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Von morgens bis mitternachts cover

Von morgens bis mitternachts

Chapter 8: ERSTE SZENE
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About This Book

A restless bank cashier, dissatisfied with his narrow life, becomes obsessed after a brief encounter with a wealthy woman and, driven by longing for passion and meaning, steals a large sum. He abandons his family and wanders through varied urban scenes—nightclubs, cinemas, and religious gatherings—searching for fulfillment. His escapades expose the hollowness of consumer society, the futility of escapist fantasies, and the destructive clash between personal desire and social order. Presented in expressionist, episodic scenes, the play traces his psychological unraveling from routine through temptation to a tragic conclusion, dramatizing modern alienation and the search for authentic experience.

DAME

steht verwirrt.

SOHN

kommt.

Der Herr von der Bank ging aus dem Hotel. Du bist erregt, Mama. Ist das Geld —

DAME

Die Unterhaltung hat mich angestrengt. Geldsachen, Jungchen. Du weißt, es reizt mich immer etwas.

SOHN

Sind Schwierigkeiten entstanden, die die Auszahlung wieder aufhalten?

DAME

Ich müßte es dir vielleicht doch sagen —

SOHN

Muß ich das Bild zurückgeben?

DAME

An das Bild denke ich nicht.

SOHN

Das geht uns doch am meisten an.

DAME

Ich glaube, ich muß sogleich eine Anzeige erstatten.

SOHN

Was für eine Anzeige?

DAME

Die Depesche besorge. Ich muß unter allen Umständen von meiner Bank eine Bestätigung in Händen haben.

SOHN

Genügt dein Bankbrief nicht?

DAME

Nein. Nicht ganz. Geh nach dem Telegraphenamt. Ich möchte den Portier nicht mit der offenen Depesche schicken.

SOHN

Und wann kommt nun das Geld?

Das Telephon schrillt.

DAME

Da werde ich schon angerufen.

Am Apparat.

Ist eingetroffen. Ich soll selbst abheben. Gern. Aber bitte, Herr Direktor. Ich bin gar nicht aufgebracht. Florenz ist weit. Ja, die Post in Italien. Wie? Warum? Wie? Ja, warum? Ach so — via Berlin, das ist allerdings ein großer Umweg. — Mit keinem Gedanken. Danke, Herr Direktor. In zehn Minuten. Adieu.

Zum Sohn.

Erledigt, Junge. Meine Depesche ist überflüssig geworden.

Sie zerreißt das Formular.

Du hast dein Bild. Dein Weinhändler begleitet uns. Er nimmt auf der Bank den Betrag in Empfang. Verpacke deinen Schatz. Von der Bank fahren wir zum Bahnhof.

Telephonierend, während Sohn das Bild verhüllt.

Ich bitte um die Rechnung. Zimmer vierzehn und sechzehn. Sehr eilig. Bitte.

Verschneites Feld mit Baum mit tiefreichender Astwirrnis. Blauschattende Sonne.

KASSIERER

kommt, rückwärts gehend. Er schaufelt mit den Händen seine Spur zu. Sich aufrichtend.

Solch ein Mensch ist doch ein Wunderwerk. Der Mechanismus klappt in Scharnieren — lautlos. Plötzlich sind Fähigkeiten ermittelt und mit Schwung tätig. Wie gebärden sich meine Hände? Wo haben sie Schnee geschippt? Jetzt wuchten sie die Massen, daß die Flocken stäuben. Überdies ist meine Spur über das Schneefeld wirkungsvoll verwischt. Erzielt ist ein undurchsichtiges Inkognito!

Er streift die erweichten Manschetten ab.

Nässe und Frost begünstigen scharfe Erkältungen. Unversehens bricht Fieber aus und beeinflußt die Entschlüsse. Man verliert die Kontrolle über seine Handlungen, und aufs Krankenbett geworfen, ist man geliefert!

Er knöpft die Knöpfe heraus und schleudert die Manschetten weg.

Ausgedient. Da liegt. Ihr werdet in der Wäsche fehlen. Das Lamento plärrt durch die Küche: ein Paar Manschetten fehlt. Katastrophe im Waschkessel. Weltuntergang!

Er sammelt die Manschetten wieder auf und stopft sie in die Manteltaschen.

Toll: da arbeitet mein Witz schon wieder. Mit unfehlbarer Sicherheit. Ich quäle mich mit dem zerstampften Schnee ab und verrate mich mit zwei leichtsinnig verschleuderten Wäschestücken. Meist ist es eine Kleinigkeit — ein Versehen — eine Flüchtigkeit, die den Täter feststellt. Hopla!

Er sucht sich einen bequemen Sitz in einer Astgabel.

Ich bin doch neugierig. Meine Spannung ist gewaltig geschwollen. Ich habe Grund, mich auf die wichtigsten Entdeckungen gefaßt zu machen. Im Fluge gewonnene Erfahrungen stehen mir zur Seite. Am Morgen noch erprobter Beamter. Man vertraut mir runde Vermögen an, der Bauverein deponiert Riesensummen. Mittags ein durchtriebener Halunke. Mit allen Wassern gewaschen. Die Technik der Flucht bis in die Details durchgebildet. Das Ding gedreht und hin. Fabelhafte Leistung. Und der Tag erst zur Hälfte bezwungen!

Er stützt das Kinn auf die Faustrücken.

Ich bin bereit, jedem Vorfall eine offene Brust zu bieten. Ich besitze untrügliche Zeichen, keinem Anspruch die Antwort schuldig zu bleiben. Ich bin auf dem Marsche — Umkehr findet nicht statt. Ich marschiere — also ohne viel Federlesen heraus mit den Trümpfen. Ich habe sechzigtausend auf die Karte gesetzt — und erwarte den Trumpf. Ich spiele zu hoch, um zu verlieren. Keine Flausen — aufgedeckt und heda! Verstanden?

