The Project Gutenberg eBook of Was Helmut in Deutschland erlebte: Eine Jugendgeschichte
Title: Was Helmut in Deutschland erlebte: Eine Jugendgeschichte
Author: Gabriele Reuter
Illustrator: Rudolf Sievers
Release date: November 9, 2020 [eBook #63690]
Most recently updated: October 18, 2024
Language: German
Credits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
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Was Helmut
in Deutschland erlebte
Eine Jugendgeschichte
von
Gabriele Reuter
Zeichnungen von
Rudolf Sievers-Braunschweig
Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha
Z. XI.
Gesetzliche Schutzformel
gegen Nachdruck und Übersetzung in den Vereinigten Staaten:
Copyright 1917 by Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha
Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechtes, vorbehalten
Inhalt
| Der Tag der Ankunft | 1 |
| Alles wird anders, als Helmut es sich dachte | 11 |
| Der Vater zieht ins Feld | 20 |
| Kriegswinter | 27 |
| Eine Enttäuschung und neue Aussichten | 37 |
| Helmut und Frau Ledderhose | 42 |
| Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald | 50 |
| Als Spion verhaftet | 61 |
| Der lange Lehmann und Onkel Jakobus | 73 |
| Wiedersehen in gefährlicher Zeit | 81 |
| Ein toller Ritt | 88 |
| Wie Helmut nach Hause kommt | 96 |
Der Tag der Ankunft
Majestätisch rauschte der Überseedampfer in den Hafen von Hamburg. Er kam von Brasilien und war während der letzten Tage mit schnellster Fahrt gelaufen. Auf Deck spielte die Musikkapelle. Hunderte von Passagieren drängten sich durcheinander, es gab ein aufgeregtes Hin- und Herlaufen auf Gängen und Treppen des gewaltigen Gebäudes. Offiziere und Matrosen im Paradeanzug standen bereit, das Vaterland zu grüßen. Heiter glänzte die Sommersonne auf dem spiegelnden Metall des Schiffes, seine Wimpel flatterten, die mächtige schwarz-weiß-rote Fahne bauschte sich und wallte im Seewind.
Rechts und links lagen große und kleine Dampfer. Durch die schmalen Wasserstraßen zwischen ihnen flitzten schlanke Motorboote. Über schmutzige Bretterstege schleppten berußte Männer vom Ufer ungeheure Kohlenlasten und versenkten sie in die schwarzgähnenden Bäuche der Seeriesen. Auf ragenden Kranen schwebten Kisten und Ballen hoch in der Luft und senkten sich mit leichter Drehung auf die Kais nieder, wo zahllose Arbeiter in Lederschurzfellen, Hünen an Kraft der Glieder, Kolli nach Kolli auf Wagen verluden und in die großen Speicher beförderten, welche den Hafen umgaben. Ein Geruch nach Teer, Öl und Salzwasser schwebte über dem eifrigen Arbeitsgetriebe, zwischen dem das Gewimmel der Neugierigen das Anlegen des Überseedampfers erwartete.
Helmut Kärns Augen strahlten vor Freude über das stolze Bild. Er griff nach seines Vaters Hand und schwenkte sie stürmisch.
»Das ist ja Deutschland, Vater!« rief er in lautem Jubel. »Deutschland! Deutschland! Begreifst du's denn, Vater, daß wir wieder da sind! Nach elf Jahren! Wie alt war ich denn? Drei Jahre – drei! Du trugst mich auf dem Arm über den Steg, als wir abfuhren. Weißt du noch? Und Mutter weinte ... Vater, was tut der Mann dort drüben? Was schreit er wie wahnsinnig? Was schwenkt er so die weißen Blätter ...?«
Wilhelm Kärn zog seine Hand aus der des Sohnes, der Ausdruck seines kräftigen braunen Gesichtes war tiefernst, seine Augen starrten angestrengt hinüber zu dem Zeitungsträger. Mit ihm starrten viele Augen, viele gespannte Gesichter hinter Operngläsern. Jetzt drängten die Menschen wild nach einer Seite, wo ein kleines Motorboot sich dem Kolosse näherte. Mit kühnem Schwung flog ein Paket Blätter hinauf, wurde im Nu von Hunderten ergriffen – – – Der Mann im Boot schrie durch die hohlen Hände etwas Unverständliches. Eine Sekunde lang legte sich eine furchtbare Stille über die wartenden Menschen, über Männer, Frauen, Kinder. Dann brach ein wildes Getöse aus, und gellend scholl das eine Wort »Krieg« von Mund zu Mund.
Man wartete seit Tagen in banger, atemloser Spannung auf dieses Letzte – auf die Entscheidung! Schon hatte man unterwegs durch Funkspruch von dem grausen Mord des Thronfolgerpaares von Österreich gehört – schon berichtete der Lotse in Cuxhaven, daß in Deutschland und bei seinen Bundesgenossen der Kriegszustand erklärt sei, – daß man davon rede, die Russen hätten bereits die ostpreußische Grenze überschritten, während die Verhandlungen zwischen Kaiser und Zaren sich noch in vollem Gange befanden. Heiß wogte der Streit der Meinungen an Bord zwischen den Männern. Schon begannen die verschiedenen Nationalitäten, die noch vor kurzem freundlich miteinander verkehrt hatten, sich abzusondern, verbissen und grußlos blickte man aneinander vorüber. Die Brasilianer schlossen in der Weise der Südländer Wetten für oder gegen den europäischen Krieg, der sie ja nicht viel anging, dem sie zuschauen würden wie einem spannenden Theaterspiel. Aber im Grunde seines Herzens hatte es doch niemand für möglich gehalten, daß das unerhört Entsetzliche wirklich eintreten könne.
Und nun war es doch geschehen. Für viele der deutschen Männer auf dem Schiff, die ihr Vaterland seit Jahren nicht gesehen hatten, die ihm beinahe fremd geworden waren und nur zu einem heiteren Besuch nach der alten Heimat zurückzukehren dachten, bedeutete dieser Augenblick eine ernste Schicksalswende. Von allen Seiten wurde Deutschland umdräut – es schien undenkbar, daß es so viel Feinden widerstehen könne! – In dieser Gefahr wachte eine heiße Empfindung von Liebe plötzlich in manchen Herzen auf. Man fühlte sich mit einemmal wieder »dazugehörig« – man fühlte sich unter den Seinen!
Zwischen den Eltern, geschoben und gedrängt von der erregten Menschenmenge, gelangte Helmut Kärn, er wußte selbst nicht wie, ans Ufer auf den Kai. Die Mutter weinte, Ströme von Tränen liefen ihr über das Gesicht, die sie nicht abzutrocknen vermochte, denn sie trug verschiedenes Gepäck und hielt überdies die kleine Daisy Bauer – Daisy war die Tochter von Kärns bestem Freunde, der eine Engländerin geheiratet hatte – fest an der Hand, damit das Kind ihr in dem Gewühl nicht abhanden komme. Beide Eltern waren gestorben, und das verwaiste Mädchen sollte ihrem englischen Großvater übergeben werden.
Und während die Menge sich dem Lande zuwälzte, dröhnte ihr von drüben her ein machtvoller Gesang entgegen. Er kam aus einer der breiten Straßen, die auf den Hafen mündeten. Eine neue Menschenwelle wogte von dort heran, in ihrer Mitte ein Trupp Soldaten. Brausend klang das Lied »Deutschland, Deutschland über alles« aus Hunderten von Kehlen. Und die Ankommenden standen still, zogen Hüte und Mützen, vergaßen, was sie hergeführt hatte: Geschäfte und Vergnügen. Viele falteten die Hände, es war wie ein erhebender Gottesdienst unter freiem Himmel. Aus Tausenden von Herzen stieg das Gelübde: alles zu opfern, Gut und Leben, für des Vaterlandes Rettung.
Helmut hatte mitgesungen so laut er konnte. Als er mit den Eltern endlich einen Wagen eroberte und ins Hotel fuhr, mußte ihn die Mutter verschiedene Male an der Hand festhalten, sonst wäre er herausgestürzt, so lebhaft sprang er auf seinem Sitz umher, um nur nichts von all den Dingen zu versäumen, die sich rings begaben. Kaum hatte er im Gasthaus der Mutter geholfen das Gepäck abzulegen, als er auch schon seinen Vater bestürmte, mit ihm wieder auf die Straße zu kommen, weiter zu schauen, weiter zu hören.
»Warte, mein Jung, ich folge dir gleich, du kannst mit mir zum brasilianischen Konsulat gehen, damit ich meine Papiere durchsehen lasse. – Bleib draußen auf dem Flur, solange ich mit Mutter rede!«
Nach einigen Minuten trat der Vater aus dem Zimmer, ruhig und gelassen, wie Helmut ihn nicht anders kannte. Die Mutter saß drinnen auf einem Stuhl, das Gesicht in den Händen verborgen. Helmut sprang eilig noch einmal hinein, küßte sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Mutti – wir kommen ja bald wieder – fürchte dich doch nicht!«
Sie machte eine kleine Bewegung mit dem Kopf. Helmut hörte seines Vaters Ruf und lief dem Voranschreitenden behende nach.
