheimnißvoll lag aber der Wald! Wie das rauschte und brauste! Doch Eva war in dem Walde ja daheim, und fürchtete nicht seine Oede und Einsamkeit.

Huhp, Huhp! klang von da drüben her der wie hülferufende Ton einer ängstlichen Stimme.

»Rufe nur!« lachte das Mädchen trotzig vor sich hin, »mich lockst Du nicht von meinem Wege ab, falscher Verirrter!«[D] und fester packte sie ihren Lanzenschaft und glitt die steilen, schlüpfrigen Lehmabhänge nieder, watete durch niedere Bergwasser und klomm an feuchten Hängen hinauf, immer und aufmerksam der angezeigten Spur folgend.

Wohl hielt sie dabei den Blick am Boden selber, denn gerade von diesem Theil des Landes waren ihr gar schreckliche Geschichten erzählt worden, wie er von giftigen Schlangen wimmeln sollte. Aber sie fand bald, daß es in ihren heimischen Wäldern grade so viel, oder besser, grade so wenig gab, als hier, denn nur selten einmal sah sie eine kleine Schlange scheu aus der Trocha hinaus in das Dickicht schlüpfen, und wandte den Kopf nicht einmal, um nachzusehen.

Vorwärts lag ihre Bahn, aber wie schwül es hier in dem feuchten Walde war, in den dichten Büschen, während die niederen Negritopalmen mit ihren wunderlich stacheligen Fruchtkugeln den Raum zwischen Unterholz und Palmenkronen vollständig ausfüllten, und dadurch den Wald so dichteten, daß kein Sonnenstrahl auf das dunkelgelbe nasse Laub fallen, und es je abtrocknen konnte.

Und wie das plötzlich raschelte und wühlte, und brach um sie her. Erschrocken hielt sie still und horchte, aber es war nur ein Rudel von wilden Schweinen, von Seynos, von denen sie nichts zu fürchten hatte, wenn sie nicht eines der Jungen angriff, das dann vielleicht durch sein Quietschen die Alten zu Hülfe gerufen. Grunzend, und dann und wann einander bei Seite stoßend, durchwühlten sie quer über die Trocha hinüber den Grund, und Eva blieb dicht vor ihnen stehen, um sie erst vorüber zu lassen.

Da bekam ein alter Keiler Wind von ihr, und hob sichernd den Rüssel.

»Fort mit Dir, Bursche,« rief das Mädchen, und schwenkte die Lanze, und mit einem lauten, halb erschreckten, halb ärgerlichen Grunzen floh die schwarze Gestalt in den dicken Busch hinein, wohin ihm das alarmirte Rudel jetzt flüchtig folgte. Ein wahrhaft mephitischer Geruch erfüllte aber die Luft, durch die sie davon gestürmt.

Und weiter verfolgte das junge Negermädchen ihre Bahn. Ein kleiner, reißender Waldstrom lag quer durch ihren Pfad, aber was kümmerte sie der, sie schwamm hindurch und nahm sich, drüben am anderen Ufer angelangt, kaum Zeit die tropfenden dünnen Kleider nothdürftig auszuringen. Vorwärts mußte sie; überall vor sich im Wege sah sie die deutlichen Spuren der vorangegangenen Männer, den Eindruck von den Stiefeln jenes Guajaquilenen, die Fährten der nackten Füße seiner drei Begleiter, und sie wußte, daß die schmalste davon ihrem José gehörte — vorwärts, denn einen großen Vorsprung hatten diese, und erreichten sie den Bogota vor ihr, dann war auch dieser schwere Gang vergebens, und der Geliebte vielleicht auf immer für sie verloren.

Immer wellenförmiger wurde das Terrain, und gegen Abend umwölkte sich auch der bis jetzt lichte Himmel, und der Regen viel in Strömen herab. Wohl passirte sie jetzt wieder eine der mit Palmzweigen gedeckten Hütten, in denen Wanderer schon übernachtet hatten, und darunter hätte sie im Trocknen ausruhen können. Aber was that ihr das Wasser! Durchnäßt war sie doch schon lange, in ihrem dünnen Zeug, und in dem heißen Klima kühlte sie das eher, als daß es ihr hinderlich gewesen wäre. Weiter strebte sie, weiter, und als der Abend endlich zu dämmern anfing, beflügelte sie ihre Schritte nur noch mehr, als ob sie damit der einbrechenden Nacht hätte entfliehen können.

