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Wallenstein. 1 (of 2) cover

Wallenstein. 1 (of 2)

Chapter 4: Drittes Buch Der Krieg
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About This Book

The narrative follows a central historical figure whose political ambitions and inner conflicts unfold amid the turbulence of a protracted continental war. It juxtaposes raucous courtly banquets and ornate ceremonial life with bleak battlefield scenes and strategic maneuvering, shifting between panoramic crowd episodes and intense psychological interior monologues. Themes include the corrosive effects of power, the spectacle of political ritual, and the fragility of authority under strain. The work employs vivid sensory detail and a polyphonic voice to compress public events and private crisis into a sweeping portrait.

„Du bist zornig auf ihn.“

Die Gräfin bedeckte ihr Gesicht vor der zarten Kaiserin, die wie ein Kind die Füße schaukeln ließ: „Ich gehe um wie ein krankes Tier und lasse meine Zunge heraushängen. Ich lebe und will zu ihm.“

Die Kaiserin bückte sich trübe herüber zu ihr: „Wie seid Ihr sonderbar.“

 

Als die Römische Majestät hatte verlauten lassen, sie wolle den böhmischen Herrn, den Albrecht Eusebius, Regierer des Hauses Wallenstein empfangen, war die Scham der geheimen Berater außerordentlich. Sie konnten sagen, daß sie trotz seiner Geschenke ihn nicht begünstigt hatten. Wie sollten sie ihm und der eleganten dezenten Mantuanerin diesen Braten vorsetzen, diesen Edlen von Bassewis Gnaden. Wenn Bassewi ein Jude war, so Wallenstein Judenfürst. Man hielt es nicht für ausgeschlossen nach seinem Verhalten in der Stadt, daß er den Juden zum Empfang mitbrachte.

Es hieß, der Kaiser wollte in seiner Milde seinen Schwager im Kampf gegen Dänen und Niedersachsen nicht allein lassen; die Wut am Hofe auf Maximilian, als das Unvermeidliche sich näherte. Sie mußten folgen, sich in Wallensteins schmutzige Hände geben. Als der bucklige Graf hörte, daß der Prager Wucherer in die Burg einziehen würde, sagte er ganz still beiseite zu seinem Freund, dem Abt Anton, nunmehr könne auch er nicht mehr das Beben in sich unterdrücken; nun müsse er sich fragen, ob das Habsburger Haus sich unter solchen Umständen werde halten können, ob der jetzige Kaiser nicht zwar kaiserlich und konsequent sei, aber den Ruin des Hauses herbeiführe.

Die sechzehnspännigen rotjuchtenbezogenen Karossen fuhren an der Burg vor, den Purpurmantel legte der hastige von Wallenstein im Vorzimmer ab; als er bartstreichend wartete, stand nur der naserümpfende Obersthofmeister bei ihm; keiner der hohen Räte hatte sich ihm in diesen Tagen genähert.

Und als er wieder im Vorzimmer stand, hielt sich Ferdinand, die silbernen Schnallenschuhe übereinander gelegt, allein in dem Saal auf einem Schemel sitzend, sich seitwärts auf die Armlehnen stützend, die Hand vor die Augen. Er erinnerte sich, ihm war nicht gut: dieses Gesicht, diesen Kopf hatte er schon gesehen. Er war diesen eigentümlich lautlos hellen kleinen Augen schon öfter begegnet, aber jäh fiel ihm jetzt etwas ein, zog durch seine Brust, strich über seinen Magen, über seine Zunge, etwas Brennendes, Schweres. Ein Traumgesicht, wie kam das nur hierher.

Er ritt und ritt. Er flog fast durch die schwarze Luft. Er hatte das Gefühl, daß das edle Tier unter ihm gleichmäßig trabe, aber so weich war der Boden und doch nicht lehmig, daß kein Schall an seine Ohren heraufkam. Ein moosiger Waldboden. Hier hat ein alter Wald gestanden. Nur ab und zu tauchten Stämme auf, fuhren um ihn herum, wichen aus. Der Wind blies sanft. Und er erinnerte sich, daß Eleonore auf dem Schiff auf der Donau langsam fuhr, auf dem Schiff, das keine Furchen machte; der Weg, der Fluß lief mit ihr mit. Und der Gedanke, daß dies doch einmal ein Ende nehmen müsse. Er könne doch nicht ewig reiten. Sein Zerren am Zügel, seine Sporen, Aufreißen hatten keine Macht. Es schien, als ob er seine Beine nicht bewegte, als ob er sie nur bewegen wollte, und mit keiner Anstrengung einen Muskel spannen konnte. Es hieß, o Jesus, o Jungfrau, sich beruhigen. Es hieß, o Jesus, o Jungfrau, nicht verzagen. Wie ließ sich nur ein Gebet sagen; wie sind die Worte vom Wind verweht. Bäume, Stangen, Dünste, Rinnsale. Und immer das Heben und Senken, Gleiten, Rudern. Das Spritzen des Moors. Es wird heller; es ist die Helligkeit, die der Mund junger Kätzlein hat, bleiches Rosa. Er bemerkte, daß er ein Gießen, Rinnen überhört hatte bis eben. Und dann lag es am Himmel, über der Erde, etwas Schwarzes, Breites, langsam Bewegliches. Das Pferd lief noch weiter. Er konnte den Rumpf nicht wenden, den Kopf nicht abdrehen, um dem Atem zu entgehen, der von oben gegen ihn anwehte. Eleonore fährt auf dem Prunkschiff drüben von ihm ab mit dem Fluß, mit dem Weg nach Wien hin, hinten nach Wien hin, in das Rosa hin.

Menschliche behaarte Brust, die sich über ihn schob, Haare, die wie Wolken, Spinnweben über ihn flockten, menschliche Arme, denen er entgegenritt. Aber ein Wulst, fleischige glatte schlüpfrige Säulen und kalt wie die Haut eines Salamanders. Federnde Bewegungen machte es, mit Ruck, her und hin kam es dichter über ihn. Und unter immer neue Arme glitt er, er schnappte nach Luft, keuchte auf. Ein Tausendfuß, unter dessen Bauch er ritt. Tiefer mußte er sich krümmen auf dem wogenden rastlosen Pferderücken. Ein weiches Wallen des Bauches benahm ihm den Atem, es waren geblähte luftgefüllte schwappende Säcke; sein Bewußtsein schwand auf Sekunden. Seine Kehle suchte ein: „Äh, äh“ auszusprechen, seine Ohren rangen nach Klang. Und der Schwanz des Unwesens schlug von oben herunter, herum von unten wie eine Peitsche, erst unter die Fußsohlen, daß es mit elektrischem Zucken ans Herz drang und stach, dann mit feinen Stacheln gegen die Nasenlöcher, tief tief ins Gehirn herauf tötend. Dann fuhr es gegen den Nabel von vorne her, wirbelte wie ein Drehbohrer, in den Magen, den Leib, den Rücken. Und jetzt dröhnte es auf einmal, ein volles Orgelwerk, sinnlos ungeheuer von der Tiefe in die Höhe tosend, bei einem gellen pfeifenden Ton verharrend, knirschend an- und aussetzend, wie ein Hund, den man an einen Pflock mit den Pfoten angebunden hat, der sich krampft, streckt, krampft, streckt, beißt, beißt. — Er war mit heiserem Gekreisch aufgewacht.

Er nahm die Hand langsam von den Augen, besah sich seinen Handteller, als wenn etwas von dem Traum daran klebe, rieb ihn am Knie.

 

Ferdinand befahl, die Verhandlungen mit dem Böhmen zu einem günstigen Abschluß zu führen. Nur nebenbei sagte er, dies sei ja der tapfere, der ihm bei Gradiska gegen Venedig herausgeholfen habe. Und dabei sah er forschend seinen geheimen Rat Eggenberg an, der an sich hielt. Man hatte dem Kaiser nichts gesagt von den Plänen des Böhmen über die Erhaltung der Armee, es war ausgeschlossen, daß er ein solches Projekt in Erwägung zog; nun riet Eggenberg, und mit ihm der fromme Herr von Strahlendorff in ihrem Widerwillen und Verzweiflung, dem Herrscher reinen Wein einzuschenken. Drei gedankenschwere Herren legten ihr Veto ein, sie drückten die beiden nieder, Anton, Trautmannsdorf, Harrach: „Stellt Habsburg keine Armee auf, ist es voraussichtlich verloren, samt der ohnmächtigen Liga. Gewinnt die Liga, die Liga allein, ist der Kaiser in einigen Jahren erdrückt von dem Bayern.“ „Ruhe,“ sagte Abt Anton sanft, als der alte Eggenberg schwieg, die Hände ringend vor das krampfende Gesicht legte. „Ich bin ruhig,“ stöhnte der.

Von Wallenstein arrangierte in Wien mit Bassewi und dem herbeizitierten de Witte umfangreiche Geldgeschäfte; nach Prag zurückgekehrt, gewährte er dem Kaiser ein Darlehen von neunhunderttausend rheinischen Gulden zu sechs Prozent. Und während noch der greise Fürst Liechtenstein ihm Glück wünschte im Friedländerhaus zu Prag, zu dem guten Fortgang seines Wiener Vorhabens, kehrte zum dritten Male Graf Meggau bei ihm ein, diesmal begleitet von einem hohen schmerbäuchigen Edlen, der unter buschigen Augenbrauen herblickte, ein listiges Kinnbärtlein strich, feuerrote Backen und Nase, der weindurstige Graf Kollalto, des kaiserlichen Hofkriegsrats Präsident. Der schloß formell ab.

Nach einer Anweisung Ferdinands wurde der Durchlaucht dem Fürsten von Wallenstein ein Dekret ausgestellt, wodurch er zum Kapo über alles Volk, das man aus dem Reich und den Niederlanden schicken werde, ernannt wurde.

Mit einer verzweifelten Tollheit waren die Karten hingeworfen; niemand am Hofe hatte den Schritt verhindern können; keiner hatte ihn gehen wollen, bewußt schloß man die Augen und tat ihn.

Es war ein sonderbares Geschehnis, daß nach der Bestellung des Friedländers, ohne daß einer wußte warum, ein Sturm von Erregtheit, von wilder Freude und Entschlossenheit den Wiener Hof befiel. Wie ein Ruck ging es durch Räte Offiziere. Die Werbetrommel schlug noch nicht in den Landen für den Kaiser. Etwas Erschreckendes Aufreizendes lag vor ihnen. Die Ernennung des halb unbekannten Mannes war der erste Schritt. Das Leben bot ein neues Entzücken, ein noch herzlicheres als vor der Prager Schlacht. Damals lief man neben dem Bayern, jetzt sollte der Kaiser, der Kaiser, Alt Habsburg prangen, mit Zehntausenden. Sachte warfen selbst von den Räten manche ihre Betrübnis ab; die Augen gingen ihnen über.

