Drum leid' ich von den Heiden Spott.
Jedoch aus Spott und Herzeleid
Löst mich der Herr zu rechter Zeit.
Ich bau auf dich, Herr Zebaoth,
Mein Gott ist stark, mein Gott ist groß
Und süß ruht sich's in Abrams Schos.«
X.
Die Sonne dieses Tages neigte sich zur Rüste, die Wipfel der Buchen des Königswaldes wunderschön vergoldend.
In tiefster Erregung durchschritt der Bischof nach Erledigung aller geistlichen und weltlichen Geschäfte – auch in den Nächten hatte er zuletzt nicht mehr geschlafen – lange den geräumigen Büchersaal.
Ein blaues Wölklein von gar süßem Geruch schwebte kreiselnd durch den Saal und verzog sich langsam durch das offene Fenster: neben dem mit Urkunden hoch bedeckten Schreibtisch ruhte auf hohem Erzgestell ein zierlich gearbeitetes Kohlenbecken, in welchem auf rotglühenden Kohlen Weihrauch glimmte: der Bischof hatte befohlen, denselben für den Abendgottesdienst bereit zu stellen.
Oft und oft ließ er im Wandeln den Blick durch das Fenster auf den freien Platz, auf den Strom, die Brücke, die ragende Feste und die Hügelkette im Westen schweifen.
»Wie schön war sie doch, diese Welt, welche morgen in Flammen aufgeht!« Er seufzte tief: dann schloß er fromm: »aber nicht mein Wille, – dein Wille, o Herr, geschehe!« –
Supfo trat ein, offenbar, jemand zu melden.
Rasch schritt Herr Heinrich auf ihn zu: »Berengar, – nicht wahr?« Der Alte schüttelte schweigend den Kopf. »Oder doch Nachricht von ihm? Auch nicht! Einer meiner Boten – es ist der vierte, den ich nach ihm ausgesandt …?« – »Ritt eben ein; aber er hat Berengar sowenig gefunden, wie seine drei Vorgänger. Kein Mensch weiß, wohin die Söldner, in deren Lager er gesucht werden sollte, sich gewandt haben.« »Es ist auch gleichgültig,« sprach der Bischof vor sich hin. »Ich wollte nur, er sollte wissen, daß mich der ganze Plan … Was willst du aber, Supfo? Du blickst so ernst – wie ich es kaum je an dir gesehen. Fängst du doch endlich auch an, des Gerichtes zu gedenken? Es ist wahrlich an der Zeit.« Aber Supfo schüttelte noch stärker als zuvor das Haupt und sprach: »Ich melde Besuch, Herr Hezilo.«
»Habe jetzt nicht Zeit für Besuch und Unterhaltung.« – »Wird nicht sehr unterhaltend werden, rat' ich.« – »Wer ist's?« – »Eine Frau. Bittet um eine Unterredung.« – »Nein doch. Soll anderwärts Unterredung suchen. Oder vielmehr, sie soll gar nicht Unterredung suchen, sondern nachdenken über das nahende Ende.« – »Gerade darüber will sie mit Euch reden.« – »Ah, sich trösten lassen? Soll nachher in die Abendpredigt kommen. Oder in die Mitternachtsmesse, wie die andern auch. Soll sich geistlich vorbereiten.«
»Das eben will sie. Ihr müßt sie hören, diese Frau: sie will Euch beichten.« – »Beichten! Dann freilich! Führe sie herein! – Kennst du sie?« Der Alte hatte die Frage wohl nicht verstanden; gar eilig war er hinausgehumpelt. Noch einen friedlosen Gang durch das Gemach: »Beichte hören! Andrer Sünden würdigen … im Namen des Heilands den Reuigen, den Büßenden vergeben! Und ich? Ich selbst! Wer verzeiht mir im Namen des Heilands meine Erinnerungen, – die ich nie gebeichtet, weil ich sie nicht für Sünde hielt, und die mich auch jetzt noch nicht loslassen? Wer verzeiht mir die unbereute …?«
Er brach ab, – mitten im Schritt – mitten im Wort.
