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Weihnachtserzählungen

Chapter 9: Der Wohltäter.
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About This Book

A set of winter and Christmas short stories that sketch a range of human situations in modest towns and households, from hardship and family estrangement to quiet acts of generosity. Episodes juxtapose social contrasts and private pride with small mercies, sacrifices and reconciliations, often focused on domestic detail and the pressures of poverty. The prose favors episodic vignettes and atmospheric description of weather and interiors, and it moves toward emotional clarity by showing how simple kindness or stubbornness shapes relationships and seasonal hopes.

Frau Bettis Christgeschenk.

Hastig hatte sie den Brief versteckt und die Tränen verwischt, als sie unvermutet Christine eintreten sah.

Diese war die Tochter ihres ehemaligen Brotherrn. Sie hatte die früh verstorbene Mutter Christinens mit selbstloser Aufopferung gepflegt, war dann in dieselbe ansteckende Krankheit verfallen und rang lange mit dem Tode. Seither hing Christine an der Hüterin ihrer Kindheit mit einer Liebe, die sich immer mehr verschönte und klärte, je mehr sich Christinens herbe Jungfräulichkeit entfaltete und je mehr sich ihre ausgeprägte Eigenart und frühzeitige Selbstständigkeit entwickelten und ausreiften.

Harmlos lächelnd war Frau Betti ihrem Liebling entgegengetreten. Christine aber hatte bemerkt, was die alte Frau verbarg und verbergen wollte.

»War der Brief von Rudolf?« Ein dunkles Rot stieg bei Nennung dieses Namens in ihre frostfrischen Wangen.

»Der – der Brief? A mein! Der ist ja nur vom Gärtner-Loisl! Ja! Wegen dem Blumensamen schreibt er, weißt ...«

»Ueber einen Brief vom Gärtner-Loisl weint man nicht, Betti!«

Das klang wieder in jenem bestimmten festen Tone, dem gegenüber Mutter Betti keinen Widerspruch kannte.

Schier zornig sah das alte Mutterl nach Christinen; unter Tränen aber gab sie ihr den Brief hin. Er war zerknüllt von den angstzitternden dürren Fingern und feucht von den sorggeweinten Tränen. In atemloser Spannung sah sie nach Christinen, die trotzig aufgerichtet am Fenster stand und las. Aus ihren Mienen konnten Bettis Augen keine Antwort lesen. Schweigend sah Christine, als sie den Brief gelesen hatte, in das verglimmende Abendrot. Und Betti schien es, als sei auch das frische Wangenrot des jungen stolzen Mädchens verblichen ...

Plötzlich faßte sie eine große innere Angst.

»Christine!« rief sie zitternd. »Um Gottes willn! Glaubst am End auch du, daß er schlecht wordn is, der Rudolf?«

»Nein!« Fest klang dieses Wort, aber hart, herb.

Mit großen Augen sah Betti nach ihr und wagte keine Frage mehr.

»Wie viel Geld hast du ihm schon geschickt, Betti?«

»Ach, mein Gott, laß mir die Sorg allein, Christine.«

»Nein! Ich will alles wissen! Alles! Verstehst du?«

Betroffen und forschend schaute das gequälte Mutterl in das trotzige Angesicht ihres Lieblings. So herb und starr hatte sie die lieben stolzen Züge noch nie gesehen. Langsam, als sei ihr jede Sekunde Verzögerung Gewinn, schlürfte sie zu ihrer Schublade und brachte nach längerem Herumkramen ein vergriffenes Notizbuch hervor.

»Da!« Ein Blick, der strafte und zugleich flehte, begleitete dieses Wort.

Rasch flogen Christinens suchende Blicke über die ungefügen Ziffern. Dann richteten sich die großen blauen Augen kalt und fragend – drohend fast nach dem erschrockenen Weiblein.

»Wo hast du das viele Geld her – nach alledem?«

»Vom – vom Ferdl, vom Prinz Ferdl.«

»Auf Wechsel?«

»Ich – ich glaub.«

»Wann ist der erste fällig?«

»Zu Neujahr – glaub ich.«

»Kannst du zahlen?«

»Nein!«

Strenger konnte sie am jüngsten Tage Gott der Herr nicht fragen – und gewissenhafter könnte sie ihm nicht antworten.

»Und warum hast du mir davon nichts gesagt?«

Darauf hatte Frau Betti nur Tränen. Christine verstand sie. Milder und leiser fragte sie:

»Und was willst du ihm jetzt schreiben – deinem Sohn?«

»Mein Gott, was soll i denn tun? Krank is er, schreibt er – und Ehrenschulden solln 's sein. Da wird wohl schier nix anders übrig bleiben, als daß i dem Prinz Ferdl die Kuh ...«

»Und zu Neujahr nimmt er dir dein Häusl weg und wirft dich auf die Straße hinaus!«

Das waren Worte, die schwerer trafen als Steine. Ihr ganzer Ueberraschungsschmerz, ihr ganzes namenloses Staunen und Herzleid blickte Betti aus den starrenden Augen – sprechen konnte sie kein Wort. Und er fand den Weg zu dem herbverschlossenen Herzen Christinens, dieser angststarre flehende zürnende Mutterblick. Aber sie gab dieser warmen Regung nicht nach und sagte in festem Tone:

»Die Kuh, Betti, kaufe ich! Die 300 Kronen, die er wieder haben will, bring ich ihm selbst! Ich fahre morgen nach Wien, die Weihnachtseinkäufe zu besorgen.«

»Du – du willst ...?!«

»Ja! Dich will er doch gar nicht haben in Wien! Du hast 's ja doch gelesen!«

Rasch war sie aus dem Zimmer gegangen, schwer und ächzend war die Tür zugefallen.

