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Vergißmeinnicht / Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens cover

Vergißmeinnicht / Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens

Chapter 12: Rathen
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About This Book

This practical travel guide offers a compact, route-focused handbook for visiting the sandstone highlands around the Elbe and the adjacent Bohemian border, combining geological and topographical description with measured itineraries. An introductory section outlines boundaries, geology, climate and recommended travel timing; the main part gives step-by-step routes from Dresden through Pillnitz or Pirna to Schandau and onward through well-known features such as the Bastei, Rathen, the Kirnitzgrund, Kuhstall, Prebischthor and Hirniskretschen, plus numerous half-day to day-long excursions into surrounding rock landscapes and into Bohemia. A concluding return route, a new map, lodging notes and practical advice complete the volume.

II. Reise von Rathen nach Schandau.

Wollen wir von der Bastei unsre Reise weiter östlich fortsetzen, so bieten sich uns verschiedene Wege dar. An einem günstigen Sommertage haben wir vielleicht Zeit, mit der Reise zur Bastei eine Wanderung zu den nächsten Felsengestalten zu verbinden, wohin von hier am Rande des Abgrundes ein Weg führt. Wir kommen zuerst zur großen Gans, die sich an dem, von hohen Felsengruppen umgebenen Wehlergrund erhebt. Die Aussicht von dieser Felsenhöhe zeigt uns eine wilde Landschaft, aber am Ausgange jenes Grundes werfen wir einen Blick in das anmuthige Grünbachthal und auf die Häuser von Rathen, über welche der Königstein und Lilienstein hervorragen. Unweit der großen Gans erhebt sich eine zerrissene, orgelförmig gestaltete Felsenwand, die kleine Gans, welche gleichfalls ersteigbar ist. Wir sehen uns hier von dem Blankhorne, dem Amselstein, Honigstein, Feldstein, Neu-Rathen und der Bastei umgeben, während in der Tiefe der Tümpelgrund, der Rabengrund, und die furchtbaren Schwedenlöcher, die in dem dreißigjährigen Kriege den Umwohnern eine Zuflucht gewährt haben mögen, sich öffnen. Ueber diese Felsenwildniß hinaus sehen wir Rathewalde, Hohnstein, und rechts das Dorf Walthersdorf, worüber die böhmischen Gebirge hervor ragen.

Wer so weit gegangen ist, geht durch den Wehlergrund zurück, um sich nach Rathen zu wenden, und erblickt auf diesem Wege die früher gesehenen Felsen in veränderten Gestalten. Man nähert sich bald der furchtbaren Mardertelle, worein man früher auf dem Wege von Rathen nach der Bastei einen Blick warf. In dieser wilden Schlucht stoßen die Wände des Neu-Rathen mit den höhern Wänden der Bastei zusammen; und außer dem aufgemauerten Pfeiler, den wir bereits von oben herab bemerkten, erblicken wir noch mehre ähnliche, welche die früher erwähnte Brücke trugen. Man soll hier, wie eine alte Ueberlieferung erzählt, einst Menschengebeine ausgegraben haben, welche man den Sorben zuschreiben wollte, die bei der Eroberung des Neu-Rathen in den Grund hinab stürzten.

Treten wir aus dem Wehlergrunde in das freundliche Thal, wo der Grünbach hinab fließt, so sehen wir auf der jenseitigen Höhe den Feldstein empor ragen, eine, vom Wald umgebene Felsenwand, welche Burgtrümmern ähnlich und von einer natürlichen Höhle durchbrochen ist, wo man auf vorspringenden Felsenspitzen ruhend, die umliegende Landschaft überschaut, die das nahe Rathen mit seinen Trümmern, die Elbe, den Königstein und Lilienstein umfaßt. Gegenüber erheben sich die zerrissenen Pfeiler der kleinen Gans. An den Feldstein gränzt der Honigstein, der auf allen Seiten von tiefen Schluchten umgeben, und am bequemsten vom nassen Gründel bestiegen wird, wenn man die, besonders gegen Ost und Südost reiche Aussicht von seinem Gipfel genießen will, die uns ein beinahe so herrliches Landschaftgemählde zeigt, als wir auf dem Felsenhorne der Bastei gesehen haben. Lassen wir den Blick über die furchtbare Schlucht des nassen Grundes, die sich vor uns öffnet, hinweg gleiten, so blickt uns vom jenseitigen Rande des Abgrunds die freundliche Landschaft von Hohnstein und Rathewalde entgegen. Ueber Hohnstein ragen die Wände des tiefen Grundes hervor, und über diese schaut der große Winterberg mit seinen böhmischen Nachbarn. Die beiden Gränzhüter des Elbthals, der Königstein und Lilienstein, erheben sich gegen Mittag und die Höhen des Erzgebirges dämmern im Hintergrunde.