Er erschrak: er schlug hastig ein Kreuz: denn er glaubte, sie zu erkennen, die Frauengestalt, die ganz geräuschlos über die Schwelle geglitten war, hart an der Thüre stehen blieb und nun den langfaltigen dunklen Schleier zurückschlug. »Hilf, Sankt Kilian!« flüsterte er, während ihm das Blut heiß vom Herzen in die Wangen schoß. »Es ist ein Blendwerk des Versuchers. Ach, gut kennt er die Schwäche meines …« – Lauter sprach er nun: »Es ist ja nicht möglich!« – »Doch. Es ist. Ich bin Heilfriede.« Unsagbarer Wohllaut klang aus dieser sanften, lieblichen Stimme, die wie aus dem Mund einer Verklärten zu tönen schien. Etwas Verschleiertes, Verhülltes, wie ein stets im Verborgenen gehütetes Heiligtum lag in der Stimme. Und verschleiert auch war der Blick dieser sanften, lieblichen Augen von mattem Blau unter langen, langen blonden Wimpern: nicht traurig war der Blick, aber so friedlich, so wehmutvoll befriedet, so weltentrückt!
In das lichtblonde, leicht gewellte Haar hatte das häufige Silberweiß nicht das Alter gestreut: die zarte Frau hatte offenbar das vierzigste Jahr noch nicht erreicht: diese blassen, weich gerundeten Wangen waren so jugendlich: nur gar so bleich, so farblos, so nonnenhaft! Der Zug der Augenbrauen war kaum sichtbar angedeutet durch einen Halbkreis von Blond: aber die sanfte Weichheit dieses Antlitzes ward auch von dem bloßen Anschein der Schwäche weit ferngehalten durch den Ausdruck des kleinen, fein geschnittenen, aber festgeschlossenen Mundes, der Willenskraft und lang geübte Willensmeisterung bekundete. Wie sie so dastand, die schmächtige, nur mittelgroße, zarte Gestalt in dem grauschwarzen Schleier, im dunkelveilchenfarbenen Mantel, der das Untergewand völlig verhüllte, glich sie einem stummen, wunderschönen, seelenbeschwichtenden Heiligenbilde. – – –
Herr Heinrich war regungslos stehen geblieben, weit von ihr: er lag völlig unter dem Banne des von ihr ausstrahlenden Zaubers, dieser rührenden Sanftmut, dieser stillen Ergebung, dieser heilig verklärten Anmut. Lange, lange schauten sich die beiden sprachlos an: sie fanden keine Worte: vor tiefem stillem Weh oder war's vor geheimer Wonne?
XI.
Endlich that Herr Heinrich, fortgerissen von der Gewalt des Gefühls, einen raschen Schritt ihr entgegen: er hatte ihr die ausgestreckte Hand hinreichen wollen. Allein mitten in der Bewegung hielt er inne: er ließ den rechten Arm schlaff herabfallen. »Frau Gräfin …!« brachte er nun leise hervor, kalt, beinahe feindlich. Grimm und Erbitterung malten sich auf seinen durchgeisteten, von Schmerz durchzuckten Zügen: er furchte finster die gewaltige Stirne.
Jedoch wie er nun in die sanften Augen der stillen blassen Frau einen feuchten Schimmer treten sah, der sie noch schöner und noch viel rührender machte, – da versagte ihm die Kraft, zu zürnen und in ganz anderem Tone fuhr er traurig, tief aufseufzend, fort: »Ach wie lang ist's her, daß wir uns nicht gesehen!« – »Fünfzehn Jahre.« – »Das ist lang.« – »Ja. Denn es ist das ganze Leben.« Gegen den Ton dieser Stimme – Herrn Heinrichs Jugend klang daraus hervor! – gab es nicht Trotz, nicht Groll, nicht Widerstreben. Er wies mit der Hand auf den erhöhten Platz an der Wand unter dem dunkelroten Baldachin. Aber die Frau blieb an der Thüre stehen; sie sprach nicht. So mußte er aufs neue beginnen. Und das war so schwer! – Milder hob er an: »Was …? Was führt Euch zu Heinrich von Rothenburg?« Da richtete sie die Augen fest auf ihn und sprach mit Nachdruck: »Zu dem Bischof sendet mich mein Gemahl.« Jäh fuhr Herr Heinrich zurück: »Ah so! – Freilich! Ich hätte mir es denken können!« schloß er herb.
