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Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa cover

Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa

Chapter 3: De Profundis
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About This Book

A series of intense prose pieces and fragments that fuse visionary lyricism, autobiographical confession and social protest. The narrator alternates feverish religious and erotic imagery with stark recollections of childhood poverty, urban squalor, and scenes of violence, decay and carnival grotesquerie. Voices range from hymn-like jeremiads to sardonic addresses to an indifferent crowd, producing an experimental, fragmentary structure that moves between apocalyptic visions, personal memory, and political indignation. Recurrent motifs include bodily corruption, ritual spectacle, and longing for deliverance, while rhetorical excess and vivid sensory detail create a nocturnal, hallucinatory atmosphere rather than a linear narrative.

The Project Gutenberg eBook of Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa

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Title: Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa

Author: Johannes Robert Becher

Release date: September 15, 2011 [eBook #37436]

Language: German

Credits: Produced by Jens Sadowski

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ZWEITER TEIL: VERSUCHE IN PROSA ***

 

 

 

 

 

Johannes R. Becher

Verfall und Triumph

 

 

Zweiter Teil

 

Versuche in Prosa

 

 

 

 

 

Berlin
Hyperionverlag
1914

 

 

 

 

 

Gedruckt bei
Poeschel & Trepte in Leipzig.
Copyright 1914 by Hyperionverlag, Berlin
Fünfundzwanzig Exemplare wurden auf
Old Stratford abgezogen und in
der Presse numeriert

 

 

Inhalt

De Profundis

Das kleine Leben

Der Dragoner

Kindheit

Der Idiot

Um Dagny heulen wir Gespenster

 

 

De Profundis

Hymne / Fragmentarisch

Möge es mir gelingen, — zum Abschied, denn ich eile anderen, lichteren Zielen zu! — möge es mir gelingen, den lauen, mittelmäßigen und begnügsamen Geist eueres armen, irdischen Alltags noch einmal aufzustacheln, euch zu erheben! Euch festtäglicher, erstaunter, heiterer zu stimmen durch das erhabene und fromme, das ernste und wahrhaft furchtbare Schauspiel dieses seltsamst entarteten und am maßlosest entfesseltsten Leidens. Tretet näher! Kommt heran! Brüder, Schwestern! Mit hellen Frühjahrsfarben habe ich mich geschmückt, mit reichlich bunten und verzierten, mit flatternden Wolkenbändern. Hört! . . . Ach!

Was gafft ihr, ihr albernen Gänse, zieht die geschminkten Fressen wie zum Lachen breit! Sperrt die großen Mäuler auf, wie vor der Jahrmarktsbude eines fremdländischen Wunders, — bin ich denn gar so ein Scheusal, ein zerfressenes Gerippe! — die dreckigen Hände in den nassen Hosentaschen, Laufburschen, Louis, lausige Hanswursten! Ach, schon bin ich wieder gelangweilt und ermüdet durch euere, ach so wenig unterhaltsame Gesellschaft, ach, schon wieder gelangweilt und ermüdet, bevor ich noch den Mund zum ersten Worte aufgetan. Es wird ja unnütz sein. Euch nicht mehr als eine mehr oder minder mißverstandene spaßige oder gruselige Abendunterhaltung, während welcher ihr einander bestehlt oder den Weibern unter die Röcke greift. Wahrlich! und dazu muß ich noch — so: ein eigentümlicher Kuppler und närrischer Schmerzensausschreier — gewärtigen, daß einer von euch plötzlich veitstanzt oder ein anderer aus euerer sauberen Genossenschaft mir in einem manischen Anfall mit einem Schiefer rücklings den Schädel einschlägt. So lockt mich einzig nur die Gefahr, ihr Guten. Die Laune, euere erstaunten Mienen zu beobachten, wie ihr empört und im Innersten beleidigt oder aufgebracht allerhand tolle Fratzen schneidet, bald zu plärren anfangt, bald davonlauft, wiederkommt, murmelt, schreit oder aufhorcht. Euer Gesicht aus Scham und Wut verzerrt. Erzürnt die Fäuste hebt! . . . So hört! Ich singe euch vor meinem endgültigen Abschied noch das religiöse Lied meiner fanatischsten Ekstasen, das arge Ende meiner entzückten Liebesräusche. Die große Jeremiade, eine pathetische und mystisch verklärte Agonie. Das zynische Klagelied. Vernehmt bewundernd oder im Tiefsten angewidert das Ende einer bitteren Passion. Seltsame Träume. Meine Taten, die guten und die bösen. Sie ziehen an euch vorüber in einem bunt abwechselnden, aufreizenden, karnevalesken Reigen. Flammen leuchten auf. Trommeln. Trompeten schmettern. Der laute Schlachtruf der Kämpfenden, der himmlische Päan, dem ich, hörte ich ihn nur von weit, schon als Knabe wild wie ein Tier nachstürzte, wobei ich alles im Stiche ließ und um keinen Preis zu halten war, vielleicht in der sicheren Vorahnung, daß er einst meiner letzten Kämpfe, meiner ärgsten Schlacht Begleiter sei, in der Hoffnung, daß er einst mich zur Heimat geleite, einst mich erlöse.

Was? Ihr lacht? Macht Beifall, Lärm? Nein. Nichts, nichts von alledem. Der silberne Mond schwebt hoch über dem verlassenen Platz. In seiner Mitte, unter der Säule, gegenüber dem Löwentor des zerfallenen Palastes stehe ich. Laut und eindringlich habe ich, meiner Gewohnheit nach, in einer visionären Erregung zu einer unsichtbaren Versammlung gesprochen. Doch wer vernähme meine Rede auch in dieser raschen Zeit! Doch! Von neuem! Ich versuche es. Ich gebrauche die hohle Hand! Dann beginne ich! Stammle entzückt und voll Wonnen! Also, zum Anfang!

Ich beginne! Und lauschten mir auch nur die flüsternden Nachtwinde, die rauschenden Bäume und das vom Mondlicht beglänzte Rieseln der Brunnen, und hörten mich auch nur die weißen Wege, und horchten auch nur die harten Steine auf mein trauriges Lied!

Aus der Tiefe, Herr, rufe ich. Die tägliche Welt scheint in tiefe, graue Schattenabgründe hinabversunken. Ich fühle mich leicht wie Äther, frei und wahrhaft glücklich erhoben. Der goldene Himmel blüht. Visionäre Träume von sonst nie geahnter Ungeduld erfüllen mich, bedrängen mich. Goldene Feuer lohen empor und umlichten furchtbar meine eisige Grabesnacht. Scheiterhaufen warten aufgerichtet. Hellebarden, Dolche blitzen. Trommelwirbel. Rote Lichter vor schmutzigen Bordellen flammen in blaue Liebesnacht. Breite, langgezogene, geschminkte Lippen. Geheul der zerschundenen Tiere. Rotgelbe Sonnen leuchten magisch empor aus dunklen Moortümpeln. Gefallene Engel. Aufgerissene Menschenleiber. Beben, Zittern, Schluchzen, Seufzen, Stöhnen, Stallgeruch. Helle Rufe zu Kreuzzügen in fernste Wunderländer erwecken mich. Flagellantenheere kreischen. Feuersbrünste wüten. Stierkämpfe. Hetzjagden auf Wilde. Wüsteneien. Die Pest erhebt ihr durchlöchertes Haupt. Ein Dogma, eine Tyrannis, grausam über alle Maßen, beherrscht mich. Eine göttliche Phantasie belebt mich. Engel mit himmlisch verzückten Händen schweben hernieder. Weiße blutbefleckte Knaben- und Mädchenleiber in unsagbar süßen Verschlingungen und eine große, rasende Orgie des Inzests. Und dies sehe ich oft in meinen Grabnächten und es ist, als walle eine lange, endlose Schleppe über die schlafende Erde, daß die Wipfel der Wälder sich darunter erregen und erbrausen, und die Gewässer der Erde wie Tautropfen am Saume jenes himmlischen Gewandes haften. Und ein Duft geht davon aus, wie von altem Blut und rotem Wein. Doch die Gestalt, die solches trägt, bleibt mir unsichtbar. Es ist weißlich, gläsern. Ich befinde mich einsam auf der stillen Warte des Grenzgebirges der Welt. Aufgelöst in Tränen kniee ich zu Gottes Füßen, spüre den Hauch seines Atems, den Druck seiner väterlichen Hand, fasse sein Herz. Das irdische Reich hört auf. Neue Gestade, gräulich und mattglänzend, grüne Eismeere, blaue unermeßliche Gletscherflächen tauchen langsam und leis, unter einem süßlich klingenden, leicht und allmählich anschwillenden Gesang, hinter den Gräueln und Verruchtheiten der roten Mitternacht empor. Tausender Leben finde ich in mir. In mir, dem äußersten, leidenden Glied eines reichen, verderbten Geschlechts. Und doch im Blut die wehe Ahnung einer maßlos berauschten, rasenden Demokratie. Bin jung. Bin alt. Bin Kind, bin Berg, bin Stadt, bin Land. Jungfrau, Dirne, Soldat, Matrose. Lebendig. Tot. Fühle mich von großen, langewundenen Würmern weh zerfressen: Herz, Magen, Nieren, Achselhöhlen, Gehirn; die Lippen schwammig, aufgedunsen, naß und grün. Schimmelig. Welk oder trocken ausgezehrt von Fäulnis. Die schleimigen Augen voll Eiter; Nester kleinen stinkenden Gewürms. Der Mund voll Erde. Die Zähne brüchig, grün. Ein berückendes Arom umgibt mich: Weihrauchdämpfe, Verwesungsduft und der helle Geruch weißen Äthers oder gelben Karbols aus dem Operationssaal. Ecce homo! Ecce homo! . . .

