WeRead Powered by ReaderPub
Vergißmeinnicht / Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens cover

Vergißmeinnicht / Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens

Chapter 10: Bastei
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

This practical travel guide offers a compact, route-focused handbook for visiting the sandstone highlands around the Elbe and the adjacent Bohemian border, combining geological and topographical description with measured itineraries. An introductory section outlines boundaries, geology, climate and recommended travel timing; the main part gives step-by-step routes from Dresden through Pillnitz or Pirna to Schandau and onward through well-known features such as the Bastei, Rathen, the Kirnitzgrund, Kuhstall, Prebischthor and Hirniskretschen, plus numerous half-day to day-long excursions into surrounding rock landscapes and into Bohemia. A concluding return route, a new map, lodging notes and practical advice complete the volume.

I. Reise zur Bastei.

Wir reisen über Pillnitz. Der gewöhnliche Weg von Dresden führt uns über die Dörfer Strießen und Tolkewitz, Laubegast vorbei in 2 Stunden zu einer fliegenden Brücke, die uns während des Sommeraufenthalts der königlichen Familie in Pillnitz, zu diesem Lustschlosse hinüber bringt. Wer zu einer andern Jahrzeit auf dem linken Ufer seinen Weg nimmt, muß sich, wenn er zu Wagen, oder zu Pferde reiset, in Blasewitz oder Laubegast übersetzen lassen, oder sich der Kahnfähren in Hosterwitz und Söbrigen bedienen; Fußgänger aber finden in jedem Elbdorfe bequeme Ueberfahrt.

Auf dem rechten Elbufer folgt der Fahrweg jenseit des Mordgrundes der, über Loschwitz führenden Pillnitzer Bergstraße, wo sich aber nur selten Aussichten in das reizende Stromthal öffnen. Der Fußpfad bringt uns gleich jenseit des Prießnitzbaches, am Linkeschen Bade vorbei, durch eine anmuthige Landschaft längs dem Elbufer zu dem freundlichen Loschwitz, dessen große Kirche außerhalb des Dorfes an der Straße liegt. Oberhalb Loschwitz führt uns ein Wiesenpfad nach Wachwitz, und fast immer an Gebäuden und Gärten hinwandernd, kommen wir, Nieder-Poyritz und Hosterwitz vorbei, in ungefähr anderthalb Stunden nach Pillnitz, wenn nicht die anmuthigen Seitenthäler, die aus dem Rebengebirge herabfallen, der schattige Ziegengrund bei Loschwitz, der Helfenbergergrund bei Nieder-Poyritz und der Keppgrund bei Hosterwitz aus zu einer Abschweifung einladen. Aus dem Keppgrunde können wir über den Zuckerhut auf einem kurzen Umwege in die, zu dem Lustschlosse führende Kastanienallee gelangen.