Der Kaiser selbst, nach Nikolsburg auf das Gut des Kardinals Dietrichstein reisend, begehrte noch einmal nach dem Fürsten. Bei aller Ergebenheit stahlhart trat der leidenschaftliche Wallenstein auf; er sagte nichts neues; der Kaiser hatte auf einmal den Eindruck absoluten Entschlusses und der Macht, jeden Entschluß durchzuführen. In Ferdinand wogte es nicht mehr. Er freute sich. Er entschied sich für Wallenstein. Nach Prag ging Wallenstein als Herzog von Friedland; er solle, sagte sein Diplom, der Ehren und Würden, wie andere Herzöge in dem Heiligen Römischen Reich, Erbkönigreich und Landen, teilhaftig sein. Seine Instruktion folgte; sie setzte die Zahl der anzuwerbenden Truppen auf vierundzwanzigtausend an; lobte den Herzog wegen seiner zahlreichen, von Jugend auf erzeigten ersprießlichen Kriegsdienste, seine Kriegswissenschaft und Erfahrung, wies auf das besondere große Vertrauen hin, das die Römische Majestät in seiner Liebden Person zu stellen verursacht war. „Unsere Waffen,“ erklärte der Kaiser, „sollen allein zur Wiederbringung des allgemeinen hochnotwendigen Friedens, zur Erhaltung Unserer kaiserlichen Hoheit, Schutz und Verteidigung des Heiligen Reiches, der Kurfürsten Fürsten und Stände, Land und Leute geführt und geleitet werden.“ Sie hätten auf Freunde und Verbündete, vornehmlich den bayrischen Kurfürsten Bedacht zu nehmen; mit seinen Truppen möge sich der Herzog ins Einvernehmen setzen, unabbrechlich kaiserlichen Vorrangs und Respekts; von Wallenstein möge sich mit der Durchlaucht aus Bayern vereinigen, soweit sich tun ließe, doch in allem der Römischen Majestät Autorität und Nutzen in acht nehmen.

Der Kaiser konnte viele Tage zur Freude des Kardinals sich nicht entschließen, von Nikolsburg abzureisen; ein heftiges Erstaunen hatte ihn bei der zweiten Begegnung mit dem Böhmen befallen und verließ ihn nicht. Bisweilen dachte er nicht mehr an Maximilian, dem er die geballte Faust hinstrecken wollte; er hatte urplötzlich den Eindruck, den Faden seines Handelns zu verlieren; fühlte mit einer unklaren Freude, daß er dem Böhmen in einer Weise und mit rätselhaftem Drang vertraue, wie bisher keinem Menschen, wie vielleicht eine Frau ihrem Mann vertraute.

Es war dieser Gewinn, für den er mit dem Herzogstitel wider den Rat seiner Begleiter dankte. Ferdinand mußte den Augenblick zeichnen, in dem solch geheimnisvolles Licht in ihn fiel.

 

Maximilian erhielt ein Schreiben aus der kaiserlichen Kanzlei. Es redete von der stets noch emporschwebenden starken Kriegsbereitschaft, die gelenkt werde gegen den Kaiser und des Heiligen Römischen Reichs anverwandte Stände und Glieder, von der Neigung, sonderlich die beiden löblichen Häuser Habsburg und Wittelsbach anzufallen. „Aus Unseres kaiserlichen Amtes Sorge, zumal auf Euer Liebden geschehener Erinnerungen, sind wir, ungeachtet unsere Erbkönigreiche und Länder auf den äußersten Grad abgemattet, ausgeschöpft und verderbt sind, Vorhabens und entschlossen, noch neue Kriegsvorbereitungen vor und an die Hand zu nehmen, unter dem Kommando Unseres Hochgeborenen des Oheims, des Reichs Fürsten und lieben getreuen Albrecht Wenzel Eusebius, Regierers des Hauses Wallenstein und Fürsten zu Friedland, unseres Kriegsrates, Kämmerers und Obersten: fünfzehntausend Mann zu Fuß und sechstausend zu Roß, sowohl Unsere Erbkönigreiche wider den Türken und Bethlen zu sichern und mit und neben Euer Liebden und der getreuen, gehorsamen Kurfürsten, Fürsten und Stände zum Widerstand zu konkurrieren, wenn Dänemark Feindliches vorhat.“

Maximilian wog die siegelbeschwerte Aktenrolle in der Hand. Sein Vater, der Herzog Wilhelm, klein, gebückt, saß ihm gegenüber am Innentisch in dem engen überheizten Stüblein der alten Residenz.

„Ruhig, ruhig, mein Sohn,“ flüsterte das lebhafte, arglistige Männlein; es steckte in einem groben schwarzen Wollrock; mit seinen langen hängenden Ärmeln wirtschaftete es auf der Tischplatte, das Umschlagkrägelein hatte es frostig an die Ohren heraufgeschlagen.

Maximilian war feist und kurz; gegen die Schemellehne gedrückt ließ er den bärtigen Kopf vor die Brust sinken, über die silbernen spanischen Verschnürungen; straff hielt sich der feine Rumpf in dem prächtigen breitschößigen Rock, den Degen, bodenlagernd, halbabgegürtet; er sagte leise: „Ich kann es nicht zurückhalten. Er widert mich an. Ich hasse ihn. Niemand auf der ganzen Erde ist so mein Feind als dieser Ferdinand. Ich habe ihm meinen Sieg am Weißen Berge mißgönnt. Ich hätte ihn lieber verderben sollen. Er ist nicht anderes wert. Jetzt, seht, ist er so weit: jetzt hat sich das edle Haus Habsburg den fatalen Lumpen verschrieben, den Wallenstein. Den setzt er neben mich. Das ist mein Lohn für die Prager Schlacht.“

„Mein Sohn, du wirst Rat wissen.“

Maximilian richtete seine kalten Augen auf den gegenüber: „Er mag mit sich umgehen wie er will. Vielleicht paßt der böhmische Herr zu ihm. Ich werde mich wehren und meinem Schwager dies nicht nachsehen; dies bleibt gewiß. Aber daß ich ihn nie bewältige, ihn nie auslösche, verändere, zu einem menschlichen Verhalten erziehe, daß er sich immer wieder regt, das widert mich an.“

„Klag nicht, mein Kind, du willst mich unruhig machen.“

„Ich kann mit ihm nicht in Frieden leben, und wenn er mir den Bruderkuß anböte, müßte ich mit ihm Krieg führen. Ich will ihn nicht, ich will ihn nicht, ich kann ihn nicht dulden. Wie es mich quält, daß mein Land zum Reich gehört, wo in Wien er auf dem Thron sitzt und das Reichszepter in der Hand hält, der Ferdinand von Habsburg heißt. Ein Schlemmer, ein Nichtstuer. Zur Not, daß er fromm ist. Ich würde gut zu ihm stehen, wenn ich in Frankreich oder Dänemark geboren wäre; dann müßte ich gegen ihn offen kämpfen.“

Der kahle Mann lächelte freundlich: „So klagst du mich an, daß ich kein Wasa bin oder kein Welscher. Ich bitte dich um Verzeihung.“

Der Kurfürst sah sehr alt aus, als er das Kinn in die Hand stützte: „Scherzt nicht, Vater. Was soll das hier. Es ist keine Freude für mich. Seht das hier. Albrecht Wallenstein, Fürst von Friedland. Und nicht nur das: Albrecht Wallenstein, Kommando der kaiserlichen Truppen. Dies Ende nimmt durch ihn Habsburg. Kein Regiment haben die Habsburger jemals führen können über ihre Länder, ihr Haus haben sie bereichert, den Wamst sich gefüllt, wüste Spielereien haben sie getrieben wie Rudolf. Das war ihr Glück: ihre Wohnung, ihre Freunde, Musik, Turnier, die Weiber. Böhmen geht unter, in Saus und Braus; was liegt Habsburg daran.“

„Du kannst nichts tun, als den Kaiser weidlich placken, sei auf der Acht wie ein Jude: spring bei und nimm ihm weg was er nicht hütet. Und wenn er betrunken ist und daliegt, wirst du auch wissen, was du zu tun hast.“

Mit seiner weichen Weiberstimme Maximilian: „Arm wie eine Kirchenmaus waren sie; nach Prag haben sie Beamte hineingeschickt, zum Einkauf beim Schlächter Bäcker — sie konnten das Brot, die Semmeln, den Braten nicht für den Tisch zahlen. Vor acht Jahren. Die Edelknaben waren da; in Lumpen gingen sie, schrieben an ihre Eltern um Geld für Kleider. Aber das wirft diese Verschwender nicht um.“

Maximilian rutschte mit der Schläfe seitlich von der stützenden Handfläche ab, ließ den Kopf in die Armbeuge gleiten, stierte gegen das Holz vor ihm, die Aktenrolle fiel ihm zwischen den Knien auf den Boden. Nach einer langen Pause, während der vermummte Herzog sich vergnügt am Ofen rieb, kam aus dem Munde des fast schlafenden Mannes am Tisch: „Geschenke, Abzahlungen, Botenlohn. Noch ein Dutzend, noch ein Dutzend. Und so hat sich der hochedle Schwager bei mir freigekauft. Er regiert im deutschen Reich und weiß es kaum. Er hat neu gefreit, Eleonore von Mantua, ein junges Kätzchen, das ist seine Lust. Sie und der Friedländer, das gehört zusammen. Pfui, pfui.“

„Melancholisch bist du wieder, Max, du wirst zur Ader lassen müssen.“

„Er kam von Frankfurt an wie ein Betrunkener; er hat mich geküßt, sein rundes, glühes Gesicht; er roch nach Wein; mich hat geschaudert. Er hat mir den Kurhut versprechen müssen; als Pfand hat er mir fast seinen halben Besitz abtreten müssen. Ich hab ihn hart bei den Ohren genommen und tribuliert, also daß ihm hätte der Verstand wachsen müssen. Und wahrhaftig: er bekommt es fertig, mich zu beschimpfen.“

Er richtete sich auf; wie er sein langwallendes Haar am Nacken hochhob, kamen seine großen verborgenen Ohren zum Vorschein.

„Ich werde ihn wieder schütteln.“

So gespannt man in Wien auf die Antwort Maximilians wartete, es kam kein Bescheid. Sie dachten, er fürchtet sich durch jede Redewendung bloßzustellen; dann: er grollt, er hat den Schlag gefühlt. Sie dachten nicht an das, was sie schon beinahe wieder vergessen hatten: an den Ursprung, die Herkunft dieser neuen Stärke. Mit Zorn verbot der Kurfürst seinem Vater, jemandem davon zu erzählen, wie er von Wallenstein dächte. So tief schämte er sich des aufgetauchten, in kaiserlichen Glanz gehüllten Abenteurers, daß er sich mit Qual gegen Richel und den von Hohenzollern, seinen Obersthofmeister, anerkennende Worte über ihn abrang, damit niemand auf den Einfall käme, ihn eines verächtlichen Umgangs zu zeihen. So wie auch nie ein Wort der Abneigung gegen den Kaiser nach außen gelangte über seinen Vater hinaus. Und der Vater wußte wohl, daß sein Sohn nur unter dem Stolz litt, sein Leben lang von nichts beherrscht wurde, als daß ein Haus im deutschen Reich sich anmaßen konnte, über dem Wittelsbacher zu stehen. Von Kind an, von jenem Kirchgang an, wo Ferdinand in Ingolstadt den jungen Bayern aus der ersten Bank fortgewiesen hatte, und seit da ohne Ruhe weiter.