Der Rückweg vom Honigstein geht durch den Saugrund, der uns wieder in das Grünbachthal bringt, wo wir mit den Wanderern zusammen treffen, die auf dem nächsten Wege von der Bastei durch die Vogeltelle (s. oben S. 31.) herabkommen, um mit uns nach

Rathen

zu gehen. Dieses Dorf, wo wir im Lehngerichte, Bewirthung und Nachtlager finden, liegt auf beiden Ufern der Elbe, der kleinere Theil, Ober-Rathen, auf dem linken, der größere aber, Nieder-Rathen, zieht sich auf dem rechten in den Felsengrund hinauf. In der Umgegend wächst sehr guter Hopfen, den man dem böhmischen gleich setzen, und dem bei Wehlen erbauten vorziehen will. Wir verweilen zuerst vor dem freundlichen Wirthshause an der Elbe, des herrlichen Landschaftgemähldes uns zu erfreuen, das die Ufer des Stromes, in welchem links der Lilienstein seine Felsenkrone spiegelt, vor uns entfalten.

Wer den Besuch der schönen Umgegend von Rathen mit der Reise nach Schandau verbinden will, kann den bereits beschriebenen Weg zur Bastei und die noch rückständige Wanderung nicht in einem Tage zurücklegen, sondern muß am ersten Reisetage entweder in Lohmen, oder in Rathen sein Nachtlager nehmen, und die Frühstunden des zweiten Tages der neuen Bergwanderung widmen. Ein Führer, den wir im Wirthshause finden können, bringt uns in den, sich gleich hinter dem Hause öffnenden Rathner Grund, wo diejenigen, welche zuerst die oben beschriebenen Felsen am Wehler-Grund besehen wollen, sich bald von uns trennen. Auf die Trümmer der Burg von Alt-Rathen, die sich über dem Dorfe auf einem vorspringenden Felsen erheben, werfen wir nur einen Blick. Es ist nichts als ein runder Thurm mit kaum zugänglichen Kellern davon übrig. Die Burg wurde wahrscheinlich schon von den Sorben angelegt, und später, nach teutscher Art bevestigt, in eine Burgwarte umgewandelt. Nach den ältesten geschichtlichen Spuren stand Rathen gegen Ende des 13ten Jahrhunderts unter Raubold von Niemancz, welcher vom König von Böhmen abhängig, Burggraf des Schlosses Königstein war, später aber kam es vielleicht mit dem Königstein an die Burggrafen von Dohna. Im 15ten Jahrhunderte, bald nach Vertreibung dieses mächtigen Rittergeschlechts, finden wir Rathen im Besitze der Edlen von Oelsnitz, die in eine, von Glaubenshaß entzündeten Fehde, mit ihrem Nachbar, dem hussitisch gesinnten Hinko Berk von Duba auf Hohnstein verwickelt waren. Dieser Krieg machte es den Landesherrn, dem Kurfürsten Ernst und dem Herzog Albert nicht schwer, sich endlich 1468 der Burg Rathen zu bemächtigen.