»Gewiß! Ihr konntet nicht annehmen, ich suche Euch gegen, ohne meines Gatten Willen.« – »Es hieß … man ließ mir sagen … Ihr wolltet beichten?« – »Ich will beichten. Euch will ich, muß ich beichten, keinem andern. Das sagte ich meinem Mann; und dazu schickt er mich.« Der Bischof war aufs höchste überrascht: aber er wollte es um keinen Preis verraten; kühl erwiderte er, leicht die Achsel zuckend: »Seine Pflicht! – Christenpflicht!« – »Mich zu Euch als Beichtiger ziehen zu lassen, zu schicken? – Nein, das verlangte keine Pflicht von ihm.« Herr Heinrich entgegnete nicht. Er strich nur einmal langsam mit der umgewandten linken Hand über die stolze Braue: »So beginnet,« sprach er tonlos.
»Ich beginne damit, zu gestehen, daß ich mir gerade Euch als Beichtiger ausgesucht habe nicht nur meinetwillen, auch – ja mehr noch! – um Euretwillen. – Nein: die ganze Wahrheit muß gesagt sein: nur um Euretwillen habe ich Euch zum Beichtiger ausgewählt und von meinem Mann erbeten.«
Jetzt konnte Herr Heinrich sein Erstaunen nicht mehr verbergen: »Und auch das … das habt Ihr ihm gesagt?« – »Gewiß.« – »Und er hat …?« – »Er hat erwidert: ›Ja. Geh zu ihm. Sag' ihm alles. Alles, was du soeben mir gesagt. Wenn etwas auf Erden ihm wohlthun kann und seine Seele retten …‹« »Graf Gerwalt soll für seine Seele sorgen!« donnerte der Bischof sehr zornig. Aber ruhig schloß sie: »›… so wird es das sein.‹ Also sprach mein Mann.« – »Ich will nicht hören, was mir Graf Gerwalt sagen läßt – durch Euch.« – Trotzig schritt er durch den Saal. Geduldig wandte die Frau das schmale Gesicht so, daß sie ihm überall hin folgen konnte mit den Augen. –
»Nicht Er,« sprach sie ganz sanft, »meine Seele spricht – unter seiner Verstattung – zu Euch. Bald stehen wir – wie alle – vor dem Richterstuhl des Herrn. Ihr glaubt doch zweifelfrei daran? Sagt mir das offen, bevor ich weiterrede. Euch glaub' ich unbedingt darin, wie – wie in allen Stücken. Nur weil übermorgen doch alles klar und offen wird zwischen Eurer Seele und der meinen – nur deshalb« … hier überflog die bleichen Wangen ein leiser Hauch von zartem Rot – »konnte ich mich soweit überwinden. Stehen wir übermorgen vor Gott? Sprecht: Ja oder Nein? Wenn Nein, bleibt meine Beichte ungebeichtet.« – »Ja. Habt Ihr nicht all meine Vorbereitungen in der Stadt gesehen?« – »Ich treffe soeben erst ein. – O Gott sei Dank für dieses: Ja!« Sie faltete die Hände und sah nach oben.
