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Wege und Umwege cover

Wege und Umwege

Chapter 9: VI.
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About This Book

The book assembles reflective sketches and short narratives that probe individuality, aesthetic perception, faith, and suffering. Through intimate scenes, especially a sensitive girl's upbringing in a convent, it traces the emergence of self-awareness, boredom, and moral perplexity amid religious imagery, death, and small wonders. Interwoven meditations consider originality, artistic temperament, and the difficulty of reconciling inner life with external forms. The prose alternates lyrical description and philosophical observation, following emotional detours and the search for meaning in everyday impressions.

„Peut-être n’est il pas permis, — permis, ce mot si vague rend seul ma peur un peu mystérieuse, — que nous produisions au dehors nos pensées les plus intimes: peut-être devons-nous protéger, voiler nos réserves, de crainte qu’une source, dont nous avons écarté les branches, ne se dessèche au soleil. Mais je dois reconnaitre mes obligations. La destinée qui oppose mon pays à l’ Allemagne, n’a pourtant pas permis, que je demeurasse insensible à l’ horizon d’outre Rhin: J’aime la Grecque Germanisée.“

Fand jemals eine Huldigung, in ihrer scheuen Zurückhaltung, einen so wundervollen Ausdruck? Ich kenne mir nichts Edleres als jenes Geständnis, das sich einem so französischen Herzen entrang: „J’aime la Grecque Germanisée.“

Aber Deutschland und Frankreich scheinen mir oft dahinzuleben, wie ein sehr männlicher Mann neben einer sehr feinen Frau, die ihn schon durchschaute, aber die er noch nicht verstand. Gerade diesem Manne aber hat der Mangel an Talent, sein Empfindungsvermögen zu verausgaben, manchen Nachteil gebracht und manch unfreundliche Reflexe zugezogen. Wenn ihm aber der Neid, wenn seiner Sprache das Monopol des Wortes „schadenfroh“ zum Hauptvorwurfe werden konnte, so hat er dafür ein Wort, das im Widerspruch zu jenem anderen steht und es an Kraft weit überbietet, das Wort, das in keiner Sprache seinesgleichen findet und einen Zug, der viel deutscher noch ist als sein Neid, und das ist seine Treue. Treu aber sind die Deutschen sich selbst nur indem sie streben.

Zwar ist von vielen Seiten behauptet worden, seit ihrem großen Siege seien sie in ihren sympathischen Eigenschaften weniger gefördert worden, als im Verhältnis die Franzosen seit ihrer großen Niederlage. Nichts scheint mir zweckloser als darüber Worte zu verlieren, denn Glück wie Unglück liegen hinter uns. Jede Nation hat heute die Tafel ihrer Siege und ihrer Niederlagen, und der Haß ist zwischen ihnen etwas Künstliches geworden. Die Schwelle eines neuen Zeitalters ist schon überschritten, und eine neue Stunde hat für uns geschlagen. Fluch träfe das stumpfe Auge und die verbrecherische Hand, die den Zeiger wieder zurückstellte.

1906.

München
V.

Ein sommerlicher Sonnenuntergang in München lebte heute in meiner Erinnerung auf. Von der Terrasse zur Friedenssäule hatte ich auf die Isar hinabgesehen, die unter dem verklärten Gewölk so leuchtend und blau dahinfloß, so deutsch mit dem verträumten Gebüsch ihrer weiten Sandbänke und zugleich so sagenhaft schön in ihrer ewigen Frische, als eile sie nach dem Meere, Galateens Muschelboot zu umspielen.

Und München erschien mir da wie eine jener mittelalterlichen Schlaguhren, mit ihrem kunstvollen Aufbau von Säulen, Gehäusen und Vertiefungen. Zeiger und Figuren treten immer in gleicher Schönheit, gleicher Bedeutsamkeit hervor, und das Ziffernblatt ist von erlesener Pracht. Aber etwas in den goldenen Speichen der Räder ist zertrümmert oder gehemmt, und die Zeit verhallt hier in zu tiefen, zu lauschenden Klängen. Und dieses Echo, diese Beschaulichkeit ist es, die wir nicht immer ertragen, denn gerade das Unveränderliche und Unverbrüchliche in uns erheischt ein schnelleres Tempo unseres äußeren Lebens.

Aber wie uns in dem trüben und zugleich schon grellen Lichte spätwinterlicher Tage Bilder des Südens bewegen, so umwehten mich jetzt, inmitten der weiten Regungslosigkeit und Leere, die Bilder bewegterer Städte. Von den lauen Winden zu mir herübergetragen, durchschauerte mich das silberne Paris, und, lächelnd wie eine verschleierte Schöne, die Place de la Concorde. Ein anderer Sonnenuntergang flammte da auf und überflutete die weiten Champs Elysées, den surrenden Wagenstrom mit seinem gedämpften, prunkenden Geräusch und all die strahlenden oder trügerischen oder schnöden Silhouetten des Glücks, die er vorbeiträgt. Was immer sie quälen mag, stets sind es Schattenbilder selbstverständlichen Genusses, die sie uns malen. Wie die weithin leuchtende Front der zwei Paläste am Eingang der Rue Royale, so trägt hier die Fassade des Lebens den Stempel jenes Maßes und jener Disziplin, die wahren Formensinn kennzeichnet. Wenn andernorts Leichtsinn und Ungefähr an Äußerlichkeiten haften, so ist es hier das Auge, das zumeist sich heimisch fühlt und inmitten der Verwirrung ganz sich auszuleben vermag.

Aber hier riß mich das brutale Gellen einer Trambahnglocke aus der Ferne in die Wirklichkeit zurück. Mit furchtbarem Gepolter lärmte der umfängliche Kasten einher, und eine Dame im Reformkleid wandelte mir entgegen. Heiß und öde dehnten sich die Häuserreihen wieder vor mir hin, und jede Straße fand von neuem Muße, mit ihrer Atmosphäre mich zu bedrängen. Denn ach! inmitten der seelischen Abgeschiedenheit, die München an Wintermorgen wie an Juliabenden oft bis an den Rand wie einen Schmerzensbecher füllt, war mir, als ob der Strom des Lebens sich hier zu einem See besänftigte, sich weitete, und als ahne er hier nichts von seinen reißenden Stellen, deren Hast und Getöse allen Schmerz der Besinnung so weit überrauscht.

Und wie ein Riese schien da die Sehnsucht den Weg mir zu vertreten und mich zu würgen, als müßte sie aus meinen Augen hervorbrechen beim Anblick der hoch dahinziehenden Vögel: zur englischen Küste trugen sie meinen Geist im Fluge hin, und die Lust zu wandern kam wieder über mich.

Ich gedachte der Woche, die ich in London einsam verschwelgte, und zu welcher Lust sich mein Alleinsein steigerte angesichts der Gestalten, die uns, lebenden Statuen gleich, zu Hunderten dort begegnen. In welcher Stimmung ich da eines Nachts aus dem Theater fuhr, und wie mich fror in der warmen Sommernacht, weil angesichts so vieler, vollendet schöner Erscheinungen derselbe Gedanke wie angesichts der Elgin Marbles mich bewegte: Welch edles Ding ist doch der Mensch! Wie müde und erregt zugleich ich dann das leere Haus betrat, in dem ich wohnte und wie ich da mit geschlossenen Augen und verschränkten Armen noch lange unten verweilte, ganz in London versunken, von dem Sausen und Brausen des unendlichen, nie lärmenden London berauscht.

Zwar schwebte mir gerade in Frankreich, gerade in England Deutschlands geistiges Bild so gerne vor Augen! So tags zuvor bei englischen Freunden auf dem Lande, als ich in der großen Halle mit mir allein zurückblieb, weil mir schien, als wüßte ich in letzter Zeit, durch neue Eindrücke und die Meinungen und Ansichten anderer von allen Seiten abgelenkt, oft nicht mehr, was ich selber dachte.