»Vater«, fragte er und seine blauen Augen glänzten, »gehst du auch mit in den Krieg? Gelt, du wirst dich stellen?«
»Ich habe gedient, habe meine deutsche Nationalität niemals abgelegt in den elf Jahren Farmerlebens. Ich werde meine Pflicht tun«, antwortete Wilhelm Kärn, der wuchtige Landmann mit den breiten Schultern, den arbeitsgewohnten Händen, die braun und sehnig waren wie die Rinde eines Baumes, lächelte und hob die Faust. »Meinst nicht, Bengel, daß wir's noch schaffen?«
»Die sollen sich wundern – die Rußkis und Franzosen«, schrie Helmut. »Da wird's Hiebe setzen. Na, Vater, du nimmst mich doch mit? Was? Schießen kann ich ja, Kräfte hab' ich genug. Du, das wird fein, wenn wir beide zusammen losgehen!«
»Ach, wo denkst du hin – bist ja viel zu jung. Dich nehmen sie noch lange nicht!«
Helmut wurde dunkelrot und biß sich auf die Lippe. »Du, Vater – du machst Spaß – ich weiß doch, du nimmst mich mit!«
»Werden sehen«, brummte Kärn, der plötzlich ernst wurde. Es ging ihm viel Nachdenkliches durch den Kopf. Dies Stück Erde am Rande des finsteren Urwalds, das er durch hartnäckigen Fleiß zu einem blühenden, einträglichen Besitztum umgeschaffen hatte, war ihm innig ans Herz gewachsen. Jeden Fruchtbaum hatte er dort eingesetzt, jedes Rind, jedes Pferd großgezogen. Die jungen Pflanzungen waren so manches Mal den Heuschreckenschwärmen, den gefräßigen Ameisen zum Opfer gefallen – immer wieder hatte er unermüdlich frisch begonnen, bis die Maisfelder, die strotzenden Bohnen, der Hanf in prächtigen Kulturen die Mühe lohnten. Plötzlich schoß ihm ein brennender Schmerz durch die Brust. Sollte er nichts von dem allen wiedersehen? Nicht mehr für die Frau und den Jungen schuften dürfen? Und der junge Verwalter drüben? Der war doch auch ein Deutscher und heißblütig, draufgängerisch! ... Den würde es, war noch irgendeine Möglichkeit, herüberzukommen, weiß Gott nicht halten! Dann war die Pflanzung den brasilianischen und schwarzen Arbeitern überlassen. – Kam man mit dem Leben davon, hieß es einfach wieder von vorn anfangen. Das mußte mancher – am besten war's, man dachte nicht weiter darüber nach.
Der Junge schwatzte munter an seiner Seite und tat tausend Fragen. Außer dem prächtigen Rio, das sie auf der Herreise kurz berührt hatten, kannte er ja noch keine Stadt. Er schrie laut auf vor Entzücken, als sie an die Alster kamen und die flimmernde Wasserfläche mit dem Geflatter der grauweißen Möwenscharen, umringt von vornehmen Palästen, sich vor ihnen ausbreitete. Die zahllosen Ruderboote lagen in dieser Stunde verlassen am Ufer, die Dampfer kehrten leer von Fahrgästen zu ihren Anlegestellen zurück. Bei dem eleganten Alsterpavillon staute sich die Menge schwarz und dicht. Autos mit Militärpersonen rasten unaufhörlich vorüber. Ein Lastauto, beladen mit Packen von Zeitungen, bahnte sich langsamer seinen Weg durch die Menge. Aufrecht standen Männer in dem Gefährt und warfen die Blätter zu Hunderten unter das Publikum, zugleich schrien sie die neusten Nachrichten über die Köpfe der Menschen. Von Hand zu Hand flogen die Blätter, es war wie ein Gewirbel weißer Fetzen in der Luft. Irgendwo stimmte jemand ein Vaterlandslied an, sofort fielen Tausende ein.
Mit Mühe mußten Vater und Sohn sich ihren Weg suchen. Niemand hatte in dieser Stunde Zeit, ihre Fragen zu beantworten. Und doch redeten die fremdesten Menschen miteinander und schüttelten sich die Hände. Helmut sah mit Erstaunen, wie zwei alte, würdige Herren sich vor Begeisterung singend um den Hals fielen.
Auch auf dem Polizeibureau warteten Hunderte von Menschen. Kärn wollte hier erfahren, wo er sich in Berlin zu melden habe, denn, da er aus der Mark Brandenburg gebürtig war, hatte er in der Reichshauptstadt gedient und mußte sich dort wieder stellen. Alles wickelte sich in Ruhe und Ordnung ab. Als der Vater an die Reihe gekommen war, drängte sich Helmut neben ihn, richtete sich stramm auf, sah den Beamten mit blitzenden Augen an und fragte: »Wo habe ich mich zu stellen? Darf ich mir ein Regiment wählen?«
Hinter ihm lachte jemand, und auch um den Schnauzbart des Wachtmeisters glitt ein vergnügtes Schmunzeln.
»Welcher Wehrklasse gehören Sie an?« fragte er.
»Wehrklasse – was ist das?«
»Ja, wenn Sie noch nicht in der Stammrolle eingetragen sind, dann bedaure ich! Wie alt sind Sie denn?«
»Bald fünfzehn«, antwortete Helmut etwas unsicherer.
»So, so – na – da ist jetzt noch nichts zu wollen – hoffentlich dauert der Krieg nicht so lange, daß Sie auch noch drankommen! Folgender!«
Helmut war entlassen. Sein Vater hatte ruhig auf ihn gewartet.
»In Berlin versuch' ich's doch noch einmal!« trotzte der Knabe.
In der Nacht wurde die Fahrt angetreten. Auf dem Bahnhof herrschte ein unbeschreibliches Gedränge. Zu hohen Burgen türmten sich Koffer und Kisten. Denn schon kamen die Schiffe von England und den Nordseebädern und brachten Fluten von Menschen, die noch nach Hause hasteten.
»Helmut«, sagte der Vater, »wir werden kaum zusammensitzen können. Ich will sehen, bei der Mutter zu bleiben. Du sorgst für Daisy und trennst dich auf keinen Fall von ihr. Du hast die Verantwortung für das Mädel. Hier sind eure Billette und ein paar Schinkenstullen – denn Gott weiß, wann der Zug in Berlin eintrifft.«
Von Sitzen war überhaupt nicht die Rede. Beide Kinder standen, in fürchterlicher Enge eingekeilt, die Nacht hindurch im Korridor des D-Zuges. Die zwölfjährige Daisy begann zu weinen. Helmut tröstete sie liebevoll mit der Aussicht, das würde noch ganz anders, wenn die Kosaken kämen mit ihren langen Peitschen, mit denen sie die Menschen gleich totprügeln könnten. Er versicherte ihr aber zugleich, daß er am nächsten Morgen zuerst mal seinen Revolver auspacken würde, er sei doch heilfroh, daß er ihn gegen den Willen seiner Mutter mitgenommen habe. Und jetzt wollten sie mal ihre Schinkenbrote essen, dann würde ihr gleich besser werden, und er brauche sie auch nicht länger zu tragen.
Das war ein leichtsinniges Vorgehen, denn plötzlich blieb der Zug mitten in der Nacht an einer kleinen Station liegen und lag dort viele Stunden auf einem toten Gleis, trotz alles Schimpfens und Fluchens der Reisenden. Lange Züge, angefüllt mit Militär, sausten an ihm vorüber; der Morgen dämmerte rosenrot über den grünen Marschen, und sie lagen noch immer fest. Daisy konnte sich fast nicht mehr auf den Füßen halten, ihr braunes Köpfchen taumelte hin und her. Endlich winkte ihr eine Frau und bot ihr einen Platz auf ihren Knien an, damit sie ein wenig schlummern könne. Helmut bat einen Herrn, ihm den Platz an der Tür neben dem Abteil einzuräumen. »Ich habe die Verantwortung für das Kind«, sagte er stolz, obwohl ihm gar nicht stolz zumut war, denn solchen Hunger wie in dieser Morgenfrühe, in der verdorbenen Luft des überfüllten Zuges, meinte er noch niemals gespürt zu haben.
Erst am Abend des Tages erreichten sie Berlin, eine Strecke, die man zu gewöhnlichen Zeiten in vier Stunden zurücklegt. Nichts als einen Schluck Wasser hatten sie zur Labe bekommen. Aber alle Leute sagten, das wäre nun eben Kriegszustand, und man müsse sich hineinfinden.