Er lacht ein krächzendes Gelächter.

Jetzt müssen Sie, schöne Dame. Ihr Stichwort, seidene Dame. Bringen Sie es doch, schillernde Dame, Sie lassen ja die Szene unter den Tisch fallen. Dummes Luder. Und sowas spielt Komödie. Kommt euren natürlichen Verpflichtungen nach, zeugt Kinder — und belästigt nicht die Souffleuse! Verzeihung, Sie haben ja einen Sohn. Sie sind vollständig legitimiert. Ich liquidiere meine Verdächtigungen. Leben Sie wohl und grüßen Sie den Direktor. Seine Kalbsaugen werden Sie mit einem eklen Schleim bestreichen, aber machen Sie sich nichts draus. Der Mann ist um sechzigtausend geprellt, der Bauverein wird ihm das Dach neu beschindeln. Das klappert erbärmlich. Ich entbinde Sie aller Verpflichtungen gegen mich, Sie sind entlassen, Sie können gehen. — Halt! Nehmen Sie meinen Dank auf den Weg — in die Eisenbahn! — Was? Keine Ursache? — Ich denke, bedeutende! Nicht der Rede wert? — Sie scherzen, Ihr Schuldner! Wieso? — Ich verdanke Ihnen das Leben! — Um Himmels willen! — Ich übertreibe! Mich haben Sie, knisternd, aufgelockert. Ein Sprung hinter Sie drein stellt mich in den Brennpunkt unerhörter Geschehnisse. Und mit der Fracht in der Brusttasche zahle ich alle Begünstigungen bar!

Mit einer nachlässigen Geste.

Verduften Sie jetzt, Sie sind bereits überboten und können bei beschränkten Mitteln — ziehen Sie sich Ihren Sohn zu Gemüte — auf keinen Zuschlag hoffen!

Er holt das Banknotenbündel aus der Tasche und klatscht es auf die Hand.

Ich zahle bar! Der Betrag ist flüssig gemacht — Regulierung läuft dem Angebot voraus. Vorwärts, was bietet sich?

Er sieht in das Feld.

Schnee. Schnee. Sonne. Stille.

Er schüttelt den Kopf und steckt das Geld ein.

Es wäre eine schamlose Übervorteilung — mit dieser Summe blauen Schnee zu bezahlen. Ich mache das Geschäft nicht. Ich trete vor dem Abschluß zurück. Keine reelle Sache!

Die Arme aufwerfend.

Ich muß bezahlen!! — — Ich habe das Geld bar!! — — Wo ist Ware, die man mit dem vollen Einsatz kauft?! Mit sechzigtausend — und dem ganzen Käufer mit Haut und Knochen?! — —

Schreiend.

Ihr müßt mir doch liefern — — ihr müßt doch Wert und Gegenwert in Einklang bringen!!!!

Sonne von Wolken verfinstert. Er steigt aus der Gabel.

Die Erde kreißt — Frühlingsstürme. Es macht sich, es macht sich. Ich wußte, daß ich nicht umsonst gerufen habe. Die Aufforderung war dringend. Das Chaos ist beleidigt, es will sich nicht vor meiner eingreifenden Tat am Vormittag blamieren. Ich wußte es ja, man darf in solchen Fällen nicht locker lassen. Hart auf den Leib rücken — und das Mäntelchen vom Leib, dann zeigt sich was! — Vor wem lüfte ich denn so höflich meinen Hut?

Sein Hut ist ihm entrissen. Der Orkan hat den Schnee von den Zweigen gepeitscht: Reste in der Krone haften und bauen ein menschliches Gerippe mit grinsenden Kiefern auf. Eine Knochenhand hält den Hut.

Hast du die ganze Zeit hinter mir gesessen und mich belauscht? Bist du ein Abgesandter der Polizei? Nicht in diesem lächerlich beschränkten Sinne. Umfassend: Polizei des Daseins? — Bist du die erschöpfende Antwort auf meine nachdrückliche Befragung? Willst du mit deiner einigermaßen reichlich durchlöcherten Existenz andeuten: das abschließende Ergebnis — deine Abgebranntheit? — Das ist etwas dürftig. Sehr dürftig. Nämlich nichts! — Ich lehne die Auskunft als nicht lückenlos ab. Ich danke für die Bedienung. Schließen Sie Ihren Laden mit alten Knochen. Ich bin nicht der erste beste, der sich beschwatzen läßt! — Der Vorgang wäre ja ungeheuer einfach. Sie entheben der weiteren Verwickelungen. Aber ich schätze Komplikationen höher. Leben Sie wohl — wenn Sie das in Ihrer Verfassung können! — Ich habe noch einiges zu erledigen. Wenn man unterwegs ist, kann man nicht in jede Haustür eintreten. Auch auf die freundlichste Einladung nicht. Ich sehe bis zum Abend noch eine ganze Menge Verpflichtungen vor mir. Sie können unmöglich die erste sein. Vielleicht die letzte. Aber auch dann nur notgedrungen. Vergnügen macht es mir nicht. Aber, wie gesagt, notgedrungen — darüber läßt sich reden. Rufen Sie mich gegen Mitternacht nochmals an. Wechselnde Telephonnummer beim Amt zu erfragen! — Verzeihung, ich rede dich mit Sie an. Wir stehen doch wohl auf du und du. Die Verwandtschaft bezeugt sich innigst. Ich glaube sogar, du steckst in mir drin. Also winde dich aus dem Astwerk los, das dich von allen Seiten durchsticht, und rutsche in mich hinein. Ich hinterlasse in meiner zweideutigen Lage nicht gern Spuren. Vorher gib mir meinen Hut wieder!

