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Warum wir sterben

Chapter 9: 8. Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens.
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About This Book

Eine wissenschaftlich zugängliche Untersuchung erklärt, dass Sterben vor allem aus zellulären und metabolischen Grenzen entsteht und nicht nur aus äußeren Ursachen. Sie behandelt Mikroben und Immunität, einschließlich der Bakterienpopulationen im Darm und der verbreiteten Angst vor Ansteckung. Die Darstellung analysiert das Altern von Zellen und das Bild eines sterbenden Zellenstaates und stützt sich auf zellularpathologische Befunde zur Erklärung organismischer Schwäche. Sie verfolgt Lebenszyklen von Einzellern bis zu kurzlebigen Insekten und erörtert Alterung von Nervenzellen, Fortpflanzung und Befruchtung sowie die Unvollkommenheit des Stoffwechsels als strukturelle Ursachen der Mortalität. Fallbeispiele und zahlreiche Abbildungen veranschaulichen die physiologischen Zusammenhänge und machen komplexe Sachverhalte anschaulich.

Abb. 9. Amöbe in Teilung. Im Protoplasmaleib der Amöbe sieht man den dunkleren Kern und das pulsierende Bläschen (Vakuole). Man sieht die Scheinfüßchen der Amöbe. 1, 2, 3, 4, 5 und 6 verschiedene Stadien der Teilung. Erklärung siehe im Text. Nach F. E. Schultze.

Wirklich ins Unendliche? Wir werden bald sehen, wie wichtig diese Frage für uns ist.

Es ist zunächst nicht abzusehen, was schließlich der Teilung bei den Einzelligen einen Riegel vorschieben sollte. Warum sollte plötzlich, nachdem die Zelle sich fortlaufend vielmals geteilt, ein Moment eintreten, wo sie sich nicht mehr teilen könnte? Aber doch schien es auf Grund verschiedener Beobachtungen lange Zeit, daß die Teilungsfähigkeit der Einzelligen nicht unbegrenzt sei, daß nach einer bestimmten Anzahl von Teilungen die Teilungsfähigkeit der Einzelligen sich erschöpfte. Man hatte gefunden, daß nach einer bestimmten Anzahl von Generationen die Einzelligen aufhörten, sich zu teilen und zugrunde gingen, starben. Wir wollen von allen diesen Dingen später sprechen, wenn wir der ganzen Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens zuhören werden. Hier interessiert uns aus dieser Geschichte nur das eine oder das andere, was wir uns von einem fleißigen Amerikaner erzählen lassen wollen, der in den letzten Jahren den kleinen Pantoffeltierchen eine ganze Menge von ihrem Leben und Weben abgeguckt hat.

Woodruff, der besagte Amerikaner, hat nämlich mit aller Sicherheit festgestellt, daß die Teilungsfähigkeit der Einzelligen wirklich unbegrenzt ist. Woodruff fing sich aus einem Aquarium ein wildes Pantoffeltierchen heraus. Das Pantoffeltierchen hielt er in einigen Tropfen Wasser, das er zuvor mit Heu und Gras ausgekocht hatte. Das Pantoffeltierchen ist ja ein „Aufgußtierchen“, ein Infusor, das sich in einem Heuaufguß zu Hause fühlt, weil es in ihm all das an Nahrungsmitteln findet, was ihm sonst die freie Natur in Sumpf und Tümpel zu bieten weiß. Die paar Tropfen Wasser kamen in ein „Aquarium“, das nichts anderes war als eine Aushöhlung in einer Glasplatte und einige Tropfen Wasser zu fassen vermochte. Woodruff war um das Wohlergehen seines Pantoffeltierchens äußerst besorgt, und er ließ es nicht in den paar Tropfen Aufgußwasser versauern. Nachdem nämlich das wilde Pantoffeltierchen sich geteilt hatte (Abb. 10) – das geschieht bei einem Pantoffeltierchen ungefähr alle Tage einmal – brachte Woodruff eines der beiden Tochtertiere in frisch bereitetes Aquariumwasser. Sobald sich im Laufe des nächsten Tages der erste Nachkomme des wilden Pantoffeltierchens seinerseits auch geteilt hatte, wurde eines seiner beiden Tochtertiere wiederum in frisch bereitetes Aquariumwasser verbracht usf. Jede Teilung wurde notiert, und Woodruff konnte somit ganz genau wissen, zu welcher Generation ein Pantoffeltierchen gehörte, das er in seinem tropfengroßen Aquarium gerade vor sich hatte. So ein Zuchtversuch hat natürlich sehr viele Mühe gemacht. Aber die Mühe wurde reichlich belohnt durch all das viele, was das Pantoffeltierchen dabei von seinem Können gezeigt hat. Denn Woodruff ist es gelungen, seinen Zuchtversuch bis zur 3029. Generation fortzuführen! Fünf Jahre hat es gedauert, bis aus dem wilden Pantoffeltierchen der Ururur … 3029. Urenkel entstanden war, den Woodruff als das Ergebnis seiner vielen Mühe schließlich der Wissenschaft präsentieren konnte. Und, was wichtig ist, dieser Ururur-Enkel war genau so frisch und gesund, wie sein wilder Ururur-Ahne.

Abb. 10. Pantoffeltierchen in Teilung. m Mund, ps pulsierende Bläschen, ma Großkern, mi Kleinkern. Aus Stridde.

Von dem wilden Pantoffeltierchen-Ahnherrn stammte in 3029. Generation dieses Pantoffeltierchen ab. Aber dieser Sprößling eines so uralten Pantoffeltierchen-Geschlechts, dessen Urahne als ein wilder Raubritter doch wohl etwas zu bedeuten hatte, besaß keine … Ahnengalerie, keine Galerie der Toten seines Geschlechts. Woher auch? Aus dem wilden Pantoffeltierchen waren zwei Tochterzellen entstanden, aus jeder der beiden Tochterzellen wiederum zwei, aus jeder der so entstandenen vier Tochterzellen der zweiten Generation wiederum zwei Pantoffeltierchen, aus jeder der acht Pantoffeltierchen der dritten Generation waren wieder zwei Tochterzellen entstanden usf. bis zur 3029. Generation. Oder gar bis ins Unendliche – denn vielleicht präsentiert uns Woodruff nach einiger Zeit die 5000. Generation des wilden Pantoffeltierchen-Ahnherrn. Es hatte sich das Pantoffeltierchen bis ins 3029. Geschlecht fortgepflanzt, ohne daß es eine Leiche gegeben hatte, und wir dürfen mit gutem Recht annehmen, daß die Einzelligen sich bis ins Unendliche fortpflanzen können, ohne daß eine Leiche entsteht.

Die Leiche ist uns das Abbild des Todes. Und wenn bei den Einzelligen normalerweise keine Leichen vorkommen, so ist damit gesagt, daß es einen natürlichen Tod bei den Einzelligen nicht gibt. Was da bei den Einzelligen stirbt, das ist das Opfer eines Unglücks, von dem ein Pantoffeltierchen betroffen wird, das ist das Opfer ungünstiger Lebensumstände. Sind die Umstände günstig, so gibt es einen Tod im Reiche der Einzelligen nicht.

Übrigens: wer sollte normalerweise bei den Einzelligen sterben? Wer von den beiden völlig gleichen Tochterzellen? Der Elter, die Mutter sollte zuerst sterben – nicht wahr? Aber wer könnte sagen, welche der beiden Zellen Mutter und welche Tochter ist? „Stellen wir uns eine Amöbe mit Selbstbewußtsein vor“, sagt der jetzt achtzigjährige Altmeister der Zoologie Weismann, der als einer der ersten das große Problem des natürlichen Todes wissenschaftlich behandelt hat, sehr launig, „so würde sie bei ihrer Teilung denken: ‚ich schnüre eine Tochter von mir ab‘, und ich zweifle nicht, daß jede Hälfte die andere für die Tochter und sich selbst für das ursprüngliche Individuum (für die Mutter) ansehen würde“. Der Elter, die Mutterzelle, die neben den Tochterzellen vorhanden wäre, müßte zunächst sterben: hier aber geht die ganze Mutterzelle in den Tochterzellen auf …


Da haben wir Lebewesen vor uns, die nicht unbedingt zu sterben brauchen. Gehört somit der Tod nicht zum Leben?

Sofern wir unter Tod die Bildung einer Leiche verstehen, sind die Einzelligen – wenn ihnen die äußeren Umstände günstig sind – unsterblich. Denn im Verlauf des Entwicklungsganges dieser Zellen erfährt ihr Stoffwechsel, wie die Versuche von Woodruff uns mit aller Sicherheit gezeigt haben, unter günstigen äußeren Umständen niemals eine Störung, die zur Entstehung einer Leiche, d. h. zum Untergang der Zelle führen müßte. Und da jede einzelne Zelle schon all das darbietet, was Leben ist, da die Zelle die allgemeine Form der lebendigen Substanz ist, so dürfen wir jetzt sagen, daß der Tod in dem oben gefaßten Sinne der Leichenbildung nicht unbedingt zum Leben gehört. Der Tod aus Altersschwäche, wie er bei Mensch und Tier vorkommt, ist nur ein Spezialfall: die lebendige Substanz schlechtweg ist unsterblich.