Alles wird anders, als Helmut es sich dachte
Mit Kuchen und Blumen, mit festreich gedeckter Tafel wurde die ins alte Vaterland zurückkehrende Familie von den Großeltern begrüßt. Mutter und Tochter lagen sich nach der langen Trennung lachend und weinend in den Armen. Der Großvater, ein aufrechter, weißbärtiger Herr, faßte Wilhelm Kärns beide Hände, drückte sie und rief: »In dieser Stunde nichts von Krieg und Kriegsgeschrei! – Jetzt wollen wir nur die Freude genießen, euch Lieben wiederzuhaben – was später Schweres getragen werden muß, werden wir mit Gottes Hilfe schon durchschaffen!«
Auch das fremde Kind wurde mit der größten Herzlichkeit von den alten Leuten aufgenommen. Ja, die Großmutter Ladewig legte Daisy mit einem mitleidigen Blick auf ihr Trauerkleidchen oft noch eine besonders schöne Frucht, eine kleine Süßigkeit auf den Teller und lächelte ihr aufmunternd zu, als wollte sie es dem kleinen Fremdling in ihrem Heim so recht behaglich machen.
Helmut hatte nur zu schauen. Der Parkettboden war so blank gewichst, daß er mit seinem Ungestüm schon in der ersten halben Stunde der Länge lang hinschlug. Und wieviel Bücher der Großvater besaß – bis zur Decke seines Arbeitszimmers hinauf bedeckten sie die Wände! Himmel, mußte der alte Herr klug sein! Die weichen Teppiche, die vielen gestickten Kissen, die alten vornehmen Nußbaummöbel, die Bilder an den Wänden – alles gefiel ihm wohl – es war ein behagliches Nest, in dem die Großeltern hausten. Helmut fand seine ersten ungeschickten Krikel-Krakel-Zeichnungen sorglich gerahmt an der Wand über dem Nähtisch von Großchen, und die Ketten, die er aufgezogen hatte – seine Photographie auf Philli, dem kleinen braunen Pferdchen, auf dem er reiten gelernt hatte! Ein ganz kleines Helmut-Museum hatte sich Großmama angelegt. Nun betrachtete sie ihn immerfort voll Staunen und rief einmal über das andere: »Was ist er für ein großer Junge geworden! Ich sehe ihn immer noch vor mir als das zierliche Bübchen mit den hellen Locken!«
»Die wurden abgeschnitten, als mal kleine Tierchen drinsaßen«, erklärte Helmut gemütlich. »Du, Großmutter, wo ist denn euer Garten? Wir haben doch immer auf unsere Briefe geschrieben: Gartenwohnung, Charlottenburg-Berlin!«
Nun lachte die Großmama und führte ihn auf ihren Balkon, der voll Blumen und Schlinggewächsen stand, ein Kanarienvögelchen in einem goldenen Bauer sang zwischen den Geranientöpfen sein fröhliches Liedchen.
»Sieh, das ist mein Privatgärtchen«, erklärte die Großmutter, »hier genießen Großvater und ich so manchen schönen Sommerabend!
Dort unten liegt der Hausgarten.«
Tief unten zwischen vier hohen Mauern mit vielen Fenstern sah Helmut aber nur zwei grüne Rasenflecke und eine Teppichklopfstange. »Das nennt man in Berlin einen Garten?« fragte er verwundert. Er dachte, ihr Garten in »Waldecke« sei doch viel schöner gewesen, aber er wollte das nicht sagen, um die Großmutter nicht zu kränken.
Man mußte sich nun in der engen Wohnung einschachteln, so gut es eben ging. Um im Hotel zu wohnen, wie es Kärne ursprünglich geplant hatte, fehlten ihnen jetzt die Mittel. Die Ausrüstung des Vaters kostete viel Geld, und die ganze Zukunft war mit einemmal ungewiß geworden.
Jeder mußte Opfer an Behagen bringen, und brachte sie gern. Die Mutter teilte mit Daisy Bauer ihr Bett. Helmut schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer. Meistens träumte er beängstigende Dinge: er riß die schöne Glasschale von der Tischdecke, oder die bunte Negerin auf dem Wackelständer stürze über ihn und verwandle sich plötzlich in das Tintenfaß, das schreckliche Verheerungen auf dem Teppich anrichtete. Auch im Wachen blieben ihm die vielen kostbaren Gegenstände unbehaglich, und er zog es vor, seine Aufgaben im Flur auf einem kleinen Tisch unter der Gasflamme zu machen. Denn in die Schule mußte er auch in Deutschland wieder gehen! Leider! Der Vater hatte ihn schon am Tage nach ihrer Ankunft im Realgymnasium angemeldet. So wanderte er denn jeden Morgen mit einigem Seufzen und Stöhnen neben Daisy durch die lange Schloßstraße den Hallen der Wissenschaft zu. Daisy besuchte die Töchterschule. Ihr englischer Großvater, dem das Kind zugeführt werden sollte, hatte kaltblütig an Frau Kärn telegraphiert: Da sich England mit Deutschland im Kriege befinde, denke er nicht mehr daran, die Tochter eines deutschen Mannes in sein Haus aufzunehmen.
Da war die mittellose Waise nun völlig auf die Hilfe ihrer deutschen Freunde angewiesen!
Sie war immer schon mehr in »Waldecke« als bei ihrem Vater, der sie gern unter der mütterlichen Obhut von Frau Kärn wußte.
An Helmuts Seite ritt sie damals auf ihrem kleinen wilden Pferdchen zwei Stunden weit durch den Buschwald zur deutschen Schule. Neben dem Schulgebäude befand sich ein von Stacheldraht eingefaßter Weideplatz, wo die Gäule frei herumliefen. Nach Schluß des Unterrichts fing ein jedes Kind sich mit dem Lasso sein Pferdchen wieder ein. Das gab ein ungeheures Springen, Geschrei und Gelächter. Helmut half Daisy stets ritterlich, zu ihrem Pferdchen zu kommen, und prügelte sich für sie mit den andern Jungen, die das zarte Dingelchen wegstoßen wollten. Im Walde schoß er kleine, grüne Papageien, sie gaben einen köstlichen Braten zur Abendmahlzeit. Einmal hatte Helmut auch mit dem Lasso eine Schlange totgeschlagen, die sich steil vor Daisys Pferd in die Höhe gereckt hatte. Solche Abenteuer bestanden sie viele miteinander, deshalb hatten sie auch immer was zu schwatzen.
Nun wollte Helmut seine Kameradin nicht mehr bei ihrem englischen Namen nennen, denn sie war ja richtig seine Schwester. Er übersetzte also »Daisy« in »Gänseblume«. Ihr gefiel »Maßliebchen« besser, doch das fand er »zuckersüß«. Sie war auch mit der Gänseblume zufrieden, aber dafür mußte er ihr versprechen, nicht mehr »Gott strafe England!« zu rufen statt »Guten Morgen«, wenn er ins Zimmer trat. Ihre tote Mutter war eben doch eine Engländerin gewesen, und wenn auch der englische Großvater nichts mehr von ihr wissen wollte, ihr Andenken sollte immer in Ehren gehalten werden. Das verlangte die kleine Gänseblume sehr bestimmt, und Helmut bemühte sich auch ehrlich, sein Versprechen zu halten.
Nach Schulschluß trafen sich die beiden Kinder an der Straßenecke, wo der große blonde Schutzmann Müller stand und aufpaßte, daß alles in Ordnung zuging. Da konnten sie sich denn gleich ihr Leid klagen, schlechte Noten bekamen sie nämlich beide. Die Urwaldschule war doch ziemlich mangelhaft gewesen; es fanden sich bedenkliche Lücken in ihrem Wissen. Das Nachlernen war höchst langweilig in dieser Zeit, in der einem der Kopf vollsteckte von anderen, viel wichtigeren Dingen.
Herrlich war es, wenn plötzlich während einer öden Mathematikstunde die Glocken zu läuten begannen und bei den ersten hallenden Tönen alle Köpfe erwartungsvoll in die Höhe fuhren! Das Jubelwort: Ein Sieg – ein neuer Sieg! sprang von Bank zu Bank. Schon hörte man das Geschrei der Zeitungsverkäufer. Einer der Knaben wurde hinuntergeschickt, ein Extrablatt zu holen. Der Lehrer las laut vor: Lüttich war gefallen – Antwerpen war in unseren Länden – Hindenburg hatte die Russen geschlagen! Welche Freudenbotschaften! Man sang ein vaterländisches Lied, der Unterricht war zu Ende, und alles durfte nach Haus.
Das Gänseblümchen mußte oft vergebens auf Helmut warten. Der rannte mit den Kameraden durch die fahnenbunten Straßen zum Kaiserschloß oder zum Bismarckdenkmal, dort wurde wieder gesungen und Hurra geschrien, bis den Jungens die Kehlen beinahe platzten. Da gehörte Mann zu Mann, und die Mädchen konnten sehen, wo sie blieben.