Er nimmt den Hut vom Ast, den der Sturm ihm jetzt entgegenbiegt — verbeugt sich.

Ich sehe, wir haben bis zu einem annehmbaren Grade eine Verständigung erzielt. Das ist ein Anfang, der Vertrauen einflößt und im Wirbel kommender großartiger Ereignisse den nötigen Rückhalt schafft. Ich weiß das unbedingt zu würdigen. Mit vorzüglicher Hochachtung — —

Donner rollt. Ein letzter Windstoß fegt auch das Gebilde aus dem Baum. Sonne bricht durch. Es ist hell wie zu Anfang.

Ich sagte doch gleich, daß die Erscheinung nur vorübergehend war!

Er drückt den Hut in die Stirn, schlägt den Mantelkragen hoch und trabt durch den stäubenden Schnee weg.


ZWEITER TEIL

Stube bei Kassierer. Fenster mit abgeblühten Geranien. Zwei Türen hinten, Tür rechts. Tisch und Stühle. Klavier.

Mutter sitzt am Fenster. Erste Tochter stickt am Tisch. Zweite Tochter übt die Tannhäuserouvertüre. Frau geht durch die Tür rechts hinten ein und aus.

MUTTER

Was spielst du jetzt?

ERSTE TOCHTER

Es ist doch die Tannhäuserouvertüre.

MUTTER

Die Weiße Dame ist auch sehr schön.

ERSTE TOCHTER

Die hat sie diese Woche nickt abonniert.

FRAU

kommt.

Es ist Zeit, daß ich die Koteletts brate.

ERSTE TOCHTER

Lange noch nicht, Mutter.

FRAU

Nein, es ist noch nicht Zeit, daß ich die Koteletts brate.

Ab.

MUTTER

Was stickst du jetzt?

ERSTE TOCHTER

Die Langetten.

FRAU

kommt zur Mutter.

Wir haben heute Koteletts.

MUTTER

Bratest du sie jetzt?

FRAU

Es hat noch Zeit. Es ist ja noch nicht Mittag.

ERSTE TOCHTER

Es ist ja noch lange nicht Mittag.

FRAU

Nein, es ist noch lange nicht Mittag.

MUTTER

Wenn er kommt, ist es Mittag.

FRAU

Er kommt noch nicht.

ERSTE TOCHTER

Wenn Vater kommt, ist es Mittag.

FRAU

Ja.

Ab.

ZWEITE TOCHTER

aufhörend, lauschend.

Vater?

ERSTE TOCHTER

ebenso.

Vater?

FRAU

kommt.

Mein Mann?

MUTTER

Mein Sohn?

ZWEITE TOCHTER

öffnet rechts.

Vater!

ERSTE TOCHTER

ist aufgestanden.

Vater!

FRAU

Der Mann!

MUTTER

Der Sohn!

KASSIERER

tritt rechts ein, hängt Hut und Mantel auf.

FRAU

Woher kommst du?

KASSIERER

Vom Friedhof.

MUTTER

Ist jemand plötzlich gestorben?

KASSIERER

klopft ihr auf den Rücken.

Man kann wohl plötzlich sterben, aber nicht plötzlich begraben werden.

FRAU

Woher kommst du?

KASSIERER

Aus dem Grabe. Ich habe meine Stirn durch Schollen gebohrt. Hier hängt noch Eis. Es hat besondere Anstrengungen gekostet, um durchzukommen. Ganz besondere Anstrengungen. Ich habe mir die Finger etwas beschmutzt. Man muß lange Finger machen, um hinauszugreifen. Man liegt tief gebettet. So ein Leben lang schaufelt mächtig. Berge sind auf einen getürmt. Schutt, Müll — es ist ein riesiger Abladeplatz. Die Gestorbenen liegen ihre drei Meter abgezählt unter der Oberfläche — die Lebenden verschüttet es immer tiefer.

FRAU

Du bist eingefroren — oben und unten.

KASSIERER

Aufgetaut! Von Stürmen — frühlinghaft — geschüttelt. Es rauschte und brauste — ich sage dir, es hieb mir das Fleisch herunter, und mein Gebein saß nackt. Knochen — gebleicht in Minuten. Schädelstätte! Zuletzt schmolz mich die Sonne wieder zusammen. Dermaßen von Grund auf geschah die Erneuerung. Da habt ihr mich.

MUTTER

Du bist im Freien gewesen?

KASSIERER

In scheußlichen Verliesen, Mutter! Unter abgrundsteilen Türmen bodenlos verhaftet. Klirrende Ketten betäubten das Gehör. Von Finsternis meine Augen ausgestochen!

FRAU

Die Bank ist geschlossen. Der Direktor hat mit euch getrunken. Es ist ein freudiges Ereignis in seiner Familie?

KASSIERER

Er hat eine neue Mätresse auf dem Korn. Italienerin — Pelz — Seide — wo die Orangen blühen. Handgelenke wie geschliffen. Schwarzhaarig — der Teint ist dunkel. Brillanten. Echt — alles echt. Tos — Tos — der Schluß klingt wie Kanaan. Hol' einen Atlas. Tos — Kanaan. Gibt es das? Ist es eine Insel? Ein Gebirge? Ein Sumpf? Die Geographie kann über alles Auskunft geben! Aber er wird sich schneiden. Glatt abfallen — abgebürstet werden wie ein Flocken. Da liegt er — zappelt auf dem Teppich — Beine kerzengerade in die Luft — das kugelfette Direktorchen!

FRAU

Die Bank hat nicht geschlossen?

KASSIERER

Niemals, Frau. Die Kerker schließen sich niemals. Der Zuzug hat kein Ende. Die ewige Wallfahrt ist unbegrenzt. Wie Hammelherden hopsen sie hinein — in die Fleischbank. Das Gewühl ist dicht. Kein Entrinnen — oder mit keckem Satz über den Rücken!