Einst, o einst, da ich wuchs empor, blühend heran, inmitten kläglichen, schmutzigen Kindergewimmels. Auf engen, dunklen Höfen, steilen, brüchigen Holztreppen, verdreckten Straßenplätzen. Graue Mauern starren auf. Rote Fenster in weißen Kalkgemäuern, ewig verschlossen. Die Mietskasernen. Ausflüchte der Seele, hart vergittert. Aber das Lied des umherziehenden Orgelmanns tat zum ersten Male mein Herz auf und aller Knaben und Mädchen schüchterner, aufjauchzender Ringeltanz. Veilchenblauer Himmel. Blühende Sonne. Sterne und der Mond am feurigen Nachtfirmament. Das Kindlein in der Krippen . . . Einst, o einst: zwischen gleichmäßigem Löffelgeklirr das unaufhörliche Getropfe der mütterlichen Tränen auf den irdenen Teller. Die Schläge, das harte Schweigen oder die Schelte des erzürnten Vaters. Streit der Geschwister. Unzufriedenheit, Intrigen, Haß, Neid und Zank, Gegrein und Geschluchze aus kalten, rohen, roten, zerrissenen und zerschlissenen Betten. Ungeziefer schwirrt. Zerfetzte Kleider, Hunger, Kälte. Finstere, verrußte Ecken. Erbrochene Kassenschränke und Wanderungen. O, da meine Sehnsucht übergroß ward und nach wunderlichen Sonnen und fremdartigen Ländern, großen, rauschenden Städten, mächtig mein Verlangen ging. Mich mein Sehnen zog. Das Herz schlug.

Mit Trine und Louis eingepfercht in den Viehwagen. Es pfeift. Stimmen. Vorwärts. Man fährt ab. Zerrüttelt. Lechzend. Mit offenen, trockenen Mäulern. Einer hat Schnaps. Die Augen harren. Alles ist unbestimmt. Keiner weiß. Man fährt in die Nacht. O, daß man einer Heimat entgegenführe! . . . Schon der Morgen bringt neue Seltsamkeiten und mancherlei eigenartige Überraschungen. Er hat milchige, kühle Wangen, gleich einem Mädchen. Doch der glühende Mittag naht. Die schwere Nacht. Die kristallene Klarheit frischer Morgenlüfte bleibt ein Traum . . .

Armut! Armut! Man übernachtet in Menge in Heustadeln oder auf freiem Feld, oder lagert gleich einer räudigen und übelriechenden Herde Viehs in wüsten Gassenschenken.

Armut! Armut! Du schändliches Königreich! Der enge Schlafraum ist voll von dem Geruch der nassen Windeln, dem grünlichen Salzgestank verpißter Betten, erfüllt von dem Geschrei gebärender Weiber, eierköpfiger Kretins, kleiner Kinder. Mensch, zieh deine Hand ein! Schlaf! Strecke dich nicht! Nichts! Denn bei einer Berührung greifst du an Schöße, stinkende, nasse, verschleimte, verkrebste Schöße, zerfressen, angefault, von großen gelben Geschwüren, Würmern angeknabbert, oder an Bäuche, kleine Bäuche, steinhart und mit dem Fraß roher Kartoffeln furchtbar angefüllt. Dein Trank ist ein Napf voll Urin und Blut! Dein Fraß sind Steine, Grind und Kot! Armut! Armut! Wurzel schlugst du im Gehirn, Geschlecht. Stunde, du kommst, die mich zerbricht. Die mich zermartert. Du zertrümmerst mich. O, so viel Blut drückt schwer. So viel Blut beglückt nicht mehr. So viel Blut bringt die Welt in Aufregung.

Erinnerung, du umschimmerst mich. Erinnerung du aus frühen Kampftagen. Zerbrochen bin ich, doch nicht geschlagen. Geträumte Länder, warme Länder, Sonnenländer! O ihr, meine Länder, herrlich und prächtig, durchzogen von den trunkenen Scharen jauchzender Vögel und den flatternden Kolonnen der singenden Fische! Apokalyptische Himmel! Blutige Sternengewölbe, violett umhaucht von der Glut silberner Sonnen, dem Geknister elektrischer Monde, jäh emporgetaucht aus dunkelgrünen Eisnächten. Riesenschlangen, träg und schwer auf den Ästen der Laubbäume. Raubtiere lauernd in Dickichten. Blumen, eine helle, fröhliche Sprache sprechend und umherblickend mit blauen, unschuldigen Menschenaugen. Geträumte Länder, warme Länder, Sonnenländer! O, so hört mein Freiheitlied! Denn aus den großen, kalten, nordischen Städten komme ich, aus Strohhütten, Spelunken, trübsten Höhlen der Hungernden, Verworfenen, Verbrecher und Verbannten. So hört mein Freiheitlied:

„Ihr Lumpenhunde, Saufkumpane! Gaukler, Gecken! Onanisten! Päderasten! Fetischisten! Kaufleute, Bürger, Aviatiker, Soldaten! Louis, Dirnen! Ihr großen Metzen! Syphilitiker! Brüder, Menschenkinder alle! Erwacht! Erwacht! Ich rufe euch zum hitzigsten Aufruhr, zur brennendsten Anarchie. Zum bösesten Widerstreit begeistere, reize ich euch. Revolution! Revolutionäre! Anarchisten! Gegen den Tod! Gegen den Tod! Brüder! Höllen und Dämone! Mein sprühendes Manifest. Kanonendonner, Lichtgarben! Ich führe euch. Vorwärts. Marsch! Marsch! Den gelben Klang der Trompete, den grauen, gleichmäßigen Wirbelschlag der Trommel, das weiße Aufschrillen der Pfeife, das flatternde Blut der roten Fahne, die violette Farbe unregelmäßiger, gefährlicher, schwärmender oder konzentrierter, tödlicher Bewegungen —: fühle ich in meinem Blut. Ich wittere Morgenluft. Sonnenluft. Auf! Granaten zerplatzt! Kartätschen, Fanfarenhymnen steigt! Infernalisches Geschmetter! Vorwärts, wir kommen. Dieser stählerne Vogel, der laut jubelnd der Morgensonne entgegenschießt, ist unser Bote, diese Granate, die hell durch die Luft pfeift, unser Gruß. Wir rücken an. Aus unseren Schildern, auf unseren Helmspitzen leuchtet auf, steil und flammend, der Triumph der neuen Zeit. Das silberne, zart aufjauchzende Lied glitzernder Bajonette umschmiegt sie. Glänzende Riesenstädte schlagen erstaunt Märchenaugen auf aus grauen, nebelverschleierten Ebenen. Blühende Himmel. Voll Türmen und Zinnen. Und Gold! Und Gold! . . .“

 

Alles Körperhafte habe ich von mir gestreift. Alles Irdische habe ich von mir getan. Nackt bin ich in diese einsamsten Hallen getreten. Die kühl sind und vom Glanze mattesten Goldes. Die wie vergessen schwebende Räume inmitten kreisender Welten sind . . . Suchte ich dich Ewigen nicht im zaghaften Geflüster aller erwachenden Liebe oder auch in den drohenden Brandstürmen aufgepeitschten, dampfenden Blutes? Dich, der du der Richter bist der ewigen Kriege. Aber auch im Morgenraunen der Bäume, wie im verlöschenden Gold der Sonne über der abendlichen Flur, oder im heimatlichen Gesang der Vögel, sowie die schwere Nacht angeht. Aber in allen Räuschen des Blutes fand ich mich dir am nächsten. Oder im verschrillenden Sausen, im helldröhnenden Fanfarengeschmetter oder dumpfem Marschschritt, heulendem Anmarsch nahenden Todes. Die verpestete Luft erfüllt vom dumpfen Gedröhn ziehender Belagerungsgeschütze, vom glorreichen Aufstrom schallender Vogelchöre, vom Gestöhn der schmerzvoll Hinsterbenden, vom weißen Schweigen der Gefallenen in den verfeuchteten Laufgräben, vom Siegesgeschrei, dem rauhen Gebrüll der Lebendigen . . .

Mein Gehirn ist nur mehr ein Fühlbares, ein nur mehr Begreifbares. Etwas nur mehr sich durch einen kleinen, gleichmäßigen Schlag Bemerkbarmachendes. Als ob wer die knöcherne Umhüllung sprengen möchte. Vergangenheit, Vergangenheit wohnt darin. Wir, die wir Vergangenheit sind. Gegenwartsfremd. Zukunftfeind. Wir, die wir die bedrückten Träger einer trüben Tradition sind. Wir, die wir die Nachtgeborenen sind. Der helle Tag findet unsern Körper müd, unsere Seelen verschlossen. Doch die dunkle Mutter öffnet ihren Kindern die schweren Augen. Auf den samtenen Fittichen einer trunkenen Traurigkeit werden die Ahndungsvollen mit sanfter Gewalt dem Bann der dunklen Erde entrückt und zu den Gefilden der Seligen, den himmlischen Gärten hin entführt, wo die leuchtenden Sternkugeln überherrlich entzündet sind.

Ich treib auf Trümmern, ziellos, unentwegt. Lang ist die Irrfahrt. Das Haupt drückt schwer. Müd ist die Hand. O, alles zerbarst, alles zerkrachte. Wie wütend die Wellen schlugen. Alles über Bord — O, splittert Planken! Noch einmal, o, noch einmal und — letzter Kampf! O: alles dann aus und Raub der Wogen . . . Und ich warte. Alles geht über mich. Alles verweht mich. Was hilft mir zur Ewigkeit? Komm Untergang!

O, und Blut! Blut! Blut! O, über ein Meer von geschändeten Nonnenleichnamen die Morgensonne aufgehn sehen, mit krampfhaft verstreckten Händen über den Weltenraum hin, aus Opiumdüften unerhörte Visionen des Kreuzes, daß es purpurn flattert. O, wir tragen unsere reinsten Wünsche nach dem Untergang. Wir erarbeiten ihn. Alles wird Geschlecht. Uns betrübt kein kleinlicher Unterschied. Wir endigen in einem Hexensabbath der Hysterie. In einem Teufelstanz der unerhörtesten Perversitäten. Nur große Schauspiele befreien euch den Geist. Daß ihr erlöst werdet vom Fleisch, peitscht euch das Blut auf! Rhythmitisiert euch! Steht auf! Steht auf! Schlagt nieder! Stoßt zu! Brecht auf! O, du ätherische Wollust des Nur-Gedenkens! O: und aus den überwehten Grüften der Entschlafenen in die ewige, zeitlose Helle steigend! . . .

Seht, oben bin ich seltsam gut und träumerisch. Unten aber schlecht, verseucht und angefault. Das bin ich. Doch meine Tiefen sollen wieder Höhen werden. Aller Schmerzen Abgründe jubelnde Bläuen. Und meine Verirrungen — denn noch jage ich trunken dahin, unbewußt, dumpf benommen und wie von dem schwülen Duft aufblühender Rosenhecken und dem betäubenden Geruch süßer Mädchenleiber umhüllt — und meine Verirrungen sind mir Gewähr eines einst sich besseren Zurechtfindens. Doch das wird lange dauern. Das braucht Zeit. Ich habe Zeit . . .

