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Vertheidigung des Herrn Wieland gegen die Wolken, von dem Verfasser der Wolken / Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, No. 121, Dritte Folge No. 1 cover

Vertheidigung des Herrn Wieland gegen die Wolken, von dem Verfasser der Wolken / Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, No. 121, Dritte Folge No. 1

Chapter 9: Fußnoten
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About This Book

The author mounts a polemical defense of a prominent literary figure by answering a contemporary parody that lampooned him, surveying the ensuing quarrel and criticizing reviewers who conflate mannered novelty with genuine genius. The essay outlines exchanges among writers, analyzes satirical methods, and contends that affected style and unexamined enthusiasm can mislead readers and critics. It discusses efforts to suppress the parody, appends documentary fragments and related pieces, and situates the dispute within broader debates about originality, critical responsibility, and the proper boundaries between praise and satire.

Daß ich aber wieder auf meinen Hauptzweck zurück komme, Herrn W. als Dichter gegen die Philosophen 20 seiner Zeit, denen zu Gefallen er sich mit hat einkleiden lassen, und die die zaubervollen Pinselstriche seiner Phantasey als Weißheitssprüche des Pythagoras ansehen, zu rechtfertigen, so muß ich diesen Herren hier öffentlich erklären, daß ich ihre Weißheit verachte. Man höre mich aus, und 25 alsdenn, wenn man noch das Herz hat, mich zu verdammen, so verdamme man mich, ich verlange nichts bessers.

Worinn besteht die ganze Weißheit dieser Herren, mit der sie so geheim thun? — In der Zufriedenheit 30 — ein süßes Wort — das aber, wenn mans herunter hat, im Magen krümmet — im Aufgeben aller Rechte der Menschheit, Zusammenlegen der Hände in den Schooß, Genuß zweyer Wurzeln, die etwa in [35] unserer Nachbarschaft liegen, und zu denen man reichen kann, ohne 35 aufzustehen — mehr als kriechenden Geiz über diesen Genuß, auch wol hie und da Schleichhändel und dergleichen, um etwas von unsern Nachbaren dazu zu betteln, übrigens gewisse Versicherung, daß uns diese Weißheit, diese Mäßigung unsrer Begierden und Wünsche im Himmel tausendfach werde belohnt werden, was die Herren Religion schimpfen. Den armseligen Genuß, der einer solchen 5 Faullenzerey übrig bleiben kann, schmückt man sodann mit tausend Bildern aus, die doch immer nur das Zaubergewand einer ekelhaften Armida bleiben, und alsdenn, wie glücklich, wie weise, wie groß! — Wohl denn, ich will gegen diese großen Leute gern ein Zwerg und 10 ein boßhafter, ungesitteter, unartiger Gnome bleiben, nur hören Sie, weil doch hören keine Mühe kostet, meine Gründe bis zu Ende.

Wer ist es, den Sie lächerlich zu machen suchen? wer ist der Thor, über den Sie sich nicht ereyfern, behüte 15 Gott! den Sie der Aufmerksamkeit, des Wiederlegens, des Bestrafens nicht würdig, sondern nur — o welche Großmuth! — belachenswerth ihn finden? — [36] Der Jüngling, der noch dem ersten Stempel der Natur (ha, gewiß dem Bilde Gottes) getreu; für den Trieb, der 20 eben darum der heiligste seyn sollte, weil er der süßeste ist; auf den allein alle Güte der Seelen, alle Zärtlichkeit für gesellschaftliche Pflichten und Beziehungen, alle häußliche, alle bürgerliche, alle politische Tugend und Glückseligkeit gepfropft werden kann, weil er für diesen 25 Trieb am Ende seiner Laufbahn, die er sich heldenmäßig absticht, die höchste Belohnung von dem Wesen erwartet, das ihn ihm anerschaffen hat, der sich diese höchste Belohnung, so lange er sie noch nicht kennt, mit allen Farben seiner glühenden Phantasey ausschmückt, und endlich, 30 wenn er sie findt, diese einzige, die dem geliebten Ideenbilde am nächsten kommt, die es vielleicht nach dem Urtheil seiner reiferen Erkenntnißkräfte unendlich weit übertrift, sich dem ganzen Taumel seiner Entzückungen überläßt, wohin sie ihn reißen wollen, (einen solchen Augenblick hat 35 Goethe gehascht, um uns das höchste Tragische, das je in die Seele eines vom Gott erfüllten Dichters gekommen ist, anzuschauen zu geben) — einen solchen Jüngling lächerlich machen zu wollen? Ihn mit einem halbwahnwitzigen Ritter von der trau- [37] rigen Gestalt in eine Klasse zu werfen, und zum Haupthelden eines komischen Romans zu formen, so lang dies nichts als Scherz bleiben soll, können 5 wirs gestatten; so bald aber der Autor, oder die ihn lesen, eine ernsthafte Miene annehmen, und uns ihren Muthwillen, ihre Thorheit für Weißheit aufdringen wollen — wer sollte da nicht wüthen?