Pillnitz, seit dem Anfange des funfzehnten Jahrhunderts das Eigenthum verschiedener adeligen Geschlechter, und schon zu Ende des siebzehnten auf kurze Zeit in landesherrlichem Besitze, ist seit dem Anfange des vorigen Jahrhunderts ununterbrochen fürstliches Eigenthum gewesen, und seit 1763 der beständige Sommeraufenthalt des Hofes. Die älteren Gebäude, die bereits Friedrich August I. verschönert hatte, wurden unter des jetzigen Königs Regierung theils abgetragen, theils verändert, und erhielten in den Jahren 1788 bis 1792 eine neue Gestalt. Der einzige Ueberrest des alten, 1616 erbauten Schlosses, dessen Speisesaal in frühern Zeiten Venustempel hieß, brannte 1818 ab, worauf in demselben Jahre nach dem Plane und unter der Aufsicht des Oberlandbaumeisters Schuricht der Bau eines neuen Schlosses begann, das weiter als das alte, nach Morgen verlegt wurde. Wir treten in den, durch das ganze Gebäude gehenden Speisesaal, der mit einer Kuppel bedeckt ist, die auf zwanzig freistehenden Säulen ruht, und theils von oben, theils durch hohe Seitenfenster erleuchtet wird. Zwischen der Kuppel und dem Gebälke befinden sich vier Dreiecke, sogenannte Pendentifs, und vier halbrunde Felder (Tympans), welche Professor Vogel mit Frescogemählden ziert. Für diese Felder sind die allegorischen Darstellungen der Mahlerei, Bildhauerkunst, Baukunst und Musik bestimmt; in den Dreiecken aber die zu jenen gehörenden allegorischen Figuren der Dichtkunst, der Liebe, der Philosophie und der Grazien auf blauem Hintergrunde in hoher Vollendung und heiterer Farbenpracht bereits ausgeführt. Die hellblau mit weißen Arabesken verzierten Wände des Saales enthalten zwischen den Säulen noch Füllungen, die späterhin gleichfalls mit Gemählden geschmückt werden sollen. — Die andern, den Schloßhof einschließenden Gebäude bestehen aus vier großen, einzeln stehenden Pavillons, die zwar nicht hoch, aber im Ebenmaaß gebaut, und mit Säulenreihen und sinesischen Kupferdächern verziert sind. Zwischen den nördlichen Pavillons steht das Bergpalais, zwischen den südlichen das Wasserpalais. Diese, ein großes Viereck bildenden, und im Innern geschmackvoll eingerichteten älteren Gebäude enthalten die Wohnungen der königlichen Familie. Hinter dem Bergpalais und dem anstoßenden Pavillon liegt der, schon 1769 angelegte, aber seit 1804 sehr erweiterte und verschönerte Garten, wo man eine reiche Sammlung ausländischer Gewächse findet. Eine Vestale aus carrarischem Marmor, von Trippel’s Meisterhand, ziert diese Anlagen, und ein geschmackvolles Gartengebäude enthält ansehnliche Sammlungen von Sämereien, trefflich gemahlten Pflanzen und seltenen Schmetterlingen.

Die umliegenden Berge, und die Thäler, welche sie durchschneiden, hat die Natur mit mannigfaltigen Reizen geschmückt, die feiner Kunstsinn erhöhte. Der Friedrichsweg am Eingange des Pillnitzer Grundes bringt uns zuerst zu einem wohlerhaltenen Weinberge und einer schön angelegten Eisgrube, und den Windungen des Pfades folgend, kommen wir zu dem Raubschlosse, künstlichen Trümmern, die geschmackvolle Zimmer enthalten, wo man die Umgegend von Pillnitz und das lachende Elbthal überschaut. Ein anmuthiger Waldpfad führt uns dann über eine dicht beschattete Brücke zu einem Wasserfalle im einsamen Friedrichsthale, der 138 Fuß hoch herabstürzt. Den schattigen Pfad verfolgend, kommen wir in einer Stunde auf den mit Fichten und Birken bewachsenen Gipfel des Borsberges, eine Granitkuppe, die 811 Pariser Fuß über der Elbfläche bei Dresden und 1161 Paris. Fuß über dem Meere liegt. Im nahen Dorfe Borsberg finden wir einen Führer, der uns die Eremitage öffnet, eine künstliche Felsenmasse, die eine Grotte und ein freundliches Zimmer enthält. Eine, in den Trümmern verborgene Treppe führt uns auf den Altan über der Grotte, wo wir eine entzückende Aussicht genießen, die den Lauf der Elbe von Königstein bis Meißen und die Felsenberge des meißnischen Hochlandes umfaßt, über welche in der Ferne die waldigen Bergrücken des Erzgebirges, der Rosenberg in Böhmen und die Höhen bei Zittau hervorragen.