 

Wenn ihr klug seid, vertut die schöne irdische Zeit mit Spiel und Tanz, mit Weib und Wein! Schlaft trunken ein unter Rosenhecken, unter goldenem Sternenglanz, umspielt vom weichen Strome milder Frühlingsdüfte. Erwacht dann wieder, süß umschlungen, erweckt von holdem Engelsgesang, der himmlischen Musik . . . Die Nacht vergeht. Der Tag bricht an. Die Sonne sinkt. Dazwischen schallender Gesang der Vögel. Wasserrauschen. Durch die Wipfel der Bäume Brausen des Windes.

Unsere Heimat ist die Erde. Von Erde sind wir. Zu Erde werden wir. Dornenkränze um die geneigten Stirnen, Wunden an Händen und Füßen, Narben in den schmerzlich entstellten Angesichtern, mit bleichen verbluteten Lippen: allen Leiden der Menschheit, dem Tode vertraut, der raschen Zeit, dem lauten Leben fremd und leidlos abgewandt: so wandern wir einst, Millionen Gekreuzigte, im blauen Abendschein unserer Heimat, unserer Erde zu. Einsam waren wir. Einsam ziehen wir von hinnen. Unser Schicksal hieß Kampf und Begehr. Ein Unbestimmtes trieb uns. Ein Geheimnis zwang uns Ohnmächtigen gebieterisch seinen unbarmherzigen Willen auf. Es bannte uns. Es jagte uns. Über grüne Frühlingsfluren, besprengt mit Blut dahin. Von Ängsten zerfetzt, von Wahnsinn zermartert, standen wir plötzlich hilflos, gleich den von ersten Blütendüften trunkenen Kindern, unschlüssig und staunend vor feurigen Abgründen. Ein Flammenstrom verschlang uns.

Wir führten die Waffen im jugendlichen Heldenkampfe um ein geträumtes Reich, dessen strahlende Herrlichkeit und lichte Himmelswonnen wir aber nicht im Irdischen erschauen durften. Denn es blüht bei Gott. Hier zermalmen uns Not und Gefahr, verruchte Willkür, Blut und Sehnsucht, heller Tag. Doch uns Ermüdete tröstet die blaue Nacht. Ein himmlischer Gesang, der fernher näher dringt. Über die Gräber weht er. Über die Gräber braust er. Die Toten erweckt er. Das Innere der Erde durchdringt ein warmer, göttlicher Hauch. Die irdische Decke birst. Ineinander stürzen Strom und Berg, Acker, Wald und Tal. Das dunkle Grab bricht auf. Dampfendes, stöhnendes Gewühl von Millionen heiß ineinander verschlungener, blanker Menschenleiber. Aus dunklen, verfeuchteten Grabkammern und Gewölben Rasseln, Schall und Gedröhn der schweren, zerklirrenden Ketten. Goldene Spangen, glänzende Rüstungen, silberne Schwerter. Das hell aufblitzende, bleich schimmernde, das erwachende Totenmeer. Ewigkeiten, Firmamente jubeln auf darin.

 

Wie ich so daliege, die beiden Hände gefaltet, das Angesicht nach oben, die Augen den Sternen zugekehrt, vergeht wieder diese törichte, schwärmerische Schwäche. Ich sehe wieder klar. Ein klein wenig Auswurf Blut kommt aus meinem Herzen. Aus meinem Munde strömt es nun. Aus Nase, Ohren. Ich sehe die kleine Welt durch einen blutig nassen Schleier. Bemale mich. Das Messer streckt sich steil aus meiner Brust. Wippt bei jedem Atemzug. Ein vergessenes Holzscheit, das tief in der Erde steckt. Ein Anblick, der gleich zum frivolsten Gelächter als zum gläubigsten Erschauen zwingt. Doch ich will nicht daran rühren . . . Was ist Leben: Rausch, Taumel, Versinken in Blut. Nur am Ende: aus rötlichen Dämmerungen empor und befreit goldene Flügel spannen.

 

Die Flammen, die auf mich eindringen, mich glühend und heiß bedrängen, wandeln sich in rauschende, wildflatternde Ströme purpurnen Weines und wallenden Blutes, die ich gierig in mich hineintrinke.

Kommt, gebt den Abschiedskuß, o Brüder, Schwestern den Entschlafenden! . . . Unsere Körper sind zertreten, unsere Seelen sind zerschlagen. Himmlische Räume! Himmlische Räume! Dort werden Blumen blühen, herrlich wie auf diesen Erdenauen. Ewige Sonne wird uns leuchten. Ihr Licht wird uns auf singenden Pfaden durch blumige Gelände leiten. Eine milde Hand wird uns führen. Kein irdisches Leid betrübt uns. Keine Müdigkeit wird unsere Körper befallen. Wir sollen gesättigt werden. Leicht und frei werden uns über unermessene Länder englische Schwingen tragen. Unter großen rauschenden Schattenbäumen werden wir ruhen, unverdrossen und munter. Wo kräftige Quellen sprudeln. Wo herrliche Blumen aus tiefen duftigen Talgründen auferblühen. Wir harren der himmlischen Welt.

Das kleine Leben

Si j’ai du goût, ce n’est guères
Que pour la terre et les pierres.
Je déjeune toujours d’air,
De ver, de charbons, de fer.

Rimbaud.

Wir wohnen Quellenstraße 16, III. Stock, bei Frau Cäcilie Naßl, Geflügelhändlerswitwe. Das Haus, sehr alt und morsch, gleicht einem Wrack. Die Höfe qualmen und schallen. Es ist sehr ölig, verworren und dumpf. Wir haben zwei Zimmer. Die Miete, vorauszuzahlen, ist dreißig Mark. Die Einrichtung, bestehend aus zwei Betten, Kleiderschrank, einem Tisch, vier Stühlen, haben wir auf Abzahlung. Das Sofa, Kommode sind von meiner Frau, Gasleuchter, Waschtisch, Bücherregal gehören mir. Unsere Vormieter haben einen bunten Papierofenschirm hinterlassen: alt, durchlöchert, verstaubt. Der große schwarze Vögel mit ungeheueren Schnäbeln einem hellen Wald zueilend aufzeigt. In der Ferne starr, unbewegt ein See, der wie Blei aussieht. Das ist das einzige Helle der Zimmer. Die sehr böse sind, heimtückisch, gefahrvoll, geduckt.

„Ich möchte mit dir in einer Kaschemme wohnen, unter der Brücke übernachten, deine Apache, deine kleine Dirne sein — wenn wir nur immer beisammen sein könnten!“

„Unsere Liebe wird uns alles überwinden helfen!“

Wir legen uns, uns umarmend, nieder. Wir schlafen selig ein, eng aneinandergeschmiegt. Stehen umschlungen auf. Essen zusammen. Wir sind immer beieinander. Es wäre erreicht!

Wir sind sehr glücklich.

Heute nacht — wir leben eine Woche so — überfällt mich zum erstenmal und brennend der Gedanke, daß man allmählich bedacht sein müsse, sich Geld zu verschaffen. Es gibt wohl sehr viele Erwerbsmöglichkeiten, aber die liegen, so scheint es mir, für uns alle (und plötzlich!) auf ein- und derselben Linie. Meine Frau wälzt sich unruhig neben mir. Sie spricht Unverständliches im Traum. Ich suche irgendwo Rat und Halt. Da ich ihren warmen Körper fühle, bin ich beruhigt. Ich kann nicht länger mehr darüber nachdenken.

Bin ich nicht sehr glücklich?

Das Haus zittert. Ich glaube auf untergehendem Schiff zu sein, auf hoher See. Es ist sehr ölig, verworren und dumpf. Stöße. Rennen. Stimmengewirr. Fackeln flackern. Das Fahrzeug schaukelt wie eine Wiege. Doch die Musik des Sturmes ist sehr süß.

Umschlungen versinken wir.

Am kommenden Morgen will ich meine Besorgnis meiner Frau mitteilen. Doch weshalb sie in Unruh setzen? Ich unterlaß es. Zwei Tage können wir noch auskommen. Sie wird es ja selbst wissen. Aber ich fürchte mich bei dem Gedanken, daß sie das weiß. Weiß sie es denn auch wirklich? Zwei Tage . . . das übrige ist mir wurscht. Wird meine Frau auch so denken? Ich bin sehr in Sorge, sie könne es nicht tun. Es überläuft mich heiß und kalt, wenn ich länger solchen Erwägungen nachhänge.

Nachmittags gehen wir aus, Arm in Arm. Sie bittet immer, sehr dünn: „Faß unter!“ Unsere Kleidung ist sehr dürftig, aber es ist Gott sei Dank sehr warm geworden, über Nacht. Wir betrachten uns oft in den Spiegelscheiben der Schauläden. Sie lacht überglücklich dabei auf, mich heftig pressend . . .

Da sie aber, plötzlich erschauernd, sich an mich schmiegt, weiß ich, auch sie muß also heute nacht darüber nachgedacht haben, daß unsere Mittel bald zu Ende sind, daß wir erschöpft sind. Ich erstaune heftig darüber, daß sie das weiß. Aber es ist eigentlich doch nicht mehr als natürlich. Auch sie hat es mir also verschwiegen. Sie wollte mich nicht verletzen; ja, wahrscheinlich. Sie hat sich für mich geschämt; ja. Ich sollte doch für den Lebensunterhalt meiner Frau aufkommen. Das ist klar. Sie wird mir das ja nie ins Gesicht sagen, dies Selbstverständliche. Aber sie sagt es mir dafür in jedem Blick, sie bedeutet es mir vorwurfsvoll mit jeder Bewegung.

„Nein, Dorka, ich werde dich nie verlassen. Zwei Tage werden wir noch aushalten. Dann . . . man verzichtet ja auf das Leben leicht. Nicht? Zwei Tage, Dorka, sind sehr lang. Unser Glück kann noch sehr groß werden . . .“

Und mir fällt ein: auf der Neuhauserstraße lernte ich sie eines Sonntags, nachts, kennen. Sie ließ die Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkerte. Sie blieb oft herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn, richtete ihr Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier fest. Manchmal drehte sie sich um. Wir haben uns eigentlich nie darüber näher ausgesprochen, ich habe immer so Angst davor gehabt.