Erlauben Sie, meine Herren Sokraten, daß ich 10 Ihnen den Vorhang vor unserer gegenwärtigen Welt aufziehe, und denn lachen Sie noch, wenn Sie das Herz dazu haben. Sehen Sie da alle gesellschaftlichen Bande unangezogen und ungespannt aus einander sinken, sehen Sie da junge Leute mit den Mienen der Weißheit und 15 allen Waffen der Leichtfertigkeit versehen, in allen Künsten der Galanterie unterrichtet, auf die schwachen Augenblicke Ihrer Geliebten und Ihrer Töchter Jagd machen, sehen Sie da eben diese jungen Leute mit der größten Verachtung für das Geschlecht, das allein aus Männern Menschen machen, 20 und durch die Liebe ihren regellosen Kräften und Fähigkeiten eine Gestalt geben konnte, mit mehr als thierischer Ungebundenheit sich nicht allein für ihre künftigen Gattinnen, nein auch für [38] ihre Freunde, auch für den Staat, der sie nähren muß, völlig entnerven und untüchtig machen. 25 Wo ist Aufmunterung, wo ist Belohnung, wo ist Ziel? Der wilde Ehrgeitz macht Unterdrücker, da aber die äußerlichen Anstalten in unsern Zeiten zu einer gewissen Vollkommenheit gediehen sind, so findet auch der überall Wiederstand, und artet sodann in einen unthätigen und 30 deswegen um desto unleidlichern, unerträglicheren Hochmuth aus. Die Religion, so lange sie weiter nichts als eine Anweisung auf den Himmel, auf — der menschlichen Natur ganz fremde und undenkbare Güter ist, ist viel zu ohnmächtig, in dem entscheidenden Augenblick der Versuchung, 35 den in uns stürmenden Leidenschaften die Waage zu halten; und brauchen wir sie daher gemeiniglich wie den Deckel, den Brunnen zu zu machen, wenn das Kind hinein gefallen ist. Wie nun, daß wir den lezten Keim aller Moralität, alles Genusses, den Gott in unsere Natur gelegt, herausreissen wollen, den Glauben und die Hofnung auf Entzückungen, die eben durch die Leiden, Zweifel und 5 Aengstigungen vorbereitet werden müssen, um ihren höchsten Reiz zu erhalten.