Aber man muß sich hüten, diese Schlußfolgerung zu mißdeuten, wenn man nicht in arge Widersprüche hineingeraten will. Faßt man nämlich die Unsterblichkeit der lebendigen Substanz in einem weitern Sinne auf, im Sinne einer unveränderten Fortexistenz der Zelle – und das ist ja die geläufige Auffassung der „Unsterblichkeit“ –, so kommt man in Widerspruch mit allen unsern wissenschaftlichen Vorstellungen vom Leben. Leben ist Veränderung, und lebendige Substanz kann nicht sein ohne Veränderung. Alles Leben beruht auf dem Stoffwechsel der Zelle, auf bestimmten chemischen Wandlungen, auf Zerfall und Wiederaufbau der lebendigen Substanz: ein unverändertes Sein der Zelle ist ein Unding. Leben ohne Veränderung ist ein Widerspruch in sich selbst: denn Leben ohne Veränderung würde Stillstand des Lebens bedeuten. Ja, man kann so weit gehen und auch den Zerfall der lebendigen Substanz, wie er normalerweise andauernd im Stoffwechsel vor sich geht, als ein „Sterben“ auffassen und man kann dann mit Verworn sagen, daß ohne Sterben kein Leben vorhanden ist, daß alles Leben ein Sterben ist, „une destruction organique“, eine organische Zerstörung, wie der große Meister der Biologie Claude Bernard einst gesagt hat.

Die beiden Tochterzellen eines Pantoffeltierchens bestehen in Wahrheit gar nicht aus derselben lebendigen Substanz, aus der ihre Mutterzelle aufgebaut war, als sie als Tochterzelle einst ihr selbständiges Dasein begonnen hatte. Denn im Verlaufe ihres individuellen Lebens – von dem Augenblick ab, in dem sie sich als Tochterzelle abgeschnürt hatte, bis zu dem Augenblick, wo sie sich selbst wieder in zwei Tochterzellen aufgeteilt hat –, haben andauernd Veränderungen in ihrer lebendigen Substanz stattgefunden und kein Teilchen der Zelle war davon verschont geblieben. So existiert die lebendige Substanz der Mutterzelle nicht unverändert in den Tochterzellen fort und es gibt keine Unsterblichkeit im Sinne einer unveränderten Fortdauer der lebendigen Substanz.

Um den Mißdeutungen aus dem Wege zu gehen, die mit der Tatsache verknüpft werden können, daß die Einzelligen unsterblich sind, müssen wir also streng festhalten, was wir unter Unsterblichkeit verstehen. Unsterblichkeit bedeutet für uns nur, daß im normalen Entwicklungsgang einer Zelle keine Leiche entsteht. Die lebendige Substanz ist unsterblich nur soweit, als man unter Tod die Bildung einer Leiche versteht, einer Zelle, deren Stoffwechsel unwiderruflich erloschen ist.

5. Der sterbende Zellenstaat.

Eine Leiche war uns eine Zelle, deren Stoffwechsel unwiderruflich erloschen ist. Solange nur von einzelligen Lebewesen die Rede war, haben wir uns gut an diese Vorstellung einer Leiche halten können. Wenn wir nun aber auf den Tod der vielzelligen Lebewesen zu sprechen kommen – wie entsteht hier die Leiche?

Das vielzellige Tier ist ein Zellenstaat, und in diesem Zellenstaat gehen stets wieder und wieder Zellen zugrunde, die zum Teil vom Körper abgestoßen, abgeworfen werden. In allen Klassen des Tier- und Pflanzenreiches ist das der Fall. Die obersten Schichten unserer Haut z. B. sind abgestorbene verhornte Zellen, die mit der Zeit von unserer Haut losgelöst und abgestoßen werden, während an ihre Stelle von unten her jüngere Zellen vorrücken, und das Schicksal dieser Jungen ist ebenso besiegelt wie das ihrer Vorgänger (Abb. 11 u. 12). Auch unsere Haare und unsere Nägel sind zum großen Teil tote Zellen der Haut. Ebenso die Federn der Vögel. Und wenn die Vögel mausern, so werfen sie schon recht beträchtliche Mengen von toter Zellsubstanz ab, sie werfen Zelleichen ab. So tun es auch zahlreiche Gliederfüßler bei der Häutung. Dieses Sterben einzelner Zellen im Zellverband beginnt schon sehr frühzeitig, indem z. B. schon die Haut des Tieres im Mutterleibe eine Hornschicht und ein Haarkleid besitzt. Und schon im Mutterleibe werden abgestorbene Zellen der Hornschicht und der Haare abgestoßen. Auch von den Schleimhäuten des Mundes und des Darmes werden andauernd Zellen, und sogar intakte Zellen, aus dem Zellverbande gelockert, um dann dem Tode zu verfallen. Unsere roten Blutkörperchen, die roten Blutzellen, die im Laufe ihrer Entwicklung den Zellkern einbüßen und als kernlose Scheiben willenlos vom Blutstrom getragen werden, leben bloß vierzehn Tage, um dann zu zerfallen und als „altes Eisen“ – hier im buchstäblichen Sinne des Wortes – im Haushalt des Zellenstaates Verwendung zu finden. Rote Blutkörperchen, die um vierzehn Tage jünger sind, treten aus dem Knochenmarke, das die Bildungsstätte der roten Blutzellen in unserem Körper ist, an die Stelle ihrer toten Vorgänger. Auch in den Drüsen gehen ständig Zellen zugrunde. Die Geschlechtsdrüsen des Männchens geben periodisch Millionen von lebensfrischen Zellen ab, die winzig kleinen Samenzellen, die alle dem Untergange, dem Tode geweiht sind. Nur einigen wenigen dieser Millionen und Abermillionen von Zellen ist es beschieden, am Leben zu bleiben und in den Kindern fortzuleben. Auch beim Weibe findet periodisch eine Abstoßung von lebendigen Zellen statt, die dem Tode verfallen. Und bei den höheren Tieren ist die Geburt des Kindes damit verknüpft, daß ein Teil des mütterlichen Organismus, der Mutterkuchen, sich vom Körper loslöst und mit all seinen Zellen stirbt.

Abb. 11. Senkrechter Schnitt durch die Haut. Oben die Hornhaut (O), unten die Lederhaut aus Bindegewebe. In der Lederhaut und der Hornhaut der Ausführungsgang einer Schweißdrüse (S) und Blutgefäße (B). P die in die Oberhaut hineinragenden Papillen der Lederhaut. Z die Schicht der Zellen, die später verhornen und die Hornschicht bilden. Die einzelnen Zellen sind bei schwacher Vergrößerung nicht sichtbar. DS Übergangsschicht zwischen der Bildungsschicht der verhornenden Zellen und der eigentlichen Hornhaut. Schwach vergrößert. Nach Sigmund.Abb. 12. Ein Schnitt durch die Haut, stärker vergrößert. Man sieht in der Bildungsschicht der später verhornenden Zellen die einzelnen Zellen liegen, die sich später bis zur Unkenntlichkeit (in der Hornschicht) verändern. Bezeichnungen wie in Abb. 11. Nach Stöhr.

Wie bei den Tieren, so ist es auch bei den Pflanzen. Im Pflanzenkörper stirbt immer wieder und wieder ein Teil der Zellen, um als Bildungsmaterial für den Aufbau der vielzelligen Pflanze zu dienen. Da sind die verholzten Zellen, aus denen die vielgestaltigen Elemente der Leitung in der Pflanze aufgebaut sind, wo von den Zellen schließlich nur verholzte Wände zurückgeblieben sind, und auch diese durchlöchert und durchbrochen. Das Protoplasma dieser Zellen ist ganz geschwunden. Da sind die toten Zellen der Rinde, der Oberhaut der Blätter. Millionen von Zellen des Pflanzenkörpers gehen ferner während des Laubfalls zugrunde, und ihre vielen, vielen Leichen bestimmen das Bild unserer herbstlichen Landschaft. Millionen lebendiger Zellen der Pflanze werden der Liebe geopfert, wenn der Pollen der Blüte vom Winde erfaßt und in die Weite getragen wird – nur einige wenige Pollenkörner der, ach, so vielen gelangen auf die Narbe der weiblichen Blüte. Und auch die lebensfrischen und duftsprühenden Zellen der bunten Blütenpracht verfallen dem Tod.