Sie, die bisher nur Liebe und Güte war gegen Frau Betti, ließ nun das verzweifelte alte Mütterchen in Bestürzung zurück und in bitteren Tränen.

Bettis einfältiger Geist konnte die Lösung dieses Rätsels nicht finden, ihr schlichtes Gemüt sie nicht ahnen.

Christine ging rasch über den knisternden Schnee. Lüge und Heuchelei hatte aus dem Briefe gesprochen – aus dem Briefe des Sohnes an die Mutter, einer Mutter, die an ihren Sohn glaubt wie an Gottes Wort. Aus dem Briefe des Mannes, dem sich ihre Seele längst heimlich in einer Liebe erschlossen hatte, gegen die sie ankämpfte mit all ihrem Stolze und ihrem ganzen beharrlichen Trotze – und der ihr Herz doch immer wieder unterlag, wie sehr sich ihr trotziger Geist auch aufbäumte und ihr Stolz sich wehrte.

Sie wußte es längst, daß er in leichtfertige Gesellschaft geraten war, sie hatte ihn verteidigt gegen den erzürnten Vater, der ihm reiche Stipendien für seine Studien verschafft hatte und nun schon zwei Jahre vergeblich auf den Chemiker wartete, den er für seine Fabrik so notwendig brauchte. Sie hatte ihn verteidigt gegen die Anschuldigungen, die die »lieben Nachbarn« der Mutter hinterbrachten, sie hatte die gute Betti in ihrem Glauben an den Sohn bestärkt – weil sie selbst an ihn glaubte. Und dieser schöne beseligende Glauben war jetzt jäh und unvermutet in ihr zusammengebrochen.

Durfte sie den vorschnell gefaßten Entschluß, ihn aufzusuchen, um ihn wenigstens für die Mutter zu retten, auch wirklich ausführen? Es konnte gut sein für ihn und für das arme alte Mutterl. »Das erkannte Gute aber soll man ausführen, je eher, desto besser.« Das war einer der letzten Aussprüche ihrer sterbenden seelengroßen Mutter. Danach hatte sie immer gehandelt – und wollte es auch jetzt tun.

Und diesem starken Zuge ihres Wesens folgte sie auch unbedenklich, als sie, an der Gartentür des alten Prinz vorübergehend, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt wurde. Rasch war sie an der Tür des Geldmaklers und klopfte entschlossen an. Prinz, ein hagerer langer Mann mit ausgesprochenem Habichtgesichte, war allein und seine Neugierde, was denn des reichen Fabrikanten und Bürgermeisters stolze Tochter bei ihm, dem »armen Bauer«, wolle, bald erfüllt. Nach vielen Ausflüchten und Beschwörungen legte er Christinen endlich die vier Wechsel Bettis vor. Christine rechnete zusammen. Dann schaute sie großstaunend und zornig nach dem gekrümmt dastehenden Prinz.

»Das sind ja zweitausend Kronen, Herr Prinz!«

»Zu dienen, gnädigstes Fräulein, netto tausend Gulden.«

»Sie haben aber der alten Frau nur fünfhundert gegeben!«

Prinz begann nun zungengeläufig zu erzählen, was er der guten Betti noch alles gegeben haben wollte. Christine legte anstatt aller Antwort die vier Wechsel aufeinander, zerriß sie in zorniger Hast, schritt zum Ofen und warf die zerknüllten Fetzen in das flackernde Feuer.

»Um Gottes willn, was haben Sie getan?«

»Sie vor der Anzeige wegen Wucherei gerettet!« entgegnete Christine scharf. »Morgen fahre ich nach Wien und verkaufe meine Obligationen – und übermorgen haben Sie Ihr Geld. Bereiten Sie eine Quittung über 1100 Kronen vor!«

Damit ging sie. Während sie raschen Schrittes auf ihr Vaterhaus zueilte, stand der »arme Bauer« noch immer händeringend vor dem gierig flackernden Feuer. Gerade auf sie hatte er bei Einlösung seiner geliebten »Papierln« gerechnet. Und nun ...

Klopfenden Herzens, aber mit schweren, seltsam müden Füßen stieg Christine nächsten Tages die drei Treppen zu Rudolfs Wohnung hinan. Zwei Jahre hatte sie ihn nicht gesehen, ihn, der der Gespiele ihrer Jugend und die Sehnsucht ihres Herzens – gewesen war. In diesem Augenblicke empfand sie nichts als Zorn und Verachtung gegen ihn. Ein Mann – und schwach! Zweimal hatte er mit Hilfe der reichlichen Stipendien in den Ferien Studienreisen ins Ausland gemacht und sich nicht gekümmert um Heimat und Mutter – und sie, die ihn so sehnlich erwartete, wohl längst vergessen.

Entschlossen trat sie in das halbdunkle Vorzimmer. Lautes Stimmengewirre und übermütiges Lachen aus jungen Kehlen klang hinter einer der Türen. Jetzt hörte sie einen sagen, einen mit einer kreischenden Stimme:

»Na, was ist's denn mit 'm Geld, Rudolf? Rührt sich deine Alte noch allweil nit?«

»Weiß der Kuckuck!« darauf Rudolfs tiefe klangvolle Stimme. »Ihr Bankier scheints, ist auf einmal knauserig wordn!«

Unter dem »Bankier« verstand er offenbar ihren Vater oder gar – sie! Ein schneidendes Weh ging für einen Augenblick durch ihre junge Seele. Dann aber erstarrte alles in ihr im zornigen Trotze. In diesem Gefühle trat sie entschlossen ein – hochaufgerichtet, starr. Die ganze Gesellschaft schien zum Ausgehn fertig und empfing sie mit mehr verlegenen als staunenden Blicken und einem kaum unterdrückten »Ah!«

Rudolf stand einige Augenblicke verblüfft und verwirrt da. Dann griff er nach der zierlichen Studentenmütze und stotterte:

»Fräulein Christine – was verschafft mir ...«

»Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Herr Frühbach, und zwar allein!« Das klang so bestimmt, mit so viel verhaltenem Zorne in der Stimme, daß die vier fünf Herrchen nach einigen unbeholfenen Worten verdutzt abzogen.