Umsonst; furchtbar rasch schwand die kurze Dämmerung, und als sie trotzdem ihren Weg noch fortsetzen wollte, sah sie doch bald die Unmöglichkeit eines solchen Wagnisses ein.

Kaum eine Viertelstunde war vergangen, seit sie oben am Himmel durch eine gelegentliche kleine Lücke in den Baumwipfeln die Wolken sich hatte in der Abenddämmerung röthen sehen, und wenn auch der Himmel noch licht, wie ein zartes, helles Gewebe, durch das Baumgewölbe schimmerte, lag doch schon tiefe, undurchdringliche Nacht auf dem Urwald drunten.

Eva sah bald die Unmöglichkeit ein, ihren Weg in dieser Finsterniß zu verfolgen. Sie war nicht mehr im Stande die Zeichen der Trocha zu erkennen. Nur einen riesigen Baumstamm sah sie noch durch das Dunkel schimmern, und eilte jetzt zu dessen Wurzel, um dort und im Schutz seiner Zweige den dämmernden Morgen zu erwarten.

Und wie das jetzt um sie her lebte und sich regte in der Wildniß, denn mit einbrechender Nacht erwachen ja die meisten Waldbewohner erst zu ihrer geheimnißvollen Thätigkeit. Nicht weit von ihr suchte wieder ein Affenschwarm seinen Ruheplatz für die Nacht, und wie das da oben in den alten Wipfeln plapperte und kreischte und zankte und grunzte! Es war ein entsetzlicher Lärm, ehe sie alle einen bequemen Sitz gefunden hatten, und keiner den andern mehr belästigte. Endlich wurde es still, nur ein oder das andere kleine Aeffchen gab noch manchmal einen Schrei von sich, dann verstummte auch das.

Jetzt hämmerte plötzlich, dicht über ihr im Baume ein Specht, der Carpintero, wie ihn die Ecuadorianer nennen. Was suchte der noch in der Dunkelheit? Aber er schwieg rasch, denn nebenan im Gebüsch begann »die verlorene Seele« ihr leises, klagendes Lied, nicht unähnlich dem Ansetzen unserer eigenen heimischen Nachtigall, aber viel stärker, viel seelenvoller, mit einem Ton, als ob er dem furchtbarsten Gram eines bedrückten, kummervollen Herzens Laute gäbe.

Die »verlorene Seele« nennt der Indianer diesen Vogel, und Eva traten die Thränen in die Augen, als sie den klagenden Tönen lauschte, die genau so klangen, als ob sie aus ihrem eigenen Herzen kämen.

Es war völlig Nacht geworden, und mächtige Leuchtkäfer schwirrten durch die Finsterniß und zuckten, wie kleine Miniaturblitze, in gelben und grünen Lichtern von Busch zu Busch. Und jetzt, da bellte eine Schlange, nicht zehn Schritt von ihr entfernt, die wahrscheinlich die Nähe eines Menschen gewittert hatte. Unwillkürlich griff das junge Mädchen nach der am Baum lehnenden Waffe, um das ekle Geschöpf von sich abzuhalten; war es doch auch ein unheimlicher Gast, ihm in der Finsterniß zu begegnen.

Deutlich konnte sie das Ungethüm durch das Laub schlüpfen hören, wie es sich über die feuchten Blätter hinwegwand, aber es kam nicht näher, es scheute die Nähe der Menschen, und nahm die Richtung seitab von dem Baum.

Und das alte faule Holz umher fing an zu leuchten, und nahm phantastische, abenteuerliche Formen an. Von allen Seiten schimmerte es durch den Wald; dort hing ein altes, halbverfaultes Blatt von einer Negritopalme nieder und zeigte in seinem Phosphorschein die skelettgleichen Rippen der Blätter, hier glich ein heruntergebrochener, von feuchtem Moder überzogener Ast in seinen Windungen der Form einer glühenden Schlange.