Das Gespenst des Todes geht in uns und um uns …

Die toten Zellen der vielzelligen Pflanzen und Tiere – sie sind jede für sich eine Leiche, sie sind Zelleichen. Aber es wird doch niemandem einfallen zu behaupten, ein vielzelliger Organismus sei gestorben, weil ein Teil der Zellen, aus denen er besteht, abgestorben ist. Das wäre eine ganz unsinnige Behauptung. Denn diese toten Zellen gehören ja zum Teil mit zum Zellenstaat von Pflanze und Tier, ohne diese toten Zellen können Pflanze und Tier nicht leben. Die einzelnen Zelleichen schlechtweg machen also den Zellenstaat noch nicht zu einer Leiche. Aber doch, wie wir gleich sehen werden, es ist der Tod der Zellen, was den Zellenstaat zur Leiche macht.

Wenn der vielzellige Organismus aufhört zu leben, so wird sein Stoffwechsel stillgestanden sein. Nun ist das Leben des vielzelligen Organismus nichts anderes als das Leben, das Zusammenleben der Zellen, aus denen er aufgebaut ist. Der Stoffwechsel des vielzelligen Organismus beruht auf dem Stoffwechsel seiner Zellen. Und da ist es uns klar, daß Zellen gestorben sein müssen, wenn einmal der Zellenstaat zu leben aufhört. Aber wir wissen ja schon, daß nicht der Tod einer jeden Zellgruppe im Zellenstaat diesen zur Leiche macht. Bestimmte Zellgruppen vielmehr müssen gestorben sein, wenn der große Zellenstaat zu einer Leiche werden soll. Ja, noch mehr: schon wenn bestimmte Zellen im Zellenstaat nicht mehr so recht auf ihrem Posten sind, ohne tot zu sein, auch dann schon kann der Zellenstaat zugrunde gehen. Das muß aber noch näher erklärt werden.

Wir verstehen es wohl, daß dem Leben eines vielzelligen Tieres noch kein Ziel gesetzt ist, wenn das Tier z. B. Arme und Beine eingebüßt hat. Aber stellen wir uns vor, wir haben einem Versuchstier, z. B. einem Frosch, das Herz herausgeschnitten. Innerhalb eines kürzeren oder längeren Zeitraumes wird unser Versuchstier sterben. Die Zellen seines Gehirnes, seiner Muskeln, seiner Leber usw. werden nach Entfernung des Herzens keinen Sauerstoff mehr bekommen und sie werden ersticken. Ihr Stoffwechsel wird erlöschen, die Zellen werden Leichen sein. Und schließlich wird ein Zeitpunkt kommen, wo sämtliche Zellen des Zellenstaates, der der Frosch ist, tot sein werden. Wir sagen, jetzt ist das Versuchstier tot, jetzt ist es eine Leiche. Oder wir haben einem Versuchstier, z. B. einem Kaninchen, beide Nieren herausgeschnitten. Die Schlacken, die Abfallsprodukte des Stoffwechsels werden nun nicht aus dem Körper herausgeschafft werden können, sie werden sich in dem Blute und in den Zellen des Tieres anhäufen: und die Zellen werden sterben – die einen früher, die andern später, bis schließlich alle Zellen des Zellenstaates tot sein werden. Oder in Krankheiten, wo bestimmte Zellen und Organe in ihrer Tätigkeit erlahmen, z. B. bei Erkrankungen des Herzens. Das Herz tut seine Arbeit nicht mehr wie sonst, weil die Herzmuskelzellen erkrankt und geschwächt sind. Die Zellen des ganzen Zellenstaates werden dabei in Mitleidenschaft gezogen, sie bekommen zu wenig Nährstoffe, vor allem zu wenig Sauerstoff, und die Stoffwechselprodukte werden aus den Zellen nicht gründlich genug herausgewaschen. Schließlich hört die geregelte Arbeit des Herzens ganz auf, und es beginnt ein schnelles Sterben aller Zellen des Zellenstaates. Oder die Nieren sind erkrankt, sie tun ihre Arbeit nicht mehr so recht, ohne daß die tätigen Drüsenzellen der Niere ganz ihre Arbeit eingestellt hätten, ohne daß sie tot wären. Und alle Zellen des Körpers werden unter der schlechten Arbeit der Nierenzellen zu leiden haben, und es wird die Stunde kommen, wo die Zellen des Herzens oder die Zellen des Gehirnes versagen werden. Sie werden sterben – und es beginnt das große Sterben der Zellen im Zellenstaat.

Genau so ist es bei der Pflanze. Büßt die Pflanze ihre Wurzeln ein, so werden nach kürzerer oder längerer Zeit alle lebendigen Zellen des pflanzlichen Zellenstaates sterben. Die Pflanze wird tot sein. Oder wir schneiden mit Hilfe eines scharfen Instruments aus dem Stamm einer Pflanze dicht oberhalb der Wurzel ein auch nur ganz kleines Stück des Holzteiles heraus: nun wird die Zuleitung der Nährstoffe zu den Zellen der Pflanze ins Stocken geraten – genau so, wie wenn wir einem Versuchstier das Herz herausgeschnitten haben. Die Zellen der Pflanze werden abzusterben beginnen, bis schließlich alle Zellen des großen Zellenstaates der Pflanze tot sein werden. Jetzt wird die Pflanze eine Leiche sein.

Alles in allem: der vielzellige Organismus stirbt, wenn bestimmte Zellen im Zellenstaat in ihrer gewohnten Tätigkeit versagen und damit den normalen Ablauf des Stoffwechsels in allen anderen Zellen des Zellenstaates stören. Aber nicht alle Zellen des Zellenstaates sterben zu gleicher Zeit. Wie der Tod über das sterbende kernlose Teilstück einer Zelle „hinkriecht“, um mit Verworn zu sprechen, so kriecht er auch über die einzelnen Zellen des Zellenstaates ganz allmählich hin. Gleichgültig, was den Tod des vielzelligen Organismus unmittelbar bedingt hat: stets sterben die einen Zellen früher, die andern später, bis schließlich der ganze Zellenstaat eine Leiche ist …

Und wenn wir wissen wollen, warum wir sterben? Warum wir alt werden und schließlich eine Leiche sind? Welch einen Weg müssen wir gehen, wenn wir hier Antwort haben wollen?

Wir müssen vor allen Dingen die Veränderungen studieren, die die Zellen des vielzelligen Organismus im Laufe des Lebens erfahren, im Laufe des Lebens, das sich zum Tode entwickelt.

6. Das Altenteil der Zellen im Zellenstaat.

Wir haben der Wilden gedacht, die es gar nicht begreifen wollen, daß jeder Mensch sterben müsse. Der Naturmensch betrachtet den Tod als ein Unglück, bei dem unbedingt ein böser Geist im Spiele war: dem bösen Geist waren nicht all die Artigkeiten erwiesen, die man den feindseligen Geistern schon schuldet, wenn man ungeschoren bleiben und sich nicht allerlei peinlichen Zufällen aussetzen will. Wenn jemand stirbt, dann hat stets ein feindseliger Geist sein schändliches Handwerk getan.

Abb. 13. Krümmung der Wirbelsäule im Alter. A Wirbelsäule einer Frau von 35 Jahren. B eines Mannes von 83 Jahren. Aus Ewald.

Sieht man sich die modernen Statistiken an, die uns über das Sterben der Menschen berichten, so möchte man beinahe dem Naturmenschen darin Recht geben, daß es einen „natürlichen“ Tod, einen Tod aus Altersschwäche gar nicht gibt, und daß es beim Sterben der Menschen stets mit „unrechten Dingen“, wo Geister im Spiele sind, zugeht. In Deutschland sterben jährlich über eine Million Menschen, und von diesen sterben an Altersschwäche nur über hunderttausend, nicht mehr als z. B. allein an Tuberkulose sterben. Und dann kommt noch hinzu, daß von den hunderttausend Menschen, die über sechzig Jahre alt geworden und angeblich an Altersschwäche verstorben sind, in Wirklichkeit nur die wenigsten an Altersschwäche zugrunde gegangen sind. Daß einer wirklich an Altersschwäche und nicht an einer Krankheit gestorben ist, die seinen gealterten, widerstandslosen Körper befallen hat, darüber kann man ja mit Sicherheit nur dann etwas aussagen, wenn man die Organe des Verstorbenen einer sehr eingehenden mikroskopischen Untersuchung unterworfen hat. Das geschieht nur in den seltensten Fällen, dann, wenn der Greis in einer öffentlichen Krankenanstalt gestorben ist, und auch dann nicht immer. Bei der mikroskopischen Untersuchung der Organe des verstorbenen Greises wird sich herausstellen, ob der anscheinend an Altersschwäche Verstorbene nicht doch krankhafte Veränderungen in seinen Organen und Zellen hat. Wo diese fachmännische Untersuchung der Leiche nicht vorgenommen worden ist, läßt es sich niemals ausschließen, daß es sich um einen Tod aus Krankheit gehandelt hat. Dieser Verdacht ist um so eher gerechtfertigt, als gerade im hohen Alter die Menschen sehr häufig leichtern Krankheiten erliegen, die ein Jüngerer ohne weiteres überstanden hätte, ohne auch nur den Eindruck eines Schwerkranken auf seine Umgebung gemacht zu haben. Dabei ist in Betracht zu ziehen, daß ziemlich ein Drittel aller Verstorbenen überhaupt nicht vor dem Tode ärztlich behandelt wird. Und der Arzt, der in solchen Fällen die Todesursache zu beglaubigen hat, wird bei einem über sechzig Jahre alten Menschen natürlich nichts anderes als Todesursache angeben können, als Altersschwäche, – was ja insofern auch richtig ist, als die Altersschwäche jedenfalls an dem Tode des alten Menschen mit schuld war. Aber eine wissenschaftlich genaue Aussage darüber, daß der alte Mensch wirklich aus Altersschwäche und nicht an einer Krankheit gestorben ist, ist die Beglaubigung des Arztes nicht. Wie schon erwähnt, nur die eingehende Leichenschau mit Hilfe von Messer und Mikroskop erlaubt uns eine Aussage darüber, ob jemand an Altersschwäche und nicht an Krankheit gestorben ist.

