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Was mir das Sternenlicht erzählt: Eine populäre Himmelskunde für die Jugend cover

Was mir das Sternenlicht erzählt: Eine populäre Himmelskunde für die Jugend

Chapter 8: der Merkur.
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About This Book

Der Autor führt junge Leser in populärwissenschaftlicher Sprache in die Himmelskunde, erläutert Fragen zur Entstehung von Sternwelten, Beobachtungsmethoden, Teleskopen und grundlegenden astronomischen Phänomenen und verbindet naturwissenschaftliche Erklärungen mit bildhaften, oft religiös gefärbten Reflexionen über Größe und Ewigkeit des Kosmos. Das Werk ist in Kapitel gegliedert, reich an anschaulichen Beschreibungen und begleitet von zahlreichen Abbildungen, mit dem Ziel, Begeisterung für Beobachtung und Verständnis des Firmaments zu wecken.

B. Die Welt der Planeten!

»Ein kleines Wörtlein sprach Gott aus,
Klein unter alle Maßen:
Da spranget ihr aus nichts heraus
Auf die bestimmten Straßen.
Auf diesen laufet ihr nun fort
Und webet uns die Zeiten,
Und unaufhörlich helft ihr dort
Uns Tag und Nacht bereiten!« – (F. Spee.)

Unsere große Sonne umwandern in fast kreisförmigen Bahnen acht Planeten!

Sie heißen: »Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun!«

Zwischen dem Mars und dem Jupiter bewegen sich, wie schon erwähnt wurde, noch eine große Anzahl von kleinen Körpern. Wir nennen sie kleine Planeten, Planetoiden oder Asteroiden.

Ebenso, wie die Namen der Wochentage sind auch die der Planeten aus alter Zeit auf uns herübergekommen.

In der Regel teilt man die sieben Körper, welche mit unserer Erde zu unserem Sonnensystem gehören, in zwei große Klassen ein, nämlich in innere und äußere Planeten. Zu den ersteren gehören Merkur und Venus. Zu den äußeren aber zählt man den Mars, den Jupiter, den Saturn, den Uranus und den Neptun.

Der sonnennaheste Planet ist

der Merkur.

Er beschreibt um die Sonne herum eine kleine Bahn und braucht für diese seine Wanderung 88 Tage. Ein Merkurjahr dauert also nur solange. Der Planet ist viel kleiner, als unsere Erde; aber er ist größer als der Erdmond.

Von seiner Oberfläche sehen wir nur sehr wenig, denn einmal steht er so nahe bei der Sonne, daß sie ihn fast immer in ihren Strahlenmantel einhüllt; das anderemal aber wendet er ihr, wie die jüngeren Beobachtungen dargetan haben, stets nur die eine Seite zu.

Ob der Merkur eine Atmosphäre, – also einen Luftgürtel, – wie ihn die Erde besitzt, hat, wissen wir nicht genau.

Ein Teil der Forscher nimmt an, daß der Planet eine sehr hohe und dichte Atmosphäre habe; andere Beobachter wieder sprechen ihm den Luftgürtel ab.

Merkur hat keinen Mond. Wir könnten den Planeten eher einen »Mond der Sonne« nennen. Von dieser ist er acht Millionen Meilen entfernt. Der Planet ist ähnlich wie unser Mond, einem Phasenwechsel unterworfen. Wir sehen ihn also einmal als eine schmale Sichel im ersten und im letzten Viertel, das anderemal als vollbeleuchtete Scheibe und endlich gar nicht.

Die Venus.

Sie ist das schönste Gestirn an unserem Firmamente. Wir sehen sie bald am östlichen Horizonte, und zwar vor Sonnenaufgang, bald am westlichen Himmel und dann nach Sonnenuntergang. Im erstgenannten Falle ist sie unser Morgenstern, im anderen unser Abendstern!

Ihr goldgelbes und starkes Licht hat zu allen Zeiten die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich gelenkt.

Im Altertume war der Planet der Göttin Venus geweiht und im Mittelalter der Jungfrau Maria. Er ist der »Dunkelstern der deutschen Dichter« und das Gestirn der Hirten.

Die Venus ist fast so groß wie unsere Erde, also größer als der Planet Merkur und unser Mond.

Sie ist ebenfalls einem Phasenwechsel unterworfen.

Von der Sonne ist sie 14 Millionen Meilen entfernt und umwandert sie in 225 Tagen. Ein Venusjahr ist also über 100 Tage kürzer, als ein irdisches.

Über die Dauer der Tageslänge sind sich die Astronomen noch nicht einig. Die einen behaupten, daß ein Venustag gleich einem Venusjahre, also 225 irdische Tage lang sei. Hierbei gibt man der Vermutung Raum, daß der Planet die Drehung um seine Achse verlangsamt habe.

Die anderen Forscher aber erklären, daß die Venus zu der Drehung um ihre Achse 24 Stunden brauche, daß also ein Venustag die Länge eines irdischen habe.

Diese Annahme wird durch die neuesten Beobachtungen eines Astronomen der Sternwarte zu Pulkowa bei St. Petersburg, – mit Namen Belopolsky, – bestätigt. Man hat den Planeten Venus mit dem Spektroskop untersucht und dabei gefunden, daß er eine hohe und dichte Lufthülle besitzt. Diese ist so dicht, daß wir mit unseren Teleskopen nicht allzutief in sie einzudringen vermögen. Infolgedessen sehen wir auch fast gar nichts von der Oberfläche des Planeten. Die Flecken, die man auf den Hörnerspitzen seiner Sichel hat beobachten können, deuten wohl mehr auf Wolken in seiner Lufthülle hin, als auf Festlande und Meere auf seiner Oberfläche.

