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Verfall und Triumph, Erster Teil: Gedichte cover

Verfall und Triumph, Erster Teil: Gedichte

Chapter 13: V
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About This Book

A sequence of stark, expressionistic poems alternating scenes of urban squalor, personal ruin, and visionary escape. The poet moves through cafés, streets, hospitals and brothels to depict physical decay, social alienation and violent imagination, juxtaposed with mystical longing, ecstatic hymns and moments of lyric uplift. Imagery is visceral and often grotesque—blood, wounds, rot—and formal tones shift between elegy, chant and satirical bursts. Recurrent motifs of night, fall, and death frame a restless search for meaning and redemption amid modern disorder.

The Project Gutenberg eBook of Verfall und Triumph, Erster Teil: Gedichte

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Title: Verfall und Triumph, Erster Teil: Gedichte

Author: Johannes Robert Becher

Release date: September 15, 2011 [eBook #37435]

Language: German

Credits: Produced by Jens Sadowski

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ERSTER TEIL: GEDICHTE ***

 

 

 

 

 

Johannes R. Becher

Verfall und Triumph

 

 

Erster Teil

 

Gedichte

 

 

 

 

 

Berlin
Hyperionverlag
1914

 

 

 

 

 

Gedruckt bei
Poeschel & Trepte in Leipzig.
Copyright 1914 by Hyperionverlag, Berlin
Fünfundzwanzig Exemplare wurden auf
Old Stratford abgezogen und in
der Presse numeriert

 

 

 

 

 

„Verfall und Triumph“ wurde in der Zeit
vom Dezember 1912 bis zum November 1913
geschrieben. „Verfall und Triumph“ ist
Frau Emmy Hennings zugeeignet.

 

 

Inhaltsverzeichnis

Eingang

Verfall

Der Freund

Mystisches Dasein

Gesang vor Morgen

Herbstgesänge I—V

Baudelaire

Verfall

Café I—III

Die Armen

Der Fetzen I—VII

Der Idiot

Geburt

Deutschland

Rückzug

Ahnung

Beengung

De Profundis

Päan des Aufruhrs I—III

Familie

De Profundis I—XIX

Krankenhaus I—III

Totenmesse I—V

Kleist

Die Stadt der Qual

Erscheinen des Engels I—II

Abend

Gesang zur Nacht

Die Stadt der Qual I—III

Bordell I—III

Begräbnis

Stunde des Todes

Der Mörder

Der irdische und der himmlische Gesang

Berlin

Mensch im Abend

Rimbaud

Der irdische und der himmlische Gesang

Die Huren

Der Wald

Aufbruch

Die Mutter

Die Nächte

Das Dreigestirn

Triumph

Entrückung

Trauer

Elegie

Fest

Frühlingsgesänge I—V

Kino I—III

Hymne an die ewige Geliebte

Die große Stunde I—VIII

Die Geißler

Drei geistliche Lieder

Ruhe

Der Tod

Triumph

Ausgang

 

 

 

 

Eingang

Der düstere Dichter im gewohnten Straßenkleide

Stelzt durch den heiligen Tag, den Sonne groß entzündet.

Die blonde Muse trippelt zwitschernd ihm zur Seite.

Geschwellt vom milden Hauch der guten Frühjahrswinde

Gibt Stadt mit Menschheit sich anheim der lauen Welle.

Die vielen Plätze wirbeln um als Karusselle.

Doch des Gestirnes Scheibe rußet. Finsternis

Bestürzt die Erde, dunkler Regenwolken Wald,

Erfüllt mit Ungeziefer, Schlangen Sprung und Biß

Und brüchigem Labyrinthe, graus und kalt.

Verachtungsvollst er im verlassenen Café kauert,

Voll Haß und Ekel er auf brave Bürger lauert,

Von Speise, Rauch und Gift sich fühlend angewidert,

Mit Hände kühnem Griff er ein Gehirn zergliedert.

„Ward Findling ich gesäugt an kranker Mutter Brust?

Es rütteln Fieber mich. Mich zerren Träume wilde.

Verdammung schwieret bös aus Nächte greller Lust

Und ausgehöhlt von Fäulnis schwankt der Jungfrau Bilde.