So werden wir es verstehen, daß der berühmte Arzt Nothnagel zur Überzeugung gelangen konnte, „daß fast alle Menschen durch äußere Gewalt oder Krankheit dahingerafft werden … und daß die allerwenigsten Menschen eines natürlichen Todes sterben, vielleicht kaum einer unter Hunderttausend.“

Und nun das „andererseits“.

Untersucht man die Organe von alten Leuten, gleichgültig, ob sie aus Altersschwäche oder an irgendeiner Krankheit gestorben sind, so findet man in ihnen stets Veränderungen ganz charakteristischer Art. Von diesen Veränderungen werden wir weiter unten noch erzählen. Es ist klar, daß Veränderungen, die man bei allen alten Leuten antrifft, als Altersveränderungen aufgefaßt werden müssen. Und der Arzt kann in der Regel sagen, daß wenn ein Greis auch nicht an Altersschwäche gestorben ist, doch die allen Greisen gemeinsamen Altersveränderungen den Boden abgegeben haben für die Entwicklung und für die schlimme Wendung der Krankheit, die ein Jüngerer wohl überwunden hätte. Daß heute so wenig Menschen aus Altersschwäche sterben, liegt nicht daran, daß es einen Tod aus Altersschwäche nicht gibt, sondern lediglich daran, daß der gealterte Organismus sehr leicht verschiedenen Krankheiten erliegt, die für jüngere Leute nicht tödlich sind. Der Greis, der an irgendeiner Krankheit stirbt, stirbt gleichzeitig immer auch aus Altersschwäche.


Jetzt wollen wir davon erzählen, wie sich die alternden Zellen im Zellenstaat verändern.

Ein gebücktes Mütterchen ist uns das Abbild des Alters. Ein gerunzeltes, zahnloses Mütterchen. Das Fettgewebe, das die Haut einst prall erhalten, ist geschwunden, und in Falten legt sich die Haut. Die bindegewebigen Bänder, die die Knochen der Wirbelsäule fest aneinander gebunden hatten, haben ihre Elastizität eingebüßt wie ein viel gebrauchtes Gummiband. Und die Wirbelsäule gibt dem Druck des Oberkörpers nach, der Oberkörper sinkt nach vorne. (Abb. 13). In den Kiefern schwindet der Teil, in dem einmal die Zähne gesessen, und die Zähne fallen aus (Abb. 14 u. 15).

Abb. 14. Unterkiefer eines erwachsenen Menschen.
Nach Toldt.
Abb. 15. Unterkiefer eines alten Menschen. Nach Ribbert.

Denken und Handeln des alternden Menschen haben sich auch verändert. Man denkt und handelt langsamer, träger. Man humpelt, wenn das Alter gekommen, auch im Denken, genau so wie man mühsam mit Krücken sich fortbewegt, über Pflaster und Stiege geht.

Sehen wir uns die inneren Organe eines alten Menschen an, so finden wir, daß sie kleiner sind als bei einem jüngeren Menschen. Man kann direkt von einem Schwund der Organe im Alter sprechen. Wir haben schon des äußerlich sichtbaren Schwundes vom Unterkiefer gedacht. Auch die Knochen sonst erleiden einen richtigen Schwund, die Schädelknochen (Abb. 16) und alle andern auch. Die Knochen werden dünner, und die Verdünnung der Knochen geht so weit, daß sie brüchig werden. Jedermann weiß, daß alte Leute leicht Knochenbrüche erleiden, namentlich an bestimmten Knochen, z. B. am Schenkelhals. Und wie die Knochen, so erfahren auch alle andern Organe im Alter einen Schwund: die Leber, die um die Hälfte verkleinert sein kann, die Nieren, das Herz usw. Besonders auffallend aber ist der Schwund, den das Gehirn bei alten Leuten erfährt. Die Windungen des Gehirnes, die aus Nervenzellen bestehen, sind schmäler geworden, weit klaffen die Furchen zwischen den Windungen. Aber nicht nur kleiner, auch härter sind die Organe im Alter geworden. Derb und zähe fühlt sie der Arzt in der Hand, wenn er die Leichenschau übt.

Abb. 16. Schädeldach eines alten Menschen. Rechts und links an den Scheitelknochen sieht man sehr deutlich den Knochenschwund: es sind hier flache Gruben im Knochen entstanden. Nach Ziegler.

Da haben wir eine ganze Menge darüber erfahren, wie die Organe im Alter verändert werden. Aber all das können wir erst verstehen, wenn wir das Mikroskop zu Hilfe nehmen, die Organe alter Leute mikroskopisch untersuchen. Sehen wir uns z. B. ein Stückchen Niere von einem Menschen an, der aus Altersschwäche gestorben ist (Abb. 17). Da sind an einer Stelle noch gut erhaltene Nierenzellen zu sehen, die ein Nierenkanälchen bilden, wie es sich für eine normale Niere nicht besser gehörte. Aber wir finden auch Nierenkanälchen, die ganz zusammengefallen sind, wo sogar die Lichtung der Kanälchen geschwunden ist. Die Zellen dieser Kanälchen sind verkleinert, „atrophisch“, wie man sagt. Diese Zellen haben einen Altersschwund erfahren. Genau so ist es mit den Zellen der Leber, der Drüsen, des Gehirnes und der Organe sonst. Weil die Zellen der Organe klein, atrophisch geworden sind, sind eben bei dem alten Menschen die Organe kleiner als in jüngeren Jahren. Es findet also im Alter eine Atrophie der Zellen statt, ein Schwund der lebendigen Zellsubstanz. Der Schwund der lebendigen Substanz der Zellen kennzeichnet alle Organe des gealterten Körpers.

Abb. 17. Horizontalschnitte durch Nierenkanälchen aus der Niere eines alten Menschen. a mit noch gut erhaltenen Zellen; man sieht hier deutlich die Lichtung des Nierenkanälchens. b und c mit atrophischen Zellen: die Kanälchen sind zusammengefallen, eine Lichtung ist nicht mehr vorhanden. Stark vergrößert. Nach Ziegler. Etwas schematisiert.