Eroberte Geschütze wurden eingebracht und mit Girlanden bekränzt auf dem weiten Platz vor dem Schloß aufgefahren. Immer waren sie von Jungenscharen umlagert, die neugierig in die Eisenrohre hineinschauten und ihre Konstruktion untersuchten. Es fanden sich auch schon Verwundete ein, die, an Stöcken humpelnd oder den Arm in der Binde tragend, den Knaben die gewünschten Erklärungen gaben und viel von eigenen Erlebnissen zu erzählen wußten. Mit welcher heißen Bewunderung blickten die Jungen zu den Helden auf, die selbst mitgeholfen hatten, die Siege zu erringen, über die man daheim jubelte.
Am Sonntag ging's nach Döberitz, dem Truppenübungsplatz, wo der Vater mit anderen Landwehrleuten wieder eingeübt wurde. Helmut fand es empörend, daß so viele Schlachten schon geschlagen waren, ohne daß der Vater mit dabeigewesen. – Es blieben ja schließlich gar keine Siege mehr für ihn übrig.
Er selbst, Helmut, hatte sich in der ersten Zeit noch bei mancher Militärbehörde gemeldet. Daß die Kerls hinter den Tischen nicht begreifen wollten, wieviel Kraft er besaß, und wie gut er schießen konnte! Als ob er nicht für den Schützengraben reif gewesen wäre, besser als mancher dünne Primaner, der genommen wurde! Einfach lachhaft!
Wenn er so brav neben der Mutter in der kleinen Gartenwirtschaft in Döberitz sitzen mußte und auf den Vater warten, dem sie Wurst und Zigarren bringen wollte, so erstickte er beinahe vor Ungeduld. Fein war es nur, daß der Vater ihn bisweilen mit in die Baracke nahm, wo die Mannschaften schliefen. Der Dunst nach Transtiefeln, nach Staub, Schweiß und Männern hatte etwas wild Verlockendes für ihn. Alles mußte er untersuchen und wußte bald über die militärische Ausrüstung, die Truppenteile, die Dienstregeln gut Bescheid. Unter Wilhelm Kärns Kameraden war er ein viel geneckter und gern gesehener Gast.
»Ein strammer Bursche, Kärn«, pflegten sie zu sagen. »Aber den hüte man gut, das ist ein Durchgänger!«
»Ja, hüten ...« antwortete Kärn in seiner bedachtsamen Weise, »das sagt sich wohl so – nur –: über vierzehn Tage geht's fort, und dann muß er sich allein hüten! Ich fürchte nichts Ernstliches für ihn, – er hat Ehre im Leibe!«
»Na ja schon«, mischte sich der lange Lehmann mit dem dünnen Ziegenbart ein, der seines Zeichens Malergeselle war, denn bis zum Meister hatte er's nie gebracht, weil er schon mit neunzehn Jahren Frau und Kind besaß. »Leichtsinnige Stricke sind die Bengels alle miteinander, und pfiffig! Ick hatte mir da noch so ein paar Goldfüchse in den Hosenboden genäht, für alle Fälle – was meinste woll – hat sie doch mein Karle gleich rausgefunden! Wie ich mit den kranken Fuß lag, neilich, un er bei mich saß – un immer so an meine Hose rumfummelte, die übern Stuhl hing, weil ick en bißchen döste ... Hält se mich der Bengel so mir nichts, dir nichts hin, wie ich uffwache, und sagt: ›Alter,‹ sagt er, ›Gold behalten is Vaterlandsverrat!‹ Na – Vaterlandsverrat – das is ja nu en jroßes Wort. ›Morgen hast'n blauen Lappen dafor‹, sagt er. Was will ick machen? Weg is er, und ick konnte nicht hinterher.«
Die Kameraden lachten. »Haste'n denn besehn, den blauen Lappen?« fragte einer.
»Wo wer ick nich! Janz neu war er – aber ick denke man so bei mich: Et is doch nischt Reelles! Gold is besser.«
»Hinter dem Gold sind die Bengels her, wie der Deibel hinter der armen Seele«, meinte Kärn lachend. »Aus Helmuts Schule haben sie fünfzigtausend Mark bei der Bank abgeliefert – na, es haben noch ein paar andere Schulen mitgeholfen zu sammeln.«
»Daß es dabei man immer reell zugehn soll, dat kann ick mir nich vorstellen«, sagte Lehmann bedenklich. »En paar Mogeleien wern woll unterschlupfen!«
»Na, höre mal, Lehmann«, nahm der Dr. Schmidt das Wort, »wofür sind denn die Lehrer da? Die verstehen den Jungens schon die Bedeutung der Sache klarzumachen, die du vielleicht noch nicht so recht begriffen hast!« Dr. Schmidt war selber einer, so ein ganz feiner Oberlehrer, mit einem winzigen Bärtchen auf der Lippe und immer glatt rasiert, die Nägel poliert, der goldene Kneifer fehlte nicht. Der wußte Bescheid über alle Dinge zwischen Himmel und Erde. Er ging als ein wandelndes Konversationslexikon durch die Kaserne, und wer in der Kompagnie irgend etwas erklärt haben wollte, der brauchte bloß Schmidt IV zu fragen, er bekam ganz gewiß die richtige Antwort. So hielt denn auch jetzt Schmidt IV – es gab nämlich fünf des gleichen Namens beim Regiment – dem langen Lehmann einen Vortrag, daß in einem geordneten Staatswesen für die Banknoten, die im Verkehr umliefen, der gleiche Betrag an Gold in den Banken aufbewahrt sein müsse, was man »Deckung« nenne. Deshalb müsse jeder gute Bürger sich jetzt aller seiner Goldstücke entledigen, um sie zum allgemeinen Besten herzugeben, wie man ja auch sein Blut und seine gesunden Glieder für die Heimat hingeben wolle.
»Na ja, dat is ja allens janz scheene«, meinte Lehmann, der gerade nicht zu den Idealisten gehörte, »wenn de Kugeln sich abersten vor mich fürchten duhn un wollen mir partout nich treffen, denn soll mich's ooch recht sind.«
Helmut war mit den anderen Jungen aus seiner Klasse eifrig beim Goldsammeln, auch Metall- und Nickelgegenstände trugen sie zusammen und Bücher für die Soldaten in den Schützengräben. Da sie meist zu zweien und dreien ihre Wanderungen antraten, gewann er bald eine Menge näherer Freunde. In den Freistunden scharte sich stets ein dichter Kreis um ihn, seinen Geschichten aus Brasilien zuzuhören. Er selbst fühlte sich gar zu gerne als Mittelpunkt und war stolz, wenn das Gelächter seiner Zuhörer über den Schulhof schallte. Besonders beliebt war die Geschichte von dem Anführer der Revolutionäre, der mit seinen Banden eine Zeitlang die Gegend von Waldecke unsicher gemacht und alle Pflanzer in Aufregung gehalten habe, bis er in der Hafenstadt, in einem Handschuhladen, als er sich eben ein Paar rotbrauner Glacés überstreifen ließ, niedergeknallt worden war. In der ganzen Tertia war man der Ansicht, die schnellste Beendigung des europäischen Krieges würde erreicht werden, wenn man Sir Edward Grey mal so in einem Handschuhladen erwischen könne! Dann kam die Zeit, in der Helmuts brasilianische Geschichten vergessen wurden vor der mächtigen Gegenwart. Der Direx trat in die Klasse und verkündigte den Jungen, ihr Klassenlehrer, Dr. Gundermann, habe vor Maubeuge den Heldentod fürs Vaterland gefunden. An dem gleichen Tage seien vier aus der Prima gefallen. Der Krieg war den Knaben plötzlich ganz nahe und schrecklich – der Krieg, den sie fast als eine fortwährende Ursache zu allerhand Feiern und Belustigungen zu betrachten sich gewöhnt hatten. Immer mehr Schüler gab es unter ihnen, die den Trauerflor am Arm trugen, die man außerhalb der Schule neben schwarzverschleierten Frauen gehen sah, die sich in dem Geschrei und Gejohle des Schululks still zurückzogen. Man sah sie mit scheuen Augen an. Sie hatten schon das Opfer gebracht, das jeden aus der Jugend heut oder morgen treffen konnte.