»Ein betender Engel!« mußte der Bischof denken. »Aber welche Freude in diesen Zügen? – Ihr – ersehnt, so scheint's, den Tod?« – »Von ganzer Seele!« – »Lange schon?« – »Seit … seit vielen Jahren.« – »Und die drohenden Schrecken des Weltbrands?« – »Ich fürchte sie nicht. Ich segne sie. Sie allein haben mir diese Stunde gebracht. Das Wort der Erlösung – ach! nicht nur für mich – so selbstisch bin ich nicht! – für Euch – – von bittrem Leid.«
Vornehm richtete er sich auf zu seiner ganzen Höhe: »Wer sagt Euch,« fragte er stolz, »daß ich leide oder litt?« Sie wollte ein rasches Wort erwidern: aber sie erschrak über ihr eigenes Wort, faßte sich und verbesserte sanft: »Oder doch von bittrem Groll. Leugnet Ihr auch den?« »Nein, das wäre gelogen!« lachte er grimmig. »Bin kein Erzengel, nur ein Mensch, ein Mann. Und bin's geblieben, auch als ich Priester und Bischof ward.« – »Nun seht, Herr Bischof, daß Ihr nicht mit der schweren Todsünde dieses Hasses, dieses unversöhnten Grolles auf der Seele vor den allwissenden Richter tretet, deshalb, o glaubt es mir, Herr Bischof Heinrich, – nur deshalb steh ich hier: hört es: nur Eure Seele zu retten.«
Er schüttelte finster den Kopf: »Das ist keine Beichte. Habt Ihr keine Schuld auf der Seele?«
Aber ohne auf die Frage zu achten, fuhr die Frau in wachsendem Eifer fort: »Diese Sorge, diese Angst um Euch hat mich ergriffen von dem Tag an, da ich das nahende Ende erfuhr: diese Qual um Euer ewig Heil hat mich rastlos umgetrieben Nacht und Tag. Sie hat mich – ich bin sonst scheu, wie Ihr vielleicht noch wißt, Herr Heinrich! – fortgetragen über alle Bedenken – hierher zu Euch getragen – wie auf Flügeln: die Sorge, die heiße … Sorge um Euch. Beichten konnte ich, nachdem ich meinem Manne gebeichtet – das war nicht leicht! – jedem Priester. Aber diese Beichte, die ich Euch anvertraue – o Gott! – sie soll ja nicht, wie Beichte sonst, der Beichtenden Seele retten, – sondern die Eure! Euch retten und erlösen – bevor der Richter richtet! – von dem dumpfen Haß und bitteren Groll gegen meinen Mann und – ach! – gegen mich!« Rasch machte sie einige Schritte – dann sank sie unter Thränen auf den vorher abgelehnten Sitz.
Auch er war tief, mächtig bewegt: die edle Empfindung dieser reinen Frauenseele hatte ihn erschüttert. Er trat dicht vor sie hin, schaute scharf auf sie herab und hielt seine beiden zuckenden Hände fest ineinander geschlossen: »Graf Gerwalt zu hassen, ihm zu grollen, – prüf' ich mich – als Christ – im Angesicht des nahen Todes – dazu hab' ich kein Recht. Wir streiten uns um Zoll und Brückengeld, – um Grafenbann und Bischofsrecht: – wir sind beide aus recht hartem Holz – da setzt es denn harte Stöße. Aber deshalb Haß und Groll? Nein! Er glaubt im Recht zu sein, wie ich. – Und … das andre? Das vor fünfzehn Jahren …?«
Sie seufzte und zog den Schleier vor die Augen.
»Beim Donnerstrahl, ich kann's ihm nicht verdenken! Nicht Freunde waren wir: – nur Waffengenossen, Jagdgefährten, Bechergesellen – oder Nebenbuhler um Ruhm und Glanz und Lebensfreude. Daß er die schönste Jungfrau liebte, die wir – beide – jenseit und diesseit der Alpen – gesehen, daran that er recht. Und daß er ihre Hand nahm, als sie ihn vorzog, daran that er wahrlich nicht unrecht. Also – will ich – nur als Mann, gar nicht als Priester – fragen – also warum Haß und Groll gegen – ihn?« – »Aber gegen mich, nicht wahr?« Das brach aus ihrer Brust wie aus dem Felsen der Quell, wie aus dem Vulkan das Feuer – weil sie müssen.
»Ah!« Und mit herzzerreißendem Klageton schlug sie die Stirn gegen die Holzwand und bedeckte den Kopf mit den beiden durchsichtigen Händen.
XII.