„Nun bist du acht Tage lang nicht im Geschäft gewesen. Du, Dorka, vielleicht geht es doch noch. Versuch es einmal.“

Abends besuchen wir das Kino. Alles sitzt da in diesem Raum, umschlungen. Wir legen friedlich die Hände ineinander, unsere Kniee berühren sich mit zärtlichem Druck, ihr Kopf neigt sich langsam auf meine Brust herab. Wie schön das ist! Es ist ruhig und andächtig wie in einer Kirche. Dorka schluchzt oft und auch ich muß mich bezwingen, meine Tränen zurückzuhalten. Eine Liebestragödie wird gespielt. Die Leinwand ist aufs äußerste bewegt. Sie erinnert mich an unseren Papierofenschirm, den unsere Vormieter hinterlassen haben. Es zuckt und rinnt. Die Musik: zittrige Geige, schwaches Klavier, ist sehr süß. Wir sind tief erschüttert. Es ist, als gehe ein Sturm durchs Haus, es braust, und wir befinden uns auf untergehendem Schiff, auf hoher See. Umschlungen versinken wir.

Wir gehen Arm in Arm nach Haus. Wir tauchen aus blendender Lichterfülle, bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen, tänzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere in unser Dunkel wieder, verworren, ölig und dumpf. Die Nacht beschert seltsame Träume, gute und böse. Oft ist es hell, wie es nur am lieben Tag sein mag, oft schwarz, wie es nur unter der Erde sein kann.

Meine Frau geht wieder ins Geschäft. Sie besäuft sich jede Nacht, sie muß sich besaufen jede Nacht. Die Herren geben ihr ziemlich viel Geld, dafür muß sie ihnen schön tun, zärtlich sein, die Arme um den Hals legen, sich streicheln lassen, den Mund geben, ihnen Hoffnungen machen und oft bis spät in den Tag hinein mit ihnen bummeln. Sie tanzt einen Apachentanz, tanzt Twostep, kann Cancan. Sie stellt sich auf einen Stuhl, führt unter allgemeinem Beifall unanständige Gespräche, hält große Reden. Lacht unnatürlich, sehr gezwungen, hell. Hebt die Röcke hoch, dreht sich, nach allen Seiten hin sich bewundernd, vor dem Spiegel. Sie ist ein Karussell. Ich sitze dabei. Das Blut schließt mir die Faust.

Einige Ausländer, neun Schweden, gehören zu ihrem nächsten Verehrerkreis. Sie sind sehr für sie interessiert. Der eine, Andreas Söraas mit Namen, liebt sie. Er ist ein kleiner blonder Junge, zwanzig Jahre alt, mit blauen Augen. Er hat viel Geld, das er achtlos, sehr elegant für sie verschwendet, indem er sie häufig zu Automobilfahrten, fast täglich zum Abendbrod einlädt. Sie hat immer Blumen von ihm. Er tut ihr bereitwilligst alles, was sie nur will. Begleitet sie oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo sie vor allen Schaufenstern stehn bleiben, sich unterhalten, unermüdlich, herzlich interessiert über alle Strümpfe, Unterwäsche, Blusen, Schmuck, Hüte, Röcke. Ich kann das nicht.

 

Ich warte nachts zwei Uhr, nach Geschäftsschluß, auf meine Frau. Versteckt, im Schatten, an einer Ecke. Ein Haufen Studenten kommt angeheitert, den Dessauer pfeifend, ausspeiend und johlend, sehr langsam daher.

„Bei der ist heute nichts zu wollen,“ flüstert einer, etwas beklommen, im Vorübergehn, „ihr Zuhälter wartet auf sie.“

Ich bin unendlich stolz darauf; kindisch, wie ich es so oft bin, freut mich das.

Oder ich liege unruhig im Bett und warte, bis sie knarrend über die Treppe heraufkommt. Höre sie schon, schwer das Haustor aufschließend, sich verabschiedend von ihrer Begleitung, das leichtere Geräusch der Türschlüssel, das Öffnen der Außentür . . . Gleiten über den Gang . . . und sie tritt zu mir, läßt mich an ihren Blumen riechen, entkleidet sich rasch, umschlingt mich heiß. Wir wälzen uns wie Tiere. Sie rülpst. Sie stinkt immer nach Wein, Tabak, sehr aufdringlichem Parfüm und Sekt. Sie klebt.

Den Tag verbringe ich untätig, meist schlafend im Bett. Oder sehr verträumt. Was soll man auch tun? Und nichts geschieht. Nur die Zeit vergeht, sehr langsam. Wir langweilen uns.

„Man kann ja schließlich, auf die Dauer, nicht von Umarmungen leben, das wird einem am Ende auch fad. Laß mich in Ruh!“

Es muß etwas geschehen. Was Aufregendes, Aufpeitschendes, Aufreizendes. Man benötigt Sensationen.“

Wir mimen der Öffentlichkeit gegenüber Ausländer, Russen. Wir sprechen fließend, obwohl wir nur,[**] vielleicht fünf Worte können. Wir halten die deutschen Bürger zu Narren. Das belustigt uns ungemein, eine Zeitlang. Meine Frau gibt sich als Schauspielerin aus. Sie trägt sehr sentimentale Lieder vor, tanzt russische Tänze. Aber auch das wird fad. Auch fehlt es immer an Geld.

Meine Frau ist in den letzten Tagen stark gealtert. Immer müder und gebrochener kommt sie nach Haus. Sie ist stark angewidert. Sie flieht das Leben. Sie ist ganz pathogen konvertiert. Nichts macht ihr mehr Freude. Sie ist satt. Ich bemühe mich. Alles ist umsonst. Ich ringe die Hände. Ich verzweifle.

 

Moritz Düsterweg, Magistratsbeamter, hat fünftausend Mark aus der städtischen Krankenversicherung unterschlagen. Mit zweitausend Mark war er für die Schulden der allgemeiner Beliebtheit sich erfreuenden internationalen Transformationstänzerin Lila Lieblich aufgekommen, fünfhundert Mark hat er in einer gemeinschaftlichen, aufs Schönste verlaufenen Automobiltour ins bayrische Alpenvorland angelegt, eintausendundfünfhundert Mark für Straßendirnen verausgabt, den Rest bringt er, auf mein Anraten — ich treffe ihn, wie es gerade der Zufall will, völlig betrunken gegen Morgen auf dem Bahnhofplatz — eintausend Mark bringt er in das Weinlokal S. Früh sieben Uhr beginnt man. Der Klavierspieler Bruno Maria Wagner wird gerufen, meine Frau aus dem Bett gerissen, ich bin zur Stelle . . . Der Phonograph schnarrt. Und vor einem Glas Bier und einem Paar Weißwürsten, träumerisch zurückgelehnt, genießt der Moritz Düsterweg jenen Anblick: wie sie seinen Sekt versaufen: Dorka, rasch, klirrend, Madame, schläfrig, leicht nippend; die „Kapelle“ vornehmlich, mit langen Fingern, den Kopf taktmäßig, hervorgequollenen Augs, überfallender Locke, herabgeneigt, ich gleichgültig, schlecht amüsiert. Und während man draußen durch den erwachten Morgen eilt: schnatternde Scharen farbiger Schulkinder, runde Haufen buntdurcheinander gewürfelter Fabrikarbeiterinnen, schwarze rechteckige Männer mit kleinen roten Kugelköpfen, wehklagende Hunde, traurige Pferde, freche Automobile, verträumte Lastfuhrwerke, böse Radler . . . (und Busenmädchen flattern freundlich, heilige Studenten kreisen singend) . . . während man hereindringt, einen Imbiß zu sich zu nehmen: dicke, listige Chauffeure, grimmige Dienstmänner, während am Fenster Frau Marie Wöbers Kinder die Suppe klirrend auslöffeln, stricken —: tanzt man: der Moritz Düsterweg und die Dorka, deren Haare sich auflösen, deren Locken wild fliegen, die sich plötzlich in die Knie läßt, die Hüften beugt, wild vorwärts drängt, stampft, aufbraust, hingebend sich zurückbeugt, schiebt: die böse Dorka! Doch der sich so ganz vergißt in diesem rollenden Taumel: Moritz Düsterweg: er weint plötzlich. Man bäumt. Der Tanz stockt. Man dreht noch einmal, eine halbe Wendung . . . einige Schritte . . . vorwärts, zurück . . . noch einmal . . . eine viertel Wendung . . . mit Mühe . . . gerade noch —: und Düsterweg -: er sinkt um.

Man müht sich: Dorka erweicht, voll zärtlicher Fürsorge, als gelte es einem verschüchterten, einem verstockten Kind, ich, ganz uninteressiert, peinlich berührt, verlegen, Madame, von Doppelkinn und Busen arg beengt, heftig prustend und: indem sie die Vorhänge dichter vor die Fenster zieht: „der Wirtin Angelika Hundebald ist erst neulich das Lokal geschlossen worden . . .“; die „Kapelle“, zurückgebeugt, traurig, verhalten über das Klavier hinplätschernd . . .

Düsterweg ist unter Schluchzen eingeschlafen, den Kopf in Dorkas Schoß gelegt, die unermüdlich ihn mit Worten streichelt. Ein Lächeln gleitet über sein Gesicht . . .

Er erwacht, springt empor, schlägt wild, heftig die „Kapelle“ vom Stuhl drängend, die einleitenden Takte eines furiosen Walzers an, gibt das Zeichen zum Beginn des Tanzes. Alle reißt er mit sich empor. Und man tanzt. Bricht wieder zusammen. Tanzt von neuem wieder: und alles, immer dasselbe wiederholt sich . . .

Um zwölf Uhr ißt man zu Mittag. Die Speisen werden über die Straße gebracht. Die Zahl der zwar ungeladenen, aber doch herzlich bewillkommten Gäste ist inzwischen auf ein Dutzend angewachsen. Immer neue kommen hinzu. Ein jeder bestellt sich, was er nur will. Heut ist ein Festtag. Was einem jeden zusagt, wird ihm gebracht, eines jeden Wunsch geht heute restlos in Erfüllung. Was braucht man sparen?

Würste dampfen. In Schüsseln werden sie herbeigebracht, aufgerollt gleich dicken weißen Ketten, in lustigem Streit auseinandergerissen. Braunes Bier fließt. Man ist verschwenderisch. Sektflaschen knallen. Dunkler Wein rollt. Tabakgeruch schwängert die Luft. Rauch wie von einem ausgehenden Brand lagert unwirklich und schwer. Musik tönt ununterbrochen. Der Phonograph abwechselnd und die „Kapelle“.

Man betäubt sich. Man schläft wach. Träumt vor sich hin, summend. Sitzt dumpf mit halbgeschlossenen Augen. Es brütet. Fip, die schwarze Katze, auf dem roten Tischtuch dick ausgebreitet, schnurrt. Ein Schnapsglas daneben steigt wie eine silberne Blume blühend aus rotem Klee.