Die Beobachtungen, die wir von dem Planeten Venus bisher gewonnen haben, sagen, daß die Atmosphäre jener Welt deshalb wohl so dicht und etwas anders, als die unsrige, zusammengesetzt ist, damit die Strahlen der nur 14 Millionen Meilen von ihm entfernten Sonne nicht allzusehr in seinen Luftgürtel eindringen. Auf diese Weise wäre es möglich, daß das Klima auf jenem Gestirne dem irdischen entspräche. Nach allem, was wir vom »Schwestergestirne der Erde« wissen, dürfen wir annehmen, daß es fast so groß wie unsere Erde ist, daß es Tag und Nacht besitzt, daß die Tage und Nächte dort ebenso lange dauern, als die unsrigen, und daß auch die Venus sicher Festlande, Gebirge und Meere hat wie die Erde.

Unsere Nachbarwelt kann mit Lebewesen bewohnt sein! Diese Wesen können uns Menschen ähnlich sein. Man hat dieses Bewohntsein jener Kugel sogar aus Beobachtungen schließen wollen. Wenn die Venus nämlich als schmale Sichel am Firmamente hängt, dann sehen wir ihren übrigen, – nicht von der Sonne beleuchteten Teil ihrer Scheibe, – in mattes Licht eingehüllt. Er ist in eine Art »Phosphoreszenz« getaucht, – in einen Lichtschimmer, – von dem wir bei der Besprechung der Nebelflecken bereits erfuhren. Dieser seltsame und uns noch ganz rätselhafte Schein, den wir auf jenem Planeten gewahren können, nennt der Astronom das »sekundäre Venuslicht«! Wir werden später bei der Beschreibung unseres Mondes etwas Ähnliches kennen lernen, – nämlich das »sekundäre Mondlicht«! Dieses hat aber eine ganz andere Entstehungsursache als das »sekundäre Venuslicht«. Um das letztere zu erklären, hat man angenommen, daß die Wesen auf dem »Schwestergestirne der Erde« den Pflanzenwuchs der großen Steppen dort zeitweilig anzündeten, daß man diesen Feuerschein bei uns auf Erden im Fernrohre sehen könne und ihn als »sekundäres Licht« deute.

Andere Astronomen glauben, daß die Oberfläche des Planeten teilweise mit einem Gestein bedeckt sei, das ähnlich unserem Bergkristall das Licht der Sonne stark breche. Diese Lichtbrechung vermögen wir in unseren Teleskopen als »sekundäres Licht« zu erkennen. Wieder andere Himmelsforscher behaupten, daß dieser Lichtschein von starken Polarlichtern herrühre, und diese Erklärung scheint die annehmbarste von allen zu sein, denn sie läßt sich noch auf eine andere Weise stützen.

Ist die Sonne nämlich reichlich mit Flecken bedeckt, dann flammen an den Polen unserer Erde prachtvolle Nordlichter auf. Die Beobachtungen haben nun gezeigt, daß das »sekundäre Venuslicht« auch stets stärker schimmert, wenn viele Flecken auf der lichten Scheibe der Sonne sich befinden. Das »sekundäre Venuslicht« kann also sehr wohl von Polarlichtern herrühren.

Der Planet hat keinen Mond, obgleich man eine Zeitlang dies annahm. Er ist also, – wie der Merkur, – ein »Mond unserer Sonne«!

Manchmal kommt es vor, daß die Venus als ein kleines, schwarzes Scheibchen über die Scheibe der Sonne hinwegzieht. Wir können dies mit unseren Fernrohren erkennen und nennen einen solchen Vorübergang des Planeten an unserem Tagesgestirn einen »Venusdurchgang«. Diese Venusdurchgänge sind überaus selten. Kaum zwei ereignen sich in einem Jahrhundert!

Sie bieten dem rechnenden Astronomen aber ein sehr willkommenes Hilfsmittel, um die genaue Entfernung unseres Zentralgestirnes von der Erde zu bestimmen.

Die Erde.

Wenige Menschen denken über die Bedeutung des Planeten, auf dem wir wohnen, und über seine Stellung im Weltenraume nach. Sie gehen Tag für Tag auf ihm ihren Geschäften nach, freuen sich ihres Daseins oder sind traurig über so manches, das ihren Wünschen zuwider ging. So geht die Zeit dahin und mit ihr werden wir alt und gehen selbst aus dieser Welt.

Tausende von Menschen verließen sterbend die Erde, ohne zu wissen und zu erfahren, daß sie nichts anderes, als ein Stern unter den anderen am Himmel ist. Als solcher gehört sie zunächst zum großen Reiche unserer Sonne. Sie ist ein Planet und umwandelt den Sonnenball in 365 Tagen. Wir nennen diesen Zeitraum ein Jahr!

Wir haben früher schon bei der Beantwortung der Frage: »Wie mögen die Sternenwelten entstanden sein?« gehört, daß unsere Erde einst selbst eine kleine Sonne, – ein leuchtender Stern, – war, daß sie sich aber im Laufe langer Zeiten allmählich abkühlte und endlich ein Planet wurde. Als solcher nahm sie den Zustand an, in dem wir sie heute um die Sonne herum schweben sehen.

Trotzdem sie erkaltet und dunkel geworden ist, sendet sie doch noch Licht in den Raum hinaus, und könnten wir uns im Geiste einmal auf unsere Nachbarwelt, – den Mond, – versetzen, dann würden wir sehen, daß unsere Erde als leuchtender Stern am Firmamente des Mondes hängt. Dies ist aber nur aus dem Grunde möglich, weil unser Planet sein Licht von der Sonne erhält. Die Erde erstrahlt als »Mond unseres Mondes« in rotem Lichte.

Alle Planeten unseres Sonnenreiches, – also auch die Erde, leuchten in solchem, von unserer Sonne entlehnten Lichte. Auch unser Mond und alle anderen Monde, die wir in unserem Sonnensystem kennen, empfangen ihr Licht von der Sonne. Nur dadurch werden sie für unser Auge sichtbar!

Unsere Erde ist eine an den Polen abgeplattete Kugel. Bei dem Planeten Merkur und Venus hat man eine solche Abplattung an den Polen noch nicht einwandsfrei feststellen können; aber man nimmt trotzdem an, daß beide abgeplattet sind, weil auch die anderen Planeten unseres Sonnenreiches diese Abplattung an den Polen zeigen.