MUTTER

Dein Mantel ist auf dem Rücken zerrissen.

KASSIERER

Betrachtet meinen Hut. Ein Landstreicher!

ZWEITE TOCHTER

Das Futter ist zerfetzt.

KASSIERER

Greift in die Taschen — rechts — links!

ERSTE TOCHTER

zieht eine Manschette hervor.

ZWEITE TOCHTER

ebenso.

KASSIERER

Befund?

BEIDE TÖCHTER

Deine Manschetten.

KASSIERER

Ohne Knöpfe. Die Knöpfe habe ich hier. Triumph der Kaltblütigkeit! — — Paletot — Hut — ja, es geht ohne Fetzen nicht ab, wenn man über die Rücken setzt. Sie fassen nach einem — sie krallen Nägel ein! Hürden und Schranken — Ordnung muß herrschen. Gleichheit für alle. Aber ein tüchtiger Sprung — nicht gefackelt — und du bist aus dem Pferch — aus dem Göpelwerk. Ein Gewaltstreich, und hier stehe ich! Hinter mir nichts — und vor mir?

Er sieht sich im Zimmer um.

FRAU

starrt ihn an.

MUTTER

halblaut.

Er ist krank.

FRAU

mit raschem Entschluß zur Tür rechts.

KASSIERER

hält sie auf. Zu einer Tochter.

Hol' meine Jacke.

Tochter links hinten hinein, mit verschnürter Samtjacke zurück. Er zieht sie an.

Meine Pantoffeln.

Die andere Tochter bringt sie.

Mein Käppchen.

Tochter kommt mit gestickter Kappe.

Meine Pfeife.

MUTTER

Du sollst nicht rauchen, wenn du schon —

FRAU

beschwichtigt sie hastig.

— Soll ich dir anstecken?

KASSIERER

fertig häuslich gekleidet — nimmt am Tisch eine bequeme Haltung an.

Steck' an.

FRAU

immer sorgenvoll eifrig um ihn bemüht.

Zieht sie?

KASSIERER

mit der Pfeife beschäftigt.

Ich werde sie zur gründlichen Reinigung schicken müssen. Im Rohr sind wahrscheinlich Ansammlungen von unverbrauchten Tabakresten. Der Zug ist nicht frei von inneren Widerständen. Ich muß mehr, als eigentlich notwendig sein sollte, ziehen.

FRAU

Soll ich sie gleich forttragen?

KASSIERER

Nein, geblieben.

Mächtige Rauchwolken ausstoßend.

Annehmbar.

Zur zweiten Tochter.

Spiel'.

ZWEITE TOCHTER

auf das Zeichen der Frau setzt sich ans Klavier und spielt.

KASSIERER

Was ist das für ein Stück?

ZWEITE TOCHTER

atemlos.

Wagner.

KASSIERER

nickt zustimmend. Zur ersten Tochter.

Nähst — flickst — stopfst Du?

ERSTE TOCHTER

sich rasch hinsetzend.

Ich sticke Langetten.

KASSIERER

Praktisch. — Und Mutterchen, Du?

MUTTER

von der allgemeinen Angst angesteckt.

Ich nickte ein bißchen vor mich hin.

KASSIERER

Friedvoll.

MUTTER

Ja, mein Leben ist Frieden geworden.

KASSIERER

zur Frau.

Du?

FRAU

Ich will die Koteletts braten.

KASSIERER

nickt.

Die Küche.

FRAU

Ich brate dir deins jetzt.

KASSIERER

wie vorher.

Die Küche.

FRAU

ab.

KASSIERER

zur ersten Tochter.

Sperre die Türen auf.

ERSTE TOCHTER

stößt die Türen hinten zurück: rechts ist in der Küche die Frau am Herd beschäftigt, links die Schlafkammer mit den beiden Betten.

FRAU

in der Tür.

Ist dir sehr warm?

Wieder am Herd.

KASSIERER

herumblickend.

Alte Mutter am Fenster. Töchter am Tisch stickend — Wagner spielend. Frau die Küche besorgend. Von vier Wänden umbaut — Familienleben. Hübsche Gemütlichkeit des Zusammenseins. Mutter — Sohn — Kind versammelt sind. Vertraulicher Zauber. Er spinnt ein. Stube mit Tisch und Hängelampe. Klavier rechts. Kachelofen. Küche, tägliche Nahrung. Morgens Kaffee, mittags Koteletts. Schlafkammer — Betten, hinein — hinaus. Vertraulicher Zauber. Zuletzt — auf dem Rücken — steif und weiß. Der Tisch wird hier an die Wand gerückt — ein gelber Sarg streckt sich schräg, Beschläge abschraubbar — um die Lampe etwas Flor — ein Jahr wird nicht das Klavier gespielt — — —

ZWEITE TOCHTER

hört auf und läuft schluchzend in die Küche.

FRAU

auf der Schwelle, fliegend.

Sie übt noch an dem neuen Stück.

MUTTER

Warum abonniert sie nicht auf die Weiße Dame?

KASSIERER

verlöscht die Pfeife. Er beginnt sich wieder umzukleiden.

FRAU

Gehst du in die Bank? Du hattest einen Geschäftsweg?

KASSIERER

In die Bank — Geschäftsweg — nein.

FRAU

Wohin willst du jetzt?

KASSIERER

Schwerste Frage, Frau. Ich bin von wehenden Bäumen niedergeklettert, um eine Antwort aufzusuchen. Hier sprach ich zuerst vor. Es war doch selbstverständlich. Es ist ja alles wunderschön — unstreitbare Vorzüge verkleinere ich nicht, aber vor letzten Prüfungen besteht es nicht. Hier liegt es nicht — damit ist der Weg angezeigt. Ich erhalte ein klares Nein.