In der Nähe dieses Gebäudes führen steinerne Stufen in das Thal hinab, wo uns ein neu angelegter Jagdweg nach Klein-Graupe bringt. Auf dem gewöhnlichen Fahrwege von Pillnitz aber führt uns ein langer Baumgang längs dem Dorfe Ober-Poyritz, durch Graupe und ein Wäldchen zu der Grundmühle, wohin sich unweit der Schäferei in Groß-Graupe auch ein Fußpfad über Hinter-Jessen wendet. Wir lassen unsern Wagen von Graupe nach Liebethal fahren, und treten oberhalb jener Mühle in den

Liebethaler Grund,

über dessen steile zerrissene Wände das Dorf Liebethal auf der Höhe hervorblickt. Auf beiden Seiten der Wesenitz, die das Thal durchströmt, ziehen sich die schroffen, bis zu 60 Ellen emporsteigenden mächtigen Felsengestalten gegen Morgen hinan, und erheben sich immer höher, je weiter wir wandern. Das Thal ist seit mehren Jahrhunderten bis in die Hälfte seiner Ausdehnung durch Sandsteinbrüche nach und nach erweitert worden. Weiter aufwärts drängen sich die Felsenwände so nahe zusammen, daß der Pfad am Ufer des rauschenden Baches verschwindet. Reissende Fluten, welche Felsenmassen fortwälzten und Steinhaufen aufschwemmten, haben überdies die Wanderung durch das Thal beschwerlicher gemacht. Die Steinbrüche gehören zu den ältesten des Landes, und liefern einen vesten und grobkörnigen Sandstein, wovon die weichern Massen zu Mühlsteinen, die mit Eisenadern durchzogenen aber nur zu geringerm Gebrauche taugen. Von den in frühern Zeiten gangbaren funfzig Brüchen wird kaum noch ein Fünftheil bearbeitet. Wir verweilen bei dem Bruche, von dessen hoch ansteigenden Wänden der Thurm von Liebethal und einige Häuser des Dorfes herabblicken, und finden wir die Arbeiter gerade beschäftigt, so wird uns die Kühnheit und Betriebsamkeit, womit sie ihr Gewerbe treiben, auf einige Augenblicke Unterhaltung gewähren. Ein großer Block, ein sogenannter Satz, wird allmählig von dem Hauptfelsen gelöset, was oft die Arbeit eines halben Jahres, ja noch mehr Zeit kostet. Täglich arbeiten die Steinbrecher verwegen unter der drohend überhangenden Masse, ist aber endlich der Block herabgestürzt, so beginnt ein fröhliches Gelage, und mit leichterer Mühe wird dann das Stück in kleinere getrennt. Der Reisende muß auf die Warnung achten, die eine Inschrift über der Thür des letzten Hauses in Hinter-Jessen ihm zuruft, denn wenn er eines der eisernen Werkzeuge der Steinbrecher aufhöbe, oder den Ruf: Lauf zu! hören ließe, so müßte er büßen. Dieser Ruf ist die Losung, womit die Arbeiter in Lebensgefahren ihre entfernteren Gefährten zum Beistande auffodern, und hätte ein Wanderer, aus Unkunde oder Muthwillen, sie verleitet, von ihrer Arbeit zu eilen, so dürften sie, wofern der Fliehende innerhalb einer bestimmten Gränze eingehohlt wird, ihn zu einer Geldstrafe nöthigen.

Aus dem Thale führt uns ein beschatteter Weg am Kemnitzbache, oder ein rauherer Pfad durch die Steinbrüche zu dem Dorfe Liebethal hinauf, das vor Zeiten ein vestes Schloß hatte, welches gegen Anfang des sechzehnten Jahrhunderts zerstört wurde. Wir gehen durch das Dorf, an der Kirche vorbei, auf einem anmuthigen Wege am Rande des Felsenthales zu dem nahen Mühlsdorf, und verweilen bei einer Oeffnung des Gesträuches auf der vorspringenden Wand, um einen Blick in die furchtbare Tiefe zu werfen, wo die Lochmühle an der schäumenden Wesenitz zwischen Felsen eingeklemmt liegt. Bei den ersten Häusern von Mühlsdorf führt ein Weg zu der Mühle hinab. Wir gehen durch die Mühle, und finden auf der schmalen Brücke hinter derselben, wo der Bach über das Wehr stürmt, den günstigsten Standpunkt zur Ansicht der wilden Landschaft. Die Stelle, wo die Felsen so nahe zusammenrücken, daß kein Pfad am Ufer bleibt, heißt die Rabenteufe.