Nun aber flutete das Licht des alabastermilden englischen Himmels so beschaulich durch die weitgeöffneten Tore, und die Bäume vor dem Eingang breiteten wie schützend ihre gewaltige Ruhe über diese Erde, diesen Rasen, und über das unaufhörlich holde Gurren und Geflatter der Turteltauben.

Aber wie hoch in der stillen Luft das Laub der Bäume erst leis erzitterte und dann in Aufruhr blieb, so wurden meine erst leis sich schwingenden Gedanken von allen Himmelsrichtungen aufgescheucht, bis sie, im Sturme hin und wieder fortgetragen, wie Blätter mein Bewußtsein umwirbelten. Ich konnte sie nicht erhaschen, die eigene Verwirrung, den eigenen Zwiespalt nicht begreifen, noch jenes tiefe Echo heimatlicher Erde, das deutschem Geiste aus angelsächsischem Boden entgegenhallt; als würden jene Worte wieder zu ihm hingetragen, mit welchen Shakespeares verbannte Könige dies Land betraten:

„Ich grüße mit der Hand dich, teure Erde,

— — — — — — — — — — —

— — — — — — — — — — —

— — — — — — — — — — —

So weinend, lächelnd, grüß ich dich, mein Land

Und schmeichle dir mit königlichen Händen.“

Aber Shakespeare selbst, der in seiner ausgeprägt englischen Eigenart uns doch so nahe steht, wie glich er diesem Boden, auf welchem geschlossenste Äußerungen unserer Rasse, so heimisch und fremd zugleich, uns entgegentreten!

An diesem Faden weiterspinnend war es dann ein anderer wichtiger Punkt, der zumeist mich fesselte. Die Identität unserer geistigen Stellungnahme zu den Griechen: Walter Pater, in seiner Auffassung und Fühlung der Antike mit unseren Rhode und Burckhardt, als eines Geistes Kind.

Von unseren inneren Analogien aber versank ich staunend in die Betrachtung unserer äußerlich so starken Verschiedenheiten. Aber von allen Dingen sah und erfaßte ich da nur ihr Suchen, Fließen, Streben nach einem gleichen Ziele. Und nichts, was die Vorzüge der Engländer, Deutschen und Franzosen auseinanderhielt und voneinander abschloß, wollte mir da noch den Eindruck von etwas Verheißungsvollem, noch Ganzem, noch Befriedigendem gewähren.

Mein Alleinsein wurde indes von einem der Gäste unterbrochen, einem gewichtigen Parlamentarier, dessen politisches Credo: „We are the first nation“ aus allen seinen Beweisführungen mit unfehlbarer Sicherheit hervorging.

„What are you doing?“ sagte er.

Doch als ich ihm nun meine Gedanken auseinandersetzen wollte, da standen mir die Worte, die den Stein des Weisen, den ich doch schon zu halten glaubte, fassen sollten, nicht zu Gebote, sondern die Flammen, die im Kamin mit ihrem laut- und ruhelosen Rhythmus loderten, schienen in elementarerem Bezug zu meinen Träumen, als ich selbst. . . .

Warum aber weckte ich den Nachhall so vergessener Dinge? Lag an der Wirklichkeit, lag in der Gegenwart stets ein Etwas, das des Reizes tief entbehrte oder ihn verhüllte, da Augenblicke, die wir zu genießen uns nur flüchtig bewußt wurden, als wir sie erlebten, sich verklären, wenn sie wie abgeflossene Wellen längst verrauschten? Selbst die fiebernde Öde dieses Münchner Sommertages, — täuschte mich seine spleenartige Wirkung nicht?

Still schwebte schon der Mond am klaren Himmel über die Parkanlagen, die Straßen und Plätze. Von den dunklen Baumgruppen hob sich der Hildebrand’sche Brunnen ab, die immer neuen Strahlen seiner Lebensfülle milde wie der Mond ergießend. Immer neu sind dem Auge die kühnen, reichen Schweifungen des Beckens, in welchem das Wasser unter der überströmenden Schale, frei wie eine Flut sich ausbreitet und bewegt. Und immer neu blicken von dem mächtigen Sockel, wie durch rieselnde Schleier, überlebensgroße, marmorne Häupter. Aber das gesenkte Antlitz des Athleten, die weit getrennten Gruppen und das Quellen aus den Nischen, sie alle ertönen in übermächtiger Einheit zu einem rauschenden Akkord, aus welchem Münchens eigenste Seele in ihren reichen Gründen, echt wie der frische Strahl des Wasserstaubes, uns entgegenhaucht.

VI.

An einem Spätnovembermorgen sah ich zum ersten Male die Straßen von Berlin unter einem regnerischen Himmel tropfnaß und düster vor mir liegen, und musterte mit enttäuschten, übernächtigen Augen ihre graue, geradlinige Nüchternheit.

Auf meiner Fahrt vom Anhalter Bahnhof zum Potsdamer Platz war es zugleich das einzige Mal, daß ich in Berlin dazu kam, mich über Berlin zu besinnen. Ich weiß nicht, welch verzehrende Neugierde dort alsbald von mir Besitz ergriff und mich in eine Art von Gummiball verwandelte, der ohne Unterlaß von einem Ende der Stadt zum anderen flog.

Die meisten Dinge natürlich sah ich nur im Fluge.

Im Fluge machte ich dort übrigens eine, wenigstens für mich, endgültige Erfahrung: wie sehr nämlich die Wirkung, welche die Plastik auf den Laien ausübt, eine von der Malerei nicht nur verschiedene, sondern ihr entgegengesetzte ist. Allerdings haben wir bis jetzt nur Glyptotheken, welche organisatorische Probleme auf siegreiche Weise lösen. Vergleichen wir aber den Zustand von Beglückung und Rast, den wir im Pergamon finden, mit der Nervosität, dem Unbehagen, das uns bei längerem Verweilen in einer Bildergalerie befällt, so will uns dabei der Maler von allen Künstlern als der glücklichste erscheinen, weil von allen Kunstwerken Bilder am rückhaltlosesten zu einer Charakteristik ihres Schöpfers, im vollsten Sinne zu Individualitäten sich gestalten: je bedeutender zwar, desto bestimmter natürlich, desto mehr Aufmerksamkeit und Spielraum beanspruchend, auch nach außen hin, desto mehr Perspektive gebietend. Wer hätte im Louvre nicht die fast schmerzliche Empfindung einer Gioconda, fast hätte ich gesagt eines Lionardo, der hier in einem licht- und luftlosen Kerker gefangen liegt? Ich für meinen Teil kann nicht an den Giorgione im Kaiser-Friedrich-Museum denken, ohne daß mir ein kaum einen Meter davon entferntes Bild durch seine schreiende Unverträglichkeit mit dem Giorgione dazwischenfährt. Aber scheinen nicht alle Wände dieses selben Saales von laut aufbegehrenden und unzufriedenen Leuten erfüllt, deren Heterogenität uns peinigt und verfolgt, und die alle zusammen das große Tizianbild umlärmen? Auf meinem Wege zu den Rembrandts fesselte mich ein Gemälde durch den klangvollen, durchdringenden Reiz des Kolorits. Als ich aber auf dem Rückwege an diesem selben Bilde wieder vorbeiging, zog es sich bei seinem Anblick — ich übertreibe nicht — wie ein eiserner Ring um meine Schläfen, von nahezu unerträglicher Erschöpfung und Qual. Wahrlich! dachte ich, die Musik ist eine stillere Kunst als die Malerei.

Um aber auf Berlin zurückzukommen: als am siebenten Tage der Zweck meines Aufenthaltes erreicht schien, reiste ich am nächsten Morgen wieder ab. Zwar wurde mir von allen Seiten und überall auf Grund meines Behagens an Berlin lebhaft davon abgeraten. Aber hierüber, schien mir, mußte ich doch selbst am besten Bescheid wissen und packte unbeirrt meine Sachen. Zwar fand ich Berlin nicht mehr so häßlich, wie bei meiner Ankunft, eine „jolie laide“ vielmehr, mit fesselnden Einzelheiten.

