»Was ist Euch, Herr Bischof?« fragte die Blinde. »Ihr leidet! Ich hör's! Ihr atmet so schwer.« Supfo zupfte sie am Rock, sie möge schweigen.
Aber Herr Heinrich hatte sich schon wieder emporgerafft: »Lebt wohl, ihr guten Leutchen. Bald komm' ich wieder zu euch. – Friedlich ist's bei deinen Blumen, Wartold. Ich will beten für euer Heil im Himmel. Betet ihr für meinen Frieden – auf Erden! Komm, Supfo! Nach Hause! In die Einsamkeit.« Und hastigen Schrittes eilte er aus dem Garten.
IX.
In einem dem Bischofshause benachbarten und dem Bistum gehörigen Hofe hatte schon Herrn Heinrichs Oheim und Vorgänger Edel, unter der Obhut der Frau Malwine, einer alten verwitweten Dienerin des Rothenburgschen Hauses, geborgen; der jetzige Bischof hatte sie hier belassen und Minnegard während ihres Besuches am Main bei seiner Schutzbefohlenen – ihrer Freundin – untergebracht, bis die künftige Nonne in einem Religiosenhause von frommen Schwestern am Nordthor in Empfang genommen und für den Eintritt in ein eigentliches Kloster vorbereitet werden sollte: das hatte ihr Herr Heinrich als nahe bevorstehend angekündigt.
Ziemlich trübselig daher erwartete sie an diesem Abend in der schmuckarmen Kemenate des schmalen Holzhauses den Ohm zum Nachtmahle.
Statt seiner erschien der Kellerer mit einer Absage: »Der Herr Hezilo ist von einem Rundgang ganz weich- und wehmütig nach Hause gekommen,« meldete der Treue kopfschüttelnd. »Er hat als Abendspeisung nur trocken Brot und Wasser bestellt; ich sollte es ihm in die Bücherei tragen. Das Brot bracht' ich ihm ganz gehorsam. Das Wasser aber? Ich schickte es ihm durch den Brunnenmeister und ließ ihm sagen, bischöflicher Keller führe das Gewächs nicht! O das bedeutet wieder einmal eine zu durchwachende Nacht! Er geht jetzt wieder auf und nieder, auf und nieder, und summt dazu – aber nicht ein Gebet! Die erste Zeile hab' ich erlauscht: 's ist, glaub' ich, aus einem alten Liede, das der Junker von Yvonne einmal vortrug:
aber das andere hab' ich nicht verstanden. – Vielschöne Jungfrau Minnegard,« rief er näher tretend, »ich sag' Euch: wenn das noch lange so fortgeht, dann geht's nimmer lang so fort! Er schläft nicht mehr, er ißt nicht – das, glaub' ich, hat er nie gelernt – er trinkt nicht mehr! Und wenn nun vollends auch Ihr noch uns verlaßt! Dann weicht von uns der letzte Sonnenstrahl. Über Euch und Eure Schalkheit hat er doch noch manchmal gelächelt mit seinem lieben, feinen, sonst so traurigen Mund. Wer sollte auch an Euch nicht seine helle Freude haben!«
»Ja, mein treues Supfolein,« seufzte das schöne Mädchen und trug von dem säuberlich von ihrer Hand gedeckten Tisch des Bischofs silbernen Teller und goldenen Becher hinweg und stellte sie, sich zierlich auf den Zehen reckend – »wie steht ihr alles so anmutig!« dachte Supfo dabei – auf das vorspringende Kruggesims an der lindengetäfelten Wand. »Ich weiß es wohl, – Ihr habt mich lieb gewonnen in Eurem treuen Herzen und in Euren klugen Gedanken, – soviel der Oheim und der Wein Raum darin leer gelassen haben. Bitte, gießt ein wenig Öl aus jenem Krüglein auf die Ampel – aus Byzanz, Geschenk von Frau Theophano, nicht wahr? Die hätt' ich gern gesehen. Denn ich meine immer …! Nicht wahr, sie war argschön?« – »Schöner vielleicht sogar als Ihr, und das heißt was! Aber nicht so anmutvoll. So mehr wie die marmornen Göttinnen in Rom.« – »Sie soll aber gar nicht von Stein gewesen sein, die üppige junge Witwe, wenigstens nicht gegen …! – Ach, wer doch von Stein wäre! Glaubt Ihr, herzgescheiter Mensch, ich gehe gern von Euch und mit Vergnügen in das Kloster?« »Ist ein Schandfleck für alle deutsche Jugendschaft!« schrie der Dicke und ward rot im Gesicht. »Hei, wär' ich ein Junker wie wir hier zwei oder drei herumstolzieren haben: – auf dem Wege zu den Schmachtnonnen, ja noch hinter dem Klostergitter hervor würd' ich Euch retten. Für Euch selbst und für …« – »Am Ende gar für Euch selbst? Hört, Ihr werdet ganz gefährlich in Eurem Mitleid! Ich rufe mir Aufsicht herbei – und was für gestrenge! – komm, Edel, komm heraus. Erscheine, du Heilige, und hilf mir wider die Anläufe dieses dicken Dämons. Wir armen Jungfräulein müssen wieder einmal allein zu Abend speisen.« »Die?« flüsterte Supfo. »Ja, die vertreibt mich. Denn Junker Hellmuth ist mir nah ans Herz gewachsen. So blond, so schön und so widervernünftig!« Und er verschwand.
X.
Nachdem der Ruf ohne Erfolg blieb, schlug die Braune den dunkelroten Vorhang zurück, welcher das Nebengemach zur Linken abschied.
Da erblickte sie im trüben Dämmerlicht einer Hängeampel die Freundin auf dem Betschemel knien, die schmalen, langen, weißen Hände gefaltet zu brünstigem Gebet vor einem dunkelfarbigen Kreuz; das stammte aus Jerusalem; Herr Heinrich hatte es aus Monte Casino mit heimgebracht. Rasch erhob sich nun die Beterin, strich ihr tiefblaues langfaltiges Gewand zurecht und trat in das Vorderzimmer; mit leisem Kopfschütteln empfing sie Minnegard. »Der Bischof kommt nicht,« seufzte sie. »Und also auch nicht das junge Geleit, das er manchmal mitbringt.« »Desto besser,« erwiderte Edel, die schönen dunkeln Brauen zusammenziehend. »Du denkst nur an dich,« meinte die andere und öffnete einen in der Wand angebrachten Verschlag, Schüssel und Teller daraus hervorholend. »Vergieb!« bat Edel weich. »Es war selbstisch.« Sie griff nach der Freundin Hand, sie half ihr, die Teller aufstellen. »Glaube nur, ich gönne dir von Herzen das Vergnügen, das dir der Ritter von Yvonne zu gewähren scheint. – Ich gönn' es dir, – obgleich ich es beklage.« – »Jetzt … erst setze dich, Edel! Wir wollen unser Nachtmahl nicht versäumen! Ist doch morgen ohnehin schon wieder Fasttag! Weil an diesem Tag vor vielen hundert Jahren irgendwo ein sehr heiliger Mann – wer kann sich alle merken! – geboren oder gestorben oder ›transferiert‹ worden ist. Komm! Greif zu! Der kalte Rehbraten wird dir munden, – du wirst ihm nicht anschmecken, daß der verhaßte Fulko den Bock erlegt hat. Sage nur, weshalb du wie auf – den andern – o! ich nenne ihn nicht! – auch auf den fröhlichen Singemund deinen Groll geworfen hast?« – »Ich trage dem Ritter Fulko keinen Groll.« – »Aber er mißfällt dir?« »Doch nicht! Denn bei allem Übermut ist er …« sie brach ab. – »Warum dann beklagst du, daß ich ›Vergnügen‹ – wie du das nanntest – an ihm finde?« – »Warum? – Weil ich fürchte, holde Thörin, es ist weit mehr als Vergnügen, mehr als Scherz.« »Und wenn es Ernst wäre?« erwiderte Minnegardis sehr rasch. – »O liebes Herz! Das eben fürchtete ich, – sah ich. Bedenke doch! Wie soll das enden? Du – im Kloster. Und im Herzen das Bild eines Mannes! Hast du das wohl je bedacht?« Da ward das schöne Gesicht des heiteren Mädchens plötzlich sehr ernst, – der edle Ausdruck ließ ihr doch noch viel besser denn der Mutwille! – und sie antwortete nachdrücklich: »Ja, Edel, ich hab' es bedacht. Oft, lang und tief. Sieh, dieser Gedanke ist mein Halt, er ist mein Trost, er ist mein einzig Glück. Mögen sie mir ein Geschick aufnötigen, dem ich widerstrebe mit Leib und Seele: – nur den Leib doch können sie einsperren und zwingen, die Seele nicht! Und muß ich aller andern Lebensfreuden darben, nach denen ich – ach! so lechzend heiß begehre – das Eine Glück –, es ist mir ja zu gönnen, das bloße Glück der Gedanken! – können sie mir nicht rauben: das Glück, sein liebes, schönes Bild tief in der Brust zu tragen, das Glück, ihn zu lieben und – o ich weiß es! – heiß von ihm geliebt zu sein. Und Heil mir! Er ist es so voll wert, daß ich ihn liebe!«
