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Von Sonnen und Sonnenstäubchen

Chapter 7: Der erste Vogel.
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About This Book

A collection of lyrical essays and field sketches blends popular scientific explanation with philosophical meditation, moving in scale from the Milky Way to microscopic sea life. It explores astronomical panoramas, the geological shaping of landscapes, fossil and extinct animals, the origins of birds and mammals, deep-sea radiolarians, prehistoric diets and habitats, animal culture and communication, and speculative life beyond Earth, all threaded with travel impressions and vivid natural observation. The pieces consistently place human life as a minute component within vast cosmic and terrestrial processes, provoking reflection on continuity between sunlight, matter, and deep time.

Der erste Vogel.

Wenn man den Reliquienschrein durchmustert, auf dem sich unsere Kenntnis der Weltgeschichte aufbaut, so meint man bisweilen ins Reich der bösen Kobolde verschlagen zu sein.

Wunderbare Dichtungen, die wie herrliche Leitsprüche über der Menschheits-Entwickelung schweben, sind überliefert ohne den Namen des Verfassers. Und der Text liegt uns in der Form eines liederlichen Korrekturbogens vor, bei dem der Setzer ein Idiot und der Korrektor betrunken war. Inschriften, die uns wie ein Blitz eine ganze Kulturepoche aufhellen könnten, sind gerade an der Stelle verstümmelt, wo die Hauptsache kommt. Die Pyramide, die fünftausend Jahre lang der List der Grabschänder von zwanzig Nationen getrotzt hatte, ist vier Wochen vor ihrer wissenschaftlichen Eröffnung durch Fach-Archäologen von irgend wem ausgeräumt worden; ihr unschätzbarer Inhalt wird vielleicht einmal zwischen dem zweideutigen Gerümpel einer bekannten Fälscherbude auftauchen und unbeachtet dort verkommen. Ein Kobold führt ein Grabscheit in die Erde einer griechischen Insel, dieses Grabscheit klirrt auf etwas, wirft ein paar Steinbrocken herauf, die auf den Abfall kommen; und diese Brocken sind die Arme der Venus von Milo gewesen, die bei ihrer endlichen Auferstehung einen wahren Kultur-Triumphzug feiert, — aber leider ohne Arme. Der kühnste Aufwand der Weltgeschichte läßt einen Vesuv seine heiße Brei-Asche über eine römische Provinzialstadt regnen. Diese Stadt wird nach anderthalb Jahrtausenden entdeckt und ausgegraben. Man findet unter anderem die Bibliothek eines Gelehrten. Es wird eine besondere Methode ausgeklügelt, um die verkohlten Rollen doch noch auszuwickeln und lesbar zu machen, mit allen Hilfsmitteln der Mechanik und Chemie. Als die Rollen aber zum Teil entziffert sind, zeigt sich, daß der Besitzer gerade dieser Bibliothek den einseitigsten Geschmack hatte und bloß engste epikureische Philosophie besaß, statt der verlorenen Sophokles-Tragödien, dem vollständigen Livius — oder gar dem Ur-Evangelium.

Will man gerecht sein, so muß man freilich auch neben den bösen an gute Kobolde glauben, wie im Märchen.

Ein braver Hausgeist mindestens läßt Schliemann, der unter beinah komischen Voraussetzungen den Hügel von Hissarlik nach „Troja“ durchsucht, einen weltgeschichtlichen Komposthaufen von mindestens fünf Städten aufdecken, der, wenn nicht Troja, so doch ein ganzes Kapitel Menschheit wirklich gibt. Und ein ebenso freundlicher läßt die Aegyptologen 1881 ein wüstes Diebsversteck mit Beschlag belegen, wobei die Mumie Ramses des Großen aus der Diebsbeute fällt.

Wenn irgend einer, so hat auch der Naturforscher von solchen Dingen in Gut und Böse ein Lied zu singen. Seit einem Jahrhundert jetzt wühlt er einer „verlorenen Handschrift“ nach, — der Handschrift der Erde.

Blätter von Schiefergestein, ohne Einband, mit wüsten Rissen, hier und da nur ein geheimnisvoller Buchstabe, verzerrt, halb zerpreßt, die Schrift von furchtbaren Mäusen zernagt: Bewegungen der Erdrinde, losdonnernden Vulkanen mit Basaltregen, nachträglichem Faltenwurf, bei dem die Erdrinde sich hob, senkte, platzte, Risse bildete wie eine Rhinozeroshaut. Und dazu auch diese Bibliothek, wie jene von Herkulaneum, niemals vollständig, gleichsam ein wahlloses Liebhaberprodukt, das die Kobolde zusammengetragen.

Einmal haben sie doch wohl gewollt, diese Hausgeister auch der Geologie.

In Berlin, in der Invalidenstraße, im Museum für Naturkunde, ist ein kleines Plätzchen, ein Inselchen im großen Getriebe der Weltenschicksale und ihrer Koboldarbeit. Da glaubt man an gute Geister.

Das Berliner Museum für Naturkunde ist an sich schon eine Insel im wilden Trubel der Großstadt, eine Geistes-Insel. Wenn es nur in seinen öffentlichen Besuchsstunden nicht so geisterhaft öde wäre. Gerade der Fleck, den ich jetzt in ihm meine, der, wo die ältesten Ungeheuer, die Vorsintflutler von Ichthyosaurus- und Mammuts-Tagen stehen, kommt mir immer selbst wie eine graue, leere, hallende Katakombe vor. Der Berliner hat dieses Museum so recht noch gar nicht entdeckt. Die Art und Weise, wie hier volkstümliche Wissenschaft dargebracht wird, ist daran gewiß nicht schuld. Zwar der Bau selbst, 1887 vollendet, ist etwas wunderlich. Er wurde im Umriß fertig gestellt, ehe sich der rechte Mann fand, den schönen Inhalt hineinzuordnen, der alte treffliche Karl Möbius. So sieht man jetzt noch wunderliche Arabesken: ungeheure, auf Massen berechnete Treppen führen zum Oberstock, aber dieser Oberstock ist (nach sehr weiser Möbius’scher Einteilung) dem großen Publikum gar nicht nötig und also auch nicht zugänglich, und so scheint der Zweck dieser wunderbaren Raumverschwendung wesentlich die äußerst üppige Erhellung eines Schildes „Hier ist kein Aufgang“. In der Sammlung selbst läßt dafür die oberste Pflicht des Baumeisters für Museen, die Beleuchtung, aufs empfindlichste zu wünschen. Und so wäre noch manches von den Schatten, echten und idealen, des Gebäudes zu verzeichnen. Aber um so gewaltiger die geniale Kraft, wie nun eine köstliche Sammlung in diese Hallen eingegliedert ist, — mit allen Mitteln systematischer, ästhetischer und auch echt volkstümlicher Aufstellungskunst. Nichtsdestoweniger: die Brote und Fische, die Tausende nähren können, sind da, — aber die Tausende fehlen. Mir ist das Museum ein Ort, wo man seinen Schritt hallen hört, — wohin man sich aus dem Geklingel der Straße rettet zur Einsamkeit. Die Zeit änder’s! Doch davon wollte ich hier nicht eigentlich reden.

Also in der paläontologischen Abteilung dieses Museums ist der engere Fleck, den ich meine.

Der Saal ist für den Laien nicht gerade äußerlich aufregend.

Berlin hat vorläufig keine gigantischen Zugstücke, kein ganzes Mammut oder Mastodon, kein Megatherium, nicht einmal die nötigen imponierenden Gipsabgüsse. Im Grunde des Saales steht ein kleines braunes Nilpferd-Gerippe von Madagaskar, das dem Besucher zunächst nicht viel mehr sagt, als das etwas hellere vom lebenden Nilpferd im Lichthofe nebenan. In Wahrheit ist es freilich einer jener ausgestorbenen Herren, die auf der großen Wunderinsel ihrer Zeit noch mit dem auch jetzt verschollenen Riesenvogel Aepyornis zusammen die Ufer der Binnenseen unsicher machten. Dieser Riesenvogel selber war wieder ein naher Verwandter der großen Moa-Strauße von Neu-Seeland, die inzwischen, wahrscheinlich unter Nachhilfe des hungrigen Menschen, das Zeitliche gesegnet haben gleich ihnen. Solcher Moas stehen einige, in übrigens nicht gerade bedeutenden Gerippen, links gegen das Fenster zu im Schrank. Hinter diesem freien Glasschrank aber, ganz in des Fensters Nische, ragt ein schlichter Tisch mit Glasdecke.

Der Blick des Laien begegnet zwei flachen gelblichen Steintafeln ohne jeden reklamehaften Reiz. Und doch ist das jetzt ein Ort, wo er den Hut abziehen soll. Dieser ganze Saal orientiert sich hierher als in seinen Mittelpunkt. Das ganze Museum hat kein kostbareres Objekt. Und unsichtbar über diesem Kasten schweben die Händchen des besten Schutzgeistes der ganzen Geologie.

Auf beiden Steinplatten sieht der naive Beschauer, wie mir mehrfache Erfahrung bestätigt, zunächst überhaupt nichts. Eine nähere Erläuterung ist gerade hier auf dem lateinischen Namensschilde leider nicht gegeben, und er würde also wohl ganz gleichgiltig vorübergehen, — mit jenem Museumsblick des Laien, der sich aus einem Teil Staunen über die „Masse“ der verschiedenen Naturgegenstände und zwei Teilen Langeweile vor so viel Unverständlichem chemisch zusammensetzt.

Aber einer der Museumsdiener hat ihn beobachtet, tritt hinzu und macht ihn mit Nachdruck darauf aufmerksam, diese links liegende eine Platte habe zwanzigtausend Mark gekostet. Unter der Wucht dieser goldenen Tatsache geht der Besucher also hilflos, aber willig noch einmal an den Glaskasten.

Mit Aufbietung all seines gesunden Lebenswitzes entziffert er nun wirklich auf der Zwanzigtausendmarkplatte einige lose Spuren eines denkbaren Ereignisses. Auf einem schmutzigen, klebrigen Lehmboden ist eine Krähe oder ein ähnlicher Vogel gerupft worden. Beim Hin- und Herwerfen haben sich einzelne Federn in dem Morast abgedrückt. Der Kadaver scheint schließlich am Fleck liegen geblieben und fortgefault zu sein, denn es stecken auch noch ein paar morsche Knöchelchen selber im Lehm. Das mag ja nun lange her sein, denn der Morast ist nachgerade steinhart geworden, so viel sieht man. Das Alte gilt in der Wissenschaft teuer. Aber es ist doch ein starkes Stück, solche alte Müllkastenprobe mit zwanzigtausend Mark zu bezahlen!

