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Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges (Zweites Heft) / Ein Beitrag zur speciellern Kenntniß desselben, seines Volkslebens, der Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche cover

Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges (Zweites Heft) / Ein Beitrag zur speciellern Kenntniß desselben, seines Volkslebens, der Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche

Chapter 15: Karlsfeld.
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About This Book

Der Text schildert eine Reise von Zwickau in das obere Erzgebirge mit lebendigen Ortsbeschreibungen, Ansichten von Bauwerken und Landschaften sowie Schilderungen von Gewerben, Sitten und Volksleben. Neben topographischen und wirtschaftlichen Beobachtungen (Tuchmacherei, Bergbau, Eisenbahnplänen) enthält er soziale Reflexionen über Strafanstalten, Besserungspolitik und Fürsorge, bemerkt städtische Modernisierung und infrastrukturelle Veränderungen und erläutert lokale Bräuche und Handwerksarten. Ergänzt werden die Berichte durch lithographierte Ansichten und technische Angaben zu Berganteilen und Kuxen.

N. d. Nat. v. F. König.
Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

DER ROCKENSTEIN

Ein jäher Rand läuft vom Rockenstein tief hinab in ein enges felsiges Thal, wohin ohne Gebrauch der Hände nicht füglich zu gelangen ist. Die Mulde polirt allenthalben Granitbrocken für Straßenpflaster, ohne Abnahme zu finden. Am linken Ufer derselben thürmen sich amphitheatralisch riesenhafte Gestalten von Granitkegeln auf und erinnern an Liebethal in der sächsischen Schweiz. Bald reihen sie sich wie Zähne zusammen, bald lassen sie Zwischenräume und locken zu der Vorstellung hin, daß die ganze Parthie ein Bruchstück von der Kinnlade des fabelhaften Drachen sein möge. Der grünsammten Wiesenstreif, welcher diesem wunderlichen Felsenkabinet zur Einfassung dient, das Herumklettern dürftiger Nadelhölzer an den Seitenflächen und das muntere Waldgeflügel, welches in den Rissen und Spalten sein Eldorado für seine Nachkommenschaft gefunden hat, machen aus dieser Einsamkeit ein liebliches Bild, über welches nur ein dünner Schleier von Schauerlichkeit gewoben ist.

Von dem Hammerwerk

Schönheide,

welches sich wie eine freundliche Villa an einem gegen Morgen gelegenen Bergabhange sonnet und wegen seiner Eisengießerei einen Namen erworben hat, ist kaum eine halbe Stunde Wegs nach dem großen, bevölkerten Dorfe gleichen Namens[8]. In frühern Zeiten besaßen die Edlen von Planitz Schönheide, Stützengrün und Neustädtel bei Schneeberg, welche Gegenden mit ungeheuren Waldungen bedeckt waren. Diese Ortschaften mit ihrem Areal erkaufte daher am 23. December 1563 Churfürst August für 28,300 Mfl., um dem blühenden Bergbau einen nachhaltigen Vorschub zu leisten. Aus einer tiefen Schlucht, die Ziegenleithe geheißen, steigt gegen Mittag ein muldiges Thal empor, welches von mehr als 6500 Menschen bewohnt wird, deren Gewerbsarten im Handel mit Petinetwaaren, Spitzen-, Eisen-, Flaschner-, Klempner- und Bürstenbinderwaaren bestehen, womit im erstern das Ausland und die Messen bezogen, letztere hingegen auf Jahrmärkten und Hausirhandel verstrichen werden. Die Namen Gehrischer, Oschatz, Leistner, Unger und einige andere haben in Ansehung der Umfänglichkeit ihres Handelsgeschäftes im In- und Ausland einen guten Klang von der Vorzeit auf die Gegenwart übergeführt. Selbst die Menge von großen Wohngebäuden, wenn sie auch der Form nach des architektonischen Geschmacks der Neuzeit entbehren, zeugen von der frühzeitigen Wohlhabenheit ihrer Besitzer. Der Glanz der Morgensonne spiegelt sich in dem Fensterreichthum, welchen die Giebelseiten der Häuser ihr entgegenhalten, welche Erscheinung wohlgeeignet ist, den Fremden glauben zu machen, daß es ein umfängliches Schadenfeuer sein dürfte, da Schönheide aus meilenlanger Ferne gesehen werden kann.