Wir besuchen zuerst den Neu-Rathen, die Ueberreste einer Felsenburg, welche vielleicht schon im 12ten Jahrhundert angelegt wurde, als der Raum in Alt-Rathen zu beschränkt geworden war, und die mit dieser nach der Eroberung gleiches Schicksal hatte. Wenn wir eine kurze Strecke am Grünbach hinauf gegangen sind, bringt uns ein steil ansteigender Pfad zu dem Wachhäusel, einer in den Felsen gearbeiteten vierseitigen Höhle, die vielleicht einst einem Wächter zum Aufenthalte diente. In der Oeffnung der Felsen, durch welche der Weg dahin führt, verrathen uns Falze am Eingange, daß sie einst durch ein Thor verschlossen war. Am Abhange des Berges läuft der Weg im Gehölze fort, wo links die Elbe aus der Tiefe herauf blickt, und ein Vorsprung, der Rosengarten, oder das Rosenbett genannt, einen günstigen Standpunkt zur Aussicht in’s Thal darbietet. An dem hohen Mönchstein vorbei wandernd, kommen wir bald zum Eingange des Neu-Rathen, der als eine, von zwei senkrecht stehenden Felsenkegeln gebildete, gegen 6 Fuß breite Kluft erscheint, wo man die Falze und Löcher ehemahliger Fallgitter und Riegel deutlich erkennt. Haben wir dieses Felsenthor hinter uns, so führt uns ein angenehmer Weg zwischen hohen Felsenwänden aufwärts, und wir erblicken bald am Abhange des Berges die Trümmer alter, erst im siebenjährigen Kriege zerstörten Mauern, welche die Sage zu dem Ueberreste der Burgkapelle macht. Von hier ersteigen wir den Gipfel des Berges. Ein Felsenstück, wahrscheinlich von Menschenhänden in eine Bank verwandelt, das Kanapee, bietet uns einen Ruheplatz, wo wir die Aussicht über den Strom genießen, der sich in der Tiefe zwischen seinen Felsenufern fortwindet, ungefähr dasselbe Landschaftgemählde, das sich auf der Bastei vor uns ausbreitet, nur minder umfassend, und gegen Nordwest durch vorspringende Berge und Wälder beschränkt. Wir sehen hier die Trümmer von Alt-Rathen in der Nähe, und über uns erhebt sich der steil ansteigende, über 140 Fuß hohe Mönchstein mit dem Mönchsloche, einer selbst vom Elbufer sichtbaren, gegen 5 Fuß breiten Höhle, die vor Zeiten vielleicht zur Burgwarte diente. Man hat diesen Felsen auch in neuern Zeiten mit Leitern erstiegen, die auf den vier Absätzen, woraus er besteht, angelegt wurden.

Auf dem Gipfel des Neu-Rathen erblicken wir ein von Felsenwänden spitzig gewölbtes Thor, das den Haupteingang der alten Burg bildet, und finden deutliche Spuren ehemahliger Gemächer, einen von Menschenhänden angelegten Brunnen und mehre Ueberreste alter Bevestigungen. Am Ausgange des Felsenthores schauen wir in den Abgrund der Mardertelle hinab. Betrachten wir hier die ganz nahen, auf Felsenspitzen gemauerten Brückenpfeiler, die aus der Tiefe hervor ragen, so scheint vom Thore zum ersten Pfeiler eine Zugbrücke gegangen zu sein, über die entferntern Pfeiler aber bis zur jenseitigen Wand zog sich vermuthlich eine hölzerne Brücke. Unweit der Brückenpfeiler zieht sich queer über den Grund eine Felsenerhöhung, die alte Schanze genannt, auf welcher in der Länge hier eine Vertiefung läuft; wahrscheinlich auch eine Spur ehemahliger Bevestigungen. — In neuern Zeiten hat man die halb verschütteten Stufen wieder aufgegraben, die unweit des Thores auf die höchste Felsenwand führen. Oben auf der Fläche lagen mehre große steinerne Kugeln, und da einige Spuren die Vermuthung zu begründen scheinen, daß man diese Kugeln von hier mittels einer Schleuder auf die Feinde geworfen, so nannte man den Felsen die Steinschleuder.

Die Trümmer der Burg Neu-Rathen, wovon nach der Zerstörung im Jahre 1468 nichts als die Felsenmauer übrig blieben, dienten im dreißigjährigen Kriege, besonders im Jahre 1639, als Banner mit seinen Kriegsvölkern Pirna und den Sonnenstein belagerte, den verzagten Bewohnern der Umgegend als vester Zufluchtort, und eine Inschrift im Felsen verräth, daß auch bei dem schwedischen Einfall im Jahre 1706 Flüchtlinge hier Schutz gesucht haben, die vielleicht zu jener Zeit einige neue Bevestigungen zu ihrer Sicherheit anlegten.

Wer Zeit hat, sich in der Gegend von Rathen aufzuhalten, oder auch über Rathewalde nach Hohnstein zu wandern, kann von dem Neu-Rathen gleich in den nahen

Amselgrund

gehen. Der Weg dahin von Rathen am Grünbach hinauf, ist leicht zu finden. Auf einem steilen Pfade ansteigend, sehen wir rechts den Gamrichstein und den Feldstein, links die Bastei und die Felsenwände des Neu-Rathen empor ragen. Wir gehen an einer engen Schlucht vorüber, die Dachsenhälter genannt, aus welcher ein Waldbach (dürre Bach) hervor strömt, und stehen bald vor dem Amselstein, wo der Grünbach über eine, gegen 30 Fuß hohe Wand hinab stürzt. Im Felsen wölbt sich eine Grotte, über deren Decke der Bach rauscht. Diese 10 Fuß hohe und 5 Fuß breite Höhle heißt das Amselloch. Der Wasserfall ist bei trocknem Wetter unbedeutend, wenn nicht der Müller in der Lohmühle bei Rathewalde bewogen wird, die Schlucht seines Teiches zu öffnen, um den Fall zu verstärken. Ein ansteigender Pfad zur Linken führt uns über das Amselloch hinaus, und wir kommen bald zu einem neuen Fall, wo der Bach sich bis zum Amselstein über Felsenblöcke fortwälzt. Den anmuthigen Weg am Grünbach verfolgend, treten wir nun aus der Felsenschlucht in ein breites waldiges Thal und sehen jenseit der Lochmühle das Dorf Rathewalde auf dem Rande der steilen Felsenwand.