Aber diesmal erweichte sie ihn nicht, die rührende Stimme, den grimmen, seit langen Jahren verhärteten Groll des Mannes. Einen Augenblick noch blieb er vor ihr stehen mit festverschlungenen Händen: dann wandte er sich jäh von ihr ab und stürmte in raschen Schritten – in abgebrochenen Sätzen redend – den Saal auf und nieder. »Kann es anders sein? – Bedenkt doch! – Ihr habt es wohl all vergessen – in diesen langen Jahren – an der Seite des schönen Gemahls? Ich nicht! Ich war nicht – abgezogen durch neues Liebesglück! – Merkt auf, ob ich's noch weiß. Und straft mich Lügen – gleich! – thu' ich Euch unrecht – nur mit Einem Wort. – –
Jahrelang kannten wir uns – am Hofe der Regentin … Ihr stets in der hohen Frau Geleit: – auch ich nur selten fern von ihr. Denn sie hielt viel auf Euch. Und auch – ein wenig – auf mich. Seit ich zuerst Euer Antlitz geschaut … – Genug! – Ihr merktet es bald – leugnet es nicht! – mußtet es merken! Und nach vielen Monden treuen Werbens – durft' ich annehmen – durft' ich wenigstens hoffen: … Frau Gräfin: sagt es offen, wenn es Einbildung eines eitlen jungen Thoren war. Durfte ich nicht hoffen – ich sei Euch nicht ganz … o wie sag' ich nur?«
Er stand jetzt wieder dicht vor ihr.
Da löste sie langsam die langen, schmalen Hände von dem Gesicht, wandte ihm voll das blasse Antlitz zu, schlug die Augen groß auf und sprach mit traurigem Blick: »Ja. Ihr durftet annehmen, ich liebe Euch. Denn es war die Wahrheit. Und ich konnte – Ja: mehr! Ich wollte es auch nicht – weiter verbergen.«
»Hei! Das gesteht Ihr also zu? Und doch, und doch, Verräterin, verraten und verlassen!«
»O Herr Heinrich …!« – »Nun, beim Zorne Gottes, der uns morgen richtet! Ist das nicht Verrat? Ihr liebtet mich, sagt Ihr? Seltsame Liebe! Sechs Wochen aus den Augen – für immer aus dem Sinn!« – »Herr Heinrich – war das Heilfriedens Art?« – »Nein! Freilich nicht! Gewiß nicht! Ich hätte geeidet als Euer Eidhelfer und Euer Kämpfer – allein! – gegen eine Welt von Speeren: – ›Kein steter, kein verlässiger Herz hat je in Weibesbrust geschlagen.‹ Daher ja die Verzweiflung! Es war nicht nur der Schmerz um Euch: – nicht nur Euch, den Glauben an die ganze Menschheit hab' ich ja verloren. War mir doch bei der Kunde, als fielen alle Sterne vom Himmel: Dieses herrliche Geschöpf – dieses! – verhehlt mir nicht mehr ihre Liebe. Das war zu Ostern. Ich ziehe aus in der Regentin Dienst wider die Wenden. Ich wußte, kehrte ich siegreich zurück an den Hof nach Regensburg, – die Herzogswürde war mir zugedacht. Als Herzog wollt' ich um die Hand Heilfriedens werben. Zu Pfingsten bin ich, sieggekrönt, zurück und sie – – ist fort und des Grafen Gerwalt Weib. O pfui! Wie grenzenlos abscheulich!« Und er stürmte wieder durch den Saal.