 

Zwischen Wallensteins Bevollmächtigten de Witte und den Bankhäusern Walter von Hartoge zu Hamburg, dann Georg Ammann und Julius Cäsar Pestoluz in Augsburg kamen die Geschäfte zum Abschluß, in denen die ungeheuren Summen flüssig gemacht waren für das Darlehen an den Kaiser; unmittelbar daran schlossen sich die Verhandlungen um die Beträge für die Aufstellung der Armada. Wallenstein wollte von sich aus wie bisher Regimenter aufstellen, alsdann brauchte er Summen als Vorschüsse für Obersten, die nicht flüssig waren, dann richtete er auf seinen Gütern, seinen Städten riesige Werkstätten ein für Tuche Stiefel ferner Saliterhütten Pulvermühlen Waffenschmiede.

Michna konnte sich nicht bezähmen, als das ungeheure Leben anging, und sich beiseite stellen. Er sah einen beispiellosen Schlag Wallensteins voraus; dies übertraf alles, was jemals projektiert war. Es war Wallenstein nicht darum zu tun, vom Kaiser die ausgelegten Summen wieder zurückzuerhalten; der Schlaue wußte, daß der Kaiser und das ganze Heilige Reich ihm von nun an mit Haut und Haaren verkauft war. Wenn Michna in seinem Häuschen für sich in diesen Tagen das Projekt Wallensteins überdachte, fand er sich nicht zurecht vor Entzücken über seine Großartigkeit. Nichts riskierte Wallenstein, und der unerhörte nicht auszudenkende Gewinn. Und in solche Hitze versetzte Michna das Nachgrübeln über die geschäftliche Situation, daß er sich aufmachte und Wallenstein in seinem Palast aufsuchte. „Seid kein Schlafzipfel,“ nickte Wallenstein aufgeräumt, indem er ihm auf die Schulter klopfte, „der Herr versteht vortrefflich Geschäfte zu betreiben; jetzt soll er für den Kaiser Geschäfte betreiben; er wird auf besseren Boden gestellt, als sonst auf der ganzen Erde zu finden ist; zeige er nun, was er kann.“ Die Sache hatte ein ganz anderes Gesicht als alles, was er kannte; hier ging es ins Leere hinaus, hier war das Ungewiß von Sieg und Niederlage in Rechnung einzustellen, stand da, alle wußten es, Wallenstein wußte es, und doch steckten sie ihre Vermögen hinein. Und dies, die fiebernde Erregtheit, das schwankende Ungewiß, die Grenzenlosigkeit des Ausblicks, durchzuckte mit einem Blitz Michna, daß er die Hände krampfte. Es ging in ein freieres stolzeres frecheres Leben hinein. Er tadelte sich, als er zugesagt hatte, wie er mit grauen Haaren Manieren annehmen konnte, die einem Grafen Fürsten Grünspecht gut anstanden. Kam er zu Wallenstein, verschwand jedes Bedenken. Hier herrschte Bestimmtheit wie im Lauf der Sonne. Wie zwischen den blitzenden Stangen eines Räderwerks ging man. Hier war plötzlich keine Rede mehr vom Gewinn und dies beängstigte ihn nur, wenn er dem Palast den Rücken kehrte; er merkte, daß ihn die wenigen Wochen des Hin und Her zwischen seinem Häuschen und dem Friedländerpalast gebrochen hatten; seine Frau sah, daß er froher war und verliebter gegen sie; er hatte den Drang aus sich, aus ihr und seinem Leben etwas zu machen. Plötzlich nach vielen Jahren hielt er es für gut, seine Eltern aus Nisch kommen zu lassen; sie sollten ihn sehen; er schämte sich plötzlich ihrer nicht, fuhr mit ihnen als mächtiger Mann und böhmischer Kammerrat aus und hatte Freude, wie sie sich freuten über das starke Treiben in der Alt- und Neustadt. Zum Kommissar für Getreidebeschaffung war er bestellt worden. Wie sehr er sich verändert hatte, merkte er an dem Tage, an dem er den Titel eines Freiherrn von Waizenhofen empfing; er hätte sonst widerspenstig hinter der Titelverleihung etwas vermutet, sich ihr in Zorn widersetzt. Jetzt stiftete er zehntausend Gulden den Armen Prags.

Lange bevor die Stadt etwas ahnte, zog in das Judenviertel das Gerede von Wallenstein, der dem Kaiser ein Heer aufstellen wollte. Als Bassewi, von Wien kommend von dem Abschluß der Verhandlungen, von der Rangerhöhung des Friedländers in der Synagoge erzählte, brach ein Jubel aus, dessen Schall Sicherheitsmannschaften der Besatzungstruppen alarmierte, welche herbeiritten, nichts als ein toll gewordenes Hebräervolk vorfanden, dem sie aufsässigen Lärm verboten. Die abseits standen, die Arme über der Brust skeptisch verschränkten, auf den Gassen und in der Synagoge, blieben in der Minderzahl.

Im Ghetto dunkel, festlos hausten sie. Das Brandmal trugen sie an sich in den gelben Zeichen; gelbe Barette, gelbe Hauben, gelbe Ringe am Ärmel. Man spie auf sie, wo sie sich draußen sehen ließen. Die Henker des Erlösers, die frechen Mörder, die sich am hellen Tag aus ihren Höhlen wagten und denen es nicht graute, sich von der Sonne Gott des Vaters beleuchten zu lassen. Die der siegreiche Kaiser über die Märkte und Flecken jagte, um das Volk zu kränken und seine Wunden zum Schwären zu bringen. Vor ihnen erschien, in ihren verschmutzten Häusern Höhlen Gewölben alles Verbrechervolk. Die Schiffbrüchigen schlichen sich ein, verschleuderten den Rest ihrer Habe. Die Hebräer kannten alle Blicke, kein Beichtiger hörte so gut, so scharf wie sie. Wo die Not sich draußen regte, spürten sie es, an den Dienern der Vornehmen, der Grafen Fürsten, die in Nacht und Nebel mit Edelsteinen Gold Gewändern seltenen Möbelstücken bei ihnen anklopften, bettelnd, drückend. Im Schmutz begraben lagen sie abseits von den Häusern in Unratgruben, schlürften den Reichtum der halben Welt ein und wenn sie davon abgaben, nur um mehr einzuziehen. Lagerten stumpf auf der Habe, wußten nicht wie sie nutzen. Gold gab es, um Lust damit zu kaufen; sie wußten nichts mehr von dieser warmen beseligenden Lust, wie der Maulwurf nichts von der Sonne. Gold gab ihnen nur die böse Freude, die Menschen draußen aufzuziehen und sich an dem schmerzvollen zappelnden Narrenvolk zu weiden. Herren, Richter mit Hohn und Gelächter auf ihre Bändiger, deren schwache Stunden sie belauschten seit Jahrhunderten. Würde man sie sich überlassen haben nur ein einziges Jahrhundert, würde keine Spur selbständigen Lebens um sie existiert haben, die Welt hätte alle Glut an sie abgegeben. So mußte man alle paar Jahrzehnte mit Messern Feuer Knütteln Spießen auf sie eindringen; mußte sie ausrauben totschlagen, brachte die Welt wieder ins Gleichgewicht.

Das große Königsvolk, seit Jahrtausenden von seinem Stuhl geworfen, hatte in einem Bann nichts gelernt; auf dem Gesicht liegend, die Knie gebrochen, den Mund voll Sand; es duldete das Dasein; sinnlos, abgründig tot, was geschah: Jerusalem der letzte Schein des Lebens.

Nichts geträumt seit hundert und aberhundert Generationen als dies: Jerusalem, bei der Einsegnung des Knaben, der Brautpaare, der Leiche.

In den abseits gestoßenen, menschenungewohnten Tieren waren wüste Begierden gewachsen, Haß Hohn und Verachtung in wilder tropischer Breite ausgewuchert, Lust am Verderben. Schakal Hund Schwein war, was in ihnen wuchs. Gelb die Farbe auf ihren Kleidern, heiß-gelb das Leben, das aus ihrer Schwärze schwälte. Zogen Besessene auf Menschenmord aus, lockten wie Spinnen Sanftes, Süßes an sich vom Christenvolk, um es schmerzgeweidet zu vernichten; da lachten die Irren nicht vor Freude. Vor ihren stummen Opfern in den Gewölben brachen sie in Weinen aus; das war das einzige, was ihnen vergönnt war. Diese opferten Blut, rauchendes Leben; man mußte sie binden, in Kellern angeschmiedet halten.

Auf den Straßen, in den Kirchen, an den Häuserwänden der Städte, neben denen sie wohnten, häuften sich die Abbilder der Heiligen, die süßen Marienbilder, die fromm verzückten Theresien Magdalenen; in Prozessionen unter Singsang, mit Fahnen wallten die Götter und Gottähnlichen zwischen den Häuserreihen, über Wiesen, verehrt, bejubelt. In den Hütten Nestern an den Städten, den Ghettos hörten es die Hebräer, den Finger anhebend, die starren Gesichter zu einem grausamen Lächeln verziehend: das sangen die, denen sie dienten, da zogen Götter vor ihnen, den ganz Entgötterten. Da gingen die Scharen derer, von denen sie Qual erlitten, und aus denen ein Drang sie immer wieder wies, Menschen zu antwortender Qual herauszureißen.

Sie torkelten hoch, wandten sich um, trauer- und kotstarrend. Gewaltige des Reichs näherten sich ihnen. Draußen Luft, die rein wehte, draußen Glanz und Wechsel; die weite Erde. Der von Wallenstein, ihr Wallenstein, in den Kaiserhof eindringend, Heerführer des Kaisers.

Schamloses Jubeljauchzen im Prager Ghetto. Frohlocken der Rachsucht. Ungläubigkeit Tränenvergießen und wieder gelles Frohlocken. Es sollte dem neuen Herzog an nichts fehlen.

Sie wanderten durch die gereinigten fackelerleuchteten Gassen zur Synagoge. Die Truhen mit den Prachtstücken, den hingegebenen Beutestücken ihrer Feinde hatten sie entleert. Die Weiber in dunkelroten Kleidern und Seide, mit Gold- und Silberborten, darüber rote Jäckchen, brokatverbrämt; blitzender Schmuck der vollen Arme, der Stirn, Korallen, Steine; die Männer gegürtet, auf hohen Schuhen, in veilchenfarbigen, dunkelblauen Gewändern, Pelzbarette auf den Köpfen. Und drinnen zwischen den brennenden siebenarmigen silbernen Armleuchtern stieg ein rotwangiger Greis unter einem Silberkäppchen die zehn Stufen zur Bundeslade hinauf; an seinem Obergewand von Hyazinthfarbe hingen goldene Glöckchen und Granatäpfel. Fünf Gürtel hatte er sich umgetan, aus Gold Purpur Scharlach Hyazinth Bysus; auf seinen Schultern schildförmiger Schmuck aus Gold mit Steinen. Er sang, hob die Hände. Sie sangen kopfwiegend, sich verneigend, trunken mit.