Auch härter und derber, haben wir gesagt, werden die Organe im Alter. Schon äußerlich kann man das an dem harten Puls eines alten Menschen beobachten. Was hat das zu bedeuten? Die mikroskopische Untersuchung der Organe von alten Menschen zeigt uns, daß sich in ihnen sehr reichliche Mengen von Bindegewebe finden. Das Bindegewebe ist natürlich auch in lebensfrischen Organen, in Nieren, Leber usw. stets vorhanden. Es bildet gewissermaßen die weichen Daunen, in denen die Zellen der Organe gebettet liegen. Das Bindegewebe nun kommt im Alter zu üppiger Entwicklung. Das wäre noch nicht so schlimm. Aber das Bindegewebe wird im Alter sehr hart, faserig und es ist nicht mehr so elastisch wie früher einmal. Sehr auffällig ist die Verhärtung des Bindegewebes, das die Blutröhren umhüllt, und das, was wir als harten Puls bei allen Leuten fühlen, das ist das verhärtete Bindegewebe um die Blutröhren herum. Und wie die Zellen der Niere, der Leber, des Gehirns und aller andern Organe im Alter nicht mehr so recht ihre gewohnte Arbeit tun können, weil sie einen Altersschwund erfahren haben, so auch das Bindegewebe. Es versagt im Dienst: es ist den Zellen und Organen nicht mehr das weiche und elastische Bett und gibt ihnen nicht mehr wie ehedem ihren Halt. Wir sehen das namentlich an der Krümmung der Wirbelsäule im Alter. Verhängnisvoll ist dieses Versagen des Bindegewebes bei den Blutgefäßen. Die Verteilung des Blutes im Körper kann nämlich nur dann regelrecht vonstatten gehen, wenn die Blutröhren gut elastisch sind. Die elastischen Röhren gehören mit zum Pumpapparat des Blutkreislaufes, sie arbeiten bei der Verteilung des Blutes im Körper dem Herzen in die Hand. Ein Pumpwerk nämlich, das eine Flüssigkeit durch starre Röhren treibt, gibt einen unterbrochenen Strom, einen Strom in einzelnen Stößen. Dagegen treibt dasselbe Pumpwerk die Flüssigkeit durch elastische Röhren nicht in Stößen, sondern fortlaufend, ununterbrochen. Die elastischen Blutröhren haben somit einen sehr wichtigen Anteil bei der Verteilung des Blutes im Körper: sie sorgen dafür, daß das Blut dauernd zu Organen und Zellen fließt. Wären sie starr, so käme das Blut an die Zellen nur in einzelnen Stößen heran, alle Sekunde, mit jedem Herzschlag einmal. Nun haben aber im Alter die Blutröhren an Elastizität eingebüßt, wenn das Bindegewebe, in dem sie gebettet sind, härter geworden ist. Die Zufuhr des Blutes zu den Zellen im Körper wird beeinträchtigt. Der Stoffwechsel der Zellen wird geschädigt. Und es kommt noch hinzu, daß die Blutpumpe selber, die Zellen des Herzens, einen Altersschwund erfahren. Auch das Herz wird im Alter kleiner und kann dann nicht mehr so kräftige Arbeit leisten wie in jungen Tagen. All das trägt dazu bei, daß die Atrophie der lebendigen Substanz aller Zellen im Körper noch beschleunigt wird.

Der Altersschwund der Zellen im Zellenstaat bedeutet, daß nunmehr weniger lebendige Substanz im Organismus enthalten ist – die Zellen sind kleiner geworden und es wird jetzt im Körper weniger lebendige Substanz im Stoffwechsel verbrannt. Das ist uns selbstverständlich: im alternden Organismus brennt das Feuer des Lebens – ganz wörtlich zu verstehen – nicht mehr wie einst im Mai, es brennt nicht mehr in lodernder Glut wie früher, wie in der Jugend des Menschen. Man hat gefunden, daß der Stoffwechsel bei Greisen und Greisinnen eine Abnahme erfährt. So sind die Verbrennungsvorgänge bei Leuten im Alter von etwa 68 bis 86 Jahren um rund 20% geringer als bei Leuten, die im mittleren Lebensalter stehen.

Alles in allem: es ist das Altenteil der Zellen im Zellenstaat, daß sie atrophisch werden, daß sie einen Altersschwund erfahren, wobei der Stoffwechsel der Zellen eine bedeutende Abnahme erfährt.

7. Wie wir sterben.

Nun wissen wir, was das Altenteil der Zellen im Zellenstaat ist.

Aber was gewinnen wir für das Verständnis des natürlichen Todes, das wir suchen, wenn wir nun wissen, daß die Zellen im Zellenstaat einen Altersschwund erfahren? Wir waren im fünften Kapitel dahin gelangt, daß der vielzellige Organismus stirbt, wenn bestimmte Zellen, die für den normalen Ablauf des Stoffwechsels im Zellenstaat von Bedeutung sind, in ihrer Tätigkeit versagen. Weisen uns nun die Veränderungen der Zellen im alternden Zellenstaat, die wir festgestellt haben, darauf hin, welche Zellen im Körper am ehesten versagen und das Sterben des Zellenstaates einleiten? Nein. Wir haben bloß gesehen, daß sämtliche Zellen des Zellenstaates einen Altersschwund erleiden. Wir wollen aber doch wissen, warum mehr oder weniger plötzlich der Zeitpunkt kommt, wo ein schnelles Hinsterben aller Zellen des Zellenstaates beginnt. Darüber sagt uns das, was wir über den Altersschwund der Zellen im Zellenstaat und über die Abnahme ihres Stoffwechsels erfahren haben, noch nichts aus. Wollen wir hier Aufschluß gewinnen, so müssen wir einen anderen Weg einschlagen. Wir dürfen uns dann nicht darauf beschränken, bloß die Organe von Leuten, die an Altersschwäche verstorben sind, zu untersuchen. Wir müssen hier zusehen, wie man stirbt.

Um uns das Suchen zu erleichtern, wollen wir zunächst zusehen, wie man an einer Krankheit stirbt, wie der Tod durch Krankheit zustandekommt.

Wer wollte sich aber im freudigen Jubel des Lebens in die Zahlen versenken, welche statistische Ämter und Krankenhäuser ermittelt haben und aus denen herauszulesen ist, woran und wie die Menschen sterben! Und mancher von denen, die diese Zeilen zu Gesicht bekommen, nimmt's mir gar übel, daß ich nun dran gehen will, all die trüben Bilder des Todes hervorzuzaubern. Es mag ja dahingehen, daß man vom Sterben eines Pantoffeltierchens spricht und wohl auch vom Tode des Menschen aus Altersschwäche. Aber vom Tod aus Krankheit, vom Tode, der uns der kalte Schrecken ist! Und da möchte ich Nothnagel zu Worte kommen lassen, der kurz vor seinem eigenen Tode in einem Vortrag eine lichtvolle Darstellung vom Sterben gegeben hat: „Es ist ein Wagnis, wenn ich es unternehme, nicht, wie sonst üblich, holde Gebilde der Kunst und Dichtung oder ergreifende Darstellungen aus dem Menschenleben und der Geschichte oder hoheitgeschmückte lichte Fragen der Wissenschaft, sondern ein so nachtgeborenes Problem, wie das Sterben ist, vor Ihr geistiges Auge zu führen. Den Mut dazu gibt mir die Erwägung, daß der elementaren Gewalt dieses Problems kein Denkender sich entziehen kann. Handelt es sich doch um eine unentrinnbare Frage, die jeden, ohne Ausnahme, persönlichst angeht. Wir mögen sie gleichgültig oder leichtsinnig, mutig oder ergeben, angstvoll oder gar freudig, mit der Ruhe des Philosophen oder der Wißbegierde des Forschers aufnehmen, aber erinnert werden wir auf diesem oder auf jenem Wege doch irgend einmal an sie. Dem ernsten Menschen aber geziemt es, einem Vorgange, der alles Lebendige der Vernichtung zuführt, eine eindringliche und vertiefte Aufmerksamkeit zuzuwenden.“

Und so nehmen wir uns denn den Mut, auch über den Tod durch Krankheit zu sprechen …

Wenn wir uns die Todesstatistiken ansehen, so finden wir in ihnen sehr zahlreiche „Todesursachen“ verzeichnet. Das offizielle Verzeichnis der Todesursachen, das die obersten Medizinalbehörden in den einzelnen deutschen Bundesstaaten den Ärzten zur Anwendung empfohlen haben, enthält über 175 verschiedene Nummern. Und schon das „kurze Verzeichnis“, das das kaiserliche Gesundheitsamt für die Todesstatistik benutzt, zählt 23 Todesursachen auf. Da sterben die Menschen an Infektionskrankheiten, wie Tuberkulose, Typhus, Scharlach, Diphtherie, Masern, Rose, Lungenentzündung und Influenza, an Pocken, Ruhr, Genickstarre, an Keuchhusten usw. Die andern erliegen Verdauungskrankheiten, Krankheiten des Herzens, der Lungen, der Nieren, der Leber, des Nervensystems. Und andere wieder sterben an Krebs, fallen als Opfer auf dem Schlachtfeld der Arbeit in Fabrik oder Bergwerk, werden das Opfer eines Unfalls, eines Mordes, sterben an Gift. Und was der Schrecken noch mehr!