Der Durchmesser unserer Erde beträgt 12 736 Kilometer. Sie dreht sich in 24 Stunden einmal um ihre Achse herum. Dadurch wird der Wechsel von Tag und Nacht erzeugt, denn, wenn wir Tag haben, dann ist die eine Hälfte der Erde, in deren Achsendrehung, dem Lichte der Sonne zugewandt und wird von dieser bestrahlt. Haben wir aber Nacht, dann ist die eine Hälfte der Erde, in ihrer Drehung um die eigene Achse, von der Sonne abgewandt. Sie empfängt also kein Licht von dieser.

In früheren Zeiten der Erdgeschichte waren die Tage kürzer. Sie dauerten einmal vier, dann acht, dann zwölf und endlich zwanzig Stunden. Daß sie immer länger wurden, hat vielleicht seine Ursache in unserem Monde. Vermöge seiner Anziehungskraft hebt er das Wasser der Ozeane empor. Er erzeugt dadurch zwei große Wellen, die sich stets nach Westen hin bewegen. Nun dreht sich aber unsere Erde in der Richtung von Westen nach Osten um ihre Achse. Die beiden Wellen sind also dieser Achsendrehung gerade entgegengesetzt.

Sie üben somit eine hemmende Wirkung auf diese Achsendrehung aus, – d. h. mit anderen Worten ausgedrückt, sie bewirken, daß Tag und Nacht auf Erden immer länger werden. Es wird einmal die Zeit kommen, wo die Erde sich in zwei, zehn, zwanzig, hundert und endlich in 365 Tagen einmal um ihre Achse drehen wird. Ist der letztgenannte Zeitpunkt eingetreten, dann wird die Erde der Sonne immer nur die eine Hälfte ihrer Kugel zukehren. Die hemmende Kraft, welche der Mond auf die Achsendrehung unseres Planeten ausübt, nennen wir die »Gezeiten«! Die Bahn, welche der Erdball um unsere Sonne herum beschreibt, ist nicht ganz kreis- sondern eiförmig. Wir sagen, die Erdbahn ist eine Ellipse! Den Punkt der Bahn, auf welchem die Erde unserer Sonne am nächsten steht, nennen wir das Perihel. Der Punkt aber, in welchem sie auf ihrer Wanderung um die Sonne von dieser am weitesten entfernt ist, heißt das Aphel! –

Verbinden wir die beiden Pole der Erde durch eine gedachte Linie miteinander, dann erhalten wir die Achse der Erde. Sie zeigt auf einen Stern in der Schwanzspitze des »kleinen Bären« hin. Die Alten nannten diesen Stern »Kynosura«, d. h. »Hundsstern«. Wir nennen ihn den Polarstern; aber er hat diese Stellung als »Stern am Pole« nicht immer bekleidet. Vor vielen tausend Jahren war ein Stern im Bilde des »Drachen« unser Polarstern. Aus jener Zeit rührt noch das Drachenwappen der Chinesen her, und in etwa 14 000 Jahren wird der hellste Stern im Bilde der »Leier«, den wir die Wega nennen, unser »Stern am Pole« sein.

Als unsere Erde aus dem glühendflüssigen Zustande in den der Erstarrung überging, bildeten sich die Gebirge auf ihr. Diese sind nichts anderes, als große Falten in der alten Haut unseres Planeten. In moderner Zeit hat man wiederholt die Frage aufgeworfen, ob unsere Erde in ihrem Innern gasförmig oder fest sei! Ein Teil der Forscher nimmt das letztere an! Die übrigen aber behaupten, daß unter einer sehr dünnen Kruste, die unsere Kugel nach außenhin abschließt, feurigflüssige Massen lagern und der Erdkern gasförmig sei.

Dieser gasige Kern der Erde indes zeigt eine Starre, wie der Gaskern der Sonne, und zwar aus dem Grunde, weil die über ihm lagernden Schichten ungeheuer auf ihn drücken.

Unsere Erde besitzt einen Luftgürtel, – eine Atmosphäre!

Die wirkliche Höhe dieser vermögen wir nicht genau zu bestimmen. Man hat ihre Höhe auf 350 Kilometer geschätzt; aber dieses Resultat ist ungenau. Der Luftgürtel unseres Planeten, der aus einem Gemenge von Sauerstoff, Stickstoff und Kohlensäure besteht, ist für das Leben der Pflanzen, Tiere und Menschen unbedingt erforderlich. Ohne ihn könnten die Lebewesen auf Erden nicht existieren.

Unter den vielen Rätseln, welche unsere Erde der Forschung ausgibt, seien noch zwei besonders erwähnt, – der Erdmagnetismus und die Polarlichter!

Alle Körper, die wir im Weltall kennen, sind mit jener wichtigen Kraft ausgestattet, die wir die Anziehungskraft (Schwerkraft oder Gravitation) genannt haben. Unsere Erde wirkt aber auch wie ein großer Magnet. Dieser hat zwei Pole, nämlich einen Nordpol und einen Südpol. Der magnetische Südpol unseres Planeten liegt indes neben seinem geographischen Nordpole, und der magnetische Nordpol der Erde neben dem geographischen Südpole derselben. Den magnetischen Südpol konnten wir in Nordamerika, und zwar auf der Halbinsel Boothia-Felix entdecken.

Die Polarlichter sind elektromagnetische Erscheinungen. Sie beruhen also auf starken, elektrischen Entladungen und stehen mit dem Erdmagnetismus in einem bestimmten Zusammenhange, der indes noch nicht genügend erklärt ist.

Blitzen sie am Nordpol der Erde auf, dann nennen wir sie Nordlichter. Zeigen sie sich am Südpol, dann nennt man sie Südlichter. Sie erscheinen oft in großer Pracht und in starkem Glanze, bald in Band-, bald in Fächer- und bald in Wellenform. Sie treten zahlreich stets dann auf, wenn unsere Sonne, – wir hörten dies bereits, – reichlich mit Flecken besetzt ist. Interessant ist auch, – man konnte dies wiederholt beobachten, – daß Erdbeben und vulkanische Erscheinungen bei uns mit den Polarlichtern in einem ursächlichen Zusammenhange stehen. –

Der Mond unserer Erde.