Matt sprach sie, kaum vernehmbar: »Ja. Fort war sie. – Und war des Grafen Gerwalt Weib. – Wißt Ihr auch, warum?« »Tod und Verderben!« fuhr er auf. »Welcher Hohn! Weil sie jetzt – war er doch auch jünger und schöner! – auf einmal den Grafen Gerwalt liebte!« Und er blieb wieder hart vor ihr stehen und schoß flammende Blitze auf sie herab. »Nein,« sagte sie ruhig und sah ihm voll und fest in die zornigen Augen. »Weil Kaiserin Theophano befahl.«
Er taumelte zurück. »Wie? Was? … Und darum?«
»O Herr Heinrich,« begann sie liebreich-sanft und beinah heiter in allem Weh. »Nein, Ihr seid wahrlich nie ein eitler Mann gewesen, der sich die Gunst der Frauen eingebildet hätte. Ihr sahet sie ja nicht an vielen von uns, als sie mit Händen zu greifen war. Und nun vollends Sie! Ihr allein merktet nicht, was der ganze Hof wußte.« – »Aber was denn? Was?« – »Die Kaiserwitwe Theophano – die wunderschöne Griechin – verwitwet im sechsundzwanzigsten Jahre – die herrliche, glühende Frau – sie hat Euch geliebt aus aller Macht ihres Wesens.«
»Die Kaiserin? Unmöglich!«
»Und die schöne, stolze, heiße Frau in ihren blauschwarzen diademgleichen Flechten,« fuhr sie ruhig fort, »sie entdeckte, der Graf von Rothenburg, der von so vielen geliebte Held, zeichne vor allen Frauen und Jungfrauen des Hofes aus das schlichte blonde, arme Edelfräulein von der Heide, aus dem Lande der Westfalen. Sie konnt' es nicht begreifen. Sie hatte recht: denn ich begriff auch nicht, warum? Und deshalb – so dachte sie wohl – achtet er gar der Frau Kaiserin nicht und sieht nicht ihre brennende Liebe. Sie war meine Wohlthäterin, die Erzieherin meiner verwaisten Jugend. Sie ließ mich kommen, sie öffnete mir ihr Herz. ›Du mußt ihm aus den Augen,‹ sprach sie, ›blondes Kind. Du mußt ihm unerreichbar werden. Dann – ist er mein. Du wirst nicht so selbstisch sein, ihm den Weg an meiner Seite – den sichern Weg zu höchstem Erdenglanz und Ruhm – zu versperren. Aber auch du sollst nicht leiden. Behüte! Graf Gerwalt liebt dich, ich weiß es. Er ist ein schöner wackrer Mann, ein Held wie jener. Du wirst sein glücklich Weib. Heinrich aber – er wird wozu ihn Gott vorausbestimmt hat durch hohe Gaben –: Regent des deutschen und italischen Reiches und mein Gemahl.‹ Sie befahl. Ich gehorchte. Durft' ich, – ich armes Ding! – dem Aufflug des Adlers zur Sonne im Wege sein?« »Um Gottes willen!« schrie der Gequälte auf. »Geopfert um meinetwillen?« Und er warf sich leidenschaftlich vor ihr nieder auf die Kniee.
Sofort sprang sie auf.
Weit trat sie weg von ihm zur Thüre.
»Steht auf, Herr Bischof! Sofort: oder ich verlass' Euch.«
XIII.
Er stand schon wieder.
Hochaufgerichtet stand er, die geballte rechte Faust auf die Tischplatte gestemmt, die flache Linke auf das wild pochende Herz gedrückt, glühendes Rot im Gesicht.