[39] Sehen Sie weiter die meisten unserer Ehen an. Verträge sind sie, einander gegen gewisse anderweitige Vortheile, die, gleich als ob man sich mit seinem ärgsten 10 Feinde verbände, mit der größten Behutsamkeit von der Welt obrigkeitlich müssen gesichert seyn, alles zu erlauben. Und was zu erlauben? Sachen, wozu Ihnen die Natur die Kräfte schon versagt hat: eine Erlaubniß, die keine ist, und die Sie nicht nöthig hätten, so theuer zu 15 kaufen, mit Verlust Ihrer häußlichen Ruhe, Ihrer Freyheit, Ihrer Ehre, wie oft Ihrer Ehre? — Sich Liebe zu erlauben, die keinen Gegenstand mehr findet, weil alle Gegenstände von eben dieser Freyheit zu denken eben so verderbt, eben so entnervet sind. Wohin also mit diesem 20 glänzenden Betruge, den man sich alle Tage erneuert, alle Tage neue Plane macht, die am Abend vergessen werden, und so am Ende seines Lebens immer glaubte genossen zu haben und nie genossen hat. — Nehmen Sie nun aber die Unglückseligen, die keine 25 solchen Merkantilischen Verträge aufrichten können. Nehmen Sie die blühende Schöne, die keine weiteren Reize hat, als die ihr die Natur und ihre Tugend gab, und die jetzt auf ewig ungebrochen an ihrem Stock absterben [40] muß. Nehmen Sie die unzähligen Schlachtopfer 30 der Nothwendigkeit und die furchtbaren Geschichten, die, so wie sie wirklich geschehen, und wie ich deren hundert weiß, keine menschliche Feder aufzuzeichnen vermag. Nehmen Sie die heruntergekommenen Familien, und die andern, denen ein gleiches Schicksal 35 drohet, die alle vereinzelt sind, unter denen alle Bänder, die vielleicht machen könnten, daß sich eine an der andern wieder aufrichtete, zerhauen und zerstückt sind, und für die alle menschliche Klugheit keine Hülfsmittel mehr auszusinnen im Stande ist. Die nunmehr alle, anstatt einen gemeinschaftlichen Quell der Freuden (und welche Freuden sind inniger und wärmer, als die von 5 zwey vereinigten Familien?) ausfindig zu machen, eine auf der andern Ruinen triumphiren. Man schreiet über den Luxus, daß er die Ehen hindere, nein, meine Herren, es ist nicht der Luxus, der Luxus ist das einzige Mittel, die Freuden der Ehe auch von außen 10 glänzender und herrlicher zu machen, es ist, was Sie sich alle selbst nicht gestehen wollen, die Pestbeule in Ihrer Brust, die Verderbniß der Sitten, die Geringschätzung höherer Wonne für einen thierischen Augenblick, der Ihnen freylich heut [41] zu Tage leicht genug 15 gemacht wird. Ihre Mütter, Ihre Väter, Ihre Weiber, Ihre Kinder — wenn gleich das dumpfe und unentwickelte Gefühl ihres Elendes sie stumm macht — verwünschen in den Augenblicken, wo die gesammten Folgen Ihrer Grundsätze auf sie herein brechen — ohne es zu wissen, 20 ohne es zu wollen, Sie. — Sie, die jetzt des allgemeinen Elendes lachen.

Wenn nun zu den äußern Bewegungsgründen noch die innern hinzu kommen, eines Triebes zu schonen, den uns die Natur gab, um damit zu wuchern, nicht ihn, 25 eh wir mündig werden, zu verschleudern; wenn die gänzliche Vertäubung unsers innern Nerven uns mit einer furchtbaren Armuth an Wonnegefühl für unser ganzes Leben bedroht: worauf könnten wir Jünglinge, die an der Schwelle des Lebens stehen, 30 wohl eifersüchtiger seyn, als auf die geringste Verletzung der Grundsätze, die uns die richtige Anwendung dieses Triebes auf ewig befestigen? Hier Schwärmerey zu rufen, wo der erste Entschluß alles ist — seitab vom Rosengebahnten Wege herzhaft auf Dornen zu treten, die 35 uns zum Glück eines Halbgotts führen, von [42] dem unsern Gegnern bis auf die Vorempfindung fehlt — ist, und muß uns wahres Kriegesgeschrey sein, daß alle unsere moralischen Gefühle empört, mag auch die Stimme, die uns das zurief, noch so süß und Syrenenmäßig tönen. Ja, je zaubrischer sie ist, desto mehr verdopple sich unsere Wuth, ihr zu entweichen, nach dem Maaß, als die Waffen, 5 die man gegen unsern Entschluß anwendet, gefährlicher werden, der wahrhaftig keiner von den leichten ist. Ach in einer Welt, wo das geringste Wanken und Zweifeln an seiner Hofnung schon Fall und Untergang ist, wo tausend Augen uns entgegen buhlen, tausend Busen uns 10 entgegen streben, die oft von der Nothwendigkeit, oft von der Falschheit, oft, welches die fürchterlichste aller Versuchungen ist, vom Irrthum, mitleidenswürdigen Irrthum, der ihnen nicht benommen werden kann, gegen uns bewafnet werden, die, da Liebe und Leiden- [43] schaft auf 15 ihrer Seite sind, uns keine andere Wahl als die eines Bösewichts oder eines Elenden übrig lassen — ach meine Freunde, der Kranz hängt oben, und der Fels ist glatt. Nur eine kann eure Leidenschaft haben, wenn die andern euer Mitleiden, eure Liebkosungen vielleicht, eure 20 Dienstleistung (denn wem seyd ihr sie mehr schuldig, als dem in unsrer kalten Welt so hülflofen Geschlecht?) kurz allen äußerlichen Anschein eurer Leidenschaft haben. Laßt euch das nicht reuen, seyd edel, opfert auf, ohne Wiederwillen, alles, was man von euch fodert, alles — nur 25 nicht euer Herz. Dies kann niemand fodern, niemand — auch die behendesten Kokettenkünste nicht — erschleichen, und wenn euer Herz euer ist, wird eure Tugend gewiß sicher seyn. Bleibt Meister eurer Herzen, und ihr bleibt Meister der Welt. Verachten könnt ihr sie 30 mit all ihrem Gewirr äußerer Umstände und Zwangmittel, die [44] nur Zwangmittel für Sclaven sind, die den Adel des Funkens nicht kennen, der in ihnen lodert, und der die Verheißungen der ganzen Erde hat.