Erst draußen im Vorzimmer fielen in taktlos lauter Art einige anzügliche Bemerkungen, die Christinen das Blut in die zornbleichen Wangen trieben.

Rudolf hatte rasch aber mit unverhohlenem Widerwillen seinen Ueberrock abgelegt und lud die ungebetene Gastin mit einer gezwungenen Handbewegung zum Sitzen ein. Sie lehnte ab.

»Ich komme von Ihrer Mutter. Sie haben von ihr Geld entlehnt und fordern für die Weihnachten neuerdings Geld und zwar unter dem Vorwande, krank zu sein und Ehrenschulden ...«

»Entschuldigen Sie, Fräulein – kommen Sie im Auftrage meiner Mutter oder ...«

»Einerlei! Ich frage nicht und habe auch kein Recht, Sie zu fragen, zu was Sie das Geld brauchen. Aber ich sage Ihnen, daß Sie Ihre Mutter in die Hände des alten Prinz getrieben haben, daß die Arme eben daran war, ihr Letztes, ihre Kuh ...«

»Ja, aber hat Ihnen denn meine Mutter nicht ...«

»Was?«

Er sah sie forschend und unsicher an.

»Sie meinen wohl, ob sie nicht das Geld von meinem Vater oder von mir entliehen habe?«

»Ja, aber sie hat mir doch ...«

»Sie irren, Herr Frühbach! Ihre Mutter hat mehr Schamgefühl, als Sie ihr zutrauen!«

»So lassen Sie mich doch ...«

»Und mehr Charakterstärke, scheints, als Sie! Schämen Sie sich, Herr Frühbach!«

»Was gibt Ihnen ein Recht, mich abzukanzeln wie einen Schuljungen?«

»Meine Liebe zu Ihrer Mutter und mein Erbarmen mit dem Schmerz, den Sie ihr bereiten!«

Er senkte die zornfunkelnden Augen.

»Daß Sie es wissen: ich selbst bin hinter all das gekommen – gegen den Willen Ihrer Mutter. Und ich habe sie aus den Händen des alten Wucherers befreit. Und hier sind die geforderten 300 Kronen. So. Jetzt sind Sie mir 1400 Kronen schuldig, Herr Frühbach! Und ich will hoffen, daß diese Ehrenschuld den Vorzug vor allen anderen haben wird!«

Im Innern zitternd wie im heftigsten Frostgefühle, hatte sie das Geld auf den Tisch gelegt und wollte nun rasch zur Tür hinaus, unfähig zu ermessen, daß sie den eigentlichen Zweck ihres Wagnisses nicht erreicht – ja kaum angestrebt hatte.

Er vertrat ihr, bebend vor Aufregung, den Weg.

»Was wollen Sie noch von mir?!«

»Ich muß Ihnen doch – danken, Fräulein ...«

»Wollen Sie mich verspotten? Was ich tue, geschieht für Ihre Mutter! Und wenn Sie noch einen Funken Ehrgefühl und Kindesliebe ...«

»Sprechen Sie das nicht aus! Schlecht bin ich nicht – noch bin ich es nicht!«

»Sie haben gelogen und geheuchelt – der Mutter gegenüber!«

»Ja!« Er senkte den Kopf. »Aber es geschah nur im Leichtsinn, im grenzenlosen dummen Leichtsinn der Jugend ...«

»Das nennen Sie bloß Leichtsinn?«

»Ja! Sie haben recht – es war schlecht von mir! Ich fühle das erst jetzt durch Sie ... Bedenken Sie, ich bin aus engen ärmlichen Verhältnissen plötzlich in die Freiheit geraten – in diese Freiheit und in diesen Sumpf ... Aber ich will mich aufraffen – bei Gott, ich will mich aufraffen ...«

»Und wenn die wieder kommen – Ihre »Freunde«?«

»Die sollen keine Macht mehr haben über mich!«

»Glauben Sie?«

»Zweifeln Sie an mir?«

»Ja!«

»Ich werde es Ihnen beweisen!«

»Durch Taten, Herr Frühbach!«

»Ja durch Taten. Ich werde das Geld, das ich Ihnen jetzt schulde, selbst verdienen, ich werde arbeiten und meine letzten Prüfungen machen. Und ich will Ihnen als anständiger, als ganzer Mann wieder entgegentreten oder nimmermehr in meinem Leben!«

»Das wäre ein Sieg über sich selbst, Herr Frühbach! Dazu gehört viel Stärke!«

»Trauen Sie mir diese Kraft, trauen Sie mir diese Willensstärke nicht zu, Fräulein Christine?«

Er hatte sich aufgerichtet. Seine Augen sprühten und drückten doch zugleich eine große Seelenpein aus: sie fühlte ahnungstief, daß sie mit ihrer Antwort über ein Schicksal entscheide. Langsam richtete sie ihr Auge voll auf ihn und sagte fest:

»Ja!«

»Ich danke Ihnen!« Er war vor ihr niedergesunken und küßte stürmisch ihre Hände. »Sie sind wie ein guter Engel in dieses Zimmer gekommen – zur rechten Stunde! Eben wollte ich fort und hätte wohl die größte Torheit meines Lebens begangen – Sie haben mich gerettet!«

Er schwieg erschüttert. Sie stand betroffen da und wagte keine Regung, fand kein Wort.