Die Nacht ist lind und lau! Glühwürmchen huschen durch das Dunkel, und die Grillen konzertieren draußen auf der Wiese. Sie begleiten mit ihrem Geigen den frohen Männerchor der Frösche. Am Himmel stehen einige schwarze Wolken, und es sieht aus, als ob in der Nacht ein Gewitter kommen wollte!

»Das wäre nicht gut,« meint der Landmann, der mit Frau und Kindern in der Laube hinter seinem Hause sitzt, »denn wir haben heute das Getreide gehauen! Ich denke, der Mond, der bald herauskommen muß, wird das dunkle Gewölk fressen!« –

Das ist nun einmal ein alter Aberglaube unter den Landleuten, der besagt, daß der gute, alte Mond am Himmel in der Sommernacht die Gewitterwolken zerstöre!

Alle waren still, als der Vater so redete, und als er geendet hatte, horchten sie wieder hinaus in das Dunkel, das belebt war vom geschäftigen Treiben der Nachttiere!

Da mit einem Male veränderte sich die Szenerie!

Die Bäume im Garten, die man vorher in der Finsternis nicht hatte erkennen können, traten, – vom Mondlichte übergossen, – schreckhaft hervor, und ein altes Gemäuer hob sich in magischer Beleuchtung aus dem Schwarz der Nacht ab. Das Licht des Mondes, der aufgegangen war, umfloß alles! Es huschte durch die Blätter und das Geäst der Bäume, es schlüpfte durch die Maschen der Gartenlaube und floh gespenstisch über den Erdboden dahin. Der Mond war in voller Größe nun über dem Dorfe emporgestiegen und begann seine Herrschaft über die Sommernacht!

Wie oft mag er schon auf- und untergegangen sein an unserem Himmel? Was mag er alles schon mit angesehen haben unten auf der leidvollen Erde? Könnte er doch reden, – der alte schelmische Gesell! Er würde uns gar vieles erzählen, was uns heute auch bei ihm noch ganz geheimnisvoll anmutet!

Gar viele Rätsel umgeben ihn ja noch! –

Er, – der Begleiter unserer alten Erde, – ist kleiner, wie diese. Er umwandelt sie in einem Abstande von 50 000 Meilen, und zwar einmal in 28 Tagen. Wir nennen diese Zeit einen Monat. Das ist eigentlich, – bürgerlich gesprochen, – nicht ganz richtig, denn die Monate des Jahres dauern etwas länger!

Er wendet unserer Erde immer nur die eine Seite zu. Trotzdem aber dreht er sich in den 28 Tagen, die er zu einer Wanderung um die Erde herum braucht, doch auch einmal um seine Achse.

Eine Abplattung an seinen Polen hat man nicht feststellen können.

Auch der Mond war einst ein selbstleuchtender Stern. Da er aber kleiner, – als die Erdkugel, – ist, hat er sich auch viel rascher, als diese, abgekühlt. Darum betrachten ihn die Himmelsforscher als einen längst verbrauchten, erstorbenen Weltkörper!

Wenn der Mond sich uns als volle Scheibe zeigt, – wenn wir also Vollmond haben, – dann können wir auf ihm dunkle Flecken erkennen. Nehmen wir beim Betrachten derselben die Phantasie ein wenig zu Hilfe, dann läßt sich aus diesen Flecken ein Gesicht zusammendeuten. Es ist das »Mondgesicht«, mit Grübchen und Stirnfalte, schelmisch lächelnd oder von heftigem Schmerze verzerrt!

Unsere Vorfahren haben aus diesen Flecken das Bild eines Mannes herauslesen wollen, der eine Holzlast auf dem Rücken trägt, oder das eines Hasen!

Im Fernrohre sehen wir die dunklen Flecken noch viel deutlicher, als mit dem bloßen Auge. Wir nennen sie mare, d. h. Meere, und glauben, daß sie die wasserleeren Becken der einstigen Mondmeere seien.

So kennen wir auf unserer Nachbarwelt einen »Ozean der Stürme«, ein »Regenmeer«, ein »Meer der Heiterkeit« und ein »Meer der Ruhe«, einen »Meerbusen des Taues« und einen »Sumpf der Träume«.

Tafel 7.
Süden.
Norden.
Unser Mond im photographischen Fernrohre (bald nach dem ersten Viertel).
(Photographiert mit dem Équatorial coudé [gebrochenem Fernrohre] von Professor Loewy in Paris.)

Heute besitzt der Mond alle diese Meere nicht mehr, denn seine Wassermassen sind in seinen Körper längst eingesunken. Das bißchen Feuchtigkeit, das er noch hat, ist nicht mehr der Rede wert. Wenn wir den Mond mit dem Fernrohre noch aufmerksamer betrachten, dann können wir auf ihm auch Gebirge entdecken. Man hat diesen zum weitaus größten Teile den Namen irdischer Gebirge gegeben. Infolgedessen kennen wir auf ihm die Alpen mit dem merkwürdigen Alpentale, den Vulkan, die Kordilleren, die Karpathen und die Apenninen.

Der Satellit der Erde ist überhaupt sehr gebirgig, viel mehr, als die Erde! Im Fernrohr sehen wir über seine Oberfläche zerstreut, – ganz besonders zahlreich aber um seinen Südpol herum, – Gruben, die unseren irdischen Vulkanen nicht unähnlich sind. Die größten von ihnen haben wir Wallebenen, die größeren Ringgebirge, die kleineren Krater und die kleinsten Kratergrübchen genannt. Wir kennen weit über 40 000 dieser seltsamen Bildungen. Auf unserer Erdoberfläche finden wir dergleichen nicht!

Ein Teil dieser Krater, Ringgebirge und Wallebenen ist unter dem Einfluß heftiger vulkanischer Kräfte dort ganz zweifellos entstanden, ein anderer Teil durch Blasenbildung zu der Zeit, als der Mond noch zähflüssig war. Die Blasen brachen ein, und so entstand der Ringwall des Kraters und die Ebene, die der Wall umrandet. Die kleineren und kleinsten dieser Gruben sind durch das Aufstürzen von Meteoriten (Weltentrümmern) gleichfalls zu der Zeit gebildet worden, als der Mond noch nicht völlig fest und erkaltet war.