Der obere Theil des Ortes trägt einige enge und tiefe Einschnitte in dem Granite, welche wasserleer mit kleinen Häusern bebauet sind und Winkel genannt werden. Daher Fuchs-, Ascher- und Markerswinkel. Ein langer kräftiger Menschenschlag, worunter Mädchen und Frauen ein wohlgenährtes Ansehen haben, hübsch geformte Gesichterchen tragen und beiderlei Geschlechter in ihrer Sprachweise die Nachbarschaft des Voigtlandes verrathen, bewohnt dies interessante, großartige Dorf, dessen Häuser sich gefallsüchtig an dem sanftern Gelände zu beiden Seiten hinaufgelagert, in der Thalung aber sich in dicke Massen zusammengeschoben haben. Am obern Ende des Ortes überschaut das Auge eine Meilen lange und breite Fichtenwaldung gegen Südost; eine Reihe Granitberge von untergeordneter Höhe tragen dieselbe auf ihren Schultern, sie bildet einen See mit dunkelgrünem Wasser, dessen Wellen erstarret sind. In den Thälern und Schluchten gedachter Waldungen sind Eisenhüttenwerke und kleine Oekonomien mit gewässerten Wiesenrändern eingeklemmt, was aus größerer Entfernung nicht beobachtet werden kann, wenn man nicht etwa die Lichtblicke der Hohöfen zur Nachtzeit veranschlagen will.

Wenn man seinen Wanderstab von Schönheide nach dem Lattermannschen Eisenhüttenwerk Rautenkranz über die Mulde fortsetzt, so kommt man etwa in 2 Stunden von Süden her nach

Karlsfeld.

Frostig und anmuthlos liegen etwa 80 Häuser, in welche ohngefähr 1000 meist mittellose Leute eingepackt sind, wie Schwalben auf einem Blitzableiter, mager und kalt an einem Bächlein hin, welches sein Dasein Moorboden und Torflagern verdankt und die Wilzsch genannt wird. Das Auge findet ringsumher keinen Punkt, auf welchem es mit Wohlgefallen ruhen könnte; dunkles Nadelholz umringt das kärgliche Eigenthum und das undankbare Areal der Einwohnerschaft, welches vor etlichen und dreißig Jahren noch keine Furche Feld hatte, die der Dürftigkeit Kartoffeln für den Hunger liefern konnte. Diese bezog man von Eibenstock und der Nachbarschaft. Für die ersten Ansiedler mußte es daher eine Art Verwegenheit sein, Nahrung hier zu suchen und sich in das Dunkel der Fichten einzuhüllen, welche mit keinem Laubholz wechseln und so der Einförmigkeit einen wohlthuenden Anstrich verliehen.

In der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts erhielt der in der obergebirgischen Geschichte eben so rühmlich bekannte als reiche Veit Hans Schnorr zu Schneeberg durch Cession von Herrn von Carlowitz auf Alten-Schönfels die Gerechtsame zu Anlegung eines Eisenhüttenwerks und bekam dafür 1679 ein landesherrliches Privilegium. Schnorr soll zu Ehren des frühern Grundbesitzers und Cedenten von Carlowitz seinem neuen Anbau den Namen Karlsfeld gegeben haben. Ein Eisenhüttenwerk bedarf viel fleißige Hände und zu allen Zeiten eine Schaar Wagen für die An- und Abfuhre der Materialien und der fertigen Waare; daher bauten sich sehr bald eine Menge Menschen in hölzernen Hütten an, eben groß genug für den einfachen Hausstand, der noch gegenwärtig allenthalben sichtbar ist. Besonders mehrten sich auch die Nagelschmiede, weil sie sich das Eisen auf der Achsel an ihren Schmiedstock tragen konnten. Die Volksvermehrung bestimmte den Besitzer des Hammerwerks, eine Kirche zu erbauen, die den einzigen Gegenstand der Ueberraschung im Orte ausmacht, weil sie eine wohlgefällige Rotunde bildet, die man in einem solchen verkümmerten Orte nicht vermuthet.

Gedachter Schnorr hatte im Obergebirge viele Besitzungen, besonders von Hammerwerken und andern entopischen Fabriken, und fabelhaft würde seine Theilnahme an dem vaterländischen Bergbau genannt werden müssen, wenn er nicht die Anzahl Gruben und Grubenantheile selbst genannt und aufgezählt hätte, die er gleichzeitig baute. Der Seltenheit halber mag das von ihm gefertigte Verzeichniß diesem Schriftchen als Beilage dienen.