Wir verlassen die Wanderer, die von hier den Hockstein besteigen und nach Hohnstein gehen, oder die Reise nach Schandau auf der Fahrstraße fortsetzen wollen, und kehren nach Rathen zurück, um andere Reiseplane zu besprechen. Am Eingange des Rathner Grundes folgen wir dem Pfade, der uns am jenseitigen Ufer des Grünbaches zwischen den Häusern des Dorfes Rathen hinan führt, ehe wir die Anhöhe erstiegen haben, fesseln unsern Blick reizende Aussichten. Die Felsen, die wir auf unserer frühern Wanderung sahen, die große und kleine Gans, der Neu-Rathen, die Bastei, der Feldstein und Honigstein, erscheinen von diesem Standpunkte gleichsam in ein Ganzes zusammen gedrängt. Zwischen dem Feldstein und dem rechts emporragenden Gamrichstein treten die hohen Wände des Ziegenrücks hervor, über welche die höhern Felsen der Hohnsteinwände, die das Polenzthal einfassen, herab schauen. Auf dem Rücken der Anhöhe stehen wir endlich vor dem sogenannten

Backofen,

einem, aus ungeheuren Blöcken tempelartig erbauten, mit einem platten Dache bedeckten Felsen, durch welchen eine, auf beiden Seiten offne, rund gewölbte Höhle geht, auf deren Hinterseite man in die furchtbare Tiefe des Abgrunds blickt. Am Eingange der Halle überschauen wir eines der reizendsten Landschaftbilder, durch welches sich die Elbe, zwischen waldigen Ufern von Königstein herabströmend, in einem sanften Bogen zieht. Jenseit auf dem hohen östlichen Uferrande liegt anmuthig das Dorf Weissig, hinter welchem die Bärsteine und der Rauenstein empor ragen. Wald und Gebüsch, Berge und Thäler, Kornfelder, Wiesen und Obstbaumpflanzungen ziehen sich auf jenem Uferrande in reizender Abwechselung hinab, während am Fuße des Gebirges einzelne Häuser aus Baumschatten hervor blicken. Auf dem diesseitigen Ufer lachen Wiesen am Fuße nackter Felsenwände und Waldhöhen, die in einem Halbkreise bis Wehlen laufen, und links blicken über den Strom und sein bunt geschmücktes Ufer die Felsengipfel des Liliensteins und Königsteins.

Vom Backofen zurückkehrend, kommen wir auf einem kurzen Wege an der Elbe, wo wir jene Halle von einem andern Standpunkte sehen, zu einem vorspringenden Felsenhorn, dem man Ludwigs XVI Nahmen gegeben hat, weil man in dem Umriß des Felsens eine Aehnlichkeit mit des Königs Kopfe auf Münzen finden will.

Reisende, die der Linie folgen, welche wir in diesem Abschnitte beschreiben, würden nur im Falle eines längern Aufenthalts in Rathen noch einige Seitenwanderungen in die Gegenden machen können, die wir nach unserm Plane erst auf künftigen Reisen besuchen. Für diejenigen, die nicht so eilig sind, ihr nächstes Ziel Schandau, zu erreichen, können wir hier nur Andeutungen geben. Die anziehendsten Punkte, die noch von Rathen besucht werden können, sind der Lilienstein und Hohnstein, und über beide könnte, wenn man den Umweg nicht scheut, die Reise nach Schandau fortgesetzt werden. Der nächste Weg von Rathen zum Lilienstein führt vom Ufer der Elbe auf den, durch das Gebüsch die Höhe hinan steigenden Lottersteig, der zu dem Dorf Ebenheit am Fuße des Felsens uns bringt. Die Fahrstraße von diesem Dorfe geht über Walthersdorf, und von hier über den Ziegenrück nach Rathewalde, oder nach Hohnstein, wohin Fußgänger durch den steilen Neuweg, eine enge und furchtbare Felsenschlucht, auf einem beschwerlichen Pfade hinan steigen. Ueber Porschdorf geht der Weg von Walthersdorf nach Schandau. Wollen wir den Besuch des Königsteins mit der Reise zum Lilienstein verbinden, so lassen wir uns in Rathen auf das linke Elbufer übersetzen und geben über Petzscha und längs den Bärsteinen über Weissig, oder über den Diebskeller nach Königstein, und von hier nach Ebenheit auf dem jenseitigen Elbufer. Wer von Rathen nach Hohnstein gehen will, wandert entweder auf dem oben beschriebenen Wege durch den Amselgrund nach Rathewalde, und geht dann auf der von Lohmen kommenden Straße über den Wartenberg nach Hohnstein, oder wendet sich von Rathen gleich auf die Straße über den Ziegenrück. Von Hohnstein führt der Weg durch den tiefen Grund in 3 Stunden nach Schandau; Fußwanderer aber werden vielleicht den Umweg über den Brand, den Kikelsberg, den Waizdorfer Berg, den tiefen Grund und den Ochelgrund wählen. Alle diese Gegenden beschreiben wir im folgenden Abschnitte, wenn unsre Wanderungen von Schandau aus uns dahin bringen.