Am Morgen meiner Abreise fuhr ich in einer offenen Droschke und bei dichtem Nebel noch einmal um den Schloßplatz, durch die Linden, die Wilhelmstraße, Leipziger- und Friedrichstraße, und dachte: „Berlin ist doch spannend!“ Deutlich war jetzt der Wunsch in mir aufgestiegen, es besser kennen zu lernen, als mir der vorgerückte Zeiger einer Riesenuhr ins Auge fiel und zugleich an einer Straßenecke ein Zeichen trübseliger Vorbedeutung, das, wie meiner harrend, stille stand. Nicht länger spendete ich da mehr nach rechts und nach links halb gleichgültige, halb neugierige Blicke des Abschieds. Was konnte es an diesem Morgen Verdrießlicheres für mich geben, als meinen Zug zu versäumen, nachdem ich eigens deshalb so früh aufgestanden war? Ich trieb den Kutscher zur Eile an, stürmte zehn Minuten später die Treppen des Bahnhofs hinauf, lief zum Gepäckschalter, flog durch den Perron. Kaum war ich eingestiegen, als der Zug sich in Bewegung setzte und ich in meiner glücklich eroberten Waggonecke zufrieden einschlief.

Und dann kam das Erwachen, das eine unvermittelte und grenzenlose Deprimiertheit wie mit dumpfen Stößen begleitete. Draußen starrte ein totes, träges, grelles Mittaglicht wie ein Abglanz des unerhörten Katzenjammers, der mich bedrückte. Es war doch gestern so gut wie ausgemacht, daß ich um diese Stunde nach Charlottenburg fahren und dann in ein Konzert gehen würde. Und abends wollte ich die Oper von Nicolai hören. Warum in aller Welt war ich denn fortgefahren? Ich konnte den Grund nicht finden. Es mußte irrtümlich geschehen sein, weil ich nicht wußte, daß ich noch bleiben wollte. Ich wußte nur, was ich jetzt vergebens wollte! Mit welchem Ungestüm ich die Lokomotive an das andere Ende des Zuges wünschte, und daß sie mich wieder nach Berlin zurückbrächte!

Und ich erwachte ganz.

Eine dumpfe, trübe Hitze erfüllte das Coupé. Ich stand auf, um das Fenster einen Augenblick zu öffnen. Aber mein Gegenüber, ein mächtiger, breitschulteriger Herr, sah mir, ohne sich zu rühren, mit solcher Empörung zu, daß ich es aufgab, weil der Gedanke, ihn auch noch sprechen zu hören, unerträglich war. Oh, wie mußte der seinen Enkelkindern imponieren und seiner Schwiegertochter auf die Nerven gehen! Und ich sank zurück. Aber die Reue, der leidenschaftliche Ärger über meine unbedachte und sinnlose Übereilung, brach mit der Gewalt jener unvorhergesehenen Stürme über mich herein, wie sie über Nacht, zur Zeit der Äquinoktien, Kamine wegreißen, und Steine und Ziegeln von den Dächern schleudern. Wie verträumt rauschte der Zug durch das winterliche Land, während ich unbeweglich in meiner Ecke saß. „Komm,“ sagte ich zu mir selbst, „dies ist alles nur eine ganz abnorme Übermüdung.“ — Meine Hände lagen mutlos ineinander, meine Arme waren wie mit Gewichten behängt, an meinem Herzen hing ein großer Stein, und ein anderer saß mir auf dem Kopfe wie ein Helm. Es war lächerlich. Es konnte nicht sein. „Trink eine Tasse Kaffee,“ schlug ich vor. „Sieh nur, wie müde du bist!“ fuhr ich ermunternd zu mir fort, als ich im Speisewagen mit zitternden Knien und mit aufgestützten Armen vor meinem Tischchen saß und das öde Licht, das durch die angehauchten Scheiben fiel, meine Bitterkeit noch erhöhte. Warum hatte ich nur so eilig Reißaus genommen? Es lohnte sich doch wahrlich, Berlin besser kennen zu lernen! Warum aber denn jetzt eine so ungestüme und überspannte Betrübnis? Es wurde mir immer heißer zumute, und der fade Kaffeegeruch machte mich vollends untröstlich. Ich kehrte also wieder auf meinen Platz zurück, zog den Vorhang zu, den Hut tiefer ins Gesicht, und wie nach dem Sturme der Regen einsetzt, so drängten da die ungeheuerlichen Wolken, die mein Gemüt umlagerten, leise, langsam und unaufhörlich, nach Art der Landregen sich zu lösen. Es war viel besser, daß ich mir’s eingestand: der vorschnelle Abschied von Berlin machte mir eben Beschwerden. Aber wie? Was lag mir dort am Herzen?

Ich habe jedoch schon öfters erfahren, daß persönliche Momente für unsere Abneigung oder unsere Vorliebe für einen Ort keine, oder nur eine relative Rolle spielen. Und ich kann mir nicht helfen: meine Eindrücke großer Städte verdichten sich zu einem gewiß anthropomorphen Bilde, wie es uns in der Karikatur etwa die Münchner Bavaria entgegenhält. Eine Stadt oder eine Landschaft aufzusuchen, um dort Erinnerungen nachzuhängen, stelle ich mir deshalb als ein höchst unerfreuliches Experiment von ganz besonders öder und ausgeblasener Wirkung vor. Denn der Dämon eines Ortes ist viel zu stark für die einzelne Psyche.

Daß ich mich aber durch jenen einen proletarischen Zug in der Physiognomie der Jolie Laide in meinen wirklichen Eindrücken so hatte täuschen lassen, und, während die Schärfe ihrer intellektuellen Aura mich hinriß, immer noch der Meinung war, daß sie mich nur abstieß? — Seit einer Woche ganz von ihr eingenommen und mit ihr beschäftigt, wollte ich alles kennen lernen und mir nichts entgehen lassen, jeder Einladung Folge leisten, auch wenn sie mit einer anderen kollidierte, um dann, wenn auch nur für einen Akt, schnell noch ein entlegenes Theater zu besuchen. Zwischendrin aber, sobald ich allein war, in der Droschke, der Hochbahn, oder während einer musikalischen Soiree, zog ich unverzüglich, wie aus einer geistigen Schublade, die Schlußseiten einer Arbeit hervor, die vor meiner Abreise fertig werden mußte, korrigierte und glättete daran herum, suchte fortgesetzt nach neuen Satzstellungen und Worten, und fand niemals Zeit, mich auf mich selber zu besinnen.

So war ich in meinem Element, und glücklich gewesen, ohne es zu wissen. Denn die Wagschale des eigenen Ichs, aller Gewichte persönlicher Bezugnahme ledig, war seltsam erleichtert aufgestiegen.

Ich merkte nicht, wie sehr mich hier alles Nüchterne oder Geschmacklose verdroß, welche Genugtuung mir alles Schöne, Hervorragende oder Bedeutende gewährte. Ich wußte erst, nachdem ich Berlin verließ, mit welcher Anteilnahme ich es betrachtet hatte.

Wie leicht beschlich mich sonst inmitten einer neuen Umgebung ein Gefühl der Isolierung, kalt und leise wie ein Gift! Nichts wirft uns ja so sehr auf uns selbst zurück, als das Gefühl oder das Bewußtsein, oder die Idee, unrichtig taxiert, sei es nun überschätzt oder verkannt zu werden. Diesen Berlinern aber, die mir in mancher Hinsicht viel fremder waren als Londoner oder Pariser, schien ich eine längst bekannte Nummer, und so half alles zusammen, daß ich mir selbst gänzlich in Vergessenheit geriet.