Hah! Wenn ich denke meiner reinen Kindheit Raub,

Entschleudr ich, ein Athlet, der Lieder Eisenbälle,

Die platzen Bomben, doch verbreiten weitum Helle.

Der Dämon höhnet. Ja, Verzweiflung schlug mich taub . . .“

Das Messer in der Tasche und zum Schuß bereit

Den Browning strolcht er auf dem nächtigen Boulevard.

Die schmale Dame blinzt und lächelt lüstern-breit.

Er wartet wohlversteckt vor einer kleinen Bar.

Er balgt sich öffentlich mit seiner tückischen Katze.

Die Tiere sich zerfleischen, springen hoch, sich pressen.

Die Zähne fetzen blutig aus zerstampften Fressen.

Ihn narrt Vergangenheit mit Schuld und schiefer Fratze,

Die Zukunft tastet nach ihm, irrer Geist und trüb.

Den spitzen Schädel rennt er in die Mauer.

Es ziehen Träume auf voll Qual und blutiger Schauer.

Um seine schlanken Hüften zuckt der Geißel Hieb.

Demütig er und knieend flehet Gott um Gnade.

Er haust asketisch in des Sarges dumpfer Lade.

Die Hölle brauset wirr, die Himmel sich empören.

In finsterer Gasse frierend seine Hure schleicht.

Die sanfte Schwester ihm die laue Suppe reicht.

Luft stiebet pfeifend aus zerfressener Atemröhre.

„Wenn ich die Finger krampfend in die Decke kralle,

Verwünschend meiner Freunde Glück und holde Stunde,

War anders je mein Los, als daß ich einsam wallte,

Vernichtung sinnend, klügelnd aus, wie ich verwunde,

Wie ich gewaltig schreck die gänzlich Unbedachten,

Umstricke tödlich sie mit schmählichstem Verdachte,

In selige Räusche menge unerhörtes Gift . . .

O Rache! Rache, die zurück den Rächer trifft! — —“

Jetzt, da der Flüsse Lauf vor Winters Bollwerk stockt,

Er steigt getrost zu ewiger Grüfte engem Porte.

Der Blitz sprüht seine Schrift. Im Donner dröhnt sein Wort.

Ein schwarzer Engel auf dem Stein als Denkmal hockt.

Verfall

Der Freund

Er streichet wieder durch die blauen Nächte leis,

Verstöret mich mit langem Flüsterwort.

Er ist beständig auf der Weltenreise.

Er fährt mit heller Lüfte Wolken fort.

Er saß in Trümmertempeln plötzlich ungeheuer,

Wo rote Düsterlampen schwelten ganz allein,

Und Rillensäulen sich aufbäumten, Feuer

Verbreitend, leuchtend ungemein.

Bald hockte er in spitzer Felsen Höhle,

Von schräger Sonne gänzlich ausgebrannt,

Die Kinderhände um die Hälse jammernder Kamele.

Brennender Dorn in Sturm und Wüstensand.

Bis gelben Strom er ward hinabgetrieben,

Der fiel ins Meer der vielen Inseln licht.

Von bösen Wintern unberührt geblieben,

Er wandte sein unwirkliches Gesicht.

Aufschlug ein Wald mit rauhen Blätterzungen

Und grüne Wiese hob sich halb und sang wie Flöte süß,

Von großer Liebe Himmel blau durchdrungen,

Der niederfuhr und Goldposaunen blies.

Auf einem Esel grau durchritt er weite Städte,

Wo schlanke Palmen bauten wieder Tempel kühl.

Die Frauen rauschten. Er ward aller Nacht und Bette,

Dann Sonnenglanz und buntes Marktgewühl.

Nun treibt er wieder mit Gesang und weißen Schafen

Durch wirre Öde, Fels und düsterer Trauer Hain —

(. . . Du mögest einmal bei mir schlafen!

Das enge Bett wär nicht zu klein . . .)

Du bist es, den ich nächtlich oft auf Bänken

In Parkanlagen oder unten tief am Flusse finde,

Du armer Bettler, den ich denke,

Wenn ich den aufgegangenen Schuh mir binde.