In Wahrheit sind diese zwanzigtausend Mark nur die Schale des Zauberwortes, das ihm einer hätte sagen müssen, nicht das Wort selbst.

Das erste Bild, das vor dieser gelben Platte auftauchen sollte, ist ein Bild aus dem heißesten Ringen der denkenden Kulturmenschheit. Andrées Ballon, der ins Ungewisse gegen den Pol zu verschwindet. Der Ballon, der mit dem großen Alpenforscher Heim an Bord die Alpen überfliegt. Der unglückliche Lilienthal, der den Märtyrertod des Einzel-Fluges stirbt, vielleicht ganz nahe an der Schwelle der Lösung. Der Mensch, der immer wieder das Organ neu und verbessert als Werkzeug baut, will auch den Vogel so erobern, den Flügel des Vogels durch ein Werkzeug — und dann, wie immer, an diesem Werkzeug mehr als bloß diesen schwachen Flügel: ein neues Weltmittel seiner Kultur. Herauf, herab vor unsern Augen wogt dieser Kampf. Er hat so viel bezwungen, der Mensch, seitdem er in grauen prähistorischen Tagen, zwischen schwarzen Eibenwäldern und roten Mammuten, das erste Werkzeug erfunden. Längst hat er das Auge des Adlers unendlich weit überboten mit seinem Fernrohr, das in die Welt der Nebelflecke dringt. Das elektrische Organ, mit dem der Aal in den Sümpfen Venezuelas sich verteidigt, ist ihm zum transatlantischen Kabel geworden, durch das er Ozeane mit dem Geistesmittel seiner Sprache durchdringt. Warum soll er nicht fliegen wie die Schwalbe, die das Mittelmeer kreuzt, wie der Albatros, der Weltmeere übersegelt, wie die Rosenmöve, die sich seit alters über die Eiswüste jenseits Franz Josefs-Land, die wir erst durch Nansen kennen, schwingt?

Gerade dieser Zukunftsflug aber führt zurück auf diesen altersgrauen Stein.

Dieser Stein ist für uns ein Grundstein. Auf ihm beginnt das Organ, das wir im Werkzeug überbieten möchten.

Diese paar Federabdrücke im einstmals weichen Schlamm, diese paar Knöchelchen, die auch der Laie schließlich herausbuchstabiert hat, sind der schattenhafte Abdruck des ältesten Vogels, den wir kennen, — des „Ur-Vogels“.

Auf diesen Knöchelchen und Federchen begann das Wirbeltier, das sich vom Fisch zur Eidechse gesteigert, ein neues Leben, — das Leben in der blauen Höhe, das Leben des Adlers, der Schwalbe, des Albatros.

Auch wir Menschen sind unserem zoologischen Bau nach Wirbeltiere. Auch unser Vogel-Flug wird, wie immer er nun werde und falls er wird, in gewisse Schranken und Gesetze dieses Wirbeltier-Baues eingegliedert bleiben. Bloß daß wir noch ein Organ mehr dazu in Arbeit setzen, als Knochen und Federn: eben das ausgesprochene Organ der Werkzeugerfindung, — das Gehirn.

Daß uns aber gerade dieser Eckpfeiler noch der ganzen Flug-Entwickelung des Wirbeltieres heute vor Augen steht, das verdanken wir einer Verkettung der Zufälle, wie sie ähnlich in der ganzen Forschung nach den Urweltsdingen nicht wiederkehrt. Um bei jenen bewußten zwanzigtausend Mark zu enden, die schließlich auch nichts gerade Alltägliches waren, mußte ein Netz des Märchens sich schon vor Millionen von Jahren anspinnen und die Kobolde der Geschichte mußten daran fortwirken bis auf unsern Tag, mit einem immer erneuten Einsatz jenes Wahren, das, mathematisch angeschaut, jedesmal das denkbar Unwahrscheinlichste war.

Es war gegen das Ende der großen erdgeschichtlichen Epoche, die man die Jura-Zeit nennt, — also in der Zeit noch des Ichthyosaurus.

Mit der Faust des Gedankens muß der Leser sich die Dinge auf deutscher Erde von damals rasch noch einmal umkneten, — Berge glätten, Land unter Wasser drücken, den Wald vertauschen und eine ganz andere Arche Noäh hineinstülpen.

Fort, noch nicht heraufgefaltet aus der runzligen Erdrinde, sind die Alpen. Zwischen Vulkaninseln mit Korallenriffen blaut das Mittelmeer bis nach Deutschland tief hinein. Schwaben und Franken liegen unter Wasser. Wo heute ein kleiner grüner Eidechs sich auf dem Schiefergestein einer Berghalde sonnt, da schäumt die Salzflut auf und es ragen der groteske Krokodilkopf, die delphinartige Rückenflosse des wilden Ur-Räubers Ichthyosaurus heraus. In den purpurnen Wassergründen unter diesem Scheusal aber blüht und wuchert allenthalben in unendlicher Ueppigkeit das Kleinleben des echten Ozeans. Winzige bunte Korallentierchen, zierlichen Röschen und Vergißmeinnicht-Sternchen vergleichbar, haben Jahrtausende lang ihre kleinen Kalkhäuschen aufeinandergehäuft, bis Untiefen entstanden sind, bei denen eine solche massive Kalkstadt der Korallenarbeit wie eine steile Festung die Gewässer durchragt. In unabsehbaren Feldern haben dicke Schwammtiere sich gesellig darum angesiedelt. Sehr tief unten, wo die Bewegung der Wellen sie nicht knicken kann, bilden herrliche gefiederte Seelilien — Tiere aus der Verwandtschaft der Seesterne, die aber auf langem wurzelnden Stiel gleich Blumen schweben — geheimnisvolle Wälder. Auch ihr fester, dauernder Bestandteil, der liegen bleibt, wenn das schöne Tier selber abstirbt, ist Kalk. In weiten Bänken liegt Muschel an Muschel, Austern und Pilgermuscheln, alle mit harten Kalkgehäusen. Aus dem freien Wasser aber regnet unablässig Kalk in mikroskopisch kleinen Teilchen frei herunter: jedes Teilchen ist das niedliche Kalkgerippe eines sonst formlosen Ur-Tiers, eines lebendigen Schleim-Klümpchens von der Sorte, wie sie heute noch in unausdenkbaren Myriaden unsern Ozean in allen Tiefen durchwimmeln und Foraminiferen genannt werden. Wie eine feine Schneedecke einheitlich reinsten Kalkschlammes legt sich diese nicht endende Fracht noch einmal über alles sonstige Kalkmaterial der Tiefe.

Lang, unfaßbar lang rauschen diese hohen Wasser der Jura-Zeit über deutsches Land und überrauschen still in all der Zeit immer dieses fort und fort schaffende, häufende, Kalk ablagernde Leben ihrer Kleinen und Kleinsten im feuchten Schoß.

Auch im Herzen des Frankenlandes, da, wo heute die Eisenbahn von München nach Nürnberg quer durchschneidet, ist es so.

Aber die Zeit läuft, wie Busch sagt, „eins-zwei-drei im Sauseschritt“.

Und eines Tages, eines Jahrtausends sagt sich hier besser, erfährt denn doch gerade diese mittelfränkische Gegend eine ganz eigentümliche Wandlung.

Die gewaltige Jura-Periode, wie gesagt, neigt sich unaufhaltsam ihrem Ende zu. Ein ungeheurer Tag der Erdgeschichte versinkt einmal wieder. Der eigentliche Anlaß zum Wechsel mag in fernen, tiefen Ursachen der ganzen Erdgestaltung, Erdentwickelung liegen. Jedenfalls macht sich hier im kleinen Frankenwinkel zunächst eine vielleicht weit voraufbrandende, aber an sich ganz unzweideutige Wirkung geltend: das Meer beginnt langsam in der Richtung von Nord nach Süd zurückzuweichen, als hätten sich ihm fern drüben in den Mittelmeergegenden, oder noch viel weiter südlich, gegen den Aequator an, neue Abzugsbecken aufgetan. Oder auch, als wölbe sich die ganze Nordhalbkugel zeitweilig höher auf und lasse ihr Naß abströmen wie ein auftauchender Seehund. Die rechte Grunderklärung wissen wir heute noch nicht. Genug aber: der Ozean sank langsam, ganz langsam etwas mehr südwärts ab.

Eines Tages stießen die Untiefen aus Kalkmasse, die von den Korallentieren aufgebaut worden waren, vom Wasser befreit als steile weiße Kalkinseln aus dem blauen Spiegel heraus. Bald aber dann in den nördlichsten Teilen unseres Mittelfranken werden auch ganze Stücke Seeboden zwischen den Korallenklippen sichtbar. Der Meeresgrund hatte seit alters hier immer eine geringe Neigung von Nord nach Süd gehabt. So kamen mit dem Sinken des Seespiegels naturgemäß zuerst die höchsten, nördlichsten Teile der Schrägfläche als „Land“ ans Licht.

Ans Licht kamen aber mit ihr die Schwammfelder, die Austernbänke, die zerbrochenen Trümmerstätten der Seelilien, endlich in unendlichen Massen der lose Schlammteppich jener mikroskopischen Kalkgerippchen der kleinsten der Kleinen, der Ur-Tierchen.

Ein ödes Land natürlich anfangs, das da aus der Sintflut stieg. Morsche Kalkmassen überall, die sich in den Jahrhunderttausenden vorher zu wahren Gesteinsschichten in der Tiefe übereinander gelagert. Und von diesem Grundmaterial im Sturmwind aufdampfend Wolken, Sandhosen von weißem Kalkstaub, zu dem jener feinste Grundschlamm sofort zerfiel. Erst allmählich brachte der Wind selber von fernem, nördlicherem, älterem Festlande Pflanzensamen herüber, der die Kalkwüste mit grünem Kleide überzog. Erst allmählich wanderten Landtiere von dort ein, fliegende Insekten, Landeidechsen, was es um diese Wende der Jurazeit eben auf trockenem Boden schon an seltsamem Getier gab zu der gleichen Periode, da die Meerflut noch einen so kuriosen Gesellen wie den Ichthyosaurus beherbergte.