»Verzeiht, Frau Gräfin … – nein: Heilfriede, vergieb, daß ich auf die Kniee sank! Ich bin's so sehr gewöhnt, vor Heiligen zu knieen. Und du – du bist eine Heilige! – Und ich blinder, wildherziger Mann habe dich all diese Jahre … gehaßt? O nein! Ich konnte nicht! Aber verachten wollt' ich dich und deine Treulosigkeit. ›Die schöne Verräterin‹ nannte ich dich so gern in meinen schlummerlosen Nächten. Ach der Spruch:
Schmerzt wie verratne Liebe thut,‹ –
er war zu meinem Nachtgebet geworden. O dich verachten – diese Wollust that so bitter weh! Vergieb mir, Heilfriede! Kannst du mir vergeben?«
Sie trat nun langsam von der Thüre wieder in die Mitte der Halle zurück. »Ich hab' mir's wohl gedacht,« erwiderte sie traurig. »Ihr kanntet mich doch nicht genug, an mich zu glauben auch gegen den Anschein. Ich, Herr Heinrich, würde nie so an Euch gezweifelt haben.« – »O sprich, daß du mir verzeihst!« Sie lächelte wehmütig: – es ließ ihr unendlich schön. »Stände ich hier, wenn ich Euch nicht vergäbe?« – »Dank!« – »Ist doch kaum etwas zu vergeben! Daß ein ungestümer Mann, gekränkt in seinem Stolz von einem Weibe, das ihn aufgab, diesem nicht gute Beweggründe beilegt, sondern Schwäche in seinen vorwurfsvollen Gedanken, – das ist wohl so der Lauf der Welt. Aber Ihr ahnt nicht, was ich empfand, als mich, statt der Nachricht Euerer Verlobung mit der Regentin, wie ein Donnerschlag die Kunde traf am fernen Rhein: ›Graf Heinrich von Rothenburg hat der Welt entsagt.‹ Er!« Hier leuchteten die sonst so mattblickenden blauen Augen zum erstenmal auf in freudigem Stolz. »Der allerersten Helden des Reiches einer – mir – so lange Zeit! – der Erste! Er nahm die Weihen! Ward Priester! Umsonst, umsonst – so sagt' ich mir – habe ich mein Herz verleugnet, mein Leben geopfert, ihr und ihm. Weder die Herrin, vor der ich aus Dankbarkeit zurückstand, noch Er, dem ich den Weg zu kaiserlichem Glanze bahnen wollte, hat Vorteil davon! – Ach, in jenen Nächten ist mein Haar ergraut. Und ich sagte mir doch auch, welches Weh allein es sein konnte, das den heldenhaften Mann dahin getrieben, das siegvertraute, das geliebte Schwert sich abzugürten.« – »Ja, Heilfriede, auch das that weh.« »O so vergebt Ihr mir!« rief sie nun in überraschendem Ausbruch des Gefühls, »daß ich Euere Liebe nicht als so stark erkannt, wie sie es war. Aber seht: darum ließ mir die Sorge um Eure Seele keine Ruhe! Sollten wir vor Gott treten – Ihr belastet mit diesem sündhaften, grundlosen Hasse gegen mich und ich ohne Eure Verzeihung, daß ich Eure Liebe unterschätzt? Alles, alles sagte ich meinem wackren Mann in diesen Tagen auf unserer Rückreise aus Welschland: alles! Und er ließ, ja er hieß mich dennoch zu Euch eilen.«
»Ich dank' ihm! Sagt ihm das!« In rascher Aufwallung des Edelgefühls kam das hervorgesprudelt. Zögernd fügte nun der jahrelang genährte Groll hinzu: »Das heißt: wenn ein Dankeswort von mir bei Graf Gerwalt gute Stätte findet.«
»O Herr Heinrich! Ihr habt ihm noch viel, viel mehr zu danken!«– »Hei ja, gar manchen Span, Streit und Verdruß! Ein Glück, daß er, seit er diesen Gau erhalten, immer jenseit der Alpen weilte. Saß er da oben auf dem Marienberg und ich hier – es wäre wohl Blut geflossen. So hab' ich mich nur mit seinen Amtleuten herumzuzanken gehabt. Wo ist er? Wann folgt er Euch nach?« – »Heute Nacht oder morgen in aller Frühe. Er hat noch in seinem andern, im Rangau Geschäfte.«
»Auch über diesen,« schalt der Bischof, »gab es immer Zank und Hader!« – »Gerade deshalb hat er …! Aber nein! Ihr würdet mir nicht glauben. Und bevor der Erfolg eintreten kann, stehen wir alle drei vor Gott. Dort – auf Wiedersehen, Herr Heinrich!« – »Heilfriede! Wohin?« – »Nach Haus' – in die Burg – so gebot mein Gemahl – ihn dort zu erwarten.« – »Gut! Gehorcht ihm. Aber noch eine Bitte – die letzte im Leben.« – »Sprecht!« – »Wann nun die letzten Dinge hereinbrechen – wann die Posaunen erdröhnen der Engel des Gerichts – dann, Heilfriede, laß uns die Ankunft des Herrn gemeinsam erwarten. Im Dom, am Hauptaltar, im Schutz aller heiligen Reliquien, versammle ich, lang vor Mitternacht, die Gemeinde um mich – so viel der Gläubigen die Kirche fassen mag. – O Heilfriede, in solch schirmender Umgebung, an solch heiliger Stätte erwarte auch du das Ende. Steige rechtzeitig herab von der Burg und –«
»Mein Gemahl ist bis dahin sicher hier. Gern wird er mit mir Euren frommen Vorschlag annehmen. Versöhnt, befriedet, vereint, Hand in Hand wollen wir dann alle drei das Ende erwarten … – Und nun noch« – ihre Stimme zitterte – »Euren Segen, Herr Bischof!« Und sie beugte demütig vor ihm das bleiche Gesicht.