Wer kann das Namenlose, ängstige Gefühl, für 35 welches wir doch immer nur Zerstreuungen vergeblich aufsuchen, dunkel genug ausmahlen, daß alle unsere Fiebern tödlich durch schauert, wenn wir, bey Erschöpfung unseres inneren Sinnes, das ganze irrdische und sterbliche unserer Substanz inne werden, inne werden die furchtbare Lücke, die sich zwischen unserer Anhänglichkeit an die Welt und zwischen allem, was wir sonst in ihr schätzbar und genießbar 5 fanden, einstellt. Da also alles Glück in der Welt auf unsere innere Beschaffenheit und Empfänglichkeit desselben ankommt, welche Drachen sind feurig genug, diesen Eingang desselben zu bewahren? sollte auch die Gefahr, [45] womit er bedroht wird, durch einen optischen Betrug sich 10 uns größer abbilden, als sie in der That ist. Selbst dieser optische Betrug ist ein Verwahrungsmittel der Natur, das uns wenigstens in Betracht derer heilig seyn sollte, die noch nicht reife Einsichten genug erworben haben, die wirkliche Gestalt dieser Gefahren mit ihrem Verstande zu 15 beleuchten. Für diese aber Karten aufzuzeichnen und zu illuminiren, ist, wie Herr W. selbst eingestehen wird, ein höchst mißliches und gefahrvolles Unternehmen, zu dem nicht bloß poetisches Talent und Kenntniß der Welt, sondern auch eine große Dosis von Güte des Herzens 20 erfodert wird, die sich lieber in ein dunkles Licht stellen, als durch ein verborgtes feyerliches Ansehen und Hohngelächter allen Muth in jungen zur Tugend aufstrebenden Herzen niederschlagen will.

Wie aber, wenn Herr W. selbst ein [46] Märtyrer 25 der Philosophie seiner Zeiten geworden wäre, und durch eine der schönsten und unglücklichsten Leidenschaften bis auf einen Grad der Verzweiflung gebracht, den man an gefühligen Seelen nicht innig genug bedauren und verehren kann, aus Verdruß übers menschliche Geschlecht 30 einer Schwärmerey gespottet hätte, die seine Jugend so unglücklich machte. Wenn der Beyfall, mit dem seine ohnehin dahin gestimmten Zeitgenossen diese mit allen Waffen seines Witzes und seiner aufgebrachten Einbildungskraft gerüsteten Spöttereyen aufgenommen, ihn auf dem 35 einmal beschrittenen Wege immer weiter fortgerissen, bis er aus dem süßen Taumel des allgemeinen Zujauchzens erwachte, inne hielt, die leeren Köpfe, die mit ihm gelaufen waren, seitab auf bessere Wege zu führen suchte, wo sie wenigstens nicht Ursache hätten, zu bereuen, daß sie die Verirrungen eines feurigen Genies für Lehren der Weißheit und Tu- [47] gend gehalten — — o mein liebenswürdiger 5 Freund! reichen Sie mir Ihre Hand, und ich will Ihr Herz so sehr verehren, als ich Ihren Geistesgaben meine Bewunderung nie habe entziehen können. Und wie könnte Ihr Vaterland sodann undankbar gegen einen Dichter seyn, der selbst durch den zufälligen Schaden, 10 den er verursacht, unzählige Jünglinge, besserer Zeiten belehrt hat, die Abwege einer zu schnellen Einbildungskraft, eines zu empfindlichen und reitzbaren Herzens zu vermeiden und sowohl aus Ihrem Exempel als aus den Abdrücken nicht aus der Luft gehaschter, sondern bewährter 15 Erfahrungen menschlichen Lebens (dem ächten Probierstein wahrer Dichter) weise zu werden. Wie könnte Ihr Vaterland, ohne alles Blut in seinen Adern empört zu fühlen, eine Niobe in Ihrem Zimmer vermuthen und nicht die Ursache dieser Thränen zu erforschen und wegzuräumen 20 suchen? Nein, würdiger Kriegesmann, der [48] noch in seinem Alter dem Feinde entgegen gehen und irgend eine Kugel auffangen will, einem Jüngeren das Leben zu retten, das sollen Sie nimmer, nimmer, sondern Ruhe — Dichterruhe auf Lorbeern Ihre Strafe seyn. 25