Der Mühle gegenüber steigt eine, zwischen den Felsen angelegte Treppe auf die jenseitige Höhe zu dem Dorfe Daube hinan. Oben am Ausgange der Treppe führt ein Pfad durch das Gebüsche auf eine vorspringende Felsenwand, die uns einen neuen Standpunkt zur Ansicht der wilden Felsenschlucht darbietet und Ueberreste von altem Gemäuer zeigt. Ein angenehmer Weg bringt uns von da gerade nach Lohmen, wenn wir nicht auf einem bequemern Pfade zur Daumühle im Wesenitz-Thale hinabsteigen und dann aufwärts nach Mühlsdorf wandern wollen, dessen Häuser, von Gärtchen umgeben, die dem Felsen abgewonnen wurden, auf dem Rande der steilen Höhe sich zeigen. Wählen wir diesen Umweg, so gehen wir durch Mühlsdorf an den Rand des Liebethaler Wäldchens, wo wir ein Landschaftbild überschauen, das Lohmen und dessen anmuthige nächste Umgebungen, die Gegend von Dohna bis Dresden, den Königstein und Lilienstein umfaßt, und in der blauen Ferne von Böhmens und Sachsens Gränzgebirgen umschlossen wird. Bei Mühlsdorf steigen wir dann einen felsigen Weg hinab, und kommen bald zu einer Brücke über die Wesenitz, die uns nach

Lohmen

führt. Dieser Flecken von ungefähr 800 Einwohnern, der im 17ten Jahrhundert Städtlein hieß, und noch im Besitze mehrer städtischen Gerechtsame ist, hat seinen Nahmen vielleicht von den Edlen von Chlumen oder Chlomen, welche auch das alte Schloß erbaut haben mögen. Die Geschichte dieses Geschlechts, das in dieser Gegend früh ansässig gewesen zu sein scheint, ist jedoch sehr dunkel, und es läßt sich nicht mit Gewißheit bestimmen, daß die Burg Lohmen ihm zugehört habe, die selbst zu der Zeit, als ein Edler von Chlomen in der letzten Hälfte des 15ten Jahrhunderts die ganze Herrschaft Wehlen besaß, einen andern Besitzer aus dem alten meißnischen Geschlechte von Köckeritz hatte, dessen Vorfahren Wehlen lange eigen gewesen war, und der später jene Herrschaft wieder erwarb, wozu Lohmen seit den ältesten Zeiten als Beisitz oder Nebengut gehört zu haben scheint. Nach mehren Besitzveränderungen kam die Herrschaft an die Herren von Schönburg, von welchen dieselbe mit Lohmen und Hohnstein um die Mitte des 16ten Jahrhunderts an den Herzog Moritz von Sachsen überging. Später kam das Schloß Lohmen wieder in den Besitz von Privatpersonen, bis es 1620 fürstliches Eigenthum ward. Seit dem Tode der Gemahlinn des Kurfürsten Johann Georg II, deren Witwensitz es war, und die hier 1687 starb, blieb es landesherrliches Kammergut. Wir sehen es in seiner kühnen und mahlerischen Lage auf dem Gipfel eines überhangenden, in der Mitte zerklüfteten Sandsteinfelsens, wenn wir, von Mühlsdorf kommend, jenseit der Brücke am Ufer der Wesenitz hingehen. Folgen wir dem Wege aufwärts an der Wesenitz, der durch die verheerende Ueberschwemmung im Sommer 1822 sehr gelitten hat, so kommen wir bald zur Hintermühle. In der Nähe derselben öffnet sich der Lohmner Grund, dessen Felsenumgebungen in seltsamen Gestalten empor steigen, bis sie endlich zusammen rücken und den Weg sperren. Wir kehren zu der Mühle zurück, und es öffnet sich uns bald ein Weg in die anmuthigen Gartenanlagen, die sich zu dem Schlosse hinan ziehen und uns überall angenehme Ruheplätze darbieten. Einen der günstigsten Standpunkte finden wir hier auf dem Felsenvorsprunge über der Hintermühle, wo wir einen Blick in das Thal der Wesenitz werfen. Das Schloß besteht aus zwei Hauptgebäuden, die durch einen Altan zusammen hangen, der auf einer Felsenspitze angelegt ist. Nur an der Hinterseite sieht man noch in den kleinen Erkern und Fenstern Ueberreste des Alterthums. Das Schloß ist jetzt der Sitz einer bedeutenden Landwirthschaft, mit welcher eine Schäferei verbunden ist. Wir verweilen einige Augenblicke auf dem Altan, wo wir eine reizende Aussicht genießen. Vor ungefähr 40 Jahren stürzte ein junger Landmann, der arbeitmüde auf diesem Altan eingeschlummert war, als er mitten in der dunklen Nacht aus dem Schlafe auffuhr, von dem 76 Fuß hohen Felsen in die Tiefe und wurde dennoch glücklich geheilt. Eine gereimte Inschrift auf einer hier eingemauerten Tafel erzählt diese Lebensrettung.