»Sie haben mich verletzt, Fräulein Christine – und ich danke Ihnen dafür! Sie haben mich beschämt und gedemütigt ...« Er erhob sich langsam und sprach in tiefster Seelenregung: »Ich habe mich benommen wie ein toller Junge, wie ein Knabe habe ich mich benommen – können Sie mir verzeihen ...«

»Sie müssen erst die Tat ...«

»Ja, Sie haben recht. Ich bin nicht wert, zu Ihnen aufzuschauen ... Sie sind so rein und so innerlich stark – so jung noch und schon so tief und fest in sich gefügt ... Ich aber ...«

In Christinens Auge war wieder Wärme gekommen und eine unendliche Milde in ihre zitternde Stimme.

»Ich werde Ihrer Mutter sagen, daß Sie krank gewesen sind, schwer krank. Doch jetzt – jetzt seien Sie auf dem Wege der Genesung ... Und werden genesen ... In kurzer Zeit ganz genesen ...«

»Christine!«

Er war mit ausgebreiteten Armen auf sie zugestürzt. Sie aber hatte rasch das Zimmer verlassen und floh über die Treppe hinab in nieempfundener Aufregung. In ihrem Gesichte waren die strengen herben Linien, die Trotz und gewaltsame Beherrschung gezogen hatten, noch nicht verschwunden – aus ihren Augen aber strahlte und leuchtete schon das ganze tiefe neuerwachte Glück in ihrer Seele ...

Er aber warf sich auf das Sofa und stöhnte:

»O, was war ich für ein Narr! Ich hab sie von mir gestoßen – die Reine! Wie meine Kindheit ist sie zu mir gekommen, wie mein besseres Selbst ...«

Als er sich nach langem Sinnen und Ergründen seiner selbst endlich erhob, stand in seiner Seele die Erkenntnis fest: sie zu erringen, sei der Weg zu seiner Rettung – und zu seinem Glücke ...

Am Weihnachtsabend des nächsten Jahres erhielt Christine einen großen Brief von Rudolf. Er enthielt die selbstverdienten 1400 Kronen und die Mitteilung, daß er seinen Chemiedoktor gemacht habe. Sonst, außer warmen Dankesworten – nichts weiter.

Mit seltsam erregten Gefühlen ging sie am Abend zu ihrer guten alten Betti hinüber. Die stand im vollen Lichterglanz des Weihnachtsbaumes und neben ihr stand, jugendkräftig und vollbärtig – Rudolf, ihr Sohn.

Verwirrt blieb Christine auf der Schwelle stehn. Frau Betti aber eilte ihr entgegen, so schnell es ihre alten Beine vermochten, sank vor ihr nieder und weinte Tränen auf die Hände der wonnevoll Ueberraschten.

Verwirrt und errötend zog Christine das ganz fassungslose Mutterl empor.

»Er hat mir alles gesagt!« rief Betti schluchzend aus. »Ich schäm mich so sehr und bin so glücklich – Gott verzeih mirs! Ich bin so sündhaft glücklich!«

Jetzt kam zögernd auch Rudolf herbei. Tiefgesenkten Hauptes blieb er vor Christine stehn.

»Herr Doktor ...«

Er schaute auf und schaute froherschrocken in ihr strahlendes feuchtschimmerndes Auge.

»Herr Doktor – Sie haben Ihren Beweis erbracht!«

Langsam ging sie, unfähig, den Blick von ihm zu wenden, auf Rudolf zu. Mädchenhaft zögernd reichte sie ihm die Hand zum Gruße.

Er beugte sich langsam und schier ehrerbietig über die kleine tapfere Hand und küßte sie fast feierlich-ernst. Wirr und mit unbezwinglichem Befremden hob sie ihren Blick zu ihm auf. Und tief drinnen in diesem scheuen Blick konnte er selig erschauernd eine bange heiße zitternde Frage lesen.

Im jähen Jubelsturm seiner Gefühle preßte er ihre Hand an sein pochendes Herz. Und willenlos sank sie tief errötend an seine Brust ...

Als sie dann später die Geschenke besahen, sagte Rudolf beglückt zu dem ganz wonneseligen alten Mutterl:

»Das schönste Geschenk hast doch du bekommen, Mutter: Christine hat mich dir als guten Menschen wiedergegeben!«

Frau Betti aber sah leuchtenden Auges zu ihm und zu Christinen auf und meinte mit stillem Lächeln:

»Die Mutter möcht ich kennen, die heut glücklicher ist als ich!« –

Der Wohltäter.