Die Reisenden, welche auf den Abschweifungen, die wir nach der Rückkehr von der Bastei gemacht haben, uns nicht begleiten, sondern ihren Weg nach Schandau fortsetzen wollten, finden wir in Rathewalde wieder. Hier besteigen wir mit ihnen die oben erwähnte Anhöhe bei dem nahen Hohburkersdorf, wo wir einer Aussicht uns erfreuen, welche nördlich bis über Neustadt und Stolpen reicht, und besonders über Lohmen und Pirna bis nach Dresden ein herrliches Landschaftgemählde umfaßt, über dessen Rand die Höhen des Erzgebirges bis Altenberg und Böhmens blaue Bergrücken hervor blicken.

Der Fahrweg von Rathewalde zieht sich über eine steinige Anhöhe, den Ziegenrück, längs den mächtigen Felsenwänden, die über dem Hohnsteiner Grunde sich erheben. Wir blicken zuweilen in das Thal, an dessen hohem Rande der Weg läuft, und sehen es bald von Waldschatten verdüstert, bald von anmuthigen Wiesenmatten erheitert, durch welche die Polenz sich windet. Steil abwärts senkt sich die Straße nach Porschdorf, wo eine bedeckte Brücke über den Lachsbach führt, welcher aus der Vereinigung der Polenz und der Sebnitz entsteht. Jenseit der Brücke verweilen wir auf einem schönen Standpunkte, wo die Wände des Ochelgrundes, aus welchem die Sebnitz hervor strömt, sich an die Felsenreihen des tiefen Grundes schließen. Der Weg zieht sich am Lachsbach hinab, der bei Wendischfähre in die Elbe fließt, und wenn wir hier um den Bergvorsprung uns gewendet haben, sehen wir

Schandau

vor uns. Das freundliche Städtchen von 170 Häusern und 1000 Einwohnern liegt, am Ausflusse des Kirnitschbaches, längs der Elbe, östlich und westlich von hohen Bergen und Sandsteinfelsen umgeben, deren Gipfel mit Nadelholz bekleidet sind, aus dessen dunkeln Wipfeln nur zuweilen heitres Laubholz hervor blickt. Der westliche Theil, der sich nach Wendischfähre zieht, heißt die Zauke und wird von Einigen für die älteste Anlage des Ortes gehalten, dessen Nahme auf sorbischen Ursprung deutet. Auf dem Kiefericht, einem nördlich sich erhebenden Berge, findet man die Trümmer des alten Schlosses, um welches sich allmählig die Stadt gebildet haben mag, die schon 1467 im Besitze städtischer Gerechtsame war. Im dreißigjährigen Kriege, besonders in dem für die Umgegend so furchtbaren Jahre 1639, erlitt sie große Drangsale, wurde 1704 nach einem verwüstenden Brande fast ganz neu aufgebaut und häufig, zumahl 1784 und 1799, durch Ueberschwemmungen beschädigt, welchen sie durch ihre Lage stets ausgesetzt ist. Die beßten Häuser, deren mehre zur Aufnahme von Fremden eingerichtet sind, stehen am Markte, wo auch Ullrichs Gasthof liegt. Im Bade findet der Fremde sehr gute Aufnahme. In der Nähe desselben gibt es auch einige freundliche Wohnungen, und überhaupt hat in den letzten Jahren die Betriebsamkeit der Bewohner des Städtchens sich bemüht, den zahlreichen Gästen, welche die Sommermonate hier zubringen, einen angenehmen Aufenthalt zu bereiten.