Unweit des Schlosses sehen wir die freundliche Kirche, eine der schönsten ländlichen Kirchen Sachsens. Das Pfarrhaus und die Försterwohnung sind mit wohlfeilen, aus Blechstreifen gemachten Blitzableitern versehen; eine Erfindung des vormahligen Pfarrers Nicolai in Lohmen, dessen Wegweiser durch die sächsische Schweiz[1], als eine der ersten Beschreibungen des meißnischen Hochlandes, viel beigetragen hat, diese Gegenden bekannt zu machen.

Folgen wir oberhalb der Kirche der, nach Stolpen führenden Straße, so kommen wir in den obern Theil des Lohmner Grundes, welchen uns, auf dem Wege von der Hintermühle, die Felsenwände versperrten. Diese enge wilde Schlucht, durch welche die schäumende Wesenitz hinab stürzt, heißt die Brausenitz. Auf beiden Seiten steigen die prächtigen Felsenwände in seltsamen Gestalten hinan. Es gibt hier mehre Steinbrüche, die sich bis gegen Porschendorf hinauf ziehen, wo das Wesenitz-Thal sich erweitert. Der Sandstein dieser Brüche ist feinkörniger, aber auch weicher als im Liebethaler Grunde, und mit vielen dunkelbraunen eisenschüssigen Adern durchzogen. Es werden hier große Schleifsteine gebrochen, die bis nach Dänemark ausgeführt werden.

Im Gasthofe zu Lohmen, wo man gute Bewirthung findet, und gewöhnlich, wenn man bei Tagesanbruche die Bastei besuchen will, das Nachtlager nimmt, treffen wir mit Reisenden zusammen, die aus andern Gegenden kommen. Wer aus der Gegend von Radeberg, oder Stolpen die sächsische Schweiz bereiset, kommt über Porschendorf und Liebethal dahin. Von Pirna führt eine gute Fahrstraße über die Anhöhe von Doberzeit, wo sich eine reiche Aussicht nach Dresden, Pillnitz, Pirna und Königstein vor uns öffnet, und selbst die Felsengruppen um Schandau in der Ferne hervor ragen. In der Umgegend von Doberzeit, ungefähr 3 Viertelstunden von Lohmen, findet man viele Geschiebe von Kalzedon, Jaspis, Avanturin und schöne Versteinerungen. Hat man Zeit, hier zu verweilen, so lasse man sich zu den Felsenwänden am linken Ufer der Wesenitz hinab führen, wo man nach einem halbstündigen Wege, dem Dorfe Hinter-Jessen gegenüber, eine Sandsteinwand erblickt, worein viele Steinkohlentrümmer gemengt sind, welche, wie man glaubt, das Dasein eines Kohlenflötzes verrathen. Nicht weit davon entspringt eine Quelle, die im Winter nie zufriert, im Sommer aber sehr kalt ist, und viele kleine Kohlentrümmer auswirft. Als im Jahre 1770 nach anhaltendem Regen die Oeffnung der Quelle zu klein war, die Wassermasse auszuströmen, öffnete sich der Ueberfluß weiter aufwärts am Fuße jener Sandsteinwand einen andern Weg, floß einige Jahre lang, und warf auch hier Steinkohlentrümmer aus, welche zum Brennen gebraucht, den eigenen Kohlengeruch gaben.