Längst aber, als diese „Erregung“ des neuen Landes von Tieren und Pflanzen glücklich erfolgt war, hatte sich ein anderer natürlicher Vorgang vollzogen.

Die Wasser des Himmels, der Atmosphäre, hatten den Boden erobert, den die Wasser des Ozeans frei gegeben.

Wolken hatten sich um die alten Korallenriffe gehäuft, — diese waren ja jetzt Berge. Das Regenwasser sammelte sich oben in Mulden, sickerte in die Risse des Gesteins, trat unten am Fuße der Kalkschroffen als murmelnder Silberquell hervor. Der Quell brach sich durch das immer noch südwärts geneigte Flachland weiter Bahn, — bis er endlich das Meer doch noch erreichte. Freilich nicht mehr das tiefe, abgrundtiefe Meer, in dem einst Seelilien geblüht hatten. Sondern bloß das alte Frankenmeer auf dem Punkt seines Abzuges, — an der äußersten Stelle, da es, unablässig sinkend, die schräge Ebene des aufsteigenden Landes mit oberster Welle gerade noch beleckte. Draußen ragten überall schon einzelne trockene Korallenklippen vor. Zwischen ihnen und dem jüngsten Festlande dehnte sich der Ozean nur mehr in Form einer flachen Bucht aus, — so seicht, daß man weithin wohl schon bei einer Kahnfahrt den bunten Seegrund mit seinen Tiergärten hätte durchschimmern sehen. Menschen und Kähne gab’s freilich noch lange nicht!

In diese seichte Bucht also fiel jetzt das Flüßchen ein, das lustig plaudernde Kind der schon längst freien Kalkhügel da drinnen im Lande.

Sein Süßwasser, das Geschenk der violetten Wolken da hinten, einte sich der friedlichen Salzwelle, die alle ihre Ozeanswildheit längst selber hier verloren hatte; stand sie doch schon auf dem Aussterbeetat und mußte erwarten, in wieder tausend Jahren — einer Nachtwache! — selber nur noch ein ganz stiller, rings von Festland umgebener See zu sein, der dann gar bald von den einströmenden Bergwassern auch ausgesüßt sein würde.

Einstweilen war das Wasser der mittelfränkischen Bucht allerdings noch Meer, hatte noch offenen Zusammenhang mit der ozeanischen Welt da im Süden, so sehr auch deren goldene Zeit im ganzen um schien. Noch sollte es den Bergwässerlein, und kämen ihrer noch so viele, nicht gelingen, sie diesem Versüßungs-Schicksal unrettbar auszuliefern. Aber die Silberflüßlein brachten nicht bloß Süßwasser zu ihr. Sie trugen noch etwas anderes, derberes mit. Und das mußte die Bucht sich gefallen lassen. Kam es doch zu ihr wie ein alter Bekannter.

Wo immer die Bäche sich vom Gebirge loswanden: sie waren versetzt mit Kalk.

Durch Kalkgestein hatten sie sich gewühlt, Kalk hatte der Wind mit jeder Staubwolke in sie hineingeweht, Kalk war um sie und, zerstäubt, in ihnen bis zur Meeresmündung. Wie Milch ging er in ihnen mit, und wo die Mündung sich öffnete, da schwamm er mit ins Meer, um dort, im stillen, salzigen Buchtwasser, alsbald zu Boden zu sinken.

Im Grunde war’s eine Heimkehr. Das alte Kalkmaterial der Korallen, Muscheln, Seelilien, Foraminiferen, einst im Ozean gebildet, kehrte in den Ozean zurück. Fels geworden, den der Regen peitschte, wurde es abermals Meeresschlamm. Freilich jetzt Schlamm einer Flußmündung in einer ohnehin verkommenden, verflachenden Bucht eines abziehenden Ozeans, dessen Stunde geschlagen hatte.

Hier ist jetzt die erste große Station, die uns zur Kenntnis des Ur-Vogels verholfen hat, der wundersamen Handlung erster Akt.

Also Kalk wurde von den Bächen immerfort in die seichte Bucht des fränkischen Jura-Meeres hinabgespült, Kalk lagerte sich Häutchen um Häutchen, Schicht um Schicht auf dem Boden dieser Bucht ab. Dabei aber erhielten diese feinen Kalkhäutchen ganz von selbst eine eigentümliche Rolle im Naturhaushalt dieses Winkels.

Sie wirkten nämlich als Totengräber.

Wo Wasser ist, da ist reges Leben. Das galt damals wie heute.

Zwar das Leben der tiefen See war mit dem langsamen Rückgang des hohen Meeresspiegels auch allmählich geschwunden. Aber um so üppiger grünte und tummelte sich alles, was zu solcher flachen Ozeansbucht nahe einem reich belebten Ufer gewohnheitsmäßig gehörte.

Grüne Wiesen von Seetang dehnten sich unter dem ruhigen Spiegel aus. Im Tangbusch bargen sich zahllose Fischlein, und die Krebse hatten hier so recht ihr gesegnetes Reich. Wehte der Wind von der offenen südlichen See herein, so trieb die Strömung endlose Ketten blauer oder orangeroter Quallen und Herden bunter, dem Chamäleon gleich farbenwechselnder Tintenfische landwärts mit sich. Vom Lande umgekehrt kamen mit dem Luftzug große Libellen und anderes flatterndes Getier, das wenigstens dicht über die blauen Wellen dahingaukelte.

Wiederum indessen: wo Leben ist, da ist auch ein ewiges Sterben. Generationen sinken ins Grab. Das Grab jedes losgerissenen Pflanzenblattes, jedes abgestorbenen Tier-Körpers aber war in diesem Falle immer nur wieder der Grund der Bucht, also derselbe stille Grund, den der einströmende Kalk in gar nicht so sehr langsamer Folge immer wieder schichtweise zudeckte. So wurden die feinen Kalkschichten ganz unabänderlich zugleich die Leichentücher all dieses toten Materials.

Und es gab da immerfort genug so einzusargen. Von oben fielen die Libellen und andere Land- und Lufttiere, vom Sturm überwältigt, ins Wasser, ertranken und gerieten auf den Grund. Aus dem Tang-Wald kamen tote Fische, tote Krebse herab, dazwischen losgeschaukelte Zweiglein der Tangpflanzen selbst. Auch der einströmende Kalkbach brachte wohl schon das eine oder andere Kirchhofsgut mit: einen Cypressenzweig, den schönen Wedel eines Palmfarrnbaumes von den Wäldern landeinwärts; oder den Kadaver einer Eidechse, die irgendwo weiter innen verunglückt war. Jeder Sturm von der Seeseite aber warf jene Quallen- und Tintenfischschwärme nicht nur in die Bucht, sondern erbarmungslos so hoch bis ins äußere Strandwasser hinauf, daß sie sich die zarten Fangarme und weichen Leiber elendiglich am Sande zu Fetzen schlugen, — auch sie eine Beute dann des ewig nivellierenden, schnell zudeckenden Kalkschlammes.

Die Schichten des Kalkes wurden allmählich ganz von selber ein Herbarium, ein Museum.

Weich, wie sie zunächst waren, nahmen sie die Umrißgestalt aller der kleinen Leiblein, die da in ihren Arm fielen zum ewigen Schlaf, wie durch eine Art feinsten Naturselbstdruckes in sich auf. War auch der Leib selber längst entschwunden, so wahrte der Kalk an seiner Stätte doch noch das treueste, das feinste Schattenbild.

Die Natur hat ja auch in späteren Tagen noch manchesmal Mittel und Wege gefunden, in einer wenigstens verwandten Weise Lebensumrisse durch Steinabdruck aufzubewahren. Das wunderbarste Beispiel aus unserer Menschheitsgeschichte sind die Leichen aus der Römerstadt Pompeji, die vielleicht der eine oder andere Leser aus eigener Anschauung kennt. Als Pompeji im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vom Vesuv verschüttet wurde, ergoß sich ein Gemisch von vulkanischer Asche und kochendem Wasser breiartig über arme Flüchtlinge, die sich verspätet hatten. Sie erstickten im heißen Brei. Als dann die weiche Masse, die ihre Leiber wie zäher Teig umhüllte, allmählich hart wurde, blieb der Abdruck, die Form eines jeden Menschenkörpers wie eine grausige Totenmaske im Stein stehen. Nach achtzehnhundert Jahren, als Pompeji ausgegraben wurde, geriet man auf diese zwangsweisen Gräber. Die Körper selbst in ihrer Höhle waren längst zermorscht bis auf schlotternde Gerippe. Aber die Höhlung mit ihrem Körperrelief war um jedes Gerippe her noch treu da. Man bohrte sie an, goß flüssiges Gips hinein und gewann so künstliche Ausgüsse, die, als man die versteinte Aschenmasse jetzt herunterschlug, grausig realistische Umrißbilder der Leichen im Todeskampf ergaben: ein schönes junges Mädchen, einen alten Mann und anderes; auch ein Hund, der zuckend die Beine über den Kopf schlägt, ist dabei. So stehen diese armen Zeugen eines Schreckenstages heute im Museum zu Pompeji.

Im Grunde jener fränkischen Bucht muß das Natur-Verfahren aber noch sehr viel intimer, viel sorgfältiger gewesen sein.

Jedes Fiederblättchen, jedes durchsichtige Libellenflügelchen kam in dem butterweichen Kalkbrei zum zierlichsten Abdruck. Selbst die Qualle, die doch tot wie ein Gallerttropfen alsbald dahinschwindet, daß keiner ihre Spur mehr ahnt, prägte ihre charakteristische Gestalt gerade noch ab, ehe sie zerfloß. Und die Krebse, die Fische, die Tintenfische (der Tintenfisch ist kein Fisch, sondern ein schneckenartiges Weichtier!) malten sich auf, als hätte sie einer zuerst in braune Farbe getaucht und dann so fest gegen eine frisch gestrichene weiße Wand gepreßt, daß jedes Spitzchen und Fühlerchen der Silhouette nur ja haarscharf herauskomme.

Es war in diesem Kalkgrunde, als schreibe und drucke die fränkische Uferwelt der letzten Jura-Tage ihr eigenes Tagebuch, ein Tagebuch aus Photographien, Bilderbuch und Lebensbuch zugleich.