Jetzt ein leiser, leichter Schritt durch den Wald; eine Tigerkatze vielleicht, die auf Beute ausging, und scheu die fremde, aber auch gefürchtete Witterung umschlich, die sie bekommen, und nun — Eva fuhr entsetzt von ihrem Lager empor, ein lautes Prasseln und Brechen durch die Zweige, und gleich darauf ein schmetternder Schlag, der den Boden selbst erbeben machte, aber ihr drohte keine Gefahr. Nur einer der alten Waldriesen, der vielleicht Jahrtausenden getrotzt, war niedergebrochen, in seinem Fall das ganze, ihm im Wege stehende Unterholz mit sich zu Boden reißend. Die Affen wurden wieder laut und schnatterten und klagten, und die Eule antwortete mit ihrem monotonen, hohlen Ruf dem dumpfen Fall des niedergebrochenen Baumes.

Das junge Mädchen sank wieder auf ihr Lager zwischen den alten Wurzeln zurück, und wenn es sie auch jetzt in dem dünnen, nassen Zeug, trotz der warmen Nacht, anfing zu frösteln, drückte sie sich doch in Moos und Blätter hinein, und war bald sanft und süß eingeschlafen.


Kaum eine Legua von ihr in der Trocha, an einer der schon früher errichteten und mit Palmenblättern gedeckten Ranchos hielt an dem nämlichen Abend Señor Cerro, um dort zu übernachten, und warf sich, als er die Stelle erreichte, todesmüde unter einen Baum, daß seine Leute indessen den Schlafplatz wieder herstellen konnten.

Ein ziemlich starker Baumast war nämlich in der Zeit, in der er nicht gebraucht worden, auf den Rancho gestürzt, und hatte ein Paar von den Stangen zerbrochen und einige Blätter geschädigt. Außerdem mußte auch das alte Laub, was zur Lagerstatt gedient hatte, hinaus- und fortgeschafft werden, ehe sich der Weiße hineinwagte, denn wer wußte, ob es nicht Schlangen, Centipeden, und welches andere Ungeziefer noch beherbergte.

Señor Cerro war gerade nicht bei guter Laune. Er hatte unterwegs einen Affen zu ihrem Abendbrod schießen wollen, dem flüchtenden Trupp aber nicht so rasch nachkommen können, und wie er ihnen im Dickicht den Weg abzuschneiden suchte, war er mit dem Gewehr gestürzt, daß an diesem der Schaft abbrach.

Einer der Mulatten versuchte zwar, ihn mit Bast wieder zusammenzuschnüren, aber es ging nicht, er bekam keinen Halt, und mißmuthig ließ der Ecuadorianer endlich die doch jetzt nutzlose Waffe zu dem übrigen Gepäck in einen der Körbe legen.

Seine drei Diener gingen indessen rüstig daran, das Lager wieder in Ordnung zu bringen, und der Eine von ihnen nahm die Axt und fällte ein paar junge, gut bewipfelte Palmen, während der Andere mit seiner Macheta die einzelnen langen Blätter abhieb.

José, der arme Bursche und Leibeigene seines strengen, mürrischen Herrn, faßte dann das Mittelblatt an der Spitze, riß es von einander und trat zwischen die Hälften, bis er das Hauptblatt dadurch in zwei völlig gleiche Theile schied, die dann sowohl dazu dienten, das Dach des Ranchos wieder auszubessern, als auch zu Schlafmatten verwandt werden konnten. Diese wurden zum Rancho geschleppt und sorgfältig ausgebreitet, und in kaum einer halben Stunde war die Wohnung für diese Nacht wieder völlig regendicht und mit einer neuen Matratze versehen auf's Neue hergestellt.

Der älteste Mulatte hatte indessen noch eine andere stärkere Palme umgehauen, deren Wipfel er von einander hieb, um zu dem Herz oder Kern zu gelangen, denn diese Stelle enthielt ein schneeweißes, vortreffliches Mark, das ausgezeichnet schmeckte und recht gut als Gemüse dienen konnte.