Unweit Doberzeit führt ein Fußpfad zu einem Felsenthale, von dessen jenseitiger Höhe das Dorf Mockethal herab blickt. Unten am Eingange eines andern Thales liegt ein einzelnes Wirthshaus, der graue Storch, und gegenüber unter den Felsenwänden das Dörfchen Zatzschka. Eine Vertiefung in einem Felsen, wird der Riesenfuß genannt, weil nach der Sage ein Riese hier den Abdruck seines Fußes hinterlassen hat. Der nächste Weg von Pillnitz über Ober-Poyritz und die Dietzmühle nach Wehlen geht über diese Höhe. Unweit des Riesenfußes öffnet sich ein Felsenthal, welches von dem am Elbufer, Pirna gegenüber liegenden Dorfe Posta den Nahmen Alte Poste erhalten hat. Vom grauen Storche senkt sich ein enges Felsenthal zur Elbe hinab. Die alte Poste zieht sich zwischen Sandsteinfelsen hinan und führt auf die Hochebene von Lohmen, wo eine sanft ansteigende Höhe, der Kohlberg, sich erhebt, auf dessen Spitze, die ein einzelner Baum bezeichnet, eine ungemein anziehende Aussicht vor uns liegt, welche die Umgegend von Lohmen, die Felsen von Rathen, den Lilienstein, Königstein, Pfaffenstein und Quirl und in der Ferne den dämmernden Gipfel des Schneebergs, die Gebirge um Altenberg und die Höhen von Dresden bis Meißen einschließt.

Wer zu Wagen reiset, fährt von Lohmen über Rathewalde auf einem bequemen Wege bis nahe vor den Felsenvorsprung der Bastei, oder läßt, wenn er vorher den Ottowalder Grund besuchen will, den Wagen nach Rathewalde fahren. Wir lassen uns von Lohmen, oder wenn wir auf dem Kohlberge verweilten, gleich von hier in den

Ottowalder Grund

führen. Es öffnen sich uns zwei Wege in dieses Felsenthal. Der eine läuft längs dem Dorfe Ottowalde, das eine Viertelstunde von Lohmen, auf der südlichen Felsenwand liegt, über eine von Gebüschen eingeschlossene Wiese, zu einer Treppe von 114 Stufen, welche mit vielen Wendungen in die Tiefe hinab führt; der andere aber bringt uns quer durch das Dorf in einen Arm des Thales, der die Kluft genannt wird. Wir folgen diesem Wege und stehen bald zwischen steilen Wänden, die auf beiden Seiten, oft wunderbar gestaltet, und senkrecht zerklüftet, über 110 Fuß empor ragen. Gruppen von Sträuchern und Bäumen, Farrenkräuter und goldfarbiges Moos bedecken mahlerisch diese Felsenwände. Ein Bach fließt durch die Tiefe. Die engen geschlossenen Wände, worein oft nur ein schmaler Bogen des Himmels hinab blickt, treten bald auf beiden Seiten aus einander und bilden ein breiteres Thal. Links zieht sich eine Felsenschlucht, der Schleifgrund nach Lohmen. Dem Laufe des Hauptthales folgend, sehen wir nicht weit von jenem Grunde die oben erwähnten Stufen, die nach Ottowalde hinan führen. Hier und an einigen andern Stellen, wo das Thal sehr schmal ist, hohlen die Bewohner von Ottowalde vom jenseitigen Ufer Holz und Steine, auf großen Handschlitten, Rappern genannt, die man an einem, um zwei Bäume diesseit und jenseit geschlungenen, schräg über den Grund laufenden Seite hinüber und zurück gleiten läßt. Durch die zusammenrückenden Felsenwände windet sich nur ein schmaler Durchgang, über welchem drei herab gestürzte Blöcke wie ein Thor sich wölben. Jenseit dieses Thores wird das Thal breiter, bald aber wieder verengt. Das steinerne Haus nennt man einige, wie Dächer gelegte Steinblöcke, welche Höhlen decken, wo die Bewohner der umliegenden Gegend in Kriegeszeiten ihre geflüchtete Habe bargen. Nicht weit von hier finden wir eine Höhle, die sich durch zusammen gefallene Felsen zieht, welche eine schornsteinartige Oeffnung haben. Sie wird die Teufelsküche genannt. Ein anmuthiges Thal, von einem kleinen Felsenbache Zschirregrund genannt, öffnet sich nicht weit von hier, und zieht sich zwischen Felsenwänden hinan, die mit Farrenkräutern und Moosen bekleidet sind.