Aber derselbe Schwung, der mein Auffassungsvermögen mit so ungewohnter Schärfe nach außen wandte, währenddem er mein Bewußtsein gewissermaßen ausschaltete, stürzte mich zuletzt vor lauter Elastizität blindlings in diesen Zug.

Das Spiel war zu Ende, und der Gummiball lag im Graben.

VII.

Ein von langer, gefahrvoller Reise eben zurückgekehrter Marineoffizier, den ich in Rom in einer Gesellschaft traf, sagte mir, es berühre ihn komisch, wieder in einem Salon zu sein; der Kontrast sei noch zu heftig, er verspüre da etwas wie Seekrankheit und müsse sich erst wieder zurechtfinden.

Ich begriff das recht gut. Dicht neben uns redeten zwei Diplomatenfrauen, eine griechische und eine brasilianische, im kreischenden Französisch lebhaft aufeinander ein. In ihrer Ahnungslosigkeit lag ein so gewichtiges Etwas, daß sie das gleichzeitige Vorhandensein auf der Welt von solchen Dingen wie Urwäldern, wilden Völkerstämmen und Papageien auszuscheiden und doch a tempo daran zu erinnern schienen. Wohl mochte da das Gemüt eines soweit Heimgekehrten ins Schaukeln geraten.

Ach! man braucht kein Weltumsegler zu sein; es genügt, ein bißchen Umschau in den europäischen Städten zu halten, um bei der Rückkehr in die eigene, ich will nicht sagen das Lachen (ohne eine gewisse Verdrossenheit geht die Einsicht nicht her), aber — schmunzeln zu lernen.

Wie kurzweilig ist ein Snobismus, der uns nicht anficht! Wahrzunehmen, in welch charakteristischen Prägungen, mit welcher Bestimmtheit und wie starr er überall mit ganz verschiedenen Wertungen sich behauptet. — Ich wüßte nichts, was einen vom Snobismus gründlicher kurieren könnte, wie das Reisen.

Als einmal die Rede auf gesellschaftliche Vorurteile fiel (es war in London), fragte ich: „Und wie steht es hier mit den Juden?“ „Oh we love them!“ rief die Frau des Hauses, die eine sehr große Dame war; „they are so nice and rich!“

Nie und nimmer hätte sie geduldet, daß sich ihre Nichte mit einem Arzt verheirate; als dann ein reicher Brauer um sie freite, war von Mesalliance durchaus nicht mehr die Rede.

Es ist wahr, daß Bildung und Wissen nirgends so tief im Kurse stehen, wie bei den vornehmen Engländern. Aber man übersieht, daß ihre oft sehr krasse Unwissenheit keine ganz ungewollte ist. Sie sind so zivilisiert, daß sie glauben, der Bildung entraten zu dürfen: „It is not smart to be clever“, wurde mir in London allen Ernstes gesagt.

Ich traf dort öfters die schöne Lady Beatrix. Wer die Geste sah, mit der sie beim Tanz die Schleppe warf, der vergaß zur Stelle alle unschönen und traurigen Seiten des Lebens. Von einem ihrer Hüte sehr hingerissen, sagte ich ihr eines Tages, daß keine Frau in London deren so viele und so reizende besaß. — Tief errötend mit einem empörten Blick und ohne mich einer Antwort zu würdigen, starrte sie mich an.

Was hatte die schöne Lady gekränkt?

Es trifft sich, wie ganz London weiß, — teilte mir im korrektesten Tone einer ihrer Freunde mit, — daß Lady Beatrix infolge ihrer zerrütteten Lage als Essayeuse in einem Hutgeschäft steht. Die hohe Bezahlung, die sie dafür erhält, ermöglicht ihr die Aufrechterhaltung ihrer Stellung.

Es klang wie ein schlechter Witz. Lady Beatrix Hutmamsell, um ihr gesellschaftliches Prestige nicht zu verlieren.

„Hat sie denn nichts gelernt?“ rief ich bestürzt.

Ihr Verehrer sah mich kalt an. „Sie können Lady Beatrix doch nicht zumuten, etwa Gouvernante zu werden,“ sagte er. Ich besann mich; und mit einem Male fand ich es entschieden geistreich, daß Londons beste Gesellschaft dies Mädchen mit so großer Auszeichnung empfing. Der Boden eines Salons hatte sich — wenn man will — gesenkt, jedenfalls verschoben, und seine Anforderungen waren andere geworden. So rückständig war man nur noch bei uns zu Lande, daß man einen Salon im Sinn des 18. Jahrhunderts sich erträumte; ein solcher bringt es höchstens auf einen Jahrgang, und einen Succès de ridicule.

Denn wir betreten ihn heute, wie wir ein Eisenbahncoupé besteigen: mit Zurücklassung alles Gepäcks, höchstens mit einer kleinen Handtasche ausgerüstet. So lassen wir auch unser bagage intellectuel im Vorraum bei unseren Mänteln hängen: nur leichter Stücke, wie Schlagfertigkeit oder Witz, bedürfen wir hier. Was wir denken, wollen wir jetzt vergessen, und ausschalten, was wir wissen. Ein Salon will keine Steigerung mehr, nur eine Ablenkung vom Leben sein. Uns ist wohl, wenn nur die Lüge glücklich vertreten bleibt, wenn nur unsere Augen, unsere Sinne einen Moment der Täuschung sich hingeben können, daß unser Leben etwas Heiteres sei.

Man trifft in London und Paris und auch in Rom sehr geistreiche Leute in Gesellschaft: der Schein ist eben für die ganz Ernsten wie für die Gedankenlosen; den einen ist er Element, den anderen ein Verweilen. Der heutige Salon zerfällt in Bühne und Zuschauerraum — ungleich dem Leben, in dem Kluge wie Toren — und zwar zusammen — mitspielen müssen. Dort hingegen kann die schönste Teilung vor sich gehen: je großartiger aber der Schein, je stärker die Illusion, umso gewählter natürlich das Publikum.

Ich eile zur Pointe. — In unseren Salons stehen noch allzuhäufig — statt der Kulissen — alle Türen nach der Wirklichkeit offen, — oder doch angelehnt. Unsere Frauen sind allzu wahrhaft: der einen spricht die Sorge um ihre Kinder, oder die Mißvergnügtheit, oder die Literatur, oder gar die Schlichtheit ihrer Verhältnisse allzu deutlich aus Ton und Blick.

Wenn ich da an Lady Beatrix denke, erscheint sie mir wie ein ideales Standbild — ich sage nicht des Lebens —, wohl aber des heutigen Salons. Statt Banalitäten über hohe Themen sagte sie geistreiche Dinge über dumme Sachen. Und wie verriet sie doch mit keiner Miene die innere Zerworfenheit mit ihrem Schicksal.

Obwohl ich es noch nicht verlauten hörte, kann ich mir nicht denken, daß es nicht schon oft gesagt wurde, so sehr sticht es ins Auge: das Erbe der Griechen haben Deutsche und Engländer unter sich geteilt. Wir setzten es in unsere Gedankenwelt, und sie ins äußere Leben um. So ist Halbheit überall. Il ne nous manque que la grâce. Es ist das ganze Geheimnis unserer Unpopularität.

Neue Rundschau 1908.

BEI TAINE

Statt über das Werk den Meister zu vergessen, geht es mir oft umgekehrt. Jeder hat seine Manier, und es fruchtet nichts, es anderen nachzutun. Als ich aber das erstemal einem bedeutenden Manne gegenüberstand, spielte sie mir einen recht schlechten Streich.