Böhmen empfing mit dumpfem staunenden Murren die Nachricht von dem Ereignis; der unersättliche verabscheute Mann stand in dem blendenden Licht des Kaiserhofes. Man wußte, er hatte schon die Baupläne zu einer Prager Zitadelle in seinem Palast; sein Name war unter den Münzkonsorten genannt, sein Regiment hatte am Weißen Berge die Unglücksschlacht mit entscheiden helfen; nun segnete den Todbringer die deutsche siegreiche Majestät. Der Böhme! Der Erzverräter! Die hoffärtige Bestie, die an Wien die Ehre verloren hatte. Wie Judas hatte er sich einnisten wollen in das Herz seines Volkes, hatte er in der Stunde der Erhebung mit teuflischer Tücke starke Truppen an sich gezogen, täuschend, um sie gegen das eigene Land zu werfen. „Da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und Knütteln; und der Verräter hatte ein Zeichen mit ihnen verabredet und ihnen gesagt: der ist’s, den ich küsse, den greift und führt ihn ohne Zögern ab.“ Es sollte nicht so weit kommen; die Truppen verließen ihn. Mit Schimpf und Schande stand er in Wien, armselig, trug einen gestohlenen Säckel in der Hand, die Regimentskasse. Der Kaiser selbst schickte den Beutel zurück. Der Mann aber war nicht verdorben, war wie Hederich gewuchert, hatte Schandtat auf Schandtat gehäuft, erkannte nichts an als Gewalt. In kleinen Klubs saßen die Edlen und ihr Anhang zusammen; die Verwandten, Neffen, Söhne, Frauen derer, die von Ligisten niedergemetzelt waren oder hatten fliehen müssen. Katholisch geworden mit dem heißesten Grimm, bis in den Kern ihres Lebens vom Sieger getroffen. In hohe Ämter hatten sie sich geschoben; niemand wußte, daß zu ihnen gehörten Wratislaw von Mitrowitz, der Hauptmann der Prager Kleinseite, die Appellationsräte Wenzel von Fließenbach, Kobach, ja ein Sohn des öffentlichen Anklägers Pribik Jenissek von Oujezd. In ihrer Mitte heranwachsende Jünglinge, blühend schöne Weiber, Alte, die schon daran gewesen waren, ihr Dasein abzuschließen. Sie sangen in ihren Zusammenkünften ihre Lieder; vom Peter Chelicky sprachen sie, vom Netz des Glaubens, und daß der Staat ein Übel für den Christen sei — aber dachten nur an den Staat der Habsburger. Sie redeten den Satz nach: „Gott hat nicht widerrufen das Wort: du sollst nicht töten“, damit erhoben sie sich stolz und drohend über die grausamen Verfolgungen, die ihre Angehörigen erlitten, trösteten sich. In dieser ausgestoßenen Aristokratie blühte, angstvoll behütet, das Wunderkraut der sanften menschenbewältigenden Lehren, die im Volk umgegangen waren einstmals, von ihm selbst kaum beachtet. Wie flüsterten sie, sich an den Händen fassend, daß es den guten Christen nicht anstehe, teil an der Macht zu haben —, fühlten sich ruhiger, halfen sich über Schlimmes hinweg. Durch die Gedanken ihrer Kinder ließen sie rasseln die Märchen vom fellbewachsenen Böhmenherzog Krok und seiner geliebten Tochter Libussa; wie in ein Kinderland fanden sie — alternd, heimatlos — in die uralten Fabeln; der starke Premyzl stand auf, Wenzel tat seine Wunder. Ehrerbietig taten sie gegen die neuen Machthaber, geduldig waren sie, unbezwungen, stolz. Sie waren die Adligen, in diesem Land konnte niemand sonst von Adel sprechen.

Über die Niedrigen suchten sie ihre Lockungen auszubreiten, die blieben stumpf und gefährlich. Ließen sich nicht Böhmen nennen, wollten nur Bauern sein, stalpten auf ihre Felder, in die Ställe, wandten sich grimmig von allem, was ihnen mit Bekenntnis und Vaterland kam; in vielen Dörfern brachen nach dem Auszug der Sachsengänger Treibjagden aus wider die aufdringlichen Hußfreunde, Totschläge an heimlichen Friedensstörern und ihren verkappten Sendboten.

Die Edlen versammelten sich in geheimen Häusern, mit brachten sie Listen alles jüngst gegen sie geschehenen Unrechts, aller Schikanen, Bedrückungen. Dann war plötzlich eine Lithurgie da: ein furchtbarer Klagegesang, ein chronikartiges Verzeichnis alles Leids in Böhmen seit den Tagen Rudolfs und Matthias. Keine Versammlung begann, ohne daß wie ein Gebet dieses Verzeichnis verlesen wurde, die Morde Vernichtungen Verbrennungen, der Zug der Verbannten über das Erzgebirge. Und die, deren Angehörigen es geschehen war, da saßen sie, standen an den Wänden — nannten sich draußen kaiserlich, hatten ihrem Huß abgeschworen. Die Gesichter tief gerötet, jene erblichen, verzerrt, streng gerissen. Wilde Worte wurden ausgestoßen, Tränen standen in den Augen, Stöhnen Schreien zog sich in die Unterhaltung hinein. Es würde einmal sterben die spanische Geißel, der Jesuit Ximenes; Marias Säule würde von der Theinkirche gestürzt werden; in den Boden gestampft Caraffa, der päpstliche Nuntius, der Seelenmörder. Es gab welche, die diesen Teil der Zusammenkünfte mieden, zu spät kamen, das Verlesen für eine Albernheit dekorativen Charakters nahmen; die Welt ging voran, sie wollten mit. Aber sie beirrten nicht die rache- und haßatmende Gesellschaft.

Langsam hatte sich ihnen Slawata genähert. Er, dem edelsten Hause entstammend, dem Kaiser anhängend, den Konventikeln nachschleichend wie ein Tier seiner Beute. Sie hatten sich seiner nicht erwehren können, ratlos, wessen sich versehen von ihm. Ihn hatte Wallenstein irre gemacht. Er ging einsam, seit er selbständig geworden war, neben den großen Akteuren, war ihr Stolz, ihre Standarte. Einsam wandte er sich. Es trieb ihn, er wußte nicht wie, zu seinen Vettern und Sippengenossen, in die geheimen Zirkeln. Auf ihre Wege trieb es den Stillen Blauäugigen Umwölkten; wie er sich dunkel den großen Akteuren beigesellt hatte, wandte er sich den Böhmen zu. Spöttisch und traurig stand er unter ihnen, die mit ihren Gesängen und Reden verlegen schwiegen, wenn er, den vollen Kopf halblinks auf die Schulter senkend, sehr langsam sie begrüßte mit Zwinkern der Augen und tonloser Öffnung des üppigen Mundes. Es war nur eine Erkundung, was er bei ihnen vornahm; „wer seid Ihr?“ war seine ungesprochene Frage. Und sie merkten, daß er mit ihnen Fühlung nehmen wollte, wußten nicht, ob sie sich offenbaren oder verleugnen sollten. Schon waren sie willens, mit Banalitäten die Zusammenkünfte auszufüllen, bei denen er anwesend war. Da näherte er sich ihnen mehr; fragte sie eines Abends, als sie sich unter Selbstpersiflage von Dingen der holden Kaiserin Eleonore unterhielten, warum sie zusammenkämen und was sie gemeinsam betrieben. Sie sagten, sie seien Freunde der kaiserlichen Regierung und wünschten die Böhmen dem Kaiser näher zu führen. Slawata blickte lange in seinen Schoß, seine ringblitzende Hand vor die Augen hebend: „Ihr wünscht, daß ich Euch allein lasse?“ Darauf ratloses Gerede der Herren und Damen; er verneigte sich trübe nach einiger Zeit, ging. Sie beschlossen kühn, es darauf ankommen zu lassen; und als Slawata nach längerer Weile lautlos in eine Versammlung der Herrschaften trat, von jungen Männern geleitet, nahm keiner Notiz von ihm; man tat sich Zwang an, wagte. Die Liste der Klage wurde verlesen, das Aufschluchzen und Stöhnen begann, die Namen der Toten und Verschollenen klangen tonlos; der Vorleser bedurfte keines Winkes seines Nachbars, eines uralten Mannes, um auf den Namen Slawatas, des Bösewichts und Verderbers zu achten; der jugendliche Vorleser sah den Namen in seiner Liste kommen, las ihn, samt der Anklage, Drohung, Hoffnung. Als beträfe es nicht ihn, stand Slawata in der nur bankbestellten kerzenhellen Stube nahe der Tür. Auch sie sprachen an sich haltend mit ihm, als wäre er nicht der Slawata, dem sie fluchten. Sie wollten ihn locken, sich zu offenbaren; er schwieg, war höflich gegen sie, kehrte wieder. Nichts geschah einem von ihnen. Sie fühlten, daß sich eine Wandlung mit ihm vollzog, fanden keine Handhabe, ihn zu sich zu ziehen. In offener Gesellschaft der Herren der Kammer ließ Slawata sogar unbekümmert das Wort fallen, daß er den und den Herrn in einem böhmischen Konventikel kennengelernt und gesprochen habe, so daß man raten konnte, ob er sich den bedenklichen Verbindungen seiner Sippengenossen zugewandt habe — er, der Slawata, den sie zum Fenster hinausgestürzt hatten — oder ob sich die Sippengenossen dem Kaiser näherten. Aber ein Blick auf ihn schien zu zeigen, daß er sich nicht geändert hatte, er nicht.