Der Trabant der Erde hat fast gar keine Luft mehr, die ihn vor solchem Niedergehen größerer Meteormassen hätte schützen können, wie unser Luftpanzer die Erde schützt.

In der Nähe des Mondsüdpoles sehen wir einen sehr schönen Krater. Er hat den Namen Tycho erhalten. Von ihm aus gehen zahlreiche Streifen nach allen Richtungen der Mondkugel hin. Wir erkennen sie sehr gut dann, wenn die Scheibe des Mondes voll beleuchtet ist. Sie geben ihm an dieser Stelle das Aussehen einer abgehäuteten Apfelsine, und sie leuchten im Strahle der Sonne hell auf. Solche lichte Streifen finden wir auch noch bei einigen anderen Kratern, so bei Kopernikus und Kepler.

Diese Lichtstreifen sind dadurch entstanden, daß der Mond einmal an der Stelle platzte. In seinem noch flüssigen Innern befanden sich Gase. Diese wollten sich entladen und, da ihnen die Kruste der Mondkugel einen Widerstand entgegensetzte, so sprengten sie diese. In die Sprünge drang dann vom Mondinnern her Lava ein und füllte die Risse bis oben hin an. Ja, – es floß sogar Lava über, erhärtete und bildete so eine Art Glasfluß, den wir bei den Ringgebirgen Tycho, Kopernikus und Kepler deutlich erkennen können, wenn diese zur Vollmondszeit im Strahle der Sonne grell aufleuchten.

Auch an anderen Stellen der Mondkugel zeigen sich solche Sprünge, – so in der Nähe der Ringgebirge Sabine, Arago, Ritter und Triesnecker. Diese Risse sind indes nicht mit Lava angefüllt worden, sondern in ihrem ursprünglichen Zustande verblieben. Wir nennen diese Sprünge, die oft durch Berg und Tal hindurchgehen, Rillen!

Man hat den Wallebenen, Ringgebirgen und Kratern auf dem Monde Namen gegeben, meist die berühmter Astronomen und Naturforscher. Einer von diesen Kratern hat eine ganz eigenartige Form. Er sieht aus wie ein großer, flacher Käse. Seine seltsame Gestalt rührt davon her, daß die ganze, vom Kraterrande umsäumte Ebene mit Lava bis oben hin vom Mondinnern her angefüllt wurde.

An anderen Kratern hat man im Laufe der Jahre Veränderungen wahrnehmen können, die auf eine noch nicht ganz erloschene, vulkanische Tätigkeit auf jener Kugel hindeuten.

Wieder andere Krater sehen aus, als hätten sich zwei von ihnen ineinander geschoben, als hätte man zwei Ringe ineinander gesteckt. Man nennt solche Gebilde »Zwillingskrater«. Diese eigenartigen Formationen der Krater gehören zu dem Schönsten, das wir auf dem Monde kennen. Wenn der Begleiter der Erde sich uns als schmale Sichel zeigt, sehen wir im Fernrohre einen Teil von diesen kreisförmigen Gruben an der Lichtgrenze entlang liegen. Die eine Hälfte von ihnen ist dann stets noch in tiefe Finsternis gehüllt; die andere aber wird bereits grell vom Strahle der Sonne beleuchtet, oder der ganze Krater ist voller Licht, und die eine Seite seiner Umrandung wirft einen langen Schatten in die Kraterebene hinein, so daß diese fast ganz mit Schatten ausgefüllt wird.

Aus der Länge dieser Schatten vermag der Astronom die Höhe des Kraterrandes zu bestimmen und in gleicher Weise auch die der übrigen Gebirge auf jener Welt, denn sie werfen, – von den Strahlen der Sonne getroffen, – lange Schatten!

Da wir eine Anzahl von Meeren und Gebirgen auf dem Monde kennen gelernt haben, so vermögen wir nun das schelmisch lächelnde Antlitz des Mondes aus ihnen zusammenzusetzen.

Die Nase dieses »Mondgesichtes« wird gebildet von dem Mond-Apennin, die Nasenspitze von dem schon mehrfach genannten Krater Kopernikus und das rechte Auge vom mare imbrium (dem Regenmeere).

Das linke Auge stellt ein anderes Meer dar, dem wir den Namen mare serenitatis (Meer der Heiterkeit) gegeben haben.

Die Augenbrauen werden angedeutet durch die dunkle Fläche des mare tranquillitatis (des Meeres der Ruhe) und des mare foecunditatis (des Meeres der Fruchtbarkeit).

Die Stirn des »Mondgesichtes« ziert ein dunkler Flecken. Diese Stirnfalte also ist das mare frigoris (das Meer der Kälte).

Das mare nubium (das Meer der Wolken) bildet den Mund des »Mondgesichtes« und die rechte Wange der oceanus procellarum (der Ozean der Stürme, auch der »Stille Ozean des Mondes« genannt).

Die linke Wange indes wird durch eine große Zahl von Kratern und durch wild zerklüftete Gebirgsketten dargestellt.

Im Laufe von 29½ Tagen zeigt uns der Mond nach und nach alle seine Lichtgestalten. Wir trennen diese seine Phasen! Erscheint der Begleiter der Erde in Sichelform, und zwar in der Gestalt der oberen Schleife des großen Buchstabens Z2, dann haben wir erstes Viertel. Ist seine Scheibe voll erleuchtet, dann nennen wir dies Vollmond. Zeigt er sich uns abermals in der Sichelform, und hat diese die Gestalt der äußeren Schleife des großen Buchstaben A2, dann haben wir letztes Viertel.

2 Gemeint ist die Form der Großbuchstaben A und Z in Kurrent- bzw. Sütterlinschrift. Anm. zur Transkription.

Als Neumond sehen wir den Trabanten gar nicht! Die Reihenfolge der Mondphasen ist also die, daß stets auf den Neumond das erste Viertel, auf dieses der Vollmond, auf ihn das letzte Viertel und auf dieses wiederum der Neumond folgt. Jede Phase umfaßt etwa sieben irdische Tage.