Der Vater zieht ins Feld
Helmut stand neben seinem Vater in der Baracke und half ihm den Tornister packen. Er durfte ihm alle die notwendigen Dinge zureichen die Kärn in dem engen Raum auf seinem Rücken zu verstauen hatte: Wäsche, Strümpfe, Kochgeschirr, Seife, Handtuch, Kamm und Bürste, ein Paar leichte Pantoffel, ein Nähzeug, eine kleine Apotheke, einige Konservenbüchsen, ein Neues Testament, abgeschabt und zerlesen. »Das hat ein gut Stück Welt gesehen«, meinte Kärn nachdenklich, indem er es zu den täglichen Gebrauchsgegenständen schob. »Es stammt noch von meinem Vater und hat den siebziger Feldzug mitgemacht. Das war wohl ein Kinderspiel gegen das Würgen von heute. – Ja – Junge – kann ich dir denn nun die Mutter anvertrauen? Willst du ihr immer beistehen, wenn ich nicht wiederkommen sollte?«
Helmut nickte, sein Gesicht verzog sich wunderlich. Vater und Sohn sprachen leise in der Ecke bei Kärns Bett. Ringsumher gab es ähnliche Szenen. Überall wurde noch ein letztes Wort gesagt, denn später auf dem Bahnhof, da hatte man doch nicht mehr die Ruhe. Jeder gönnte es auch dem anderen und tat nicht, als ob er ihn sähe. »Sei auch immer gut zu Daisy«, fuhr Kärn fort. »Was man so von England hört – wie die da drüben unseren Untergang planten ..., da kann man doch nicht mehr daran denken, das Mädchen dem Haß auszusetzen, der ihr um ihres deutschen Namens willen entgegengebracht werden würde. Das arme Kind –.«
»Sie hat ja uns, Vater«, sagte Helmut, »und uns kennt sie doch viel besser als den fremden Großvater!«
»Das meine ich auch, mein Junge. Wir könnten das Mädchen beim Flüchtlingsbureau abgeben, weil's doch bei uns jetzt auch knapp zugeht. Aber das will mir nicht in den Sinn. Das hielte ich geradewegs für ein Unrecht gegen meinen alten Freund. Mutter denkt auch so. Sei nur immer recht rücksichtsvoll gegen den Großvater. Er ist ein kränklicher alter Herr und arbeitet trotzdem so tapfer in der Flüchtlingshilfe! Da ist er zu Haus begreiflicherweise ein bißchen nervös. Und, Helmut, was ich dir noch sagen wollte – der Mensch braucht sich nicht bei jeder Mahlzeit den Bauch vollzuschlagen bis zum Platzen. In den ersten Jahren in Brasilien haben Mutter und ich oft wochenlang nichts anderes gehabt als süße Kartoffeln – und waren froh und gesund dabei! Sieh mal dort den kleinen Dr. Schmidt – du gerechter Strohsack, wie will denn der das Zeug alles in seinen Affen kriegen – und damit noch stürmen ...!«
Der Vater war niemals für lange Ermahnungen, und so viel wie jetzt hatte er wohl noch kaum hintereinander zu Helmut gesprochen. Er sah, wie der an seinen Tränen würgte, und wollte ihm über die Rührung forthelfen.
Helmut mußte auch gleich vergnügt grinsen, als er über die graue Wolldecke des kleinen eleganten Oberlehrers hinblickte, der schon mehrere schwergelehrte Bücher geschrieben hatte und nun mit einem ganz verwirrten Ausdruck vor all den Büchschen, Döschen, Rasierpinseln, Nagelfeilen und Polierern, Salben, Unterstrümpfen, Büchern, Schreibgeräten und Heften stand, die noch in den bereits zum Bersten vollen Tornister hinein sollten.
»Herr Doktor«, meinte Kärn gutmütig, »ich rate Ihnen, lassen Sie die Geschichte ruhig hier. Im Schützengraben haben Sie ja doch keine Zeit, alle die Sachen auch nur auszupacken – und 's Marschieren wird Ihnen ohnehin nicht leicht! Ich sehe die Bücher und die Büchschen schon in den Chausseegraben sausen.«
»Ach, lieber Kärn«, seufzte der junge Mann, »vielleicht haben Sie recht. Es ist einmal meine Eigentümlichkeit, allzu weitläufig zu sein und mich von lieben Angewohnheiten nicht gut trennen zu können. Ich bin ja bereit, fürs Vaterland zu sterben – aber wie ich es fertigbringen soll, dem Vaterland zulieb ohne Bücher zu leben – das weiß ich noch nicht!«
»Das lernt sich im Urwald und im Krieg von selbst«, bemerkte Kärn trocken. »Es ist die höchste Zeit, Herr Doktor. Ziehen Sie sich nur die Schnürstiefel an, inzwischen wollen wir sehen, was sich noch unterbringen läßt. Komm, Helmut, halt mir mal das Ding auf.«
Unter Kärns geschickten Händen konnte noch erstaunlich viel von den Heften und den Toilettengegenständen, die Herr Dr. Schmidt nicht glaubte entbehren zu können, verstaut werden. Ein Paket Bücher über griechische Lyrik wurde Helmut zum gelegentlichen Nachsenden übergeben.
Dann hing Kärn seinen Affen mit Mantel, wollener Decke und der Zeltbahn, eine ganz gewichtige Last, über die Schulter, stülpte den feldgrauen Helm mit dem bunten Strauß von Astern und Herbstrosen auf den braunen bärtigen Kopf, zog noch einmal die Uniform straff und langte nach dem blumengeschmückten Gewehr. Helmut folgte jeder Bewegung des Vaters mit den Augen. Gesprochen wurde nicht mehr. Jedes Wort schien gleichgültig in dieser Stunde.
Es war ein köstlicher blauer Oktobertag, als die Mannschaft sich sammelte. Über die gelben Stoppelfelder spann sich silbernes Mariengarn, türkisblaue Zichorie blühte an den Wegrändern, der Kiefernwald lag dunkelgrün hinter den roten Dächern der Ortschaft, und weißstämmige Birken wehten mit ihren Goldfahnen über den Häuptern der grauen Krieger. Eine herbe Frische war in der Luft, wie sie nur der Herbst kennt. An allen Drahtzäunen standen Frauen, Kinder, alte Männer mit Paketen, um ihren Angehörigen zum Bahnhof das Geleit zu geben.
Endlich traten die Kolonnen in Gliedern an, es war verblüffend, wie der laute, wilde Wirrwarr sich plötzlich sinnvoll ordnete. Die Offiziere schwangen sich auf ihre Gäule, der Tambourmajor hob den Stab, schmetternd setzten die Trompeten, Zimbeln und Becken ein, die Trommeln wirbelten in einer anfeuernden Marschmelodie. Dröhnend klang der Schritt der schweren Stiefel, aus Hunderten von Männerkehlen tönte der rauhe Gesang zum Sonnenhimmel auf.
Wie war die Heimat doch so wunder-wunderschön! Friedvoll und frei sollst du blühen, Heimat, so dachte jeder Offizier, jeder Soldat, und wenn wir alle darob verbluten müßten! Kehrt keiner von uns Männern wieder – so wachsen aus deutschen Knaben neue Männer auf, um deutsche Ehre und deutsches Wesen hochzuhalten in der Welt!
Wilhelm Kärn marschierte als Letzter in einem Seitengliede, so durfte Helmut während des Marsches neben ihm traben und seine Hand halten.
Der lange Wagenzug stand grünbekränzt in der Bahnhofshalle, viele Wagen trugen mit Kreide komische Inschriften, wie: Hier werden noch Kriegserklärungen angenommen, oder: Jeder Stoß ein Franzos', jeder Schuß ein Russ' und andere Verse, von den Mannschaften dort hingemalt. Jeder eilte zu der ihm angegebenen Wagennummer. Eingekeilt zwischen anderen Männergesichtern, schaute das des Vaters zum Fenster hinaus, und weil alle Helme und Gewehre mit Blumensträußen geschmückt waren, gab das ein lustiges buntes Bild. Der Bahnsteig stand voll von Frauen und Kindern, alten Mütterchen und feinen Damen, die alle den Vätern, Söhnen und Brüdern ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Frau Kärn mit den Großeltern und der Gänseblume hatten auf dem Bahnhof gewartet. Der Großvater stand streng aufgerichtet, kein Zug seines weißbärtigen Gesichtes veränderte sich. Über die Mutter mußte Helmut sich wundern. Als der Vater sich in Hamburg stellen wollte, hatte sie so heftig geweint, aber nun der Abschied wirklich da war, schaute sie beinahe fröhlich zu ihm auf und rief ihm allerlei Scherzworte zu. Ebenso die Großmutter. Ein sehr großes, junges, blondes Mädchen in Schwesterntracht lief am Zuge entlang und reichte den abziehenden Truppen Becher mit Kaffee hinauf. Auch der Vater trank eilig. Sie sprang von Wagen zu Wagen, einer der Soldaten rief ihr zu: »Schwester, Sie könnten wir gut beim Sturmangriff brauchen!« Alles lachte, auch Helmut, obgleich er nicht sicher war, ob sich das wohl schicke in dieser feierlichen Stunde. Doch wurden von allen Seiten Witze gemacht und immer wieder die herausgestreckten Hände der Feldgrauen geschüttelt. Bis es endlich doch zum allerletztenmal geschah. Mit dem brausenden Gesang der Mannschaften: »Deutschland, Deutschland über alles« fuhr der Zug aus der donnernden Halle gerade hinein in die flammende Abendröte.