José packte indessen aus dem Provisionskorb den er unterwegs zu tragen hatte, die für den Herrn mitgenommenen Lebensmittel, scharf geröstetes Schweinefleisch und in Fett hart gebratene Bananenscheiben, sowie einige getrocknete Fische aus, und stellte den eisernen Topf zum Feuer, um die Chokolade darin zu kochen.

Es war aber plötzlich vollständig dunkel geworden, und der Ecuadorianer hatte sich auf die am besten ausgepolsterte Seite des Rancho geworfen und suchte die Beendigung der Mahlzeit durch Flüche und Verwünschungen zu beeilen. Um die Langeweile indeß zu tödten, fing er die einzelnen großen Leuchtkäfer, die von dem Feuerschein herbeigelockt, herüber und hinüber durch den Rancho schwirrten, drückte ihnen die Flügeldecken auseinander, daß der darunter leuchtende hellgelbe Punkt deutlich zum Vorschein kam, und mit den beiden grün schimmernden Kugeln, welche die schönen Thiere am Kopf trugen, wie Edelsteine erglänzten. Dann band er sie neben einander an eine der Querstangen des Rancho, so daß sie ordentlich Licht darin verbreiteten, und ließ die armen Thiere dort in all ihrer Pracht sich abzappeln und quälen, bis mit ihrem Tod auch der Feuerschein erlosch.

Aber selbst dieses Licht genügte ihm nicht, seine endlich fertige Mahlzeit dabei zu verzehren, denn während er aß und die beiden Mulatten ihre eigenen Vorräthe heraussuchten, mußte José eine kleine Fackel von zusammengeknetetem Gummi elasticum halten, die ein zwar dunkelrothes aber doch vollkommen helles Licht verbreitete, und — als der Herr endlich abgespeist, wieder ausgelöscht und in ein Blatt gewickelt wurde, um bis zum nächsten Abend aufgespart zu werden.

Die Diener mochten ihre Mahlzeit beim Schein des Feuers verzehren, oder im Dunklen, wie sie wollten.

Seine Decken waren indessen für den Herrn ebenfalls ausgebreitet worden, und eine zum Daraufliegen, die andere zum Hineinhüllen benutzend, war er bald sanft und fest eingeschlafen.

Am nächsten Morgen dämmerte kaum der Tag, als José schon wieder emsig beschäftigt war, das Feuer frisch anzufachen, das ein gegen Morgen gefallener Regenguß völlig ausgelöscht hatte. Er trug zu dem Zweck die trockenen Hülsen einer reifen Cocosnuß bei sich, die wie Zunder fangen und die Gluth bis zur letzten Faser hartnäckig halten. Es war übrigens kein leichtes Stück Arbeit, in diesem nassen Walde, wo Alles bis in das Mark hinein von Feuchtigkeit durchdrungen ist, ein helles Feuer anzufachen, und er gebrauchte eine lange Zeit dazu. Indessen der Herr schlief ja noch, und endlich hatte er es so weit, um den Chokoladentopf wieder an die Gluth setzen zu können. Die Sonne war aber schon lange über den Horizont herauf, als er damit zu Stande kam, und da sich die beiden Mulatten ebenfalls nicht sonderlich beeilten, ihre Morgenruhe zu unterbrechen, war es fast acht Uhr geworden, ehe sie wieder an den Aufbruch denken konnten.

Aber ihr Ziel lag nicht mehr weit. Kaum eine halbe Stunde bequemen Marsches brachte sie an das Ufer des breiten Bogota, und sie fanden hier schon, nachdem sie zuerst ein häßliches Bambusdickicht passirt waren, einen ziemlich großen und freien Platz ausgehauen, der selbst vom Fluß aus deutlich sichtbar war, und die Stelle künden sollte, an welcher die Trocha ausmündete.

Aeußerst vorsichtig schritten aber die Diener über jene Stelle, welche durch den Bambus ausgehauen war, denn den zwar kleinen, aber furchtbar harten und scharfen Dornen, welche an dessen Auszweigungen sitzen, und mit denen der Boden hier bestreut war, boten selbst ihre harten, aber nackten Sohlen nicht hinlänglich Widerstand. Den Lagerplatz dagegen hatten die früher hier Gewesenen vollständig abgeräumt, und es war dort sogar ein großer Rancho gebaut, um unmittelbar am Ufer übernachten zu können.