Ein wenig gleichst du der Geliebten auch.

Bist Duft von ihr und Hauch von ihrem Hauch.

Mystisches Dasein

Ich bin nur da, um selig dir zu weinen

Und daß vielleicht mir dieses noch gelinge,

Auf daß ich makellos vor dir erscheine

Und nichts mich in Verwirrung bringe,

Nicht jenes strahlende Gespann,

Das brüllend sauset über Kluft und Bogen —

Daß ich von dir nur angezogen

Mich ganz in dich verlieren kann.

Gesang vor Morgen

Da kotzt auf Dächer Mondes schiefer Mund

Gallgrünen Schleim. Noch Autobusse zögern.

Die Straße heult, ein aufgeteilter Hund,

Dadurch wir waten dünn mit Aktenschmökern.

In hohen Lüften Kohlenhaufen glosen.

Der Wolken graue Röcke weisen Schlitze.

Geschwollene Scham quillt auf ein Himmel rosen,

In dessen Fleisch wohl krumme Messer blitzen.

Die Mörder unter düsterem Baldachin

An Galgen baumeln, schlagend oft zusammen.

Auf Plätze klatschen Kübel Blutes hin.

Der Häuser Hüften peitschen Scharlachflammen.

Die Huren sammeln sich vor blinder Kneipe,

Wie Vogelscheuchen flatternd auf dem Felde,

Die klappern in der Morgenwinde Kälte. —

Wir werden uns an fernem Ort entleiben.

Herbst-Gesänge

I

Laubkronen schon beginnen zu entschweben,

Weiß überfallen uns die Dämmerungen.

Von Fäulnis ist des Himmels Schwamm durchdrungen.

Wie Schnecken wir an schleimigen Straßen kleben.

Wo bliebst du Held in goldener Strahlen Panzer?

Du schlafest, Gott, im Haar der Sterne Streifen.

Von Dunkelheiten sind wir rings umschanzet.

Geduckt. Vergangenheiten nach uns schleifen.

Der uns in Krankheit warf und Zuchthauszwang,

Der niederstieß den Stock, daß klaffend sprang

Der Halle Boden, und den Kopf uns schor —

Gealtert früh und vorzeitig bekümmert,

Von Lampennacht und eklem Tag verschlimmert,

Uns Kauernde saugt tief ein finsteres Tor.

II

Verkünderinnen großer Himmelsfreude

Schwebt durch die Nacht, die schlimm Verwesung würzt,

Um mich, des Herbstes dumpfen Fall und Beute,

Der unheilvoll den weißen Tag mir kürzt.

Schminkt Wangen bunt mit eueren Schattenhänden,

Die ihr wie Brunnen euch jetzt höher dreht!

Durchbohret mich erschauernd, tiefer . . . wendet

Nochmals das Antlitz her, bis bang verweht

Musik, die aufquoll von Hotelterrassen,

Um die ich schleiche, matt und ausgeraubt.

Vor Jener Nahn ich muß euch schnell verlassen.

Fahret empor im Winde rund als Staub,

Hinstöhnend unter Rädern, die euch fassen,

Als Donner kalt, der kracht die Plätze taub.

III

Ich Made in dem flimmernden Totenkleide,

Das mit viel gelben Lichtern niederhängt.

Die Kohlenstadt, verschmiert von Winters Kreide

Begräbt der Sturm, der Meer und Himmel mengt.

Nun eingesperrt im ewigen Geklüfte,

In eisiger Hölle Nimmerwiederkehr . . .

Doch steigen wir auf zur Nacht als Nebellüfte

Und ziehen überm weißen Flusse her.

Wir träumen Sommer nach, und was gewesen

Erscheint uns warm, von besserem Stern erhellt.

Uns reiben wund der fliegenden Wälder Besen.

Uns kratzet auf das böse Stoppelfeld.

Uns töten bald der goldenen Strahlen Stöße.

Bei blauen Küsten sinken wir, zerschellt.

IV

Ein matter Mond wie dumpfes Gong ertönt.

Nicht reise du in Armut mehr und Körperfülle!