»Einen Armen!« rief Dr. Fritz von Fritzburg zur Tür seines »Salons« hinaus. »Frau Schwammerl, wissen Sie mir keinen Armen? Einen verschämten würdigen, recht braven Armen?«

»Wa–as?«

»Einen Armen sag ich! Ich will heut Wohltäter spielen!«

»Wohltäter spielen?«

»Bitt Sie um Gottes willen, Frau Schwammerl, schaun S' nicht so rührend verständnislos drein! Ich will heut am Weihnachtsabend einen würdigen Armen beschenken – verstehn Sie?«

»Versteh schon! Aber warum denn?«

»Ja, so verstehn Sie immer alles!«

»Bitt schön, Herr Doktor.«

»Na na!«

»Sie haben aber doch gesagt, daß Sie zur Tante Hildegard gehn wern.«

»Und dort mit der süßen alten Jungfrau Whist spielen! Brr! Lieber soll sie mich enterben! Hab auch so zu leben – Gott sei dank!«

»Ja, aber zur »Pfeife«!«

»Sie wollen also durchaus jede edle Neigung in meiner Brust ertöten?«

»Aber, Herr Doktor! Ich bitt Sie!«

»Na also, dann ...«

»Ja, aber Ihr lieber Freund Brugger wird gwiß bei der »Pfeifn« auf Sie warten!«

»Mein lieber Freund Brugger wird eben nicht bei der »Pfeife« auf mich warten. Und die, die heute bei der »Pfeife« auf mich warten, auf die pfeif ich.«

»Ja aber, wo ist denn der Herr Brugger heut?«

»Eingesponnen hat sich der Unglücksmensch.«

»Wa – as?«

»Eingesponnen hat er sich!«

»Bitt schön, was ist denn das, »eingesponnen«?«

»Wie sich eine Raupe einspinnt, das wissen Sie wohl?«

»Zu dienen, Herr Doktor!«

»Na sehn Sie, bei uns Junggesellen ist das umgekehrt: der flotte freie Falter »Hagestolz« spinnt sich ganz unvermerkt ein und kriecht eines Tages als abscheuliche Raupe »Ehemann« vor uns andern herum.«

»Is aber das grauslich!«

»Nicht wahr?«

»Warten Sie nur, warten Sie nur, bald spinnen Sie sich auch ein!«

»Ach lassen Sie jetzt das Variieren klassischer Zitate und verschaffen Sie mir lieber einen recht netten Armen – eine ganze Familie meinethalben! Ich hab keine Zeit mehr zu versäumen – es ist ja schon halb sechs!«

Er verschwand wieder in seinem »Salon«. Mit gehobenen Gefühlen sperrte er seinen Schrank auf, um daraus das nötige Geld zu entnehmen. Dabei pfiff er leise. Ja ja, er war ein Mann, der im Bewußtsein seines vollen Schrankes auf alles pfeifen konnte: auf seine Stellung als Ministerial-Vizesekretär, auf die ganze Welt. Er »diente« nur »um etwas zu sein«. Die Arbeit war ihm ganz Nebensache. Und solche Herren Ministerialbeamte brauchten auch gar nicht zu arbeiten. Es genügte, wenn sie alle Monate ihren Gehalt behoben, täglich dem Amte einen kurzen Besuch abstatteten, die anderen, die Arbeitsbienen, in ihrem Fleiße aufhielten und sich im übrigen der »Gesellschaft« widmeten – und dem Vergnügen! So einer war der Doktor von Fritzburg. Und es war schade um ihn. In seinem Innern war er immerhin ein besserer Mensch, als all die »feinen« seichten Kerle, mit denen er in Verkehr stand – als all die koketten seelenleeren und nichts weniger als spröden Damen, denen er den Hof machte – wenn's ihn just freute! Ja! Einem echten Weibe war er eben noch nicht begegnet, der eitle Fant.

Als er gedankenvertieft – ein ganz ungewöhnlicher Zustand bei ihm! – durch die Straßen schritt, fiel ihm plötzlich der Müller ein. Der war etwas Einzigartiges von einem Menschen gewesen in seines Vaters vornehmem Hause. Eine Art »Mädchen für alles«. Er klopfte Teppiche, machte alle Gänge, schleppte unglaublich große Lasten und war immer voll Humor – »an echta Weana.« Dieser prächtige Kauz wurde aber ganz plötzlich von der Köchin des Hauses eingefangen und von der Stelle weg geheiratet. »Aus dem Menschen will ich schon was machen!« hatte die Agnes damals mit unglaublicher Zuversicht gesagt.

»Na, was wird sie wohl aus ihm gemacht haben?« dachte Doktor Fritz spöttisch lächelnd, als er dieser Erzählung seiner verstorbenen Eltern gedachte. Er hatte sie, solange Mama lebte, zu Weihnachten stets aufgesucht, die arme kinderreiche Familie. Seit Mutters Tode aber ... Na, du lieber Gott! Ein junger lebenslustiger Mann hat eben anderes zu tun! Heute aber, heute will er wieder erscheinen bei den armen Teufeln – als Engel des Wohltuns! Als großmütiger Geber, ein Spender, ders tun kann!

Wie sie da schauen werden die beiden Alten und der Rudi, der Pepi, der Poldl, der Gustl, der Franzl und ... noch einer – na! Ist gleich! Und die kleine Mizzi! Ja, das war wirklich ein herziger Schneck gewesen, das!

Schon stand er in einem »Basar«, Abteilung »Kinderspielsachen«. Puppen, Schaukelpferd, Trommel, Hampelmännlein, Wurstel und der lieben lustigen Dinge mehr, waren bald gewählt.

»Aushalten!« rief da Doktor Fritz plötzlich. »Aushalten!«

Verblüffte staunende fragende Blicke der dienenden »Feen«.

»Ich kann das alles nicht brauchen. Bitte etwas für – Erwachsene!«

Er hatte in seinem schönen Eifer nämlich vergessen, daß die »armen Kleinen« mittlerweile ja auch groß geworden sein mußten – »Rudi« und »Pepi« mußten sogar älter sein als er! Vielleicht auch der »Poldl«.

»O bitte sehr!« sagten die »Feen« und wiesen nach einer Glastür. Er trat ein und stand in der Abteilung für »Erwachsene«.