Da schluchzte plötzlich Edel laut auf: strömende Thränen brachen aus ihren Augen, sie schlug beide Hände vor das blasse, schmale Antlitz, bog das Haupt dicht an die Stuhllehne zurück und seufzte: »Du Beneidenswerte!«
Erschrocken sprang Minnegard auf: nie hatte sie solchen Ausbruch des Gefühls erlebt bei der so streng verhaltenen, bis zur Härte und Herbheit spröden und scheinbar so kühlen Freundin. »Edel, mein Liebling!« rief sie, kniete sich zu ihren Füßen auf das Bärenfell des Estrichs und umschlang mit beiden Armen die schmalen Hüften. »Was ist dir? O sprich! Wirf endlich dieses starre, stolze Schweigen ab! Es schmerzt ja doch dich wie – wie mich! Vertrau' dein stummes Weh meinem treuen Herzen! Sprich es aus! Es wird dir gut thun! Sieh, ich ahne ja doch so manches! Hab' ich doch wochen- und monatelang gelebt neben dir und –« »Nenn' ihn nicht!« brachte die Ringende schwer aus den halbgeschlossenen Zähnen hervor. »Hab' ich's doch mit angesehen, wie – allmählich! – sogar deines allzustolzen Herzens Eisrinde endlich schmolz. Ist auch wahrlich kein Wunder! Ist er doch …« – »Lob' ihn nicht! Es ist all' nicht wahr! –« Bitter, schmerzlich kam das heraus. »Ach was! Wohl ist's wahr! Er ist – leider Gottes: er war! – der freudigste junge Held (– in Blond! –), den man sich träumen konnte, wenn man nicht lieber von – was Braunem träumte. Wie lobte ihn der Bischof! Und auch dir gefiel sein ritterlich Wesen. Er taugte so gut zu deiner stummen, stolzen, ehernen Art. So gut zu dir – wie – – ein anderer zu meiner Weise. Und zuletzt – unnahbar wie du bist – du nahmst es an, sein edel zurückhaltend, zartes Werben!« – »Edel zurückhaltend – zartes – Werben!« Sie riß die Hände von dem Gesicht, ein funkelnder Zornblick schoß aus den grauen Augen, die Flügel der feinen Nase zuckten. »Bis auf einmal – nach jenem Stechen zu Worms! – O wie ihr daher zurückkamt! – Er vom Tage seines höchsten Ruhmes wie ein weidwund geschossener Edelhirsch. Und du – wie jene zürnende Göttin der Jagd, von der uns Fulko verdeutschte aus Meister Ovidius. Und wie hängt er noch immer an jedem Blick deines Auges, so grausam auch du mit ihm umgehst! Mich wundert, daß dich seiner nicht erbarmt. Bedenke! Wenn wirklich die nächste Sunnwend' ein Ende macht mit uns allen …!«
Da flog ein leichtes Erbeben über Edels feine Gestalt: ihre Züge wechselten den Ausdruck: an Stelle des Zornes trat ein Etwas wie Wehmut, wie Trauer: die Kluge ersah das und fuhr eifrig fort: »Wodurch immer er deinen Zorn gereizt hat, – willst du unversöhnt mit ihm hinübergehen in die Ewigkeit?«
Edel schwieg und schlug die langen Wimpern nieder.
»Willst du, Grimm und Groll im Herzen gegen ihn, der dir so ganz ergeben, vor den ewigen Richter treten, vor Christus, der seinen Mördern selbst vergeben hat? O Edel – ich überraschte dich – nicht das erste Mal! – im Gebet: wenn du denn so fromm bist: wie lehrte uns der Heiland beten? ›Gleich wie wir vergeben unsern Schuldigern.‹ Was immer du gebetet hast, – das Rechte – dies Gebet! – du hast es nicht gebetet!« – »Ich … ich betete – wie schon so oft! … für ihn!« – »Edel! – Wie gut du bist!« – »Nein, nein! Hoffart war mein Gebet: – ich sehe es jetzt ein! Ich fühlt' es bei deinen wahrhaft frommen Worten. Ich betete immer nur …« – »Nun, was?« – »Gott möge ihm seine Schuld gegen mich verzeihen.« – »Und du hast beigefügt: gleich wie ich, Edel, ihm verzeihe?« Beschämt senkte Edel das Haupt auf die wogende Brust. Minnegard hob es zärtlich und gelinde, mit dem Finger unter dem Kinn, in die Höhe.
»Du schweigst, kleiner Trotzkopf?« – »Ich … ich will nicht …, daß ihm um meinetwillen Gott zürne und ihn strafe.« – »Aber du, du zürnst und strafest fort! Geh du dem lieben Gott mit gutem Beispiel voran! Verzeihe du zuerst.« – »Ich … ich kann nicht … will nicht.« – »Weil du ihn eben nicht liebst! Du kannst wohl gar nicht lieben!« Da traf sie ein blitzender Blick aus den plötzlich voll aufgeschlagenen grauen Augen: »Glaubst du?« – »Noch einmal, Edel, bedenke: wenn nun wirklich demnächst alles aus ist? – Wenn ich dessen erst sicher bin – ganz gewiß! – dann …!« – »Nun? Was wirst du dann thun?« – »Dann …!« Minnegard sprang heftig vom Boden auf. »Ja, siehst du, ganz genau weiß ich noch nicht, was ich dann thue. Aber einmal noch im Leben, thu' ich dann, – wozu das Herz, – dies heiße Herz! – mich treibt, unbekümmert um das Geschelte der Welt: – sie hat ja dann nicht mehr viel Zeit, zu schelten.« – »Kind – du glühst! – Was wogt in dir? Was treibt dich um?« Ohne die Frage zu beantworten, fuhr Minnegard fort, heiß erregt in der engen Kemenate auf und nieder zu schreiten; sie hob die vollen Arme in die Höhe und holte tief Atem: »Mit einer Halbheit in der Seele, mit ungestilltem Sehnen, mit unbefriedigtem Begehr: – ich weiß freilich nicht, wonach! – aber nach Liebe, nach einer süßen Wonne – mit dieser schmerzenden Leere hier in der Brust – hinübergehen in das Jenseits, wo nicht geliebt wird, nicht gefreit und nicht … geküßt, also nie – in Ewigkeit nie! – erfahren, wie die Minne beglückt – das – das also wird dann mein Los? O wie traurig!« Sie blieb plötzlich hart vor Edel stehen. »Und du vollends! Du willst deinen Haß mit hinübertragen gegen den Mann, der dich so herzverzehrend liebt? Willst du dann vor den Richter treten und verlangen: bestrafe ihn!« – »Nein doch! Nein! Ich bete ja das Gegenteil!« – »Dann wird der Richter sprechen: Und du verzeihst nicht? Die ganze Welt ist vergangen, aber nicht dieses Mädchens Haß?« Die so Bedrängte erhob sich rasch vom Stuhle: »laß mich! Ich kann nicht anders! Laß mich ringen im Gebet mit meinem Stolz, mit mir selbst! Laß mich wieder beten.« – »Gut, Schwester, bete! Geh wieder hinein zu dem Kreuze des Allvergebers. Junker Hellmuth ist ein Ritter ohne Makel: er kann nicht Unvergebbares verbrochen haben. Auch ich werde beten: aber nicht, daß Gott ihm, daß er dir verzeihe deinen lang nachtragenden, deinen unversöhnlichen Groll.«
XI.