Aufblitze du, o silberne Kanüle,

Und schwebe Bett, aus dem du springst und stöhnst!

Von Stadt und Landschaft knieend vorgelassen —:

Durchjage mich, vernichte mich, o Strahl!

Im Café scheppern die entleerten Tassen,

Ein Zug fällt steil wo in ein dunkles Tal.

Um einen Tag bog ich, der voller Feuer stand,

Der fachte an der vorgegangenen Tage Reihe.

Ein Wurm ich mich durch brennende Gegend wand.

Wann rauschet über meines Kerkers Dickicht Bläue,

Wann liege ich am Meer im Sonnenbrand

Und schweife aus durch Wind und Schaum ins Freie?

V

Ich bin nur Frage und Verkommenheit,

Fetzen im Wind, der um Balkone fährt.

Ich bin der Einspruch im entbrannten Streit,

Gewicht, das eueren Höhenflug beschwert.

Wie plump, hinfällig, kalt und widerlich!

O daß du Vieh dich tief im Stall verkröchest!

Daß dich, der scheu um windige Ecken schlich

Des Nachts —: ein Strolch, ein Strolch bald niedersteche!

Verwickele dich ins Dunkele! Pack dich ein!

An Nasenhaaren baumelt grüner Stein.

In deinen Augen Schimmelmond gerann.

Dein Kopf ist Schorf. Verfrorene Ohren sind

Papierene Schirme, dick verklebt mit Grind.

Aus stinkichtem Maule wächst dir brauner Zahn.

Baudelaire

Schwarzer Engel meine Schritte leitet.

Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.

Bruder, den ich aufgelöst umarm.

Atem feucht, den ich erschauernd spür.

Schwarzer Engel meine Schritte leitet.

Blinket wohl ein Herbst in mattem Golde.

Schlägt ein giftiger Dunst aus nassem Wald.

Nebelhauche blanke Fenster trüben.

Mauern sprengen Fäulnis, Brand und Frost.

Blinket wohl ein Herbst in mattem Golde.

Such ich dich im Wirrwarr der Gebüsche.

Ruf ich dich an Sees verwachsenem Ufer.

Kauerst du im Abendhorizonte,

Der sich färbt mit deiner Gräuel Blut.

Such ich dich im Wirrwarr der Gebüsche.

Atem feucht, den ich erschauernd spür.

Bruder, den ich aufgelöst umarm.

Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.

Schwarzer Engel meine Schritte leitet.

Atem feucht, den ich erschauernd spür.

Fressen Schatten gier an meinen Schultern.

Saugt aus meinen Adern Natternbrut.

Balanziere ich durch klitschige Gassen.

Himmel dräut als Eises starrer Klotz.

Fressen Schatten gier an meinen Schultern.

Und mein Weib stelzt in der nächtigen Runde,

Wüst verschminkt in Bogenlampe Glanz.

Ein Klavier bespeit mich mit Geklimper.

Rausch mich trostlos Traurigen verschwemmt.

Und mein Weib stelzt in der nächtigen Runde.

Bruder, den ich aufgelöst umarm.

Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.

Schwarzer Engel meine Schritte leitet.

Atem feucht, den ich erschauernd spür.

Bruder, den ich aufgelöst umarm.

Hoch der Grube schwankt der Sterne Lüster.

Unsere Lippen leiern schauernd das Gebet.

In Gefängniszellen toben wir zerprallend.

In den Krankenhäusern humpeln wir zerstückt.

Hoch der Grube schwankt der Sterne Lüster.

Wir, die aufgebaut an des Verfalles Ende,

Hinfällig, in Azur ragende Gerippe.

Daß der Blitz des Zorns uns bald entzünde,

Daß wir Leuchten seien letzter Nacht!

Wir, die aufgebaut an des Verfalles Ende.

Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.

Schwarzer Engel meine Schritte leitet.

Atem feucht, den ich erschauernd spür.

Bruder, den ich aufgelöst umarm.

Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.

Verfall

Unsere Leiber zerfallen,

Graben uns singend ein:

Berauschte Abende wir,

Nachtsturm- und meerverscharrt.