Vom Judenviertel schlug Geschrei herüber, durch Prag liefen die unerhörten Zahlen; der Friedländer wolle hunderttausend Mann auf den Fuß bringen, er werbe Kosaken an, der Tilly werde ihm unterstellt. In den Kammern der Adligen ging man nicht auseinander. „Wir haben die Nachricht von erster Stelle. Der römische Kaiser sucht sein Heil in Böhmen.“ „Er fängt ihn, Wallenstein fängt ihn,“ kreischte eine breithüftige Dame; sie raste so, daß alle mitgerissen wurden. „Wenn der Teufel seine Wege geht,“ flüsterte einer, „geht er sie heimlich.“ „Nein,“ lachte einer, „er geht sie ja offen, am lichten Tage. Sieht man es nicht. Der Friedländer übernimmt die kaiserliche Armee.“ „Man macht dem Verräter, dem Mörder die Tür auf, bittet ihn ins Haus, man drückt ihm den Dolch in die Hand.“ „Man bittet ihn darum, er möchte eintreten.“ „Küsse mich, Judas, damit keine Lücke im Text entsteht!“ „O, wie man ihn bittet! Sie erzählen, Wochen um Wochen laufen schon die Kuriere von Wien mit kaiserlichen Brieflein. Aber der Friedländer will nicht.“ Und alles lachte schallend: „Ei, er will nicht, er will es sich noch überlegen; er hat noch Zahnschmerzen.“ „Sein Rachen ist weit. Ein paar hundert Quadratmeilen Land hat er bald heruntergeschluckt, er ist verstopft, der Hof gibt ihm Wein zu schlucken.“

„Er ist katholisch.“ „Katholisch wie der Teufel. Sinnt Tag und Nacht, wie er den geistlichen Herrn ihr Hab und Gut entreißen kann. Geflucht hat er neulich, die Gläser unter Tosen auf den Estrich geworfen und geschworen, wäre er Protestant, würde er dem Leckerle, dem Kardinal Dietrichstein kein Haar auf dem Fell lassen.“ „Lang lebe unser Landsmann Wallenstein, der Herr, der Fürst.“ „Weiter! Gottes Allmacht.“

In Dresden arbeitete der alte Graf Mathias Thurn. Als Wallensteins Ernennung vor der Tür stand, hofierte der Dresdener Hof den Grafen plötzlich auffällig; er begriff, was das hieß. Sich Wallensteins bemächtigen! Verräter sei der Friedländer, sagte achselzuckend Thurn dem zähen Kaspar Schönberg. Um so besser, meinte der, Verräter seien auch Verräter nach der andern Seite. Thurn, der Feuerkopf, mit den sächsischen Emigrantenorganisationen nachsinnend, gab die Losung aus nach Prag: „In keinem Fall Aufsässigkeit zeigen, geheim für nahe Erhebung rüsten, sich jeder absprechenden Äußerung über den Friedländer enthalten.“ Eine besondere Botschaft betraf den Vetter Wallensteins, den Maximilian, der, wie man wußte, Spionage für den Fürsten trieb: man solle ihn einladen zu den Versammlungen, in den Unterhaltungen lobend den Fürsten erwähnen, und daß man sich ausgesöhnt habe mit ihm, seine alten Taten nicht nachtrage.

Das Elend der Emigration ließ die Hoffnung auf Wallenstein in Sachsen auflodern, die Botschaften, erst belächelt, wühlten hier wie ein Sturm.

Eingestanden oder nicht schillerte in allen Gemütern ein sonderbar tiefes Vergnügen, daß das Heilige Römische Reich von einem Böhmen gerettet werden müsse. Alle Trümpfe hatte man im Spiel; die Sinne zusammen; es galt klug und kühn zu werfen. Und wie auch immer, er, der Friedländer, er würde dem Habsburger das Messer auf die Brust setzen; würde sie rächen an Ferdinand.

Die üppigen schwarzäugigen Frauen, deren Männer gefallen und verjagt waren, sprangen an den geölten Wänden herum: er werde sich rächen an Böhmen, indem er es verschlinge, er hat einen großen Rachen, zweitausend Meilen haben noch Platz. Verschlingen. Und das fiel wie Feuer in alle. Wallenstein würde sie an sich reißen, vielleicht um sie zu unterwerfen, über ihnen zu stehen; würde seinen Haß an ihnen kühlen, indem er über sie herrschte. Er solle es nur. Das übermütige übermäßige Glück.

Slawata wanderte zwischen ihnen. Die Lichter der Kammer brannten auf erhitzten Gesichtern, verzückten Augen. Er hatte sie jubeln hören, als sie ihn auf dem Prager Rathaus anfaßten, als ihr eitler Herr aus Heidelberg herzog. Jetzt jubelten sie Wallenstein zu. Die Kanaille, Adlige, seine Sippengenossen. In dem Tuscheln Schwatzen wurde man seiner ansichtig, aufmerksam verneigten sich von allen Seiten hertretend vor ihm die rachegeschwollenen Vettern, den Kaiser lobend ob seines Scharfblicks und wie der Friedländer das Reich in seiner Herrlichkeit werde herstellen. Er stand an der glatten Wand.

„Was habt Ihr mich zum besten, liebe Vettern.“ Rechtzeitig gewann er es über sich, gegen die Verblüfften zu lächeln, indem er ihnen zwinkernd die Hände und Wangen streichelte. Zu diesem aufgeregten Abend war in Prag die alte Magdalene aus dem Geschlecht der Trzka von Lipa erschienen, ein robustes tatkräftiges Weib, die über Millionen verfügte, mit dem Friedländer verwandt, der sich von ihr fernhielt. Am Stock kam sie auf Slawata zu, burgunderrotes Gesicht vor weißem losem Haar, das auf einen glatten viereckigen Kragen fiel, die linke Gesichtshälfte schlaff, das Augenlid hängend und zuckend, freudig ihm zuschreiend: „Hier ist jetzt nicht Euer Platz, Graf Slawata. Prag ist meinem Neffen Wallenstein zu klein, und Ihr? Ich freue mich, Euch zu sehen.“ Er half ihr neben sich auf eine Bank; lächelte starr: „Also nach Wien.“ „Nach Wien. Gewiß und sicher. Gedenkt Ihr hier zu versauern? Prag hat aufgehört für die nächsten Jahre Hauptstadt von Böhmen zu sein.“ „Nach Wien.“ Sie lachte in ihrer gesunden wanderschütternden Art, sah ihn durchdringend an: „Der Kaiser braucht Euch. Ihr seid doch geschickt, Ihr werdet wissen, was Ihr zu tun habt.“ Sie redete noch manches; er hielt still.

Als er in seiner Sänfte saß, war er erschüttert von Schmerz, machte sich mühsam kalt. Er hatte nicht vor, seine Politik nach Wallenstein einzurichten; er war es im Begriff gewesen. Er suchte sich auf ein kaltes sachliches Ziel zu besinnen; vermochte es nicht. Mit einem Fluch machte er sich frei: „Nach Wien.“ Er gab sich keine Rechenschaft: warum. In einer Wutwelle war er vor den Entscheid getragen.

Drittes Buch
Der Krieg

Noch einige Wochen blieb der Friedländer in Prag, dann brach er nach Eger auf, wo, er sein Hauptquartier aufschlug. Im Reiche, in den Erblanden standen kaiserliche Truppen, deren Haupt er war, geschwächt, in alle Windrichtungen zerstreut; in Wien die Stadtguardia, acht Infanterie-, sieben Kavallerieregimenter. Sechs marschierten unter Spinelli zu der Infantin Isabella nach den Niederlanden. In Ungarn Musketiere, in Böhmen das Regiment Breuner, in Mähren die Truppen des Max Liechtenstein, Wallensteins, des Grafen Schlick, des Freiherrn von Tiefenbach; ganz entfernt in Freiburg im Breisgau Hannibal von Schaumburg; dazu die Reiterregimenter Marradas, Wittenhorst, Konti, Kaspar von Neuhaus. Fünf Regimenter zog der Herzog an sich, vierzehn neue stellte er auf; das Regiment dreitausend Mann. In Prag vergab er die Bestellungsbriefe an die neuen Obersten; sie hatten zu übernehmen und vorzustrecken Antritts- und Laufgeld, einen Monatssold und Ausrüstung ihrer Söldner; vielen schoß er selbst den Betrag vor, ihr Gläubiger der Kaiser.

Wallenstein entfernte sich nicht weit von Prag, um mit de Witte, Michna und Bassewi in Zusammenhang zu bleiben. Die neuen Köpfe tauchten in Eger neben ihm auf, die Obersten Merode, Scharffenberg, die Gonzaga, Desfours, Isolani, der Thomas Karboni, die bald so gefürchteten Namen. Nach dem Elsaß herunter liefen die Ordonnanzen, die Schaumburg und Wittenhorst mobil zu machen und ihren Anmarsch in das Reich zu befehlen. Wallenstein war zugeteilt als sein Oberstmeister-, Zahl- und Quartierungskommissar Johann Aldringen, ein feiner gewandter Hofmann, dessen geheime Aufgabe war, wohl aufzumerken in Wallensteins Quartier und Lager und von allem den Räten in Wien gute Kenntnis zu geben. Er sah bald selbst, daß ihm nichts weiter blieb als dies: die Korrespondenz nach Wien und der Titel; denn der Herzog wies an; er hatte bald kein Verlangen mehr mitzusprechen.

Man schlug Sammelplätze auf in den kaiserlichen Erblanden, im Reich, im fränkischen schwäbischen Kreis. Abgeordnete der fränkischen Ritterschaft erschienen vor dem Herzog in Eger, Direktoren Hauptleute und Räte aller sechs Orte in Franken, zu klagen über den Schaden durch vagierende disziplinlose Truppenkörper; sie wurden höflich empfangen, versichert, daß der Oberst Graf Schlick eine Erinnerung erhalten werde. Im übrigen bemerkte der Herzog mit großer Bestimmtheit beim Abschied, sie möchten mit Proviant und sonstigem Unterhalt nicht zurückhalten, damit die Völker nicht herumstreiften und nicht zu lange an einem Fleck liegen blieben; mürrisch und erstaunt wandten sich die Herren, dabei ein Hektor von Streitberg und ein Redwitz zu Wildenrod, zum Gehen. Aus Hessen, von Frankfurt Nürnberg fuhren rechtskundige stolze Männer nach Eger an, ließen sich nicht abspeisen mit des Herzogs Sekretär, auch nicht mit dem neugierigen und sehr interessierten Aldringen, stellten sich ehrerbietig, fest vor der Durchlaucht selber auf, berichteten von den vorgenommenen Werbungen, errichteten Musterplätzen und den Unterhaltsansprüchen der Völker, zitierten die Goldene Bulle, Reichstagsabschiede. Der Fürst nahm sie freundlich an, schrieb lachend ein Brieflein an Trautmannsdorf nach Wien, der Geheimrat Recke solle bald, bald, bald kommen; cito, presto, die Leute aus dem Reich überzögen ihn mit hochgelehrten Sprüchen, er wisse nicht, wo er drin stecke. Er schickte Unterhändler nach Ulm Halberstadt Nördlingen Nürnberg; die Städte mußten sich freikaufen von Quartierlasten; Nürnberg zahlte hunderttausend Gulden; Eger gab siebentausend her; empört hatte die Stadt die doppelte Summe abgelehnt. Die böhmischen Landesoffiziere wurden trotz Sperrens durch sanften Druck vermocht, hunderttausend Schock Groschen an die Kriegskasse abzuführen. Herr Aldringen hatte in der ersten Woche seines Aufenthaltes im Eger Hauptquartier zaghaft auf die kaiserliche Resolution betreffend Schatzungen hingewiesen, in der es hieß, es sollten leidentliche Kontributionen in den eroberten Örtern und Landschaften zur Erhaltung der Soldateska zugelassen werden, mit dem Maß, daß solche Kontribution der Soldateska von ihrem Lohn abgezogen werde, damit der Kaiser leichter an den Kriegskosten trage. Wo aber seien Ulm Nürnberg Nördlingen eroberte Örter, die freien Reichsstädte, noch dazu mit reichen kaiserlichen Schutzbriefen versehen? Der Herzog hieß ihn, freundlich ihm auf die Schulter klopfend, sich nicht zum Anwalt der Städte machen; sie setzten ihm schon genug zu; er sollte nur fein berichten und hören, was man sage. Da wurde Aldringen aus Wien durch den Abt Anton die schwer verklausulierte Auskunft, er möge sich um Jesu willen mit dem Herzog ins Einvernehmen setzen, sie vermöchten von Wien aus die Verhältnisse nicht zu überschauen, man dürfe gewiß nicht Splitterrichter in so gefährlichen Zeitläuften sein, wobei immerhin sein Rechtsstandpunkt offensichtlich unantastbar sei und er ihn dem Herzog gegenüber vertreten möge, jedoch nicht zu heftig.