Schon von Weitem konnten die Wanderer die breite und offene Lichtung im Walde und damit das erste Ziel ihres beschwerlichen Marsches erkennen, denn dort auf dem Strome lag der Sonnenstrahl, der nie in diese dichten Wälder drang, und es war ein ganz eigenthümlich wohlthuendes Gefühl, mit dem sie den offenen, freien Platz betraten.

Der Guajaquilene schien sich aber am wenigsten diesem Genuß hinzugeben, denn so bequem er bis jetzt seinen Weg verfolgt hatte, so rasch sprang er nun an das Ufer und schien dort ein Canoe zu suchen, das, wie man ihm am Pailon gesagt, dort angebunden liegen sollte. Aber nirgends war ein dem ähnliches Fahrzeug zu erblicken, und gerade dort, wo die Trocha am Ufer des Bogota ausmündete, lag weder an dieser, noch an der anderen Seite ein besiedelter und dann auch bewohnter Platz. Wald, dichter, undurchdringlicher Wald deckte beide Ufer, und noch viel dichter in der unmittelbaren Nähe des Wassers, als weiter zurück, denn hier war er noch mit Bambus und Schling- und Schmarozerpflanzen verwachsen.

»Caracho,« murmelte Señor Cerro leise zwischen den Zähnen durch, indem er den Fuß unwillig auf den Boden stampfte, »ob man sich auch noch auf einen Menschen in der Welt verlassen kann.«

»Kein Boot da, Señor?« frug der eine Mulatte, »nun wartet nur ein klein Weilchen, den Bogota fahren immer Canoes hinunter und hinauf.«

»Aber ich will weder hinunter noch hinauf.«

»Weiß schon, Señor,« grinste der Mulatte, »aber wenn wir erst Hand auf Bug haben, fährt es uns hin, wohin wir wollen, auch gerad' über den Strom.«

»Und glaubt Ihr gewiß, daß Ihr den Weg nach Alto Tambo finden könnt?«

»Sicher wie was,« nickte der Gelbe, »Señor hat doch das kleine gelbe Messingding?«

»Den Compaß? Ja!«

»Schön — der zeigt genau die Richtung an, und wenn wir fortgehen, wie die Trocha läuft, immer gerade aus, so treffen wir auf Camino real, können ihn gar nicht verfehlen; läuft gerade quer durch von Cachavi nach Malbucho hin.«

»So wollen Sie nicht zurück nach Concepcion, oder hinauf nach Cachavi, Señor?« frug José erschreckt.

»Du, mein Bursche,« sagte der Mulatte tückisch, »gehst hin, wohin man Dich schickt, und wenn Dein Herr weder Lust nach Concepcion noch Cachavi hat, so schleppst Du Deinen Bambuskorb eben durch den Wald. Was kann's Dich kümmern.«

»Und ist der Wald nicht zu dicht?« fragte noch einmal der Ecuadorianer, ohne von des Negerburschen Frage die geringste Notiz zu nehmen.

»Si, un poco!« lachte der Andere, »aber wir kommen schon durch. Nero geht mit der Macheta vorweg und Señor hinterher, und sagen nur immer nach dem Compaß, rechts oder links, oder gerad aus — dauert zwei Tage, sind wir im Weg.«

»Und Lebensmittel?«

»Bah, Menge von Palmen und wildem Honig und Kastanien. Kommen schon durch — besser wie durch Cachavi.«

»Ich weiß nicht — ich wäre doch lieber erst nach Cachavi gefahren, um dort frische Lebensmittel einzunehmen.«

»Da geht Nero aber nicht mit,« sagte der erste Mulatte trocken.