Beilagen.

I. Aus der Handschrift des »Pandämonium Germanicum«.

Gleim tritt herein mit Lorbeern ums Haupt, ganz erhitzt, in Waffen. Als er den neckischen tollen Hauffen sieht, wirft er 5 Rüstung und Lorbeer von sich, setzt sich zu der Leyer und spielt. Der ernsthafte Zirkel wird aufmerksam, Utz tritt aus demselben hervor, und löst Gleimen ab. Der ernsthafte Zirkel tritt näher. Ein junger Mensch folgt Utzen, mit verdrehten Augen, die Hände über dem Haupt zusammengeschlagen: 10

Ω πω ποι, was für ein Unterfangen, was für eine zahmlose und schaamlose Frechheit ist dies? Habt ihr sowenig Achtung für diese würdige Personen, ihre Augen und Ohren mit solchen Unfläthereyen zu verwunden? Erröthet und erblaßt, ihr sollt diese Stelle nicht länger 15 mehr schänden, die ihr usurpirt habt, heraus mit euch Bänkelsängern, Wollustsängern, Bordellsängern, heraus aus dem Tempel des Ruhms!

Ein Paar Priester folgen dicht hinter ihm drein, trommeln mit den Fäusten auf die Bänke, zerschlagen die Leyer und jagen 20 sie alle zum Tempel hinaus. Wieland bleibt allein stehen, die Herren und Damen beweisen ihm viel Höflichkeiten, für die Achtung die er ihnen bewiesen.

Wieland. Womit kann ich den Damen itzt aufwarten, ich weiß in der Geschwindigkeit wahrhaftig nicht 25 — sind Ihnen Sympathieen gefällig — oder Briefe der Verstorbnen an die Lebendigen — oder ein Heldengedicht, eine Tragödie?

Kramt all seine Taschen aus. Die Herrn und Damen besehen die Bücher und loben sie höchlich. Endlich weht sich die eine mit dem Fächer, die andere gähnend:

Haben Sie nicht noch mehr Sympathieen?

Wieland. Einen Augenblick Geduld, wir wollen 5 gleich was anders finden — nur einen Augenblick, gnädige Frau! lassen Sie sich doch die Zeit nur nicht lang werden. (Geht herum und findt die zerbrochene Leyer, die er zu stimmen anfängt.) Wir wollen sehn, ob wir nicht darauf was herausbringen können. 10

Spielt. Alle Damen halten sich die Fächer vor den Gesichtern. Hin und wieder ein Gekreisch:

Um Gottes willen, hören Sie auf!

Er läßt sich nicht stören, sondern spielt immer feuriger.

Die Franzosen. Oh le gaillard! Les autres 15 s'amusoient avec des grisettes, cela debauche les honnetes femmes. Il a bien pris son parti au moins.

Chaulieu und Chapelle. Ah ça, descendons notre petit (lassen Jakobi auf einer Wolke von Nesseltuch nieder, wie einen Amor gekleidt), cela changera bien la 20 machine.