Kaum erwachsen, war ich in Paris bei Taine eingeführt worden. Er wohnte in der Rue Cassette Nr. 23, einer stillen Straße am linken Seineufer. Dorthin wanderten an Dienstagen — dem Tage, an dem Taines empfingen — Gelehrte, Künstler, einheimische und durchreisende Sommitäten. Die Wohnung selbst war ohne Prunk; nichts wehte hier von wortfroher, pariserischer Eleganz, zumal die Boulevards schienen meilenweit von diesen ernsten, hohen Räumen entfernt, in welchen Taine, der Feind der Phrase, mit mehr Güte und Gelassenheit als Neugier seine Besucher empfing. Ich beobachtete ihn von ferne, wie er zwischen Arvéde Barine und Ferdinand Fabre aufmerksam, aber mehr rege als lebhaft, bald dem einen, bald dem anderen zugewandt saß. Trotz seiner weißen Haare und seines wenig robusten Aussehens machte der 70jährige nicht den Eindruck eines alten Mannes.

Als pilgernde Törin stand ich indessen gottverlassen und grenzenlos verschüchtert inmitten des Salons, als Taine plötzlich auf mich zukam. Mit einem großen Ruck hielt da mein Herz alsbald zu schlagen inne. Mein Gott! dachte ich erschrocken, da ist er ja! Taine begann nun ein Gespräch oder, besser gesagt, einen Monolog, denn ich entgegnete kein Wort. Den Blick unverwandt auf ihn gerichtet, gedachte ich, alles, was er sagte, mir getreu zu merken, wohl bewußt, daß eine solche Gelegenheit sich mir nie wieder bieten würde. Taines stilles, blasses, duldendes Gesicht, das in der Jugend, am Mittag seines Lebens, häßlich gewesen sein mochte, war im Alter schön. Wir sehen im Scheine einer verglühenden Sonne rauhe Bergesfurchen zart und träumerisch ermatten. So kann das sinkende Licht eines bedeutsamen und wertvollen Lebens Schatten von zauberhafter Anmut in ein Antlitz graben. Zwar spiegelte sich nur Mühsal, nichts in diesen erschöpften Zügen gemahnte an die Freude. Dennoch schwebte mir dies Leben wie ein voller begehrenswerter Becher vor, nach dem ich dürstend die Hand ausstreckte. Und zerbrochen, leer, glitt da mein eigenes zu Boden.

Taine sprach lange, wie gewohnheitsgemäß nachdenklich und konzentriert, während ich ihn schweigend und unbeweglich ansah. Doch als er innehielt, erfaßte mich größte Reue und Bestürzung. Denn ich gewahrte — jetzt erst —, daß seine Worte, die meinem Gedächtnis zeitlebens nicht entfallen sollten, — gänzlich an mir vorbeigeklungen waren, und daß ich keine Silbe davon vernommen, geschweige denn behalten würde. Der Eindruck seiner Persönlichkeit war zu überraschend gewesen; er hatte die Fähigkeit, auf seine Worte aufzumerken, in mir wie ausgeschaltet und betäubt. Taine selbst, seinen Gedanken nachhängend, mochte meine innere Fassungslosigkeit so wenig bemerkt haben, wie die Betretenheit, mit der ich ihn verließ. — Ihn wieder zu sehen, sollte mir nicht vergönnt sein, und schon das Jahr darauf drang die Kunde seines Todes nach Deutschland. Da war es einer seiner Schüler, der mir von der Schwermut, den inneren Kämpfen erzählte, durch welche Taines Lebensabend so schwere Trübungen erfuhr, weil der Glaube an das System, auf welches er einst mit so fester Überzeugung seine Weltanschauung gründete, in ihm erschüttert war. Daß er selbst am Ende sein Tagewerk so kritisch überschaute, von seinen eigenen Zweifeln zu vernehmen, berührte mich seltsam, fast wie eine Kunde. Ich sah ihn wieder vor mir — gesenkten, duldenden Angesichts, wie am Tage jenes verlorenen und doch so unvergeßlichen Gespräches; und mein damaliges Verhalten, der Überschwang meines Eindruckes wollte mir nicht mehr in demselben Maße töricht und unverantwortlich erscheinen. Ich weiß: ein so gesteigerter Heroenkult gilt nicht für abgeklärt. Es wird uns bei sehr vortrefflichen Menschen begegnen — (ja gerade von solchen, welche ihr Leben der Erhaltung, dem Gedeihen oder dem Fortschritt der Menschheit widmen: von Ärzten, Gelehrten, Forschern) —, daß sie der Meinung sind, der Mensch nehme sich selber allzuwichtig. Aber so berechtigt sie auch klingt, daß ein Philosoph sich rückhaltlos zu dieser Anschauung bekennt, werden wir nicht erfahren; nicht etwa, weil er hier gravitätischer zu Werke geht, sondern lediglich deshalb, weil sie keine philosophische ist.

Je typischer freilich oder je vollendeter ein Mensch, desto unvollkommener vermag sein Dasein die Fülle seines Wesens auszulösen. In dem Maß ist er ja verehrungswürdig, als er die eigenen Unzulänglichkeiten, die Unzulänglichkeit des Lebens überbietet.

„Ich sehne mich recht von hier weg,“ schrieb Goethe am 2. Juli 1781 an Frau v. Stein, „die Geister der alten Zeiten lassen mir hier keine frohe Stunde; ich habe keinen Berg besteigen mögen, die unangenehmen Erinnerungen haben alles befleckt. Wie gut ist’s, daß der Mensch sterbe, um nur die Eindrücke auszulöschen und gebadet wieder zu kommen!“

Übrigens fand mein Besuch bei Taine noch am selben Abend ein komisches Nachspiel. Von der Rue Cassette aus eilte ich nämlich nach der Rue de Verneuil. Damals setzte gerade meine Geselligkeitsphase ein, und neue Menschen interessierten mich noch namenlos. So betrat ich denn sehr verspätet und als ahnungsloser Neuling einen, trotz provinzialen Einschlags sehr typischen Salon des Faubourg. „Ich komme von Taine,“ verkündete ich gleich beim Eintritt, teils um mein spätes Erscheinen zu begründen, teils um mir bei dem Anblick einer sehr zahlreichen und fast gänzlich fremden Gesellschaft eine Contenance zu geben. Die Mitteilung schien jedoch keinerlei Echo hervorzurufen. Daraus schloß ich, sie sei überhört worden, und fing also noch einmal an, ich sei bei Taine gewesen und käme geradewegs von ihm. Jetzt unterbrach mich aber eine alte, wundervoll frisierte Dame. „Vous en êtes fière?“ sagte sie und fixierte mich mit großen, wie absichtlich ausdruckslosen Augen: „Eh bien, ma bonne petite, pour nous c’est le diable“.

Münchner Neueste Nachrichten
1905.

RANDGLOSSE ZUR PSYCHOLOGIE DER NATIONEN.

Es ist nicht anders: eine Nation fällt meist unter dieselben Gesichtspunkte wie der einzelne Mensch, der, je nachdem seine Licht- oder Schattenseiten hervortreten oder ins Auge gefaßt werden, uns höchst liebenswert erscheinen kann, oder höchst wert, daß er zu Grunde geht.

Und wo wäre heute die Nation, an der nicht hassenswerte Züge hafteten?

Ich gedenke eines dreitägigen Aufenthaltes in einer englischen Pension in Florenz, mit 45 englischen Spinsters. — In ihrer Haltung, ihren Ellenbogen, ihren fantasielosen Fingerknöcheln, dem Behagen und der Gravität, mit der sie ihren Afternoon-Tea ins Auge faßten, ihre Bröter bestrichen und über Italian Art verhandelten, feierte die englische Borniertheit wahre Orgien. Man glaubte eine weit vorgeschrittene Tumeur Nationale vor sich zu haben; und es war erdrückend, ja, es war fast spukhaft, so wenig existenzberechtigt und zugleich so lady-like zu sein!

