Unterricht
in der Beredsamkeit
Einleitung
Marcus Fabius Quintilianus [A], über dessen Lebensverhältnisse uns nur wenige Zeugnisse erhalten sind, lebte im 1. Jahrhundert n. Chr. Daß Calagurris[B] in Spanien und nicht Rom sein Geburtsort gewesen ist, ist wohl nicht zu bezweifeln. Weniger sicher ist die Angabe seines Geburtsjahres. Früher hat man das Jahr 42 angenommen, es ist indessen besonders aus seinen eigenen Erwähnungen des im Jahre 59 verstorbenen Domitius Afer wahrscheinlich, daß diese Zeit um einige Jahre zu spät ist, und das Jahr 35 wahrscheinlich das Jahr seiner Geburt ist. Seinen Vater, der Rhetor war, erwähnt er IX, 3, 73. Wenn er auch bisweilen seinen Jugendunterricht erwähnt (I, 2, 23; II, 4, 26), so nennt er doch nirgends seine Lehrer; nur die ausgezeichneten Redner führt er an, die zu hören er Gelegenheit gehabt hat, wie Julius Africanus (X, 1, 118; XII, 11, 3), Servilius Novianus (X, 1, 102), Galerius Trachalus, Vibius Crispus, Julius Secundus (XII, 9, 11). Nachdem er um das Jahr 59 in seine Heimat zurückgekehrt war, hielt er sich daselbst als Lehrer der Beredsamkeit acht Jahre (bis 68) auf, in welchem Jahre ihn Galba, der Statthalter im tarrakonensischen Spanien war, mit sich nach Rom zurücknahm.
Seit dieser Zeit begann er in Rom teils als Sachwalter aufzutreten, teils rhetorischen Unterricht zu erteilen.
Daß er auf dem Forum in Prozeßsachen geredet, sagt er IV, 2, 86, und an einer andern Stelle (VII, 2, 24) beklagt er sich über die Nachlässigkeit der Stenographen, welche seine Reden in ganz verfälschter Form unter das Publikum gebracht hatten. Dagegen gelangte er als Lehrer der Beredsamkeit zu großem Ansehen, so daß sein Name sprichwörtlich gebraucht wurde. Und als Vespasian Gehälter für die Lehrer aus dem Fiskus anwies, neben welchen natürlich das Honorar der Schüler bestehen blieb, war Quintilian der erste, der ein solches erhielt; angeblich bezog er ein Gehalt von 18000 Mark. Unter seinen Schülern sind die berühmtesten der jüngere Plinius (Briefe II, 14, 10; VI, 6, 3) und die Enkel der Schwester Domitians, Domitilla, die Söhne des später (95 oder 96) hingerichteten Flavius Clemens, vielleicht auch Cornelius Tacitus. Aus seinem Unterrichte sind die libri duo artis rhetoricae (zwei Bücher über Rhetorik), vielleicht auch die gegen seinen Willen in die Öffentlichkeit gelangten sermones (Gespräche) hervorgegangen; eine Frucht seiner Studien war auch die Schrift de causis corruptae eloquentiae (Über die Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit), die man früher irrigerweise in dem Dialoge des Tacitus über die Redner wiederzuerkennen vermeint hat.
Nach zwanzigjährigem öffentlichen Lehramte trat er etwa um 91 von demselben zurück und erhielt bald darauf durch Domitian consularia ornamenta (Rang und Vorteile eines Konsuls). In dieser Zeit begann er, von vielen Seiten aufgefordert, die Abfassung des umfassenden Werkes de institutione oratoria (Unterricht in der Beredsamkeit), das innerhalb zweier Jahre vollendet, dann aber einer wiederholten Feile und Durchsicht unterworfen wurde. Jedenfalls ist es vor dem 96 erfolgten Tode Domitians vollendet worden, denn nur so lassen sich die auffallenden Schmeicheleien gegen diesen abscheulichen Kaiser (IV, 1, 2; X, 1, 91) und das bereitwillige Eingehen auf die Verdächtigung der Philosophie, die gerade unter dieser Regierung den heftigsten Verfolgungen ausgesetzt war, erklären, aber nie und nimmer entschuldigen. Dem Werke geht eine kurze Zuschrift an den berühmten und unserm Schriftsteller befreundeten Buchhändler Trypho voraus, auf welche die Widmung an den Rhetor Marcellus Victorius folgt, dessen Sohn Quintilian unterrichtet hatte.
Von seiner Gattin, die ihm im noch nicht vollendeten 19. Lebensjahre durch den Tod entrissen wurde, hatte er zwei Söhne, von denen der eine im 5., der andere im 10. Lebensjahre starb. In ergreifender Weise gibt er seinem Schmerze über diese Schicksalsschläge im Vorwort zum VI. Buche Ausdruck. Sein Todesjahr läßt sich nicht nachweisen; wahrscheinlich hat er ein Alter von ungefähr 70 Jahren erreicht. Die Annahme, er sei 118 gestorben, ist sicherlich nicht richtig.