Die Bewohner nähren sich vorzüglich durch den Elbhandel. Die nahen Sandsteinbrüche liefern den Schiffern Steine, womit sie den Strom hinabfahren, und besonders die böhmischen Wälder Holz für das Ausland, da das inländische nicht ausgeführt werden darf. Mit dem Getreide, das sie die Elbe hinaufbringen, oder aus Böhmen einführen, wird ein ansehnlicher Handel getrieben. In frühern Zeiten war der Elbhandel von hier abwärts sehr ausgebreitet, bis die hohen preußischen Durchgangzölle, die fast 50 vom 100 betrugen, ihn beschränkten. Die Schifffahrt ist jedoch wegen der Nähe von Böhmen und der günstigen Lage der Stadt, noch immer beträchtlich, und die Vortheile, die der frei gewordene Strom darbietet, werden die Nachwehen des letzten Krieges, dessen Zerstörungen im J. 1813 besonders gegen die Schiffe wütheten, auch hier immer mehr heilen. Schon früher war hier wegen des lebhaften Schiffverkehrs mit Böhmen der erste sächsische Elbzoll, den die Elbschifffahrt-Akte (1821) bestätigt und zu einem der verfassungmäßigen 14 Elbzollämter gemacht hat. Zur Beförderung der Gewerbsamkeit dient auch die Kirnitschflöße, die um 1568 angelegt wurde. Es werden jährlich gegen 6000 Klaftern hartes und weiches Scheitholz aus den Forsten des Amtes Hohnstein auf der Kirnitsch bis Schandau geflößt, wo sie in Flosse gebunden und auf der Elbe weiter nach Dresden und Meißen geschafft werden.

Mit einer gesunden Gebirgluft empfing Schandau aus der Hand der Natur das wohlthätigste Geschenk in einer kräftigen Heilquelle, die kaum eine Viertelstunde von der Stadt am Eingange des Kirnitschthales auf einer Wiese am Fuße eines Sandsteinfelsens entspringt. Man fand beim Nachgraben, daß unter diesem Sandsteine eine, gegen 6 Zoll starke Schale Granit durch den Sandstein setzt, der dem, eine Viertelstunde oberhalb des Bades mit dem Sandstein gränzenden Granit ganz ähnlich, aus röthlich weißem Feldspath, grauem Quarz und grauem Glimmer besteht, und fein eingesprengten Schwefelkies enthält. Schon gegen Anfang des vorigen Jahrhunderts kannte man die Quellen, deren Wässer sich auf der sumpfigen Wiese sammelten, und die der Gesundbrunnen hießen. Im Jahre 1730 wurden die Quellen, um die Wiesen trocken zu legen, in eine Cisterne gefaßt, und schon die ersten, damahl vorgenommenen unvollkommenen Untersuchungen ihres Gehalts[2] brachten sie so sehr in Ruf, daß das Wasser häufig zum Trinken und Baden gebraucht und sogar auf der Elbe abwärts versandt wurde. Die Quelle bewies sich zwar seitdem gegen manche Krankheiten wirksam, blieb aber mangelhaft gefaßt und wurde auffallend vernachlässigt, selbst als sie im Besitze eines Arztes war, bis endlich der neue Besitzer der Wiese, der Kaufmann Hering, mit bedeutendem Aufwande und rühmlicher Thätigkeit seit 1799 das Bad empor zu bringen wußte. Er veranlaßte in jenem Jahre eine neue chemische Prüfung des Wassers, ließ mehre Quellen im Felsen selbst auffassen, und statt des alten mangelhaften Behältnisses auf der Wiese ein neues Brunnengebäude bauen, wo sie, von wilden Wässern befreit, gereinigt wurden. Später wurden neben dem Brunnenhause auch Wohnungen für Badegäste angelegt. Im Jahre 1803 wurde eine neue Quelle entdeckt, die sich vor den ältern durch Gehalt an Schwefelwasserstoffluft auszeichnet, und es sind jetzt überhaupt neun Quellen gefaßt. Die neu entdeckte gehaltreichste enthält nach den 1803 vorgenommenen Untersuchungen des Professors Lampadius in Freiberg[3] in 100 Pariser Kubikzoll, oder 4 Pfund, 6 Loth 1 Quentchen, 20 Gr. kölln. Gewicht des Wassers: Salzsaure Talkerde 8¾, schwefelsaure Kalkerde 5¼, Kieselerde 1⅛, Eisenoxyd 18¼ Gran, kohlensaure Luft und Schwefelwasserstoffluft 11⅓ Par. Kub. Zoll.