Zu der gleichen Stunde saß in dem Speisesaal in dem Erdgeschosse des Bischofshauses an dem runden Tisch mit der Ahornplatte Hellmuth in stummem Brüten vor dem unberührten Weinkrug; er hatte den linken Ellbogen auf den Tisch gelehnt und das blonde Haupt auf die Hand gestützt. Da trat Fulko ein und warf zorngemut das reiherbefiederte Barett auf die Bank. »Nichts ist's!« rief er unmutig. »Der Herr Bischof beliebt wieder einmal zu fasten, nicht zu Nacht zu speisen und gönnt uns die gleiche Frömmigkeit.« »Ist gelogen, mit Verlaub, Herr Ritter von Yvonne,« lachte Supfo, der eben eintrat und eine stattlich mit allerlei Kaltfleisch gefüllte Silberschüssel auftrug, sich neben den beiden Freunden niederließ und alsbald tapfrer als beide zusammen auf den Braten einhieb. »Fasten müßt ihr heute Abend nur in der Minne, richtiger gesagt: im hungrigen Anschauen einer allerdings fast unerlaubt schönen Jungfrau. Daß sie letzteres noch ist, Herr Ritter, ist nicht Euer Verdienst.« »Verschafft sie mir zum Eheweib und ich erhebe Euch zu meinem Kellermeister,« rief der Provençale und schenkte sich den Zinnbecher wieder voll. »Leichter Amt wär' es als hier,« erwiderte Supfo und trank ihm zu. »Warum?« – »Nun: immer leerer Keller, weil immer durst'ger Herr. – Übrigens, wo steckt Junker Blandinus? Der pflegt doch sonst häufig euer Abendgast zu sein! Wo läuft er noch so spät herum?« – »Jedenfalls hinter einem Weiberrock! Schad' um ihn.« – »Er ist nicht übel.« – »Nicht dumm und nicht feige.« – »Beides nicht!« – »Aber die verfluchte Eitelkeit!« – »Und die Verliebtheit! Nach allen Seiten hin!« – »Es ist ihm eigentlich gar nicht drum. Er meint nur, als Venetianer, als Dogensohn und schmucker Bursch – denn er ist wirklich hübsch! – müsse er überall um Minne werben. Wenn ich ihn nur einmal gehörig zum Fechten und Schlagen bringe! Dann kann noch ein Mann aus ihm werden.« – »Bis dahin – in ein, zwei Jahren – ist auch die schlimme Runel kein Kind mehr; und wer weiß, ob der Schwarzlockige dann nicht doch den graulockigen Schnufilo verdrängt in ihrem trutzigen Herzlein.« – »Bah, was schwatzen wir da von ein, zwei Jahren – und sind nur noch ein paar Wochen bis Sunnwend' und Weltend'! Sagt, schlauer Supfo, wie findet Ihr Euch ab gegenüber den Schrecken des Gerichts und Eurem Gewissen?« »Ich?« lachte der Dicke und schob ein mächtig Stück Rehbraten in den Mund. »Ich habe das beste Gewissen, das mir je bei einem Menschen vorgekommen ist.« – »Wieso?« – »Es ist so gut. So weinfromm. Besser als Euer Rapphengst, Herr Fulko, der beißt zuweilen: und mein Gewissen, – das beißt mich nie. Ich kann ihm viel bieten, bis es nur, warnend, schnappt. Aber beißen? Nie! – Und das andre …?« – Er hob den Becher an die Nase. (»Köstlich der Ruch, dieses weißen Leisten! –) – das andre: der Weltuntergang? – Das ist dummes Zeug!« – »Aber Supfo!« Sogar Hellmuth fuhr hier aus seiner trübsinnigen Träumerei auf und warf dem Dicken einen fragenden Blick zu. Jedoch der rümpfte unverzagt die rötliche Nase, verzog den Mund wie bei einer Weinprobe und sprach bedächtig: »da hab' ich von unserem Herrgott eine viel bessere Meinung denn ihr alle.« »Wenn's aber der Herr Papst selber sagt?« forschte Hellmuth. – »Hat er's schon gesagt? Nein! Und wenn er's sagt, –« »Nun, dann aber?« meinte Fulko. »Dann ist's doch bewiesen.« »Daß er's glaubt!« schloß Supfo und stellte den Becher nieder, daß er klirrte. »Mehr nicht. Ich glaub's mal nicht vom braven Himmelsherrn. Man glaubt auch sonst gar viel, was nie geschah und nie geschieht. Diese seine Welt sollte er selbst zerstören? Wer weiß, ob er eine neue so schön wieder zusammenbrächte! Und nun gerade heuer, da wir des Trunks der Steinrebe froh werden wollen! Heuer, da in meiner Neupflanzung auf dem Harfenhügel schon jetzt – vor Johannis – alles so wundervoll abgeblüht hat. Habt ihr alle zwei den Duft nicht verspürt vor lauter Verliebtheit? – Übrigens –« er sog und schlürfte nun langsam, verständnisinnig einen Schluck durch die gespitzten Lippen (– »ah, ist das ein Weinlein! Viel zu gut für euch unmerksame Knaben! –) übrigens hab' ich eine prächtige Wetterprobe für Gewitter, Erdbeben und all' dergleichen Erfreulichkeiten. Eine Prophetissa – sagt man in Welschland –, der glaub' ich mehr als sieben Päpsten.« »Ihr redet recht lästerlich, Supfo,« sprach Hellmuth verweisend. »Für Erdbeben – Ihr?« zweifelte Fulko. »Jawohl, Herr Sänger! – Meint Ihr, nur Ihr mit Eurer Laute seid in der Welt umhergekommen. Oho! Wir waren auch schon draußen! Sind mit Kaiser Ott dem Roten unter dem Rothenburger Fähnlein in Welschland auf Heldenschaft gefahren. Lagen wir da vor Napoli, der schönen Stadt. Sehr schön. Aber heiß! Und dreckig! Wir lagen vor den Thoren, als Beschirmer nämlich gegen die Saracenen. Nicht in Zelten oder Holzhütten, sondern in den Häusern der Bauern lagen wir: – sind alle von Stein vom Grund bis unters Dach. Da drüben rauchte ganz behaglich und gemütlich der Feuerberg, der Mons Vesuvius: – wir waren schon so daran gewöhnt in all' den Wochen, wie daß man den Atem sieht im Winter. Mein Hauswirt – Gaudenzio hieß der Wackere – hatte eine Katze, die liebte er mehr, beteuerte er oft, als seine gelbhäutige, schnurrbärtige Ehefrau. ›Denn warum?‹ sagte er. ›Meine Lucia kratzt nur, fängt aber keine Mäuse und verkürzt mir das Leben, während Mucia zwar gelegentlich kratzt – aber nicht mich, nur Lucia (woran sie recht thut), Mäuse fängt und mein Leben verlängert, meine schwarze Prophetissa!‹« »Wieso?« fragte Fulko. »Ja, wieso? genau meine Worte von damals! (woran man erkennen kann, was Ihr für ein kluger Knab' seid!) ›Ja,‹ sagte Gaudenzio und streichelte die Katze, die gleich schnurrte. ›Nämlich wir haben hier gar oft die landesüblichen Erdbeben. Ist weiter gar kein Vergnügen nicht, sag' ich Euch, Supfone, wenn Ihr gar nicht getrunken habt und doch wackeln müßt mit den Beinen, weil nämlich das Land unter ihnen wackelt, als habe das Land einen Rausch. Und wenn Euch das eigne Haus auf den Kopf fällt, so genau und platt, wie der Deckel auf einer Schildkröte liegt – nur, daß Ihr nicht damit davonkrabbeln könnt, sondern gar keinen Leichenstein mehr zu bestellen braucht! Nun also, kurz bevor Santo Vesuvio da drüben – Santo Januario, bitt' für uns bei ihm! – ein wenig rappelig wird über die Sünden seiner lieben Napolitaner, an die er nun doch schon seit mehr als einem Jahrtausend gewöhnt sein könnte, – aber er ist ein unberechenbarer Heiliger! – also bevor der liebe gute alte Vater da drüben – mit dem dürfen wir's noch weniger verderben als mit der heiligen Jungfrau! – auch nur ein kleines rappelig wird, wird Mucia – schon ziemlich lange vorher! – ganz rappelig, miaut, wie wenn sie ihr Fleisch durch Gesang verdienen müßte, springt bald gegen mich, bald gegen die verschlossene Hausthür und ruht nicht, bis sie im Freien ist: – sie und ich auch. Nach Lucia schaut sie gar nicht um.