Gegenwärtig ist das Hammerwerk Karlsfeld eingegangen, weshalb die Einwohnerschaft zum größern Theil in eine Verkümmerung der Mittel zur Forthilfe gerathen ist, welche schon lange her zum ernsten Gegenstand der Berathung Seiten der Verwaltungsbehörden erhoben worden sind, ohne daß der Nothstand nur genüglich und beharrlich abgedämmt werden konnte. Denn wenn schon für den Kartoffelbau durch Urbarmachung von Waldboden, welchen das Finanzministerium unter billigen Bedingungen an die Einwohnerschaft seit einigen Jahren überlassen hat, nicht ungünstige Resultate erlangt worden sind, sich auch eine Wanduhrenfabrik durch wohlwollende Unterstützung des Herrn Kammerrath Anger in Leipzig organisirt und unter Aufsicht des Herrn Oberförster Thiersch und des Herrn Kaufmann Friedrich Dörffel in Eibenstock entfaltet hat: so wird der Erfolg des Ackerbaues immerhin nur von günstigen Jahrgängen in dieser rauhen Gegend abhängig bleiben und letztere, wenn sie auch jetzt gegen 40 Personen beschäftigt, in den Versuchen zum größern Aufschwunge in der Concurrenz mit den Schwarzwäldern um so leichter verkümmern, als sie bei aller Sorgfalt ihrer Vorsteher Mangel an hinlänglichen Buchen und Ahorn oder den für ihr Geschäft tauglichen Hölzern leidet und die Zufuhre aus entfernten Gegenden nicht füglich gestattet.

Nicht uninteressant ist das Vorkommen von Haselnüssen und Resten von Laubhölzern in den Torflagern unmittelbar bei Karlsfeld, wo gegenwärtig außer den kümmerlichen Vogelbeerbäumen (Sorbus aucuparia) jene Holzarten kein Gedeihen finden. Es scheint das dortige Klima vor vielen Jahrhunderten jenen Hölzern günstiger gewesen zu sein.

Ohnfern des tristen Karlsfeld, wo es keinem Sperling gefällt, liegt die sogenannte Weitersglashütte, wo aus Mangel an tauglichem Material für die Fabrikation des Krystallglases nur Hohlglas und Flaschen gefertiget werden. Ihre Lage ist der von Karlsfeld gleich; rings umher eine dichte Verschanzung von Schwarzwald, gestattet sie durch Hinzukommen von Waldhutung eine eben nicht sehr lohnende Viehzucht; nur Preißel- und Heidelbeere gedeihen im Ueberfluß und werden in dortiger Gegend häufig für den häuslichen Gebrauch als für den Handel eingesammelt.

Wendet man sich von hier aus gegen Nordost, so kommt man allmälig oberhalb Rehhübel, wo sich ein Eisensteinbergbau befindet, nach einem anderweiten Torfstich, der den prosaischen Namen »Sauschwemme« trägt, und von hier aus bequem auf den

Auersberg,

welcher, mit dem Riesenberge verwachsen, 3175 Fuß über das Meer emporsteigt. Er hat sich wie alle seine Nachbarn, der Riesen-, Esels- und andere Berge, bis über den Scheitel in einen Mantel von Fichtengrün[9] gehüllt und würde die Fernsichten verkümmern, wenn nicht schnurgerade Schneußen von seinem Fuße an bis zu seinem Gipfel gehauen wären, welche oben nach einem hölzernen Thürmlein hin zusammen laufen. Von diesem aus und durch die in den Mantel gerissenen Schlitze schweift der Blick wonnetrunken weit hinab in die Gauen des Voigtlandes, die reußischen Metzflecklein, mit monarchischer Wasserfarbe überstrichen, und bewundert die Täuschungen, wie Städte, Dörfer und Fluren ganz andere Richtungen angenommen zu haben scheinen, als diejenigen sind, die man anzunehmen pflegt, welche Geschäftsreisen nöthig machen. Hier spähet das Auge nach einem befreundeten Dörflein vergeblich, denn es liegt mehr links oder rechts als man wähnte, wenn es nicht ein bekannter Berg, ein Kirchthurm von sonderbarer Bauart eher erkennen läßt. Dort verschwimmen zwischen Feld und Wiesen, Hainen und Fluren, in dünne Schleier gehüllt, fern vom Fuße des Hügellandes oder an den Zehen der Gebirge die Gegenstände der Erdfläche und verklären sich beim Niedergang der Sonne in der Abendröthe, über welche allmälig die Nacht ihren Vorhang niederfallen läßt.