Heißes Blut vertrocknet,

Eitergeschwür verrinnt.

Mund, Ohr, Auge verhüllet

Schlaf, Traum, Erde, der Wind.

Gelblich träger Würmer

Enggewundener Gang.

Pochen rollender Stürme.

Wimpern, blutrot lang.

. . . „Bin ich zerbröckelnde Mauer,

Säule am Wegrand, die schweigt?

Oder Baum der Trauer,

Über den Abgrund geneigt?“ . . .

Süßer Geruch der Verwesung,

Raum, Haus, Haupt erfüllend.

Blumen, flatternde Gräser.

Vögel, Lieder, quillend.

Ja —: verfaulter Stamm . . .“

Schimmel. Geächz. Gestöhn.

Unter wimmelnder Himmel Flucht

Furchtbarer Laut ertönt:

Pauke. Tubegedröhn.

Donner. Wildflammiges Licht.

Zymbel. Schlagender Ton.

Trommelgeschrill. Das zerbricht. —

Der ich mich dir, weite Welt,

Hingab, leicht vertrauend,

Sieh, der arme Leib verfällt,

Doch mein Geist die Heimat schaut.

Nacht, dein Schlummer tröstet mich,

Mund ruht tief und Arm.

Heller Tag, du lösest mich

Auf in Unruh ganz und Harm.

Daß ich keinen Ausweg finde,

Ach, so weh zerteilt!

Blende bald, bald blind und Binde.

Daß kein Kuß mich heilt!

Daß ich keinen Ausweg finde,

Trag wohl ich nur Schuld:

Wildstrom, Blut und Feuerwind,

Schande, Ungeduld.

Tag, du herbe Bitternis!

Nacht, gib Traum und Rat!

Kot, Verzerrung, Schnitt und Riß —

Kühle Lagerstatt . . .

Alles muß noch ferne sein,

Fern, o fern von mir —

Blüh empor im Sternenschein,

Heimat, über mir!

Einmal werde ich am Wege stehn,

Versonnen, im Anschaun einer großen Stadt.

Umronnen von goldener Winde Wehn.

Licht fällt durch der Wolken Flucht matt.

Verzückte Gestalten, in Weiß gehüllt . . .

Meine Hände rühren

An Himmel, die von Gold erfüllt,

Sich öffnen gleich Wundertüren.

Wiesen, Wälder ziehen herauf.

Gewässer sich wälzen. Brücken.

Gewölbe. Endloser Ströme Lauf.

Grauer Gebirge Rücken.

Rotes Gedonner entsetzlich schwillt.

Drachen, Erde speiend.

Aufgerissener Rachen, die Sonne brüllt.

Empörung. Lachen. Geschrei.

Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack.

Knäuel. Gemetzel weit . . .

. . . „Wann erscheinest du, ewiger Tag?

Oder hat es noch Zeit?

Wann ertönest du, schallendes Horn,

Schrei du der Meerflut schwer?

Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn

Rufend die Schläfer her?“ . . .

Café

I

Die runden Tische drehen gut im Takt.

Es kollern Flöten wimmernd im Gerölle.

Ein Bogenlicht in wirren Strahlen zackt.

Wir schmoren ausgezehrt in lauter Hölle.

Was sind wir, daß in jenem gleichen Grau

Die Schleierdame in uns Reize weckt?

Ach, krochen wir aus hohler Gassen Bau

In dies Gewölb, das jeden Schmerz aufdeckt?

Ach, dürften wir gesunden so in Schnelle,

Uns atmen frei durch diesen trüben Dunst!

Die vielen ernsten Kellner eilen schnelle.

Ein finsteres Vieh, die fette Pauke, grunzt.

O, werden wir aus unserem Rausch erwachen,

Kühl Morgens einmal Nüchternheit erleben?

Wir schreien eingepfercht in Qual nach Rache.

Es wär uns klug, nach einem Amt zu streben.

Daß uns die Zukunft anders offenbare!

Daß ackere um uns toller Leiden Pflug!

Daß wir das Tröstliche dereinst erfahren!

Daß freudig schreiten wir gewaltigen Zugs!