‹ Ich begreife Eure Liebe zu dem Tier, sprach ich verständnisvoll. Nun gut: – ein paar Nächte nach dieser Unterredung weckt mich mein Gaudenzio aus dem tiefsten Schnarchschlaf: – denn der schwarzrote Amalfitaner ist gut, aber schwer! – reißt mich aus dem Strohlager und stößt mich zur Thüre hinaus ins Freie. Ich wollte ihn gerade niederschlagen, da schrie er: ›Die Katze! die Katze! Mucia hat gewarnt.‹ Und kaum senk' ich den erhobenen Arm, – da taumel' ich und wanke, als hätt' ich den Amalfitaner nicht ganz verschlafen – war aber hecht-nüchtern – und auf einmal – pardauz! – lag sein ganzes Steinhaus platt auf dem Bauch, wie ein Frosch, drüber ein Lastwagen fuhr. Die Ungewarnte lag leider darunter. Am andern Morgen zog unsere Heerschar ab. Zum Abschied schenkte mir mein Wirt seine Katze. ›Denn warum?‹ sagte er treuherzig unter Thränen. ›Brauch' sie nicht mehr. Baue kein Steinhaus mehr. Und nehme – ganz gewiß! – keine Frau mehr. Denn warum? Lucia war doch so böse, wie ich keine mehr fände. Und jetzt thut es mir gleichwohl leid um sie. Nun denket erst, wie leid mir eine sanftere thäte! Also wozu Katze?‹ So nahm ich Mucia mit. Auf meinem Rucksack quer durch ganz Welschland über den Brenner trug ich sie bis in die Heimat. Sie verläßt mich nie. Hört ihr sie draußen miaun? Ich komme, Schätzlein, ich komme. – Nun seht: merkte Mucia das bißchen Erbrechen von dem lumpigen Vesuvio da drunten und jedes Erdbeblein, das dort zu Lande so häufig wie bei uns das Nießen im Schnupfen, und zeigt sie – wie sie immer thut – hier jedes Gewitter an, lange bevor es vom Königswald heraufzieht! – da wird's die Prophetissa doch wohl auch merken, wenn alsbald die ganze Welt zerkrachen soll. – Ich komme schon, Liebelein! – Ich nehme sie, – an dem Vorabend – mit in einen Ort, wo – nun, wo man dem Kern der Erde näher ist als anderwärts. Bleibt sie ruhig, bleib' ich auch ruhig. Die Zeit soll uns dabei schon nicht lang werden: denn an jenem heimlichen Orte giebt's für Mucia viele Mäuse und für mich – nun, für mich giebt's da auch was. Wir sehen uns dann schon wieder, Jungherrn. Entweder in der ewigen Seligkeit oder – was ich eine Zeitlang noch vorziehe – hier in diesem Jammerthal. Aber dann, Herr Fulko, dann singen wir erst recht das Lied, das mir von all' Euren Schelmenweisen zumeist gefallen hat!« – »Welches? Sind ja viele so nichtsnutzig, daß sie Euch gefallen können.« – »Ich meine das:
Daß der Herr Gott es nicht kann fassen,
Und spricht: ›wenn der Mensch so viel trinken kann,
Mehr Wein muß ich wachsen lassen!‹
Ich komme, Prophetin des Herrn. Ich bringe dir deinen Prophetenlohn heraus,« und er nahm ein leckres Stück Braten aus der Schüssel. »Traumselige Nacht, ihr Herren. Ihr, Fulko, küsset für mich mit!« Und er humpelte hinaus und verschwand.
XII.
»Ein guter Gesell,« lachte Fulko. – »Aber ach, meine Gesellin! Nun ist es heute abend wieder nichts! Ohne den Bischof läßt uns die Tugendverwalterin und Unschuldbeschließerin und geheime Obervestalin – wie heißt sie doch? aus Schottland stammt sie – richtig: Malwine! – dadrüben gar nicht über die Schwelle am Abend. Und wie heiß hatte ich mich gesehnt, wieder einmal in das süße, klare, holde Gesicht zu schauen! Ist ja wenig genug, weiß die heilige Aphrodite! für mein wildes Begehren. Aber als der Teufel einmal sehr durstig war, trank er Wasser. Sind wir daher doch auf das Zabelspiel gekommen. Kenne keinen Zug! Aber dabei konnten wir uns doch an den Abenden manche gute Weile einander gegenüber setzen, uns – recht nahe! – in die Augen schauen und manchmal stießen unsere Finger durch Zufall aneinander, während wir auf dem Brett die Steine rückten. Denn dergleichen mußten wir schon zuweilen thun. Jüngst trat Herr Heinrich an unsern Marbeltisch im Erker, wo wir schon drei Stunden saßen – die ganze Vesper hatten wir darüber versäumt – und sprach: ›Nun, wie steht das Spiel?‹ Heilige Eulalia von Barcelona! Wir hatten in all' der Zeit ja erst einen Zug gethan. Und das lose Mädchen hatte mir, während ich ihr die Rechte drückte und ihr selig in die Augen sah, ganz verstohlen mit der Linken meinen König vom Brette genommen und in ihrem leer getrunkenen Goldbecher in Gefangenschaft gesetzt! Es war schrecklich. Lächelnd befreite ihn der Gütige, hob ihn heraus, stellte ihn auf seinen Platz und fragte: ›hoffentlich ist dies nicht noch immer das erste Spiel?‹ Er war so freundlich, mir das Lügen zu sparen: er schritt hinweg, ohne meine Antwort abzuwarten. Ein prächtig Herz! War wohl auch einmal jung und heiß. Und noch jünger war Frau Theophano …« »Gieb acht,« warnte Hellmuth. »Man hört da draußen auf dem Gang, was hier so laut gesprochen wird.« »Nun,« lachte Fulko, »das flüstert man vom Danevirke bis Salerno! War sie doch Witwe! Wär' ein schönes Paar geworden! – Aber das Zabelbrett war auch sonst so willig! Konnte meinem holden Schatz stets abends meine den Tag über gedichteten Minnelieder darunter durchschieben. Wie geschickt zog sie mit den wachsweißen langen schmalen Fingerlein die Blätter auf der andern Seite heraus! Und hui! waren sie verschwunden in ihrem lang herunterhängenden Ärmel. Jetzt müssen meine armen Reime wieder Messe hören!« – »Wie das?« – »Nun ja! Morgen früh in der Kirche halte ich sie ihr wieder vor das zierliche Näslein und sie singt daraus die lateinischen Psalmen. Ist aber gefährlich! Neulich stand der fürwitzige Venetianer hinter mir, guckte über meine und ihre Schulter, las ein paar Zeilen und fragte mich lachend, ob ich das hohe Lied Salomonis in das Deutsche übersetzt hätte? Nicht schlecht! Lache doch, Hellmuth! Oder trinke wenigstens! Thu' Bescheid. Unserer Herrinnen Minne.« Aber Hellmuth schob kopfschüttelnd den Becher zur Seite. »Nun, willst du nicht reden, so höre wenigstens. Du hattest immer Freude an meinen Versen.« »Gewiß, Freund. Denn du kannst sagen, was ich nur fühlen und – leiden kann. Zwar schmerzt es, zu hören, welch' Glück erwiderte Minne gewähren mag: aber es ist ein Weh, das wohl thut mitten im Schmerz. Bitte, beginne.« Fulko war ein Dichter: zweimal ließ er sich nicht bitten. Er trank erst herzhaft, griff dann in den Brustlatz, holte ein paar Pergamentblättlein hervor und las:
Hinweg, Besinnung und Bedacht!
Und ob sie ins Verderben triebe: –
Nimm ganz mich auf in deine Macht!
Die Sitte sprach: »vernimm mein Wort:« – –
Da ist der Strom der Liebe kommen
Und ohne Wahl riß er mich fort.
Und, wenn du dies Verlangen stillst, –
In Todesnacht, in Himmelshelle, –
Ich folge dir wohin du willst.
»Ich trotze dir, du starker Blitz.«
Der aber sprach: »Du ziehst mich an!
Sieh, ob dein Trotz dir helfen kann,
Ich bin ein rascher Freiersmann:« –
Und Schlag und Glut und Wetterschein: –
In Flammen ward die Eiche sein.
»Du flehst umsonst um meinen Kuß:«
Der aber sprach: »Hilft denn kein Flehn,
Sollst du ein andres Werben sehn,
Jetzt, Rose, ist's um dich geschehn.«
Er stieg empor in stolzer Lust
Und riß sie fort an seine Brust.