Wir sind hier auf dem nächsten und bequemsten Wege zur Bastei, und gelangen an eine Felsenecke, wo sich der Zschirregrund in zwei Arme spaltet. Ein links auslaufendes Thal, der Holzengrund, führt nach Rathewalde. Unser Weg läuft rechts durch ein sehr rauhes, von feuchten Wänden eingeschlossenes Thal, das die Hölle genannt wird. Ehe wir es betreten, zeigt uns der Führer die Stelle, wo der Königstein, der Lilienstein und der Pfaffenstein durch eine Waldblöße sichtbar sind, und auf einem Thalrande sehen wir die große und kleine Gans. Nach dem kurzen Wege durch die Hölle, kommen wir auf eine große Wiese, die Wehle, wo wir unter Bäumen an der Felsenwand einen steinernen Tisch mit Bänken finden, der im Anfange des vorigen Jahrhunderts bei Gelegenheit eines Jagdfestes gesetzt wurde. Hier liegt der Pfad vor uns, der uns bald auf die Bastei und nach Rathen bringt.

Die bereits erwähnte, durch einen Wolkenbruch erzeugte Flut im September 1822 hat in diesem Thale, besonders in dem Hauptthale, das sich nach der Elbe hinab senkt, große Verheerungen angerichtet. Dieses Hauptthal, der Raingrund genannt, theilt sich in drei Arme. Rechts zieht sich der Teufelsgrund, dessen obere Ecke die Bärecke heißt, auf eine Anhöhe, über welche der Weg nach Lohmen, und zum Dorfe Wehlen geht. Der mittle Grund bringt uns zu diesem Dorfe und zum Städtchen Wehlen. Der dritte, links hinauf laufende Arm öffnet sich in ein breites freundliches Thal, das uns bald in dieses Städtchen führt.

Reisende, die sich von Pirna auf das rechte Elbufer übersetzen lassen, um von hier die Bastei und Rathen zu besuchen, gehen auf anmuthigen Wiesenpfaden, unter stets wechselnden Ansichten einer reich geschmückten Landschaft, aufwärts über die Dörfer Nieder-Posta, Ober-Posta und Zeichen nach Wehlen, das von Obstpflanzungen und Hopfengärten umgeben, am Ausgange des Ottowalder Thales unter hohen Felsenwänden längs der Elbe liegt, deren schöner Spiegel sich in sanften Krümmungen zwischen den felsigen, jenseit dicht bewaldeten Ufern hinab zieht. Ueber dem Städtchen, wo 700 Einwohner sich von Leinweberei, Baumwollespinnen, Obst- und Hopfenbau und besonders auch vom Korn- und Steinhandel nähren, ragen die ansehnlichen Trümmer des alten Schlosses hervor. Die Geschichte dieser Burg ist dunkel. Ursprünglich wurde sie vielleicht schon von den Sorben angelegt, später aber, als die Ansiedelung der Teutschen jene verdrängt hatten, wahrscheinlich in eine Burgwarte verwandelt, und in der Folgezeit der Hauptsitz der Herrschaft Wehlen. Diese gehörte bereits im 13ten Jahrhundert zum Markgrafthum Meißen, ward aber später böhmisches Lehen, bis sie zu Anfange des 15ten Jahrhunderts mit Pirna vom König Wenzel an Meißen verpfändet wurde. Schon im 16ten Jahrhundert, als die damahligen Besitzer dieser Herrschaft, die Herren von Schönburg, das Schloß Lohmen neu erbauten und es zu ihrem Wohnsitze machten, scheint das Schloß verfallen gewesen zu sein, und wurde seitdem so ganz verödet, daß 1788 eine Mauer einstürzte und ein Haus von der Stelle schob.