Es rasseln Geigen, Geigen tödlich-schrill.

Die Lärmtrompeten heulen elend-heiser.

Wir schweben durch verworrene Nächte still

Mit Augenaufschlag und als Wunderpreiser.

Daß du entnimmst uns in die große Stunde,

Ein gütiger Geist, und schlürfst uns als Oblate.

Daß wir zergehen süß in deinem Munde . . .

Da schlängeln sich durchs Blut der Gifte Pfade,

Da auch Gestalten wandeln scheinumrandet

Und Tote sind in weißen Linnen da.

Wir aber, rings von Tönen Schlamms umbrandet,

Zersetzen uns, uns manchmal trunken-nah.

II

So harren wir in allen Nächten spät,

Daß unser Herz was Seltsames erfahre.

Daß nur kein fremder Hauch, kein Licht uns rühre,

Sonst sind zerfallen wir und ausgeweht.

Wo haben euch die Stunden hingenommen

Dich blonden Nachbarn, dich, du mageres Kind?

Dich Weißbierschale, Tasse und Absinth?

Zu welchen Meeren seid ihr hingeschwommen?

Ists klar bei euch? Ists Frühling oder kalt?

Und steigen auf verkohlter Wälder Pfähle?

Ja, wenn wir uns aus diesen Hallen stehlen,

Wir treten wieder müde den Asphalt.

Jetzt aber sollen uns die Wände fressen.

Wir sind gelangweilt. Müssen heftig gähnen.

Wir krachen unter den sehr kräftigen Zähnen

Von Ungeheuern und die Hände pressend

Wir flehen wütend, flehen brünstig bang,

Auf daß ein Unerhörtes uns errette!

Ob es erwächst aus einem warmen Bette,

Ob es ersteht beim Todesröchelklang

Der in der weiten Dämmerung erwachten,

Bald schläferig abwärts schwankenden Kapelle?

Es blitzt ein ewiger Tag in blutiger Helle. —

Wir wollen fürder hassen und verachten.

III

Wir finden uns geängstet im Gewahrsam

Von tausend Menschen, die sich kreisend ranken.

Wir neigen uns demütig, leben sparsam

Und treten rückwärts vor geschlossener Schranke.

Oft bricht gehässig wohl aus unserer Rede

Ein Wort und manchmal wird ein Fluch geschleudert.

Nun knieen wir, zur holden Magd zu beten,

Derweil die Bande toller Lüste meutert.

Wer führte uns aus diesen Engbezirken,

Wer höbe auf der Fenster helle Pracht?

Wir wollen tiefer in uns Ekel würgen,

Verzweifelt angehören stumpfer Nacht.

Sie wird erblassen. In den schwarzen Haaren

Wird sich ein Silberfaden glänzend zeigen

Und Strahlen werden sich rings um uns scharen,

Bejubelt von dem Ablauf winziger Geigen.

O Dirigent, fach an das höllische Feuer,

Treib auf die Spitze dieser Töne Schwall!

Erpeitsche uns das letzte Abenteuer!

Durchjage uns mit Blitz und Wasserfall!

O dröhne, dröhne Donner! Zacke Schwert!

Vernichte Jubel Ohr und fetze Mund!

Und, sind wir nicht der spröden Klarheit wert,

Barmherziger Gott, o richte uns zugrund! —

Schon flutet wieder nieder die Empörung.

Wir fuchteln nur mit Armen zuckend-wirr.

Wir schlingen trüber lächelnd die Verschwörung,

Da wirbeln alle Gläser mit Geklirr.

Die Armen

Im Wintersturm die gelben Bogenlampen klappernd schwanken.

Ein falber Schein der Plätze heulende Rotunde füllt.

Die Droschkengäule kreiseln enger. Autobusse ankern.

Geschleudert durch vereiste Öden saust des Mondes Schild.

Aus Domes feuchtem Kerker dringen furchtbare Choräle.

Hell rascheln Klingeln durch der Priester monotonen Sang.

Da Kerzen flackern in dem muffigen Hauch aus Gräberkehlen

Und zündeln hoch den Schimmelwänden, längs der Säulen Gang.