Einige Tage später hatte ich das Mißgeschick, in Rom einer Aufführung des Tristan beizuwohnen. Der Dirigent, der das Hornsolo am Schlusse der Introduktion zum III. Akt als weinerliche Berceuse auffaßte, konnte sich an seinen falschen Betonungen nimmer satt hören und zog und dehnte sie mit wahrer Wonne immer mehr hinaus. Und als dies überstanden war, erlebte man einen, jenem Hornsolo entsprechenden, als männliche Cameliendame dahingestreckten Tristan.

Ganze Scharen hochfahrender Betrachtungen und Vergleiche drangen da unwillkürlich auf mich ein; und meine Blicke schweiften im Hause umher, wie um ein deutsches Wesen ausfindig zu machen und einen verständnisvollen Salut mit ihm zu wechseln. Denn was hatten wir für Orchester, was hatten wir für eine Auffassung, und überhaupt, was waren wir für Leute!

Allein errötend erkannte ich da gleich in meiner nächsten Nähe — in einem Aufzug, der meine nationale Eitelkeit auf das Empfindlichste verletzte, — eine deutsche Familie. Und dabei mußte ich mir zugestehen, daß diese Leute sich ebenso unverkennbar als Deutsche, wie die Spinsters der Florenzer Pension auf den ersten Blick als Britinnen sich verrieten. —

Es ist ja stets eine ungeheure Mannigfaltigkeit von Dingen, aus welchen sich in der Physiognomie einer Nation das Charakteristische gewisser einheitlicher Züge zusammenstellt. Der Schwerpunkt solcher Probleme liegt denn auch in ihren Beziehungen, so daß wir einer Lösung näher schreiten, je synthetischer wir hier verfahren; doch sind es Beziehungen, an welchen nur zu oft, durch die geringe Sichtung, welche sie bisher erfuhren, der Schein des Unzusammenhängenden haftet.

Unvermittelt erregten in mir jene deutschen Touristen lebhafte Betrachtungen über die Reformation. Und weil die Größe der Gesinnung zwar die persönliche Verantwortung, doch keine Konsequenzen deckt, erschien mir Luther als eine tragische, doch höchst unpolitische Gestalt; der Kahlheit wegen, die sich im Lauf der Zeiten in den Lutherischen Protestantismus schlich; denn es liegt seiner unkatholischen Färbung ein unkünstlerisches Element zu Grunde, vor dem sich zwar der deutsche Geist schadlos halten konnte, das deutsche Naturell aber nicht ohne bedenkliche Einbuße blieb. Im katholischen wie im protestantischen Deutschen ist heute der katholische Zug zur Temperamentssache geworden: der Lutherische Protestantismus ist einmal nichts fürs Auge!

Zeitler Almanach 1907.

CAMBRIDGE

Bevor ich England verließ, wollte ich noch Cambridge „mitnehmen“; der Ausdruck ist nicht mehr trivial, wenn man ihn bedenkt. Denn tatsächlich „besitzen“ wir die Städte, die wir sahen, und merken nachträglich — an der Bereicherung — welche Lücke es gewesen ist, das Kennenswerte nicht zu kennen.

So ist man über das konservativste aller Länder noch im Unklaren, bevor man in Oxford und in Cambridge einen Blick in die große Werkstatt warf, in der seit Jahrhunderten der Gentleman in seinem scharfen Gegensatz zum Nicht-Gentleman sozusagen fabriziert wird. Man sieht die ungeheure Wichtigkeit, welche dem englischen „student“ zuerkannt wird, wobei man freilich seine Stellung als künftigen Herrn mehr denn als gegenwärtiger Studiosus im Auge hat.

Sonst ein gutmütiges Geschöpf, lernte ich erst in Oxford und vielleicht noch stärker in Cambridge die peinvollen Empfindungen erfahren, welche der Neid auszulösen imstande ist. Und auch ein Wunsch, den ich noch nirgends hegte, stieg hier in mir auf: noch einmal zur Welt zu kommen, um an diesem beschaulichen Ort das dem Alltag so entrückte, so vollkommen unreale Dasein der englischen Jünglinge zu führen.

Wir haben ja alle Stunden, sagen wir an trüben November- oder Februarnachmittagen, wenn das Tageslicht am schalsten ist, wo uns der ganze Aufwand unseres Lebens, und die Vergünstigung, ein Weilchen in dieser fragwürdigen Welt einherzuwandeln, ein bißchen überfordert scheinen will, — Stunden, in welchen wir uns versucht fühlen, jenem früh blasierten Engländer zuzustimmen, der sich eines Tages dem ganzen Turnus unseres Tageslaufes empfahl, indem er sich eine Kugel durch den Kopf schoß, einen lakonischen Zettel zurücklassend, auf welchem als Motivierung seiner Tat die Worte standen: „Tired of buttoning and unbuttoning.“

In Cambridge aber hat keine Jahres- noch Tageszeit etwas von jenem bedrohlichen Licht. Nirgends stellt sich das menschliche Leben so von Grund auf bejahenswert und würdig dar, wie in dieser Adolescentenstadt. Jahreszahlen stimmen hier nicht mehr, und in der Verwirrung, in die hier die Zeit geraten ist, liegt aller Zauber. Es ist als hielte sie hier inne, als fluteten ihre Wellen hier nicht in die Vergessenheit hinüber. Die grasigen Höfe der Colleges haben etwas Verhaltenes; in dem Zwielicht, das hier die Gegenwart tönt, fließen seltsame Schatten ineinander. Das Vergängliche wird fraglich, Vergangenes ist zugegen, und das Leben ephemärer als der Tod.

Der Professor, der uns auf der Bahn in einer weiten Toga und einer mittelalterlichen, mit Quasten und Troddeln behangenen Kappe entgegenwallte, schien geradeswegs von der Augsburger Confession zu kommen, und die „Kutsche“, in welcher er uns nun über das schlechte, ungeebnete Pflaster poltern ließ, war aus Thackerays Jugendjahren. Aber die Schar junger Leute, die in Fläusen und Tuniken über die Straße ziehen, verwunderten mich nicht. Ein Falke an der Hand jenes halbwüchsigen Knaben mit dem nach Pagenart übergeworfenen Mäntelchen hätte mich kaum befremdet.

Den Verdacht, daß sich hier die Jugend beim Studium nicht übermäßig anstrengt, schöpft man in Cambridge sehr bald. Wer da am schönsten lernt, das sind die Lehrer. Vielleicht ist dies auch wichtiger. Daß die Jungen weiter lernen sofern sie lernbegierig sind, versteht sich von selbst, und sie werden nicht Mangel finden sich zu bilden. Die Gefahr hienieden ist ausgelernt zu haben. In dem regen Kontakt jedoch, in den hier die Meister mit den Schülern treten, ist die Lücke für den Gelehrtendünkel überbrückt. Und liegt nicht die meiste Bereicherung in dem, was der schon Erfahrene hinzulernt? Nichts ist charakteristischer für ihn selbst wie seine Beobachtungen über eine Generation, die nicht mehr die seine ist; nichts ist für die Nachwelt interessanter wie die Schlüsse, die er daraus zieht, und die Prognose, die er zurückläßt.

Ach mein Gott! wir haben doch in Europa eine gemeinsame Architektur, und alte Abteien, gotische Kirchen stehen an der Donau wie an der Themse und der Loire. Man lernte dasselbe in Cambridge, Bologna oder Salamanca, und schon in altersgrauen Zeiten zog ein Studiosus gern von einer Universität zur anderen, um sich mit seinem Wissen zugleich Kenntnisse von Ländern und Leuten zu erwerben. Wie kommt es nur, daß bei einem so regen Kontakt der verschiedenen Bildungszentren ein Collegeleben wie das in Cambridge und Oxford nicht Schule machte, und man Engländer sein mußte, um eine so traumhafte Existenz führen zu dürfen. Klöster nach einem und demselben Typ verbreiteten sich doch in der ganzen abendländischen Welt, und nur ein solches Ideal zwanglosen Zusammenlebens wurde andernorts nicht nachgeahmt und blieb das köstliche Privilegium von Cambridge und Oxford, wie die Gondel das Eigentum von Venedig.