Von Wehlen führt ein sehr anmuthiger, aber nur für Fußwanderer gangbarer Weg längs der Elbe am Fuße der hohen Felsenwand in 3 Viertelstunden nach Rathen, wenn man sich nicht auf das jenseitige Ufer übersetzen lassen, und auf einem angenehmern Wege, im Angesichte der Felsen von Rathen, bis Ober-Rathen wandern will, wo man wieder auf’s rechte Ufer hinüber fährt. Die Reisenden, die von Pirna nach Wehlen gekommen sind, gehen nun entweder durch das Ottowalder Thal und den Zschirregrund auf dem bereits beschriebenen Wege, oder über Rathen auf die Bastei. Jener ist vorzuziehen, da sich uns hier die überraschende Aussicht von dem hohen Felsenvorsprunge auf einmahl öffnet, die wir auf dem letzten Wege theilweise von mehren Standpunkten betrachten. Wer aber diesen Weg wählt, wandert von Rathen in dem anmuthigen Grünbachthale hinauf, wendet sich dann in den felsigen Wehlergrund und kommt aus diesem auf den, in neuern Zeiten bequemer gewordenen Pfad, der durch die Vogeltelle zwischen hohen Felsen hinan führt.

Endlich stehen wir auf dem, kaum 10 Fuß breiten Gipfel des vorspringenden, gegen 600 Fuß über die Elbfläche und 973 Par. Fuß über das Meer sich erhebenden Felsenhornes, das wegen der Aehnlichkeit mit Bevestigungen den Nahmen

Bastei

erhalten hat. Ein reiches Landschaftbild liegt vor unsern Blicken. Die Elbe zieht sich im Thale zwischen Wiesenufern und Saatfeldern, am Fuße der Sandsteinwände hinab. Rathen, Wehlen, und jenseit eine Reihe von Dörfern, liegen längs ihrem Gestade. An den beiden Bogen, die der Strom hier bildet, ragen die Bärsteine, der Königstein und der Lilienstein empor, und über ihre Felsenstirnen blicken der Pfaffenstein, die Kuppelberge, der Zschirnstein und aus blauer Ferne der Schneeberg und der Sattelberg in Böhmen, und der Geisingsberg im Erzgebirge. Hinter dem großen Winterberge und dem Zirkelstein wölbt sich der mächtige Rücken des böhmischen Rosenberges. Ueber Rathen hinaus nach Morgen und Mitternacht erheben sich die Felsenwände des Hohnsteiner Forstes, das Schloß Hohnstein und in der Ferne die Berge bei Neustadt. Kehrt unser Blick zu den nächsten Felsenumgebungen zurück, so sehen wir den Neu-Rathen empor ragen, den ein tiefer Abgrund, die Mardertelle von uns trennt, aus welchem wir einen aufgemauerten Pfeiler hervor ragen sehen, der die Brücke trug, die vor Zeiten das Felsenschloß mit der Bastei verband, und auf den Weg nach Rathewalde führte. Von den nächsten Felsen erblicken wir vor uns: die große und kleine Gans, das Blankhorn, den Amselstein und den Gamrichstein.

Wer die Reise nach der Bastei zu Wagen über Rathewalde gemacht hat, wird vielleicht, wenn er an demselben Tage wieder zurück nach Dresden geht, den Rückweg durch den Zschirregrund nehmen und weiter nach Ottowalde wandern, wo sein Wagen ihn erwartet. Geht er wieder über Rathewalde, so verweilt er hier, um die, 1 Viertelstunde entfernte Hohburkersdorfer Linde zu besuchen, welche eine Höhe krönt, wo sich eine der reichsten und reizendsten Aussichten öffnet.

[1] Zuerst Pirna 1803. und in der 4ten Aufl. Dresden 1821.