Wenn sie in echtem Mann erwacht,
Daß sie des echten Weibes Herz,
Und hüllte sich's in dreifach Erz,
Doch mit sich fortreißt sternenwärts
Und zur Geliebten siegbewußt
Und triumphierend spricht: »du mußt.«
Nur höchstem Mut wird höchster Preis;
Am Abgrund blüht die Alpenrose
Und dicht beim Tod das Edelweiß!
Er schloß ab und that einen tiefen Trunk.
XIII.
»Das Edelweiß!« wiederholte Hellmuth. »Sechsmal würd' ich sterben, könnt' ich dadurch sie – nicht gewinnen, – ach! nur versöhnen! Danke dir, mein Fulko. Deine Verse sind –« – »Bah, Verse sind's! Nicht Küsse! Bittere Tinte und trocken Pergament! Das ist all' nichts, gar nichts! Ich halt' es nicht mehr aus! Immer bloß das verfluchte Reimen von ihrem roten Mund und heißen Kuß! Morgen – ganz in der Frühe – paß ich's ab! Wenn sie aus der Kemenate tritt – immer allein: – Malwine, die Verwalterin des Anstands, hütet alsdann die Tugend noch im Traum: und Jungfrau Edel verbetet sich immer um ein Weilchen! dann trete ich hin vor diese Minnegard und fasse sie und frage sie nicht lang und küsse sie, daß sie – nun, nicht gerade ganz erstickt, aber recht beinahe.« Da sprang Hellmuth auf, legte die Hand auf des Freundes Schulter und rief: »Nein! Um Gottes willen nicht! Thu's nicht! Wag' es nicht!« – »Warum nicht? Ich mein', ich kann es wagen!« – »Thu's nicht, mein Fulko! Willst du so elend werden wie – ach! wie mich viel, viel bescheidneres Wagnis gemacht hat?« Und er schlug die geballte Faust vor die Stirne. Der andre zog ihm mit sanfter Gewalt Arm und Hand herab: »Hellmuth, tapfrer Gesell! Sprich! Sprich's doch endlich einmal aus: was ist geschehen zu Worms? – Du weißt, ich bin getreu und verschwiegen!« – »Ich weiß es! Und darum sollst du – du allein von meiner Schuld, – meiner schweren Schuld! – erfahren!« Er seufzte tief. »Bin gespannt! – Alle Augen hier im Bischofshaus sahen nicht bloß, daß du … auch, daß sie dir – allmählich! – gut ward. Herr Heinrich selbst sah's auch und hatte wahrlich nichts dawider! ›Ein schönes Paar und trefflich gepaart,‹ rief er mir einmal aus dem Sattel zu, als ihr auf dem Rennweg uns entgegengesprengt kamt. ›Der liebe Gott scheint sie für einander geschaffen zu haben.‹ So werdet Ihr sie nicht scheiden wollen? fragte ich rasch. ›Ich? Junge Liebe scheiden? Ich doch gewiß nicht! – Es sei denn‹, – warnte er und sah mir scharf ins Auge – ›daß zwischen Wunsch und Erfüllung steht – ein Kloster.‹ Und als der Bischof nach Worms nur euch beide mitnahm, da sagten wir: die kommen zurück mit den Ringlein am Finger. Aber wie kamt ihr zurück! Sie wie die Eisjungfrau und du wie ein in ihren Armen Erfrorner. Was ist geschehen, sprich, an jenem Tage deiner schönsten Siege?« – »Ach, ich verfluche sie. Sie haben mir all' das Unheil angerichtet. Sieh, Fulko: du weißt, eitel und eingebildet bin ich wahrhaftig nicht …« – »Behüte! Deine Bescheidenheit ist dein größter Fehler. Könntest mir drei Viertel abgeben, – wär' uns beiden geholfen.« – »So hätt' ich auch wahrlich nie gewagt, mir einzubilden, die stolzeste der Jungfrauen werde mir, bevor ich feierlich beim Bischof um sie geworben und dessen Ja wie das ihre erhalten, das geringste Zeichen von Gunst gewähren.« »Verkehrt,« meinte Fulko und trank seinen Becher aus. »Einmal muß man doch anfangen! Weib will gewonnen sein durch Wagen.« – »Als ich nun aber in dem Lanzenstechen alle – wirklich alle! – Gegner aus dem Sattel gehoben – zuletzt auch Siboto, den zähen blonden Friesen, und den starken Richard, den Grafen zu Winklarn, – nie noch hatte ich die beiden zwingen können! – und als nun rings die Drommeten schmetternd meinen Sieg verkündeten und die Herolde mich auf dem schnaubenden Roß dreimal durch den Kampfkreis führten und alles Volk mir ›Heilô!‹ und ›Siegô!‹ zujauchzte, und der Herr Bischof mir huldvoll zunickte von seiner Altane herab an Edels Seite und als ich nun heranritt, aus ihrer weißen Hand den Preis, den dreifach gewundenen Eichenkranz mit der goldenen Schnur, mir auf das Haupt setzen zu lassen, als ich sie nun vor mir sah, schön wie nie zuvor, strahlend vor Anmut und – wie ich wähnte! – auch ein klein wenig vor stolzer Freude an mir, als sie sich über mich beugte, als ich den zarten, leisen Druck ihrer beiden lieben Hände auf meinem Haupte fühlte, – da schlug ich entzückt die Augen zu ihr auf: durch mein Herz jagte das Blut in wilden Sprüngen: – die Hitze des Kampfes tobte noch nach in meinen Adern – und all' der Lärm, der Glanz ringsum, die Freude, daß sie meinen Sieg gesehen – all' das zusammen berauschte mich! Sehnsüchtig, – aus aller Kraft der Seele! – suchte ich nach ihrem Auge, nach nur Einem Blick! –
Allein beharrlich, eigensinnig, trotzig – ach! oder war es süße jungfräuliche Scham? – hielt sie die langen, langen, die feierlichen Wimpern gesenkt. Ich flehte leise: ›Edel! Einen Blick – nur Einen,‹ hauchte ich. – Umsonst! – Da ergriff mich Stolz, Trotz, heiße Wut: – ich wollte mir den Blick erzwingen, wie ich mir den Sieg erzwungen. Mit der Rechten griff ich – kein Mensch konnte es gewahren, der dichte Kranz und ihr vorflutend Haar verbargen völlig meine Hand – ganz leis an ihr Kinn und hob es mit Gewalt empor: ›Einen Blick!‹ wiederholte ich dringend! –« – »Nun? Da sah sie auf?« – »Ach ja! Da sah sie auf! Da erhielt ich einen Blick, aber welchen Blick! Wie blaues Feuer blitzte mir Zorn, Haß, Empörung, Verachtung entgegen aus den sonst so sanften Augen. – Sie bog sich zurück, soweit sie irgend konnte, ach! mir war, zwei scharfe Pfeile flogen durch mein Herz! Ich wankte im Sattel: – in Verzweiflung sprengte ich aus der Stechbahn: – draußen glitt ich besinnungslos vom Gaul! ›'s ist die Hitze, die schwere Rüstung‹, hieß es. Ach wär' ich nicht mehr aufgewacht! – Seitdem hab' ich sie verloren für Zeit und Ewigkeit. Nie – ich kenne dieses Herz von Diamant! – niemals verzeiht ihr gekränkter Mädchenstolz.« Und er brach zusammen auf der Bank und stützte die Stirn auf die Hand. »Hm! Armer Freund!« sprach Fulko nach einer Weile. »So hat sie dich denn wirklich nie geliebt? – Denn liebt ein Weib, – ein echtes Weib – und ich will das dieser herben Edel nicht bestreiten, – so verzeiht es, unter Thränen, ja im Zorne lächelnd, der Kühnheit des Geliebten. Und was ist es denn, was du gewagt? Gar nichts! – Nein, Hellmuth,« – er sprang auf – »dein Geschick kann mich nicht warnen. Nein! Geht wirklich demnächst die Welt zu Grunde, dann …! Bei einem Kuß laß ich's dann nicht bewenden. Dann, schöne Minnegardis, wirst du mein, magst du darüber grollen oder nicht. Liebst du mich aber – wie ich's hoffe! – mitten im Grolle wirst du verzeih'n und – selig sein in diesen Armen. – Komm, Hellmuth, laß uns schlafen. Es wird spät.«
Der Blonde erhob sich nun ebenfalls. »Ich schlafe nicht. – Auch ich habe mir ausgesonnen – bin nur über eins dabei nicht aufgeklärt! – wie ich die letzte Stunde dieser Welt verbringen, wie ich sterben werde. Nicht so süß umarmt wie du und nicht so weich gebettet: – aber auch nicht übel umarmt und auch nicht übel gebettet: – hart, jedoch herrlich. Allein vorher muß ich noch manches erkunden. – Schlaf wohl! Ich reite aus!« – »So spät! Wohin? Zu wem?« »Zu wem?« lächelte Hellmuth grimmig. »Nicht zu einem Liebchen. Vielleicht – zum wilden Jäger!«
Und klirrend in seinen Waffen schritt er hinaus.