Die Blinde ächzet leis, ein Klumpen, in der Ecke knieend,

Die durchs Gebiß verrückend-grün die schmale Zunge bleckt.

Ein Veteranenkrüppel mit des Armes welkem Gliede

Die Krücke schräg auf Christi dürres Holzkreuz weisend streckt.

In düsterer Gegend wallen schimmernd blasse Büßerfrauen,

Den gelben Engeln ähnlich, die vom Strahlenaltar blicken

Mit ausgebrochenen Augen in ein kaltes Dämmergrauen,

Nur manchmal lächelnd mit den dünnen Palmenstengeln nicken,

Wenn hoch die bleiche Hostie in der güldenen Monstranz

Wie Sonne in der Frühe über Berge zymbelnd steiget,

Wobei die holde Gottesmagd, verklärt im Lilienkranz

Erlauchter Mutterschmerzen gnädig durch die Niederung äuget . . .

„Jetzt lallen wir mit trockenen Lippen unser Nachtgebet,

Dann flüchten eilends wir zurück in finstere Asyle.

Da heute uns kein guter Mensch ins Haus zu Gaste lädt,

So schlingen hüstelnd wir als Fraß der weißen Nebel Kühle

Und jenen heißenden Hauch, bei dem der arge Frost gefriert,

Und brechen wir mit knöchernen Fingern krampfend dürre Äste,

Man läßt vielleicht uns, räudigen Hunden, Küchenreste.

Dem gütigen Geist, der also uns erhält, viel Dank gebührt.“

Im Zwischendecke schlafend mit den Koffern, um die Kisten

Sie schlingen ihre schwarzen Arme, ausgezehrt und schwach.

In schäbiger Klause sie wie grauer Vögel Schwärme nisten.

Es schleudern erste Föhne taumelnd-irre sie vom Dach.

Der Arzt tut bitter, der mit dicker Lauge ätzt und Spritze.

Habt ihr genähret euch die kalten Wochen durch mit Lauch?

Habt ihr gespült den Darm, durchschwemmt den Bauch mit Brei und Grütze?

In wunde Lungen eingesaugt der Salze Hauch?

Die Tische wackeln, stehen schief, zerhacket von Gezänke,

Da Väter kollern um die Stürze schwangerer Mütter her.

O ahntet ihr der Reichen Spiel und Traum und heitere Schwänke,

Die Tänze hinterm Vorhang, leicht beschwingt und schwer!

„Christus, du Siechen-Hort, du unser Freund, wardst zum Verräter,

Ein Mörder schleichend durch die trübe Gasse, schmal und streng.

Durch unsere schlimmen Nächte heult dein himmlischer Trompeter,

Der Engel schwarz mit Feuersturz aus wolkichtem Gedräng.

Christus! . . . Und waren wir doch Huren, Kranke und Verbrecher

Voll gläubigen Vertrauens innig-schüchtern dir Genahte?

Du aber übtest nur Gewalt als Block und Henker-Rächer,

Uns nicht besänftigend mit Balsamguß und Trostes Gnade.

Christus! Wie hofften wir, daß herrlich du uns einst erschienest!

Christus! Wie wünschten wir, daß du ein Bruder mit uns weintest!

Christus! Wie flehten wir, daß du dem zornigen Gott uns eintest!

Christus! Wie zittern wir, daß herrlich du dereinst erscheinest!

Die Ungerechten sollten blutend in die Flüsse taumeln.

Die Lauen würden sich verröchelnd auf den Plätzen strecken.

Die Bürgermädchen müßten zwar an ihren Zöpfen baumeln

Und die Beamten-Schnauzen würdest du in Jauche stecken.

Wir kämen dir entgegen laut mit Jubelschwall und Fahne,

Wir führten Reisemüden dich in unsere Gemächer,

Dann trätest du verklärt-entzückt auf luftige Altane,

Da tief im Straßenschacht die Völker in die Kniee brechen . . .

Was rufen wir verzweifelt dich, der tut sich niemals kund,

Der bleibt, ein kalt Geripp, versargt in Erde nasser Hülle?