»Das geht ja wie im Märchen«, dachte sich Fritzburg. Rasch, nervös, ohne viel Bedenken wählte er.

»Aber Zigarren!«

»O bitte sehr!« sagte nun die »Königin« der »Feen« – sie gefiel ihm! – »Johann, holen Sie dem Herrn Zigarren von drüben!«

»Der Herr« unterhielt sich einstweilen in seiner eroberungslustigen und siegessicheren Weise mit der »Feenkönigin«.

»Jetzt aber einen Wagen!«

»O bitte sehr! Johann, besorgen Sie dem Herrn einen Wagen!«

»Fiaker? Komfortabla?«

»Alles eins!«

Der Doktor machte der »Feenkönigin« das Kompliment, daß sie nicht nur zaubern, sondern auch bezaubern könne. Und ehe der grinsende Johann mit dem Wagen erschien, hatte er ein Stelldichein erwirkt. Ja, er war eben »ein verfluchter Kerl!« Ihm konnte keine widerstehn! Keine? Hm! Nun ja! Vor kurzem hatte ihn eine gründlich ablaufen lassen im Abenddämmer drüben im Stadtpark. Dumme Gans! Auch die wird nachgeben müssen! Er hatte es sich in den Kopf gesetzt! Sie konnte ihm nicht auskommen – er kannte ihren täglichen Weg.

Der Einspänner, den Johann »brachte«, trat ein und fragte:

»Is weit, gnä Herr? I bin um siemi bstöllt.«

»Weit? Himmel Herrgott! Wo wohnen denn diese Leut nur gschwind!«

»Ja i waß nit!« sagte der Rosselenker »feanzerisch«. Die Feen lächelten.

»No wirds?« fragte der Kutscher jetzt schon ungeduldig. Als dem verzweifelten Doktor noch immer keine Adresse einfiel, schnalzte der Fahrgewaltige laut mit der Zunge und sagte lakonisch: »Dann suachn S' Ihna an andarn! Wüha Bräunl!«

»Halt! Also fahrn ma halt!«

»Nach Nußdorf naus?«

»Na, ins nächste Kaffeehaus! Dort werd ich im »Lehmann« nachschaun.«

»Den »Lehmann!« Wohnungsadressen!« rief Doktor Fritzburg dem händereibenden Kellner im »nächsten Kaffeehause« zu.

»Schackerl, den »Lehmann!« Was belieben sonst?«

»Was Sie wollen!«

Der »Lehmann« kam.

»Ma – Me – Mi – Mo – Mü – – Müller!«

So! Zwei – drei Spalten voll »Müller!«

Wie hieß jener Müller nur? Richtig, Josef! Zehn – fünfzehn – zwanzig »Josef Müller«!

»Daß der Unglücksmensch aber auch Müller heißen muß!« rief der gepeinigte »Wohltäter« halblaut vor sich hin und schlug mit der Faust auf die unglaublich vielen »Müller« ein.

»Was manan S' denn für an Müller, Herr Nachbar?«, fragte jetzt ein behäbiger Herr vom Nebentische sehr freundlich.

An der Tür erschien aber schon das unheimlich große runde blaurote Gesicht des ungeduldigen Einspänners.

»Gnä Herr, Zeit is! I vasam sunst mei bstöllte Fuahr!«

»Gleich! Gleich! Welchen Müller, fragen Sie? Ja, mein Gott! Sie kennen ihn ja doch nit!«

»No, sagn können Sies ja doh! Dös kost ja nix! I kenn nämli an Josef Müller.«

»Der, den ich meine, hat eine Menge Kinder: Rudi, Pepi, Poldl, Gustl, Franzl und ein Mäderl, Mizzi heißts.«

»Und a Frau, geltn S', a recht a riegelsame resche Frau, die nach jedn zehntn Wurt sagt: »No wia-r-i halt sag!«

»Ja, die is! Die ists!«

»Na, alsdann! Warum sagn S' denn dös nit glei?«

»Bitte, wo wohnt denn der Mann?«

»In Margaretn drentn, wo er schon seit dreißg Jahr wohnt. In der Gartengass'n Numaro 5.«

»A, richtig ja!«

»No also! An andersmal mirkn S' Ihna die Adreß von Ihnari Kundschaften besser!«

»Der Kerl schaut mich gar für einen Ladenschwengel an!« dachte der gute Doktor erheitert und doch ein wenig gekränkt. Seine Intelligenz war beleidigt worden.

»Fahr ma, gnä Herr?«

»Ja, fahr ma!«

»Nit amal bedankn kann si der Lackl!« rief ihm der gefällige Auskunftgeber laut und zornig nach.

Nun mußte der durch den Einspänner rasch hinausgedrängte »Wohltäter« hell auflachen. Mit Aufwand aller Beredsamkeit und Anpreisung eines »aber schon sehr feinen Trinkgeldes« konnte er den brummigen Kutscher bewegen, noch vor einer Delikatessenhandlung stehn zu bleiben. Als sie endlich in der stillen Gartengasse anlangten, schneite es lustig.

Der Hausmeister erschien dienstbeflissen und half die schwere Menge »Packln« hinauftragen. Hinauf? Ja, die Müllers wohnten jetzt im ersten Stock! »Na freilich, in so einem Haus kann man sich das schon leisten!« dachte Fritzburg etwas hochmütig. Als aber der durch das Trinkgeld geradezu liebenswürdig gemachte Hausmeister in das dunkle Vorzimmer hineinrief: »Gnä Frau! Gnä Frau! Es is wer kumma!«, war ihm das denn doch zu viel. Die ehemalige Köchin – »gnä Frau!« Er hätte beinahe laut aufgelacht, hatte aber dazu keine Zeit finden können: durch die rasch aufgerissene Tür stürmte eine ziemlich groß gewachsene Frau auf ihn zu und drückte ihm mit dem hellfreudigen Rufe: »Grüaß di Gott, Gustl!« einige kräftige Küsse auf die Lippen, daß es nur so schmatzte.