XIV.
Angesehene Leute fanden in jenen Zeiten auf ihren Reisen fast immer Unterkunft bei Gastfreunden; auf dem flachen Land in Burgen der Ritter oder in Höfen der bäuerlichen Landsassen, in Klöstern oder in den – freilich noch seltenen – Städten in den Häusern der Burgensen. Die schmutzigen Herbergen in den Dörfern und Städten aufzusuchen und darin zu nächtigen, vermied man gern: es ging gar unsauber, wüst und lärmend darin her. Häßlich und unbehaglich sah es denn auch aus in einem solchen Leuthaus des Nordgaues südlich der Eger nahe der Mark der böhmischen Berunzanen. In der großen Schenkstube lag auf den löcherigen Dielen schmutzig Schilf; und nicht nur von ehrlichem Ruße waren die Wände aus ungehobeltem Kiefernholz so dunkelfarbig geworden; ein paar rote Flecken in dem Schmutz des Bodens verrieten verdächtige Ähnlichkeit mit der Farbe des Blutes.
Um den viereckigen Schenktisch – dessen Platte ein mittendurch zersprungener Schieferstein bildete, sie ruhte auf vier geschrägten Balken – saßen auf niedrigen Schemeln, rohen Eichstrünken, zwei Männer in eifrigem, oft im Flüsterton geführtem Gespräch. Die lange nicht mehr gesäuberte, hohe, schmale enghalsige Zinnkanne und zwei Becher aus leichtem Tannenholz enthielten ein gelblich braunes, säuerlich riechendes Getränk; nur einer der Gäste sprach ihm zu: der andere – in geistlicher Tracht – schob mit widerwilliger Handbewegung seinen Becher so weit von sich hinweg, daß der Geruch des Nasses ihm nicht mehr in die Nase steigen möchte. »Ihr trinket gar nix, Archidiakon?« fragte der eifrige Zecher in einem Deutsch, dem slavische Zischlaute einen seltsamen Anklang liehen. »Verbietet's ein Gelübde? Oder eures Magens Eigenart?« »Mein Gaumen gebietet mir und meines Wesens Eigenart, nur Wein, – guten Wein – zu trinken, nicht dies Gärgebräu, das zu einer gewissen Ähnlichkeit mit kahnigem Traubensaft verdorben ist und das diese deutschen Barbaren Bier nennen.« »O, ist nix schlecht,« meinte der andere und füllte sich den Becher aufs neue. Obwohl es ein warmer Sommerabend war, bestand seine Tracht aus Pelz: sein enganliegendes, bis an die nackten Kniee reichendes Wams war aus vielen hunderten von schwarzen Maulwurfsfellen zusammengenäht; um die Hüften hielt es ihm ein breiter Dolchgurt aus mattem schwarzem Leder zusammen: die Waden steckten in Strümpfen aus dem gleichen schwarzen Rauhwerk: die Schuhe wurden ersetzt durch strohgeflochtene Sohlen und ein Kreuzgeschnür von dunkeln Riemen. Die sammetschwarzen und sammetweichen, jeder Biegung der geschmeidigen Glieder sich eng anschmiegenden Fellchen sahen aus wie die angewachsene Haut selbst des Wenden und gaben ihm bei seinen weichen, katzengleichen Bewegungen Ähnlichkeit mit einem schwarzen Panther.
Aus dem dunkelbraunen Gesicht über den häßlich vorstehenden breiten Backenknochen zu beiden Seiten der aufgestülpten Nase funkelten ein paar tiefschwarze, aber feurige Augen; der Bart war glatt abgeschoren, ausgenommen zwei sehr lange schmale Stränge des Schnurrbarts, welche ihm rechts und links vom Munde hingen: er strich und drehte daran unablässig mit der Linken. Auf dem schwarzen, kleingekrausten Haar saß ihm schief, aber kecklich, eine hohe viereckige Mütze aus dem gleichen schwarzen Fell, von dem ein paar schwarz-weiße Elsterfedern grell abstachen; die rechte Hand fuhr ihm öfter an den Horngriff des langen krummen Säbels als für die Gemütlichkeit der Unterhaltung ersprießlich war: gereinigt war alles, was er am Leibe trug, niemals worden und der Leib selbst recht selten. »Ist ganz gut hinunterschütten,« wiederholte er, den Becher niedersetzend und sich den triefenden Schnauzbart mit der Rückseite der Hand wischend. – »Ja, Ihr seid nicht verwöhnt, Herr Berunzane. Weder in Trank noch in Speise. Wahrscheinlich habt Ihr all die armen Schermäuslein auch verspeist, denen ihr die weichen Wämmslein abgestreift.« – »Aber gewiß! Leckerer Braten! Besser sogar noch als Engerlinge! Sind wir nix so reich, wir armen Brüderlein, wie diese Deutschen.« – »Wißt Ihr auch warum, mein Fürst?« – »Oh ja. Weil nix arbeiten, wie die Bauerntölpel. Deutschen ist Hand gewachsen zum Pflugziehen, uns, zu nehmen, was Deutscher erarbeitet hat.« – »Ja, ja, Eure Leute treiben's arg mit Stehlen im Nordgau. Deshalb will ja Euch und Eure Haufen weder Ritter noch Freibauer noch Abt aufnehmen in Burg, Hof oder Kloster. Deshalb muß ich heute in diesem übelstinkenden Bretterverschlag mit Euch sitzen, Fürst Zwentibold, Spithinieffs edler Sproß!« – Der Fürst der Maulwürfe zuckte die Achseln: »Ich hab' Euch nix gesucht, Ihr mich. Und was wir zu verhandeln hatten, brauchte weder Laie noch Pfaff zu hören.« – »Wir sind nun doch einig – in allen Stücken?« – »Ganz einig. Der Handel gilt: ›Blut gegen Gold‹. – Nur eines wurmt mich noch.« – »Und das wäre, wackrer Held?« – »Daß Ihr mir nur die Hälfte des Geldes ausgezahlt habt.« – »Die andere nach dem Sieg.« – »Das will sagen: Ihr traut mir nix. Aber ich soll Euch trauen. Und seht, Herr Archipfaff, das ist zu viel verlangt.« – »Herr Wende!« – »Nun ja! Schaut, ich und meine lieben Wölflein, – wir sind hier fremd im Land. Daß wir – gegen gutes Gold! – gern gegen die verhaßten Deutschen losschlagen, daß wir gerne dazu helfen, wenn deutscher Bischof gegen deutschen König kämpft und Königsgraf, – das! – beim großen Zrnbog! – das mag man füglich von uns glauben. Wer aber bürgt uns, daß Ihr Euch nicht wieder vertragt mit den anderen Deutschen? Wer bürgt für die Zähe Eures Hasses? Ihr seid …« – »Kein Deutscher!« – »Wohl, wohl. Weiß! Seid Lombarde! Aber Kaiser Otto ist auch Euer Landesherr. Wie Deutschland gehöret ihm Lamparten!« Da erschrak der Wende: denn der sonst so kühle Priester schlug plötzlich mit der Faust auf die Schieferplatte, daß die Becher aufhüpften: und tödlicher Haß sprühte aus den dunkeln Augen unter den starken Brauen, als er mit einer vom Zorn halb erstickten Stimme hervorstieß: »Ja, leider! Fluch ihm dafür! Fluch und Verderben allen Deutschen.« »Beim schwarzen Zrnbog!« rief der Slave, zurückprallend auf seinen Schemel. »Welche Wuth! Woher?« »Woher? Warum? Weil …! Wohlan: Ihr sollt' es wissen! Ihr müßt sogar darum wissen, sollt Ihr das eine – das letzte – verstehen, was wir noch nicht beredet haben und was mir doch das Wichtigste von allem.« Mißtrauisch fuhr der Häuptling an den Schwertgriff und warf die dicken wulstigen Lippen auf: »Nix einen Finger rühr' ich über das Versprochene hinaus für das wenige Geld, den Bettelsold. Ein Knicker ist er, euer Bischof von Würzburg.