Er hat seinen früheren Anzug vollendet.

FRAU

zerrissen.

Mann, wie entstellt siehst du aus?

KASSIERER

Landstreicher. Ich sagte es ja. Scheltet nicht! Besser ein verwahrloster Wanderer auf der Straße — als Straßen leer von Wanderern!

FRAU

Wir essen jetzt zu Mittag.

KASSIERER

Koteletts, ich rieche sie.

MUTTER

Vor dem Mittagessen willst du —?

KASSIERER

Ein voller Magen macht schläfrig.

MUTTER

fuchtelt plötzlich mit den Armen durch die Luft, fällt zurück.

ERSTE TOCHTER

Die Großmutter —

ZWEITE TOCHTER

aus der Küche.

Großmutter —

Beide sinken an ihren Knien nieder.

FRAU

steht steif.

KASSIERER

tritt zum Sessel.

Daran stirbt sie, weil einer einmal vor dem Mittagessen weggeht.

Er betrachtet die Tote.

Schmerz? Trübsal? Tränengüsse, verschwemmend? Sind die Bande so eng geknüpft — daß, wenn sie zerrissen, im geballten Leid es sich erfüllt? Mutter — Sohn?

Er holt die Scheine aus der Tasche und wägt sie auf der Hand — schüttelt den Kopf und steckt sie wieder ein.

Keine vollständige Lähmung im Schmerz — kein Erfülltsein bis in die Augen. Augen trocken — Gedanken arbeiten weiter. Ich muß mich eilen, wenn ich zu gültigen Resultaten vorstoßen will!

Er legt sein abgegriffenes Portemonnaie auf den Tisch.

Sorgt. Es ist ehrlich erworbenes Gehalt. Die Erklärung kann von Wichtigkeit werden. Sorgt.

Er geht rechts hinaus.

FRAU

steht unbeweglich.

DIREKTOR

durch die offene Tür rechts.

Ist Ihr Mann zu Hause? — Ist Ihr Mann hierher gekommen? — Ich habe Ihnen leider die betrübende Mitteilung zu machen, daß er sich an der Kasse vergriffen hat. Wir haben seine Verfehlung schon seit einigen Stunden entdeckt. Es handelt sich um die Summe von sechzigtausend Mark, die der Bauverein deponierte. Die Anzeige habe ich in der Hoffnung noch zurückgehalten, daß er sich besinnen würde. — Dies ist mein letzter Versuch. Ich bin persönlich gekommen. — Ihr Mann ist nicht hier gewesen?

Er sieht sich um, gewahrt Jacke, Pfeife usw., alle offenen Türen.

Dem Anschein nach —

Seine Blicke haften auf der Gruppe am Fenster, nickt.

Ich sehe, die Dinge sind schon in ein vorgerücktes Stadium getreten. Dann allerdings —

Er zuckt die Achseln, setzt den Hut auf.

Es bleibt ein aufrichtiges, privates Bedauern, an dem es nicht fehlt — sonst die Konsequenzen.

Ab.

BEIDE TÖCHTER

nähern sich der Frau.

Mutter —

FRAU

ausbrechend.

Kreischt mir nicht in die Ohren. Glotzt mich nicht an. Was wollt ihr von mir? Wer seid ihr? Fratzen — Affengesichter — was geht ihr mich an?

Über den Tisch geworfen.

Mich hat mein Mann verlassen!!

BEIDE TÖCHTER

scheu — halten sich an den Händen.

Sportpalast. Sechstagerennen. Bogenlampenlicht.

Im Dunstraum rohgezimmerte freischwebende Holzbrücke. Die jüdischen Herren als Kampfrichter kommen und gehen. Alle sind ununterscheidbar: kleine bewegliche Gestalten, in Smoking, stumpfen Seidenhut im Nacken, am Riemen das Binokel.

Rollendes Getöse von Rädern über Bohlen.

Pfeifen, Heulen, Meckern geballter Zuschauermenge aus Höhe und Tiefe. Musikkapellen.

EIN HERR

kommend.

Ist alles vorbereitet?

EIN HERR

Sehen Sie doch.

EIN HERR

durchs Glas.

Die Blattpflanzen —

EIN HERR

Was ist mit den Blattpflanzen?

EIN HERR

Zweifellos.

EIN HERR

Was ist denn mit den Blattpflanzen?

EIN HERR

Wer hat denn das Arrangement gestellt?

EIN HERR

Sie haben recht.

EIN HERR

Das ist ja irrsinnig.

EIN HERR

Hat sich denn niemand um die Aufstellung gekümmert?

EIN HERR

Einfach lächerlich.

EIN HERR

Der Betreffende muß selbst blind sein.

EIN HERR

Oder schlafen.

EIN HERR

Das ist die einzig annehmbare Erklärung bei dieser Veranstaltung.

EIN HERR

Was reden Sie — schlafen? Wir fahren doch erst in der vierten Nacht.

EIN HERR

Die Kübel müssen mehr auf die Seite gerückt werden.

EIN HERR

Gehen Sie?

EIN HERR

Ganz an die Wände.

EIN HERR

Der Überblick muß frei auf die ganze Bahn sein.

EIN HERR

Die Loge muß offen liegen.

EIN HERR

Ich gehe mit.

Alle ab.

EIN HERR

kommt, feuert einen Pistolenschuß. Ab.

ZWEI HERREN

kommen mit einem rotlackierten Megaphon.

DER EINE HERR

Wie hoch ist die Prämie?

DER ANDERE HERR

Achtzig Mark. Dem ersten fünfzig. Dem zweiten dreißig.

DER EINE HERR

Drei Runden. Mehr nicht. Wir erschöpfen die Fahrer.

DER ANDERE HERR

spricht durch das Megaphon.