Das Wasser ist sehr hell, wird aber durch Kochen getrübt, hat einen zusammenziehenden Geschmack und erregt Aufstoßen. In der Wärme entwickelt es Luftblasen und wird trübe. Es setzt Eisenoker ab und färbt die metallenen Hähne in den Badestuben schwarz. Der Geruch der Schwefelwasserstoffluft ist auffallend, wenn das Wasser in einer halb gefüllten Flasche geschüttelt wird. Bei 18–22 Grad Luftwärme hat das Wasser im Schatten 10 Grad Reaumur. Die Quelle hat sich vorzüglich bei Nervenschwäche, Hämorrhoidalleiden, geschwächter Verdauung, Gicht, Krämpfen und bei Störungen des weiblichen Organismus wirksam bewiesen.

Die Quellen geben, seit der verbesserten Fassung, in jeder Stunde 180 Kubikfuß Wasser. Der steinerne Behälter, welcher die Quelle aufnimmt, faßt 640 Kubikfuß, wie denn die Quelle überhaupt während der täglichen Badezeit weit über den Bedarf liefert. Das Badehaus enthält 8 einfache und 3 Doppelbäder, die mit allen Bequemlichkeiten versehen sind. Das Wasser kommt unmittelbar aus der Quelle in die 12 Zoll tief versenkten Badewannen. Das zur Erwärmung der Bäder nöthige Wasser wird durch eine Pumpe gleichfalls aus dem Behälter gehohlt und stets in Siedehitze erhalten, damit nur wenig heißes Wasser zu dem kräftigern kalten gemischt zu werden brauche. Der Preis jedes Bades ist 4 Groschen. Für das Trinken des Wassers wird nichts bezahlt. Das für Badegäste und Reisende bestimmte Gebäude enthält mehre bequeme Wohnungen, ein Gesellschaftzimmer und einen großen Saal, der im Sommer zu Bällen gebraucht wird. Die Vorderseite des Hauses ist nach der, mit freundlichen Anlagen geschmückten Wiese gewendet. Nicht weit davon ließ der Besitzer des Bades 1823 ein neues Gebäude aufführen, das bloß Wohnungen für Badegäste enthalten soll.

Die gewöhnlichen Lebensmittel liefert die Umgegend. Obst kommt aus den benachbarten Dörfern, vorzüglich aber aus Böhmen. Treffliche Forellen und Lachskunzen geben die nahen Bäche, Wildpret die umliegenden Wälder. Bei dem Speisewirth im Bade findet man im Sommer eine gesellige Wirthstafel, gute Weine und fremde Mineralwässer, und auch in Ullrichs Gasthofe ähnliche Befriedigung.

Ein Schiff geht im Sommer wöchentlich nach Dresden. Der Besitzer des Bades hält 5 Gondeln zur Bequemlichkeit der Gäste, und auch bei andern Bewohnern des Ortes findet man Kähne zu Lustfahrten. Briefe besorgt ein Postbote von Pirna.