So komme ich denn auf jene Empfindungen des Neides zurück, deren ich schon gedachte — denn es war Neid, der mich bewegte, als ich mich in den großen Clubräumen umsah und in dem Saale stand, in welchem das Parlament der Cambridger Students tagt, die sich hier in der Kunst des Redens heranbilden, wie ihnen innerhalb des prachtvollen Rahmens, der ihnen hier gewährt ist, die Kunst zu leben zur Natur wird.

Als wir dem Flüßchen entlang gingen, hatte sich das Grün der weiten Rasenflächen schon ins Bläuliche vertieft, und mit einem Male war alles Mittelalter wie ein goldener Staub verflogen; an noch viel fernere Gestade sah man sich hinversetzt. Diese Jünglinge, die rudernd oder in ihren Booten zurückgelehnt oder im Grase sitzend dem Spiel der anderen zusahen, sind wie lebendige Statuen anzusehen, und tragen sich so edel, ob sie nun frei in ihren kleinen „canoes“ stehen oder an einem Baumstumpf lehnen, als hätte ein großer Meister, der ihr Bild in Marmor festhalten wollte, sie soeben so gestellt und ihnen eben diese Haltung verliehen.

Münchner Neueste Nachrichten
6. Juni 1913.

TRAUM UND HELLSEHEN

Aber das weiß ich, solche Träume soll man nicht gering achten. Sieh, ich denke mir das so. Wenn der Mensch im Schlafe liegt, aufgelöst, nicht mehr zusammengehalten durch das Bewußtsein seiner selbst, dann verdrängt ein Gefühl der Zukunft alle Gedanken und Bilder der Gegenwart, und die Dinge, die kommen sollen, gleiten als Schatten durch die Seele, vorbereitend, warnend, tröstend. Daher kommt’s, daß uns so selten oder nie etwas wahrhaft überrascht, daß wir auf das Gute schon lange vorher so zuversichtlich hoffen, und vor jedem Übel unwillkürlich zittern. Oft habe ich gedacht, ob der Mensch wohl auch noch kurz vor seinem Tode träumt.

(Hebbel.)

Eines Tages erhielt ich in der Münchner Staatsbibliothek ein Traumbuch aus dem sechzehnten Jahrhundert zur Ansicht, und von der phantastisch reichen Flora der höchst belebten, anschaulichen Bilder verlockt, verlor ich mich darin wie in einem Zaubergarten. Auf Träume zu merken, war mir zwar bisher nie eingefallen, allein mich reizte die Poesie, die Schlagfertigkeit, welche hier fast jeder Deutung etwas Prägnantes oder Überzeugendes lieh. Der Mond, die Sonnenblume, die entfaltete wie die knospende Rose, Wind und Welle, hier schien alles zu einer zeit- und raumlosen, und doch so farbenfrohen Welt sich noch einmal zu fügen. Selbst das Leblose leuchtete da — als wie in Gold gefaßt — noch einmal auf; als ob jedes Ding, kraft eines geheimnisvollen inneren Lichtes, noch eine Art geistigen Schattens würfe. So entzückte es mich, von einer Deutung des Geißblattes, der Zuckererbse, der Nachtigall zu lesen, und eine Reihe von Auslegungen frappierte mich oder gefiel mir derart, daß ich sie auf der Stelle notierte.

Es kam, was kommen mußte; ich fing unwillkürlich mit meinen Träumen zu experimentieren an, und indem ich sie mir des Morgens ins Gedächtnis rief und die interessanten in nur mir verständlichen Hieroglyphen verzeichnete, entstand eine Art von Buchführung, die manchem gewiß sehr töricht erscheinen wird. (Aber offen gesagt, seitdem das Gescheitsein so in die Mode gekommen ist, daß ein jeder dafür gelten will, hält man es manchmal lieber mit den Dummen.) Meine Angewöhnung hatte also zur Folge, daß sich nach einigen Jahren ein sechster Sinn: ein Traumsinn ganz von selbst in mir entwickelte. Und da ergab es sich denn: 1. daß die ungeheure Heerschar der Träume — der Traum des Darius steht hierfür als der eigentliche klassische Typ — ihrer Natur nach nichts anderes als leere Trugbilder sind, 2. aber daß Zeichen, ob sie uns zwar gleich den Träumen zum besten halten und in die Irre führen können, uns nie eigentlich belügen. Was unter diesen Zeichen zu verstehen ist, läßt sich wohl nur durch Beispiele erläutern.

Ich ging eines Tages die Theatinerstraße entlang, spazierte langsam vor mir her, hielt mich auf der Sonnenseite und ließ mich bescheinen. Ecke der Ludwigstraße begegnete mir einer meiner Freunde. Die Straße lag leer vor uns und das Wetter war heiß. Eine Strecke begleitete er mich und sprach von seiner bevorstehenden Reise, dann gingen wir auseinander. Nun war ich gerade auf dem Wege zu Habermann’s Atelier, der mein Bild unternommen hatte, und langte von dem Weg in der Sonnenhitze ziemlich erschöpft bei ihm an. Als es an die Sitzung gehen sollte, klopfte es, und Habermann wurde hinausgerufen. Indes lehnte ich nochmals in meinem Sessel zurück, und, von dem scharfen Nordlicht geblendet, schloß ich die Augen.

Als ich sie öffnete, mochte kaum eine halbe Minute verstrichen sein; der Zeiger an der Uhr hatte sich nicht gerührt, und ich war noch allein. Jedoch in dieser kurzen Spanne Zeit war ich dem Augenblick so weit vorausgeeilt, daß ich mit Grauen in das Tageslicht starrte, als hätte es inzwischen vorrücken und sich verändern sollen. Nichts mußte mir ja natürlicher erscheinen, als daß mir die Gestalt des Freundes, den ich vorhin getroffen hatte, wieder vorgeschwebt war; und dies umsomehr, als jeder Gedanke an ihn, nachdem wir so flüchtig von einander schieden, mir unverzüglich entfallen war. Ich hätte also dem Traum keinerlei Beachtung geschenkt, wäre nicht das leidige, sinnlose Gelächter gewesen, das mich bei seinem Anblick befiel. Ohne jeden Grund bog und wand ich mich nämlich in diesem Traume vor Lachen, so zwar, daß ich zuletzt in gebückter Haltung mit den Armen an mich hielt, wie einer, dem vor Lachen der Atem ausgeht. Dies Gelächter aber war es, welches eine so tiefe Verstimmung, eine so öde Bangigkeit in mir hervorrief, daß ich in diesem Augenblicke viel gegeben hätte, um diesen Traum nur wieder ungeträumt zu wissen.

Der Sommer war längst vorüber, als die Nachricht von dem jähen und grauenvollen Tode jenes Freundes in allen Blättern stand. — Die Zeitung, welche die Kunde enthielt, noch in der Hand, hörte ich von draußen eine fröhliche Stimme, die nach mir rief, schnelle Schritte, die sich näherten, und ein munteres Klopfen an meiner Türe. Ich war nicht in der Laune zu öffnen, schob leise den Riegel vor und antwortete nicht; wagte aber dann keinen Schritt von der Türe weg, um durch kein Geräusch meine Anwesenheit zu verraten. Und plötzlich stand ich gebückt, mit gekreuzten Armen, um die Seufzer zurückzuhalten, die mir die Nachricht eines so bedauernswerten Todes entrang. Zugleich gemahnte es mich da an jenen vergessenen Traum, der so düster, so unwiderruflich an mein Bewußtsein angeklungen hatte.