Eine Preisstiftung von achtzig Mark aus der Bar sofort auszufahren über drei Runden! dem ersten fünfzig Mark — dem zweiten dreißig Mark.

Händeklatschen.

MEHRERE HERREN

kommen, einer mit einer roten Fahne.

EIN HERR

Geben Sie den Start.

EIN HERR

Noch nicht, Nummer sieben wechselt die Mannschaft.

EIN HERR

Start.

EIN HERR

senkt die rote Fahne.

Anwachsender Lärm. Dann Händeklatschen und Pfeifen.

EIN HERR

Die Schwachen müssen auch mal gewinnen.

EIN HERR

Es ist gut, daß die Großen sich zurückhalten.

EIN HERR

Die Nacht wird ihnen noch zu schaffen machen.

EIN HERR

Die Aufregung unter den Fahrern ist ungeheuer.

EIN HERR

Es läßt sich denken.

EIN HERR

Passen Sie auf, diese Nacht fällt die Entscheidung.

EIN HERR

achselzuckend.

Die Amerikaner sind noch frisch.

EIN HERR

Unsere Deutschen werden ihnen schon auf den Zahn fühlen.

EIN HERR

Jedenfalls hätte sich dann der Besuch gelohnt.

EIN HERR

durchs Glas.

Jetzt ist die Loge klar.

Alle bis auf den Herrn mit dem Megaphon ab.

EIN HERR

mit einem Zettel.

Das Resultat.

DER HERR

durchs Megaphon.

Prämie aus der Bar: fünfzig Mark für Nummer elf, dreißig Mark für Nummer vier.

Musiktusch.

Pfeifen und Klatschen.

Die Brücke ist leer.

Ein Herr kommt mit Kassierer. Kassierer im Frack, Frackumhang, Zylinder, Glacés; Bart ist spitz zugestutzt; Haar tief gescheitelt.

KASSIERER

Erklären Sie mir den Sinn —

DER HERR

Ich stelle Sie vor.

KASSIERER

Mein Name tut nichts zur Sache.

DER HERR

Sie haben ein Recht, daß ich Sie mit dem Präsidium bekannt mache.

KASSIERER

Ich bleibe inkognito.

DER HERR

Sie sind ein Freund unsres Sports.

KASSIERER

Ich verstehe nicht das mindeste davon. Was machen die Kerle da unten? Ich sehe einen Kreis und die bunte Schlangenlinie. Manchmal mischt sich ein anderer ein und ein anderer hört auf. Warum?

DER HERR

Die Fahrer liegen paarweise im Rennen. Während ein Partner fährt —

KASSIERER

Schläft sich der andere Bengel aus?

DER HERR

Er wird massiert.

KASSIERER

Und das nennen Sie Sechstagerennen?

DER HERR

Wieso?

KASSIERER

Ebenso könnte es Sechstageschlafen heißen. Geschlafen wird ja fortwährend von einem Partner.

EIN HERR

kommt.

Die Brücke ist nur für die Leitung des Rennens erlaubt.

DER ERSTE HERR

Eine Stiftung von tausend Mark dieses Herrn.

DER ANDERE HERR

Gestatten Sie mir, daß ich mich vorstelle.

KASSIERER

Keineswegs.

DER ERSTE HERR

Der Herr wünscht sein Inkognito zu wahren.

KASSIERER

Undurchsichtig.

DER ERSTE HERR

Ich habe Erklärungen gegeben.

KASSIERER

Ja, finden Sie es nicht komisch?

DER ZWEITE HERR

Inwiefern?

KASSIERER

Dies Sechstageschlafen.

DER ZWEITE HERR

Also tausend Mark über wieviel Runden?

KASSIERER

Nach Belieben.

DER ZWEITE HERR

Wieviel dem ersten?

KASSIERER

Nach Belieben.

DER ZWEITE HERR

Achthundert und zweihundert.

Durchs Megaphon.

Preisstiftung eines ungenannt bleiben wollenden Herrn über zehn Runden sofort auszufahren: dem ersten achthundert — dem zweiten zweihundert. Zusammen tausend Mark.

Gewaltiger Lärm.

DER ERSTE HERR

Dann sagen Sie mir, wenn die Veranstaltung für Sie nur Gegenstand der Ironie ist, weshalb machen Sie eine Preisstiftung in der Höhe von tausend Mark?

KASSIERER

Weil die Wirkung fabelhaft ist.

DER ERSTE HERR

Auf das Tempo der Fahrer?

KASSIERER

Unsinn.

EIN HERR

kommend.

Sind Sie der Herr, der tausend Mark stiftet?

KASSIERER

In Gold.

DER HERR

Das würde zu lange aufhalten.

KASSIERER

Das Aufzählen? Sehen Sie zu.

Er holt eine Rolle heraus, reißt sie auf, schüttet den Inhalt auf die Hand, prüft die leere Papierhülse, schleudert sie weg und zählt behende die klimpernden Goldstücke in seine Handhöhle.

Außerdem erleichtere ich meine Taschen.

DER HERR

Mein Herr, Sie sind ein Fachmann in dieser Angelegenheit.

KASSIERER

Ein Detail, mein Herr.

Er übergibt den Betrag.

Nehmen Sie an.

DER HERR

Dankend erhalten.

KASSIERER

Nur ordnungsmäßig.

EIN HERR

kommend.

Wo ist der Herr? Gestatten Sie —

KASSIERER

Nichts.

EIN HERR

mit der roten Fahne.

Den Start gebe ich.

EIN HERR

Jetzt werden die Großen ins Zeug gehen.

EIN HERR

Die Flieger liegen sämtlich im Rennen.

DER HERR

die Fahne schwingend.

Der Start.

Er senkt die Fahne.

Heulendes Getöse entsteht.