»Aber Frau Müller! Was tun S' denn?«

»Jessas Maria! Wer is eppa denn?«

»Ich bins! Wissn S', der Fritzburg, der kleine Fritzerl aus der Maximilianstraße.«

»Was? Der klane Fritzl? Den i auf'n Händn tragn hab, und der allweil in Lutschl nöt mögn hat und allweil »Mima« statt »Mama« gsagt hat? Na wia-r-i halt sag!«

»Ja, der!«

»No, is aber dös liab von Ihna! Da muß i Ihna ja glei noh a Bußl gebn!«

»Halt! Sie zerbrechen mir ja alles! Da schaun S' her!«

Nun ging ein Fragen los, ein Bewundern und Verwundern, ein Lachen und Freudengeplapper, ein Gerührtsein und verzücktes Schluchzen. Das besorgte alles Frau Müller – der gute Doktor brauchte bloß zu staunen, rang nach Atem und wünschte in Gottes Namen lieber bei der etwas weniger lebhaften Tante Hildegard zu sein oder wenigstens bei der »Pfeife«. Wie da loskommen?! Und wenn die andern auch so, so – »lebhaft« wären! Du lieber Gott!

Um den Sturzbach ihrer Rede wenigstens abzulenken, fragte er nach den »Kindern«.

Da erfuhr er denn zu seinem sprachlosen Erstaunen, daß der »Rudi« nicht etwa ein armer Taglöhner oder Dienstmann, sondern – Professor sei. Der habe ein recht liebes Frauerl, »das kan Stolz net kennt.« Der »Pepi« aber – der Medizin-Doktor war, habe eine, die so »gar net zu uns paßt«. »Liawi Kinderln« aber hätten sie beide. Nur seien jene des Professors »so viel brav«, während die vom »Pepi« »grad tun, als warns die reinen Grafn«. Der käme auch seltener zu ihnen, der »Pepi«. Er tät schon mögn – aber ... »Ja, mein Gott, a Doktor braucht a reichi Frau! No, wia-r-i halt sag!«

»Na und der Poldl – der Leopold, wollt ich sagen?«

»Ja, der Poldl!« Die Mutteraugen leuchteten. Der sei Elektrotechniker, gut angestellt und so tüchtig, »daß 's a wahre Freud is.« Der Gustl hingegen sei Bahnbeamter – und den habe sie eben jetzt erwartet. Er müsse jeden Augenblick kommen.

»Und der Franz?« fragte Fritzburg immer gespannter.

Der Franz war »Wasser-Inschenir« beim Magistrat – »aa a ganz tüchtiger Kampl.«

»Und der – wie heißt der kleine Jüngste?«

»Den Edi meinen S'?«

»Ja, den Edi! Richtig, Edi!«

»Ach der! Der macht uns wohl a kleins bißl Sorgen.«

»Ist er leicht gar mißraten?«

»A beilei! Aber a wengerl flott is er halt! Er is noh Student, wissn S' auf der Universität.«

»Na, das macht nix – Ihre Kinder können gar nit schlecht sein!«

»Das is schon richti,« sagte Frau Müller einfach und seufzte leise auf. »Aber a Schlankl is der Edi doch – wissn S', er tut dichten!«

»Aha! Deshalb!«

»Ja, die Dichter sein halt alle a weng »Lumpn« – und dös fürcht i halt!«

»Aber Frau Müller! Und was ist es denn mit der Mizzi, der Ganz-Jüngsten?«

»Ja, die Mizzi! Ja, die Mizzi!«

Dem Herrn Ministerial-Vizesekretär wurde es förmlich warm ums Herz, als er das glückliche Mutterantlitz betrachtete, das lächelnde, das freudestrahlende Mutterangesicht. Wie lange, lange ists her, daß er nicht mehr in das liebe sanfte Angesicht seiner Mutter schaute? Ach ja!

»Was ist denn die?« fragte er warmfühlig.

»Die? Die ist Bürgerschullehrerin! Sie, Herr Doktor, die müssn S' sehn! Da wern S' schaun!«

»Ist sie so hübsch?«

»Ach was, »hübsch«! Pah – »hübsch«! Eine Schönheit is 's! Marand Josef! I versünd mi ja grad! No wia-r-i halt sag!«

»Das is ka Sünd, Frau Müller. Und wissn S' – schöne Mädls, die seh ich auch gern – ja-a!«

»Glaubs schon. Aber das sag ich Ihnen glei: spassn laßt die Meine nit! Die waß, wers is!«

»I bin wirkli schon neugierig! Na, und was is 's denn eigentlich mitn »Herrn« Müller?«

Der sei jetzt »Pensionist«, wie der Professor immer lachend sage. Alle Kinder helfen zusammen, um den Eltern, die sich früher um sie gerackert und geplackt hätten, das Dasein so angenehm wie möglich zu machen. Die Schwiegertochter Anna, »in Professor sei liabs Frauerl« vergöttere ihre Schwiegermutter geradezu ... Jawohl!