Aber selbstverständlich: so reizend exakt wie dieses Tagebuch auf Kalkblättern wurde, — es wurde zunächst unabänderlich ein ganz verborgenes Tagebuch, ein Geheimbuch. Hatte sich heute eine feine Kalkhaut wie ein Herbariumblatt über einen Tangzweig oder eine Hummerschere gelegt, so lagerten sich morgen schon wieder neue Häutlein darüber und übermorgen abermals welche. Abdruck um Abdruck verschwanden so alsbald wieder in dem stets dicker anschwellenden Folianten, ohne daß irgend ein Wesen damals in dem Wassergrün und Himmelsblau oben darüber ein Interesse daran gehabt hätte, die steinerne Familienbibel noch einmal aufzublättern.

Denn es fehlte ja gänzlich noch auf dieser Erde das große „Interessen-Wesen“, — der Mensch.

Und der fehlte noch lange.

Jahrmillionen rauschten dahin. In ihnen versiegten schließlich die Kalkbäche, in ihnen schwand die ganze fränkische Meeresbucht. Das Getier, das sie belebt hatte, starb aus oder stellte sich selber durch Fortentwickelung so gründlich auf den Kopf, daß keiner es mehr wieder gekannt hätte. Zuletzt gab es in ganz Franken und weiter in ganz Deutschland kein Land mehr mit Cypressen- und Palmfarrn-Wäldern, und es gab auch kein Meer mehr tief drinnen im Lande, weder tiefes, noch seichtes.

Da, wo die Frankenbucht einst in der Sonne geglitzert, bildete der alte Grund der Bucht jetzt soliden deutschen Vaterlandsgrund, den die Berghacke als festen Kalkstein aufschlug.

Hoch über der uralten Familienbibel aus Jura-Tagen grünte stattlicher deutscher Wald.

Und alle die alten Seiten, zwischen denen die Portraits der mythisch urältesten Cypressenzweige, Tangbüschel, Fische, Krebse und Quallen immer noch fein säuberlich eingedruckt lagen, stellten zäh miteinander verwachsen einen ungeheuren Gesteinsblock dar, fremd und gleichgültig jetzt erst recht zunächst für das neue Geschlecht wimmelnder Erdwesen, das als „Mensch“ sich Straßen durch die Täler dieses Frankenlandes baute, Dörfer gründete und für Berg und Tal und Fluß Namen erfand.

Nun wird die Geschichte fromm. Der heilige Sola, ein Schüler des Bonifatius, lebt als Eremit im Lande. Von ihm heißt heute ein Ort im Herzen des klassischen Bodens Solnhofen. Es wird der Heiligkeit des Mannes keinen Abbruch tun, wenn man versichert, daß er weder von einer Jura-Zeit noch von einem eventuell in diesem Erdenschoße verborgenen Tagebuche dieser Zeit auch nur die leiseste Ahnung besessen habe.

Uns aber tut not, daß wir auch über den heiligen Sola hinweg noch tausend und einige Jahre springen bis auf einen zweiten Menschen, der zwar nicht heilig gesprochen worden ist, aber trotzdem ein unverkennbar wertvolles Glied der Menschheit war, — nämlich auf den braven Aloys Senefelder.

Hier beginnt das zweite Kapitel des weltgeschichtlichen Romans.

Senefelder glückte nämlich etwas, was der heilige Sola wahrscheinlich in der Zukunftsperspektive so wenig geahnt hatte, wie er rückschauend die fränkische Bucht des Jura-Meeres gekannt hatte. Er machte den Ort Solnhofen von einem Tag zum andern weltberühmt, ja einzig in seiner Art. Er schuf einen Zusammenhang zwischen der gesamten Menschheitskultur und diesem unscheinbaren verborgenen fränkischen Dorfe.

Senefelder erfand nämlich um den Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts die Kunst der Lithographie, die Kunst, auf Stein zu zeichnen und durch bestimmte genial vereinigte Methoden von solcher Zeichnung beliebige Abbilder mit Hilfe des Steines selbst zu drucken.

Diese Erfindung aber war im buchstäblichen Sinne einer einzigen Stein-Art der Welt „auf den Leib“ erfunden, und das war der Kalkstein von Solnhofen. Er allein bot die wahren Grundlagen des neuen Verfahrens, er ließ sich entsprechend färben und bearbeiten, daß die „lithographische Platte“ wirklich entstand, er ließ sich ohne Ausfaserung haarscharf schneiden, er ließ sich in der Druckpresse unglaublich belasten, ohne zu springen, — kurz, die neue Kunst hätte besser den Namen „Solnhofener Kunst“ als allgemein Steindruck verdient, so eng gehörte gerade dieser Stein als Grundlage dazu. Heute noch, nach hundert Jahren und nach unzähligen Versuchen, in denen alle Nationen gewetteifert haben, steht der Stein Frankens ohne ernstliche Konkurrenz da, ein deutsches Nationalprodukt so ausgesprochen wie wenige. Die ganze Welt holt ihre Platten aus Solnhofen und nicht auszusagen ist der Gewinn, den Kunst wie Wissenschaft der gesamten Kultur in diesen hundert Jahren diesem ihrem wahren „Bilderstein“ danken.

Wunderbares Zusammentreffen der Dinge! Am Tage, da Aloys Senefelder seinen Fund der Oeffentlichkeit offenbarte, stand also in der Notwendigkeit der Folgen fest geschrieben, gleichsam lapidar in Stein geritzt: daß auf der Hochfläche westlich von Solnhofen und noch an einigen anderen Punkten unbedeutend weiter davon der Wald fallen werde, die Picke einsetzen und Steinbruch um Steinbruch sich in den Boden eingraben werde, — daß der Mensch mit seiner ganzen fabelhaften Zähigkeit sich über diesen Block alten Jurakalkes stürzen und ihn Platte für Platte herausbauen werde, als sei die Parole ausgegeben: hier liegt Gold. Es lag ja bares Gold tatsächlich genug darin neben allem Kunst- und Wissenschaftszweck. Und bei dieser Gelegenheit also mußten jetzt das gesamte Tagebuch von Anno dazumal, die gesamten Chronikblätter der Familienbibel jener Ichthyosaurus-Zeit mit zutage kommen, Seite um Seite, mit all ihren Fratzen-Bildern und urweltlichen Handschriften — zutage kommen mitten im hellen Licht des neunzehnten Jahrhunderts.

Wohl schien der Sinn dieser Auferstehung zunächst noch etwa vergleichbar jener Art, wie in barbarischen Tagen köstliche Pergamente alter Klassiker-Handschriften wohl behandelt worden sind: Schülerhände benutzten die alten Pergamentblätter noch einmal rein als „Papier“ und überkritzelten die unschätzbare Handschrift mit ihren Stümpereien, als sei sie selber das absolut Gleichgültige und nur der „Stoff“ wertvoll. Aber in Wahrheit war das neunzehnte Jahrhundert doch schon viel zu klug zu solchem einseitigen Streich.

Schließlich hätte die ganze Kunst der Lithographie selber gar keinen Zweck gehabt, wenn nicht die Wissenschaft als solche gleichzeitig geblüht hätte. Und diese Wissenschaft verstand alsbald auch zum Mittel den Text.

Als Senefelder seine Erfindung machte, kam Smith in England gerade auf eine erste klare Tabelle der verschiedenen Epochen der Erdgeschichte, zu denen auch die Jurazeit gehörte. Und als die Lithographie ihren Triumphzug durch die Welt begann, da hatte Leopold von Buch schon meisterhaft diese Jurazeit aus ihren hinterlassenen Gesteinsschichten beschrieben und eingeteilt, und die neue Technik selber half die Bilder von Gerippen des Ichthyosaurus und der anderen Juraungeheuer in wissenschaftlichen Kreisen verbreiten.

Auch in den Steinbrüchen von Solnhofen ließ sich diese Stimme der Zeit nicht mehr unterdrücken.

Dem schlichten Arbeiter fiel auf, daß seine Platten, die er roh erst für den menschlichen Bilderdruck brach, des öfteren schon „illustriert“ aus dem Gestein kamen. Krebse waren darauf gemalt, Fische und allerhand anderes Getier. Langgeflügelt, aber spindeldürr von Leib zeigten sich die Bildchen riesiger Libellen, und gerade die kamen so regelmäßig wieder, daß die Leute sich bald volkstümliche Namen dafür erfanden: „Schladenvögel“ und „Stangenreiter“.

Es war das uralte Tagebuch, das langsam aufgeblättert zurückzukehren begann!

Den ersten echten Forschern, denen irgend ein Steinbruchbesitzer so eine Reliquie abließ, ward sofort klar, daß man da vor einer geologischen Handschrift ersten Ranges stehe. Und zum gleißenden Weltrufe Solnhofens trat gar bald noch ein feinerer, vergeistigter Schmelz: der Ruf als Fundstätte von Tier- und Pflanzenresten der Jurazeit in einer Art der Erhaltung, wie sie eben auch nur dieser köstlichste lithographische Kalkschiefer einmal in der ganzen Welt uns gewährte. Die Museen meldeten sich, man bot stattliche, immer gesteigerte Summen für jede schon von der Natur bemalte Platte.

Und so begann denn die wahre Auferstehung der fränkischen Bucht in ihrem ganzen Inhalt und Sinn. Wie ein echter Kodex des Tacitus oder Aristoteles kam jede Seite ihres Tagebuchs unter Glas und Rahmen, und hundert Weise der Weisesten schrieben den Kommentar dazu, der bald selbst wieder dicke Bände füllte.

Hier jetzt ist der Punkt, wo die engere Geschichte unseres Ur-Vogels erst möglich wird, — auf so weitem Umweg vom Stoff zum Geist.

Es war im Jahre 1860.

Man hatte jetzt, dank der Forschung von hundert Jahren und dank gewissen großartigen Fundstellen, ein ziemlich klares Bild von der längstverflossenen Jura-Zeit. Man träumte sich mit mehr oder weniger „wissenschaftlicher Exaktheit“ in ihre Länder und Meere zurück, meinte ihre Araukarien- und Cycadeen-Wälder in Deutschland wieder rauschen zu hören und wußte nachgerade sehr gut, daß bei Solnhofen einmal eine flache Meeresbucht bestanden hatte und in Schwaben einmal ein tiefes Meer, durch das der Ichthyosaurus scharenweise dahingeschwänzelt war.