Wenn der Mond als schmale Sichel im ersten Viertel am westlichen Horizonte hängt, dann können wir mit bloßem Auge schon gewahren, daß der übrige, von der Sonne nicht erleuchtete Teil seiner Scheibe in einen merkwürdigen Schimmer getaucht ist.

Wir nennen diesen Schein »Phosphoreszenz« und hörten von ihm schon früher bei der Besprechung des Planeten Venus. Dieser phosphoreszierende Schimmer heißt hier das »sekundäre Mondlicht«!

Ein im astronomischen Sehen geübtes Auge wird sehr bald erkennen, daß dieses »sekundäre« Licht des Mondes eine ganz verschiedene Färbung zeigt.

Einmal sieht es bläulich, einmal grünlich und dann wieder rötlich aus.

Diese verschiedene Färbung sagt uns, daß das »sekundäre Mondlicht« nichts anderes ist, als das Licht, das unsere Erde nach dem Monde hinstrahlt und das zum Teil von diesem wieder auf die Erde zurückgeworfen wird.

Stehen dem Monde die Festlande auf Erden gegenüber, dann ist das »sekundäre Licht« rötlich gefärbt, sind ihm die Ozeane der Erde zugekehrt, dann zeigt es einen bläulichen Schimmer, und wendet unser Planet die Urwälder Afrikas und Amerikas seinem Begleiter zu, dann zeigt das »sekundäre Licht« eine grüne Farbe.

Wie interessant ist es doch, daß wir das Bild unserer Erde von unserer Nachbarwelt, – dem Monde, – ablesen können, wie das Bild unseres Antlitzes von einem Spiegel!

Da unser Mond der Erde nur die eine Seite zuwendet, so empfängt diese vierzehn Tage lang das Licht der Sonne; die andere Hälfte aber umgibt während dieser Zeit eine eisige Kälte, nämlich die des Weltenraumes (-273 Grad Celsius).

Auf dem Monde dauert also ein Tag vierzehn irdische Tage und eine Nacht währt dort die gleiche Zeit.

Könnten wir uns im Geiste auf unsere Nachbarwelt versetzen, dann würden wir uns wie verzaubert vorkommen.

Über der wildzerklüfteten Landschaft, die uns auf jenem Gestirne aufnimmt, wölbt sich ein rabenschwarzer Himmel, denn der Mond hat fast keine Luft und auch kein Wasser mehr, die bewirken, daß sich über unserem Haupte auf Erden ein oft tiefblaues Firmament ausspannt. Das Fehlen der Luft würde ferner schuld sein, daß wir auf dem Monde nicht einen Laut zu hören bekämen. Am schwarzen Himmel des Mondes hängt in voller Pracht die sengende Sonne, umgeben vom Glorienscheine der Korona und von der Staubwolke des Tierkreislichtes.

Neben der Sonne strahlen die beiden Planeten Merkur und Venus und alle Sterne, die wir in dunkler, klarer Nacht auch an unserem Himmel sehen. Auch unser Mond hat, – wie schon bemerkt wurde, – einen Mond! – Es ist dies unsere Erde. Diese erscheint am Firmamente des Mondes gleichfalls im Wechsel ihrer Lichtgestalt. Sie zeigt sich also einmal als Neuerde, dann im ersten Viertel, dann als Vollerde und endlich im letzten Viertel.

Als Vollerde, – also als »Vollmond des Mondes« –, aber ist sie vierzehnmal größer, als uns der Mond an unserem Firmamente erscheint. Auf dieser gewaltigen Scheibe des »Mondes unseres Mondes« würden wir ebenfalls dunkle Flecken gewahren, – die Meere, – die Festlande, als rötlich schimmernde Gebiete, und endlich zwei glänzendweiße Stellen an den beiden Polen der Erde, – die Schneezonen oder Polarkalotten.

Auf unserer Erde würden wir vom Monde aus in einem Riesenfernrohre auch rillen- oder lichtstreifenartige Gebilde erkennen können, nämlich die großen Ströme, – so den Amazonenstrom und den Mississippi.

London, Newyork, Berlin und Paris würden als dunkle Punkte auf den Festlanden der Erde erscheinen. – Die Kriegsschiffe der europäischen und Balkanstaaten, die kürzlich im Marmarameere vor Anker lagen, hätte man gleichfalls auf der Scheibe der Erde erkannt; aber man hätte nicht gewußt, was man aus diesen dunklen, sich hin- und herbewegenden Punkten machen sollte! Man würde die Truppen der Balkanmächte, die gegeneinander kämpften, vom Monde aus mit einem Riesenfernrohre haben beobachten können, ohne aber eine Vorstellung davon zu erlangen, daß dies ein schreckliches Menschenmorden bedeutete.

Die Astronomen, welche sich mit der Erforschung des Mondes beschäftigen, nennt man Selenographen, zum Unterschiede von den Geographen, die unserer Erde ihr Interesse widmen.

In der Neuzeit wendet der Himmelsforscher auch beim Monde die lichtempfindliche Platte an, und zwar mit bestem Erfolge! Aus den herrlichen Bildern, die man im Laufe der letzten dreißig Jahre mit der Kamera vom Begleiter der Erde erhalten hat, wird in Kürze ein sehr schöner Mondatlas erstehen. Dieser wird nicht bloß ein hervorragendes Kunstwerk sein, sondern auch der Nachwelt zeigen, was menschlicher Fleiß und menschliches Forschen zustande brachten.