Kriegswinter
Der Siegesjubel über die herrlichen Erfolge der Armeen war stiller geworden. Trotz der ungeheueren Niederlagen der Russen trieb das Zarenreich immer neue Menschenhorden aus seinen unermeßlichen Weiten hervor. Trotz der Besetzung Belgiens und der Eroberung von Frankreichs schönsten Provinzen hatte die Hoffnung auf einen glorreichen Frieden, auf den stolzen Einzug der Truppen durch das Brandenburger Tor noch immer keine Aussicht auf baldige Erfüllung. Auch bei unseren Feinden kämpften starke Mächte für heiligen Besitz. In den Franzosen war ein großer Ernst erwacht. Wie nun der Krieg sich gewendet hatte, war es für sie kein Eroberungskrieg mehr; es galt jetzt auch hier die Rettung des Vaterlandes vor den Barbaren. Denn als Barbaren, als Räuber und Mörder wurden ihnen die Deutschen von ihren Zeitungen hingestellt. Prediger und Lehrer scheuten sich nicht, alle die Lügen, die in Frankreich über die Deutschen verbreitet wurden, der Jugend als Wahrheit zu lehren und auf diese Weise ihre Herzen mit Haß zu erfüllen. In Deutschland galt es für unritterlich, die Feinde zu beschimpfen, aber das wollte man jenseits der Vogesen und des Kanals nicht glauben. Überall an den Fronten stand Tapferkeit gegen Tapferkeit, Opfermut gegen Opfermut.
Ein großes Warten auf Erlösung lag über der Welt.
England wollte Deutschland aushungern; kein neutrales Land sollte ihm mehr Nahrungsmittel liefern. Damit die innerhalb der deutschen Grenzen befindlichen Vorräte ausreichten, begann die Regierung Sparsamkeitsmaßregeln einzurichten. Noch nie, seit die Erde bestand, war einem Millionenvolk die tägliche Nahrung zugeteilt worden. Es schien eine so schwere Aufgabe, wie in der Geschichte von dem Mann, der den Wolf, die Ziege und den Kohlkopf in einem Boot über den Fluß bringen sollte. Fraßen die Pferde, die Kühe, Schweine und Hühner zuviel Kartoffeln, Hafer, Gerste und Weizen, so blieb für die Menschen nicht genug übrig. Verbot man, die Tiere mit dem kostbaren Stoff zu füttern, so starben sie, und es fehlte den Menschen wieder an Fleisch, Milch, Butter und Eiern. Und doch gelang die große Aufgabe, zum Erstaunen der Welt. Zuerst begann man einem jeden das tägliche Brot zuzumessen. Es wurden Brotkarten verteilt, auf die man es beim Bäcker holen mußte. Waren die vorgeschriebenen Abschnitte zu Ende, so gab's nichts weiter. Die Kaiserin und die Prinzessinnen erhielten nicht mehr als die ärmste Fabrikarbeiterin.
Manche unter Helmuts Kameraden in der Schule schimpften, obwohl sie noch reichlich Käse und Wurst zum Frühstück mitbrachten. Andere kauten tapfer ihre trockene Schnitte Kriegsbrot und ließen sich statt Fleisch und Käse von ihren Müttern Geld geben, das sie zu Zigarren für die Verwundeten, oder für die Väter und Brüder im Feld sparten. Zu den letzteren gehörte auch Helmut. Er hätte sich geschämt, Butter zu nehmen, während er sah, wie dünn sich die Mutter ihr Brot mit Marmelade strich. Die Leckermäuler, die jetzt noch Schokolade und Süßigkeiten lutschten, wurden von den übrigen Jungens verhöhnt und verspottet, denn einen Spaß wollte man doch von der Entsagung haben.
Frau Kärn fand eine Stelle bei der Brotkommission, wo die Karten verteilt wurden. Sie verdiente täglich vier Mark und fünfzig Pfennige. Das gab sie der Großmutter für den Haushalt. Da der Weg von ihrem Bureau nach Charlottenburg zu weit war, aß sie in der nächsten Mittelstandsküche. In allen Stadtteilen gab es solche Küchen, für das Volk, für die Künstler, für Beamte und andere bürgerliche Familien. Manche feine reiche Frau, die alle Finger voller Brillantringe trug, kochte dort das Essen, putzte Möhren, schälte Kartoffeln und achtete es nicht, daß ihre Hände rot und hart von der Arbeit wurden. Junge fröhliche Mädchen bedienten die Gäste, und auf allen Tischen standen Blumen. Helmut hätte am liebsten immer dort gegessen, er fand es viel lustiger als bei den Großeltern.
Überhaupt verlief dieser Winter etwas trübselig für ihn. Er vermißte Sonne und Luft und die gewohnte Arbeit in Feld und Garten. Hatte er die Pferde in der Koppel zusammengejagt, um ihnen den Stempel aufzubrennen, oder war er gewandt wie ein Affe in die Bäume geklettert, um die herrlichen Früchte zu ernten, von denen die Jungen hier nicht einmal die Namen wußten, ja, da war der Vater zufrieden gewesen und hatte ihn gelobt oder nur in sich hineingeschmunzelt. Da draußen hatte er seinen Mann gestanden, hier war er nichts als ein dummer, ungeschickter Schuljunge. Er sah es täglich, wieviel mehr seine Freunde aus der Tertia wußten und konnten als er. Der eine spielte Klavier, der andere die Geige. Karl Wilders machte die feinsten elektrischen Experimente, Georg Lange zeichnete wie ein Erwachsener und redete mit Pringsheim über die Bilder in den Museen, so daß Helmut die Haare zu Berge standen über ihre Klugheit. Zu Haus wurde er auch so viel gescholten, wie nie zuvor in seinem Leben. Entweder er hatte sich die Füße nicht abgetreten, oder die Türen zugeschlagen, oder er kam mit ungewaschenen Händen zu Tisch, was die Großmutter durchaus nicht leiden wollte. Er verlor am Ende jedes Selbstgefühl und kam sich wie ein rechter Urwaldstölpel vor. Dabei wurde er immer unleidlicher. Die hübsche Gänseblume, die der Großmutter brav und geschickt zur Hand ging, wurde ihm beständig als Beispiel hingestellt, bis er sie am Ende nicht mehr ausstehen konnte. Er sprach nur noch das Nötigste mit ihr, ging brummig herum und fühlte sich einsam und unverstanden. Der Vater fehlte ihm an allen Ecken und Enden – niemals waren sie früher getrennt gewesen, immer hatten sie zusammen gearbeitet. Die Nachrichten von ihm liefen selten und spärlich ein. Er schrieb, sein Regiment werde vielleicht nach Polen versetzt, um an den Karpathenkämpfen teilzunehmen, und er sei zum Unteroffizier befördert, habe auch das Eiserne Kreuz. Das war eine Freude; Helmut erzählte es jedem, der ihm begegnete, sogar seinem Freunde, dem Schutzmann Müller an der Ecke der Schloßstraße, den er stets um Rat zu fragen pflegte, wenn er nicht wußte, welchen Tram er nehmen müsse, oder wie er zu gehen habe, um sich in der Riesenstadt nicht zu verlaufen. Dann aber hörten sie wochenlang nichts von dem Vater, wußten nicht, ob er noch lebte oder dort in dem fremden, verschneiten Gebirge gefallen war.
Bisher war es mild und regnerisch gewesen. Das Ende des Februar brachte mit einemmal noch einen großen Schneefall und gleich darauf harte Kälte. Alle Türme und Dächer trugen weiße Hauben, die Bäume glitzerten wie in Silber eingesponnen und mit weißen Blütenbüschen geschmückt; die Straßen waren glatt und schienen von der Sonne mit tausend Funkellichtern bestreut, nur die Geleise der Straßenbahnen zogen sich dunkel durch die lichte Pracht. Ein ungewohnter, märchenhafter Anblick für Helmut. Die Mutter hatte ihm in Brasilien oft vom Schnee erzählen müssen. Einmal, als er krank war und vor Fieberhitze glühte, hatte sie ihm die Geschichte von der schönen Königin erzählt, die am Fenster saß und nähte, und sie wünschte sich ein Kind, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee; das solle dann Schneewittchen heißen. Helmut hatte die Mutter mit Fragen geplagt, wie weiß und wie kalt denn der Schnee sei. Die Affen hatten in den Mangobäumen gekreischt, wo sie sich Früchte stahlen; die Mutter hatte durchs offene Fenster auf die blütenumrankte Veranda gezeigt, auf deren Boden das Mondlicht hell und weiß lag, und hatte gesagt: »Das sieht beinahe so aus, als habe es geschneit.« Nun sah er den Schnee in Wirklichkeit und schritt lachend durch das Flockengewirbel. Schnell lernte er, die Schneebälle formen, und beteiligte sich mit Feuereifer an der Schlacht auf dem Schulhof. Als er vor der Haustür mit der Gänseblume zusammentraf, sauste der ein wohlgezielter Ball in den Nacken, so daß sie laut aufkreischte, ihn aber gleich gewandt zurückgab.