Man hatte aber auch sonst Ideen über allerlei, kluge und dumme, wie das der Weltweisheit besonders in Geschichtsfragen so der Lauf ist.

Man hatte unwiderleglich klar vor Augen, daß in der Jura-Zeit vieles grundverschieden gewesen sei von heute. Dieser Solnhofener Kalkschlamm hatte die zarteste gallertige Qualle abkonterfeit und selbst die flüchtige Fußspur bewahrt, die zur Ebbezeit ein spazierenwandelndes Reptil in ihn abgedrückt, ganz richtig die alten Tatzen, wie ein Mensch etwa in die berüchtigte rote Erde Westfalens nach einem braven Landregen die Nägel seiner Schuhsohlen drückt. Aber keine Rede, daß in diesem Juramorast wirklich schon einmal auch ein zierliches Menschenfüßchen mitversteinert sich fände. Man merkte recht wohl: Menschen hatte es damals nun ganz gewiß noch nicht gegeben. Dafür fand man Tiere vom Volk der Eidechsen, der Reptile in den aufdringlichsten Mengen, und man hatte sich längst gewöhnt, die ganze Jura-Zeit als die recht eigentliche Blütezeit der Reptilien zu bezeichnen.

Das Reptil steht aber in der Reihe der höheren und höchsten Tiere, der sogenannten Wirbeltiere, immerhin noch ziemlich tief bei der Rangordnung unseres Systems.

Diese Rangordnung wird wesentlich durch den Gedanken bestimmt, daß der Mensch die Krone aller Lebensentfaltung sei. An ihm mißt man unwillkürlich. Dem Menschen stehen nun Säugetier und Vogel sehr viel näher als eine Eidechse oder Schildkröte. Sie haben dauer-warmes Blut wie er, ihr Gehirn ist viel verwickelter gebaut und was der Merkmale mehr sind.

Da nun die Jura-Periode so aufdringlich gerade Eidechsen und verwandte Reptile wies, nahm man also an, die ganze Tierwelt sei damals gleichsam noch um eine Stufe zurück gewesen. Zu den höchsten Wirbeltieren „habe es noch nicht recht gelangt“, — einerlei nun, wie man sich dieses „es“ damals ausmalen wollte. Der Glaube an Darwins Entwickelungsgesetze war ja 1860 erst in den nüchternsten, allerdünnsten Anfängen, und die meisten Naturforscher neigten viel mehr zur Annahme übernatürlicher Eingriffe bei Vernichtung wie Entstehung der Tierwelt in den verschiedenen Epochen der Erdgeschichte.

Jedenfalls aber schienen die Tatsachen so viel zu lehren, daß sowohl Vögel wie Säugetiere damals nur erst eine ganz untergeordnete, wenn nicht gar keine Rolle gespielt hätten.

Von Säugetieren besaß man neuerdings ein paar einzelne versteinerte Unterkiefer aus Gestein der Jura-Zeit, aber das war auch alles. Sie gehörten der nahezu niedrigsten Säugergruppe, den Beuteltieren, an und schienen noch ganz vereinzelte Vorläufer erst anzudeuten.

Von Vögeln aber wußte man überhaupt eigentlich noch nichts rechtes aus so entlegener Zeit. Da waren wohl ein paar riesige dreizehige Fußstapfen auf uralten Steinplatten gelegentlich (nicht in Solnhofen) entdeckt worden. Waren es Vogelspuren? Von ungeheuern, beinahe haushohen Störchen?

Die einen ließen es zu, die andern bestritten es. Und diese andern haben recht behalten. Denn was da herumgestapft war, sind, wie wir heute wissen, auch nur Reptilien gewesen, zehn Meter lange Saurier, die nach Art der Känguruhs auf den Hinterbeinen hüpften.

Um so mehr mußte bei solcher Sachlage nun ein kleiner Fund in Erstaunen setzen, der im genannten Jahre so recht nebensächlich wie etwas ganz Harmloses zwischen all den Fischen, Krebsen und „Stangenreitern“ von Solnhofen auftauchte.

Auf einer frischgebrochenen lithographischen Platte zeigte sich ein zierliches Federchen.

Den Fisch erkennt man an den Flossen, den Vogel an der Feder, lautet ein altes Wort der Volksnaturgeschichte. Für den Fisch stimmt es ja nun nicht ganz, und das ist eine Quelle ungezählter Mißverständnisse geworden. Denn der Walfisch zum Beispiel hat auch, äußerlich angeschaut, Flossen, und doch ist er ein so echtes Säugetier wie jede Katze oder jedes Meerschweinchen. Um so mehr hat der Satz aber seine Richtigkeit für den Vogel. Ein Tier, das Federn trüge, gibt es in der Tat außer dem Vogel nicht.

Wir wissen heute so genau, wie man überhaupt auf solchen Gebieten etwas weiß, daß die Feder nichts wesentlich anderes darstellt, als eine umgewandelte, verfeinerte, höheren Bedürfnissen angepaßte Schuppe, also etwa als eine Eidechsenschuppe. Aber ein Tier, das bei seiner Körperbedeckung gerade diese höchst charakteristische Umwandlung durchgemacht hätte, kennen wir außer dem Vogel schlechterdings nicht.

Fragte sich also bloß, ob jenes Naturselbstdruck-Bildchen im Solnhofener Stein eine echte Feder war.

War es nicht doch ein täuschend ähnliches Pflanzenblatt?

Es ist anzunehmen, daß das einen langen und vielleicht aussichtslosen Gelehrtenzwist gegeben hätte, wäre das treue Bilderbuch von Solnhofen nicht wenig hinterher abermals helfend eingesprungen.

In einem Steinbruch der sogenannten Langenaltheimer Haardt nahe bei Solnhofen kam schon im nächsten Jahre, also 1861, eine größere Platte zutage, die denn nun den allersonderbarsten Anblick gewährte.

Eine Anzahl wüst zerstreuter Knochenteile. Und darum herum der denkbar deutlichste Abdruck einer ganzen Masse von Federn!

Ein Arzt in Solnhofen, Ernst Häberlein, trat als glücklicher Besitzer der Wunderplatte auf. Er schickte die allgemeine Kunde davon in die Welt, verlangte aber einen kolossalen Preis. Gelehrte dürften das Ding besehen, aber einstweilen nicht abzeichnen. Der Fachforscher Oppel kam als Erster hinzu. Da er nicht nach dem Original zeichnen durfte, machte er einen Hauptstreich; er lernte das ganze Bild bis in jede Einzelheit auswendig und zeichnete es — eine Prachtleistung — daheim aus dem Gedächtnis nieder. Auf Grund dieser ersten wissenschaftlich ernst zu nehmenden Skizze gab dann Andreas Wagner in München dem „neuen Tier“ einen lateinischen Namen.

Die Umstände waren aber so sonderbare, daß ein dritter Fachmann, der Zoologe Giebel, rundweg die ganze Platte für regelrechten Schwindel erklärte. Oppels Zeichnung wies, so schien es, Eidechsenknochen mit Federn vereint. Wagner hatte also auf eine befiederte Eidechse geraten. Das wollte aber Giebel, der ein Fanatiker der natürlichen Schranken im System der Tiere war, nicht in den Kopf. Wenn die Knochen von einer Eidechse stammten, so waren die Federn hinzugelogen! Menschliche Kunst hatte sie nachträglich in den echten Fund „hineinlithographiert“!

Dieses Hin und Her der Ideen machte eine ferne Geldmacht sich zu Nutzen: ehe noch die Oppel und Giebel sich geeinigt hatten, hatte das Britische Museum zu London auf den Rat seines großen Helfers Richard Owen hin das Streitobjekt für bare 14000 Mark angekauft.

Es ist die Platte, die heute in unserm Berliner Museum im Kasten rechts in einer täuschend ähnlichen Gips-Nachahmung steht. Das Original ist heute noch in London.

Die Platte mit dem seltsamen Tier war echt. Darüber blieb kein Zweifel weiter.

Aber sie war zugleich unverkennbar schlecht.

So köstlich sonst der Solnhofener Stein seine Abdrücke zu liefern pflegte und so fein er sich auch hier darin bewährt hatte, daß die zarten Vogelfedern tatsächlich wie auf einer von Menschenhand besorgten Lithographie zum Ausdruck kamen, — der Gegenstand selber war diesmal ein überaus mangelhafter gewesen schon damals, als der Kalkschlamm ihn deckte.

Ein geflügeltes, vogelähnliches Geschöpf war auf den Schlammgrund der Bucht geraten, tot jedenfalls schon, und es war im Seichtwasser, so schien es, von irgend welchen räuberischen Tieren, wahrscheinlich den Allerwelts-Totengräbern, den Krebsen, angefressen und auseinandergezerrt worden. Diese armen Krebse wußten ja nicht, daß sie einen Gegenstand zernagten, der nach Millionen von Jahren noch einmal weltgeschichtliche Bedeutung erlangen sollte. Sie verschleppten Kopf, Hals und Brust vollständig, so daß sie auf der Platte überhaupt fehlen. Den Rest aber warfen sie so hübsch durcheinander, als sollte es ein wahrer Rösselsprung für die Gelehrten werden.

Und nur ein Glück dabei: die Federn, Füße, Krallen und Wirbel hatten keinerlei kulinarisches Interesse, und so hatten wir also alles glücklich behalten, was gleichsam bei der Mahlzeit auf den Tellerrand kam. Die Naturforscher mußten genügsam sein. War es doch gerade noch genug, um sie — gründlich zu verwirren.

Der alte Professor Giebel hatte darin ganz recht gesehen: wenn’s diesen Vogel gab, dann brach ein ganzes Stockwerk menschlicher System-Kunst zusammen.

Man sah auf der schlechten Platte aufs deutlichste noch die Umrisse eines Tieres mit Federn, dessen Vorderbeine durchaus in der Art eines Vogels zu Flügeln mit großen Schwungfedern und Deckfedern umgebildet waren.

Jedermann kennt ja das charakteristische Bild eines Vogels: der Vogel fliegt mit den Vorderbeinen oder, menschlich gesprochen, den Armen und den Federn, die an den Arm- und Handknochen sitzen wie die Zähne eines großen Kammes. Mit den Hinterbeinen dagegen stützt er beim Sitzen und Laufen allein den Körper auf: er ist hier ein echter Zweibeiner.