»Caramba,« rief der Ecuadorianer, »glaubst Du, es würde Einer der schwarzen Schufte dort wagen dürfen, Hand an Dich zu legen, so lange Du in meinen Diensten stehst? Den wollte ich sehen.«

»Quien sabe,« brummte der Mulatte achselzuckend — »besser ist besser, und wir sparen dabei noch außerdem eine lange Strecke Weg.«

»Wenn nur mein Gewehr nicht zerbrochen wäre.«

»Machen wir wieder,« lachte der Mulatte — »gar nicht weit von hier am Fluß — glaube ein Stückchen weiter oben, wohnt ein Schmied, der legt ein Blech darum. Der hat auch großen Platanar, nehmen wir Lebensmittel und gehen dann gerad' durch, durch den Wald.«

»Wenn nur erst ein Canoe käme.«

»Hallo, was ist das?« rief der Mulatte rasch, und drehte den Kopf der Richtung zu, von der sie eben hergekommen — »dort geht ein Mensch.«

»Ein Mensch?« rief der Ecuadorianer emporfahrend, denn allerdings war es etwas Außerordentliches, in dieser Wildniß noch ein lebendes Wesen zu finden — »Caramba — ein Mädchen?« fuhr er aber noch überraschter fort, als im nächsten Augenblick Eva aus den Büschen trat. Aber diese achtete weder auf ihn noch einen der beiden Mulatten; nur José hatte ihr fernsehender Blick gesucht, nur auf diesen sprang sie zu, und seine Hand ergreifend rief sie freudig aus:

»Gott sei Dank, José! Gott sei Dank, so war mein langer einsamer Weg doch nicht umsonst, und ich bin noch zur rechten Zeit gekommen.«

»Meine Eva!« rief der junge Bursch bewegt — »aber wie um Gottes Willen kommst Du in diese Wildniß — Von Concepcion in einem Canoe?«

»Hat das Mädchen ein Canoe bei sich?« frug der Ecuadorianer rasch und erfreut.

»Nein, Señor,« sagte die junge Negerin, langsam dabei den Kopf schüttelnd — »derselben Trocha bin ich gefolgt wie Sie —«

»Allein?« rief Nero erstaunt.

»Wie ich hier stehe.«

»Mein armes, armes Mädchen,« sagte José gerührt, »aber hier sind wir am Bogota-Fluß, und das nächste Canoe kann und wird Dich wieder zwischen die Ansiedlungen bringen. Wenn Dich nun eine Schlange gebissen, oder ein wildes Thier gefaßt hätte.«

»Die Thiere des Waldes sind barmherziger als die Menschen,« sagte das Mädchen leise.

»Und wo willst Du hin, Muchacha?« frug sie der Ecuadorianer, indem sein Blick die tadellosen Formen des Mädchens überflog — »Du kannst bei uns bleiben, wenn Du Lust hast — es soll Dein Schade nicht sein.«

»Ich wollte zu Euch, Señor?«

»Zu mir? Caramba!« lachte der Ecuadorianer vergnügt auf, »das trifft sich ja herrlich, denn in dem vermaledeiten Wald ist das Leben langweilig und öde genug.«

»Zu Euch — José's — Eures Dieners wegen,« fuhr aber die junge Negerin fort, ohne den Doppelsinn der Worte zu verstehen oder zu beachten.

»José's wegen? In der That, und was hast Du mit dem zu thun, wenn man fragen darf?«

Eva antwortete nicht gleich. Sie knüpfte von ihrem Gürtel das kleine Säckchen mit Silber los, das sie sorgfältig da vorne verwahrt hatte, und es dann in der Hand dem weißen Mann entgegenhaltend, sagte sie bittend:

»Nehmt das, Señor, ich bin einen weiten, mühsamen Weg gekommen, um es Euch zu bringen, und ich habe lange, sehr lange hart arbeiten müssen, bis ich so viel zusammenbringen konnte, aber es ist mit Freuden geschehen, wenn ich mir damit José's Freiheit erkaufen kann. Nehmt, es ist mehr, wie sein jährlicher Lohn beträgt; es sind sechsundvierzig Dollars, und laßt uns dann mitsammen in die Heimath ziehen.«

»Eva, mein braves, wackeres Mädchen!« rief José.

Der Ecuadorianer aber, während des armen Kindes Blicke in Angst und Hoffnung an ihm hingen, nahm lächelnd das Geld und wog es in der Hand.

»Also das ist Dein Schatz,« sagte er höhnisch, »und nur seinet-, nicht meinetwegen bist Du hier in den Wald gekommen?«

Des Mädchens Blick hing zitternd an den kalten, spöttischen Zügen des Weißen.