Jakobi spielt in den Wolken auf einer deinen Sakvioline. Die ganze Gesellschaft fängt an zu danzen. Auf einmal läßt er eine ungeheure Menge Papillons fliegen.

Die Damen (haschen). Liebesgötterchen! Liebesgötterchen! 25

Jakobi (steigt aus der Wolke in einer schmachtenden Stellung). Ach mit welcher Grazie! —

Wieland. Von Grazie hab ich auch noch ein Wort zu sagen. 30

Spielt ein anderes Stück. Die Dames minaudiren entsetzlich. Die Herren setzen sich einer nach dem andern in des Jakobi Wolke und schaukeln damit. Viele setzen die Papillons unters Vergrösserungsglaß und einige legen den Finger unter die Nase, die Unsterblichkeit der Seele daraus zu beweisen. Eine 35 Menge Offiziers machen sich Kokarden von Papillonsflügeln, andere kratzen mit dem Degen an Wielands Leyer, sobald er zu spielen aufhört. Endlich gähnen sie alle.

Eine Dame, die, um nicht gesehen zu werden, hinter Wielands Rücken gezeichnet hatte, unaufmerksam auf alles was vorgieng, giebt ihm das Bild zum Sehen. Er zuckt die Schultern, lächelt bis an die Ohren hinauf, reicht aber doch das Bild großmüthig herum. Jedermann macht ihm Complimente darüber, er 5 bedankt sich schönstens, steckt das Bild wie halb zerstreut in die Tasche und fängt ein ander Stück zu spielen an. Die Dame erröthet. Er spielt. Die Palatine der Damen kommen in Unordnung, weil die Herrchen zu ungezogen werden. Er winkt ihnen lächelnd zu und Jakobi hüpft wie unsinnig von einer zur andern 10 umher. Alle klatschen wohllüstig gähnend:

Bravo, bravo, bravo! le moyen d'entendre quelque chose de plus ravissant!

Goethe (stürzt herein in den Tempel, glühend, einen Knochen in der Hand). Ihr Deutsche? — Hier ist eine 15 Reliquie eurer Vorfahren. Zu Boden mit euch und angebethet, was ihr nicht werden könnt.

Wieland macht ein höhnisches Gesicht und spielt fort. Jakobi bleibt mit offenem Mund und niederhangenden Händen stehen. 20

Goethe (auf Wieland zu). Ha daß du Hecktor wärst und ich dich so um die Mauren von Troja schleppen könnte! (Zieht ihn an den Haaren herum.)

Die Frauenzimmer. Um Gotteswilln, Herr Goethe, was machen Sie? 25

Goethe. Ich will euch spielen, obschon's ein verstimmtes Instrument ist. (Setzt sich, stimmt ein wenig und spielt. Alles weint.)

Wieland (auf den Knieen). Das ist göttlich!

Jakobi (hinter ihm, gleichfalls auf Knieen). Das ist 30 eine Grazie, eine Wonnegluth!

Eine ganze Menge Damen (Goethen umarmend). O Herr Goethe! Die Chapeaux werden ernsthaft, einige lauffen heraus, andere setzen sich die Pistolen an die Köpfe, setzen aber gleich wieder ab. Der Küster, der das sieht, läuft und stolpert 35 aus der Kirche.

II. Aus den »Meynungen eines Layen«.

Leipzig 1775 S. 113–119.