Proviant, Artillerie, die Brückenequipage fehlte. Die hatte der Kaiser versprochen. Es war an einem gewissen Punkt der Unterhandlungen in Nikolsburg eine pathetische Gebärde der Räte gewesen, dies zu übernehmen; da waren kaiserliche Stückgießereien Zeughäuser Kornlager. Die Gießereien arbeiteten zu langsam, das Material der Zeughäuser war bedeutungslos, unbrauchbar, die Kornlager knapp, für zehn Regimenter reichend. Eger drängte, klagte stürmisch an, sie ließen es im Stich, sollten die Truppen verhungern, sollten sie mit Stecken kämpfen. Man mußte demütig erklären, Eger möge sich gedulden, möge sich behelfen; man konnte nicht hinzusetzen, daß die Hofkammer bisweilen nicht zehn Gulden in der Kasse hatte zur Bezahlung des Kuriers.

Während der Herzog in immer größerem Umfange sein Geld an die Sache setzte, geschah es zur Verwunderung des Wiener Hofes, daß er immer mehr eine ehrerbietige Haltung gegen den Kaiser und seine Beamten annahm, sich, wie es schien, mit Gewalt bezwang und in die Rolle eines kaiserlichen Funktionärs einfügte. Er schien es dem Hof leicht machen zu wollen, sich mit ihm abzufinden, denn, wie Trautmannsdorf bei Berichten aus Eger einmal sagte: lange wachsen lassen kann man solch Ungetüm an Land Leuten und Geld nicht; entweder es pariert bald und kriecht unter, oder es muß erschlagen werden.

Die sechs niederländischen Regimenter wurden zurückbeordert; in Sachsen warb für den Herzog ein Mansfeld als Generalleutnant zwei Regimenter. Dann stand das Heer komplett; fast ohne Artillerie, ohne gesicherte Proviantzufuhr. Unter den peitschenden Worten Wallensteins ging der Rest der Werbung, Musterung, des Drills Hals über Kopf; die Parole war: „Nehmt was ihr kriegt!“ Wie Verzweifelte arbeiteten die Offiziere. Gefährliches beutelüsternes Volk lief ihnen zu, sie hatten für die Kriegsstärke dem Herzog zu stehen. Von oben kam der Befehl: „Wenn man keinen Falken hat, muß man mit Raben beizen.“ Bevor er in Eger die Hauptmusterung seiner Truppen vornahm, entschloß man sich in Wien zu dem letzten Schritt: ernannte ihn zum General dieses kaiserlichen nach dem Reich abgeordneten Hilfsheeres. Man mußte ihm zum Opfer bringen die alten verdienten Generale, den Spanier Hieronymus, das Kriegsorakel aus Madrid, den Rudolf von Tiefenbach und andere; man besänftigte sie durch Titel, sprach ihnen zu: es ginge alles vorüber, auch der von Wallenstein.

Die Truppen, wie sie standen und lagen, mit und ohne Artillerie, mit ungeklärter Fouragezufuhr, der zehnte Kavallerist ein Pferd, erhielten dann eines Tages, wie aus dem Himmel fallend, den Befehl zum Abmarsch. Sie schwirrten, noch halbnackt, ein buntes halbverbrecherisches Gesindel, gegen die Grenze auf Bayreuth Bamberg zu.

Einen Brief hatte Wallenstein erhalten vom Bundesobersten der Liga, Maximilian aus Bayern, worin der ihn bat um Abordnung des Marradasschen und halben Lauenburgschen Regiments an Tilly, seinen Generalleutnant. Als der Herzog zugesagt hatte, stellte der Bayer dem niedersächsischen Kreis ein Ultimatum, die Rüstungen einzustellen und sich vom Dänenkönig loszusagen. Den Kaiser und seinen Hofkriegsrat fragte Maximilian nicht; nach einer knappen Woche, Wallenstein überschritt eben die böhmische Grenze, erteilte die Durchlaucht in München ihren Feldkommandierenden den Befehl, im Namen Gottes und seiner heiligen Mutter in Niedersachsen einzumarschieren. Worauf der Tilly über die Weser setzte bei Höxter, wie ein Wetter das Braunschweiger Land überraschend, über zwölf Meilen Wegs alles verwüstend. Von Ferdinand war eben ein Handbrieflein an die stolze Münchener Durchlaucht gekommen, er hielte mit seinen Beratern einen Beschluß über Niedersachsen zur Zeit nicht für ratsam, ja gefährlich. Das Präveniere war gespielt, der Wiener Hof erklärte mit verhaltenem Atem, es bei dem Geschehenen bewenden zu lassen. In Maximilian brach aber einen Augenblick die Spannung aus, als die Wallensteinschen Scharen in ungeheuren regellosen Zügen nach Überschreiten der Reichsgrenze an der Oberpfalz vorüberstreiften, massenhaft Leichen von räubernden Söldnern an den Bäumen zurücklassend. In heftigen, kaum mehr diplomatischen Wendungen verwahrte er sich gegen das Treiben dieser Horden, die man besser gegen Ungarn auf Bethlen Gabor gewandt hätte; er werde Truppen bei Weiden aufstellen, die Polizei spielen sollten. Unverhüllt darauf Habsburg, er solle nicht schelten; er solle sich seiner sonderbaren Unterhandlungen mit Frankreich erinnern. Das täte er, knirschte Wittelsbach; der Kaiser möge es nicht dahin kommen lassen, daß er die französischen Anerbietungen annähme.

Auf dem Marsche nach der Weser verstärkte sich Wallenstein weiter; die niederländischen Regimenter stießen zu ihm. Er setzte sich in Schweinfurt, in Wacha an der Werra. Ihn erwartete, mit lauten Rufen begehrte nach ihm der flinke alte Brabanter, der Freiherr von Marbiß und Tilly, Johann Tserklas. Der, Schüler des Alexander Farnese, Belagerer von Antwerpen, bei der spanischen Hilfe gegen die aufsässischen Guisen gestanden, mußte mit Jubel, zum Grimm seines bayrischen Herrn, aus schwerer Bedrängnis auf die toll anrasselnde böhmisch kaiserliche Kavalkade fliegen. Im deckensenkenden Quartier des Bürgermeisters von Hennendorf, bei Lauenstein gelegen, stiefelte Tilly, gebrechlich, in spanischer Kapitänstracht, am kleinen Hütlein hohe schwankende rote Straußenfedern, an den langen hageren Böhmen heran, der heftig lachte und sich mit ihm freute, daß es noch nicht zu spät sei, dem Feinde die Zähne zu zeigen.

Der Brabanter, steif, gespenstig, mit einer weißen Schärpe, zwei Pistolen und einen Dolch im Gurt, kurze weiße Haare; an den Haarspitzen schwankten ihm wie Ähren die tausende erschlagenen Menschen. Sein bleiches spitzes Gesicht, buschige Brauen, starrer borstiger Schnurrbart, überrieselt von den verstümmelten Regimentern eines Menschenalters; sie hielten sich rutschend an den Knöpfen seines grünen Wamses, an seinem Gurt. Seine knotigen Finger bezeichneten ein jeder die Vernichtung von Städten; mit jedem Gelenk war ein Dutzend ausgerotteter Dörfer bezeichnet. Über seine Schultern schoben sich her, zappelten die Körper der gemetzelten Türken, der Franzosen, der Pfälzer, und doch sollte er damit erscheinen vor Gericht einmal, samt ihren Pferden und Hunden, die über ihm hingen kreuz und quer, einer vor dem andern, über dem andern, eine ungeheure Last, so daß sein Kopf samt dem Hütlein darunter verschwand. Die aufgerissenen roten und borkigen Hälse, Bäuche mit weißen regsamen Farben, geädert, triefend über die geschlitzten zurückdrängenden Arme und die einknickenden Beine. Darmschlingen am langen Gekröse, in die er sich verwickelte, wampend und schwabbelnd über die sich stemmenden lederverwahrten Knie, eine riesenlange, weiche, wurmartig rieselnde Schleppe, an der er ruckte, riß, keuchte, wenn er ging. Ein Mammut belastete er den Boden; aber eisig hielt er sich, hörte nicht das Gebrüll der Menschen, das markerschütternde der Schweine, Schrillen Pfeifen der Pferde, die sich alle an ihn hielten, ihr Leben aus ihm saugen wollten, aus den feinsten Röhrchen seiner Haare; herumlangende Pferdehälse, nüsternzitternd, scheckig, schwarz; zerknallte Hunde, die nach seinem Mund, seiner Nase schnupperten, gierig seinen Atem schlürften. Er mußte längst ausgeleert sein, sie sogen an einem dürren Holz, er klapperte drin und sie brachten ihn nicht zum Sinken.

Hinter ihm vierzehn Regimenter zu Fuß und sechs zu Pferd.

Der Friedländer ihm gegenüber, ein gelber Drache aus dem böhmischen blasenwerfenden Morast aufgestiegen, bis an die Hüften mit schwarzem Schlamm bedeckt, sich zurückbiegend auf den kleinen knolligen Hinterpfoten, den Schweif geringelt auf den Boden gepreßt, mit dem prallen breiten Rumpf in der Luft sich wiegend, die langen Kinnladen aufgesperrt und wonnig schlangenwütig den heißen Atem stoßweise entlassend, mit Schnauben und Grunzen, das zum Erzittern brachte.

Hinter ihm vierundzwanzigtausend Männer.

Der Tilly sollte unter dem Schein, den Mansfelder zu stellen, ins Herz des Reichs vorstoßen, sich der beiden sächsischen Kreise bemächtigen, zwei Erzstifte, dreizehn Bistümer und Abteien. Des Böhmen Befehl lautete, durch sanfte Mittel und Traktationen die Gemüter gewinnen, den protestantischen Fürsten den Vorwand der Religion benehmen, welchen die Feinde des Kaisers zur Bedeckung ihrer rebellischen Anschläge meisterlich gebrauchen.

Als sie zusammenstanden bei Hennendorf, wich der Däne von ihnen ab. Das Jahr war vorgerückt. Links dehnte sich das Ligaheer in die Quartiere von der Weser bis nach Goslar in die Berge; Wallenstein wollte sie ihnen nicht strittig machen, hatte Platz in das flache Land hinein nach rechts, zwei Erzstifter, dreizehn Bistümer und Abteien.