So ergibt sich zunächst eine ganz außerordentliche Mannigfaltigkeit von „Todesursachen“. Bei näherem Zusehen erweist es sich jedoch, daß das Sterben der Menschen viel einheitlicher gestaltet ist. Nehmen wir z. B. den Fall, daß ein Mensch an Lungenentzündung gestorben ist. Auf den ersten Blick scheint kein Zweifel vorhanden, daß eine Erkrankung der Lungen den Tod unseres Patienten verschuldet hat. Die erkrankten Lungen können die Atmung nicht mehr so gut besorgen. Die Zellen des Körpers bekommen nun nicht genug Sauerstoff zugeführt, und die Kohlensäure wird aus ihnen nicht prompt genug herausgeschwemmt. Vor allem wird das die Nervenzellen treffen, die gegenüber Sauerstoffmangel außerordentlich empfindlich sind. Die Sinne des Kranken umnebeln sich, und schließlich wird unser Patient bewußtlos. Aber noch steht die Atmung nicht ganz still und das Herz tut noch seine Arbeit. Doch auch das Herz beginnt schließlich zu erlahmen. Denn die Herzmuskelzellen können nur dann tüchtig Arbeit leisten, wenn sie genug Sauerstoff mit dem Blute zugeführt bekommen und wenn sie nicht mit Stoffwechselprodukten überladen bleiben. Normalerweise bringen besondere Blutgefäße den Herzmuskelzellen das allerfrischeste Blut im Körper. Nun, wo die Atmung mangelhaft geworden ist, wo die Lungen nicht mehr genug Sauerstoff ins Blut hineinbringen, wird natürlich auch die Sauerstoffzufuhr zu den Herzmuskelzellen mangelhaft – die Schlagfolge des Herzens beginnt unregelmäßig zu werden und schließlich steht das Herz still, obgleich die Atmung unseres Patienten noch nicht ganz aufgehört hatte. Für das Herz aber war die mangelhafte Sauerstoffzufuhr so ungenügend, daß es seine Arbeit nicht mehr tun konnte. Unser Patient ist tot. Wir sagen, er sei an Lungenentzündung gestorben. Das ist insofern richtig, als die Lungenentzündung ihn krank gemacht hatte. Aber von allen Organen hat doch das Herz zuerst versagt, und der Stillstand des Herzens hat das Sterben der Zellen im Zellenstaat eingeleitet.

Ein anderes Beispiel. Ein Kind ist an Diphtherie erkrankt. Die Entzündung des Kehlkopfes ruft Atemnot hervor. Das Kind „erstickt“, wenn der Arzt nicht rechtzeitig dazukommt, um den rettenden Luftröhrenschnitt auszuführen: der Stillstand des Herzens, der bei Sauerstoffmangel eintritt, auch wenn die Atmung noch einigermaßen anhält, hat das Schicksal des Kindes besiegelt. Und noch mehr: es kommt vor, daß ein diphtheriekrankes Kind stirbt, bevor es noch überhaupt zu Atemnot gekommen war. Das Herz war stillgestanden. Die Stoffe, welche die Diphtheriebazillen ins Blut ausscheiden, haben das Herz vergiftet. Auch bei Typhus, Influenza, Scharlach und andern Infektionskrankheiten sieht man infolge der Bakteriengiftwirkung in gleicher Weise das Herz erlahmen, während die Veränderungen in den andern Organen bei allen diesen Krankheiten so verschieden sind.

Ein Patient geht an einer Erkrankung der Niere zugrunde. Sein Körper ist mit Stoffen überschwemmt, die normalerweise in den Stoffhaushalt seines Organismus nicht hineingehören. Der Kranke liegt bewußtlos da. Aber solange das Herz noch arbeitet, ist noch nicht alle Hoffnung geschwunden. Doch die Stoffe, die aus den kranken Nieren in das Blut gelangen, wirken auch auf das Herz, und das Herz ist im Laufe der Zeit, wo die Nieren krank sind, geschwächt worden. Schließlich versagt das Herz, das Herz steht still. Der Kranke stirbt. Das Herz hat sein Machtwort gesprochen.

Der Arzt kennt diese Tatsachen, und das erste, worüber er sich bei einem Patienten zu vergewissern sucht, den man seiner Kunst anvertraut hat, ist der Zustand des Herzens. Je kräftiger, je widerstandsfähiger das Herz, desto geringer die Todesgefahr.

So können wir mit Nothnagel sagen: „Der Mensch stirbt fast immer vom Herzen aus. So lange dieses in der Brust sich zusammenzieht, und sei es noch so schwach, noch so mühsam, so lange lebt der Mensch – der letzte Herzschlag, und erst dann ist alles unwiederbringlich zu Ende.“

Die Frage, wie man stirbt, hatte für uns Interesse, weil wir wissen wollten, welche Zellen im Zellenstaat zuerst versagen und das Sterben aller Zellen im Zellenstaat einleiten. Da ist es nach dem, was wir eben erfahren, wohl plausibel, daß die Herzmuskelzellen die Künder des Todes im Zellenstaat sind. Wo das Herz stillsteht, da sind die Zellen des ganzen Zellenstaates ohne Sauerstoff – da hat der Zellenstaat ausgelebt. Das ist uns klar.

Gut, das Herz steht still, und die Zellen im Zellenstaat beginnen zu sterben. Aber die Herzmuskelzellen sind noch nicht tot, wenn das Herz zu schlagen aufhört. Daß dem so ist, haben in schöner Weise Versuche gezeigt, die vor mehr als zehn Jahren der russische Physiologe Kuljabko ausgeführt hat. Kuljabko hat nämlich den erfolgreichen Versuch gemacht, das Herz eines toten Menschen wieder zu beleben. Auf den ersten Blick direkt Zauberei. Im Laboratorium aber hat sich die Zauberei in folgender Weise abgespielt. Kuljabko ließ sich aus einem Kinderkrankenhause in Petersburg nach der Leichenschau von Kindern, die an verschiedenen Krankheiten gestorben waren, die Herzen in sein Laboratorium bringen. Hier band er ein Glasröhrchen ins Herz und pumpte mit Hilfe eines automatischen Pumpapparates eine geeignet zusammengesetzte Salzlösung durchs Herz. Die Salzlösung hatte er vorher auf Körpertemperatur erwärmt und gut mit Sauerstoff durchlüftet. Launig ist es dabei zu hören, wie es Kuljabko beim ersten Versuch ergangen war. Nachdem er nämlich das Herz etwa eine Viertelstunde mit der Salzlösung durchspült hatte, war das Herz noch so leblos wie zuvor. Kuljabko wollte den Versuch eben abbrechen, weil er sich dachte, die Sache sei nun abgemacht, mit der Wiederbelebung eines Herzens aus der Brust des toten Menschen ginge es nicht. Da wurde er zufällig ins Nebenzimmer gerufen und ließ seinen Pumpapparat mit dem Herzen einstweilen noch stehen. Als er nach fünf Minuten zu seinem Pumpapparat zurückgekehrt war – da schlug das Herz! Das Herz des toten Kindes hatte wieder zu schlagen angefangen, nachdem es kaum eine halbe Stunde mit warmer und sauerstoffhaltiger Salzlösung durchspült worden war – beinahe vierundzwanzig Stunden nach dem Tode des Kindes. Kuljabko hat zehn solcher Versuche ausgeführt an den Herzen von Kindern, die an Lungenentzündung, Diphtherie, Genickstarre und Darmkrankheiten gestorben waren. In drei Fällen gelang die Wiederbelebung nicht, während sieben andere Versuche von Erfolg gekrönt waren. Gewöhnlich begannen nur einzelne Teile, nicht das ganze Herz wieder zu schlagen. Aber in einem Falle war die Wiederbelebung des Herzens vollständig gelungen: das Herz schlug regelrecht, genau so gut wie das Herz im lebendigen Körper. Siebzig bis achtzig Mal in der Sekunde schlug das Herz, und so ging es mehr als eine Stunde lang. Dann wurde der Herzschlag schwächer, und als am nächsten Tage der Versuch mit diesem Herzen wiederholt wurde, da war es für immer tot. Kuljabko hat seine Wiederbelebungsversuche auch an Kaninchenherzen ausgeführt und es gelang ihm, das Herz eines Kaninchens wieder zu beleben, das schon vor sieben Tagen verstorben war! Im Mittelalter wären Kuljabko als einem Hexenmeister reinsten Wassers Scheiterhaufen und Folterkammer sicher gewesen, wie ein bekannter Physiologe einmal gescherzt hat. Heutzutage ist es ihm besser ergangen.

Nun kann es sich aber in den Versuchen von Kuljabko nicht um eine Wiederbelebung von toten Zellen handeln. Eine Zelleiche kann nicht zum Leben erweckt werden: was zum Leben erweckt werden kann, ist noch nicht tot! In den Versuchen von Kuljabko war somit nur das allmähliche Sterben der Herzmuskelzellen, der Tod in seinem Hinkriechen über die Herzmuskelzellen aufgehalten, und der Tod war hier durch die Kunst des Physiologen ein gut Stück Weges zurückgeworfen.