In früheren Jahren hatten sich bei jedem Schneefall sofort Hunderte von Schippern eingestellt, um zum Bedauern der Kinder die Straßen der Hauptstadt von der verkehrshindernden Decke zu befreien. Die Schipper taten jetzt in den Schützengräben ihre Arbeit. Darum wurde von den Lehrern die Jugend aufgerufen, ihr Amt zu versehen. Das gab einen Heidenjubel. In der einen Straße hackten, schaufelten und schippten die Backfische in ihren weißen, roten und blauen Sportjacken unter Aufsicht frischer jugendlicher Lehrerinnen, in der nächsten mühten sich die Buben, die sehnigen Gestalten der Jugendwehr mit ihren graugrünen Joppen, die schwarz-weiße Binde um den Arm; die Pfadfinder mit den seitwärts aufgeschlagenen Hüten kommandierten wichtig. Die Kleineren, ebenfalls in allerlei bunten Sweaters und Sportjacken, schlugen sich mit dem schweren Gerät herum, das sie, weil es für kräftige Männerarme berechnet war, kaum bewältigen konnten. Geschrei und Gelächter gab es auf beiden Seiten, und jeder tat seine Pflicht nach Kräften, wenn auch oft ein bißchen ungeschickt. Das war nun etwas für Helmut. Dergleichen verstand er besser als die Berliner Großstadtjugend. Er schwang die Spitzhacke, hieb in das festgefrorene Eis des Fahrdammes, daß es nur so eine Art hatte. Bald war er der Anführer einer ganzen Schar von Kameraden, die er anstellte, so daß Zug und Ordnung in die Sache kam. Im Laufe von zwei Stunden war die Straße glatt und rein, der Schnee zwischen Damm und Bürgersteig sauber aufgeschichtet. Strahlend, mit leuchtenden Augen und roten Backen kam er nach Haus. Zum erstenmal seit langer Zeit schwatzte er wieder lustig mit der Gänseblume und schilderte ihr drollig, wie zwei Primaner, solche, die schon Siegelringe und Bügelfalten trugen und die Aufsicht hätten führen sollen, sich an einen Kohlenwagen gelehnt und in ein wissenschaftliches Gespräch vertieft hätten, statt sich um die Kleinen zu kümmern.
»Weißt du«, bemerkte er pfiffig, »sie sagten, sie führten ein wissenschaftliches Gespräch – dabei quatschten sie nur über Mädchen. Ich habe es genau gehört!«
Einige Tage später nahm seine Mutter nach dem Abendessen Hut und Mantel.
»Wo willst du denn noch hin, Mutti«, fragte Helmut, »es ist Glatteis und ganz gefährlich auf der Straße.«
»Ich möchte in die Kriegsbetstunde in der Gedächtniskirche«, antwortete die Mutter, »es wird mir schon nichts geschehen!« »Dann will ich mit dir gehen und dich führen«, rief Helmut schnell. Sie nahm sein Anerbieten gerne an. Schon auf dem Wege zum Tram bereute er ein wenig seinen schnellen ritterlichen Entschluß. Dort in der Kirche gab es gewiß viele Frauen, die weinen würden, das war ihm höchst peinlich. In dem Tram stellte er sich recht deutlich vor, wie seine Mutter mit gebrochenem Fuß mitten auf dem Damm liegen und womöglich noch ein Auto kommen und sie überfahren würde. Auf diese Weise überzeugte er sich, daß es von großer Wichtigkeit sei, wenn er an ihrer Seite bliebe.
Sie saßen oben auf dem Chor. Helmut blickte auf die goldenen Mosaikwände, auf denen im gedämpften Licht des Kronleuchters Engel mit farbigen Flügeln, Gestalten von Aposteln und Heiligen erschienen. Solche Pracht sah er noch nie. Sie diente zum Rahmen für die Frauen, die das Schiff der Kirche in dichtgedrängten Reihen füllten; gar manche trug den langen schwarzen Witwenschleier. Doch auch viele Männer waren gekommen, alte und junge Feldgraue und hohe Offiziere, die an den Marmorsäulen lehnten, weil sie keinen Platz mehr gefunden hatten. Helmut entdeckte auch einige Jungen seines Alters – es waren wohl Konfirmanden – ihre Gegenwart gab ihm gleich ein Gefühl größerer Sicherheit.
Nicht alle Kerzen waren entzündet; ihr Licht schwamm in einer goldigen Dämmerung, aus der vom Altar die weißschimmernde Gestalt Christi grüßte. Die Orgel begann zu spielen; ihr wundervoller Klang schwebte überirdisch zart durch das hohe Gewölbe, Frauenstimmen erhoben sich zu einem Psalmengesang von unendlicher Süße, anschwellend zu feierlicher Erhabenheit.
Dem Knaben aus der Wildnis, der nur die Farmhäuser der Ansiedler kannte und den rauhen, etwas unreinen Gesang der Schulbuben seiner Klasse, ist zumut, als solle ihm das Herz zergehen bei der himmlischen Musik. Er neigt den Kopf, faltet die Hände und fühlt Gottes Nähe.
Während der Predigt des Pfarrers beginnen seine Gedanken zu schweifen.
Alle diese Menschen um ihn her bitten, wenn sie ihre Häupter neigen, um ein teures Leben – Gott wird ihre Bitten nicht erhören, das ist entsetzlich. Eine Angst erfaßt ihn. Vielleicht, wenn er mit der Mutter heimkommt, liegt auf dem Tisch der Brief mit dem Amtsstempel, der ihnen meldet, daß der Vater gefallen ist.... Ihm gegenüber an der Wand hinter dem Altar sieht er das Bild eines hohen strengen Mannes. Gerade aufgerichtet stützt er sich auf sein langes Schwert. Gott trägt jetzt auch ein Schwert und mäht erbarmungslos die Menschen dahin, Gute und Böse miteinander. Und Jesus steht weißschimmernd in der Marmorhütte über dem Altar, blickt ernst und gütig und kann nicht helfen.
Mutter und Sohn schritten durch den Schnee und Mondenglanz, der hell über den Häusern lag. Sie gingen langsam, die Mutter stützte sich auf Helmuts Arm.
»Mutter«, sagte der Junge plötzlich heftig, »glaubst du, daß wir noch einmal im Leben nach unserem Waldeck zurückkehren werden? Glaubst du, daß wir Vater noch einmal wiedersehen? Oder haben wir alles, alles verloren?«
Frau Kärn bewegte schweigend den Kopf, sie konnte nicht reden. Seit drei Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihrem Manne.
»Der Pfarrer hat ja wieder so schön und tröstend geredet«, begann sie nach einer Weile und ihre Stimme klang verzagt. »Aber ich weiß nicht – mir waren es nur leere Worte. Ich will ja tapfer und mutig sein, nur – die Kraft ist nicht mehr da. Ich kann auch nicht mehr beten – nein, wenn ich beten will, empört sich mein Herz gegen Gott. Ich sage mir: Wie kann er so grausam sein – wie kann er seine Menschenkinder so peinigen? Er ist kein Gott der Güte ...«
Helmut fühlte, daß die Mutter ihm mit ihrem Vertrauen etwas Kostbares schenkte. Also auch ihr ging es wie ihm selbst; sie zweifelte, sie schlug sich mit vielerlei Gedanken über Gott herum, sie konnte zu keiner Klarheit kommen. Wie bleich und müde sah sie aus! Inbrünstig wünschte er, ihr etwas sagen zu können, was ihr helfen möchte.
Plötzlich sah er aus der Vergangenheit ein Bild deutlich in seinem Gedächtnis auftauchen. »Weißt du noch, Mutter«, rief er lebhaft, »wie unsere schöne Bläß – die mit dem weißen Fleck auf der Stirn, die so viel Milch gab, in der Nacht so krank wurde? Sie hatte was Giftiges gefressen und lag so aufgetrieben im Stall und brüllte in Todesangst. Weißt du noch, wie Vater da das große, scharfgeschliffene Messer holte, und wir alle mußten die Kuh halten, und er stieß ihr das Messer in den Bauch? Es war doch gräßlich anzusehen.... Aber das böse Gas ging fort und unsere Bläß wurde wieder gesund. – Vielleicht – ich weiß ja nicht – es ist wohl dumm – ich dachte nur gerade: Vater hatte das Tier doch schrecklich lieb und stach so derb zu ...«
Helmut schwieg verlegen, denn er genierte sich, so viel geredet zu haben und den Herrgott mit seinem Vater zu vergleichen. Die Mutter drückte seinen Arm an sich. Beide fühlten sich befreit und getröstet.