Auf den Kulmen des Auersberges errichtete vor einigen Jahren die dankbare Jägerei ihren heimgegangenen Vorgesetzten der Kreisoberforstmeisterei ein Denkmal. Es besteht aus einem großen Granitwürfel, sinnig genug für eine durchlebte herrliche Zeit, die sich in bequemliche Verhältnisse gewickelt hatte und welche Cotta's systematische Forstwirthschaftslehre verwischte, wie den Schweiß vom Fensterglas, um heller zu sehen. So rüttelt die Zeit des Fortschritte an veraltetem Bauwerke; es sinkt zusammen und ein zweckmäßigeres tritt an seine Stelle, ohne daß der Bauherr eine fernere Zukunft fürchtet, in welcher das Menschengeschlecht auch dieses tadeln kann: denn der Würfel hat – sechs Flächen. Aus dem faltenreichen Mantel von Fichtengrün, welches eine kaum übersehbare Fläche einnimmt, steigen hier und dort Rauchsäulen auf, ohne ihren Platz zu verändern, es sind Meiler oder Zechenhäuser, denen hier und da Zinn- und Eisensteinbergbau ihre Entstehung gab, oft an Stellen, wohin kein Sonnenstrahl fällt. Ein Theil solcher versteckt liegender und gebrechlicher Wohnungen, wo kein Bergbau mehr getrieben wird, ist den nähern Ortschaften, als Heimathsbezirk, zugewiesen und bildet mit diesen monströse Figuren, wie z. B. Steinheidel mit den Häusern am Fellbach, Erlabrunn, dem Teumerhaus u. s. w. Und dennoch können diese verzettelten Nester eines sogenannten Wanderschulmeisters nicht entbehren, weil es immerhin gefährlich für die Kinder bleiben würde, im Sommer durch dicke Waldungen und Säuern Stundenweit nach einer Schule zu laufen, was außer der bessern Jahreszeit, im Winter, nicht immer für Erwachsene rathsam sein möchte. Daher trifft man in diesen einsamen Zechenhäusern oft mehrere Familien mit einer namhaften Schaar Kinder von jedem Alter, dürftig und kaum halbbekleidet in einer Stube eingedrückt beisammen, in welcher Tag und Nacht ein wunderlich zusammen gestoppelter Kasten geheitzt wird, der Ofen heißt und eine Röhre führt von nicht selten 1½ Quadratelle Größe, für Kartoffelgebäck, was Götzen, nackete Mahd, rauche Mahd, Bröckelgötzen, Brändeln u. s. w. geheißen wird. Es kann nicht anders kommen, daß, da ein derartiger Genuß für alle Stubenbewohner und die männliche Angehörigkeit, wenn diese von ihren Meilerstätten und Gruben heimkehren, für eine Mahlzeit ausreichen und unmittelbar darauf der Kaffee, d. h. Zichoriengetränk mit Ziegenmilch angehaucht, aufgetragen werden muß, wobei der Zucker nur in sehr seltenen Fällen vorkommt, eine fast unausstehliche Wärme um so mehr unterhält, als diese Mahlzeiten und das gefärbte Getränk sich immerfort wiederholen. Dies macht auch zugleich eine warme Bekleidung und gar häufig die Betten im Winter entbehrlich, wo oft Kinder und Erwachsene, auch wohl die nützliche Ziege, auf eingetragenem Waldgras gemeinschaftlich in der Nachbarschaft des Ofens, wie an einem Krater, schlafen. Nicht selten trifft man es, daß die Thür zum Innern des Hauses gar nicht verschlossen oder verriegelt ist; was wollten auch Diebe wegtragen? Die Fenster zur Stube sind gewöhnlich großen Theils mit flachen Spänen und Papier verklebt und noch Basilicum und Muscatenstöckchen, sorgsam in den Scherben abgebrochener Kaffeetöpfe gepflegt, vor die Spalten geschoben, damit der Luftzug die Klöpplerinnen nicht stört. Die in diesem Dachsbau befindlichen Knaben, denen das Klöppeln selten zusagt, laufen in der bessern Jahreszeit im Walde umher, schleppen Brennholz herbei, suchen Futter für die Ziege, sammeln Schwämme und leben, wie Krammtsvögel, von Erd-, Heidel-, Preißel- und Brommbeeren. Und wie zufrieden lebt gleichwohl eine Schaar Menschen in einem solchen Neste! Sie Alle kennen die höhern Lebensgenüsse nicht, haben mithin kein Verlangen darnach, weil eine überwarme Stube, hinlängliche Kartoffeln, Kaffee und Milch die Summe der Gegenstände ausmachen, die ihre Zufriedenheit bedingt, unter welcher sie sich auch im Winter einschneien lassen und einander in Krankheits- und Entbindungsfällen beistehen, so gut als es möglich sein kann. Man muß es selbst sehen, wenn der Familienvater von der Grube oder von dem Kohlengehau kommt, das schmutzige Gewand von sich wirft und sich bequemlich an den reinlichen, oft selbst gebauten Tisch setzt, wo die Hausfrau das für ihn aufbewahrte Futter aufgetragen hat, weil die Tischzeit vorüber war. Kinder von diversem Alter strecken sich um ihn her auf den Bauch, das Kinn unterstützt mit beiden Armen, und bewundern den Appetit des Vaters; abwechselnd hält er ihnen den vollen Löffel vor den Mund und sie sperren auf wie junge Staare, wenn die Alten die Atzung bringen. Nach dieser Abfütterung wird die Tabakspfeife angezündet und der Länge nach von der breiten Ofenbank Besitz genommen, von wo aus sich die Bewegung des Vogelviehes auf ihren Sprunghölzern so lange am besten beobachten läßt, bis der Schlaf eintritt, der sich durch das Herabfallen der Pfeife anzukündigen pflegt.