Den Inhalt der zwölf Bücher „Unterricht in der Beredsamkeit” gibt Quintilian in dem Vorwort zum I. Buche also an:
„Das erste Buch wird nämlich das enthalten, was dem Berufe des Rhetors vorangeht. Im zweiten werden wir die ersten Anfänge bei dem Rhetor und die Fragen über das Wesen der Rhetorik behandeln. Fünf weitere Bücher sollen der Erfindung (denn daran wird sich auch die Anordnung anschließen) und vier dem rednerischen Ausdruck (wobei das Auswendiglernen und der Vortrag seine Stelle erhält) gewidmet werden. Dazu kommt noch ein Buch, in welchem der Redner selbst von uns herangebildet werden soll, und worin wir, soweit es unsere schwache Kraft vermag, über die Sitten desselben handeln wollen, über die Grundsätze, nach welchen er Prozesse übernehmen, sich davon unterrichten und sie führen soll, welche Gattung der Beredsamkeit er wählen, wann er aufhören soll, Prozesse zu führen, und von seinen nachherigen Studien.” Also ein vollständiges Lehrbuch der Rhetorik, das von dem ersten Jugendunterrichte an bis zu dem Auftreten des ausgebildeten Redners enzyklopädisch alles umfassen sollte, was auch in einer der öffentlichen Beredsamkeit nicht sehr geneigten Zeit erforderlich war. Quintilian stellt an den Redner höhere sittliche Ansprüche und baut auf sittliche Grundsätze sein System des gesamten rhetorischen Wissens. Er hat weniger die zahlreichen Werke griechischer Autoren benutzt, als vielmehr sich seinem großen Meister und Vorbilde Cicero angeschlossen (VII, 3, 8: Ich wage kaum, in meiner Ansicht von Cicero abzuweichen). Daher sind die Beziehungen auf griechische Quellen (Dionysios von Halikarnaß und Cäcilius) im ganzen selten, und selbst da ist nicht immer sicher, ob er auch wirklich aus Originalen geschöpft hat; wenigstens lassen sich so die Ungenauigkeiten erklärten. Dagegen sind überall zahlreiche Belege für ein eindringendes Studium ciceronianischer Schriften vorhanden, das auch auf die Reinheit und Sauberkeit der Darstellung den besten Erfolg geübt hat.
So ist es denn nicht zu verwundern, daß dies reichhaltige Lehrbuch zu allen Zeiten großes Ansehen genossen hat und selbst im Mittelalter vielfach benutzt worden ist. Auch Friedrich der Große hat den Quintilian sehr hoch geschätzt; das beweist das Kabinettsschreiben des Königs an den Staatsminister von Zedlitz vom 6. September 1779:
„Da ich gewahr geworden, daß bei den Schul–Anstalten noch viele Fehler sind, und daß besonders in kleinen Schulen, die Rhetoric und Logic, nur sehr schlecht oder nicht gelehrt wird, dieses aber eine vorzügliche und höchst nothwendige Sache ist, die ein jeder Mensch, in jedem Stande, wissen muß, und das erste Fundament, bei Erziehung der jungen Leute sein soll, denn wer zum besten raisoniret, wird immer weiter kommen, als einer, der falsche consequences zieht, so habe euch hierdurch Meine eigentliche Willens–Meinung dahin bekannt machen wollen: wegen der Rhetoric, ist der Quintilien, der muß verdeutschet, und darnach in allen Schulen informirt werden, sie müssen die jungen Leute traductions und discourse selbst machen lassen, daß sie die Sache recht begreifen, nach der Methode des Quintilien, man kann auch Abrégé daraus machen, daß die jungen Leute, in den Schulen, alles desto leichter lernen, denn wenn sie nachher auf Universitäten sind, so lernen sie davon nichts, wenn sie es nicht aus den Schulen schon mit dahin bringen.”
Friedrich August Wolf nennt Quintilian „einen trefflichen Autor, teils der Sache, teils der herrlichen Sentiments wegen, besonders das zehnte Buch, welches eine Repetition der griechischen und römischen Literatur sei”. Das zehnte Buch bildet ein in sich abgeschlossenes Ganzes, das auch ohne speziellere Kenntnis der übrigen Bücher verständlich und von allgemeinerem Interesse ist. Vgl. Karl Eduard Güthling in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1869, S. 881 ff., und Eckstein, Lateinischer und griechischer Unterricht 1887, S. 268 f.
Der Neubearbeitung der Nicolaischen Übersetzung von Quintilians Unterricht in der Beredsamkeit, Buch X, habe ich eine Einleitung und erläuternde Anmerkungen hinzugefügt; beides hielt ich zur Förderung des Verständnisses der Schrift für nötig. Zugrunde gelegt habe ich, von einigen Änderungen abgesehen, die Ausgabe von E. Bonnell, 6. Auflage von H. Röhl, die, wie auch die Ausgabe von G. T. A. Krüger, 3. Auflage von G. Krüger, mir bei der Übersetzung und Erklärung gute Dienste geleistet hat.
Goldschmieden bei Breslau,
den 1. Juni 1926.
O. Güthling.