KASSIERER

zwei Herren im Nacken packend und ihre Köpfe nach hinten biegend.

Jetzt will ich Ihnen die Antwort auf Ihre Frage geben. Hinauf geschaut!

EIN HERR

Verfolgen Sie doch die wechselnden Phasen des Kampfes unten auf der Bahn.

KASSIERER

Kindisch. Einer muß der erste werden, weil die andern schlechter fahren. — Oben entblößt sich der Zauber. In dreifach übereinandergelegten Ringen — vollgepfropft mit Zuschauern — tobt Wirkung. Im ersten Rang — anscheinend das bessere Publikum tut sich noch Zwang an. Nur Blicke, aber weit — rund — stierend. Höher schon Leiber in Bewegung. Schon Ausrufe. Mittlerer Rang! — Ganz oben fallen die letzten Hüllen. Fanatisiertes Geschrei. Brüllende Nacktheit. Die Galerie der Leidenschaft! — Sehen Sie doch: die Gruppe. Fünffach verschränkt. Fünf Köpfe auf einer Schulter. Um eine heulende Brust gespreizt fünf Armpaare. Einer ist der Kern. Er wird erdrückt — hinausgeschoben — da purzelt sein steifer Hut — im Dunst träge sinkend — zum mittleren Rang nieder. Einer Dame auf den Busen. Sie kapiert es nicht. Da ruht er köstlich. Köstlich. Sie wird den Hut nie bemerken, sie geht mit ihm zu Bett, zeitlebenslang trägt sie den steifen Hut auf ihrem Busen!

DER HERR

Der Belgier setzt zum Spurt an.

KASSIERER

Der mittlere Rang kommt ins Heulen. Der Hut hat die Verbindung geschlossen. Die Dame hat ihn gegen die Brüstung zertrümmert. Ihr Busen entwickelt breite Schwielen. Schöne Dame, du mußt hier an die Brüstung und deine Büste brandmarken. Du mußt unweigerlich. Es ist sinnlos, sich zu sträuben. Mitten im Knäuel verkrallt wirst du an die Wand gepreßt und mußt hergeben, was du bist. Was du bist — ohne Winseln!

DER HERR

Kennen Sie die Dame?

KASSIERER

Sehen Sie jetzt: oben die fünf drängen ihren Kern über die Barriere — er schwebt frei — er stürzt — da — in den ersten Rang segelt er hinein. Wo ist er? Wo erstickt er? Ausgelöscht — spurlos vergraben. Interesselos. Ein Zuschauer — ein Zufallender — ein Zufall, nicht mehr unter Abertausenden!

EIN HERR

Der Deutsche rückt auf.

KASSIERER

Der erste Rang rast. Der Kerl hat den Kontakt geschaffen. Die Beherrschung ist zum Teufel. Die Fräcke beben. Die Hemden reißen. Knöpfe prasseln in alle Richtungen. Bärte verschoben von zersprengten Lippen, Gebisse klappern. Oben und mitten und unten vermischt. Ein Heulen aus allen Ringen — unterschiedlos. Unterschiedlos. Das ist erreicht!

DER HERR

sich umwendend.

Der Deutsche hat's. Was sagen Sie nun?

KASSIERER

Albernes Zeug.

Furchtbarer Lärm. Händeklatschen.

EIN HERR

Fabelhafter Spurt.

KASSIERER

Fabelhafter Blödsinn.

EIN HERR

Wir stellen das Resultat im Büro fest.

Alle ab.

KASSIERER

jenen Herrn festhaltend.

Haben Sie noch einen Zweifel?

DER HERR

Die Deutschen machen das Rennen.

KASSIERER

In zweiter Linie das, wenn Sie wollen.

Hinaufweisend.

Das ist es, das ist als Tatsache erdrückend. Das ist letzte Ballung des Tatsächlichen. Hier schwingt es sich zu seiner schwindelhaften Leistung auf. Vom ersten Rang bis in die Galerie Verschmelzung. Aus siedender Auflösung des einzelnen geballt der Kern: Leidenschaft! Beherrschungen — Unterschiede rinnen ab. Verkleidungen von Nacktheit gestreift: Leidenschaft! — Hier vorzustoßen ist Erlebnis. Türen — Tore verschweben zu Dunst. Posaunen schmettern und Mauern kieseln. Kein Widerstreben — keine Keuschheit — keine Mütterlichkeit — keine Kindschaft: Leidenschaft! Das ist es. Das ist es. Das lohnt. Das lohnt den Griff — das bringt auf breitem Präsentierbrett den Gewinn geschichtet!

EIN HERR

kommend.

Die Sanitätskolonne funktioniert tadellos.

KASSIERER

Ist der Kerl stürzend zermahlen?

EIN HERR

Zertreten.

KASSIERER

Es geht nicht ohne Tote ab, wo andere fiebernd leben.

EIN HERR

durchs Megaphon.

Resultat der Preisstiftung des ungenannt bleiben wollenden Herrn: achthundert Mark gewonnen von Nummer zwei — zweihundert Mark von Nummer eins.

Wahnsinniger Beifall. Tusch.

EIN HERR

Die Mannschaften sind erschöpft.

EIN HERR

Das Tempo fällt zusehend ab.

EIN HERR

Wir müssen die Manager für Ruhe im Felde sorgen lassen.

KASSIERER

Eine neue Stiftung!

EIN HERR

Später, mein Herr.

KASSIERER

Keine Unterbrechung in dieser Situation.

EIN HERR

Die Situation wird für die Fahrer gefährlich.

KASSIERER

Ärgern Sie mich nicht mit den Bengels. Das Publikum kocht in Erregungen. Das muß ausgenutzt werden. Der Brand soll eine nie erlebte Steigerung erfahren. Fünfzigtausend Mark.

EIN HERR

Wahrhaftig?