Dies eine Beispiel soll natürlich nichts beweisen. Infolge zahlreicher Beobachtungen reizte es mich jedoch, das Spiel, oder wie man es nennen mag, weiter zu betreiben, und zu merken, wie viel, zu merken, wie unsagbar wenig Träume zu bedeuten haben; gleichen sie doch in der ungeheuren Mehrzahl von Fällen den Rohabdrücken photographischer Platten die am Tageslicht noch eine kurze Weile standhalten, um dann gänzlich zu verblassen; während die seltenen Wachträume von einer so starken Atmosphäre umhüllt sind, daß sie, dem Gehirn wie eingeätzt, vor dem wachen Bewußtsein fortbestehen, ja sich eher noch verschärfen.

Um aber auf das zurückzukommen, was ich Zeichen nannte, so ließe sich sagen — — — daß uns für die Begebenheiten des täglichen Lebens ein heimlicher, absolut zuverlässiger Nachrichtendienst zu Gebote stehen kann, eine Art chiffrierter Telegramme, die uns sehr schnell geläufig werden, auch nicht weiter aufregend, jedenfalls nicht zeitraubend sind; die Erfahrung lehrt uns aber sehr bald, daß wir sie zu bescheinigen haben. Sie lehrt uns auch alle Winkelzüge wahrzunehmen, welche im Traume zu unserer Belehrung oder Mystifizierung geschehen. Dabei kam mir häufig der Verdacht, daß ein solcher „Traumsinn“ in jedem Menschen latent vorhanden sein müsse; hatte ich ihn selbst doch nur durch Zufall in mir entdeckt und nur durch Beobachtung in mir ausgebildet.

Wenn der skeptische Franzose sagt: La nuit porte conseil, und wenn wir nach einer scheinbar traumlosen Nacht beim Erwachen nicht selten auf das bestimmteste wissen, ob der gestern noch erwogene Entschluß auszuführen sei oder nicht, so erlangten wir unsere plötzliche Einsicht doch nicht einfach dadurch, daß wir inzwischen geschlafen haben, sondern weil ein Etwas, das weidlich klüger als wir selbst und doch mit unserem Selbst aufs innigste verwoben ist, während dieser zeitweiligen Ausschaltung unseres Bewußtseins überbieten durfte. Daher das dämonisch Überlegene, ungemein Witzige mancher Traumweisen.

So ließe sich denn, falls unser Traumsinn ausgebildet ist, in der Tat behaupten, daß wir in den Tiefen unseres Gemütes durch gute oder böse Ereignisse nicht überrascht werden können, obwohl wir deshalb dem Leben nicht um einen Grad weniger ahnungslos gegenüberstehen; denn die Vorstellung erweist sich hier niemals als das Korrelat der Wirklichkeit und sowohl für die Art, wie für die Zeit, in der das Schicksal an uns herantreten wird, liegt es im Charakter des Traums, jede Andeutung zu verweigern. So mag einer über Ziel und Ende seines Lebenslaufes mit Recht sich orientiert glauben, unübersehbar dunkel liegt es dennoch vor ihm, und nur für die Richtung seines Weges ist ein Kompaß in ihn gelegt. Seine Träume nicht zu mißachten, kann daher wohl nur dem geistig Geschulten förderlich sein, denn wenn sie ihn vielleicht vor einem unnützen Tappen im Dunkeln, einer Untreue an sich selber bewahren, so wird er dabei nicht die richtige Distanz zu derlei Dingen verlieren.

Ich möchte über das Hellsehen ein Wort sagen: Es mußte mich natürlich interessieren, über diese Art des Schauens meine eigenen Eindrücke zu gewinnen, ein Interesse, das allerdings sehr bald erlahmte. Eine Zeitlang aber suchte ich jede Somnambule, die sich zufällig in meinem Bereich fand, pflichtschuldigst auf und sammelte mir so ein ganz ansehnliches Material. Nun ist mir keine, die sich ohne eine Spur von Begabung als solche ausgegeben hätte, mithin keine absolute Schwindlerin begegnet — enorm geschwindelt haben sie dabei alle. Und ich wüßte nichts, was gerade der ungebildeten Klasse füglicher untersagt werden könnte, nichts, was zugleich unzweckmäßiger und gefährlicher für sie wäre, als das Konsultieren derartiger Wesen. Der Wust von Bildern nämlich, den der in den Trancezustand Versetzte schaut, kann mit dem Wust von Bildern, die vor dem Träumenden vorüberziehen, insofern gut verglichen werden, als hier wie dort die Dinge außerhalb ihres Zusammenhanges, ihres Rahmens, ihrer Kausalität, mithin der Wirklichkeit entäußert sich darstellen. Daß hier der Unerfahrene oder der Tor — statt den Weizen von der Spreu zu lösen — das Körnchen Wahrheit, das er etwa hält, zur Ladung Unsinn häufen muß, ergibt sich von selbst. Gesetzt, er vernimmt etwas sehr erstaunlich Zutreffendes, so wird leicht in ihm die Vorstellung entstehen, als sei hier eine deutlichere, eine geschärftere Sehkraft am Werke, während es mit dem Prozeß des Hellsehens gerade umgekehrt beschaffen ist; es ist gleichsam, als würden dem hellsehenden Individuum ein paar Nußschalen hart vor die Augen gebunden; undurchdringliche Schalen, die eine winzige Spalte in sich bergen. Durch diese nun gewahrt das seherische Auge aus Zeit und Raum herausgegriffene Bilder, Punkte, die zufällig in seinen Gesichtskreis fallen, was es da sieht, mag wahr sein, oder ist wahr; der Gran Wahrheit aber, der hier erfaßt wird, verhält sich zur Wirklichkeit wie das Blatt zum Baum, wie der Baum zum Wald. Der „ganze Schwindel“ bei einem hellsehenden Wesen von gewissenhaftester Ehrlichkeit bestünde ganz auf Seite dessen, der sich das Geschaute mitteilen läßt, indem er nämlich dem wesenlos Geschauten die — meist beliebige — Wesenheit aufoktroyiert.

Nehmen wir den Fall: Heinrich VIII., Catharina von Aragoniens müde und in Anne Boleyn verliebt, hätte sich zu einer Hellseherin begeben. Aus einer Flut verwirrter, unklarer Bilder wäre da etwa am deutlichsten das eines schönen Frauenkopfes und einer Krönung emporgetaucht. Wie hätte da Heinrich VIII. es nicht alsbald aufgegriffen und vergnügt auf Anne Boleyn bezogen? Was sich indes dem seherischen Auge darbot, das war vielleicht das Angesicht der Catharina Parr, Heinrichs sechster Frau, während alles, was dazwischen lag, die schaurige Vision gestürzter, enthaupteter Königinnen sich jenem Blicke entzog. Der scheinbar nicht Betrogene und der Betrüger wäre somit kein anderer gewesen als Heinrich VIII. selbst.

Genug. Sofern Traum wie Hellsehen zur Lehre der Idealität von Zeit und Raum bedeutsame Kommentare liefern, scheint es mir unüberlegt, daß wir dies Gebiet vorzugsweise der spekulativen Ader des niederen Volkes überlassen. Hier, wie fast zu allen geistigen Problemen, haben sich wohl die alten Griechen am richtigsten gestellt. Nicht alltägliche, sondern bedeutsame Träume bedeutender Männer schienen ihnen der Beachtung wert, und nicht für die gedankenlose Masse war das Amt der Sibylle ins Leben gerufen. Da solch schwermütige Talente einmal nicht aus der Welt zu schaffen sind, dürfte es sich lohnen, sie besser auszubilden statt verrohen zu lassen, wie es geschieht. Und wenn zur eigentlichen Prosa-Marke unserer Zeit das heutige Traumbuch gehört, das seinen entsprechenden Platz in der Küchenschublade gefunden hat, so wüßte ich dagegen nichts, was antiker anmuten könnte als jener Wahrtraum Bismarcks, einige Jahre vor der Schlacht von Königgrätz, den er Jahrzehnte später in seinen „Gedanken und Erinnerungen“ beschreibt.

Neue Rundschau 1908.

AUS EINEM TRAUMBUCH