Gegen drei Uhr nachmittags trinkt man schwarzen Kaffee. Um sechs Uhr gibt es Tee. Bei einbrechender Dämmerung ißt man zu Abend. Der Geruch aller Getränke, aller Speisen haftet, da weder Fenster, noch die Tür geöffnet wird. Fünfzig Personen nehmen schon an den Gelagen teil. Sie glucksen glücklich. Dröhnend verdauen sie. Kreischen. Man gebärdet sich wie toll. Man ist ausgelassen, voll sprühender Lust.

Düsterweg hat, ganz durchhitzt, den Rock abgelegt. Die Hemdärmel aufgestülpt, hochgeröteten Kopfs hastet er wie wahnsinnig umher, den Appetit seiner Gästeschar anfeuernd, eifrig besorgt, daß alle genug bekämen. Eigenhändig gießt er Wein ein, zerschmettert unter hellem Geschrei, lang grinsend, Gläser und Sektflaschen, kindisch sich daran erfreuend; stopft Fleisch, Brot, Gemüse den Fressern ins Maul, die aufbrüllen, ihm ins Gesicht speien.

Gegen zehn Uhr kommen Alois Wurm, der Pferdehändler: groß, aufgedrehten Schnurrbarts, gelb, schnapsdurchtränkt, verschnupft, von Sonne durchsotten, ein wenig später Moses Mies, sein Freund, der Salzagent: klein, dick, rothändig. Beide Stammgäste. Sie reichen Moritz Düsterweg die Hand, sehr gnädig und herablassend von ihm begrüßt.

Düsterweg —: herrscht er nicht über alle? Ist er nicht maßgebend? Herrscht er nicht unumschränkt, königlich, maßlos? Er ist in bester Stimmung. Weiß nicht wohin vor Glück. Fängt, vor Kraft überquillend, mit allen spaßhalber Händel an. Man pufft und boxt sich. Ein Wettrennen über Stühle wird inszeniert. Ein Ringkampf aufgeführt: man stürzt, wälzt sich, steht wieder auf, taumelt, wankt, sinkt um. (Und Moses Mies reibt sich an Alois Wurm.) Man lacht, belustigt sich dabei allgemein.

Gegen Mitternacht zieht der Düsterweg meine Frau näher zu sich, die, schwer benommen, inständig nach frischer Luft ringt. Kindlich bittend wiederholt er breiigen Munds, mit grünen funkelnden Schusseraugen, käsigen Plattfingern seine Anträge; er erklärt wiederholt und flehentlich seine Absichten, nötigt ihr auf den Knieen das Treuwort ab, gibt strahlend Dorka das seine hin, spricht lang und erregt von naher Verlobung, baldiger Hochzeit, und ist tief beglückt und süß durchronnen, als Dorka endlich, nicht ohne zu zögern, ja sagt. Einen Hundertmarkschein händigt er ihr sofort ein.

Inzwischen rechnet die Wöber ab. Die Schuld beträgt fünfhundertundzehn Mark, von Düsterweg sofort bereinigt. Das Fest setzt sich fort. Und Dorka, Düsterweg zärtlich umschlingend: er sehe aus wie Fip, die schwarze Katze, die auf der roten Tischdecke, dick ausgebreitet, behaglich schnurre. Sie nennt ihn Onkel. Und plötzlich, mitleidig, mit großen Augen:

„Onkel, wo hast du das viele Geld her?“

Die Frage, unangenehm, beengt. Man überhört sie.

Ich werde gerufen. Düsterweg drückt mir einen Kuß auf die Stirn, dankbar, daß ich ihn geführt habe. Und selig lächelnd auf meine Frau weisend: zum Glück geführt habe! Ich müsse sie bewachen, bei ihr bleiben, Tag wie Nacht; müsse ihm versprechen, Dorka immer zu behüten, während seiner Abwesenheit: Dorka, die sein sei. Und heiter angeregt gedenkt der Düsterweg der allgemeinen Beliebtheit sich erfreuenden Transformationstänzerin Lila Lieblich, für deren Schulden in der Höhe von zweitausend Mark er aufgekommen war. Und renommierend: „Sie ist faul. Nach fünf Nummern schlapp. Total verbraucht. Unbrauchbar. Ungenügend!“ Schallendes Gelächter folgt.

Doch plötzlich ernüchtert entsinnt er sich: vor drei Tagen habe ich meinen Gehalt empfangen: einhundertundfünfzig Mark. Und lächelnd versucht er: „ein . . . hundert . . . und . . . fünf . . . zig . . . Mark“.

Es wird ihm kühl. Es ist, als umwehte ihn Morgenluft. Und sein Messer ziehend, springt er auf: „Meint ihr, ich bin euere Wurzen? Windige Bagage. Ich laß mich nicht neppen von euch, nein! Hurenvolk! Luder, dreckige!“

Und der Wandspiegel wirft ihm sein Bild entgegen: verändert, fremd, vor Wut entstellt, lächerlich . . . Man versucht ihn zu halten. Er schreit, flüchtet . . . Doch seine goldene Uhr zerschlägt er, indem er sie mitten in das Glas schleudert, das zerklirrt . . . Sein Gesicht platzt entzwei. Ein großes schwarzes Loch wird sichtbar. Und da alles vor Schreck verstummt, gespannt aufhorcht: „Sich erschießen? Sich in den Mund schießen? Oder etwa, etwas rückwärts, die Pistole angesetzt, fünf Kugeln durch die Schläfe? Einen Tag, eine Nacht . . . nein, zwei Tage, zwei Nächte geherrscht zu haben, maßgebend gewesen zu sein, wiegt das nicht alles auf, ist das nicht alles wert? Man muß sich doch einmal Luft machen!“ . . . Und „es ist schön“, weiß er: Und „Dorka, Dorka mein!“

Man macht Schluß, pfeift einem Auto. Verabschiedet sich. Frau Marie Wöber drückt dem Düsterweg die Hand, lang, Madame, deren Brust sich um diese späte Zeit immer schwer aus der Bluse zwängt . . . und mir vertraulich zublinzelnd: „das haben sie brav arrangiert. Sie haben ein artiges Fest gemacht. Auf Wiedersehen.“ Von Bruno Maria Wagner, der „Kapelle“, nimmt man Abschied, der, betrunken, mit Händen und Füßen durch die Luft fährt. Von Alois Wurm, der abenteuerlustig unter der Tür sein Geld zählt. Von Moses Mies, dem Salzagent, der pfauchend in die Nacht entweicht. Und nimmt Abschied mit einem letzten Blick von den unzähligen Sumpfkumpanen, die fluchend unter Stühlen, Tischen, vom Schlaf aufgestört, hinter Bänken, unter Vorhängen und Decken, hervorkriechen, wie aus einer Höhle zum Lokal hinaus, gebeugt, mit schlotternden Knieen in die Finsternis sinkend.

Man fährt zum Bahnhof, Dorka den Kopf müde an meine Schulter gelehnt, der Moritz Düsterweg uns beiden gegenüber sitzend, etwas sehr dumpf. Die Luft ist anders. Man spricht wenig. Nur der Düsterweg einmal überselig: „Ich besitze . . .“ Er sieht alt und häßlich dabei aus. Sein Gesicht verzerrt sich idiotisch. Die kleinen, grünen Schusseraugen funkeln, die platten Käsfinger spreizen sich . . . Man macht eine Biegung. Man fliegt förmlich. Der Düsterweg zählt die Stunden bis zum kommenden Morgen, sorgfältig, immer wieder. Daß er sich nicht verrechne: drei Stunden! . . . Durchsucht seine Taschen: dreißig Mark! Bis zum folgenden Abend: zwölf Stunden! . . . Ich werde geruht haben; man wird meine Abwesenheit inzwischen bemerkt haben. Man wird die Unterschlagung entdeckt haben, ich werde nichts dagegen, nichts dazu tun, ich lasse den Dingen ruhig ihren Lauf, man wird mich verhaften . . .

Vom Bahnhof geht es in den Donisl! Es ist dreiviertel Fünf. Ich gehe mit Düsterweg zu Fuß voran. Lasse das Auto halten, etwas vom Lokal entfernt. Dorka will es. Man müsse nachsehen, ob X. drin sei. Sie könne X. nicht leiden. Dann fahre man besser gleich heim. X. ist nicht da . . . Es beginnt zu regnen. Man kehrt um —: Dorka holen. Dorka —: wartete sie nicht hier? Sie ist nicht mehr da. Doch Düsterweg bleibt hier, erstarrt. Er bleibt. Ich etwas unschlüssig, höflich grüßend, entferne mich . . .

Und aus der Ferne, durch den Morgen, Dorka, meiner Dorka nachstürmend, rufe ich, schallend: „Dorka, die Dorka suche ich . . .“

 

Heute treff ich Josef, meinen alten Freund. Er ist sehr erstaunt, mich wiederzusehen: „Ja, Hans, wo treibst denn du dich herum?“ Aber ich merke gleich, daß er alles schon weiß. „Hans, du siehst sehr angegriffen aus.“ Und er erkundigt sich sehr eingehend, merkwürdig interessiert, nach meinen Verhältnissen und fragt, lauernd und sehr beteiligt, nach meiner Frau. Mir ist das sehr unangenehm, wie immer, wenn darauf die Rede kommt. Ich habe immer irgendwie Angst davor. Ich nehme Ausreden . . .

Es ist sehr schön und wir machen einen großen Spaziergang durch den englischen Garten. Ich trinke tief die warme Luft ein, ich fühle mich glücklich wieder, sorglos und heiter, und vollkommen gekräftigt. Die Menschen gehen sehr entfernt. Sie scheinen durch blühende Luftgärten zu wandeln, über der grünen Landschaft gleichwie auf samtenen Teppichen friedlich, engelhaft dahinzuschweben. Der Kleinhesselohersee glänzt, unbewegt und starr, er sieht wie Blei aus . . .

Ich weiß, Josef hat es immer gut mit mir gemeint. „Vorgestern nacht, Hans, hat deine Frau bei Andreas Söraas geschlafen. Und sie hat es aus Liebe getan“ . . .