EIN HERR

Wieviel?

KASSIERER

Ich setze alles dran.

EIN HERR

Das ist eine unerhörte Preisstiftung.

KASSIERER

Unerhört soll die Wirkung sein. Alarmieren Sie die Sanitätskolonnen in allen Ringen.

EIN HERR

Wir akzeptieren die Stiftung. Wir werden sie bei besetzter Loge ausfahren lassen.

EIN HERR

Prachtvoll.

EIN HERR

Großartig.

EIN HERR

Durchaus lohnender Besuch.

KASSIERER

Was heißt das! bei besetzter Loge?

EIN HERR

Wir beraten die Bedingungen im Büro. Dreißigtausend dem ersten, fünfzehntausend dem zweiten — fünftausend dem dritten.

EIN HERR

Das Feld wird in dieser Nacht gesprengt.

EIN HERR

Damit ist das Rennen so gut wie aus.

EIN HERR

Jedenfalls: bei besetzter Loge.

Alle ab.

Mädchen der Heilsarmee kommt.

Gelächter der Zuschauer. Pfiffe. Rufe.

MÄDCHEN

anbietend.

Der Kriegsruf — zehn Pfennig, mein Herr.

KASSIERER

Andermal.

MÄDCHEN

Der Kriegsruf, mein Herr.

KASSIERER

Was verhökern Sie da für ein Kümmelblättchen?

MÄDCHEN

Der Kriegsruf, mein Herr.

KASSIERER

Sie treten verspätet auf. Hier ist die Schlacht in vollem Betrieb.

MÄDCHEN

mit der Blechbüchse.

Zehn Pfennig, mein Herr.

KASSIERER

Für zehn Pfennig wollen Sie Krieg entfachen?

MÄDCHEN

Zehn Pfennig, mein Herr.

KASSIERER

Ich bezahle hier Kriegskosten mit fünfzigtausend.

MÄDCHEN

Zehn Pfennig.

KASSIERER

Lumpiges Handgemenge. Ich subventioniere nur Höchstleistungen.

MÄDCHEN

Zehn Pfennig.

KASSIERER

Ich trage nur Gold bei mir.

MÄDCHEN

Zehn Pfennig.

KASSIERER

Gold —

MÄDCHEN

Zehn —

KASSIERER

brüllt sie durchs Megaphon an.

Gold — Gold — Gold!

MÄDCHEN

ab.

Wieherndes Gelächter der Zuschauer. Händeklatschen. Viele Herren kommen.

EIN HERR

Wollen Sie selbst Ihre Stiftung bekanntgeben?

KASSIERER

Ich bleibe im undeutlichen Hintergrund.

Er gibt ihm das Megaphon.

Jetzt sprechen Sie. Jetzt teilen Sie die letzte Erschütterung aus.

EIN HERR

durchs Megaphon.

Eine neue Preisstiftung desselben ungenannt bleiben wollenden Herrn.

Bravorufe.

Gesamtsumme fünfzigtausend Mark.

Betäubendes Schreien.

Fünftausend Mark dem dritten.

Schreien.

Fünfzehntausend Mark dem zweiten.

Gesteigertes Schreien.

Dem ersten dreißigtausend Mark.

Ekstase.

KASSIERER

beiseite stehend, kopfnickend.

Das wird es. Daher sträubt es sich empor. Das sind Erfüllungen. Heulendes Wehen vom Frühlingsorkan. Wogender Menschheitsstrom. Entkettet — frei. Vorhänge hoch — Vorwände nieder. Menschheit. Freie Menschheit. Hoch und tief — Mensch. Keine Ringe — keine Schichten — keine Klassen. Ins Unendliche schweifende Entlassenheit aus Fron und Lohn in Leidenschaft. Rein nicht — doch frei! — Das wird der Erlös für meine Keckheit.

Er zieht das Bündel Scheine hervor.

Gern gegeben — anstandslos beglichen!

Plötzlich lautlose Stille.

Nationalhymne.

Die Herren haben die Seidenhüte gezogen und stehen verneigt.

EIN HERR

tritt zum Kassierer.

Händigen Sie mir den Betrag ein, um die Stiftung jetzt sofort ausfahren zu lassen.

KASSIERER

Was bedeutet das?

DER HERR

Was, mein Herr?

KASSIERER

Dieses jähe, unvermittelte Schweigen oben und unten?

DER HERR

Durchaus nicht unvermittelt: Seine Hoheit sind in die Loge getreten.

KASSIERER

Seine Hoheit — in die Loge — —

DER HERR

Um so günstiger kommt uns Ihre bedeutende Stiftung.

KASSIERER

Ich denke nicht daran, mein Geld zu vergeuden!

DER HERR

Was heißt das?

KASSIERER

Daß es mir für die Fütterung von krummen Buckeln zu teuer ist!

DER HERR

Erklären Sie mir —

KASSIERER

Dieser eben noch lodernde Brand ausgetreten von einem Lackstiefel am Bein Seiner Hoheit. Sind Sie toll, mich für so verrückt zu halten, daß ich zehn Pfennig vor Hundeschnauzen werfe! Auch das wäre noch zu viel. Einen Fußtritt gegen den eingeklemmten Schweif, das ist die gebotene Stiftung!

DER HERR

Die Stiftung ist angekündigt. Seine Hoheit warten in der Loge. Das Publikum verharrt ehrfürchtig. Was soll das heißen?

KASSIERER

Wenn Sie es denn nicht aus meinen Worten begreifen — dann werden Sie die nötige Einsicht gewinnen, indem ich Ihnen mit einem Schlage ein einwandfreies Bekenntnis meinerseits beibringe!

Er treibt ihm den Seidenhut auf die Schultern.

Ab.

Noch Hymne. Schweigen. Verbeugtsein auf der Brücke.