Endlich kam der gute behäbige Müller nach Hause und endlich auch – Mizzi. Als der Doktor die erblickte, gab es ihm einen »damischen Riß« – das war ja jene eine Einzige, die ihn ablaufen ließ, als er ihr »nachstieg«, ihr »zusetzte« und endlich – frech war mit ihr! Wie eine beleidigte Königin hatte sie sich damals vor ihm aufrichtet und ihn mit einer Gebärde und mit einem Blick abgewiesen, dem er gehorchen mußte.

Mizzi hatte draußen erfahren, welcher »Wohltäter« drinnen im Zimmer sei. Freudig trat sie über die Schwelle – wie erstarrt stand sie vor dem rasch erkannten »galanten Herrn«.

Mit feinem Takte, den er bewundern mußte, verwischte aber das schöne stattliche Mädchen rasch das Peinliche der Lage und benahm sich den ganzen Abend wie eine »vollendete Dame«.

Es kam Gustl, der Eisenbahner, Edi, der Dichter, Poldl, der Elektrotechniker, und später auch der »Herr Professor«, ein fideles fesches Haus, wie alle andern. Mizzi spielte in wahrhaft künstlerischer Weise Klavier, Edi königlich die Geige und die anderen Brüder sangen, beinahe wie die Opernsänger. Lustig wars und so gemütlich, so anheimelnd, so ungezwungen harmlos, daß sich Fritz, als er spät nachts durch die stillen Straßen auf dem weißen weichen mondscheinbeglänzten Schneeteppich heimwärts duselte, mit Wehmut und Freude sagen mußte, so unbefangen frohe Stunden habe er schon lange nicht mehr erlebt – so warm gemütliche aber wohl noch nie! Er kam sich innerlich so arm vor gegen diese heiteren prächtigen natürlichen Menschen. Und neben dem stolzen schönen Mädchen – so klein, so unwichtig und ganz und gar unsicher.

Nächsten Tages aber war er auf Mizzi wütend. Es kam ihm zum Bewußtsein, wie herablassend milde sie ihn behandelte, wie vornehm nachsichtig – ihn »den Wohltäter aus Laune und Langweile«. Als sie ihm dieses böse Wort sagte, lächelte ihr rosiger Mund, ihr großes leuchtendes Blauauge aber blickte ernst dabei, abweisend – schier mitleidig!

Das verdroß ihn. Aber in seinem Innern wurde ein Sehnen wach. Und es wuchs mit jedem Tage und trieb ihn hinaus in die stille schmale Gasse, in der die alten kleinen Häuser neben modernen Zinskasernen so bescheiden traulich stehn – steinerne Erinnerungen an das alte gemütliche Wien. Er log sich selbst vor, daß er ja nur Edi, den Dichter, besuchen wolle, »der wirklich ganz nette Sachen mache und die Geige spiele, wie nicht bald einer«. Tief verletzt durch des stolzen Mädchens vornehm abweisendes Wesen, ging er jedesmal mit dem festen Vorsatze davon, niemals wieder zu kommen.

Alle Qualen der Eifersucht, all die bittere Pein des Verschmähten mußte er durchleiden. Edi, der Dichter, sah das lange mit an. Endlich – es war an einem lauen Frühlingsabend – sagte er zu dem älteren Freunde ernst:

»Ich sehe, du leidest durch sie. Aber glaub mir, du bist ihr nicht so gleichgültig, als sie tut. Ich kenne sie genau. Sie kann nur nicht die Ueberzeugung gewinnen, daß du wirklich gut bist, daß du wohltätig sein könntest aus dir selbst heraus, kurz, sie hält dich für einen etwas seichten Menschen – und die mag sie nicht. Ich rate dir: sei fest, mannhaft trotzig, zeig es ihr nicht, daß du leidest durch sie und gib dich ganz, wie du bist – das heißt, streife alles Gemachte und Gezierte ab und schau in dich hinein, ob du wirklich ein ganzer Kerl bist – ein ganzer Mann. Und lerne arbeiten! Dann kanns nicht fehlen!«

Diese Rede erfüllte ihn anfänglich mit geheimem Ingrimm. Der »junge Bursche«, der »grüne Junge«, wagte es, so zu ihm zu sprechen – zu ihm, dem Ministerial-Vizesekretär! Er glaubte herabgestiegen zu sein zu all diesen »Vorstadtsleuten« und fühlte mit jedem Tage mehr, daß sie alle über ihm standen, daß selbst die beiden wackeren Alten trefflichere Menschen waren, als so manche aus der »feinen Gesellschaft«, in der er verkehrte.

Endlich gestand er sich das alles ehrlich ein. Und allgemach vollzog sich nun in ihm eine schöne tiefe Wandlung: er erlebte die Auferstehungsfreuden seines inneren Menschen. Und daraus erwuchs ihm die Kraft, um das prächtige warmherzige Mädchen ernstlich und mannesstolz zu ringen. Es war ein harter, für ihn oft verzweifelter Kampf, ein Kampf, der ihm die Seele, die darbende verarmte Seele, im tiefsten Grunde aufwühlte und läuterte. Endlich errang er sie. Es war am Weihnachtsabend, ein volles Jahr nach seinem ersten Besuche, als sie ihm als köstliches Weihnachtsgeschenk das Geständnis machte:

»Seelisch gehöre ich dir längst an. Ich wäre aber nie die Deine geworden, hätte ich gefunden, daß wir nicht zusammenpassen. Lieber hätt ich mit mir gerungen, lieber wär ich allein geblieben! Glaube mir, ich habe mit dir gelitten. Aber ich konnte dir die Qual nicht ersparen. Sie war notwendig!«

Ja, sie war notwendig! Er hat dies nicht nur ihr zugestanden, sondern auch – mir.