Ich zucke zusammen. Aber ich fasse mich gleich. Ich muß zugeben, vorgestern nacht war meine Frau nicht bei mir. Hat sie also wirklich bei Andre geschlafen? Aber, so tröste ich mich, so hat sie es sicher nicht aus Liebe getan, denn sie brachte mir am Mittag zwanzig Mark. Und die Tränen mühsam unterdrückend, mit brechender Stimme: „Josef, bitte, sei ruhig, ich weiß es . . .“

„Du brauchst dich nicht darüber aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst wissen, sie ging schon längst, bevor du sie kanntest, — — — . . .“

Und ich, die Fäuste geballt, verhaltenen Zorns: „Josef, bitte sei ruhig, ich weiß alles, ich weiß es.“ Ich zittere am ganzen Körper. Ich hatte immer so Angst davor gehabt. Aber es hat mich doch irgendwie befreit. Es ist heraus . . .

 

Doch nachdem wir uns verabschiedet haben, mache ich mich langsam auf zu Andre. Andreas Söraas, stud. ing., Schellingstraße 62, III. Ich treffe ihn bei der Arbeit. Mitten in Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln. Ja, er ist ein kleiner, blonder Junge, zwanzig Jahre alt, sehr kräftig, mit sehr blauen Augen.

„Sie entschuldigen, B. ist mein Name, aber Sie scheinen näher für diese Dame interessiert . . .“ auf das Bild hindeutend, das unmittelbar vor ihm auf seinem Schreibtisch steht . . .

Und er sofort: „Ja, sie hat vorgestern nacht bei mir geschlafen.“

„Verstehen Sie: sie ist meine Frau.“

Und gesteigert: „Sie werden wissen, was das heißt: meine Frau, Herr Söraas . . . haben Sie ihr Geld gegeben? . . .“

„Was denken Sie, nein“ . . . Einfach. Ohne mit den Augen zu zwinkern.

Und mein Blick fällt auf das Bett, das links in der Ecke steht. Es ist sehr breit. Das beunruhigt mich . . . Er scheint sehr zufrieden zu sein. Es ist sehr sauber bei ihm. Er ist sehr gut eingerichtet. Ich denke an unsere Wohnung in der Quellenstraße 16. Und wie wir jeden Abend aus jener blendenden Lichterfülle, bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen, tänzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere immer wieder ganz ergeben in unser Dunkel tauchen, verworren, ölig und dumpf . . .

Er ist auch gar nicht aufgeregt. Er lächelt.

Warf sie mir nicht als vor: „Sieh, Hans, Andre tut mir alles, was ich nur will.“ Und: „Er begleitet mich oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo wir vor allen Schaufenstern stehen bleiben, uns unermüdlich unterhalten über Strümpfe, Wäsche, Blusen, Schmuck, Hüte, Röcke . . . du kannst das nicht.“ Und: „Er hat gesagt, er würde mich, wenn ich nur wollte, gleich von dir nehmen, auf immer zu sich, mich heiraten . . .

Ich siede. Und obwohl ich deutlich fühle: ich habe kein Recht dazu, es ist eine Gemeinheit, ja, sogar ein Verbrechen, zucke ich nach meiner Tasche, meiner Pistole, hebe sie, ziele, drücke, knalle ihn nieder. Ich bin eiskalt . . .

Und ich frage mich, nachdem ich das getan habe: habe ich es denn auch wirklich getan? Und mir scheint die Welt auf einmal verändert. Ja, ich habe es getan, denn ich hörte den dumpfen Knall und dann den Schlag, als sein Körper den Stuhl langsam herunterglitt. Ich habe die Pistole noch in der Hand, in dieser, in dieser rechten Hand. Und ich stecke sie wieder ein . . . Aber wie, wie bin ich dazu gekommen? Aber ich kann mir mit bestem Willen jetzt, im Augenblick, keine Rechenschaft darüber geben. Es wird später geschehen. Und ich muß mich immer wieder davon überzeugen, daß ich Andreas Söraas wirklich niedergeschossen habe. Ja. Es ist eine Tatsache. Es ist eine Tat. Wie wohl das tut, wie reinigend das wirkt: eine Tat. Sei froh! Nein! Es ist keine Einbildung. Man kann nicht daran zweifeln. Man wird daran glauben müssen. Und die Blutlache über dem hellgelben Parkettboden sieht aus wie eine große braunrote, aufgeschwollene Sonne, die spritzt kleine zitterige Strahlen aus nach allen Seiten. Und ich bemerke: Andre hat blauseidene Strümpfe an! Die heiße Scheibe glüht wild auf hinter Andres blondem Jungenkopf, der unaufhörlich rinnt. Sie brennt, sie schreit. Und Glocken gellen, Kanonen knallen, Trompeten, Trommeln, das Anmarschieren von Infanterieregimentern, glänzende Kavallerieattacken, Barrikaden, Kommandos, Stille, Schnellfeuer, Sturmlauf aufgepflanzten Bajonetts gegen Bastillen, Explosionen, Pulverwolken: und ich erlebe die ratternde Symphonie des Aufruhrs.

Nun erst bin ich meiner Tat gewiß.

Und ich gehe sehr beruhigt, erleichtert die Treppe herunter. Wie ich das Haustor öffne, erblicke ich einen älteren Mann, einen Blumenverkäufer, und ich habe das Empfinden, ich müsse ihm was recht Gutes tun. Die Sonne scheint. Und plötzlich fällt mir heiß ein: „Ich habe einen Mord begangen! Ich habe einen Mord begangen!“ Und ich sage es mir immer vor, in einem fort, immerfort, sausend. Und ich will es dem Alten eingestehn, er wird ja schweigen, und nichts verlauten lassen. Mich aber erleichterte das. Doch ich fürchte, vielleicht könne er mich doch verraten. Und ich sage mir, das kann auch später noch geschehen . . . Aber ich kaufe ihm alle seine Blumen ab. Und ich sage mir: das ist ein „rotes“ Haus. Und ich starre unausgesetzt, die Blumen in den Händen, nach oben.

Und ich brauche lange Zeit, bis ich endlich von diesem Haus fortkomme.

 

Meine Frau trägt zwei goldene Vorderzähne. Man sagt mir: „Deine Frau ist eine Dirne, die sich bei der Prostitution beide Vorderzähne eingeschlagen hat.“ Ich springe dem Schuft an die Kehle.

Man sagt mir: „Deine Frau ist eine Abortgrube.“ Ich speie dem Schwein ins Gesicht.

Man spöttelt weiter: „Deine Frau: ’n prächtiges Weib, ne schöne Hur’ . . . wer hat diese olle Spinatwachtel nicht schon alles . . .?“ Ich kann mich nicht mehr rühren. Ich bin kraftlos. Ich höre alles mit an, aber ich heule im Innern auf. Ich verblute. Ich sinke in mich zusammen.

Man kennt uns. Wir verkehren im Café F. Wenn meine Frau kommt, meint der ernste Ober: „Herr B., jetzt kommt das Betriebskapital.“ Oder: „Gegen Mitternacht steigen die Aktien.“ Man macht ringsherum Witze. Ich bin wehrlos. Nur Josef hält mit mir aus. Er hat mich nicht im Stich gelassen. Nur Josef und ich warten oft jetzt nachts auf sie. Wenn sie unter die Tür kommt, ganz rot, meint Josef: Sie ist eine Flamme . . . es knallt.“ Man deutet mit den Fingern auf uns. Man zischelt. Wir kauern zusammen, geduckt, frierend, zwei arme Tiere vor unserer Tasse Kaffee, in einer Ecke. Und die deutschen Bürger lagern sich immer ringsumher: sie paffen Ringe durch die Luft, spielen Billard, trinken aus hohen Gläsern Weißbier, tragen Namen wie Ziegler, Zacherl, Beermann, Rind, Küchler, haben breite Stiefel, Platt- und Schweißfüße, einen massiven Gang, und lieben es, durch wiederholte Händedrücke sich zärtlich ihren Weibern gegenüber zu erweisen, die, vollgefressenen Spatzen auf Telegraphenstangen gleich, eng an ihre Männer geschmiegt, dahindösen: Schlagrahm weiß in den aufgedunsenen Gesichtern, große Torten verzehrend (—: fett, doppelkinnig, hängebusenhaft . . .). Ihrem Beruf nach Pferdehändler, Salzagenten, Buchhändler, Dichter, Maler: kropfig, dickbäuchig, oft aber auch sehr schön, sonnenhaft, langgebartet, goldblond . . .

Die Instrumente zittern, stöhnen, singen, rülpsen. Es splittert, fließt, knaxt . . . Die Musik: sie ist „dorkan“ . . . und die runden Marmortische drehen sich, die Kronleuchter knistern, zertrümmern . . .

Und ganz entfernt sitzt Annie, klein, schwarz und bleich, meine frühere Freundin. Sie lächelt sanft. Sie wünscht nicht meine Frau kennen zu lernen.

 

Ich denke immer an Andre, den toten Andre. Ich wiederhole mir immer: „ich habe einen Mord begangen! ich habe einen Mord begangen!“ Und ich sage es mir immer vor, in einem fort, immerfort, sausend. Ich werde noch wahnsinnig darüber. Ich verliere den Verstand. Ich denke, Andre habe ich um ihretwillen niedergeknallt. Was habe ich nicht schon alles um ihretwillen getan. Und doch ich weiß, ich lüge, ich belüge mich, ich habe Andre sehr meinetwegen niedergeknallt. Und denke immer an Andre. Ich liebe ihn fast . . . Der kleine blonde Junge, zwanzig Jahre alt; zwischen Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln . . . Mit blauen Augen. Wie ähnlich er mir ist! Er hat den Mund sehr weit geöffnet. Er hat blendend weiße Zähne. Die Lippen sind sehr schmal, blutleer, verkümmert fast, nach oben gekrümmt. Und ich bemerke seine blauseidenen Strümpfe. Und ich denke an das „rote“ Haus. Und ich starre unausgesetzt, Blumen in den Händen, nach oben.

Wahnsinnig irre ich umher, voller Angst. Ich kann nicht ertragen, daß meine Frau einem anderen gehört hat. Nur einem, nur einem anderen! Es ist furchtbar, daß mir das der Josef ins Gesicht sagen mußte. Er wird immer über mich lachen. Und trostlos: „Wie verkommen, wie haltlos ich bin!“ . . . Aber Josef hat auch gesagt: „Hans, aber du wirst ja selbst wissen, sie ging schon längst, bevor du sie kanntest, — — — . . .“

 

Ich begegne der sanften Annie, meiner früheren Freundin, klein, schwarz und bleich. Ich verbringe die Nacht bei ihr. Sie sättigt mich. Ich bade.

Ich trete frisch, singend wieder in den blauen Morgen hinein. Ich kehre fröhlich heim. Meine Frau liebe ich unsäglich wieder. Ich habe alles vergessen.