Was wir aus den Versuchen von Kuljabko also lernen, das ist: daß die Herzmuskelzellen noch gar nicht tot zu sein brauchen, wenn das Herz stillsteht. An dieser Tatsache kann nach den Versuchen von Kuljabko nicht mehr gezweifelt werden. Aber warum steht denn das Herz still, wenn die Herzmuskelzellen noch nicht tot sind? Nun, die Herzmuskelzellen sind durch die Krankheit geschädigt: giftige Stoffe, die im Blute des Patienten kreisen, haben sie getroffen, oder Sauerstoffmangel, wie z. B. bei der Lungenentzündung, hat sich eingestellt, und die Herzmuskelzellen, die für ihre rastlose Arbeit der ununterbrochenen und reichlichen Sauerstoffzufuhr so sehr bedürfen, können jetzt ihre Arbeit nicht mehr so tun, wie es sich normalerweise gehört. Ein regelrechtes Zusammenarbeiten der Herzmuskelzellen, auf dem der Herzschlag beruht, ist jetzt nicht mehr möglich und das Herz steht still. Nun führen wir aber, wie in den Versuchen von Kuljabko, den Herzmuskelzellen genug Sauerstoff zu und spülen aus ihnen die Schlacken heraus, die sich in jeder schlechtatmenden Zelle zu einem Berge anhäufen. Auch die Gifte, mit denen die Herzmuskelzellen in der Krankheit überschwemmt worden sind, werden dabei mit entfernt. Die Herzmuskelzellen arbeiten jetzt wieder besser und der Herzschlag kommt wieder zustande.

Kuljabkos Versuche haben uns gezeigt, daß ein Herzstillstand und damit das schnelle Hinsterben aller Zellen im Zellenstaat schon eintreten kann, wenn die Herzmuskelzellen noch nicht tot sind, sondern nur erst eine Störung in ihrem Stoffwechsel durch Sauerstoffmangel oder durch Gifte erfahren haben. Aber wir kennen auch Fälle, wo die Herzmuskelzellen vollkommen gesund sind, und doch das Herz plötzlich seinen Dienst versagt und stillsteht. Das kommt zuweilen nach heftigen Gemütsbewegungen vor, nach einem heftigen Schlag auf den Kopf, nach starken Erschütterungen, denen der Körper ausgesetzt war. Für den Arzt ist hier der Zusammenhang zwischen der Schädigung des Gehirns und dem Herzstillstand ohne weiteres klar. Vom Gehirn geht nämlich ein Nerv seinen weiten Weg zum Herzen herunter – „Wandernerv“ nennen ihn die Ärzte. So hat das Gehirn die Herrschaft auch über das Herz. Das Gehirn tut bei der Herzarbeit mit, unter seinem strengen Regiment tun all die vielen Herzmuskelzellen ihre gewohnte Arbeit. Und wenn es einmal eine Störung gibt in denjenigen Nervenzellen des Gehirnes – sie sind im „verlängerten Mark“, in dem Verbindungsstück zwischen Gehirn und Rückenmark gelegen –, die der Herzarbeit vorstehen, dann kann die ganze geregelte Herzarbeit mit einem Male in die Brüche gehen. Ein über alle Maßen heftiger Impuls vom Gehirn, dessen Zellen durch eine starke Gemütsbewegung oder durch einen schweren Schlag sehr stark erregt worden sind, geht durch den Wandernerv zu den Herzmuskelzellen – und das hat sie aus Rand und Band gebracht. Die einzelnen Herzmuskelzellen aber können dabei ganz wohlauf sein: nur ihr Zusammenarbeiten geht dabei verloren. Namentlich machen sich solche Störungen, die vom Gehirn ausgehen, dann geltend, wenn auch die Herzmuskelzellen irgendwie geschädigt sind, z. B. bei allerlei Herzkrankheiten. Darum ist es so wichtig, daß ein Herzkranker keinen heftigen gemütlichen Erregungen – gleich, ob großer Freude oder großer Trauer – ausgesetzt wird: sein Herz kann unter Umständen stillstehen, die für ein gesundes Herz belanglos sind.

Der langen Rede kurzer Sinn aber ist folgender: Wie mannigfaltig auch die Krankheiten sind, die uns treffen, wir sterben alle so, daß das Herz infolge von Veränderungen in den Herzmuskelzellen oder infolge von Störungen in den Nervenzellen, die der Herzarbeit vorstehen, seinen Dienst im Zellenstaat versagt. Herzmuskelzellen und Nervenzellen brauchen dabei noch nicht tot zu sein: schon allerlei Schädigungen, die ihr Stoffwechsel erfährt und die eine geregelte Arbeit der Herzmuskelzellen unmöglich machen, können einen Stillstand des Herzens veranlassen. Und ist der Stillstand des Herzens da, so beginnen alle Zellen des Zellenstaates, eine Zellgruppe nach der andern, zu sterben.

Zu allererst sterben im Zellenstaat die Nervenzellen, die gegen Sauerstoffmangel sehr empfindlich sind. Andere Zellgruppen können noch recht lange am Leben bleiben. Daß die Herzmuskelzellen viele Stunden lang nach dem Eintritt des Herzstillstandes, viele Stunden, nachdem der Körper schon eine reglose Leiche geworden, noch am Leben sind, davon haben wir schon gehört. Es ist auch bekannt, daß die einzelnen Muskeln des Skeletts und andere Zellgruppen in unserem Körper noch viele Stunden nach dem Eintritt des Herzstillstandes und nach dem Tode der Nervenzellen am Leben bleiben. Erst nach Ablauf mehrerer Tage ist der letzte Funken des Lebens im großen Zellenstaat erloschen …

So nimmt Gevatter Tod Besitz von uns, wenn er durch Krankheiten, die seine Späher und Häscher sind, sein Kommen uns kündet.


Nach vielem hin und her im Suchen und Forschen sind wir dahin gekommen, daß wir nun wissen, wie der Tod nach Krankheit über den Zellenstaat hinkriecht. Aber was wir eigentlich herausbekommen wollten, war doch etwas anderes: wie der Tod aus Altersschwäche von uns Besitz ergreift, wie wir aus Altersschwäche sterben. Das wollten wir wissen. Vom Tod durch Krankheit haben wir nur gesprochen, weil wir uns das Suchen leichter machen wollten. Und wirklich, das Suchen ist uns jetzt leicht gemacht: Unsere Aufmerksamkeit ist nun von vornherein auf zwei Zellgruppen im Zellenstaat gerichtet, die wir fest ins Auge fassen müssen – auf die Herzmuskelzellen und auf die Nervenzellen. Diese Zellgruppen hatten wir erkannt als die Künder des Todes im kranken Zellenstaat. Vielleicht sind sie es auch im alternden Zellenstaat. Sehen wir zu.

Wir haben schon früher erfahren, daß alle Organe im alternden Zellenstaat kleiner werden, und daß dieses Kleinerwerden der Organe auf einem Altersschwund der Zellen beruht. Was die Zellen im Alter leisten, ist nicht mehr das, was in jüngern Jahren ihre Arbeit war. Wir haben gehört, daß der Stoffwechsel der Zellen im alternden Zellenstaat eine ganz bedeutende Abnahme erfährt. Und da können wir uns wohl denken, daß die herabgesetzte Leistungsfähigkeit der Herzmuskelzellen schließlich zu einem Stillstand des Herzens führt: das Zusammenarbeiten der Herzmuskelzellen klappt nicht mehr und das Herz versagt. Um so mehr, als die Blutröhren, durch die das Herz das Blut zu treiben hat, nicht mehr so elastisch sind wie früher und dem schwachen, gealterten Herzen sogar noch mehr Arbeit zumuten als in jungen Tagen.

Und was noch hinzukommt: auch das Gehirn hat einen Altersschwund erfahren. Ja, wie Ribbert, dem wir eine geistvolle Studie über den Tod verdanken, darauf hingewiesen hat, unterliegt es gar keinem Zweifel, daß beim Sterben aus Altersschwäche die Veränderungen und Störungen im Gehirn und damit auch in denjenigen Nervenzellen, die der Atmung und der Herzarbeit vorstehen, noch mehr in die Wagschale fallen, als die Veränderungen in den Herzmuskelzellen selber.