Vor mehrern Jahren, als mich bei einer mineralogischen Exkursion zwischen Oberwiesenthal und Rittersgrün in den späten Nachmittagsstunden ein Gewitter überraschte, zog ich es vor, in einem alten Zechenhause zu übernachten; die guten kinderreichen Leute konnten mir nichts bieten, als Kartoffeln und Milch, sowie Waldgras zum Lager, womit ich schon deshalb zufrieden war, weil es nichts Besseres gab. Ein Knabe von ohngefähr zwei Jahren schlief, halbnackend, zwischen zwei jungen Ziegen, die die sogenannte Stube mit bewohnten, ich möchte sagen – wie ein Prinz – wenn ich nicht wüßte, daß diese nicht oft so zu ruhen pflegten.

Diese Art von Armuth ist diejenige, welche dem Pauperismus in Städten, besonders in denjenigen, welche Fabriken haben, schroff entgegen steht, weil sie zur Zeit periodischer Provinzialnoth der Unterstützungsmittel weit weniger bedarf, als die mit allen Gattungen der Lebensgenüsse bekannte und sittlich verschlechterte, mittellose Schaar der Fabrikstädte. Wem Glück oder Zufall alle Lebensherrlichkeiten von seiner Selbstständigkeit an zur Seite stellte und das Weinglas in die Hand schob; wer die Qual der Nahrungssorgen und den Nothschrei nach Hilfe nur aus öffentlichen Blättern kennt und, dem Auftrag der Regierungen oder Unterstützungsvereine folgend, sich in die Gegenden begiebt, wo sich die Noth fest gefressen hat, um durch eigene Anschauungen von der Wahrheit des sich kund gegebenen Elendes zu überzeugen und die Hilfsmittel für Abwendung oder Linderung desselben zu normiren – der bringt gar oft ein Bild davon in seine Heimath zurück, vor welchem sich die Haare sträuben: denn der Referent abstrahirt von sich und ihm ist die Möglichkeit fremd, daß es Familien geben kann, welche mit so geringem Futter, halb nackt und ohne Betten, dennoch zufrieden leben können. Hingerissen von eigner Theilnahme, greift er nach der Brieftasche, notirt sich die Kopfzahl, den Bedarf an Kleidungsstücken und wollenen Decken für das Nachtlager; der assistirende Richter aus der Nachbarschaft winkt heimlich den Bewohnern des armseligen Nestes, daß sie recht lamentiren möchten, um von dem anwesenden Herrn recht viel zu bekommen; sie thun es, fallen wohl gar vor ihm nieder: denn wer streckt nicht gerne beide Hände nach dem unbekannten Glücke aus! Allein von nun an artet die mittellose Zufriedenheit in ein Verlangen und Streben nach fernerweiter Unterstützung aus und greift nach jedem Mittel, welches dazu förderlich zu sein scheint. Dadurch aber schaart sich der sonst zufriedene und mit der Weltherrlichkeit unbekannt gebliebene Arme an den Provinzialpauperismus und allgemach an die sittliche Verdorbenheit an, gegen dessen Umsichgreifen oder für dessen Abhilfe es noch kein ausreichendes Mittel gab. »Denn die verbreiteten Klagen über Abnahme des Volkswohlstandes haben ihren Grund mehr darinnen, daß die Forderungen beinahe aller Volksklassen an das Leben und dessen Genuß so sehr gesteigert sind«.[10]

Wildenthal.