Nun noch ein Wort für die galante Welt. Wir haben itzt das Säkulum der schönen Wissenschaften. Paradox und seltsam genug würd' es lassen, zu sagen, 5 daß sich aus den Schriften der Apostel so wie überhaupt aus der Bibel, eben so [114] gut eine Theorie der schönen Künste abstrahiren ließe, wie aus dem großen Buche der Natur. Verstehn Sie mich nicht unrecht, ich sage dies nicht grade zu, ich will Ihnen nur einen Wink geben, 10 daß die wahre Theologie sich mit dem wahren Schönen in den Künsten besser vertrage, als man beym ersten Anblick glauben möchte. Diesen Satz weiter auszuführen, würde mich hier zu weitläufig machen, erlauben Sie mir nur, ein paar hier nicht her zu gehören scheinende Anmerkungen 15 anzuhängen, ehe ich schließe. Man fängt seit einiger Zeit in einer gewissen Himmelsgegend sehr viel an, von Sensibilité (bey den Deutschen Empfindsamkeit) zu diskuriren, zu predigen, zu dichten, zu agiren, und ich weiß nicht was. Ich wette, daß der hundertste, der dies 20 Wort braucht, nicht weiß was er damit will, und doch wird das Wort so oft gebraucht, daß es fast der Grundsatz aller unsrer schönen Künste, ohne daß die Künstler es selbst gewahr werden, geworden ist. Der Grundsatz unserer schönen Künste ist also noch eine qualitas occulta, 25 denn wenn ich alle Meynungen derer, die das Wort brauchten, auf Zettel geschrieben, in einen Topf zusammen schüttelte, wette ich, ein jeder würde dennoch dieses Wort auf seine ihm eigene Art verstehen [115] und erklären. Und das ist auch kein Wunder, da wir als Individua 30 von einander unterschieden sind, und seyn sollen, und also jeder sein individuelles Nervengebäude, und also auch sein individuelles Gefühl hat. Was wird aber nun aus der Schönheit werden, aus der Schönheit, die wie Gott ewig und unveränderlich, sich an keines Menschen Gefühl binden, 35 sondern in sich selbst die Gründe und Ursachen ihrer Vortreflichkeit und Vollkommenheit haben soll? Homer ist zu allen Zeiten schön gefunden worden, und ich wette, das roheste Kind der Natur würde vor einem historischen Stücke von Meisterhand gerührt und betroffen stehen bleiben, wenn er nur auf irgend eine Art an diese Vorstellungen 5 gewöhnt wäre, daß er gewisse bestimmte Begriffe damit zu verbinden wüste. Dessen kann sich aber das Miniaturgemählde und das Epigramm nicht rühmen, und jener macht eben so wenig Anspruch auf den Titel eines Virtuosen in der Mahlerey, als dieser auf den Titel eines 10 Genies κατ εξοχην, eines Poeten, wie Aristoteles und Longin dieses Wort brauchten, eines Schöpfers. Das muß doch seine Ursachen haben. Ja, und die Ursachen liegen nicht weit, wir wollen nur nicht drüber wegschreiten, um sie zu suchen. Sie liegen[116] darinn, daß jene Produkte 15 hervorzubringen, mehr Geist, mehr innere Konsistenz, und Gott gleich stark fortdaurende Wirksamkeit unserer Kraft erfordert wurde, welche bey dem, der sie lieset oder betrachtet, eben die Erschütterung, den süßen Tumult, die entzückende Anstrengung und Erhebung aller in uns verborgenen 20 Kräfte hervorbringt, als der in dem Augenblicke fühlte, da er sie hervorbrachte. Es ist also immer unser Geist, der bewegt wird, entflammt, entzückt, über seine Sphäre hinaus gehoben wird — nicht der Körper mit samt seiner Sensibilité, mag sie auch so fein und subtil 25 seyn als sie wolle. Denn das Wort zeigt nur ein verfeinertes körperliches Gefühl an, das ich durchaus nicht verkleinere, verachte, noch viel weniger verdamme, behüte mich der Himmel! verfeinert euren Körper ins unendliche wenn ihr wollt und wenn ihr könnt, distillirt ihn, bratet 30 ihn, kocht ihn, wickelt ihn in Baumwolle, macht Alkoholl und Alkahest draus, oder was ihr wollt — der ehrliche Deutsche, der noch seiner alten Sitte getreu, Bier dem Champagner, und Tabak dem eau de mille fleurs vorzieht, der nur einmal in seinem Leben heyrathet, und wenn 35 sein Weib ihm Hörner aufsetzen will, sie erst modice castigat, dann prügelt, [117] dann zum Haus nausschmeißt, hat einen eben so guten Körper als ihr, und noch bessern wann ihr wollt, wenigstens dauerhafter, weiß er ihn nicht so schön zu tragen als ihr, nicht so artig zu beugen, nicht so gut zu salben und zu pudern, er braucht ihn wozu er ihn nöthig hat — und sucht das Schöne — wenn der 5 Himmel anders unser Vaterland jemals damit zu beglücken, beschlossen hat — nicht in dem, was seine verstimmte Sensibilität in dem Augenblicke auf die leichteste Art befriedigt, oder vielmehr einschläfert, sondern in dem, was seine männliche Seele aus den eisernen Banden seines 10 Körpers losschüttelt, ihr den elastischen Fittig spannt, und sie hoch über den niedern Haufen weg in Höhen führet, die nicht schwärmerisch erträumt, sondern mit Entschlossenheit und Bedacht gewählt sind. Da mihi figere pedem, ruft er, nicht mit halbverwelkten Blumen zufrieden, die 15 man ihm auf seinen Weg wirft, sondern Grund will er haben, felsenvesten Grund und steile Höhen drauf zaubern, wie Göthe sagt, die Engel und Menschen in Erstaunen setzen. Ist es Geschichte, so dringt er bis in ihre Tiefen, und sucht in nie erkannten Winkeln des menschlichen 20 Herzens die Triebfedern zu Thaten, die Epochen machten, ist [118] es Urania, die seinen Flug führt, ist es die Gottheit, die er singt, so fühlt er das Weltganze in allen seinen Verhältnissen wie Klopstock, und steigt von der letzten Stuffe der durchgeschauten und empfundenen 25 Schöpfung zu ihrem Schöpfer empor, betet an — und brennt — ist es Thalia, die ihn begeistert, so sucht er die Freude aus den verborgensten Kammern hervor, wo der arbeitsame Handwerker nach vieler Mühe viel zu genießen vermag, und der Narr, der euch zu lachen machen 30 soll, ein gewaltiger Narr seyn muß, oder er ist gar nichts. Ists endlich die Satire selbst, die große Laster erst zur Kunst machten, wie große Tugenden und Thaten die Epopee, so schwingt er die Geißel muthig und ohne zu schonen, ohne Rücksichten, ohne Ausbeugungen, ohne 35 Scharrfüße und Komplimente grad zu wie Juvenal, je größer, je würdigerer Gegenstand zur Satire, wenn du ein Schurke bist — kurz —