« »Es ist nicht viel,« gab der Priester zu: »Nicht meine Schuld! Der Weichmütige wollte nicht einmal diesen Betrag – ›einstweilen nur!‹ – seinen frommen Bauten entziehen. Säße ich auf dem reichen Stuhl des reichen Würzburg, – Euer Lohn sollte …! Aber Ihr fragt, woher mein Haß gegen diesen Kaiser-Knaben, gegen alles, was Deutsch? O der Haß ist trefflich begründet. Ihr wißt nicht, wen Ihr vor Euch habt, tapferer Häuptling.« – »Den Archidiakon von Würzburg,« sagte dieser, offenbar ohne sehr hohe Meinung von einem solchen Wesen. – »Gott sei's geklagt! Aber in des Priesters Adern fließt königliches Blut.« – »Das wäre!« staunte der Wende und riß die Augen auf. »Und ging' es nach Recht und Gerechtigkeit, so säße ich in diesem Augenblick statt in dieser schmutzigen deutschen Herberge auf dem goldenen Throne zu Pavia und dies Haupt trüge, statt der Tonsur, die Königskrone des Lombardenreichs.« – »Ihr seid …?« – »Ich bin der Sohn Berengars, des letzten rechtmäßigen Königs von Italia, und der einzige Erbe seines Rechts und seiner Krone. Mein armer Vater! Überwunden und gefangen von jenem schrecklichen eisernen Otto, verbannt für immer aus unserer schönen Heimat starb er – hier in der Nähe – zu Bamberg. Anmaßer, Gewaltherren, Thronräuber, Tyrannen sind alle Ottonen wie jener erste, der meinem Vater das Scepter aus der Hand riß.« – »Aber,« wandte der Slave ein, »in Welschland sagte man mir, die Welschen selbst haben jenen ersten Otto ins Land gerufen, damit er endlich Ordnung und Ruhe …« »Tyrannen sind sie!« schrie der Lombarde, ohne auf die Worte zu achten. »Auch mich, ein Knäblein damals, hat der fremde Zwingherr mit meinen Eltern über die Alpen geschickt in dies Land voll Eis und Nebel und nach des Vaters Tod zu Würzburg erziehen lassen.« – »Das war unvorsichtig, sehr! Bei uns zu Land erdrosselt man die Knaben besiegter Fürsten.« – »Teuflisch grausam war es! Denn in einem Kloster – zum Priester! – ward ich erzogen. Der Welt, den Waffen sollte ich für immer entrückt, unschädlich sollte ich gemacht werden. Ein Pfaffe kann Italien nicht befreien vom Joche der Barbaren! Und doch ist die Lust an weltlicher Macht, die Gier, zu herrschen, ja – und ich fühl's! – auch die Gabe, zu herrschen, Land und Leute zu regieren, staatsmännische Pläne zu schmieden mit des Vaters Herrscherblut auf mich vererbt. Statt dessen – was bin ich?« – »Nun, wie sich soeben zeigt, auch in weltlichen Dingen nix ohne Gewalt: – die rechte Hand eines deutschen Kirchenfürsten …« – »Verschling' ihn der Abgrund der Hölle!« schrie der Lombarde. – »Hui, welch heißer Haß! Und dennoch dient Ihr ihm so eifrig? – Wie soll ich das verstehen?« – »Ihr müßt's verstehen lernen! Hört weiter! Als ich zum Jüngling, zum Manne herangewachsen war und den Frevel begriff, den diese Deutschen an meinem Vaterland, an meinem Vater, an mir begangen, da knirschte ich in das Gebiß, mit dem sie mich wehrlos gemacht hatten. Tag und Nacht sann ich darauf, es abzustreifen. Aber tief verbarg ich Haß und Groll und Hoffnungen! So gut gelang mir die Verstellung, daß ich das vollste Vertrauen der häufig wechselnden Bischöfe in der Mainstadt gewann. Bald ward ich ihr Apokrisiar, Vorstand ihres gesamten Urkundenwesens: diesseit der Alpen lebt kein zweiter, der dies Schrifttum so fein versteht. So konnte es geschehen – daß … O ich hatte jahrelang nur gehofft, als Flüchtling über die Alpen zu entkommen, um dort ganz Italia zur Freiheit aufzurufen, mein Königsrecht mit dem Schwerte zu verfechten. Und nun geschah das Wunderbare, daß mich Bischof Poppo – der zweite dieses Namens – selbst mit sich nahm auf einer Romfahrt. Wie erglühte mein Blut! Wie pochte mein Herz, als ich jenseit der Berge zuerst lombardischen Boden betrat, mein Erbgut! Wir weilten viele Monate in Pavia, in Mailand: Zeit übergenug für einen Kopf wie ich, einen Aufstand vorzubereiten. Und, – bei meines Vaters Grab! – ich war nicht müßig. Aber Schmach und Verderben! Was mußte ich erleben?« – Und er verstummte vor Ingrimm, warf beide Arme aus den Tisch und legte das Gesicht darauf. – »Nun? Was ist? Nix traurig werden!« – »Was antworteten sie mir? Sie, meine Landsleute, meine Stammesgenossen, ging's nach dem Rechte – meine Unterthanen! ›Nie – solange wir zurückdenken mögen und unsere Jahrbücher berichten – nie seit den Tagen des großen Carolus, hat solch weise, friedliche, und doch starke, Recht schirmende Herrschaft gewaltet in unserm Heimatland von Verona bis Benevent und Napoli, wie unter diesen rotbärtigen Ottonen. Das Land ist glücklich und zufrieden – laß es so!‹ – Und da ich nicht abstand, zu schüren, zur Freiheit aufzumahmen, da drohten sie, – meine eignen Vettern in Pavia! – mich dem deutschen Zwingherrn anzuzeigen! Ah Schmach und Weh! Vernichtet war da, zertreten für immerdar all' mein Hoffen, des Vaters Krone mir wieder zu erkämpfen, diese knechtischen Seelen zu entflammen. Ich eilte nun nach Deutschland, nach Würzburg zurück. In der entarteten Heimat Macht und Herrschaft zu gewinnen, – ich hatte es erfahren! – war unmöglich. Allein ich wußte längst, ich sah es täglich vor Augen an Köln, und Mainz, ja auch an Würzburg, wie im deutschen Reiche Männer von Geistesschärfe und Willenskraft – lange nicht soviel davon eignete ihnen wie dem Königssohne von Italien! – von ihren Bischofssitzen aus den Staat leiteten – den deutschen und den italischen dazu. König von Italien konnte ich nicht werden, aber Kanzler des deutschen Reichs wie der Kölner, – wie schon so mancher Bischof das ward. Und einstweilen war es auch nicht übel, als Bischof von Würzburg zu walten! Unablässig war ich daher bemüht, die Gerechtsame dieses Bischofs zu erweitern, durch erbetene Verleihungen des Königs, durch Geltendmachung alter, vergessener Ansprüche, die oft nur durch meine Gelehrsamkeit – oder ›Findigkeit!‹ – aus Urkunden, die ich erst wieder entdeckte, zu erweisen waren. Sie staunten über mich, die blöden Thoren, Bischof und Domherren! Sie lobten, sie lohnten meinen unermüdbaren Eifer für Sankt Burchhards Recht, wie sie es nannten. Diese deutschen Tölpel! Als ob ich mich für den ersten lange toten oder auch für den jetzigen lebendigen Bischof zu Würzburg also mühte! Nein: für den nächsten Bischof: und der sollte heißen: Berengar!«
»Ah, verstehe jetzt. Versteh! Nix dumm!« nickte der Fürst, kratzte sich eindringlich, – aber vergeblich am Kopf und trank.