»Und gebt Ihr ihn jetzt frei?«

»Frei?« lachte dieser, »wenn das Alles wäre, was er mir schuldete! Aber glaubst Du denn, Du albernes Ding, daß ich ihn die zwei Jahre nur dafür genährt und gekleidet und mit agua ardiente versorgt habe? Hundertundzwanzig Dollars ist er mir schuldig, und wenn die entrichtet werden —«

»Hundertundzwanzig, Señor,« rief da José erschreckt, »und wofür die Summe? Für die baumwollene Hose und Jacke, und den alten Hut?«

»Halte Dein Maul, Bursche, bis Du gefragt wirst,« unterbrach ihn finster der Weiße, »in meinem Buch ist Alles eingetragen, und wenn Du einmal Deine Schulden abverdient hast, kannst Du meinethalben Deiner Wege gehen, ich will froh sein, wenn ich mich nicht mehr mit Dir zu plagen brauche.«

»Aber Señor,« — bat das Mädchen.

»Das Geld hier werd' ich ihm aber zu Gute schreiben,« lächelte der Ecuadorianer tückisch. »Sind es wirklich sechsundvierzig Dollars, denn jetzt habe ich keine Lust sie nachzuzählen, so bleibt er dann nur noch mit 74 in meiner Schuld, und wenn er fleißig ist, und Du ihm dabei hilfst, so kann er immer in Jahr und Tag frei kommen,« und er schob den Beutel dabei in seine Brusttasche.

»Aber jetzt — jetzt soll er nicht mit mir gehen?« bat das Mädchen in Todesangst: »Oh, treibt nicht Euren Scherz mit uns, Señor, wir sind arm und unglücklich genug in der Welt, und haben Nichts, Nichts weiter als einander. Seid barmherzig!«

»Laß mich zufrieden mit Deinen Quängeleien,« unterbrach sie der Ecuadorianer ungeduldig. »Du hast es jetzt gehört — genug damit. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, und da kann ich den Diener, wenn ich ihn gerade am Nöthigsten brauche, nicht fortschicken. — Alle Wetter, Burschen, kommt da nicht ein Canoe?«

»Von unten herauf, Señor,« grinste Nero, »eben biegt es um die Landspitze — gerade zur rechten Zeit, um uns hier fortzubringen. Wohin wir gehen, folgt uns das alberne Ding doch nicht.«

»Señor,« sagte José, der mit fest zusammengebissenen Zähnen dem Urteilsspruch des Weißen gelauscht hatte — »wenn Ihr mich nicht wollt frei lassen — wenn ich noch fort muß in den Wald mit Euch, und die Gesetze Euch darin beschützen, dann gebt dem armen Kinde auch das Geld wieder — dann will ich selber abverdienen, was ich Euch schulde.«

»Du sprichst, wenn Du gefragt wirst, mein Junge,« lachte der Ecuadorianer, »denn ich weiß selber gut genug, was ich zu thun habe. Und jetzt pack' Deinen Korb auf, trag' ihn zum Ufer hinab, und ruf' das Canoe heran, daß wir weiter kommen.«

»Nicht einen Schritt, bis Ihr Eva das Geld zurückgegeben habt,« rief José, und sein Auge leuchtete von einem unheimlichen Feuer. — »Ich weiß, daß Ihr unter Euren Gesetzen mit uns Negern noch schalten wollt, wie es Euch gefällt, aber beim ewigen Gott —«

»Rebellion?« zischte der Weiße zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch — »aber dafür giebt's ein Mittel, Nero, wenn sich der Hund widersetzt, klopfe ihn einmal mit Deiner Macheta auf den Schädel.«

»Den wollen wir schon kriegen,« lachte der riesige Mulatte, indem er die Macheta ergriff — »fort mit Dir, Caracho!« rief er dabei, indem er den Neger mit der Faust in den Nacken griff, und ihn vorwärts stoßen wollte — »hinunter die Bank da, oder ich mache Dir Beine.«