Kein reiner Kuß blüht hoch aus unserer Fieber faulem Schlund,

Wild wächst nur Angstgeschrei und Marter pfauchendes Gebrülle.

Um Allerseelen aber wandern wir in langen Zügen

Zum Friedhof, schlagend uns durch Park und Hain in spätes Grün.

Der Herbste dünne Winde tief die Wipfelbäume biegen,

Bald jagen wir auf Karussellen froh am Feste hin.

Brecht ein in unsere Körper wie in dornichtes Gestrüppe,

An unserer Hüften Knochen stoßt euch nässend-wund!

Da blinkeln Eiterknoten, Narbenschorf auf Stirn und Lippe,

Und Seuchen wälzen träg sich, Schlangenbrut, auf finsterem Grund.

Im hellen Laden schöne Ringe und Demanten schillern.

Die vielen Singevögel in den weiten Gärten trillern.

Wir schleppen uns zum letztenmal, veraltert und gebückt

Durch diese Pracht. Ein billiger Blumenstrauß, zerzaust — zerpflückt.

Im Hause müssen wir bei Gases schlechtem Schein verwelken.

Das frische Wasser kann uns nicht den harten Tod ersparen.

Da ziehen vor als dichte Schleier wir die Strähnenhaare

Und sausen nieder unterm Krachen der Gehirn-Gebälke.

Wir jauchzen gell. Beginnt! Wacht auf uns zu empfangen!

Wir wollen tüchtig helfen euch den eisernen Kessel schüren.

Wir wollen Gott, der Kräfte Dieb, mit glühenden Fesselzangen

In unseren Kerker im Triumph zu heißer Folter führen.

Hier müßte er die tausend Qualenstunden dreifach büßen

Und leiden in das Dunkel eisiger Spalten eingepreßt.

Ihn überwuchere heftig Ausschlag, raffe nieder Pest!

Der Brände Strahlenfälle spitz ins weiche Fleisch ihm schießen!

Wir wollen ihn erniedrigen, zu Unseresgleichen reißen,

Daß ihn Gemeinheit zauberisch locke, tückisch ihn bestrick!

Wir wollen ihn mit unseren gekotzten Brocken speisen

Und tränken ihn mit eklem Spülicht. Auf sein Stiergenick

Die Füße dröhnend setzen, bis ein fetter Wurm er sich

Am Boden krümmt. Die Engel in den Höhen schauerig jammern.

Wir wühlen hoch uns. Bohren durch uns. Aus den kaltem Kammern

Marschieren wir mit Paukenknall in jäher Sonne Stich,

Befreit von Gottes Druck in ätherflüssigen Gewändern

(Da Düfte-Meere unsere Dulder-Körper lind umstreichen,

Wo, schöne Bräute, harren unser neue Himmelreiche)

Zu fernen Horizonten, die sich rosig-flammend rändern.“

Der Fetzen

Wir weinen uns durch Haft und Äthersaal

Einander zu . . .

I

Auftritt Sängerin im ganz verschlissenen Kleide,

Wangen grabgehöhlt, der Haare Stroh gescheitelt.

Tänzelnd schwebend über rosenem Schwall von Rauch.

Heimatlieder zirpend. Ventilator faucht.

Vorgebeugt. Jetzt rückwärts stürzend zum Klavier.

Strahlenden Blicks, als ob sie Himmel offen säh.

Heulend auf, als ob sie Todes Schatten rühr . . .

Blonder Engel, schenkst dich aus im Cabaret! . . .

Gift und Küsse haben jauchzend dich zerstückt!

Schreite wie ein Pilger hinter dir gebückt,

Reih mich ein demütig in die Brüderschar,

Die um dich einst, tollverzückt, entglommen war.

Deine Vogelaugen kränzet Lilaflor.

Ach, wir fallen nieder unter jedem Tor,

Auf den nassen Bänken. Steil wächst goldenes Licht.

Fliederschleier wallen um dein Schmerzgesicht.

In den großen Kirchen sind wir gern zuhaus.

Selig uns durchströmet flammender Orgel Braus.

Blasse Jungfrau, hast du die Verkommenen lieb?

Überstreich mit Salbe kranken Leibes Sieb! . . .