Wo gerathe ich hin? Ich habe nur mit zwey Worten anzeigen wollen, daß weder Nationalhaß, noch Partheylichkeit, noch Eigensinn und Sonderbarkeit mich begeisterten, wenn ich jemals Unzufriedenheit über die französische Bellitteratur, die so wie alle ihre Gelehrsamkeit 5 [119] mit ihrem Nationalcharakter wenigstens bisher noch immer in ziemlich gleichem Verhältniß gestanden, bezeugt habe: doch das ist grad zu und ohne Einschränkung noch nie geschehen, und geschicht auch jetzt nicht.

Fußnoten

[A] Zu Weinholds Angaben und den infamierenden Bruchstücken S. 331 ff. füge man etwa noch den Satz auf einem Strassburger Folio: »So lange Philosophie restinirter Müssiggang und Beschaulichkeit des Lebens anderer ist, so bedank ich mich vor denen Sokraten. Und insofern hat Aristophanes immer recht wider sie gehabt.«

[B] Wobey man sich freylich die Hand beschmieren muß.

[C] In den Berlinischen Litteraturbriefen.

[D] Siehe die vom seel. Prof. Hartmann in den Merkur eingerückte Skiagraphie einer Weltgeschichte.

[E] Ich verstehe hier den Verfasser der deutschen Philosophie der Geschichte und der Ursachen des gesunkenen Geschmacks, die in Berlin den Preiß erhalten.

[F] Ich habe mich geirrt, es gehört auch noch eine gewisse Belesenheit in andern Journalen und irgend ein Buch, das von einer ähnlichen Materie handelte, zur Hand dazu, aus denen man denn allenfalls einige Citata nachschlägt und ausschreibt. Siehe die neuesten Rezensionen.

[G] Meine Freunde werden wissen, mit welchem Enthusiasmus ich sonst von diesem Meisterstück der sanfteren komischen Muse W., ich meyne der Musarion zu reden gewohnt bin. Welche ruhige Farbemischung, welche herrliche lebendige Schattirung der Characktere!

Herrosé & Ziemsen, Wittenberg.

Anmerkungen zur Transkription

Seitenzahlen und Zeilennummern wurden beibehalten, da auf diese verwiesen wird.

Folgende Änderung wurde vorgenommen:

S.12 Z.28-29 »ver-verdammte« in »verdammte« geändert.