José hatte sich, der rohen Uebermacht gegenüber, bis jetzt so schwach und willenlos gezeigt, daß die beiden Mulatten ihn schon auf dem ganzen Weg zur Zielscheibe ihres Spottes gemacht. Was er aber auch ertragen und geduldet, so lange er sich allein und hülfslos wußte, und vielleicht selber dabei fühlte, wie große Schuld er an seiner eigenen Knechtschaft trage, jetzt in Eva's Gegenwart kochte sein Blut auf, und jäh emporfahrend stieß er den Mulatten vor die Brust, daß dieser zurücktaumelte, in einer Wurzel hängen blieb und mit schwerem Schlag, der Länge nach, zu Boden stürzte.

»Caracho,« rief der andere Mulatte, und sprang dem Neger nach der Kehle, und dieser konnte sich seines Gegners kaum erwehren, als Nero mit einem wahren Wuthgeheul vom Boden emporschnellte.

»Negerbestie,« schrie er dabei, und mit der schweren und scharfen Macheta ausholend, sprang er von hinten auf José zu.

»Mörder!« kreischte da Eva, die in zitternder Todesangst Zeuge des beginnenden und so ungleichen Kampfes gewesen. Sie wußte dabei kaum, was sie that, aber die Lanze, die sie noch immer hielt, mit beiden Händen fassend, rannte sie die Spitze derselben dem Mulatten, gerade als er den Stich gegen José führen wollte, in die Achselhöhle hinein, daß er mit einem gellenden Aufschrei zusammen brach.

Mit einem gotteslästerlichen Fluch riß in diesem Augenblick der Ecuadorianer einen Revolver aus seiner Tasche und drückte ihn drei vier Mal auf das Mädchen ab; aber Du lieber Gott, er trug die Waffe schon wochenlang in der Tasche, und in diesem ewigen Regen, und ununterbrochenen feuchten Dünsten, die dem Boden entsteigen, versagt ja schon nach zwölf Stunden jedes frisch geladene Gewehr, und machtlos schlug der Hahn auf die Hütchen nieder.

Aber jetzt war auch José's Blut in Wallung gerathen, und die Macheta aufgreifend, die der Hand des zusammenbrechenden Mulatten entfallen war, warf er sich in blinder Wuth auf seinen bisherigen Herrn, der es indessen nicht für gerathen fand, den Angriff abzuwarten. Auch der Mulatte hatte mit Entsetzen seinen Kameraden stürzen sehen, und Beide — er wie der Weiße, stoben vor den gegen sie gehobenen Waffen des zur Verzweiflung getriebenen Negerpaars in die nächsten Büsche hinein, und aus Sicht.

José wäre nun am liebsten dem Weißen gefolgt, und dessen Leben war dann verloren, aber Eva ergriff seinen Arm, und in der Angst, daß noch irgend ein unglücklicher Zufall ihre Flucht hemmen könne, rief sie bittend:

»Komm José — o komm — da naht das Canoe — es führt uns der Heimath entgegen —«

»Er wird uns verfolgen und anklagen.«

»Lass' ihn — dann flüchten wir in den Wald hinein, und die Wildniß sei unsre Heimath, wohin sie nicht wagen dürfen, uns zu folgen — Komm José — es ist Blut genug geflossen,« setzte sie schaudernd hinzu, »oh vermehre nicht die Schrecken dieser Stunde — aber ich konnte nicht anders.«

»Du rettest mein Leben!« rief José.

»Fort von hier — ich sterbe selber, wenn ich das Blut noch länger sehen muß, das ich vergoß« — und schaudernd vor dem Entsetzlichen, sprang sie die steile Uferbank hinab.

Es war ein einzelner Neger, der hier in seinem Canoe vorüberruderte, und von Concepcion kommend, wollte er nach Hause — nach Cachavi zurückkehren. Er lenkte den Bug seines Fahrzeugs rasch dem Lande zu, als er das Mädchen am Ufer stehen und winken sah, und wenige Minuten später hatte er Eva wie José in seinem Fahrzeug aufgenommen, das jetzt, von sechs kräftigen Armen getrieben, die Fluth unter dem Bug aufschäumen machte, und jede neue Gefahr hinter sich ließ.