»Drei Bischöfe – Poppo, Hugo und Bernward – hatte ich, höher und höher steigend in geistlichen Würden, erlebt. Nun hatte ich allen Grund, anzunehmen, – mein Amt als Archidiakon, als Apokrisiar, meine von allen laut anerkannten Verdienste um das Bistum gaben mir ein Recht dazu – bei der nächsten Erledigung des Stuhls könne keinen andern die Wahl treffen als mich. Ich zählte schon so fest darauf, daß ich – vielleicht unvorsichtig! aber wie hatte ich mich jahrzehntelang zusammengehalten! – den Stolz, das Gefühl des geborenen Herrschers, der Überlegenheit fühlen oder doch erraten, ahnen ließ – kurz, Bischof Bernward verfiel in seinen letzten Zeiten in Mißtrauen, wirkte bei dem Kaiser, bei den Domherren gegen mich und als er starb, der alte Rothenburger, da folgte ihm nicht ich, sondern sein Neffe Heinrich!« – »Ja, der Rothenburger,« knirschte Zwentibold und griff ans Schwert. »Der arge Wolf des Waldes fresse seine Seele! Was hat er uns früher viele Brüderlein erschlagen.« – »Dieser höchst ungeistliche Graf, der erst vor ein paar Jahren – plötzlich – der Welt entsagt hatte! Dieser Weltling schnappte mir mein schwer verdientes Bistum weg! Bei meines Vaters Grab! Er soll's nicht lang mehr tragen.«
Zwentibold lehnte sich zurück, blinzelte dem Priester zu und wölbte die dicken Lippen zu einem gelinden, aber ausdrucksvollen Pfeifen: »Ahi! Aho! Fange an zu begreifen!« – »Das geht – scheint's – langsam, Fürst, bei Berunzanen wie bei Deutschen. Meintet Ihr wirklich bisher, für eines andern Macht müht sich der Königssohn Italiens so emsig ab, feilscht um die Hilfe Eurer wilden Horde, begiebt sich in hohe Fährlichkeit? Denn Reichsverrat ist was wir treiben: – ich, mit Wollust, in klarem Bewußtsein: – der ehrenfeste Bischof unbewußt, aber doch mit mahnendem Gewissen. Das Leben kann mir's kosten: – im Gefecht oder – nach der Niederlage: – am Galgen. Denn Graf Gerwalt versteht keinen Scherz.« »Mich wundert doch,« sprach der Wende, kopfschüttelnd, »daß es der Rothenburger thut. Er focht so treu für dieses Reich.« – »Gerade so treu ficht er jetzt für seines Bistums Recht. Aber Ihr habt nicht Unrecht. Ich hätte ihn nicht soweit getrieben ohne einen glücklichen Zufall. Der Graf, dem er den Gau zunächst abkämpfen muß, dieser Graf Gerwalt, – er haßt ihn tödlich.« – »Warum?« – »Weiß nicht. Man flüstert in der Stadt, der Graf habe ihn ausgestochen in der Gunst der schönen Kaiserwitwe. Ich entdeckte diesen Haß, als – erst ganz vor kurzem – Gerwalt, bisher Graf des Deutzgaues gegenüber Köln, den Waldsassengau mit Würzburg erhielt. Der Rothenburger wurde glutrot vor Zorn bei der Nachricht. Erst seit es gegen Gerwalt fechten heißt, will er – im Notfall – fechten. Im Notfall! wie er meint: denn erst will er den Spruch des Reichstags abwarten: – nur falls dieser sein sonnenklares Recht nicht anerkennt …« »Kann nix solang warten,« grollte der Slave. »Gewiß nicht! Deshalb hab' ich, statt Euch erst Wartegeld zu zahlen, gleich fest mit Euch abgeschlossen. Wann brecht Ihr auf?«
»Sobald mein frischer Zuzug eingetroffen aus Tethin: zweihundert Lanzen!« – »Gut! Seid Ihr einmal – in seinem Namen – eingebrochen in den Gau, kann er nicht mehr zurück. Er darf nicht mehr Zeit haben, zu bereuen. Deshalb wollen wir auch gleich wegziehen von hier und unsere Spur verbergen, damit mich seine etwaigen Boten nicht finden und abrufen können. Denn es gelang mir doch nur dadurch ihn fortzureißen, daß ich dem verhaßten Grafen Droh- und Hohnworte in den Mund legte, die dieser nie gesprochen! Ich erfand sie – jenem Gerücht angepaßt! Das half! Wie der Stier aufs rote Tuch stürmte der plumpe Deutsche darauf hin los. Aber nun merkt auf. Jetzt kommt die Hauptsache. Der Rothenburger –« er stand auf, trat vor die halb offene Thür in das Freie und überzeugte sich, daß dort niemand das Ohr an die dünne Bretterwand lehnte. Dann kam er zurück, warf einen Blick in die anstoßende Küche, sah, daß diese völlig leer war, trat nun dicht an seinen Verbündeten heran und flüsterte diesem in das Ohr: »der Bischof darf seinen Sieg nicht überleben.« »Aha,« nickte der Slave. »Meint Ihr, ich will noch jahrelang in seinem Dienst, als sein Knecht, zusehen, wie er mit den von Kaiser Karl verliehenen Rechten den Gau beherrscht, den er mir verdankt? O nein! Ohne Zweifel werde ich zu seinem Nachfolger gewählt: – er selbst hat im voraus, falls er stürbe, die Stimmen des Kapitels für mich gewonnen: – so möge denn sein eigener Wunsch geschehen: – aber bald.« – »Jedoch wie soll …?« – »Merkt auf! Er wird nicht fehlen in dem Gefecht! Er läßt sich's nicht nehmen, selbst den Überfall der Burg – denn die vor allem müssen wir nehmen! – zu leiten.« – »Ich führe meine Wölflein selbst,« erwiderte der Häuptling schroff. »Und nicht schlecht, glaubt mir. Hab' was gelernt im Dienst der Byzantiner! Nix so tölpelig bloß dreinschlagen wie diese Deutschen!«
»Schon gut. Aber der Rothenburger kämpft jedenfalls mit. Nun wohl! Nach dem Sieg – den soll er uns noch erkämpfen helfen! – fliegt nicht ein Pfeil oft irr im Gefecht? Auf der Verfolgung der Fliehenden? Kann ihn nicht ein Geschoß – falsch gezielt – von Euren eigenen Leuten treffen?« Zwentibold sprang auf: »Oder ein geworfenes Messer! Sind vergiftet. Ein Hautritz – muß sterben. Fehle nie meinen Mann. Es gilt! Aber dann …« – »Das Doppelte!« – »Nix genug.« – »Wie, Unersättlicher? Ich bringe – auch als Bischof – nicht mehr auf.« – »Nix mehr an Geld. Erst das Doppelte. Dann – andres. Ist wilder, lustiger! Vorerst: meine Wölflein müßt Ihr auch in die Thore hinein lassen.« – »Er will's zwar nicht. Aber der Überfall der Burg – der Kriegsmann in ihm wird's einsehen – gelingt am sichersten so. Ihr sollt hinein!« – »Hui wohl! Dann – liegt er erst tot – nix zahm die Hand hinhalten, wie Bettler um Geschenklein – dann –« Die Augen des Slaven funkelten, wie die des Raubtieres, das zum Sprunge niederduckt. »Nun, was dann?« »Plündern!« stieß Zwentibold hervor mit schnalzender Zunge. »Nur zwölf Stunden! Mit Brand und Blut und – nix zu vergessen! – die Weiblein küssen, – ohne kirchlichen Segen. Ihr wißt, wir brauchen den nix,« höhnte er, »sind nix getauft!« – »Das muß ich doch …« – »Erst überlegen? Nix! Herr Bischof Berengar muß!« Seine Faust fuhr an den Schwertgriff. »Oho! Es giebt der Söldner noch mehr.« »Wohl«, lachte der Häuptling, daß seine weißen Zähne blitzten. »Aber Zwentibold, Spithinieffs Sohn, kennt jetzt des Herrn Archidiakons Geheimnisse.« »Was wollt Ihr damit sagen?« fragte der Lombarde, scheinbar ruhig, aber er ward ganz bleich unter seiner gelben Haut.
»Ihr seid nix so dumm, das nicht zu erraten! Entweder Ihr thut nach meinem Willen oder ich fange an, Geschichtlein zu erzählen. Dankbare Hörer, gut zahlende, werd' ich finden: den Herrn Kaiser, den Grafen Gerwalt und – nicht zum mindesten – den Bischof Heinrich.« Er sprang auf. Berengar that desgleichen und reichte ihm die Hand. »Es sei! Ich gönn' es diesen Deutschen!«