Das Herz tut seinen Dienst bis ins hohe Alter hinein – rastlos und unermüdlich, wenn es auch nicht mehr so auf dem Posten ist wie einst im Mai. Dagegen machen sich im Denken des alternden Menschen stets Veränderungen geltend, die darauf hindeuten, daß die Störungen in den Nervenzellen sehr beträchtlich sind. Das reife Alter ist uns gekennzeichnet durch die große Erfahrung und die viele Kritik im Denken, die uns in allen Fragen des Lebens zugutekommt. Im Greisenalter aber versagt der Mensch in diesen beiden Dingen. Das Gedächtnis des Greises läßt nach, neuen Dingen wird er unzugänglich, gleichgültig ist er gegen die Umgebung. Und er wird unlogisch, einseitig, „egoistisch“, wie man zu sagen pflegt, – es kommt die Zeit, wo nicht nur die Jugend, sondern auch der reife Mann in Konflikt gerät mit dem Greis. Mißtrauisch, launenhaft ist der Greis: weil alles, was die Jugend erfüllt, nicht mehr ist für den Greis, weil er nicht mithalten kann mit der Jugend. Alles in allem: die Intelligenz des Greises läßt nach, läßt allmählich nach, gleichsam, als ob er leise schmollend, weil er nicht mehr mitkann, hinter den anderen zurückbliebe, über die er sich früher erhaben gedünkt, erhaben gewesen, weil er ihnen früher mit großer Erfahrung voraus war. Dem, was uns die alltägliche Beobachtung über die Intelligenz der Greise lehrt, entsprechen vollkommen die Veränderungen, die man bei einer Untersuchung der Gehirne von Leuten findet, die in sehr hohem Alter gestorben sind. Man kann sagen, daß in keinem andern Organ die Altersveränderungen so weitgehend, so eingreifend sind, wie im Gehirn. Die Altersveränderungen im Gehirn, die man mit bloßem Auge sehen kann, haben wir schon früher erwähnt, und wir werden in einem späteren Kapitel noch die mikroskopisch sichtbaren Veränderungen kennen lernen, die die Nervenzellen im gealterten Zellenstaat aufweisen.

Die Abnahme der geistigen Fähigkeiten, die für das Greisenalter charakteristisch ist, kann nun natürlich nicht daran schuld sein, daß mehr oder weniger plötzlich ein Zeitpunkt kommt, wo das schnelle Sterben der Zellen im Zellenstaat beginnt. Bei manchen von Geburt mißbildeten Menschen, wie z. B. bei den sogenannten Mikrokephalen, d. h. den Kleinköpfen, ist die Großhirnrinde von vornherein so mangelhaft entwickelt, daß im Seelenleben dieser Menschen all das fehlt, was uns im großen Ganzen einen Menschen „Mensch“ sein läßt. Und trotzdem können solche „Menschen“ ein hohes Alter erreichen. Anderseits können Tiere, denen man das ganze Großhirn wegschneidet, trotz der sehr weitgehenden Störungen in ihrem ganzen Verhalten doch noch recht lange, sogar jahrelang leben. Aber der Tod droht von anderswo im Gehirn. Und da müssen wir zunächst von einem Tierversuch erzählen. Wird nämlich jener Teil des Gehirnes verletzt, in dem die Nervenzellen gelegen sind, die der Atmung vorstehen, so tritt sofort der Tod des Tieres ein. Wenn man z. B. einem jungen Hunde oder einem Kaninchen den Kopf stark nach vorne neigt und ihm dann mit einem hohlen Metallröhrchen, dessen unterer Rand scharf geschliffen ist, in den Nacken sticht, tief und sicher genug, um das verlängerte Mark zu treffen, so steht die Atmung des Tieres momentan still. Kein Muskel von all denen, die bei den Atembewegungen mittun, regt sich mehr, das Tier ist momentan ohne alle Qual tot, ohne daß es auch nur die geringste Bewegung gemacht hat. Wie war das möglich? Einfach so, daß wir mit dem hohlen Metallröhrchen eine Gruppe von Nervenzellen im verlängerten Mark, die den Atembewegungen vorstehen und sie regulieren, aus dem verlängerten Mark direkt herausgeschnitten haben. Der Franzose Flourens, der in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts alle diese Dinge fleißig studiert und die Überzeugung der Gelehrten von der großen Bedeutung dieser Gruppe von Nervenzellen für das Zustandekommen der geregelten Atembewegungen endgültig gefestigt hat, hat diese Zellgruppe schlecht und recht den „Lebensknoten“ genannt.

Nun müssen wir festhalten, daß natürlich nicht nur diejenigen Nervenzellen einen Altersschwund erfahren werden, die das Denken vermitteln. Auch diejenigen Nervenzellen, die der Atmung vorstehen und die Atembewegungen regulieren, werden im Alter arg mitgenommen sein. Und wenn die Störungen in dem fein abgestuften Mechanismus des Zusammenarbeitens dieser Nervenzellen weit genug fortgeschritten sind, dann geht dieser Mechanismus in die Brüche. Dann steht die Atmung plötzlich still und man ist tot. Man hat ausgehaucht – im wahrsten Sinne des Wortes.

Und auch noch das ist möglich: daß einmal die Nervenzellen versagen, die die Herzarbeit regulieren. Das alte Herz klappt dann zusammen. Wiederum – man hat ausgelebt.

So kommen wir nach all den vielen Dingen, die wir vom Sterben aus Altersschwäche erfahren haben, dahin, daß die Künder des Todes hier die Nervenzellen sind. Störungen in dem Mechanismus der Arbeit der Nervenzellen sind es, die das schnelle Sterben der gealterten Zellen im Zellenstaat einleiten.

Aber wir dürfen doch nicht sagen, der Tod aus Altersschwäche trete ein, weil bestimmte Zellen des Gehirnes einen Altersschwund erfahren haben. Das allein wäre falsch. Die Veränderungen, die die alternden Nervenzellen erfahren haben, sind nur ein Teil von all den Altersveränderungen, die sich im ganzen Zellenstaat abgespielt haben: alle andern Zellen im Zellenstaat sind auch gealtert. Und alle Zellen im Zellenstaat sind aufeinander angewiesen. Wenn z. B. die Nervenzellen, auf deren Mitarbeit die Herzmuskelzellen angewiesen sind, ihre Dienste nicht mehr tun, wie einst im Mai, dann zahlen sie dem Herzmuskel nur mit gleicher Münze heim. Denn die Nervenzellen sind, namentlich dann, wenn es schon just vor dem Ende war, vom alten Herzen aus arg mitgenommen worden, weil sie nun nicht mehr soviel Blut zugeführt bekommen konnten, wie es früher der Fall gewesen. Das rächt sich nun am Herzen – und so geht das hin und her im alternden Zellenstaat. Und auch alle andern Zellen im Zellenstaat tun nur mangelhaft ihre Arbeit. Die Leber und die Nieren, die für das Herausschaffen der Schlacken im Körper zu sorgen haben, sind im Rückstand, die Drüsen, die allerlei Stoffe ans Blut abzugeben haben, lassen auf sich warten. Und schließlich ist die Stunde da, wo die Nervenzellen, die der Atmung und dem Herzen vorstehen, versagen, und dann beginnt das schnelle Hinsterben der Zellen im Zellenstaat.

Es ist also mit dem Sterben aus Altersschwäche so bestellt, daß im Verlauf der vielen Störungen in den Zellen alle Zellen im Zellenstaat einander die Grube graben – und fallen alle selbst herein.

Nun wissen wir, wie der Tod aus Altersschwäche kommt. Aber warum er kommt? Darauf hinaus wollten wir ja: zu wissen, warum wir alt werden und sterben.

Aber alles „warum“ in der Wissenschaft ist stets nur ein anderes „wie“: wenn wir wissen wollen, warum wir sterben, müssen wir einfach herauszubekommen suchen, wie die Altersveränderungen in den Zellen des Zellenstaates zustandekommen, die zum Tode des Zellenstaates führen, wie die Zellen im alternden Zellenstaat atrophisch werden. Wir wissen aber, daß alles Leben der Zellen in letzter Linie auf dem Stoffwechsel der Zellen beruht. So müssen wir denn versuchen, die Altersveränderungen der Zellen im Zellenstaat auf eine Störung im Stoffwechsel der Zellen des vielzelligen Organismus zurückzuführen, auf eine Störung, die im Verlaufe des Lebens der Zellen im Zellverband entsteht. Und weil wir erfahren haben, daß die Nervenzellen allen andern Zellen des Zellverbandes voraus sind mit dem Versagen im Dienst, so werden wir die Nervenzellen vor allem fest ins Auge fassen, um an ihnen herauszubekommen, wie im Laufe des Lebens des Zellenstaats die Zellen alt werden und den Zellenstaat zugrunde richten.

Um das aber herauszubekommen, müssen wir vorerst noch der Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens mit aller Aufmerksamkeit zuhören. Die also soll nun erzählt werden.

8. Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens.

Wir haben uns über das Leben eines Pantoffeltierchens schon früher einmal eine ganze Menge von einem amerikanischen Forscher erzählen lassen.[2] Und was dabei für uns namentlich in Betracht kam, war die Tatsache, daß das Pantoffeltierchen unter günstigen äußeren Umständen unsterblich ist. Unsterblich in dem Sinne, daß es in der Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens, wenn kein Unglück es trifft, auch in der 3000. Generation noch nicht zur Entstehung einer Leiche kommt. Die Mutterzelle teilt sich in zwei Tochterzellen auf, die sich, wenn der Zeitpunkt gekommen, wieder in zwei Tochterzellen teilen, und so fort.