Tief, aber immer noch in einer Meereshöhe von 2250 Fuß eingebettet, liegt das Eisenhüttenwerk gleiches Namens in der Umarmung des Auersberges und des Zeisiggesanges. Die große Bockau durchrauscht das Oertchen, dreht das gangbare Zeug in Hütten und Hohöfen, sendet von hier aus seinen halben Wasserschatz mittelst des sogenannten Grünergraben für ökonomische Zwecke nach Eibenstock, während die andere Hälfte in seiner engen Wiege über Granitblöcke hinab nach Unterblauenthal in die Mulde strömt.

N. d. Nat. v. F. König.
Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

WILDENTHAL.

Gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts besaß dieses Hammerwerk ein Herr von Wildenfels, und es ist wahrscheinlich, daß dasselbe die Hälfte des Namens von ihm erhielt. Im Jahre 1655 kam es in den Besitz des Hammermeisters Michael Gottschalch und blieb in den Händen seiner Nachkommenschaft bis in die neuere Zeit. Die ursprünglichen Besitzer der Eisenhüttenwerke hießen Hammermeister, arbeiteten mit vor den Feuern, und ihre häuslichen Zustände mögen sich wenig von denen der andern Hüttenleute unterschieden haben, bis sich der Absatz von Eisen feste Bahn gebrochen und einen größern Gewinn gesichert hatte. Von nun an kauften sich Geldmenschen aus der Nähe und Ferne Hammerwerke an, wie sich die Gelegenheiten darboten, bauten sich mit großartigen Häusern an, brachten Gerichtsbarkeiten an sich und herrschten als Hammerherrn über die bildungslose und arme, schwarze und rothe Schaar des Berg- und Hüttenvolkes bald wohlthätig, bald vernichtend, je nachdem Herz und Gemüth des Besitzers für den Anblick seiner in Dürftigkeit lebenden Arbeiter empfänglich war oder nicht. Die Neuzeit hat indessen manches Empörende verwischt, was sonst Sitte hieß, und viele Hammerwerke in die Hände von Männern geliefert, die, wie ein guter Genius, über das Familienleben der Hammerschmiede, Bergleute, Köhler u. s. w. wohlthätig walten und Gelegenheit geben, ihre Kinder einen zeitgemäßen Unterricht genießen zu lassen, den die Eltern und Großeltern bei den sogenannten Hammerpräceptoren, welche eine Art Knechtlohn erhielten, nicht finden konnten, weil der Lehrer selbst noch Bildung brauchte. Darum aber pflanzen sich die Anekdoten der Hammerschmiede, wie sie sich in frühern Jahren so häufig begegneten und von den drolligen und unbeholfenen Ansichten und Urtheilen über Dinge der Außenwelt Zeugniß geben, nur sehr dürftig fort.

Das Herrnhaus in Wildenthal schaut von einer Anhöhe, wie sich's gebührt, überlegen auf eine Schaar ärmlicher Hütten hernieder, zwischen welche sich jedoch seit mehrern Jahren ein freundliches Posthaus, welches dermalen die noch freundlichere Familie des Postverwalters Priem besitzt, so wie ein restaurirtes Wirthshaus eingeschoben haben.

Man sieht es diesen Gebäuden an, daß sie in Privathänden sind. Ueberraschend ist das fiscalische Forsthaus, im italienischen Styl vor ohngefähr ein Dutzend Jahren erbaut. Es ist ein verflogener Kakadu unter einer Gesellschaft Dohlen, der vergeblich nach Pommeranzenwäldern und Cypressenhainen umherschaut. Doch wenn es dem Zwecke entspricht – wem geht's was an?

Das Oertchen hat seit etwa 20 Jahren an seiner Wildheit gar sehr verloren: es führt eine Chaussee nach Karlsbad hindurch, die in der Badesaison sehr lebendig wird; der Besitzer des Werks und noch einige andere Einwohner sind theils wissenschaftlich gebildet, theils sonst gut unterrichtet, was zur sittlichen Abrundung der geistesarmen Bevölkerung der Vergangenheit viel beitragen mußte und sich auch jetzt schon dadurch kund giebt, daß man gern aus der Nachbarschaft Parthien dahin macht und sich von der wildromantischen Natur umarmen läßt, Kaffee trinkt und Forellen speis't.