Die Genüsse, welche die Reize der Natur darbieten, müssen die gewöhnlichen Badezerstreuungen ersetzen, die man hier nicht suchen darf; sie geben aber dem Aufenthalte eigne Annehmlichkeiten, die nicht nur den wohlthätigen Einfluß der Heilquelle erhöhen, sondern auch dazu beitragen mögen, eine freundliche Geselligkeit zu erwecken und jene schroffen Absonderungen zu verhüten, die in andern Bädern so störend sind. Während den rüstigen Wanderer nahe und ferne Thäler in ihre Schatten und die Felsen auf ihre hohen Gipfel rufen, findet auch der schwächere Badegast sanftere Pfade in der nächsten Umgegend. Gleich links vom Badehause zieht sich ein viel besuchter Weg zur Berghöhe hinan. In einer Felsenblende sehen wir Luthers Büste, mit der Inschrift: „Eine veste Burg ist unser Gott. Den 31. October 1817;“ ein Andenken an die Jubelfeier der Reformation. Ein Pfad, den man leider alles Schattens beraubt hat, bringt uns auf einen Felsenvorsprung über der Mündung der Kirnitsch, die Karlsruhe genannt, und unser Auge schweift über die anmuthige Landschaft, wo der Lilienstein, von Bergfernen überragt, in ernster Pracht hinab schaut, während Schandau, Postelwitz und Krippen, und die Ufer des Stromes, von der Thätigkeit der Schiffer und der Arbeiter in den Steinbrüchen belebt, unten im Thale in dem anmuthigsten Bilde sich verbinden. Verfolgen wir den Weg auf dem hohen Ufer der Elbe, so stehen wir bald auf der Höhe über Postelwitz, wo wir Schandau von einem der günstigsten Standpunkte erblicken. Steigen wir von der Karlsruhe aufwärts, und in einer Viertelstunde haben wir die Höhe bei dem, über dem Bade auf dem Uferrande der Kirnitsch liegenden Dorfe Ostrau, die sogenannte Ostrauer Scheibe, erreicht. Wir übersehen hier einen großen Theil des mahlerischen Felsenlandes, das über dem heitern Vorgrunde sich erhebt, und uns über dreißig Gipfel zeigt. Gegen Morgen blicken über die, aus dem Zahngrunde aufsteigenden Tannenwipfel der Felsenkegel des Falkensteins und die Schrammsteinwände, hinter welchen der grüne Rücken des Winterberges hervor ragt. Gegen Mittag erheben sich der Kahlstein, der Zirkelstein, und in blauer Ferne der Rosenberg. Ueber die Fluren von Schönau und Reinhardsdorf am jenseitigen Elbufer herrscht der mächtige Zschirnstein. Zwischen den Kuppelbergen schaut das Dörfchen Klein-Gießhübel hervor, und im Hintergrunde winkt die Kirche von Papstdorf. Der Papststein, der Gorischstein, der Quirl, die Bärsteine, der Rauenstein und der Gamrichstein bilden einen Felsenring, der die Ferne deckt, und nur hinter dem Lilienstein blicken die Anhöhen von Pillnitz hervor. Seitwärts vom Gamrichstein ragen die Hohnsteiner Wände empor, woran die Felsen des Ochelgrundes sich lehnen, über welche der Waizdorfer Berg und der Kikelsberg sich erheben. Ueber Ulbersdorf, Altendorf und Mittelndorf schauen der Unger und der Buchberg bei Sebnitz hervor, und schließen das prachtvolle Rundgemählde.

Von hier führt uns ein Weg über Feld und Wiesen nach dem Walde, und es öffnet sich ein Felsenthal, das uns in den Zahngrund bringt, vor dessen Ausgange an der Elbe das Dorf Postelwitz unter Baumschatten am felsigen Abhange liegt. Die Sandsteinbrüche, die sich von diesem Dorfe am Strome gegen Schmilka hinaufziehen, gehören zu den vorzüglichsten des Sandsteingebirges und liefern einen feinkörnigen vesten Stein. Der Naturforscher findet in einer, hier vorkommenden Sandstein-Breccie viele merkwürdige Versteinerungen.

An der Ecke dieser Steinbrüche erblickt man ein vorspringendes Felsenstück, das die Königsnase genannt wird. Rechts vom Eingange des Zahngrundes ziehen sich die Gärten den Dorfes Postelwitz nach Schandau. Durch die anmuthige Landschaft, die das mahlerische Krippen am jenseitigen Ufer verschönert, wandern wir am Strome hin, bis wir vor einem Garten, den ein ehemahliger reicher Bewohner von Schandau auf der nackten Felsenwand mit großem Kostenaufwande und eigensinniger Beharrlichkeit angelegt hat, einen Augenblick verweilen.

Eben so belohnend sind Wanderungen abwärts an der Elbe nach Wendischfähre, oder in die freundliche Umgegend des Dorfes Prossen, oder bis zu den ersten Mühlen in dem reizenden Kirnitschthale, wo wir gleich oberhalb des Bades links einen Freiplatz unter einer Felsenwand sehen, der im Jahre 1818 zum Andenken der Jubelfeier des Königs den Nahmen Friedrich Augusts Platz erhielt. Links vom Eingange des Thales steigt ein Pfad den Bergabhang hinan, der uns zunächst zu einem Standpunkte leitet, wo wir das Bad und die Oeffnung des anmuthigen Thals überschauen, und dann weiter auf die nach Altendorf und Lichtenhain führende Fahrstraße bringt.

[2] S. das Schandauer Gesundheitsbad, beschrieben von K. F. Montag. Pirna (1799) 8. 6.

[3] S. dessen Beiträge zur Erweiterung der Chemie, Band 1. (Freiberg 1804) S. 318. John bemerkt dagegen (Wörterbuch der Chemie, IV, 126) wenn das Wasser kein schwefelsaures Eisen enthalte, sei der Eisengehalt zu beträchtlich angegeben. Von neuern Untersuchungen der Quelle ist, so viel ich weiß, wenigstens öffentlich nichts bekannt geworden. Billig sollten Heilquellen von Zeit zu Zeit wiederhohlten Prüfungen unterworfen werden.