Eine Enttäuschung und neue Aussichten
Helmut war mit seiner Mutter in der Dorotheenstraße gewesen, um dort die Verlustlisten, die mannshoch die Mauern bedeckten, durchzustudieren. Sie hatten sich auch auf dem Bureau erkundigt. Man sagte, solange ihnen noch keine Anzeige vom Regiment zugegangen sei, wäre noch kein Grund zur Beunruhigung vorhanden. Die neuen Frühlingsoffensiven hätten eingesetzt, weiter und weiter dringe unser Heer ins Innere von Rußland ein, da sei es denn oft für die Truppen unmöglich, Nachricht bis an die nächste Feldpoststelle gelangen zu lassen. Das alles klang sehr verständlich. Aber es beruhigte Helmut keineswegs. Er meinte, wenn sein Vater wirklich gesund sei, so müsse es ihm auf irgendeinem Wege möglich sein, eine Karte in die Heimat gelangen zu lassen. Wahrscheinlich war er verwundet oder krank, lag in Fieberphantasien in irgendeinem Lazarett; oder er war gefangen, man hatte ihn fern nach Sibirien verschleppt! Alles, was der Junge in den Zeitungen an Leiden und Quälereien las, die von Feinden über unsere Gefangenen verhängt worden waren, stellte sich mit schrecklichen Bildern vor seiner Phantasie ein, raubte ihm den Schlaf und verfolgte ihn auch am Tage. Von einem Schulkameraden erfuhr er, es seien Verwundete von dem Regiment, bei dem sein Vater stand, in einem Lazarett in Tempelhof eingetroffen. Der Kamerad hatte einen Vetter dabei, den er besuchen wollte. Helmut schloß sich ihm sofort an. Er hörte unterwegs, das Regiment sei in schwere Kämpfe verwickelt und fast aufgerieben worden. Jetzt befinde es sich wieder mehr im Norden in Ruhestellung, um sich zu erholen und neu aufgefüllt zu werden. Das klang nicht sehr ermutigend.
Die beiden Jungen fuhren wohl eine Stunde lang mit dem Tram durch die ungeheure Stadt, vorüber an dem weiten sandigen Platz, wo im Frieden die glänzenden Kaiserparaden stattfanden. Der Mitschüler zeigte Helmut die einsame große Pappel, unter der der Kaiser mit seinem Stabe zu halten pflegte, um die Truppen an sich vorbeimarschieren zu lassen. Doch hatte Helmut heute kein Interesse für seine Erzählungen – er war zu gespannt auf die Nachrichten, die er empfangen würde. Endlich kamen sie in die Lazarettstadt – so konnte man sie wohl nennen, diese Gruppen von sauberen Häusern zwischen freundlichen Gartenanlagen, in denen schon Hyazinthen und Krokus blühten. Die verwundeten und genesenden Krieger wandelten oder saßen im Sonnenschein. Das Herz schlug Helmut mächtig, als sie beide in den Saal traten, wo die Brandenburger lagen. Zwei lange Reihen weißer Betten, mit vielen, vielen Männerköpfen auf den Kissen. Manche trugen Verbände um Stirn und Wangen, die Arme in Binden. Zwischen ihnen hin und her gehend freundliche junge Schwestern in weißen Häubchen und weißen Schürzen, Scherze machend, Kaffeebecher verteilend, hier und da eine Handreichung leistend, einem die Kissen höher rückend, einem anderen den Becher an die Lippen setzend. Und Blumen, Schalen mit Äpfeln und Orangen überall neben den Betten auf den niedlichen Glastischchen.
Helmut hatte geglaubt, in einem Lazarett müsse eine Totenstille herrschen. Indessen hallte in dieser Nachmittagsstunde der Saal wider von fröhlichem Lachen und Plaudern. Fast neben jedem Bette hatte sich Besuch eingefunden, jeder kam mit kleinen Geschenken an für die verwundeten Lieben. Eine Dame in Trauer ging durch die Reihen und verteilte Pfannkuchen, eine andere Zigaretten. Der Vetter von Helmuts Kameraden war noch ein junges Bürschchen, kaum achtzehn Jahre alt, durch einen Schuß ins Knie schwer verwundet. Er hatte Fieber, ganz blanke Augen in einem blassen zarten Gesicht. Mit scheuer Bewunderung blickten die beiden Knaben auf das Eiserne Kreuz, das über seinem Bette hing. Gern gab er Bescheid auf alle Fragen Helmuts. – Ja – einen Wilhelm Kärn, älteren Landwehrmann – dritte Kompagnie – freilich – war denn der nicht....
Er wandte sich an seinen Bettnachbar: »Du, Kamerad, war denn der Kärn nicht auch auf dem Verbandplatz, nach der Attacke da bei dem Dorfe, wo wir die Kerle, die Russen, rausschmissen?« »Kärn – Friedrich?« »Nein, Wilhelm.« »So, Wilhelm. Kann mich nicht besinnen, mein Kopp is alleweilen bißchen dösig ... So'n großer, mit 'nem braunen Vollbart?« »Ja, ja«, fiel ihm Helmut heiser vor Aufregung ins Wort. »Is denn der nich gefallen? Ich meine, der lange Lehmann hätte gesagt – den Kärn, den hat's nu ooch....« »Ach, bewahre – was der schwatzt! Ich habe ihn deutlich in Erinnerung. Ein freundlicher Mann, ließ mich noch aus seiner Flasche trinken. Mich dünkt, es war bei ihm ein Kopfschuß – er hatte sich's Taschentuch umgewickelt, und das war ganz voll Blut.«
Er sah, wie Helmuts Lippen zuckten, wie er grünweiß wurde. »Na, darum braucht es noch nicht gefährlich zu sein – an Blut gewöhnt man sich da draußen«, fügte er tröstend hinzu. »Und dann?« drängte Helmut, »was wurde dann mit ihm?« »Ja, das kann ich nicht sagen, mich haben sie narkotisiert – weiter weiß ich nichts mehr. – Da drüben liegt noch einer von unseren Leuten, vielleicht fragen Sie den mal?«
Doch dieser Verwundete war von einer anderen Kompagnie und hatte Kärn nicht gekannt. Neben ihm saß eine hübsche, blühende Frau, deren glänzende Braunaugen mit warmer Teilnahme auf Helmut blickten. »Das ist schwer, die Ungewißheit um einen Menschen, den man liebt«, sagte sie freundlich. »Ich hab's auch durchgemacht, um den großen dicken Kerl hier!« Dabei schlug sie ihrem Manne zärtlich auf die Hand.
»Schweres wird jetzt keinem erspart«, meinte der ernst. »Sieh mal den dort drüben« – er meinte den Vetter von Helmut's Schulfreund – »das ist ein Held. Gestern hat ihm der Arzt eine Menge Knochensplitter aus dem Bein genommen. Nicht gemuckt hat er, immerfort gelacht und gespaßt! Nachts – da höre ich ihn, wenn er sich vor Schmerzen nicht zu lassen weiß und das Kopfkissen vor den Mund preßt, damit sein Wimmern keinen im Schlaf stört. Achtzehn Jahre – aber ein Mann, ein ganzer Mann!«
Helmut saß betäubt von Traurigkeit. Was sollte er jetzt tun? Er hatte so fest darauf gebaut, durch die Kameraden eine Nachricht vom Vater zu erhalten. Der Verwundete, ein älterer Landwirt, redete mit seiner Frau über die Frühjahrsbestellung und wie schwierig es sei, die Leute für die dringendsten Arbeiten zu bekommen. Sie habe sich schon um mehr Gefangene ans Ministerium gewandt, man habe ihr auch welche versprochen. Ein paar Wandervögel hätten sich für die Osterferien angeboten, doch die Stadtjungen, so gut sie's auch meinten, seien doch so unbewandert in ländlichen Arbeiten und müßten erst mühsam angelernt werden.
»Nehmen Sie mich als Hilfe für die Ferien«, sagte Helmut plötzlich – er wußte selbst kaum, was ihn zu dem jähen Entschlusse trieb. Aber er war gleich ganz klar und bestimmt. Er versicherte dem Landwirt und seiner Frau, daß er Bescheid wisse mit der Arbeit in Stall und Feld. Der Verwundete fragte ihn aus; seine Antworten zeigten gute Kenntnisse. »Na, wie wär's, Frau?« fragte der Verwundete, »wollen wir's mal mit dem jungen Herrn probieren? Aber keiner Arbeit wird sich geschämt – Mist muß gefahren werden und Jauche, das riecht nicht schön, ist aber notwendig.« Helmut lachte. »Kenn' ich, kenn' ich! Unsere Maisfelder mußten auch gedüngt werden und die Bananenbüsche! Das habe ich immer allein mit unserem Neger besorgt!« »Na, denn also los! Wenn's Mutter erlaubt!« »Die wird's erlauben – die ist froh, einen Esser los zu sein.« Es wurde nun noch ein kleiner Lohn für Helmut verabredet, volle Beköstigung und Nachtquartier solle er im Hause bekommen und am ersten Tage der Ferien antreten.
Helmut stürmte nach Haus. Die neue Aussicht überwog die Enttäuschung. Still und brav bei der Bäuerin arbeiten? – Nein – da hatte er ganz andere Pläne im Sinn! Schweigen – nur schweigen und sich nicht verraten!