Vogelflügel und Vogelhinterbeine ganz in diesem Sinne hatte nun das alte Rätselwesen offenbar auch gehabt. Die Hinterfüße zumal waren so gut wie gar nicht von denen eines heutigen Vogels zu unterscheiden, und auch die Schwingen selbst waren Vogel in jeder Faser. Man schloß also von hier aus unmittelbar auf ein Tier, das eine Stufe höher stand als die Eidechse, das im Leben dauernd warmes Blut und ein Herz nicht nur mit zwei Vorkammern, sondern auch zwei wohl getrennten Hauptkammern besessen hatte, — kurz, das im System als Vogel zu gelten hatte.

Ein Vogel von Krähengröße — und dieser Vogel Zeitgenosse der Ichthyosaurier.

Das war ja immerhin sehr merkwürdig, doch jenen großen System-Sturz bedingte es an sich noch nicht. Aber die Sache ging eben noch weiter und zwar ging sie gerade nicht so weiter, wie es jetzt logisch hätte sein sollen, — das heißt „logisch“ im Sinne der Tierkunde von 1861.

Auf derselben Platte lag als Bestandteil eines und desselben Tieres ein Rückgrat aus Wirbeln von der Form einer Sanduhr, wie sie in dieser Gestalt nirgendwo bei lebenden Vögeln, dagegen wohl bei Reptilien, zum Beispiel gerade beim Ichthyosaurus, vorkommen. An dieses Rückgrat schloß sich in einer Deutlichkeit, die selbst dem Laien auf der Platte auffallen muß, ein geradezu riesiger Schwanz an. Dieser Schwanz bestand aus zwanzig Schwanzwirbeln, die gegen Ende immer schlanker wurden. An jedem Wirbel saßen je zwei große Federn, so daß der ganze Schwanz etwa das Ansehen eines jener Palmwedel in unsern Begräbniskränzen gehabt haben muß.

Wir alle kennen ja unsern schönen Pfau und wissen, daß der auch einen echten Federschweif von ganz gewaltiger Länge gravitätisch hinter sich herschleppt. Aber auch beim stattlichsten Pfauhahn reicht kein Knochen in jener Weise bis tief in den Schwanz hinein, so daß die Form eines jederseits befiederten Blattes entstände. Kurz nur ist das echte Knochenschwänzchen am Gerippe des Pfaues wie bei allen lebenden Vögeln. Die Anzahl der Schwanzwirbel keines Vogels geht über neun hinaus, und allermeist spitzen selbst diese sich nicht wie ein Rattenschwanz nach hinten zu, sondern das letzte Schwanzstück bildet einen derben Knochen in der Form einer Pflugschar, von dem die großen Schwanzfedern fächerartig ausstrahlen. Auch die Länge des Pfauenschweifs ist in diesem Sinne nur ein Ergebnis der ungeheuren Länge jeder einzelnen Prachtfeder, nicht aber der wahren Länge des Schwanzknochenstücks.

Ganz anders aber auf der Platte dort. Dieses Palmblatt da war eben gar kein Pfauen- oder sonst ein großer Vogelschwanz: der lange, zugespitzte, durch und durch von knöchernen Wirbeln getragene Schwanz einer Eidechse war es, dem bloß Vogelfedern äußerlich ansaßen.

Und ein drittes Wunder, ein dritter Widerspruch. Der Flügel war ein Vogelflügel und doch war er’s in einem Punkte auch wieder nicht. Im echten Vogelflügel, sagte ich eben, stecken Arm und Hand des Vogeltieres. Aber sie stecken auch ganz darin und zumal die Hand ist völlig verarbeitet gleichsam in den Flügel hinein. Bei dem Solnhofener „Vogel“ ragte dagegen die Hand als solche noch über den Flügel hinaus, an der Flügelecke saßen drei scharfe Krallen auf getrennten Fingern, — dieses Tier konnte in gewisser Weise mit dem Flügel also auch noch greifen, sich mit ihm beim Klettern oder Kriechen festhaken. Auch dieser Vogelflügel war, mit einem Wort, noch halb eine echteste Eidechsenklaue.

Das Fazit aus all diesen Sonderbarkeiten: das neue Tier war entweder eine fliegende Eidechse mit Vogelfedern; oder es war ein Vogel mit so und so viel Merkmalen noch der nächstniedrigeren Tierklasse, der Eidechsen.

Dieses Entwederoder spiegelte sich zunächst in der wissenschaftlichen Namengebung wieder. Der Professor Wagner in München war für die befiederte Eidechse und taufte also Griphosaurus, zu deutsch der Greifer-Saurier; Saurier dabei soviel wie eidechsenartiges Tier; der Greif der bekannte Vogel der Sage.

Umgekehrt Hermann von Meyer in Frankfurt vertrat den Vogel und nannte ihn seiner Urtümlichkeit halber Archaeopteryx, das ist: Urvogel. Das griechische Wort ist, nebenbei bemerkt, weiblich, man muß also korrekt sagen: die Archäopteryx; durch die unwillkürlich untergelegte Uebersetzung in „der Urvogel“ hat sich freilich in die Mehrzahl aller Bücher der männliche Artikel eingeschmuggelt und ist heute kaum noch wieder zu verbannen.

Am britischen Museum, wo man den Schatz selber jetzt fest besaß, wurde Archäopteryx als Name übernommen und so ist diese Taufe endgültig geworden. Mit dem Zwist über die Sache war’s aber damit noch nicht getan, der ging jetzt erst recht los.

In den folgenden zehn Jahren nahm die Lehre Darwins ihren ersten Hochflug.

Die Darwinianer brachten einen ganz neuen Gärungsstoff in die Tierkunde. Wo die Systematik wackelte, da freuten sie sich, denn das war gerade ihr Fall. Wenn es ein Tier gab wie den wunderlichen Fisch Amphioxus, den der eine Systematiker für einen Fisch hielt und der andere für ein wirbelloses Tier, so schossen sie Viktoria: hier lebte uns also eine Uebergangsform vom wirbellosen Wurm zum Fisch, ein Zeuge noch der alten Entwickelung, die da vor Zeiten einmal vom Wurm zum Fisch geführt hatte. Und wenn die Systematiker wetterten, es gebe in Südamerika einen leibhaftigen „Molchfisch“, ein Tier mit Merkmalen halb des Molches und halb des Fisches, das man schlechterdings nicht in die Museumsschränke und ihr „Hie Molch, hie Fisch“ einzuordnen wisse —, so war das abermals Wasser auf ihre Mühle: — der Molch hatte sich eben über diesen Molchfisch hinweg aus dem Fisch entwickelt.

Durch diese Darwinianer wurde nun auch die Archäopteryx-Platte alsbald im weitesten Kreise berühmt, ja für die Gegner berüchtigt.

Der „Ur-Vogel“ wurde hier aus einem bloß zeitlichen Alterspräsidenten des Vogelgeschlechts umgedeutet in einen wahren Patriarchen der Federwelt, — maßen dessen auch er so eine wirkliche entwickelungsgeschichtliche Uebergangsform sei: nämlich das leibhaftige Bindeglied zwischen Eidechse und Vogel.

In jener entlegenen Jura-Zeit, hieß es, waren die Dinge da noch in vollem Fluß gewesen. Gerade wollte der Vogel sich herauskristallisieren aus dem Reptil, der Eidechse. Und so hatte dieser kleine Gast der Solnhofener Bucht noch die Scheide zweier Welten in sich verkörpert. Zwei Tiere wohnten schon in seiner Brust, wie die zwei Seelen in der des Doktors Faustus. Das eine Tier haftete noch nach Reptiliums-Art am Boden „mit klammernden Organen“, es hakte sich mit seinen Krallen an die Rinde des Urwaldbaumes und schleppte schwänzelnd ein langes Eidechsenanhängsel hinter sich her. Das andere Tier im selben Leibe aber „hebt gewaltsam sich vom Dust“, — es flog schon als beschwingter Vogel lustig frei über Wald und Meer dahin.

Von alledem wollten aber wieder, wie sich versteht, die Gegner nicht ein Sterbenswörtchen wahr haben. Ihnen war das ärgerliche Tier trotz allem entweder ein echter Vogel oder eine echte Eidechse, und sie hofften bloß auf den Retter, der das durch eine noch im Quadrat und Kubus verfeinerte Bestimmung eines Tages doch noch unwiderleglich dartun werde, — auf daß die heilige Ordnung im Museumsschrank Ruhe finde und das leidige Herumdenken angesichts einer bombenfesten „Nummer“ im System aufhöre. War doch für viele dieser Herren die Systematik wirklich „heilig“, sie war der „Schöpfungsplan“, und wer daran rüttelte, der war nicht mehr ein Naturforscher, sondern ein Gottesleugner, ein Bedroher der sittlichen Weltordnung und Anarchist.

Für beide Lager aber blieb ein gemeinsamer Wunsch.

Es möchte nämlich das Tagebuch von Solnhofen noch ein zweites Stück des Urvogels hergeben, damit man in der Sache selbst sicherer unterrichtet sei.

Es geschah im Jahre des Heils 1877, daß dieser Wunsch in einer Weise erfüllt wurde, die den guten Geistern von Solnhofen die Krone aufsetzte.

Noch einmal beginnt das geheimnisvolle Versteckenspiel wie vor sechzehn Jahren.

Der Steinbruchbesitzer Dürr findet auf seinem Grundstück auf dem Blumberg bei Eichstätt, also dreieinhalb Wegstunden von jener Langenaltheimer Haardt, wo das erste Stück lag, im lithographischen Schiefer eine neue Platte mit vorlugendem Federrest. Sogleich ist auch der bewußte Herr Häberlein wieder zur Stelle, erwirbt (um welchen Preis ist nicht überliefert) den rohen Stein und spaltet ihn mit einem lang bewährten Geschick so auseinander, daß der ganze Inhalt nach Entfernung der Deckscheibe wie auf einer feinen Druckplatte vor Augen tritt.

Diesmal ist’s eine geradezu tadellose Archäopteryx.

Unzerfressen, frisch hingeworfen, als solle sie für ein Museum eben ausgebalgt werden: Kopf, Hals, alles ist diesmal daran.