Doch meine Frau ist krank. Sie zerbricht, sie wird älter Tag für Tag. Heute ist Madame bei ihr. Sie bringt Kuchen mit, heftig prustend, von Doppelkinn und Busen arg beengt. Aber meine Frau muß ihre Stellung aufgeben. Sie kann es nicht mehr leisten. Das freut mich irgendwie. Aber zugleich dämmert es allmählich in mir auf: die Türen werden langsam zugemacht. Und kurz vor ihrem Weggehn bemerkt noch wichtig die Wöber: „Moritz Düsterweg hat sich im Gefängnis aufgehängt. An seinen Hosenträgern. Denkt euch nur: er, der Lump hat fünftausend Mark aus der städtischen Krankenversicherung unterschlagen . . .“ Und ich sehe Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen traurig und sehr aus der Ferne funkeln. Und eine Spinne klebt hoch, unbewegt, an einer grauen Wand.

Ich richte das Bett zurecht. Ich putze auf. Ich koche.

Heut haben wir nichts zu essen. Gestern haben wir das letzte Geld im Automat verbraucht. Jemand ließ das elektrische Klavier spielen.

Ich bin zu jeder Arbeit unfähig. Ich brauche stundenlang, um aufzustehn. Ich bin schwer belastet.

„Daß sich Andre nicht mehr sehen läßt?“

Mir schnürt sich die Kehle zusammen. Ich sinke um. Gibt es keine Rettung? Und sie, fern aus dem Bett, ganz darin vergraben, sehr dünn: „Arbeite!“

Ich hatte immer so Angst davor. Und ich sehe ungeheuere Schneemassen, furchtbar, drohend übereinandergetürmt und ein grüner Bach rieselt vergraben, ganz unten, sehr dünn.

Es geht uns stündlich schlechter. Es ist nichts zum Essen da. Trotzdem hat sich meine Frau etwas erholt. Bei einbrechender Dämmerung entfernt sie sich. Sie hat sich sehr auffallend gekleidet, sorgfältig herausgeputzt. Sie ist stark geschminkt. Sie hat Ordnung im vorderen Zimmer gemacht, das Bett zugedeckt, das Sofa in die Mitte gerückt. Den Waschkrug hat sie mit frischem Wasser aufgefüllt, bei Frau Naßl ein neues, sauberes Handtuch geborgt. Sie ist sehr entschlossen. Alle Krankheit scheint von ihr gewichen. Sie steckt die Schlüssel zu sich, betrachtet sich noch einmal im Spiegel: das rote Jackett blinkt, der blau- und weißgewürfelte Rock, ein kleiner brauner Hut, mit roten und weißen Blumen bunt besteckt, gelbe Bluse . . . und sie zieht sich straff und geht mit einem Seufzer, etwas schmerzlich lächelnd und „Adio“. Aber es scheint ihr nicht gar so arg hart anzukommen. Und ich sage mir: meine Frau hat ne feine Fresse.

Mir fällt wieder ein, was Josef gesagt hat: „Du brauchst dich nicht darüber aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst wissen, deine Frau ging schon längst, bevor du sie kanntest, — — —.“ Ich entsinne mich, eines Sonntags, nachts, lernte ich sie auf der Neuhauserstraße kennen. Sie ließ die Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkerte. Sie blieb oft herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtete ihr Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier fest, manchmal drehte sie sich um. Ich denke mir: jetzt will auch ich recht schlecht werden, und bin froh, daß ich Andre erschossen habe. Wie bin ich froh! Und wir wollen beide recht herrlich untergehn! Ich höre die ferne Musik des anziehenden Sturmes. Sie ist sehr süß. Umschlungen versinken wir. Aber ich sehe auch wieder ein: ich bin ein großes Kind, träumerisch, voll törichter Rachegedanken, dem Leben abgewandt.

Ich gehe dumpf in mein Zimmer, bleibe im Dunkeln, mache kein Licht, sperre ab. Ich horche gespannt. Jedes Geräusch schreckt mich. Nach zwanzig Minuten kommt sie mit dem ersten. Sie zündet die Stehlampe an. Es ist ganz rot. Und ich denke an Andres Zimmer. Und ich sage mir: auch das ist ein „rotes“ Haus.

Sie wechseln einige Worte. Geld klirrt. Er versucht sie zu küssen. Man sinkt auf das Sofa. Ihre Arbeit beginnt. Ich sehe neugierig durch eine Hitze. Es ist ein großer wütender Kerl, aufgedrehten Schnurrbarts, verschnupft, schnapsdurchdrängt, von Sonne versotten, ein Bierbrauer. Wild, unbarmherzig reißt er sie auf und nieder. Sie ist ganz gleichgültig.

Bis Mitternacht hat sie vier heraufgebracht. Sie belegen sie mit allen möglichen Namen: Marie, Lina, Püppchen, Schlingel, Lümmelchen, Toppsau, Mensch. So verkehrt man mit meiner Frau.

Sie kommt zu mir. Sie klopft an meine Tür. Es ist, als ob sie um Einlaß bitte. Als bettelte sie. „Ich bin sehr müde, Hans, gute Nacht!“ Sie händigt mir ein großes Goldstück aus. „Also für fünf Mark . . .“ Und auf dem Tisch stehen viele Blumen . . . Ich aber weine leise in mich hinein. Dorka wimmert laut.

Sie schläft bis gegen Abend. Dann geht sie wieder weg. Auch ich gehe weg. Mir ist das, wenn ich mich prüfe, nie so fern gelegen. Ich „geißle“ mich. „Arbeiten!“ Am Stachus treffe ich einen älteren Herrn, mit goldener Brille, kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen, der jenem Blumenverkäufer sehr ähnlich sieht, den ich vom toten Andre herabkommend, auf der Straße erblickte. Er schließt sich mir an. Ich bin guter Dinge. Doch an Dorka denkend, unterziehe ich mich allem gern. Ich demütige, ich erniedrige mich.

Wie ich nach Hause komme, wartet schon meine Frau auf mich. Wir zählen beide unseren Verdienst. Wir müssen lachen. Wir umarmen uns nach langem wieder, küssen uns herzlich. Wir schlafen beieinander. Doch bald wird ein jedes von uns sehr traurig. Wir ermüden. Wir vermeiden es ängstlich wieder, uns gegenseitig zu berühren.

Es ist verworren, ölig und dumpf. Wie lang wir die Sonne nicht gesehen haben! Denn erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, kriechen wir aus. Wir sind beide sehr gereizt. Wegen einer ganz geringfügigen Ursache entsteht eine Schlägerei. Ich habe vordem nie ein Weib geschlagen. Ich werfe ihr den Stuhl an den Kopf, daß ihr die Stirn weit auseinanderklafft. Sie gibt mir einen Tritt in den Bauch, daß ich rückwärts taumle. Waschkrug, Spiegel, Teller gehen in Scherben. Die Tür zerkracht. Wir prügeln uns auf offener Straße. Eigentlich ganz ohne Haß. Sehr roh und kühl. Sehr mechanisch. Wie Fuhrknechte auf Pferde einhauen. Nur um uns gegenseitig etwas zu erleichtern. Auf einer frisch angestrichenen Bank bearbeiten wir uns beide mit den Fäusten. Die Dorka kratzt und beißt. Sie ist ein böses Raubtier. Die kleinen Augen, meergrün, funkeln. Sie beißt sich in meiner Oberlippe fest, die blutig herunterhängt. Menschen sammeln sich an, halb sich belustigend, halb sich entsetzend. Einer, ein uraltes spinniges Kerlchen, zerbröckelt, grauhaarig, trippelnd, kurzhosig, mit goldener Brille, langbehaart, kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen zählt immer sehr, sehr dünn: „Eins, zwei! Eins, zwei! Eins, zwei!!“

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße.

  . . . „Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät ist“ Und: „Warum liebe ich sie . . .“ aber ich kann mir darüber nicht klar werden. Alles ist verworren, ölig und dumpf. Ihr Gesicht ist eine schwammige Masse, gelb, trüb, immer bewegt. Die Dorka ist immer betrunken. Sie torkelt. Wir irdisch sie ist! Sie zieht mich herab. Sie fällt mich. Ich bin ganz widerstandslos, hemmungslos. Ich muß ihr die Bluse zumachen, die Stiefel zuknöpfen. Ich will mich dagegen auflehnen, die Schamröte steigt mir ins Gesicht. Ich siede. Ich will mich empören; meine Hand zuckt oft nach der Tasche . . . Sie sagt nur „Pferd“ und streichelt mich und ich bin wehrlos. Wieder ist sie lustig und singt. Sucht Gesellschaft auf, um zu wirken. Das Zimmer ist oft ganz voll von Russen, Polen, Franzosen, Italienern. Es wimmelt. Ein Bein streckt sich steil hervor. Sie ist vergraben . . . „Oh, ich möchte eine große Rolle spielen, ich werde glänzende Kleider tragen, im englischen Garten jeden Tag früh ausreiten, spazieren fahren, du kannst immer im Café sitzen . . . Du kannst essen, trinken, schlafen, schlafen . . . Du . . . dann: mein ganz feingemachter Lucki!“ . . . Und sie hätschelt kleine Hunde, bewehklagt Bettler, kost ihre Puppe, immer sie streichelnd und in einem fort: „Buberl! Buberl!“

„Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät ist!“ Doch diese Worte, immer und immer wieder mich quälend, bedrängend, und ausgesprochen von einem von oben herab, sehr blond und in einem langen schwarzen Mantel, sie scheinen mir unermeßlich. Es ist ein Rat unausführbar. Es brennt.

Mein Körper ist voll böser Flecken. Geschwüren, Flechten, Narben, Nadelrissen. Bevor wir ins Bett steigen, kratzen wir uns gegenseitig wund. Unsere Körper sind Blutäcker. Wir waschen uns die Rücken. Wasser klatscht. Man scheuert Bänke so. Meine Frau hantiert ununterbrochen mit Jod, Irrigator, Schwefelteerseife, grauer Salbe. Es schwelt. Ich renne, während meine Frau sich stöhnend im Bett hin- und herwälzt mit erhobenen Händen gegen die Wände an. Dann kauere ich dumpf in der Ecke nieder. „Gib mir etwas Wasser, Hans“ . . . bittet sie, sehr dünn . . . „Halt dein Maul, Luder. Du, du hast mich zu Grund gerichtet.“ Und aufbrausend: „Verreck, du!“ . . . Ihre Augen weiten sich. Sie wird sehr ruhig. Es tut mir furchtbar leid, so gesprochen zu haben. Ja, es tat mir schon leid in dem Augenblick, als ich so sprach. Ich falle vor ihr auf die Kniee nieder, schluchzend, um Verzeihung bittend. So haltlos bin ich. „Hans, mir ist, als sei eben etwas zwischen uns getreten!“ Und mit erhobenen Händen, grell: „Jemand hat uns auseinandergerissen. Wie weh, oh, wie weh das tut!“ . . .