In alter Zeit schon hat man die Frage aufgeworfen, ob der Mond bewohnt sei. Man hat diese Frage in recht phantastischer Weise zu beantworten versucht, ja sogar den Vorschlag gemacht, den Mondbewohnern (den Seleniten) Zeichen zu geben! Indes die moderne Forschung neigt, – nach allem, was sie vom Monde weiß, – immer mehr der Ansicht zu, daß es Mondbewohner, die uns Menschen ähnlich sind, nicht geben kann, weil auf jener Kugel die Bedingungen fehlen, unter denen das menschliche Leben auf Erden sich entfaltet und gedeiht. – Indes auch der Mond kann bewohnt sein; aber nur mit Wesen, die zu den Lebensbedingungen passen, unter denen dieses Gestirn um unsere Erde und durch den Weltenraum schwebt!

Wie diese Wesen aber aussehen, das wissen wir nicht und werden es auch wohl niemals erfahren! …

Der Mars.

Nimmt man heute eine illustrierte Zeitschrift zur Hand, dann findet man sicher in der einen oder anderen Nummer derselben auch einen astronomischen Aufsatz, der sich in gemeinverständlicher Form mit einem der größten Rätsel in unserem Sonnenreiche beschäftigt, – nämlich mit dem Planeten Mars!

Wir sprechen heute von Marsbewohnern fast in der gleichen Weise wie von den Buschmännern Australiens oder wie von den Leuten im Sudan. Dieses Interesse an dem »Mars und seinen Bewohnern« ist ein durchaus begreifliches! Es hat seinen Grund darin, daß der Planet eine große Ähnlichkeit mit unserer Erde zeigt, und zwar hinsichtlich seiner Größe, seiner Oberflächenbeschaffenheit, seiner Tage, seiner Jahreszeiten, seiner Meere, Festlande und Pole. Indes dies alles würde ihn nicht so sehr in den Vordergrund gerückt haben, wenn nicht der im Jahre 1910 verstorbene, berühmte Mailänder Astronom Giovanni Schiaparelli die ganze gebildete Welt, vor allem aber die Wissenschaft, im Jahre 1877 zum ersten Male, auf das höchst merkwürdige Netz von dunklen, geraden Linien aufmerksam gemacht hätte, mit dem das ganze Marsland bedeckt erschien. –

Der Planet Mars ist kleiner, als die Erde und die Venus; aber er ist größer, als unser Mond und der Planet Merkur.

Alle fünfzehn Jahre kommt er uns einmal bis auf 55 Millionen Kilometer nahe. Dann können wir in unseren großen Fernrohren eine Fülle von Einzelheiten auf seiner, im roten Lichte strahlenden Scheibe erkennen.

Wir sehen zunächst, daß er einen Luftgürtel hat, der allerdings nicht so hoch ist, wie der unsrige; aber das Spektroskop sagt uns von diesem Luftgürtel des Mars, daß er ganz ähnlich zusammengesetzt ist, wie der irdische. Er enthält vor allem Wasserstoff, den wichtigsten Bestandteil unseres Wassers!

Der kleine Lichtzerleger, – das Spektroskop, – sagt uns ferner, daß die Marsluft etwa derjenigen entspricht, in welche die Spitzen unserer höchsten, irdischen Gebirge eingetaucht sind.

Die Atmosphäre dort ist also ungemein zart und lichtdünn! –

Im Teleskope sehen wir ferner zwei stark weißglänzende Flecken an den beiden Polen des Planeten. Diese sind also genau so mit Eis umgeben, wie die irdischen. Weiße Flecken erblicken wir ferner auch noch auf dem Festlande des Mars. Wir schließen daraus, daß einzelne hohe Berge vorhanden sind, die Gletscher tragen.

Oder diese weißen Stellen deuten auf den Niedergang von Neuschnee im Marsherbste und -winter hin.

Tafel 8.
Süden.
Norden.
Karte der Marsoberfläche.
(Gezeichnet von Ed. Antoniadi, – Sternwarte zu Juvissy bei Paris.)

Wir können im Teleskope außerdem noch eine Reihe dunkler Flächen erkennen, wie auf den Hörnerspitzen der Venus und auf der lichten Scheibe des Vollmondes. Diese dunklen Gebiete auf der roten Marsscheibe nennen wir »Meere«, und wir erkennen bei näherem Zusehen, daß unser Nachbar im Weltenraume viel weniger Wasser besitzt, als der Erdball. Er hat keine offenen Ozeane mehr, sondern nur Binnenmeere, Seen und Sümpfe. Solche Marsmeere sind das mare Cimmerium (das cimmerische Meer) und das mare Erythraeum (das erythräische Meer). Ein Meerbusen ist der sinus Sabaeus (der sabäische Meerbusen). Durch ihn geht der Nullmeridian des Mars!

Bei näherer Betrachtung des Planeten finden wir weiter, daß auf ihm die Verteilung des Landes gleichfalls eine ganz andere ist, als bei uns. Auf Erden läuft alles Land nach dem Südpole zu in Spitzen aus; beim Mars aber dacht es sich sowohl nach dem Nord-, als auch nach dem Südpole zu rückenartig ab. Alles Marsland zieht sich ferner, wie ein schmaler Gürtel, um den Äquator der Marskugel herum, und es ist auf ihm mehr Land vorhanden, wie auf Erden.

Ein Unterschied ist hier aber doch vorhanden, der nämlich, daß eine allgemeine Ebnung des Geländes bereits eingetreten ist. Er ist ja auch um vieles älter, als die Erde! Kordilleren, Anden und einen Himalaja gibt es auf diesem Gestirne nicht, sondern nur Hügelland, denn die Gebirge sind dort im Laufe der Jahrtausende abgebröckelt und kleiner geworden. Auf Erden findet dieses Abbröckeln der Gebirge gleichfalls statt, und unsere Alpen haben im Laufe vieler Jahrtausende bereits die Hälfte ihrer einstigen Höhe eingebüßt.

Wir dürfen indes dem Mars einzelne hohe Berge nicht absprechen. Er besitzt sicherlich solche, die Gletscher tragen, so z. B. die »Schneeinsel« im Kepler-Ozean. –

Darauf deuten auch einzelne, im Lichte der Sonne grell aufblitzende Punkte auf dem Marsfestlande hin, die man im Marsfrühlinge und -sommer erkennen konnte.

Das Interessanteste aber, was uns heute dieses Marsfestland bietet, das ist jenes rätselhafte Geäder, das allgemein die »Marskanäle« genannt wird.