Ehe der Brabanter Kriegsmann Zeit hatte zum Disput und die Stifter zum Protest, zog der Böhme vorn den Riegel weg von seiner Avantgarde, das Volk schwemmte schwabbte nach rechts, nach Norden, in das flache Land. In Halberstadt wühlte sich der Friedländer ein; dort schlug er sein Quartier auf; alle Städte und Dörfer besetzte er weit herum; an die Saale herüber langte er nach Halle. Tilly, die kleine Dogge, grollte, aber der andere wies, daß er ihm im Herbst geholfen habe, versprach noch mehr. Nach Wien trompetete der Böhme, er säße mit allem Volk in warmen Quartieren, man staffiere sich weidlich aus; der Kaiser möge wissen, wie schön dies Land sei, wie wohl diese Stifter dem zweiten Sohn des Herrn anstehen würden. Zurück hallte Graf Strahlendorff: Magdeburg sei nicht weit von Halberstadt; möge der General hören, wie schwer die Römische Majestät daran trage, dort die Gebeine des Heiligen Norbert in schlechter Verwahrung zu wissen.

Die kaiserlichen Räte schoben den Grafen Kollalto, der mit ihm in Prag verhandelt hatte, zu ihm ins Lager, den ehemaligen Hofkriegsratspräsidenten. Kollalto war ein untersetzter gewalttätiger starrer Mann, nicht jünger als der Böhme, dem Kaiser von Gradiska her befreundet, ein starker Trinker. Er sollte Polizei und Disziplin unter den kaiserlichen Truppen aufrecht erhalten; man hatte neben den Böhmen mit Plan den schwer zu behandelnden Friauler gesetzt, mit unscharf begrenzten Funktionen, einen ehrgeizigen eifersüchtigen unbefriedigten Mann. Die Wiener verkannten den Böhmen; dieser blickte mit blinkernden Augen rechts und links, ihm kam es auf einen Gegner mehr nicht an. Er nahm die Entlastung an, der Friauler hielt das Spiel für gewonnen als Nebenregent.

Da wandte sich eine Herzogin von Braunschweig, eine verschüchterte freundliche Person, an den Herzog nach Halberstadt mit der Bitte, ihr durch das besetzte Gebiet die Durchfuhr einiger Wagen mit Kleidungsstücken zu gestatten. Der Herzog gab galant die Salvaguarda, bedauernd, durch die Kriegsgeschäfte ihr Schwierigkeiten zu schaffen. Die Dame mißbrauchte ihren Geleitschein, belud einige Wagen für ihren Keller mit Tonnen Wein. Ein Oberstleutnant mit Patrouille des Zuges ansichtig hielt den Passierschein für gefälscht, ließ die Dame in strömendem Regen aus ihrer Karosse auf ein Pferd setzen, sie ritten in sein Standquartier; fünf Stück Wein wurden von den Wagen gerollt, mitgeschleppt; die Wagen blieben unter Bedeckung liegen, die Fuhrleute davongejagt. Bevor die Herzogin nach zwei Tagen sich an den General wandte, wußte er schon davon, erklärte ihr seinen Unwillen, ließ den Vorfall untersuchen. Der Oberstleutnant, verhaftet, erhielt Befehl, die geraubten Stücke herauszugeben; es war ein Oberstleutnant vom Regiment Kollaltos, des jetzigen Feldmarschalls. Kollalto, sonderbar verbissen und erglühend, verlangte Auslieferung des Oberstleutnants an ihn, den Regimentsinhaber. Der General lehnte den Einspruch ab. In Wien freute man sich schon lebhaft über den Vorfall. Da gab Kollalto nach, bevor eine kaiserliche Instanz mit der Sache befaßt wurde. Auffallend rasch nach anfänglichem Grimm gab er nach; im Hauptquartier erzählte man sich ein Wort des Generals, der Graf Kollalto solle nicht so um die paar Faß Wein jammern; deutlicher wisperten andere, der Oberstleutnant habe für seinen Oberst das Stück unternommen. Und ohne daß sich äußerlich das Verhältnis der beiden obersten Personen des Heeres änderte, verschwand noch während der Winterquartiere der strenge rotwangige Kollalto aus Halberstadt; unvermutet gelangte an den Herzog die Nachricht, der Feldmarschall, sein Herr Bruder, sei aus seiner Stellung ausgeschieden, man habe ihn wieder als Präsidenten des Kriegsrats angenommen. Man hatte sich in Wien durch Kollalto verstärkt.

Die Losung in der Burg: ihn niederhalten. Die Unterhaltungen Eggenbergs Questenbergs und sogar des verwachsenen feinen Trautmannsdorf waren auf diesen Ton gestimmt: niederhalten. Plötzlich erschien im unschlüssigen Wien, mitten im strengsten Winter, eine ungewohnte Person, der Graf Wilhelm Slawata, der böhmische Oberstlandkämmerer, nahm an einigen höfischen Unterhaltungen Treibjagden Konzerten teil. Er, Vetter des Friedländers, von erwiesener Kaisertreue, streute Gift um sich, daß selbst die Räte erschraken. Er zog die Affäre ihres gemeinsamen Verwandten Smirsitzky hervor, dessen Vormund der jetzige Herzog gewesen sei, und dessen Habe er sich nach dem Verrat und dem Ausschluß aus der alten böhmischen Adelsgesellschaft angeeignet habe; der Kaiser sei über den Vorgang falsch informiert worden. Er rührte an den Vorfällen, die mit der Existenz eines geheimen Münzkonsortiums zusammenhingen, brachte Tatsachen von so haarsträubender Korruption vor, daß er sich fast der Lächerlichkeit aussetzte; man konnte nach seiner Darstellung schließlich den Kaiser selbst der Teilnahme an jenem peinlichen Verbrechen zeihen. Man mußte über den erstaunlich veränderten, plötzlich so sensationslüsternen stillen Grafen zur Tagesordnung übergehen. Er sah sich am Hof freudig aufgenommen, interessiert festgehalten, dann isoliert; seine Worte blieben liegen. Lautlos zog er sich plötzlich, wie er erschienen war, in seinen Prager Dienst zurück. In Wien summte man hinter ihm; man rechnete auf ihn; hastig übergab man ihm ein Geheimreferat über böhmische Angelegenheiten.

Und man konnte hoffen, baldig dieses neuen Herzogs und Generals über eine unkaiserliche Armada entledigt zu werden. Denn sein Erscheinen auf dem Kriegsschauplatz, die Drohung mit der kaiserlichen Gewalt, hatte die Niedersachsen bewogen, sich zu Verhandlungen zu bequemen, die in Braunschweig stattfanden. Man schickte die verlässigsten Unterhändler hin, gab die schärfsten Instruktionen, nachzugeben bis an die Grenze des Möglichen. Aber während der langen Debatten ergab sich zur Greifbarkeit, daß die Kreisdeputierten nichts als Verschleppung vorhatten, um ihren Bundesgenossen Zeit zur Verstärkung zu geben. Und zu ihrem Groll erkannten auch die Unterhändler, daß Wallenstein die Atmosphäre gründlich verdorben hatte mit drohendem Auftreten, skeptischer Ablehnung selbst an den Gesprächen teilzunehmen. Er warb rastlos weiter. Spione über Spione warf Wien über ihn, suchten sich an ihn zu hängen. Der Kaiser hatte dem Heer die Sanktion gegeben; jetzt schwamm es draußen in der Welt, im Reich herum, von Woche zu Woche unfaßbarer. Sie hatten dies Roß gezäumt, den Reiter in den Sattel gesetzt; Roß und Reiter jagten; wer wollte sie wieder in den Stall bringen. Sie mußten hören, was man ihnen auf Hintertreppen zutrug. Von dem Herrn kamen manchmal Meldungen, und wenn sie nicht kamen, so kamen sie nicht.

Da schien es ihnen besser von Zeit zu Zeit zu tasten, daß er sie nicht vergäße. Denn unzweifelhaft bewies er sich ergeben der Römischen Majestät; er hatte die strengsten Beweise dafür geliefert, sich der Schmach, der Volksverachtung ausgesetzt. Und langsam kam in den schwerfälligen Körper des Geheimen Rats und der Kammer ein Vibrieren, ein Mitschwingen, ein Mitklingen. Wie wenn einer an der Wand lauscht und unwillkürlich aus seinem Mund die Töne kommen, die auch drüben gesungen werden.

Der matte Winterkönig, Friedrich der Wittelsbacher, lungerte in Sedan bei seinem Oheim, dann raffte er sich auf nach dem Haag. Er ging nicht gern; den Schlag des vergangenen Jahres, verlorene Schlachten, gnadenlose Überwältigung durch den Kaiser, hatte er nicht verwunden; bis ins Mark fühlte er sich geschwächt; leise Bitterkeit und Widerwillen war in den fröhlichen Mann eingezogen. Vom Haag her rief man ihn; seine üppige leichtsinnige Elisabeth lachte ihn aus, als er zögernd nachsann. Die Fremden, Mansfeld, der Halberstädter Analphabet hatten für ihn gerüstet, der starke Dänenkönig schrieb ihm huldigende trostreiche Briefe. Auf, auf!

Im Haag, im Asyl der Generalstaaten, winterliches Leben. Hin und her zwischen Vlissingen und Southhampton und London schossen die Eilboote. Das Jahr war schlimm für England gewesen, man war nicht aufgekommen gegen die spanische Seemacht, zerbrochen waren die Schiffe mit schweren Verlusten in ihre Heimathäfen eingelaufen. Des selbstherrlichen Königs Karl hatte sich die Sorge bemächtigt; er mußte siegreich sein, die aufrührerische Gesinnung des Parlaments kannte er. Sein Kanzler, der geleckte Wüstling Buckingham, schwärmte um die feinen brünstigen Damen des französischen Hofes seiner Königin. Von hier kam dem König die Einflüsterung, sich Richelieu anzuschließen in der Bewältigung der Hugenotten, um Frankreich stark zu machen gegen das verhaßte nebenbuhlerische Spanien. Und das Abenteuerliche geschah, zur zitternden Freude Buckinghams, dem seine Hündinnen Glück wünschten, daß das strenge papsthassende Britenland Gelder und Schiffe herübersandte nach der Bretagne zur Ausrottung des freien Bekenntnisses. Und der König Karl bog die Knie vor dem kichernden vollbusigen Weibchen, der Henriette, die an ihren braunen Stirnlöckchen schnappte und bekümmert ihr rosarotes Seidenkleid vor dem Mann zurückhielt, und lachte schallend, während sie einknickte und sich an seiner Halskrause hielt, wie das Parlament schäumen würde, welche schlauen untastbaren Wege er ginge dank dieses Meisters der Teufel Buckingham, und wie es dennoch geschehen würde, dennoch. Und zugleich zur Ehre Frankreichs! Sie kicherte und fühlte ihr Strumpfband platzen.