„So soll alles umsonst gewesen sein?“

Und stürze, ein Tier, aufheulend am Bett nieder. Die Dorka wimmert.

Ein Gewitter zieht herauf. Dunkle Vogelschwärme nisten. Ein feuriger Hund läuft über den Himmel. Es bellt.

Die Freier bleiben aus. Es ist eine sehr schlechte Zeit. Sie kann keine Besuche mehr empfangen. Auch müssen wir Obacht auf die Polizei geben, die uns seit einigen Tagen schon gründlich auf der Spur ist. „Wenn man mich erwischt,“ meint meine Frau, „werde ich eingeliefert.“ Und: „ich habe schon einmal zwei Monate gesessen.“ Und: „ich habe auch keine Lust mehr ins Krankenhaus.“ Und ich denke an mein Elternhaus. Mein Vater war Arzt. Das Vorzimmer, in dem die Kranken warten mußten, war dicht gefüllt. Sie kamen aus allen Gegenden: die Gesichter zerschlagen, Arme, Beine eingebunden, die Augen fiebrig glänzend oder schon starr, ermattet. Ein Kind wimmerte. Ein Gestochener schrie, und in purpurenen Traufen troff ihnen das Blut von der Stirn. Ich aber stürzte in den blühenden Garten hinaus, die Hände geballt, der prächtig untergehenden Sonne nach.

In demselben Zimmer hing auch das Bild der verstorbenen Mutter, ein Mädchen noch, voll blühender Anmut, das Haar gold, und wie Feuer leuchtend, die kaumgeöffneten Lippen rot, einer halbverschlossenen Frucht vergleichbar, die Augen in Klarheit aufgetan. Und sie, die Wartenden, sie saßen, alle den brechenden Blick flehend emporgewandt.

Die Naßl hat uns heute die Wohnung gekündigt, so leid es ihr tue, aber gestern seien drei Kriminaler da gewesen, die sich auffallend eingehend nach uns erkundigt hätten, auch sei die Wohnung unsauber, Spinnengewebe überall, wir fielen zu sehr auf, die Miete des vergangenen Monats sei noch nicht bezahlt, es kämen zu viele Besuche . . .

Ich begegne in den Isaranlagen einem Mädchen, rothändig, mit großen Füßen, dürftig angezogen, kurzhaarig, im Nacken ausrasiert. Wir sitzen beieinander auf einer Bank und sie erzählt mir, sie heiße Elly und sei eben erst aus Stadelheim entlassen, wegen Gewerbsunzucht zum erstenmal bestraft. Sie ist ganz und gar ausgehungert, seit drei Wochen hat sie nur auf Stroh geschlafen. Ich hole ihr von zu Haus das letzte Stück Brot und gebe ihr den letzten Schnaps. Meine Frau merkt nichts. Ich gehe mit ihr zu Josef. Er wundert sich, mich mit einem anderen Mädchen zu sehen, doch scheint ihn das irgendwie zu freuen. Er stellt Elly sein Bett zur Verfügung, er selbst übernachtet, in seinen schwarzen Mantel gehüllt, auf einer Bank. Ich schlafe bei Elly. Ihr Körper ist hart, sie gräbt sich tief, überglücklich aufschauernd, in die weißen Kissen, schlägt die weiche Decke ganz über uns. Sie ruht, das Gesicht käsig, doch umrahmt von rotem Haar, dessen Schimmer weit in die Stirn fällt, die Nase platt, eingedrückt, großen Munds, mit kleinen grünen Schusseraugen, ein häßlicher Engel. Da sie friert, lege ich mich auf sie und wir schlafen, Brust an Brust, Mund an Mund. Oft ist es, als ertöne unirdische Musik, die Erde sinkt, die Wände weiten sich, wir schweben.

Ich erwache. Es ist Tag. Der Himmel ist ein blutiges Tuch. Elly schläft noch. Sie lächelt. Ich drücke ihr einen flüchtigen Kuß auf die Lippen, ich bemerke, wie ihr Körper entstellt ist, strotzend, aufgerissen, mißbraucht. Ich gehe weg . . .

Ich irre durch die Stadt, die von roten Meeren ganz verschwemmt ist . . . „Wo habe ich heut geschlafen . . .?“ Und ich jage durch Wüsten: Straßen, Straßen, Straßen. Neubauten, wo Kalk dampft, unergründliche Grüfte, Vorstadtwiesen, mit Kindern, Hunden und Fußball, ein Friedhof mit plumpem Geläut und schwarzem Zug, ein Fluß, Brücken; und ich gelange endlich in einen Wald und über Exerzierplätze voll räudiger Winselhunde, Krankenhäuser mit Karbolgeruch, Fabriken, Bahnhöfe wieder zurück. „Wo habe ich heut geschlafen . . .“ Ich bin zerschmettert. Und ich weiß mich, sehe ich mich nur einem Weib gegenüber, unendlich schuldig. Und ich entsinne mich, ich habe meiner kleinen dreizehnjährigen Kusine einmal eine Bitte abgeschlagen, sie weinte, am anderen Tag war sie tot. Und meine Mutter sagte immer zu mir, war ich unfolgsam „Du bringst mich noch ins Grab.“ Und mein Vater sagte das und alle anderen, alle Menschen sagten das. Und sie alle sind tot. Und ich habe sie, alle habe ich die ins Grab gebracht. Und ich komme eben am „roten“ Haus vorüber. Ja, auch Andre habe ich ins Grab gebracht, und ich sehe hoch eine große Spinne kleben, unbewegt, an einer grauen Wand, und Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen funkeln, traurig und sehr entfernt. Schlief ich nicht bei Düsterweg heut nacht? Und ich sage mir: die Türen werden langsam zugemacht.

Meine Frau und ich gehen wieder los. Ich treffe sie jede Nacht. Sie schleicht auf der linken Seite langsam dahin, ich gehe auf der rechten. Ich beobachte sie. Ich traue ihr nicht mehr. Sie läßt die Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkert. Sie bleibt oft herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtet ihr Haar zurecht oder knüpft ihren Schleier fest. Manchmal dreht sie sich um.

Wenn sie sich einen anderen anschaffte.

Ich wüte. Ich erwürgte sie.

Ich bin vollständig kaput. Ich versuche loszukommen, ich habe es ja immer schon gewollt, ich war nur zu schwach dazu. Ich habe nur nicht den Mut zu mir gehabt. Ich habe es mir nur nicht eingestanden. Ich fürchtete mich immer so davor. Aber habe ich nicht Pflichten? Geht sie nicht für mich, für mich auf den „Talon“? Und auf den Knieen rutsche ich durch das Zimmer, taste mich langsam hinaus, schleppe mich zur Treppe. Ich höre Schritte. Eine Tür klappt. Die Dorka! Und ich ziehe mich, schweißbedeckt, am ganzen Körper zitternd, mit Mühe noch am Geländer empor. Es wird Licht. Eine Gestalt beugt sich nieder. Nimmt mich in ihren Arm. Oh, wie ich sie hasse! Sie hebt mich auf, trägt mich zurück, ich jammernd an ihrer Brust, streichelt meine Wangen: „Buberl! Buberl!“ Dann: „Pferd!“ Sie ist zärtlich, als sei ich eben erst zu ihr zurückgekehrt, jahrelang von ihr entfernt.

Am folgenden Tag wiederhole ich meinen Fluchtversuch. Bald sehe ich ein, es ist unmöglich. Und: „Ich muß ja, ach, viel, viel Gutes noch tun; denn habe ich nicht meine Frau geschlagen?! Ich will erdulden und alles willig auf mich nehmen, ich habe viel Schlimmes schon getan“ . . . Und ich komme so nicht los von ihr. Es ist unmöglich. Was soll ich auch fliehen? Es erscheint mir kindisch.

Ich finde die Haustür verschlossen. Meine Schlüssel sind fort. In den Zimmern ist Licht. Ich suche nach Schatten. Es sind viele Schatten. Will sie mich nicht mehr? Hat sie sich einen andern angeschafft? Und ich höre wüste Schreie, Stimmengewirr. Und ich sehe eine schwebende hellerleuchtete, klirrende Schaukel, in der mir meine Welt ins Dunkel entfliegt. Ich werfe die Fenster ein. Alles bleibt ruhig. Das Licht geht aus, doch nichts rührt sich, niemand kommt herab. Und ich erinnere mich, sie sagte oft, stritten wir, sei nur ruhig, ich werde mich schon zu revanchieren wissen. Also, sie hat sich einen anderen angeschafft. Ich warte Stunde um Stunde, in eine Ecke gelehnt. Wenn ich den wenigstens sehen könnte! Die Bogenlampen löschen aus. Der Himmel wird tiefblau. Über den Dächern rötet er sich. Das Gezwitscher der Vögel beginnt. Ich gehe in die Kirche gegenüber. Ich höre die Messe. Ich trete wieder, beruhigt und gestärkt, in den erwachten Tag hinaus. Die Fensterscheiben sind zertrümmert. Ich fahre mit den Händen durch die Luft. Ich drossele sie und ich habe . . . ich habe die Dorka, die Dorka erwürgt! Ich fühle die Last ihres Körpers in meinen Armen; ich lege sie irgendwo in einem Hausgang nieder. Ich mache mich schnell fort. Ich eile zu Josef. Ich falle ihm um den Hals, ich habe ihm Äpfel und Zigaretten, die ich irgendwo stahl, in Menge mitgebracht. Er schaut mich groß an. „Josef, ich habe meine Frau erwürgt, ich habe meine Frau umgebracht! Josef, leb wohl . . . und ich habe auch Andre umgebracht . . . leb wohl . . . und ich habe auch Düsterweg umgebracht . . . leb wohl . . . und meine Mutter habe ich umgebracht . . . und meinen Vater habe ich umgebracht . . .“ und brüllend: „alle Menschen habe ich umgebracht . . . leb wohl, Josef, sieh, ich bin ein Mörder . . . leb wohl . . . der auch dich noch . . .“