Er aber winkte ihr abwehrend mit der Hand. »Wer bin ich, daß ich dich segne? Der Sünder die Heilige! Dich hat der Herr gesegnet aus der Maßen. Selig sind, die reinen Herzens sind, denn ihrer … ach, dein, Heilfriede, ist das Himmelreich!«
Und der starke Mann brach laut aufschluchzend zusammen über dem Tisch. »Leb wohl! Auf Wiedersehen am Ende, Hezilo!« hauchte sie. »Heilfriede! Deine Hand! Nur deine Hand –« Er sprang stürmisch auf.
Sie war verschwunden. Wieder lehnte er sich vorgebeugt, seiner selbst kaum mehr bewußt auf den Schreibtisch.
Dabei streifte sein langfaltiger Ärmel eines der Pergamente, es glitt herab von der Tischplatte und fiel gerade auf das offene Becken der glühenden Kohlen.
Hastig raffte er es auf, schon war es leicht angebrannt.
»Kaiser Karls Verleihung!« rief er erschrocken. »Beinahe …! Nun, und wenn sie verbrannte?« lächelte er. »Wie thöricht doch die Gewohnheit macht! Übermorgen verbrennt sie ja doch! Mit allem was sie mir – dem Bistum – schenkte. O du unselig Pergament! Durch deine zierlichen Buchstaben hat mich der Welsche bezaubert, durch dich hat er mich immer wieder angetrieben, wann ich nachgeben wollte. Zwar für Sankt Burchhards Recht … ach nein, nein, es ist ja all nicht wahr!
Heinrich, gesteh' dir's doch endlich – an diesem Tage – selber ein, dir und dem Allwissenden, den du ja doch nicht täuschen kannst, wie du dich selbst so lange, so gern getäuscht hast. Die Lust, Land und Leute zu beherrschen, gegen ihren Gatten – lauter Sünde hat dich dabei getrieben! Unheilsurkunde! Hätt' ich dich doch nie entdeckt! Wärst du doch verbrannt mit allen andern damals vor vielen Jahren! Oder jetzt verbrannt – in diesen Kohlen, – eh' ich dich nochmal sehen mußte!
Dämonisches Geschreibsel!« Zornig zerknitterte er es in der Rechten. »Wieviel Sünde hast du in mir angerichtet! Ich hasse dich, ich verfluche dich – nicht erst übermorgen – gleich sollst du verbrennen! Durch meinen Willen! Durch meine Hand! Und so wie ich dich zerstöre, so thu' ich von mir – zu Ehren jener bleichen Heiligen – allen Haß gegen Gerwalt und jedes – jedes! – sündige Verlangen!«
Und in fiebernder Erregung, seiner Sinne nicht mehr mächtig, riß er das zähe Pergament mit den beiden starken Händen mitten durch und warf die beiden länglichen Streifen in die glühenden Kohlen.
Hoch loderte sofort die helle Flamme auf. Mit seltsamer Lust sah er das noch: dann stürzte er besinnungslos, ohnmächtig auf den Estrich nieder.
So fand ihn Supfo, der den schweren Fall gehört hatte und besorgt herbeieilte.