Der bereits erwähnte Astronom Giovanni Schiaparelli sah im Jahre 1877 auf der Sternwarte zu Mailand mit einem vorzüglichen Fernrohre und in der klaren Luft Oberitaliens wie von dunklen Flecken, die wir Meere, Seen und Sümpfe genannt haben, dunkle Linien ausgingen. Sie verbanden Wasserfläche mit Wasserfläche schnurgerade. Niemals endigte eine solche dunkle Linie mitten auf dem Festlande. Das ist das Seltsamste an diesem ganzen »Kanalnetze«. Schiaparelli hat diesem Geäder den Namen canale, – d. h. Rinne, – gegeben. »Kanäle« haben es später erst die Phantasten genannt! –

Im Jahre 1882 erklärte derselbe Forscher, daß er bald nach der Schneeschmelze am Marssüdpole gesehen habe, wie sich alle diese Linien verdoppelten. Das ganze Marsland sah aus, als hätte man es nach allen Richtungen hin mit Eisenbahnschienen belegt. Diese Verdoppelungen traten stets sofort und in ihrer ganzen Länge auf. Man hat gefunden, daß diese »Kanäle« bis zu 5000 Kilometern lang und bis zu 1000 Kilometern breit sein können. Der Zwischenraum zwischen einer solchen »Kanalverdoppelung« beträgt 500 bis 1000 Kilometer. Es sind also gewaltig große Wasserstraßen, wenn wir in diesem Netzwerke wirklich ein »Kanalsystem« vor uns haben! –

Die Linien zeigen sich, – wie schon angedeutet wurde, – stets nach der Schneeschmelze an den Polen des Mars, und sie verschwinden im Marssommer oft ganz. Stets verblaßt in dieser Jahreszeit die Verdoppelung! –

Alle möglichen Deutungen sind zur Erklärung dieser rätselhaften Gebilde gegeben worden. Es sollen hier nur die wichtigsten genannt werden, und zwar nur die, welche wirklich die Aufmerksamkeit der Forscher erregten!

Hat der Mars Wasser wie die Erde, dann können diese dunklen Linien sehr wohl Wasserstraßen sein. Sie sind dann eben Schöpfungen von intelligenten Wesen, die jene Welt bewohnen!

Die Kanäle wurden von den Marsbewohnern angelegt, um die Gewalten des Wassers, – nach der Schneeschmelze an den Polen, – einzudämmen oder nach dem Innenlande zu leiten.

Hat der Mars kein Wasser mehr und auch keine Bewohner, dann können diese »Kanäle« vielleicht die Überreste einer erloschenen Kultur sein!

Man hat die Marskanäle auch für eine optische Täuschung gehalten, die unser Auge bei der Betrachtung des Planeten im Fernrohre erleidet.

Ein Forscher führt die »Kanäle« auf vulkanischen Ursprung zurück, wie die schon genannten Lichtstreifen und Rillen auf unserem Monde.

Man hält sie auch für Erdbebenspalten! –

In jüngster Zeit hat ein Marsbeobachter erklärt, daß der Planet, – von der Raumkälte (-273 Grad Celsius) umgeben, – zu einem Eisklumpen erstarrt sei. –

Die rätselhaften »Kanäle« seien nichts anderes, als Sprünge in dem Eismantel, der den Mars umhülle. Die Sonne taue den Eispanzer zeitweise auf, und so entstünden jene großen Sprünge, die wir von unserer Erde aus im Fernrohre erkennen könnten und die wir als »Kanäle« deuteten!

Eigenartig ist es, daß Lowell, – ein amerikanischer Astronom, – die Neubildung von »Marskanälen« auf photographischem Wege und zugleich auch mit dem Fernrohre im letzten Marsfrühlinge, – also nach der großen Schneeschmelze am Südpole, – feststellen konnte!

Dies würde darauf hindeuten, daß die »Marskanäle« tatsächlich Gebilde der Marsoberfläche und als solche Erzeugnisse der Marsbewohner sind. Wird diese Beobachtung Lowells später noch von anderer Seite bestätigt, dann besteht gar kein Zweifel, daß der Mars mit intelligenten Wesen bevölkert ist. Diese können uns Menschen durchaus ähnlich sehen, denn der Planet zeigt fast die gleichen Bedingungen für das Dasein von Lebewesen, wie unsere Erde.

Die rätselhaften Linien, die wir »Kanäle« nennen, wären dann Wasserstraßen, welche die Marsbewohner mit Absicht, – allerdings im Laufe langer Zeiten, – angelegt hätten!

Man nahm sogar an, daß die Marsbewohner uns Feuerzeichen geben, und dachte allen Ernstes daran, solche Zeichen zu erwidern!

Der berühmte Physiker Tesla erklärte, daß er die Wasserkräfte des Niagarafalles in Nordamerika ausnützen und mit deren Hilfe Lichtsignale (Blitze) nach dem Mars hinaufschleudern wolle. Diese würden so stark sein, daß die Marsbewohner sie, – als ihnen von uns zugesandt, – erkennen müßten.

Man hat sogar schon über ein Alphabet nachgedacht, das man, – im Teslaschen Funkenspruche mit den Marsbewohnern, – in Anwendung bringen könnte. Vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, der uns den Schleier auch vom »Marsgeheimnis« hinwegzieht und der Menschheit die langersehnte Kunde bringt, daß jenes Gestirn bewohnt ist. Vielleicht gelingt es der von Tag zu Tag sich verfeinernden Technik doch noch, den Traum unserer Generation zu verwirklichen, daß wir mit den Wesen anderer Himmelskörper in einen Gedankenaustausch treten!

Eine im Pyrenäenbade Pau in Frankreich verstorbene Dame hat einhunderttausend Franken in ihrem Testamente demjenigen vermacht, der die erste Verständigung mit den Bewohnern eines anderen Himmelskörpers herbeiführt. Der kommenden Generation wird es vorbehalten sein, die »Marsfrage« noch besser zu beantworten, als wir es heute vermögen!