Herr Häberlein weiß allsogleich, was er hat, und er weiß auch, wie die Dinge betrieben werden müssen. Ganz wie damals geht zuerst ein dunkles Munkeln in die Naturforscherkreise. Die Platte soll nicht abgezeichnet, nicht photographiert werden, ehe sie nicht verkauft ist. Und zwar ist ein Verkaufspreis angesetzt, der, wie man in Berlin sagen würde, „nicht von schlechten Eltern ist“. Wie der Vogel aus dem Reptil, so hat er sich nämlich aus den 14000 Mark, die seiner Zeit in London geboten, „entwickelt“. Zusammen mit einer Anzahl schlichterer Solnhofener Sachen, soll die Platte diesmal bloß 36000 Mark kosten, — ein guter Entwickelungsfortschritt.

Trotz dieses Riesenpreises lag die Möglichkeit nahe, daß England oder noch wahrscheinlicher Amerika (wo beispielsweise Professor Marsh in New Haven ebensoviel Geld wie Unternehmungslust vor solchen Dingen zu bewähren pflegte) sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen würden.

Der alte Volger, Geologe und Obmann zugleich des von ihm gestifteten sogenannten Freien Deutschen Hochstifts zu Frankfurt am Main, — derselbe Mann, der durch Ankauf das Frankfurter Goethe-Haus gerettet hat — versuchte also einen Hauptstreich für dieses Tier, das ganz gewiß den Geheimrat Goethe auch nicht wenig interessiert haben würde. Und zwar für die „Deutschheit“ des Tieres. Er schloß einen Vertrag mit Häberlein des Inhalts, daß die Platte zunächst für sechs Monate dem Hochstift anvertraut werden solle. In dieser Frist werde das Hochstift entweder selber die Mittel zum Kauf aufbringen, oder irgend eine deutsche Körperschaft oder Anstalt dafür zu gewinnen suchen.

Auch das Hochstift mußte sich wunderlicherweise bei diesem Kontrakt noch einmal ausdrücklich verpflichten, keinerlei Abzeichnen oder Photographieren der Platte zu gestatten, ehe der Kauf endgültig sei.

Nun begannen von Frankfurt aus die nachdrücklichsten Bemühungen.

Das Hochstift selber konnte keine 36000 Mark beschaffen. Das Deutsche Reich wurde als solches angerufen, es erfolgte aber der büreaukratische Bescheid, daß ein „Reichs-Museum“ nicht bestehe, also auch kein Ankauf von reichswegen erfolgen könne. Die Museen der Einzelstaaten besaßen sämtlich nicht die Mittel. Man verhandelte, verlängerte die Frist, focht tapfer mit allen Waffen des Idealismus und der Rechenkunst, — umsonst. Eines Tages holte Häberlein seinen seltenen Vogel wieder heim und die Sache mündete abermals ins ausschließlich geschäftliche Fahrwasser ein.

Es erfolgten jetzt Verhandlungen mit der Universität Genf, wo damals der dicke Vogt die Entwickelungslehre vertrat und dieses Prachtstück ersten Ranges natürlich gern gehabt hätte. Auch die Genfer fielen aber schließlich vor der Summe ab. Der gute Erfolg war diesmal wenigstens, daß Häberlein im Preise etwas herunterging. Er ließ 10000 Mark nach. Blieben also 26000, und auf die hin geschah jetzt nochmals der Radikalstreich eines deutschen Idealisten.

Auch an das preußische Kultusministerium, dem die Berliner Sammlung untersteht, war eine Aufforderung zum Ankauf auf Grund des so verminderten Preises ergangen. Die Berliner paläontologische Sammlung gehörte ihrem Umfang und Inhalt nach damals nicht eben zu den bedeutendsten und konnte eine Auffrischung durch dieses Glanzstück wahrlich gebrauchen. Man war denn auch nicht gerade ganz abgeneigt, aber die Sache sollte ihren gemächlichen Instanzenweg gehen, wobei sich schließlich herausstellen mochte, ob oder ob besser nicht. Ein Geheimrat wurde nach Pappenheim zum Meister Häberlein entsandt, auf daß er ein erstes Gutachten abgebe. Man befand sich inzwischen im April 1880 — nachdem der Fund 1877 erfolgt war. Noch immer gab es keine wissenschaftliche Beschreibung der Platte. Gerüchte aller Art liefen um. Man wußte, daß von Pappenheim aus, unbekümmert um alle Instanzenpausen der Berliner, immer regere Verhandlungen mit dem fernen Ausland im Gange waren. Man mußte sich, schien es, damit abfinden, wenn plötzlich das unersetzliche Objekt in einer Kiste irgend eines Schiffsbauches auf dem Atlantischen Ozean schwebte. Frühere Fälle haben gelehrt, wie zerbrechliche Versteinerungen dabei fahren. Der einzigartige Schädel des Dinotherium-Elefanten von Eppelsheim bei Worms, dessen Gypsabguß heute im Berliner Museum steht, war seiner Zeit schon auf der kurzen Fahrt über den Kanal nach London zu Splittern zertrümmert worden.

In diesem kritischsten Augenblick war es denn kein Geringerer als unser Werner Siemens, der die gute Tat des Hochstifts auf besserer Grundlage noch einmal tat und zwar ganz aus eigener Initiative und eigener Tasche.

Auch er legte provisorisch Beschlag auf die Platte, aber in sehr viel wirksamerer Weise. Er zahlte nämlich von einem Tag zum andern dem Häberlein die ganze geforderte Summe — es waren jetzt schon nur mehr 20000 Mark — bar aus und war von Stunde an also jetzt selber Herr des Geschäfts. Die fremden Bewerber wurden abgewiesen und dem preußischen Kultusministerium das Vorkaufsrecht auf alle Fälle gewahrt. Nach einiger Zeit kam der Kauf denn auch von hier aus wirklich zustande. Die Archäopteryx ging aus Siemens’ Hand gegen die ausgelegte Summe in den Besitz des preußischen Staates über und wanderte ins Berliner Museum für Naturkunde.

So hatte das arme Jura-Vöglein, das vor einigen Millionen Jahren an irgend einem schweren Tage den bitteren Sturz in den Tod und in das weiche Grab des Kalkschlammes getan, endlich seine Ruhe unter einem blanken Glasdeckel und vor einer hellen Fensterscheibe.

Um so stürmischer und lauter aber erhoben über seinem gläsernen Schneewittchen-Sarge dafür jetzt die kämpfenden Parteien der Naturforschung ihren Schlachtruf.

Das zweite Fundstück, das fortan das „Berliner“ hieß im Gegensatz zu dem Londoner, führte rein sachlich sofort ein Stück weiter. Es zeigte zum ersten Male den Kopf der Archäopteryx. War es ein Vogelkopf — oder ein Eidechsenkopf?

Wie mancher hatte sich in den Zwischenjahren seit 1861 seinen weisen Menschenkopf über dieser Frage weidlich zerbrochen. Jetzt rissen die Schleier. An einem langen, auf der Platte rückwärts gebogenen Halse saß ein Köpfchen, das im ersten Augenblick ganz und gar nur Vogel schien. Formgröße des Gehirnraums, Lage der Nasenlöcher, Verschmelzung der Knochennähte, — alles war Vogel, nicht Eidechse. Aber der Blick suchte den Vogelschnabel, — war’s ein Entenschnabel oder Krähenschnabel? Der Vogel mußte doch einen Schnabel haben! Der Vogel war aber in diesem Falle unentwegt aufgelegt, aller Schablone immer wieder ein Schnippchen zu schlagen, und so hatte er also jetzt überhaupt keinen echten Vogelschnabel, sondern er trug Zähne im Ober- wie Unterkiefer. Zähne einmal wieder wie eine Eidechse!

Gerade diese Geschichte kam ja damals nicht so ganz überraschend.

Nunmehr vor sieben Jahren schon, in dem weltgeschichtlichen Winter von 1870, hatte in Nordamerika ein Naturforscher, der das Herausbuddeln urweltlicher Geschöpfe in echt amerikanischem Großstile betrieb, Marsh, in Gesteinsschichten aus der Kreide-Zeit die Gerippe von Vögeln gefunden, die ebenfalls Zähne in den Kiefern trugen. Da war ein großer Schwimmvogel, den Marsh als „schwimmenden Strauß“ beschrieb — auf lateinisch: Hesperornis regalis, das ist: der königliche Westvogel. Er hatte in den Kiefern oben wie unten Rinnen und in diesen Rinnen steckten echte, unverkennbare Zähne. Im übrigen war er ja ganz und gar keine Archäopteryx mehr, sondern ein sozusagen waschechter Vogel wie jeder andere von heute. Aber man wußte jetzt, daß es alte Vogelformen mit Zähnen gegeben hatte, — noch in viel späteren Tagen als der Jura-Zeit.

Nun sah man: die Archäopteryx selber war also auch noch ein „Zahn-Vogel“, wie man hinfort zu sagen pflegte, gewesen.

Da sie indessen in allem sonst so sehr ein Gemisch von Eidechse und Vogel darstellte, so fiel auf die Zähne auch ein neues Licht. Es waren offenbar auch diese Zähne noch Eidechsen-Zähne, ein Erbe der Eidechsen, die ja durchweg das bissigste Zahnzeug haben.

Der Zwist entbrannte sofort wieder lichterloh.

Zwar die eigentlichen Gegner der ganzen Entwickelungsidee wurden damals, ums Ende der siebziger Jahre, schon merklich dünner. Dafür gab es aber innerhalb eines allgemeinen und vorsichtigen Darwinismus gerade zum Falle Ur-Vogel gar gewichtige Meinungsverschiedenheiten.

Man ließ den Kern der Sache zu. Die Mehrzahl der Tierkundigen einigte sich dahin, daß dieser Solnhofener Schwerenöter eben nicht Fisch, nicht Fleisch sein könne, weil er wirklich im natürlichen Werden der Dinge zwei später widerspruchsvolle Reiche noch geschichtlich verknüpfe: die Eidechse und den Vogel. Man mochte sich ja über die Gesetze dieses Werdens selbst seine Gedanken machen. Die Tatsache war zu scharf vor Augen, daß die Natur, mochte nun in ihr arbeiten, was da wollte, keine Sprünge gemacht, keine Systemlücken und scharfen Abgrenzungsstriche selber erzeugt hatte. Als sie von der Eidechse zum Vogel wollte, brauchte sie einfach einen Eidechsenvogel als Leiter. Und der lag uns im Solnhofener Tagebuch vor.