Die Pfälzer Räte schickten nach London: Geld, Geld. Sie fragten ihren Kurfürsten nicht, schrieben aus eigner Machtvollkommenheit in Gram um ihre Heimat, der Schwager des Königs von England sei in Not, seine Schwester ruiniert, sein Neffe zum Gespött; das alte, bald fünf Jahre alte Lied. Widerwilliger von Monat zu Monat flossen die Gelder nach dem Haag, davon der Bastard Mansfeld und der tolle Halberstädter rüsteten. Die beiden, von den Summen erquickt wie Blumen vom Tau, ritten ihrem Kurfürsten auf der Landstraße zum Haag entgegen; sein Herz schlug kräftiger, als er die starken Pferde und die gepanzerten unbändigen Männer antraben sah. Erzählten ihm vom König Christian und den prächtigen Niedersachsen, wie gern der Kaiser auch Magdeburg schlucken wolle und von dem neuesten Ankerseil des löblichen Hauses Habsburg, dem gewissen Wallenstein. Und sie freuten sich zu dritt über den gewissen. Der schlaffe Friedrich fühlte sich wieder erwachen, hineingerissen in das alte Leben zwischen den davontosenden schweren Kürissern.

Es gab für die zweitausend Reiter des Grafen Mansfeld keine Entfernung. Dem kleinen kraftüberladenen Gesellen behagte nicht eine herkömmliche Schlacht, bei der er mit seiner Bande eine Zahl stellte; ihn gelüstete von Jahr zu Jahr stärker nach Wien. Nach Wien! Mit dem eisernen Halberstädter machte er sich auf Hamburg, als das Frühjahr kam; es sollte die Elbe entlang auf Böhmen gehen, während der Fuchs aus dem Bau war und sich die Pfoten in Halberstadt wärmte.

Das Frühjahr war noch nicht zu den Kirschbäumen gekommen, da schlichen die Mansfelder durch das Tal der Elbe. Die Hufe ihrer Pferde hatten sie mit Stroh umwickelt, in kleinen Trupps jagten sie, viele mit kaiserlichen roten Feldbinden; bei Tag schliefen sie meist, bei Mondaufgang wirbelte ihre gedämpfte Trommel. So zahm wie jetzt waren Mansfelder Reiter noch nie zu Landbewohnern; einige Kompagnien kamen als verkappte Mönche und hatten ihre Pferde in Wäldern abseits stehen, schrien von Übeltaten, die ihnen geschehen seien und erhielten Quartiere; andere ahmten riesige Warenzüge und Pferdetransporte nach. Sie gaben sich als Dänen, Märker aus. Haufen wanderten als beklagenswerte Flüchtlinge aus dem Holsteinischen, wußten Schmachtaten der Dänen und des Bastard Mansfeld zu erzählen. Das ungeheure sonderbare Treiben zog sich in das Magdeburgische hin; bei Dessau hatten die Wallensteiner die Elbbrücke verwehrt, mit großer Macht lagen sie hinter Schanzen da, warteten auf den Dänenkönig.

Urplötzlich eines sonnigen Apriltages warfen sich unkenntliche Streifkorps gegen den Brückenkopf, schwammen auf Kähnen elbaufwärts. Als wäre es ein Spuk, tauchten aus den Wäldern und Dickichten berittene Mönche und Bauern auf; man wußte nicht, wer es war, aber sie griffen an. Griffen an, daß die Wallensteiner zusammenschmolzen, Schrecken über sie fiel. Die Nacht kam; in der Flanke erschienen die abenteuerlichen Feinde rechts, links, die Front der Schanzen hatten sie eingedrückt. Der Friedländer, im Augenblick bewußt einem Mansfeldschen Durchbruch gegenüberzustehen, rasselte ritt flog die Nacht, den Morgen durch. Er gab stückweise Kraft von sich; die erste stärkte den Widerstand und war blitzschnell da; die zweite wühlte sich Laufgräben bei den Schanzen, lief gedeckt vor; die dritte faßte die siegesheiß vordringenden Reiter in der ungeschützten Flanke, jagte sie zur Seite, ließ sie in die Laufgräben vorrennen. Die Hauptkraft des Böhmen wallte über die Umzingelten Verjagten her, schmetterte sie mit einem langhintreffenden Schlage zu Boden. Die letzten waren die schlachtenden Arkebusiere Gonzagas und Koronius, Lauenburgs beilwerfende Kürisser, Kroaten Isolanis mit der Spitzhacke, dem Schlaghammer und türkischen Jagetan. Mittags wußte Wallensteins ganzes Heer, daß diese einmal säbelschwingenden Mönche, diese einmal schießenden Kaufleute, einmal schwimmenden Fuhrmänner Flüchtlinge Bauern die Mansfelder waren, die in Rauch aufgegangen waren.

Der Mansfelder entwich in die Mark. Es fiel noch einmal Schnee. In einer Nacht trug man den kurzen asthmatischen Mann von einem zweirädrigen Bauernkarren herunter in ein mondbeschienenes Gehöft, dessen Bewohner ihm und den zehn Begleitern ihre Stuben einräumten, vor dem Hause sich ansammelten, wo der herzkranke Graf mit dem Tode rang. Man wollte ihm zum Aderschlagen einen Barbier holen oder einen Arzt aus Tangermünde. Er, in Stahlkappe und Brustharnisch, mit vorquellenden blauen Augen, keuchendem Atem winkte ab, am Tisch hinter einer Kerze stehend, sich festhaltend. Die ganze Nacht setzte er sich nicht. Wenn man ihm einen Sessel zuschob, stieß er ihn rückwärts mit dem Fuß zurück. Kleine Schlucke Weißweins ließ er sich in den Mund eingießen. Blickte immer steif auf das kleine viereckige Fenster, wo das Mondlicht weiß hereinquoll. Als draußen die Hähne krähten, sank sein Rücken zusammen, er seufzte zum erstenmal, legte sich quer auf das Bett des Bauern. Nach einem gekeuchten Fluch trank er, die Arme zitternd, einen halben Krug Wein aus, blickte in seinem Stahlpanzer schauernd den herumstehenden Offizieren unter die Augen: was sie nun dächten. Er röchelte, ohne ihre Antwort abzuwarten: „Einmal ist keinmal. Wir fangen dasselbe Ding, dasselbige Ding noch einmal an.“ Sie hoben ihn nach einer Stunde wieder auf den Karren; der Pfaffenkaiser solle nicht glauben, er sei zahm und lieb wie der Pfälzer Herr; er werde dem Friedländer bald am Kragen sitzen, dem Pfuscher, der sich die halbe Welt kaufe und vermeine, damit sei es geschehen. Lauschende Reiter voran, Laternen ausgelöscht.

Zu ihm stießen die Reste des geschlagenen Heeres; von den Dänen kamen viele herüber, schottische Fähnlein, die seit Hamburg auf seinen Spuren zu spät die Dessauer Brücke erreichten. Ohne Lärm schlossen sie sich in der Mark zusammen; Bauern und Adlige gaben ihnen Geld und Proviant, Pferde Zaumzeug und Wagen, als sie hörten, die Katholischen hätten gesiegt. Bitter lärmte das Volk, daß der Markgraf von Brandenburg sich nicht kümmere um die Dinge, den Mansfelder, der das Land verteidige, verkommen lasse. Aus Städten und Dörfern strömten sie dem tapferen ingrimmigen Kleinen zu, dessen zweites Wort war: „Kaiser? Was! Pfaff und Jesuit!“ Erschauernd vernahm das Volk die Gerüchte von der ungeheuren Heeresmacht, die der kaiserliche Feldherr langsam herantrieb gegen die Mark, um sich des geächteten Mansfelds zu bemächtigen. „Der Friedländer“ flüsterte es fingerhebend in den Gassen, der grausige Mann des Kaisers, der Jesuiten, der riesenreiche Mann, böhmische Verräter, der sein eigenes Volk geopfert habe, dem alle zuliefen, weil er alle bezahlen könnte, das Glück der vagierenden Räuber und Soldaten, der katholische Teufel, schlimmer als der Tilly. Der Bastard ließ trommeln in der Mark, man lief ihm zu. Westlich der Mark fühlten die kaiserlichen Horden vor, um ihm den Weg nach der Elbe abzuschneiden; täglich verstärkte sich der Friedländer, seiner Sache so gewiß, daß er ruhig anhielt.

Die Schlesier hatten alle Angst abgelegt vor dem Mansfeld seit der Dessauer Brücke. Es war erwiesen, daß mit dem Generalissimus des Kaisers keine Späße zu machen waren. Hatten die Söldner, die sie aus ihren knappen Mitteln angeworben hatten, schon entlassen. Da schlug es ein, der Mansfelder lebe, hätte seine bösen Pläne nicht aufgegeben, auf sie hätte er es abgesehen, urplötzlich wurde im Lande Generalaufgebot befohlen, verkündeten kaiserliche Schreiben, schonend, warnend, sich überstürzend: „Der Ächter Mansfeld ist mit seinem räuberischen Anhang in das Fürstentum Krossen eingebrochen und soll vorhaben, ganz in Schlesien einzufallen.“

Von Havelberg hatte sich das schütternde brusthallende Gelächter aufgemacht; zwanzigtausend Mann stark. Durch Frankfurt marschierte es, es war blühender Sommer geworden. Der Jubel der Studenten. Gedröhn, der Markgraf solle sich erheben und mit gegen die Papisten ziehen. An der Flanke des lagernden Drachens, des Wallenstein keck vorbei, über Krossen her, auf Liegnitz zu, auf Breslau zu. Wüstend, brennend, raubend voran durch die kaiserlichen Erblande.

Sich auf den Fußspitzen, auf den Hufen der Pferde in den Satteln erhebend, trompetend, wiehernd, hohnlachend nach allen Seiten: „Der Kaiser! Der Papistenkaiser!“

Klingendes Regimentsspiel, gefüllter Troß, frische Pferde, Hafer, Heu, Schmuck und Ketten aus den Häusern. Nach drüben zu, auf Mähren zu. Vierzigtausend Ungarn, Türken, Tataren warteten.

 

Tosendes Gelächter in München. Der krummbeinige Zigeuner, der struppige gezeichnete Mansfeld, wie ein Affe sprang dem Friedland über den Kopf weg, nahm sich ein Herz, entwischte, der Herzog ließ ihn durch, in die Erblande, zu einer Verbindung mit den Ungarn, Türken, Tataren. Das Gelächter in München scholl nach Wien herüber. Dies angetan der kaiserlichen Armada von einem Habenichts, einem Hühnerdieb, Pferdejungen des Königs von England. In der kaiserlichen Antikamera spotteten die Italiener: man gebe dem Friedländer noch fünfzigtausend Mann und er wird sich gegen zweitausend — verteidigen. Tapfer wird er es tun, die Zähne verbeißen, man wage es gegen ihn, den tapferen Schwaben, Nachfolger des mazedonischen Alexanders. Sähe man nur: ein Wucherer, ein Güteraufkäufer, ein leidlicher Oberst als Heerführer; ein Narr, den die Großmannssucht gepackt hat. Die Räte waren nur schwach bereit, ihn zu verteidigen. Als aber die schmerzlichsten Klagen aus Schlesien einliefen, Mansfeld weiter sprang, ergriff alle Angst und Wut. An den Kopf eines Verbohrten waren sie nicht gebunden. Er saß bei Halberstadt und erpreßte Geld. Es war eingetreten, was man befürchtet hatte. Man hatte noch Kollalto; Karaffa war noch da. Ruin, Ruin! Gelächter für Europa. Der wild gewordene Spekulant als Feldherr. Mit Lärm traten sie am Hofe auf.