Aber nun die engeren Fragen. Die Archäopteryx war streng genommen doch auch gewiß noch nicht die ganze Leiter, sondern nur eine Sprosse. War sie nun eine Sprosse noch näher zur Eidechse — oder schon näher zum Vogel? Hierüber ist viel Papier verschrieben worden.

Der Professor Vogt von Genf, einst ein toller Heißsporn der „revolutionären Zoologie“, jetzt aber grau von Haaren und bedächtig von Geist, meinte, das rätselhafte Vieh sei im Grunde doch noch, wie der alte Wagner behauptet hatte, eine echte Eidechse, die bloß im Punkte der Befiederung sich dem Vogel nähere.

In Berlin aber setzte sich der treffliche Wilhelm Dames über die Platte selbst, feilte alle Einzelheiten zunächst aus dem Stein noch heraus, die irgendwie zu fassen waren (zum Beispiel ganz zuletzt noch den täuschend vogelähnlichen Schulter- und Beckengürtel) und veröffentlichte die fleißigsten Einzelbeschreibungen, — mit dem wirklich unwiderleglichen Ergebnis, daß gerade umgekehrt die Leitersprosse der Entwickelung hier schon viel näher beim Vogel als bei der Eidechse stehe.

Aus diesem Zwist zwischen Leuten, die alle im ganzen innerhalb des Entwickelungsgedankens standen, ist in weiteren Kreisen dann leider vielfach die grundverkehrte Folgerung gezogen worden, die Archäopteryx sei überhaupt darwinistisch wertlos. Zumal Dames sollte sie entwertet haben. Das ist aber der helle Unsinn, denn man kämpfte hier gar nicht mehr um die Leiter — die stand ein- für allemal fest — sondern um die eidechsennahe Tiefe oder die vogelnahe Höhe der Sprosse, die gerade Frau Archäopteryx vertritt.

Mag man diese Sprosse aber auch ansetzen, wo man will, so bleibt des Lehrreichen für ein allgemeines Denken genug.

Denn wie es nun auch noch wieder mit den darwinistischen Theorien stehe: der Ur-Vogel führt uns eben als solcher — als Vogel — vor eines der großartigsten Probleme der Weltgeschichte überhaupt: vor das Problem vom Fliegen.

In der Geschichte des Ur-Vogels von Solnhofen wirkt eine bestimmte Verknüpfung der Zufälle ganz besonders drollig. Der Vogel, der als erster kühn die Luft erobert hatte, die freie Luft sogar jenseits des festen Erdbodens, hoch über diesem Erdboden, — dieser Vogel ist uns nur erhalten geblieben, weil er am Ende seiner frohen Luftfahrten — ins Wasser gefallen ist. Auf dem Grunde des Wassers nur konnte ihm zu teil werden, was Wolke und Fels ihm nie gewährt hätten: Einbalsamierung im feinen Kalkschlamm und damit eine körperliche Unsterblichkeit.

Zufall, sagen wir. Und Zufall war es. Aber hinter diesem Zufall des Augenblicks liest, wie so oft, der Wissende eine feine Geistesschrift, eine dunkle vergeistigte Beziehung, die den Fall ganz leise ins Symbolische rückt.

Diese kleine Archäopteryx, die uns Kunde wahren sollte von den Anfangserfolgen einer großen Kunst, kehrte sterbend an den Fleck heim, von wo in Wahrheit diese Kunst selber in ihrem tiefsten Keime ausgegangen war.

Es kann ein Satz nicht leicht paradoxer klingen als der: das Fliegen ist im Wasser erfunden worden. Und doch ist er wahr.

Wenn man von einer „Erfindung“ des Fliegens spricht, so muß man sich das Wörtchen Fliegen selber freilich zunächst etwas enger umgrenzen.

Es gibt zweierlei Methoden des Fliegens: eine sozusagen handelnde — und eine leidende.

Wenn der arme Lilienthal und jetzt der alte Graf Zeppelin fliegen wollten oder noch wollen, so ist dieser Flug das Ergebnis der schärfsten geistigen wie körperlichen „Handlung“, es soll ein neues Stück Welt dabei für den aktiven Menschen erobert werden. Wenn dagegen ein Pulverschuppen in die Luft fliegt und es gehen so und so viel unglückliche Opfer mit hoch; oder wenn einer jener furchtbaren nordamerikanischen Wirbelstürme einen Stall mit samt der Kuh in die Höhe wirbelt und fortträgt: so zählt das in ein ganz anderes, passives Feld, wie jeder sofort merkt.

So weit rückwärts wir uns nun auf der Erde bewegte Luft denken können und gleichzeitig organisches Leben, so alt müssen wir uns auch diese letztere rein passive Art des „Fliegens“ als ewig wiederholte Möglichkeit vorstellen, die keiner erst zu „erfinden“ brauchte. Es war das wesentlich eine Frage einerseits der Stärke der Luftbewegung, die lebende Wesen einfach nolens volens mitreißen konnte, — und andererseits der Größe dieser Wesen und damit der Wahrscheinlichkeit, daß sie sich’s gefallen lassen mußten.

Ob es in urweltlichen Tagen stärkere Stürme gegeben hat als heute, läßt sich nicht nachweisen. Wir haben bei uns in Europa zu gewissen Zeiten offenbar gewaltige Steppenstürme gehabt, damals, als bei uns auch noch ausgesprochene Steppentiere lebten. Und so haben die Dinge sicherlich oft gewechselt. Aber für eine allgemeine Zunahme der Luftbewegung in die älteren Tage hinein spricht rund gar nichts. In all diesen äußeren Dingen, Stürmen, Ueberschwemmungen, Aufsteigen und Absinken von Ländern und so weiter, galt ja früher die liebe Urwelt für den wahren Hexensabbat. Wir denken heute, daß es in den Hauptzügen kaum je gewaltsamer zugegangen ist als jetzt, nur die Zeiträume selbst sind so ungeheuer gewesen, daß sich alles ins Aeußerste schließlich summieren konnte.

Dagegen ist etwas anderes recht sinnfällig.

Je tiefer man im Reich des Lebenden hinabsteigt, desto kleiner und leichter pflegen die Einzelwesen zu werden. Die tiefste Stelle, noch jenseits von Tier und Pflanze, nehmen die sogenannten Bakterien oder Bazillen ein, Wesen, wie sie einfacher in ihrem Bau nicht mehr gedacht werden können, die aber zugleich an Kleinheit das schier Unglaubliche leisten. Wie bekannt, entziehen sie sich durchweg unserm unbewaffneten Auge überhaupt, und an eine Gewichtsbestimmung ist schon gar nicht mehr zu denken. Nicht nur der Wind, sondern recht schon jedes geringste Regen und Bewegen der Luft schaukelt mindestens die Keimsporen dieser Leichtesten der Leichten mit und treibt sie dahin und dorthin. Um die ganze Erde fliegen sie in dieser Weise passiv herum, sie fallen auf die unzugänglichsten Alpengipfel nieder wie in den entlegensten Polarschnee, und wir wissen ja, wie sie unsere Häuser durchqueren, aus der blauen Luft sich uns auf die Nase setzen und rein allgegenwärtig sind, wo immer nur Luft uns erreicht. Es steht nun durchaus nichts im Wege, sich diese allereinfachsten Lebewesen auch als die allerältesten auf der Erde zu denken. Und dann wäre der passive Allerwelts-Flug dieser Bakterien auch die erste Flugform im weiten Sinne gewesen.

Diese Flugart muß aber ihre natürliche Grenze gefunden haben bei den allmählich entstehenden größeren und schwereren Geschöpfen.

Jedes Bakterium jener Art besteht als ganzes Wesen nur aus einer einzigen Zelle. Die echten Tiere und Pflanzen aber pflegen sich aus Millionen und Abermillionen lebender Zellkörperchen zusammenzusetzen. Da wächst denn das Gewicht im einfachen Additions-Verhältnis.

Nehmen wir als die Gruppe lebendiger Wesen, die sich vielleicht zuerst in dieser Weise „vielzellig“ gebildet haben, die Pflanzen an, — nun so hatte das lustige Fliegen mit jedem Druck der Luft alsbald seine ordentlichen Schranken. Ein nordamerikanischer Tornado größten Stils entwurzelt schließlich auch einen Eichbaum und wirbelt ihn mit. Aber wie seltene Ausnahme das ist, sieht man sofort, wenn man sich an das einfache Dasein tausendjähriger Eichen erinnert, die also in dieser ganzen Zeit niemals ein Windstoß hat auch nur von der Stelle rücken können. Tatsächlich ist die Pflanze mit ihrem Prinzip des festen Einwurzelns sogar ein einziger Protest gegen jeden unfreiwilligen Flug. Und nur in einem Punkte ist sie seiner Arbeit froh gewesen, nämlich in ihrem Liebesleben. Der Blütenstaub der Pflanzen, der befruchtend das Leben der Art im Wechsel der Zeiten fortsetzt, kehrt noch einmal gleichsam in den sonst längst verlassenen Bakterien-Zustand zurück. Jedes einzelne Stäubchen da besteht nochmals wieder nur aus einer einzigen Zelle und ist also auch wieder winzig klein und unglaublich leicht. Entsprechend faßt es, so bald es sich von der großen Pflanze gelöst, dann auch sogleich wieder der leichteste Wind und wirbelt es umher, wobei sich den Pflanzen mit Doppelgeschlecht die günstige Wahrscheinlichkeit ergibt, mit ihrem Staube den Griffel einer anderen Blüte fliegend zu erreichen, wo die Befruchtung erfolgen kann. Wo die Haselkätzchen ihren goldenen Staubregen verpulvern, wo die Kiefern stäuben oder der Bärlapp sein Hexenmehl reift, da überall erfolgt dieser passive, aber äußerst zweckgerechte „Flug“ der Pflanzen. Und das ist sicher schon gewesen in jenen Urtagen, da Bärlapp-Gewächse hoch wie Palmen bei uns zu Lande wuchsen, und es war im wesentlichen auch so in der Jura-Zeit, als an Stelle der Farrnkraut- und Bärlappwälder große Forsten von Nadelhölzern getreten waren. Gerade die Nadelhölzer wissen es ja noch heute gar nicht anders.